Es muß nicht immer Frisches sein, manchmal kann man sich gezwungenermaßen mit Konserven begnügen. Wem es bei Oper nicht primär um das akustische Live-Erlebnis geht, der kann sich eventuell mit Internet-Übertragungen anfreunden. Mit vielen (vorübergehend) kostenlosen Streaming-Angeboten trotzen manche Kultureinrichtungen dem Corona-Virus. Anbei eine kleine Liste zum Stöbern und gegen das Absacken des Kulturkapitals:
Seit 1988 bin ich steter Besucher des Badischen Staatstheaters. Bei vielen Opern-, Theater-, Konzert- und Ballettvorstellungen im Jahr und Besuchen in anderen Städten verliert man schon mal den Überblick. Dieser Tagebuch-Blog dient mir seit der Spielzeit 2011/12 als elektronische Erinnerung. Bitte beachten Sie meine Intention: ich bin kein Journalist oder Kritiker, sondern schreibe hier lediglich persönliche Eindrücke, private Ansichten und Vermutungen für mich und Angehörige nieder.
Montag, 23. März 2020
Mittwoch, 11. März 2020
Corona-Pause am Badischen Staatstheater
Das Badische Staatstheaters stellt vom 11.03. bis 18.04.20 den Spielbetrieb an allen Spielstätten und Veranstaltungsorten des Theaters ein. Die Damen und Herren des Kartenservice sind weiterhin fleißig und werden alle Eintritts- und Abokarten für abgesagte Vorstellungen automatisch stornieren und in Gutscheine umwandeln.
Manche Vorstellungen könnten ersatzlos entfallen, bspw. das 6. Symphoniekonzert am 05./06.04., für Premieren müssen neue Termine angesetzt werden. Hoffentlich wird sich dann der Vorhang am 19.04. zu Bridget Breiners Maria Stuart wieder heben und mit einer ausverkauften Ballettpremiere die Corona-Pause beendet.
Manche Vorstellungen könnten ersatzlos entfallen, bspw. das 6. Symphoniekonzert am 05./06.04., für Premieren müssen neue Termine angesetzt werden. Hoffentlich wird sich dann der Vorhang am 19.04. zu Bridget Breiners Maria Stuart wieder heben und mit einer ausverkauften Ballettpremiere die Corona-Pause beendet.
Sonntag, 8. März 2020
Høeg - Der Susan-Effekt, 07.03.2020
Auf der Suche nach Drama
Der Susan-Effekt ist als Roman ein Action-Thriller und Polit-Krimi. Korrupte Politiker und gierige Eliten verraten ihre Mitbürger und die Demokratie angesichts von Fehlentwicklungen und Konflikten und die dadurch drohenden nicht mehr kontrollierbaren Zustände, doch sie haben die Rechnung ohne Susan Svendsen gemacht, die für sich definiert: "Persönliche Freiheit kann gar nicht teuer genug erkauft werden". Wer Verschwörungstheorien mag und dem Politiker-Establishment kritisch gegenübersteht, der findet in Peter Høegs Roman eine spannend geschriebene, aber auch etwas zu banal aufgelöste Geschichte für den mißtrauischen Bürger und gerade in heutigen Zeiten, in denen die Meinungsfreiheit unter Druck gerät (mehr dazu hier) und die Bundesrepublik autoritärer wird (das Magazin Foreign Policy wies erst kürzlich darauf hin (und zwar hier), daß Heiko Mass' Netzwerkdurchsetzungsgesetz gerne von autoritären und diktatorischen Regimen kopiert wird), wird kritisches Bewußtsein benötigt gegen eine bevormundende, predigende und heuchelnde Politikerkaste, die ihre Machtansprüche hinter der moralischen Bewertung politischer, ökonomischer und ökologischer Belange versteckt. Das Karlsruher Schauspiel hat diesen 2014 erschienen Roman des dänischen Bestseller-Autors nun zu einem Theaterstück umgearbeitet, das erzählerisch, dramaturgisch und schauspielerisch dem Roman kaum etwas abgewinnen kann.
Der Susan-Effekt ist als Roman ein Action-Thriller und Polit-Krimi. Korrupte Politiker und gierige Eliten verraten ihre Mitbürger und die Demokratie angesichts von Fehlentwicklungen und Konflikten und die dadurch drohenden nicht mehr kontrollierbaren Zustände, doch sie haben die Rechnung ohne Susan Svendsen gemacht, die für sich definiert: "Persönliche Freiheit kann gar nicht teuer genug erkauft werden". Wer Verschwörungstheorien mag und dem Politiker-Establishment kritisch gegenübersteht, der findet in Peter Høegs Roman eine spannend geschriebene, aber auch etwas zu banal aufgelöste Geschichte für den mißtrauischen Bürger und gerade in heutigen Zeiten, in denen die Meinungsfreiheit unter Druck gerät (mehr dazu hier) und die Bundesrepublik autoritärer wird (das Magazin Foreign Policy wies erst kürzlich darauf hin (und zwar hier), daß Heiko Mass' Netzwerkdurchsetzungsgesetz gerne von autoritären und diktatorischen Regimen kopiert wird), wird kritisches Bewußtsein benötigt gegen eine bevormundende, predigende und heuchelnde Politikerkaste, die ihre Machtansprüche hinter der moralischen Bewertung politischer, ökonomischer und ökologischer Belange versteckt. Das Karlsruher Schauspiel hat diesen 2014 erschienen Roman des dänischen Bestseller-Autors nun zu einem Theaterstück umgearbeitet, das erzählerisch, dramaturgisch und schauspielerisch dem Roman kaum etwas abgewinnen kann.
Dienstag, 3. März 2020
5. Symphoniekonzert, 02.03.2020
Ein lineare Komposition zwischen zwei zirkulären Werken - das 5. Symphoniekonzert hatte einen geometrischen roten Faden und eine lineare Entwicklung von strahlendem Sonnenschein über emotionalen Ernst zu wolkenverhangener Depression.
Montag, 17. Februar 2020
Händel - Tolomeo, 16.02.2020
Die zweite Vorstellung von Tolomeo gelang noch runder als die Premiere und brachte Sängern und Musikern viel Applaus und Bravos vom Publikum.
Samstag, 15. Februar 2020
Händel - Tolomeo, 14.02.2020
Zwischen gepflegter Langsamkeit, zelebrierter Schönheit und szenischer Ereignislosigkeit
Die 43. Händel-Festspiele eröffneten gestern mit der Premiere von Händels 25. Oper Tolomeo, einer Oper mit vielen eindrucksvollen Arien und wenig Handlung, der Regisseur Benjamin Lazar dadurch zu entsprechen versucht, indem er Einsamkeit, Verlassenheit und Erschöpfung als Grunderlebnisse dieses Werks identifiziert und inszeniert. Die beiden Hauptfiguren "gleichen zwei Geistern, die sich im Tod treffen und die Welt gemeinsam verlassen wollen", erläutert das Programmheft. Auf der Bühne passiert fast nichts, das kann ermüden, das gibt aber auch Musik und Gesang Platz, um sich zu entfalten und die fünf Sänger nutzten die Chance und zelebrierten Händels Tolomeo als Stimmungsoper.
