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Sonntag, 25. Juni 2023

Puccini - La Bohème, 24.06.2023

Schöner sterben in zeitloser Postkarten-Nostalgie 
Interimsintendant Ulrich Peters hat sich in seiner ersten Regiearbeit in Karlsruhe seit Amtsantritt eine sehr beliebte Oper vorgenommen. Die Winter- und Weihnachtsoper La Bohème gelang ihm als Sommerpremiere nach einem Samstag mit über 30°C in klassisch anmutender Schönheit. Die Inszenierung ist deutlich darauf angelegt, das Publikum zu versöhnen, sie will die Freude an Puccinis Bohème wecken und und sie nicht in Frage stellen oder diskreditieren. Und so gab es langen  Applaus für alle Beteiligten, viele Bravos und viele zufriedene Gesichter bei einer ausverkauften Opernpremiere.

Mittwoch, 29. Juni 2022

Donizetti - Roberto Devereux, 28.06.2022

Noch einmal! Weil's so schön war!
Roberto Devereux ist der Hidden Champion der Karlsruher Oper - eine Inszenierung, die unter anderen Umständen ein Klassiker wäre, also eine zeitlose Produktion, die man über Jahre immer wieder zeigen kann (beste Beispiele aus Sicht der Karlsruher Oper in den letzten vier Jahrzehnten: Giancarlo del Monacos Inszenierungen aus den 1980ern: Lucia di Lammermoor, La Bohème, Madama Butterfly oder Pavel Fiebers Hochzeit des Figaro). Unglückliche äußere Umstände haben Roberto Devereux aus dem Fokus gerückt, glücklicherweise hat die Karlsruher Operndirektion eine kleine, aber feine Wiederaufnahmenreihe ermöglicht, die durch hochengagierte, leidenschaftliche Interpretation einen verdienten Erfolg erfährt. Verdis Aida mag die beliebtere, publikumswirksamere Oper sein, doch dieser Roberto Devereux ist die wahre Perle im aktuellen Repertoire.

Montag, 6. Juni 2022

Donizetti - Roberto Devereux, 05.06.2022

Umjubelte Wiederaufnahme
Abgesehen vom öden Don Pasquale, der am Ende dieser Saison nach einem halben Jahr schnell wieder abgesetzt wird, gab es während der letzten  Intendanz schöne Donizetti-Produktionen, eine ordentliche Regimentstochter, eine spannende Anna Bolena, und wieso es der Liebestrank nicht wieder zurück in den Spielplan geschafft hat, wird vielen unverständlich bleiben. Das gestrige Wiederhören und Wiedersehen mit Harry Fehrs Inszenierung von Roberto Devereux ist auch nach drei Jahren (mehr hier) ein Vergnügen. Für die gestrige fulminante Vorstellung feierte das Publikum Sänger und Musiker mit vielen Bravo-Rufen und stehenden Ovationen.

Sonntag, 24. Oktober 2021

Mozart - La finta giardiniera, 23.10.2021

Hochmotiviert und beseelt
Seit 20 langen Monaten unterliegen die Theater den Virus-Beschränkungen und als man diese Spielzeit plante, konnte man nur ahnen, welchen Verlauf die Epidemie nehmen würde. Ein kleines Orchester, das nicht zu eng zusammensitzen darf, keinen Chor, eine überschaubare Anzahl an Sängern und ggf. eine durch Kürzung einfach zeitlich anpaßbare Oper - es mögen solche Erwägungsgründe gewesen sein, die dazu führten, daß nach über 35 Jahren Mozarts selten gespieltes Frühwerk La finta giardiniera auf die Bühne des Badischen Staatstheaters zurückkehrte. Doch die Rückkehr stand bei der gestrigen Premiere in vielerlei Hinsicht unter einem glücklichen Stern: hochmotivierte Sänger und Musiker und eine beseelte Aufführung in liebevoll gestalteter, attraktiver Inszenierung - der frühe Mozart erwies sich als Glücksgriff zum richtigen Zeitpunkt!

