Der Flüchtling als Eindringling
Willkommen scheinen Flüchtlinge schon lange nicht mehr zu sein, schon gar nicht in
den meisten Ländern Europas und auch in der Bundesrepublik ist die Stimmung gekippt; zu viel Negatives ist passiert, die Konflikte und Probleme scheinen zu groß, die Ursachen sind vielfältig: ein Staatsversagen aus Hilflosigkeit und Überforderung, getriebene Politiker, die nicht zugeben konnten, daß sie sich verrannt haben, dazu ein erschreckendes Medienversagen durch Journalisten, die nicht mehr unabhängig und integer berichteten, sondern sich als Interessenvertretung erwiesen, vermeintliche Staatsräson verbreiteten, Tatbestände ignorierten und zu Herstellern von Fiktionen und Feindbildern wurden. Die unkontrollierte
Aufnahme von überwiegend männlichen Flüchtlingen mit geringer
Qualifikation anstelle der angekündigten Familien, Ärzte und Ingenieure hat einen Graben geschlagen und den
gesellschaftlichen Frieden aufs Spiel
gesetzt, die Parteienlandschaft verändert sowie
unverhältnismäßig viele Ressourcen verbraucht. "Machen wir uns nichts vor, es geht um Völkerwanderung", sagte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, "Wenn wir nicht bald reagieren, wird es uns am Ende allen auf die Füße fallen, egal, welches Parteibuch wir haben", erkannte der Linken-Politiker. Laut ZDF im Dezember
2017 will eine absolute Mehrheit der Bürger eine Begrenzung der
Aufnahme. So offenherzig die Hilfsbereitschaft des Staatsbürgers in der
Flüchtlingskrise 2015 war, so desillusionierend und katastrophal waren
die Folgen, die mit der Silvesternacht 2015/16 in Köln begannen und das friedliche Miteinander massiv beeinträchtigten. Die migrantische Gewaltkriminalität stieg auf nicht mehr
akzeptable Weise, das
Terrorjahr 2016 forderte mehr Tote und Verletzte als bspw. während den zwölf Jahren des NSU-Untergrundterrors.
Verheerend waren auch die Denunzierungen, die gegen legitime Kritiker und Skeptiker
losgetreten wurden, und die Versuche, die Meinungsfreiheit
zu beeinträchtigen und durch moderne Täuschungskünste Konformismus zu
erzeugen oder zu erzwingen, die zu widerwärtigen Begleiterscheinungen
und Hetze von
beiden politischen Rändern und den Medien selber führten. Wenn man das
Allgemeine richtig studieren will, braucht man sich nur nach einer
wirklichen Ausnahme umzusehen, der Staatsrechtler Carl Schmitt
formulierte: "Das Normale beweist nichts, die Ausnahme beweist alles;
sie bestätigt nicht nur die Regel, die Regel lebt überhaupt nur von der
Ausnahme. In der Ausnahme durchbricht die Kraft des wirklichen Lebens
die Kruste einer in Wiederholung erstarrten Mechanik." Die
Flüchtlingskrise der Jahre 2015/16 war diese Ausnahme, die vieles
durchbrach und in Frage stellte, was bisher in der Bundesrepublik galt
oder hingenommen wurde. Wer die Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas untersucht, sollte nicht die Symptome angreifen, sondern die Ursachen analysieren.
Auch in Willkommen, der Komödie des Autorenduos Lutz Hübner und Sarah Nemitz, scheitern fünf Flüchtlingsbefürworter am Praxistest der Gesinnung. Die von einer Wohngemeinschaft diskutierte Aufnahme von Flüchtlingen in die eigenen vier Wände findet am Ende nicht statt, der Flüchtling als abstraktes Wohltätigkeitsobjekt wird hier als
konkrete Person zum Eindringling, der geduldet wird, solange er nur
anderen zur Last fällt und man selber sein Leben unbehelligt fortführen kann. Willkommen
ist gutes und kurzweiliges Boulevard-Theater, das mit überraschenden
Entwicklungen und Wendungen und sehr guten Schauspielern überzeugt und bei dem Lachen nie zum Auslachen wird. Bei kritischeren Besuchern wird dennoch ein schales Gefühl bemerkbar sein, denn das Stück spielt Anfang 2016 und ist von der Zeit bereits überholt und läßt sich nicht auf Konflikte ein, es instrumentalisiert die Flüchtlingskrise als Folie für eine konventionell-kommerzielle Beziehungskomödie über Probleme in einer Wohngemeinschaft, die zwar auch locker Fehlentwicklungen und Streitthemen aufgreift, doch ansonsten unkritisch und unpolitisch ist und sich unbehelligt von den Zumutungen und Krisen der zukünftigen Realität zeigt. Wegsehen scheint aktuell leichter als Hinsehen.
Seit 1988 bin ich steter Besucher des Badischen Staatstheaters. Bei vielen Opern-, Theater-, Konzert- und Ballettvorstellungen im Jahr und Besuchen in anderen Städten verliert man schon mal den Überblick. Dieser Tagebuch-Blog dient mir seit der Spielzeit 2011/12 als elektronische Erinnerung. Bitte beachten Sie meine Intention: ich bin kein Journalist oder Kritiker, sondern schreibe hier lediglich persönliche Eindrücke, private Ansichten und Vermutungen für mich und Angehörige nieder.
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Sonntag, 14. Januar 2018
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