Die 43. Händel-Festspiele eröffneten gestern mit der Premiere von Händels 25. Oper Tolomeo, einer Oper mit vielen eindrucksvollen Arien und wenig Handlung, der Regisseur Benjamin Lazar dadurch zu entsprechen versucht, indem er Einsamkeit, Verlassenheit und Erschöpfung als Grunderlebnisse dieses Werks identifiziert und inszeniert. Die beiden Hauptfiguren "gleichen zwei Geistern, die sich im Tod treffen und die Welt gemeinsam verlassen wollen", erläutert das Programmheft. Auf der Bühne passiert fast nichts, das kann ermüden, das gibt aber auch Musik und Gesang Platz, um sich zu entfalten und die fünf Sänger nutzten die Chance und zelebrierten Händels Tolomeo als Stimmungsoper.
Dienstag, 11. Februar 2020
4. Symphoniekonzert, 10.02.2020
Das 4. Symphoniekonzert versprach bereits im Vorfeld ein Höhepunkt der Konzertsaison zu werden, denn die drei gespielten Werke erfordern eine schwereloses Musizieren. Und das gelang gestern bemerkenswert schön und gelöst.
Sonntag, 9. Februar 2020
Kleist - Penthesilea, 09.02.2020
Inspirationslose Kleist-Bearbeitung
Penthesilea ist kein Stück für Pazifisten. Es geht um den trojanischen Krieg, Kleist wählte den Mythos, um die Fallhöhe zu maximieren. Mythologische Krieger und Helden werden in ein neues Spannungsverhältnis zueinander gesetzt, die beiden Hauptfiguren kommen zu Fall, und zwar durch ihre Begierde füreinander. Das Ungeheuerliche eines mörderischen Gewaltexzesses im rauschhaften Affekt macht Penthesilea zu einem der außerordentlichsten Theaterstücke deutscher Sprache. Schade nur, daß das Karlsruher Schauspiel nichts damit anzufangen weiß. Das Ungeheuerliche ist der Regie nicht geheuer, wo Tragik sein sollte, bleibt harmloser Beziehungsstreß, statt einem eskalierenden Ende, gibt es lauwarmen Weichspühlgang. Von Heinrich von Kleist bleibt nicht viel übrig, die Regisseurin streicht sieben von neun Figuren und läßt ihre Inszenierung ins Leere laufen. Aber es gibt auch zwei positive Aspekte: die stark gekürzte Penthesilea benötigt nur 65 Minuten und mit Claudia Hübschmann und Jannek Petri hat man die richtige Besetzung gewählt.
Penthesilea ist kein Stück für Pazifisten. Es geht um den trojanischen Krieg, Kleist wählte den Mythos, um die Fallhöhe zu maximieren. Mythologische Krieger und Helden werden in ein neues Spannungsverhältnis zueinander gesetzt, die beiden Hauptfiguren kommen zu Fall, und zwar durch ihre Begierde füreinander. Das Ungeheuerliche eines mörderischen Gewaltexzesses im rauschhaften Affekt macht Penthesilea zu einem der außerordentlichsten Theaterstücke deutscher Sprache. Schade nur, daß das Karlsruher Schauspiel nichts damit anzufangen weiß. Das Ungeheuerliche ist der Regie nicht geheuer, wo Tragik sein sollte, bleibt harmloser Beziehungsstreß, statt einem eskalierenden Ende, gibt es lauwarmen Weichspühlgang. Von Heinrich von Kleist bleibt nicht viel übrig, die Regisseurin streicht sieben von neun Figuren und läßt ihre Inszenierung ins Leere laufen. Aber es gibt auch zwei positive Aspekte: die stark gekürzte Penthesilea benötigt nur 65 Minuten und mit Claudia Hübschmann und Jannek Petri hat man die richtige Besetzung gewählt.
Dienstag, 4. Februar 2020
Vorschau: Händel-Festspiele 2021
2021 ist mal wieder ein englisch gesungenes Oratorium dran: Hercules, und zwar am 19.02./21.02/24.02/27.02 und 03.03.2021. Regie soll Floris Visser führen, der bereits eine sehr schöne Semele gezeigt hat und auch Hoffmanns Erzählungen und Don Giovanni inszenierte. Bühne und Kostüme steuert Gideon Davey bei, dirigieren wird Lars Ulrik Mortensen. Singen sollen u.a. Ann Hallenberg, Brandon Cedel, Sophie Junker, Moritz Kallenberg und Cameron Shahbazi.
Als Wiederaufnahme gibt es Tolomeo am 26.02./28.02. und 02.03.2021. in gleicher Besetzung wie 2020.
Als Wiederaufnahme gibt es Tolomeo am 26.02./28.02. und 02.03.2021. in gleicher Besetzung wie 2020.
Montag, 3. Februar 2020
Wagner - Tristan und Isolde, 02.02.2020
Grandiose Vorstellung zum Schwärmen
Der Abschied von Justin Brown als Generalmusikdirektor rückt näher, gestern gab es Browns letztes Wagnerdirigat bei einem seiner Paradestücke. Die letzte von fünf Aufführungen von Tristan und Isolde (mehr zur Premiere hier) war noch mal ein Beweis der Kompetenz des Briten und eine außergewöhnlich gelungene Aufführung aller Beteiligten.
Der Abschied von Justin Brown als Generalmusikdirektor rückt näher, gestern gab es Browns letztes Wagnerdirigat bei einem seiner Paradestücke. Die letzte von fünf Aufführungen von Tristan und Isolde (mehr zur Premiere hier) war noch mal ein Beweis der Kompetenz des Briten und eine außergewöhnlich gelungene Aufführung aller Beteiligten.