Sonntag, 18. Oktober 2020

Lehár - Die lustige Witwe, 17.10.2020

Krisen brauchen Komödien
Die erste Premiere im Musiktheater seit Februar konnte gestern stattfinden. In Baden-Württenberg wird ab Montag die Corona-Alarmstufe erhöht, das Robert-Koch-Institut meldete den dritten Tag in Folge ein neues Allzeithoch an Corona-Neuinfektionen und deutlich steigende Reproduktionszahlen. Wie im März, als die Politik das öffentliche Leben bei geringeren Zahlen zum Erliegen brachte, drohen neue harte Maßnahmen. Was bietet sich quasi am Vorabend einer stark aufflammenden Pandemie besser an, als sich zu amüsieren? Wer weiß, ob die Theater nicht bald wieder schließen müssen? Wer gestern Die Lustige Witwe in Karlsruhe erlebte, wird wohl besser temperiert und gelassener in die nächsten Tage gehen, die Freude, endlich mal wieder zu singen, zu spielen und zu musizieren war deutlich bemerkbar und übertrug sich aufs Publikum, das dann auch deshalb lange applaudierte, um Künstlern, Musikern und sich selber Zuversicht zuzuklatschen.

Dienstag, 11. Februar 2020

4. Symphoniekonzert, 10.02.2020

Das 4. Symphoniekonzert versprach bereits im Vorfeld ein Höhepunkt der Konzertsaison zu werden, denn die drei gespielten Werke erfordern eine schwereloses Musizieren. Und das gelang gestern bemerkenswert schön und gelöst.

Sonntag, 15. Dezember 2019

Mozart - Don Giovanni, 14.12.2019

Don Giovanni auf Koks und Alkohol
Sehr gute Sänger, insbesondere ein grandioser Konstantin Gorny und ein starker Nicolas Brownlee, sehr schön musiziert, ein überzeugendes Bühnenbild und eine Inszenierung, die in ihren besten Momenten konventionell und überraschungslos ist und an zentralen Stellen ambitionslos und dramaturgisch altmodisch wirkt. Es gab viel Applaus für die gestrige Premiere des neuen Don Giovanni, doch wer sich noch an Robert Tannenbaums Karlsruher Inszenierung aus der Saison 2006/2007 erinnert, der wird gestern vielleicht auch den Eindruck gehabt haben, über weite Strecken einen variierenden Abklatsch der letzten Produktion zu sehen, der weniger humorvoll und augenzwinkernd gelang, kaum Dramatik entwickelt und bei der die zugekokste, alkoholisierte und fast dauerschwankende, in einer tödlichen Psychose endende Titelfigur kaum Plausibilität gewann.

Sonntag, 20. Oktober 2019

Gounod - Faust, 19.10.2019

Groteske über toxische Weiblichkeit
Sängerisch und musikalisch war die gestrige Premiere von Gounods Faust ein voller Erfolg mit viel Applaus und Bravos für Sänger und Musiker. Mit Konstantin Gorny hat man den idealen Mephisto am Haus, Ina Schlingensiepen als Gretchen und Seung-Gi Jung als Valentin haben ihr Repertoire erfolgreich um eine weitere Paraderolle erweitert, und der seit dieser Saison neu im Ensemble singende thailändische Tenor Nutthaporn Thammathi hatte einen starken Einstieg.
Die sehr plakativ und holzschnittartig geratene Inszenierung hat Stärken und Schwächen, die Regie bleibt letztendlich unter ihren Möglichkeiten, weil sie unbedingt bedeutsam sein will und fast schon etwas verzweifelt bemüht ist, den Zeigefinger zu heben und irgendwie etwas zu verkünden. Doch wie so oft bei spießiger Besserwisserei und Belehrung: statt moralische Lehre gibt es inszenatorische Leere. Der Regisseur versucht, die unter dämonischen Vorzeichen spielende Geschichte Margarethes, die sich außerehelich von Faust schwängern läßt, versorgungslos verlassen wird, aus Verzweiflung ihr Kind tötet und im Kerker landet als "grelles Gesellschaftskarussell" zu zeigen. Das Ergebnis ist eine Groteske, in der toxisch-plumpe Männer auf toxisch-naive Weibchen treffen und die feministisch inszenierte Emanzipation Margarethes zu spät kommt: niemand zieht sie zur Rechenschaft oder verurteilt sie, sie beendet ihr verpfuschtes Leben durch Selbstmord. Die göttliche Rettung lehnt sie ab und verharrt in der Rolle als Opfer, das anderen die Schuld geben will. So ver(w)irrt das Resultat dieser Inszenierung auch auf der Bühne wirkt, es ist zu harmlos und gedankenschwach, als daß es stören würde, der positive Eindruck durch Sänger und Musiker dominiert die mißratenen Akte 4 und 5.