Sonntag, 26. Januar 2020
Puccini - Turandot, 25.01.2020
Turandot als medial designter Science Fiction-Kitsch
Wie kann man eine imposante Oper wie Turandot so lustlos und uninspiriert szenisch verhunzen? Ein Erfolgsgeheimnis der Kunstform Oper besteht darin, alle anderen Künste integrieren zu können. Dies gelang beispielhaft gut vor sechs Jahren im 1. Akt von Dr. Atomic; es mißlingt nun bei Turandot. Anläßlich des an diesem Wochenende zusammen mit dem ZKM ausgerichteten Symposiums zu Opern- und Medienkunst, suchte die Karlsruher Oper nach einer Inszenierung, die exemplarisch Medienkunst integriert. Doch ach!, es fand sich nichts Gutes, in Italien kaufte man dann letztendlich eine defizitäre Produktion ein, die zuvor in Palermo und Bologna zu sehen war (auf youtube kann man sich hier einen komplettem Mitschnitt der nun in Karlsruhe zu sehenden Inszenierung ansehen), und deren Unzulänglichkeiten unfreiwillig komisch wirken: man sieht im Hintergrund einen kitschig-bunten Film voller Belanglosigkeiten vor dem Sänger und Chor mittels reduzierter und amateurhaft simpel wirkender Personenführung quasi semikonzertant-statisch Alibi-Bewegungen durchführen. Die Regie heuchelt Bedeutsamkeit, um Bedeutung vorzutäuschen, zeigt aber nur aufgeblähte Belanglosigkeiten - die Form bleibt leer! Nichts gelingt überzeugend, weder Liebesgeschichte noch Groteske, weder Märchen noch Drama, statt Exotik sieht man medialen Kitsch. Gerettet wurde die gestrige Premiere durch die auftrumpfenden Chorsänger und Orchestermusiker sowie durch gute Sängerleistungen.
Wie kann man eine imposante Oper wie Turandot so lustlos und uninspiriert szenisch verhunzen? Ein Erfolgsgeheimnis der Kunstform Oper besteht darin, alle anderen Künste integrieren zu können. Dies gelang beispielhaft gut vor sechs Jahren im 1. Akt von Dr. Atomic; es mißlingt nun bei Turandot. Anläßlich des an diesem Wochenende zusammen mit dem ZKM ausgerichteten Symposiums zu Opern- und Medienkunst, suchte die Karlsruher Oper nach einer Inszenierung, die exemplarisch Medienkunst integriert. Doch ach!, es fand sich nichts Gutes, in Italien kaufte man dann letztendlich eine defizitäre Produktion ein, die zuvor in Palermo und Bologna zu sehen war (auf youtube kann man sich hier einen komplettem Mitschnitt der nun in Karlsruhe zu sehenden Inszenierung ansehen), und deren Unzulänglichkeiten unfreiwillig komisch wirken: man sieht im Hintergrund einen kitschig-bunten Film voller Belanglosigkeiten vor dem Sänger und Chor mittels reduzierter und amateurhaft simpel wirkender Personenführung quasi semikonzertant-statisch Alibi-Bewegungen durchführen. Die Regie heuchelt Bedeutsamkeit, um Bedeutung vorzutäuschen, zeigt aber nur aufgeblähte Belanglosigkeiten - die Form bleibt leer! Nichts gelingt überzeugend, weder Liebesgeschichte noch Groteske, weder Märchen noch Drama, statt Exotik sieht man medialen Kitsch. Gerettet wurde die gestrige Premiere durch die auftrumpfenden Chorsänger und Orchestermusiker sowie durch gute Sängerleistungen.
Montag, 13. Januar 2020
Wilde/Jelinek - Bunbury, 12.01.2020
Lustig sein wäre alles
oder
Travestie-Show statt Komödie
Seit über einem Jahrzehnt gab es im Badischen Staatstheater keine rasante Komödie mehr, seit der Intendanzübernahme 2011 gab es kaum noch etwas zu lachen. Und das Warten geht leider weiter. Oscar Wildes geistreiche Dandy-Komödie The Importance of being Earnest (im Deutschen oft Ernst sein ist alles oder Bunbury betitelt) legt die Latte (noch) zu hoch für das in den letzten Jahren so verkrampft und verklemmt wirkende Karlsruher Schauspiel. Immerhin, Schauspieldirektorin Anna Bergmann traut sich endlich und ist bemüht, sie setzte jedoch auf das falsche Inszenierungsteam. Subtiler britischer Humor wird in dieser Regie zu grobmotorischem deutschen Klamauk, der kaum Wortwitz kennt, nichts von Dialogen und Timing versteht und sich nur durch Übertreibung, Verkleidung und Hampelei zu helfen weiß. Die Regisseurin übersetzt den nichtsnutzigen und ostentativ oberflächlichen Dandy ins Travestie-Milieu und setzt auf affektiertes Getue und künstlich übergroße Posen. Der Komödienwert ist gering, gut vorbereitete Pointen gibt es wenig (tatsächlich gab es kaum kollektives Gelächter im Premierenpublikum, Feuerwerk und Rasanz suchte man vergebens, es wurde überwiegend wohlwollend geschmunzelt), doch ein Schauwert ist vorhanden, vor allem dann, wenn man keine zu großen Ansprüche stellt und sich am etwas biederen deutschen Symbolik-Humor nicht stört. Und so waren es dann auch die Tanz- und Gesangsszenen und die hochmotivierten Schauspieler -vor allem ein grandios komisch agierender Leander Senghas-, die die letztendlich mittelmäßig komische Inszenierung retteten.
oder
Travestie-Show statt Komödie
Seit über einem Jahrzehnt gab es im Badischen Staatstheater keine rasante Komödie mehr, seit der Intendanzübernahme 2011 gab es kaum noch etwas zu lachen. Und das Warten geht leider weiter. Oscar Wildes geistreiche Dandy-Komödie The Importance of being Earnest (im Deutschen oft Ernst sein ist alles oder Bunbury betitelt) legt die Latte (noch) zu hoch für das in den letzten Jahren so verkrampft und verklemmt wirkende Karlsruher Schauspiel. Immerhin, Schauspieldirektorin Anna Bergmann traut sich endlich und ist bemüht, sie setzte jedoch auf das falsche Inszenierungsteam. Subtiler britischer Humor wird in dieser Regie zu grobmotorischem deutschen Klamauk, der kaum Wortwitz kennt, nichts von Dialogen und Timing versteht und sich nur durch Übertreibung, Verkleidung und Hampelei zu helfen weiß. Die Regisseurin übersetzt den nichtsnutzigen und ostentativ oberflächlichen Dandy ins Travestie-Milieu und setzt auf affektiertes Getue und künstlich übergroße Posen. Der Komödienwert ist gering, gut vorbereitete Pointen gibt es wenig (tatsächlich gab es kaum kollektives Gelächter im Premierenpublikum, Feuerwerk und Rasanz suchte man vergebens, es wurde überwiegend wohlwollend geschmunzelt), doch ein Schauwert ist vorhanden, vor allem dann, wenn man keine zu großen Ansprüche stellt und sich am etwas biederen deutschen Symbolik-Humor nicht stört. Und so waren es dann auch die Tanz- und Gesangsszenen und die hochmotivierten Schauspieler -vor allem ein grandios komisch agierender Leander Senghas-, die die letztendlich mittelmäßig komische Inszenierung retteten.