Sonntag, 24. März 2019

Donzetti - Roberto Devereux, 23.03.2019

Bravo! Bereits in der letzten Saison war Donizettis Anna Bolena ein schöner Erfolg für die Karlsruher Oper, die gestrige Premiere von Roberto Devereux übertraf sogar noch die Vorjahresproduktion und wurde ein in jeder Hinsicht überzeugender Leistungsbeweis von allen  Beteiligten, der mit viel Applaus und Bravos belohnt wurde.

Montag, 4. Juni 2018

Donizetti - Anna Bolena, 03.06.2018

Ein fast ungetrübtes Opern- und Belcanto-Glück
Königin zu sein war in früheren Jahrhunderten kein rosaner Prinzessinnen-Job. Geheiratet wurde nicht aus Liebe, sondern zu einem bestimmtem Zweck: männliche Nachkommen zu zeugen, die später als militärisch-politische Oberbefehlshaber das Erbe schützen sollten. Idealerweise kamen die zukünftigen Königinnen aus anderen bedeutenden dynastischen Familien, deren Unterstützung man sich dadurch sicherte. Anna Boleyn sollte einfach nur den Thronfolger des Hauses Tudor gebären. Das gelang und gelang nicht: kein Sohn, mehrere Fehlgeburten, nur eine Tochter: Elisabeth I., die dann zwar 45 Jahre Königin sein sollte, aber kinderlos starb. Der Dynastie ihres Vaters, der ihre Mutter enthaupten ließ, verweigerte sie sich. Die Tudors starben aus. Anna Bolena ist große romantisch-tragische Belcanto- und Primadonnen-Oper. Der englische König Heinrich VIII. bezichtigt seine Ehefrau Anna Boleyn der Untreue und läßt sie letztendlich hinrichten, um seine neue Favoritin Jane Seymour heiraten zu können - das bedeutet die größtmögliche Fallhöhe für eine Königin. Um dieses Beziehungsdreieck zwischen Anna, Heinrich und Jane geht es in Donizettis Oper, die das historische Drama als Grundlage für eine tragische Figurenkonstellation nimmt. Bei der stark bejubelten gestrigen Premiere gelang vieles.

Montag, 4. Januar 2016

Mozart - Die Entführung aus dem Serail, 03.01.2016

Die gestrige Wiederaufnahme von Mozarts Entführung aus dem Serail war aus verschiedenen Gründen interessant. Da ist zuerst der Gast zu nennen: Dirigent Alan Buribaev soll einer der Kandidaten für die Nachfolge von GMD Justin Brown sein. Zusätzlich hat man neue Sänger, die der fast ausverkauften Vorstellung aufgrund vieler Debüts Premierencharakter verliehen, sowie eine gut gemachte Inszenierung einer türkischen Regisseurin aus dem Jahr 2004. Damals gab es eine starke politische Aussage, die aber inzwischen überholt ist - die Realität ist an ihr vorbei gegangen, die Osmins haben die Bassa Selims schon längst abgedrängt.