Sonntag, 12. Januar 2020
Rokokotheater Schwetzingen: Schürmann - Die getreue Alceste, 11.01.2020
Barockzauber auf Deutsch
Der Winter in Schwetzingen -das Barock-Festival der Heidelberger Oper im Rokokotheater des benachbarten Schwetzingen- widmet sich nach vielen Ausgrabungen italienischer Opern nun der stiefmütterlich behandelten deutsch gesungenen Barockoper. Der Komponist Georg Caspar Schürmann (*1672/73 †1751) war Nachfolger von Reinhard Keiser an der Hamburger Gänsemarktoper (dem ersten öffentlichen Opernhaus Deutschlands) und Vorgänger von Carl Heinrich Graun in Braunschweig, wo diese Alceste 1719 uraufgeführt wurde. 2016 gab es eine halbszenische Aufführung inkl. CD-Aufnahme (CPO) in Hamburg, in Schwetzingen hat man sich dieses Werks nun bravourös im Rokokotheater angenommen. Die getreue Alceste verzaubert musikalisch und sängerisch und ist eine der schönsten Produktionen, die der Winter in Schwetzingen bisher zu bieten hatte.
Der Winter in Schwetzingen -das Barock-Festival der Heidelberger Oper im Rokokotheater des benachbarten Schwetzingen- widmet sich nach vielen Ausgrabungen italienischer Opern nun der stiefmütterlich behandelten deutsch gesungenen Barockoper. Der Komponist Georg Caspar Schürmann (*1672/73 †1751) war Nachfolger von Reinhard Keiser an der Hamburger Gänsemarktoper (dem ersten öffentlichen Opernhaus Deutschlands) und Vorgänger von Carl Heinrich Graun in Braunschweig, wo diese Alceste 1719 uraufgeführt wurde. 2016 gab es eine halbszenische Aufführung inkl. CD-Aufnahme (CPO) in Hamburg, in Schwetzingen hat man sich dieses Werks nun bravourös im Rokokotheater angenommen. Die getreue Alceste verzaubert musikalisch und sängerisch und ist eine der schönsten Produktionen, die der Winter in Schwetzingen bisher zu bieten hatte.
Sonntag, 5. Januar 2020
Breiner - Ruß (Ballett), 04.01.2020
Aschenputtel im Zechen- und Bergarbeitermilieu
2013 gewann Bridget Breiner für ihre Choreographie zu Ruß. Eine Geschichte von Aschenputtel am Ballett im Revier Gelsenkirchen zum ersten mal den Theaterpreis "Faust", 2015 wiederholte sie diesen Erfolg mit Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin. Nun kann man Ruß auch in Karlsruhe sehen, die gestrige Adaptionspremiere fand im Kleinen Haus statt und erwies sich als Glücksfall, denn man ist nahe dran an dieser intimen und ironischen Märchenerzählung, die die Geschichte hinter der Geschichte ohne märchenhafte Elemente erzählt, und zwar aus der Sicht von Aschenputtels Stiefschwester. Bereits vor der Premiere waren fast alle Tickets für die Vorstellungen bis zum Ende der Spielzeit verkauft, wer dabei sein will, sollte sich bald Karten sichern oder muß auf die Wiederaufnahme 2020/21 warten.
2013 gewann Bridget Breiner für ihre Choreographie zu Ruß. Eine Geschichte von Aschenputtel am Ballett im Revier Gelsenkirchen zum ersten mal den Theaterpreis "Faust", 2015 wiederholte sie diesen Erfolg mit Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin. Nun kann man Ruß auch in Karlsruhe sehen, die gestrige Adaptionspremiere fand im Kleinen Haus statt und erwies sich als Glücksfall, denn man ist nahe dran an dieser intimen und ironischen Märchenerzählung, die die Geschichte hinter der Geschichte ohne märchenhafte Elemente erzählt, und zwar aus der Sicht von Aschenputtels Stiefschwester. Bereits vor der Premiere waren fast alle Tickets für die Vorstellungen bis zum Ende der Spielzeit verkauft, wer dabei sein will, sollte sich bald Karten sichern oder muß auf die Wiederaufnahme 2020/21 warten.
Montag, 30. Dezember 2019
Offenbach - Hoffmanns Erzählungen, 29.12.2019
Da werden sich gestern einige verwundert die Augen gerieben haben: eine sehr gut besuchte Operngala mit über 90%iger Auslastung! Es geht also, das Publikum ist immer noch vorhanden, es kam bzw. kommt nur nicht mehr so gerne und häufig in die runtergespuhlerte Karlsruher Oper. Nicht nur das Publikum kehrte mal wieder zurück, auch die Gäste. Mit Nino Machaidze und Ramon Vargas hatte man anscheinend die richtigen Zugpferde, die Inszenierung unterstützt die Handlung - gestern gab es nach einer bemerkenswert schönen Aufführung viel gute Laune.
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Sonntag, 15. Dezember 2019
Mozart - Don Giovanni, 14.12.2019
Don Giovanni auf Koks und Alkohol
Sehr gute Sänger, insbesondere ein grandioser Konstantin Gorny und ein starker Nicolas Brownlee, sehr schön musiziert, ein überzeugendes Bühnenbild und eine Inszenierung, die in ihren besten Momenten konventionell und überraschungslos ist und an zentralen Stellen ambitionslos und dramaturgisch altmodisch wirkt. Es gab viel Applaus für die gestrige Premiere des neuen Don Giovanni, doch wer sich noch an Robert Tannenbaums Karlsruher Inszenierung aus der Saison 2006/2007 erinnert, der wird gestern vielleicht auch den Eindruck gehabt haben, über weite Strecken einen variierenden Abklatsch der letzten Produktion zu sehen, der weniger humorvoll und augenzwinkernd gelang, kaum Dramatik entwickelt und bei der die zugekokste, alkoholisierte und fast dauerschwankende, in einer tödlichen Psychose endende Titelfigur kaum Plausibilität gewann.
Sehr gute Sänger, insbesondere ein grandioser Konstantin Gorny und ein starker Nicolas Brownlee, sehr schön musiziert, ein überzeugendes Bühnenbild und eine Inszenierung, die in ihren besten Momenten konventionell und überraschungslos ist und an zentralen Stellen ambitionslos und dramaturgisch altmodisch wirkt. Es gab viel Applaus für die gestrige Premiere des neuen Don Giovanni, doch wer sich noch an Robert Tannenbaums Karlsruher Inszenierung aus der Saison 2006/2007 erinnert, der wird gestern vielleicht auch den Eindruck gehabt haben, über weite Strecken einen variierenden Abklatsch der letzten Produktion zu sehen, der weniger humorvoll und augenzwinkernd gelang, kaum Dramatik entwickelt und bei der die zugekokste, alkoholisierte und fast dauerschwankende, in einer tödlichen Psychose endende Titelfigur kaum Plausibilität gewann.
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Premiere 19/20,
SCHLINGENSIEPEN Ina,
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Sonntag, 1. Dezember 2019
Hübner/Nemitz - Frauensache, 30.11.2019
Mumpitztheater
(14): Absturz zum Relotius-Theater
Hetze ist aus Karlsruher Theatersicht für alle gut! Wer sich gerne gemein macht, um das Gemeine zu bekämpfen, der kann sich bei Frauensache auf tumbes und plumpes Agitprop-Theater freuen, bei der die Bühne nicht mehr Zweck, sondern Mittel zur linksideologischen Selbstbefriedigung, zur eitlen Selbstdarstellung und Selbstvergewisserung geworden ist. Theater von Spießern für Spießer. Linke Gutmenschen und gute Asylanten treffen in diesem Theaterstück auf nichtlinke Bösmenschen, die völkischen Unsinn verzapfen. Eine Welt in Schwarzweiß, Grautöne gibt es nicht, die politische Mitte spielt keine Rolle, wer nicht links ist, ist ein Nazi oder ein Nazi-Sympathisant, und dazu zählen auch Christen und Konservative. Was nach Ende der beiden Diktaturen 1945/1989 überwunden schien, kehrt nun auf die Karlsruher Bühne zurück: das propagandistische Feindbildtheater, das es nicht nur mit den Fakten nicht genau nimmt, sondern ungeniert alternative Fakten präsentiert. Schlimmer noch: mal wieder hebt man den Zeigefinger und will entlarven und beschuldigen, doch vor allem entlarvt man das eigene bornierte Denken und zeigt, warum diverse Meinungsumfragen ein desaströses Bild liefern. Laut einer Allensbach-Umfrage vom Mai 2019 haben fast zwei Drittel der Deutschen den Eindruck, man müsse im öffentlichen Raum „sehr aufpassen“, was man sagt. Die Jugendstudie des Bundes im Herbst des Jahres bestätigte diese Aussage, auch unter den Jugendlichen bestätigen 68%, daß die Meinungsfreiheit in Deutschland eingeschränkt ist. Dem ist natürlich (noch) nicht so, aber daß die Bundesbürger durch alle Altersgruppen Tabus und Sprechverbote wahrnehmen, ist durch ein neues Spießertum und "Political Correctness" verursacht, die mit Unterstellungen und Moralisierungen attackieren, was ihnen schlicht nicht paßt. Die Neue Zürcher Zeitung (für manche ist die NZZ so etwas wie damals Westfernsehen in der "DDR", ein kritischer deutschsprachiger und doch ausländischer Blick auf Deutschland, der die kritischen Fragen stellt, die die bundesdeutsche Presse gerne vermeidet) schrieb im Frühjahr, daß die Deutschen "nicht nur Weltmeister im Moralisieren, sondern auch im Heucheln" sind. Der Chefredakteur der NZZ erklärte später an anderer Stelle: "Deutschland sieht sich als Moralweltmeister". Was für treffende Aussagen! Wer die heutige Bundesrepublik tiefenanalysieren wollte, könnte sein Vorhaben mit genau diesen beiden Begriffen -moralisieren und heucheln- beginnen und ihre Folgen von oben nach unten verfolgen, denn es handelt sich um eine Abwärtsbewegung der Erosion und Verwahrlosung, die sich in den letzten beiden Jahrzehnten durch Politik, Medien und Institutionen bis in die Gesellschaft in unterschiedlichster Ausprägung ausbreitet und zur Gefahr für die demokratische Kultur wird. Privates politisch zu instrumentalisieren, Ablaßhandel anzubieten, sich selber zum Opfer stilisieren und andere zu beschuldigen, ihnen pauschal böse Absichten zu unterstellen, um daraus politisches Kapital zu schlagen, ist bspw. ein weit verbreitetes Mittel in den politischen Ecken, dem die verwässerte Mitte zur Zeit nur viel zu zögerlich etwas entgegensetzt.
"Frauensache" wurde ursprünglich unter dem Titel "Neurechte Frauen" lanciert. Da es diese neurechten Frauen pauschal nicht gibt und sie gesellschaftlich keine Rolle spielen, man aber im Karlsruher Schauspiel ein opportunes Diffamierungsopfer benötigte, an dem man vor allem seine eigene korrekte Gesinnung beweisen kann, wurde Abtreibung als Vehikelthema gewählt. Für die gewählte Vorgehensweise gibt es unschöne Vorbilder wie bspw. das berüchtigte Framing-Manual der ARD: "Von der ARD lernen heißt, gehorchen lernen" analysierte die FAZ und erklärte: "Als im Frühjahr publik wurde, daß die ARD ihre Mitarbeiter von der Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling anhand eines „Framing-Manuals“ beschulen läßt, das lehrt, wie man den eigenen Standpunkt moralisch überhöht und den von Andersdenkenden moralisch abwertet, war einer der Kritikpunkte, daß sich in diesem Papier ein totalitäres, diskussions- und demokratiefeindliches Denken ausdrücke". Dieses "totalitäre, diskussions- und demokratiefeindliche Denken" läßt sich auch bei dieser Produktion des Karlsruher Schauspiels aufspüren, denn wie hier unter dem Deckmantel eines fiktionalen Theaterdramas Gesinnung transportiert wird, erinnert an den Relotius-Skandal, bei der ein Journalist Lügen einsetzte, um in seinen Reportagen das Bild zeichnen zu können, das opportun und erwünscht war. Man kann diskutieren, ob Frauensache nun endgültig der Absturz zum Relotius-Theater darstellt, bei dem die Herstellung korrekter Gesinnung durch ideologische Propaganda der vorrangige Zweck ist, zu dessen Mittel die Bühne mißbraucht wird.
Hetze ist aus Karlsruher Theatersicht für alle gut! Wer sich gerne gemein macht, um das Gemeine zu bekämpfen, der kann sich bei Frauensache auf tumbes und plumpes Agitprop-Theater freuen, bei der die Bühne nicht mehr Zweck, sondern Mittel zur linksideologischen Selbstbefriedigung, zur eitlen Selbstdarstellung und Selbstvergewisserung geworden ist. Theater von Spießern für Spießer. Linke Gutmenschen und gute Asylanten treffen in diesem Theaterstück auf nichtlinke Bösmenschen, die völkischen Unsinn verzapfen. Eine Welt in Schwarzweiß, Grautöne gibt es nicht, die politische Mitte spielt keine Rolle, wer nicht links ist, ist ein Nazi oder ein Nazi-Sympathisant, und dazu zählen auch Christen und Konservative. Was nach Ende der beiden Diktaturen 1945/1989 überwunden schien, kehrt nun auf die Karlsruher Bühne zurück: das propagandistische Feindbildtheater, das es nicht nur mit den Fakten nicht genau nimmt, sondern ungeniert alternative Fakten präsentiert. Schlimmer noch: mal wieder hebt man den Zeigefinger und will entlarven und beschuldigen, doch vor allem entlarvt man das eigene bornierte Denken und zeigt, warum diverse Meinungsumfragen ein desaströses Bild liefern. Laut einer Allensbach-Umfrage vom Mai 2019 haben fast zwei Drittel der Deutschen den Eindruck, man müsse im öffentlichen Raum „sehr aufpassen“, was man sagt. Die Jugendstudie des Bundes im Herbst des Jahres bestätigte diese Aussage, auch unter den Jugendlichen bestätigen 68%, daß die Meinungsfreiheit in Deutschland eingeschränkt ist. Dem ist natürlich (noch) nicht so, aber daß die Bundesbürger durch alle Altersgruppen Tabus und Sprechverbote wahrnehmen, ist durch ein neues Spießertum und "Political Correctness" verursacht, die mit Unterstellungen und Moralisierungen attackieren, was ihnen schlicht nicht paßt. Die Neue Zürcher Zeitung (für manche ist die NZZ so etwas wie damals Westfernsehen in der "DDR", ein kritischer deutschsprachiger und doch ausländischer Blick auf Deutschland, der die kritischen Fragen stellt, die die bundesdeutsche Presse gerne vermeidet) schrieb im Frühjahr, daß die Deutschen "nicht nur Weltmeister im Moralisieren, sondern auch im Heucheln" sind. Der Chefredakteur der NZZ erklärte später an anderer Stelle: "Deutschland sieht sich als Moralweltmeister". Was für treffende Aussagen! Wer die heutige Bundesrepublik tiefenanalysieren wollte, könnte sein Vorhaben mit genau diesen beiden Begriffen -moralisieren und heucheln- beginnen und ihre Folgen von oben nach unten verfolgen, denn es handelt sich um eine Abwärtsbewegung der Erosion und Verwahrlosung, die sich in den letzten beiden Jahrzehnten durch Politik, Medien und Institutionen bis in die Gesellschaft in unterschiedlichster Ausprägung ausbreitet und zur Gefahr für die demokratische Kultur wird. Privates politisch zu instrumentalisieren, Ablaßhandel anzubieten, sich selber zum Opfer stilisieren und andere zu beschuldigen, ihnen pauschal böse Absichten zu unterstellen, um daraus politisches Kapital zu schlagen, ist bspw. ein weit verbreitetes Mittel in den politischen Ecken, dem die verwässerte Mitte zur Zeit nur viel zu zögerlich etwas entgegensetzt.
"Frauensache" wurde ursprünglich unter dem Titel "Neurechte Frauen" lanciert. Da es diese neurechten Frauen pauschal nicht gibt und sie gesellschaftlich keine Rolle spielen, man aber im Karlsruher Schauspiel ein opportunes Diffamierungsopfer benötigte, an dem man vor allem seine eigene korrekte Gesinnung beweisen kann, wurde Abtreibung als Vehikelthema gewählt. Für die gewählte Vorgehensweise gibt es unschöne Vorbilder wie bspw. das berüchtigte Framing-Manual der ARD: "Von der ARD lernen heißt, gehorchen lernen" analysierte die FAZ und erklärte: "Als im Frühjahr publik wurde, daß die ARD ihre Mitarbeiter von der Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling anhand eines „Framing-Manuals“ beschulen läßt, das lehrt, wie man den eigenen Standpunkt moralisch überhöht und den von Andersdenkenden moralisch abwertet, war einer der Kritikpunkte, daß sich in diesem Papier ein totalitäres, diskussions- und demokratiefeindliches Denken ausdrücke". Dieses "totalitäre, diskussions- und demokratiefeindliche Denken" läßt sich auch bei dieser Produktion des Karlsruher Schauspiels aufspüren, denn wie hier unter dem Deckmantel eines fiktionalen Theaterdramas Gesinnung transportiert wird, erinnert an den Relotius-Skandal, bei der ein Journalist Lügen einsetzte, um in seinen Reportagen das Bild zeichnen zu können, das opportun und erwünscht war. Man kann diskutieren, ob Frauensache nun endgültig der Absturz zum Relotius-Theater darstellt, bei dem die Herstellung korrekter Gesinnung durch ideologische Propaganda der vorrangige Zweck ist, zu dessen Mittel die Bühne mißbraucht wird.
Freitag, 29. November 2019
Büchner - Woyzeck, 28.11.2019
Multiples Motivversagen
Was hat Büchners Woyzeck heute noch zu erzählen? Eine Frage, an der sehr viele Inszenierungen scheitern, weil sie nur noch weit Hergeholtes und grob Zusammengereimtes in die Handlung projizieren oder immer noch altertümlichen Interpretationen folgen. In knapp zwei Jahrhunderten hat sich vieles grundlegend und auch zum Besseren geändert, doch die Decke der Zivilisation ist dünn, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf und Gewalt ist eine Konstante. Sie kann kanalisiert werden durch Sport und Karriere und bricht doch immer wieder durch - als Recht des Stärkeren, als Sadismus oder als Zuflucht, denn Haß und Gewalt können als Ventil für verletzte Würde und negative Emotionen befreiend wirken. Die Geschichte des Mörders Woyzecks ist vielschichtig und deshalb noch immer bühnentauglich, die Titelfigur ist individuell benachteiligt, psychisch labil, in prekären Verhältnissen und mit niedrigem gesellschaftlichen Status und wird von seiner Partnerin betrogen. Diese Konstellationen werden von der neuen Karlsruher Inszenierung weitgehend ignoriert, die Regisseurin will keine gesellschaftliche Analyse, sondern sieht nur die individuelle psychische Krankheitsgeschichte – mehr bleibt von Woyzeck nicht übrig. Das ist umso bitterer, da die Regisseurin als Autorin Büchners Dramenfragment erweitert und verändert hat, aber es nicht ansatzweise gelingt, der Neumotivierung Triftigkeit zu verleihen. Ästhetisch deutet die Regisseurin vieles nur an, doch sind ihre Andeutungen weder mysteriös spannend noch prägnant. Wer sich als Zuschauer diese zähe und langweilige Produktion unbedingt antun will, dem könnte mit dem Tipp gedient sein, sich den Handlungsverlauf bei dieser Inszenierung in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt vorzustellen. Sehr viel mehr Sinnhaftigkeit läßt sich bei dieser Figurenkonstellation, die ständig von einer Bühnen-Ärztin beobachtet wird, kaum erkennen.
Was hat Büchners Woyzeck heute noch zu erzählen? Eine Frage, an der sehr viele Inszenierungen scheitern, weil sie nur noch weit Hergeholtes und grob Zusammengereimtes in die Handlung projizieren oder immer noch altertümlichen Interpretationen folgen. In knapp zwei Jahrhunderten hat sich vieles grundlegend und auch zum Besseren geändert, doch die Decke der Zivilisation ist dünn, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf und Gewalt ist eine Konstante. Sie kann kanalisiert werden durch Sport und Karriere und bricht doch immer wieder durch - als Recht des Stärkeren, als Sadismus oder als Zuflucht, denn Haß und Gewalt können als Ventil für verletzte Würde und negative Emotionen befreiend wirken. Die Geschichte des Mörders Woyzecks ist vielschichtig und deshalb noch immer bühnentauglich, die Titelfigur ist individuell benachteiligt, psychisch labil, in prekären Verhältnissen und mit niedrigem gesellschaftlichen Status und wird von seiner Partnerin betrogen. Diese Konstellationen werden von der neuen Karlsruher Inszenierung weitgehend ignoriert, die Regisseurin will keine gesellschaftliche Analyse, sondern sieht nur die individuelle psychische Krankheitsgeschichte – mehr bleibt von Woyzeck nicht übrig. Das ist umso bitterer, da die Regisseurin als Autorin Büchners Dramenfragment erweitert und verändert hat, aber es nicht ansatzweise gelingt, der Neumotivierung Triftigkeit zu verleihen. Ästhetisch deutet die Regisseurin vieles nur an, doch sind ihre Andeutungen weder mysteriös spannend noch prägnant. Wer sich als Zuschauer diese zähe und langweilige Produktion unbedingt antun will, dem könnte mit dem Tipp gedient sein, sich den Handlungsverlauf bei dieser Inszenierung in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt vorzustellen. Sehr viel mehr Sinnhaftigkeit läßt sich bei dieser Figurenkonstellation, die ständig von einer Bühnen-Ärztin beobachtet wird, kaum erkennen.
Dienstag, 12. November 2019
Es kriselt wieder offiziell in der Karlsruher Oper
Flucht statt Fluktuation
oder
Der Fisch stinkt vom Kopf
Daß es nicht so rund läuft am Badischen Staatstheater, ist nichts Neues. Heute verkünden die Badischen Neusten Nachrichten eine neue Eskalation, zu der noch keine offizielle Stellungnahme vorliegt. Operndirektorin Nicole Braunger wünscht anscheinend die vorzeitige Auflösung ihres Vertrags, ihr Stellvertreter Patric Seibert, Kapellmeister Daniele Squeo, Dramaturgin Deborah Meier und der Künstlerische Produktionsleiter Bernardo Sousa de Macedo wollen laut BNN ebenfalls das Haus verlassen.
oder
Der Fisch stinkt vom Kopf
Daß es nicht so rund läuft am Badischen Staatstheater, ist nichts Neues. Heute verkünden die Badischen Neusten Nachrichten eine neue Eskalation, zu der noch keine offizielle Stellungnahme vorliegt. Operndirektorin Nicole Braunger wünscht anscheinend die vorzeitige Auflösung ihres Vertrags, ihr Stellvertreter Patric Seibert, Kapellmeister Daniele Squeo, Dramaturgin Deborah Meier und der Künstlerische Produktionsleiter Bernardo Sousa de Macedo wollen laut BNN ebenfalls das Haus verlassen.
Montag, 4. November 2019
Seid umschlungen, 03.11.2019
Vielversprechende Vorschau
Wie wird sich das Badische Staatsballett in den kommenden Jahren weiterentwickeln? Für ihre erste Premiere hat die neue Karlsruher Ballettdirektorin Bridget Breiner einen Querschnitt zusammengestellt, der zeigt, welche künstlerischen Handschriften die nächsten Jahren prägen werden. Sie zeigt eine eigene, für diesen Anlaß geschaffene Uraufführung sowie die Werke von sieben weiteren Choreographen, die auch die nächsten Jahre die Karlsruher Kompagnie begleiten werden, einige davon persönliche Werkgefährten von Breiners Karriere als Tänzerin, Choreographin und Ballettdirektorin. Stilistisch (und musikalisch) reicht diese Leistungsschau vom klassischen Ballett bis zur Moderne; das Ergebnis kommt an, eine herzliche Stimmung und viel Beifall begleiteten den geglückten Einstand.
Wie wird sich das Badische Staatsballett in den kommenden Jahren weiterentwickeln? Für ihre erste Premiere hat die neue Karlsruher Ballettdirektorin Bridget Breiner einen Querschnitt zusammengestellt, der zeigt, welche künstlerischen Handschriften die nächsten Jahren prägen werden. Sie zeigt eine eigene, für diesen Anlaß geschaffene Uraufführung sowie die Werke von sieben weiteren Choreographen, die auch die nächsten Jahre die Karlsruher Kompagnie begleiten werden, einige davon persönliche Werkgefährten von Breiners Karriere als Tänzerin, Choreographin und Ballettdirektorin. Stilistisch (und musikalisch) reicht diese Leistungsschau vom klassischen Ballett bis zur Moderne; das Ergebnis kommt an, eine herzliche Stimmung und viel Beifall begleiteten den geglückten Einstand.
Samstag, 2. November 2019
Gounod - Faust, 01.11.2019
Attraktives Hörerlebnis mit flachsinnigem Regiekonzept
Bei der Premiere gab es schon einige Buhs für die Regie und nach der gestrigen Vorstellung muss man zugestehen, es hätten noch viel, viel mehr sein müssen. Inszenierungen können mißglücken, man darf sich aber nicht an schlechtes Theater gewöhnen. Die ständigen Qualitätsprobleme der Intendanz von Peter Spuhler können dazu führen, daß man bereits dankbar ist, wenn wichtige Inszenierungen nicht verhunzt sind. Doch das ist eine Relativierung, die bereits niedrigem Niveau Platz einräumt und deshalb nicht toleriert werden darf. Aus einer populären Oper wie Gounods Faust kann man viel mehr machen als eine gesellschaftliche Groteske, die mit zentralen Handlungsteilen nichts anzufangen weiß, sich imaginäre Konflikte ausdenkt, der Oper ein flachsinniges Regiekonzept überstülpt und in einer lächerlichen und aufgesetzten Schlußszene ein gekünseltes und künstliches Knalleffektchen produziert, das weder zur Intention noch zur Musik paßt und letzendlich eitle Wichtigtuerei ist.
Bei der Premiere gab es schon einige Buhs für die Regie und nach der gestrigen Vorstellung muss man zugestehen, es hätten noch viel, viel mehr sein müssen. Inszenierungen können mißglücken, man darf sich aber nicht an schlechtes Theater gewöhnen. Die ständigen Qualitätsprobleme der Intendanz von Peter Spuhler können dazu führen, daß man bereits dankbar ist, wenn wichtige Inszenierungen nicht verhunzt sind. Doch das ist eine Relativierung, die bereits niedrigem Niveau Platz einräumt und deshalb nicht toleriert werden darf. Aus einer populären Oper wie Gounods Faust kann man viel mehr machen als eine gesellschaftliche Groteske, die mit zentralen Handlungsteilen nichts anzufangen weiß, sich imaginäre Konflikte ausdenkt, der Oper ein flachsinniges Regiekonzept überstülpt und in einer lächerlichen und aufgesetzten Schlußszene ein gekünseltes und künstliches Knalleffektchen produziert, das weder zur Intention noch zur Musik paßt und letzendlich eitle Wichtigtuerei ist.
Dienstag, 29. Oktober 2019
2. Symphoniekonzert, 28.10.2019
Durch die sonntägliche Zeitumstellung nach dem Ende der Sommerzeit ist es wieder dunkel, wenn man abends am Badischen Staatstheater ankommt, wo der seit 1981 auf dem Vorplatz stehende Musengaul wegen der
Sanierungs- und Erweiterungsarbeiten in den Heidelberger Schloßgarten umzieht, und auch das Symphoniekonzert wartete mit einer Besonderheit auf, denn es wurde nur Opernmusik gespielt.
Sonntag, 20. Oktober 2019
Gounod - Faust, 19.10.2019
Groteske über toxische Weiblichkeit
Sängerisch und musikalisch war die gestrige Premiere von Gounods Faust ein voller Erfolg mit viel Applaus und Bravos für Sänger und Musiker. Mit Konstantin Gorny hat man den idealen Mephisto am Haus, Ina Schlingensiepen als Gretchen und Seung-Gi Jung als Valentin haben ihr Repertoire erfolgreich um eine weitere Paraderolle erweitert, und der seit dieser Saison neu im Ensemble singende thailändische Tenor Nutthaporn Thammathi hatte einen starken Einstieg.
Die sehr plakativ und holzschnittartig geratene Inszenierung hat Stärken und Schwächen, die Regie bleibt letztendlich unter ihren Möglichkeiten, weil sie unbedingt bedeutsam sein will und fast schon etwas verzweifelt bemüht ist, den Zeigefinger zu heben und irgendwie etwas zu verkünden. Doch wie so oft bei spießiger Besserwisserei und Belehrung: statt moralische Lehre gibt es inszenatorische Leere. Der Regisseur versucht, die unter dämonischen Vorzeichen spielende Geschichte Margarethes, die sich außerehelich von Faust schwängern läßt, versorgungslos verlassen wird, aus Verzweiflung ihr Kind tötet und im Kerker landet als "grelles Gesellschaftskarussell" zu zeigen. Das Ergebnis ist eine Groteske, in der toxisch-plumpe Männer auf toxisch-naive Weibchen treffen und die feministisch inszenierte Emanzipation Margarethes zu spät kommt: niemand zieht sie zur Rechenschaft oder verurteilt sie, sie beendet ihr verpfuschtes Leben durch Selbstmord. Die göttliche Rettung lehnt sie ab und verharrt in der Rolle als Opfer, das anderen die Schuld geben will. So ver(w)irrt das Resultat dieser Inszenierung auch auf der Bühne wirkt, es ist zu harmlos und gedankenschwach, als daß es stören würde, der positive Eindruck durch Sänger und Musiker dominiert die mißratenen Akte 4 und 5.
Sängerisch und musikalisch war die gestrige Premiere von Gounods Faust ein voller Erfolg mit viel Applaus und Bravos für Sänger und Musiker. Mit Konstantin Gorny hat man den idealen Mephisto am Haus, Ina Schlingensiepen als Gretchen und Seung-Gi Jung als Valentin haben ihr Repertoire erfolgreich um eine weitere Paraderolle erweitert, und der seit dieser Saison neu im Ensemble singende thailändische Tenor Nutthaporn Thammathi hatte einen starken Einstieg.
Die sehr plakativ und holzschnittartig geratene Inszenierung hat Stärken und Schwächen, die Regie bleibt letztendlich unter ihren Möglichkeiten, weil sie unbedingt bedeutsam sein will und fast schon etwas verzweifelt bemüht ist, den Zeigefinger zu heben und irgendwie etwas zu verkünden. Doch wie so oft bei spießiger Besserwisserei und Belehrung: statt moralische Lehre gibt es inszenatorische Leere. Der Regisseur versucht, die unter dämonischen Vorzeichen spielende Geschichte Margarethes, die sich außerehelich von Faust schwängern läßt, versorgungslos verlassen wird, aus Verzweiflung ihr Kind tötet und im Kerker landet als "grelles Gesellschaftskarussell" zu zeigen. Das Ergebnis ist eine Groteske, in der toxisch-plumpe Männer auf toxisch-naive Weibchen treffen und die feministisch inszenierte Emanzipation Margarethes zu spät kommt: niemand zieht sie zur Rechenschaft oder verurteilt sie, sie beendet ihr verpfuschtes Leben durch Selbstmord. Die göttliche Rettung lehnt sie ab und verharrt in der Rolle als Opfer, das anderen die Schuld geben will. So ver(w)irrt das Resultat dieser Inszenierung auch auf der Bühne wirkt, es ist zu harmlos und gedankenschwach, als daß es stören würde, der positive Eindruck durch Sänger und Musiker dominiert die mißratenen Akte 4 und 5.
Dienstag, 15. Oktober 2019
Auf der Suche nach Kompetenz (2)
Wechsel bei Kommunikation und Marketing
Bei den häufigen Personalwechseln am Badischen Staatstheater kann man schon mal den Überblick verlieren. Besonders eklatant war das auch im Bereich Kommunikation und Marketing, wo einige Namen kamen und gingen und nichts in Erinnerung blieb, abgesehen vielleicht von der mangelnden Bereitschaft, das Theater als Theater zu präsentieren. Man rezensierte sich selbst, noch heute lachen viele bei dem Wort "berührend" und denken an die schmalzigen Selbstbesprechungen des Theaters, in denen man dieses Wort regelmäßig auf seine Produktionen anwendete. In dieser Saison wurde nun das Gästebuch deaktiviert.
Bei den häufigen Personalwechseln am Badischen Staatstheater kann man schon mal den Überblick verlieren. Besonders eklatant war das auch im Bereich Kommunikation und Marketing, wo einige Namen kamen und gingen und nichts in Erinnerung blieb, abgesehen vielleicht von der mangelnden Bereitschaft, das Theater als Theater zu präsentieren. Man rezensierte sich selbst, noch heute lachen viele bei dem Wort "berührend" und denken an die schmalzigen Selbstbesprechungen des Theaters, in denen man dieses Wort regelmäßig auf seine Produktionen anwendete. In dieser Saison wurde nun das Gästebuch deaktiviert.
Sonntag, 13. Oktober 2019
Offenbach - Hoffmanns Erzählungen, 12.10.2019
Matineen sind doch etwas Schönes, vor allem bei einer opulenten vierstündigen Oper wie Hoffmanns Erzählungen, die
gestern so mitreißend vor ausverkauftem Haus dargeboten wurde.
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