Montag, 19. Oktober 2015

Meyerbeer - Der Prophet, 18.10.2015

Eine Grand Opéra als große Oper     
84 Jahre lang hat man am Badischen Staatstheater keine Oper von Jakob Meyer Beer alias Giacomo Meyerbeer mehr gespielt, das opulente, fünfaktige Musikdrama Le Prophète gab es in Karlsruhe seit 94 Jahren nicht mehr zu hören. Die gestrige Rückkehr endete vom Publikum umjubelt mit viel Applaus für alle, musikalisch hochwertig mit einer mit Bravo-Rufen überschütteten Altistin Ewa Wolak in der schweren Rolle der Fidès. Die spannende Regie rehabilitierte Meyerbeer indem sie das betonte, was man Meyerbeer oft vorwarf: sie betont die szenische Kraft, das äußerlich Dankbare, das Sensationelle, Effekt auf Effekt wie ein Varietéprogramm - eine Oper als Plakat, eine Inszenierung, die fast kein Klischee bei der Durchführung ihrer Idee ausläßt. Es scheint als könnte man vieles von dem, was die Kritik im 19. Jahrhundert dazu beitrug, um Meyerbeer von den Bühnen verschwinden zu lassen, nun anführen, um den szenischen Premierenerfolg zu erklären.

Sonntag, 25. Januar 2015

Puccini - La Bohème, 24.01.2015

Ein Gespenst ging gestern um im Badischen Staatstheater. Doch dem Karlsruher Publikum wurde durch Spuk nicht bang und es buhte das Gespenst des Regietheaters (also eine Regie, die sich wichtiger nimmt als Werk, Künstler und Publikum) mit selten erlebter Vehemenz und Lautstärke von der Bühne und erhöhte damit auch den Druck auf die künstlerisch weiterhin problematische Intendanz von Peter Spuhler. Dabei gab es eigentlich eine gute Nachricht vorweg: es gibt es also doch noch, das Karlsruher Opernpublikum. Es kam nur einfach nicht mehr. Nach oft schwach besetzten Premieren war gestern ausverkauft und auch die Stehplätze besetzt. Die B-Premiere am 28.01. ist ebenfalls bereits voll. Die Auslastungskrise der Karlsruher Oper scheint also tatsächlich hausgemacht und in Verantwortung des Intendanten. Ob diese Bohème den erhofften Stimmungsumschwung bewirkt, ist allerdings fraglich.

Was ist zu sehen (1)?
oder
"Soll ich euch meine Brüste zeigen?"
Regisseurin Anna Bergmann "ist bekannt für genaue und einfühlsame Frauenporträts", so das Badische Staatstheater. Auf Mimi ruht die Konzentration der neuen Karlsruher Inszenierung. Und zwar nur auf Mimi, alle anderen Bühnenfiguren sind nur Beiwerk, gewinnen keine Konturen und hampeln teilweise herum, als ob sie unwichtige Hintergrundfiguren sind, für die man sich keine Gedanken machen muß.
Mimi ist die Außenseiterin: sie gehört bekanntlich nicht selber zur Bohème und ist unheilbar an Tuberkulose erkrankt. Die Regisseurin greift zu einem bekannten und inzwischen etwas abgeschmackten Vorgehen, um diesen Fokus zu erreichen: sie lässt Mimi auf der Bühne doppelt erscheinen: die Sängerin wird durch eine Schauspielerin ergänzt: Dazu die Regisseurin: "Mit der Doppelung – die Sängerin auf der einen, die Schauspielerin auf der anderen Seite – können wir zwischen einer realen und einer Traumebene wechseln und unterstreichen die traumhaft-romantischen Momente der Opernhandlung. Die Schauspielerin Jana Schulz zeigt uns eine realistische Mimì, die die Handlung rahmt und gleichzeitig auch motiviert. ... Bei der Sängerin ist es der zarte, liebliche bis leidenschaftliche Gesang gepaart mit einer eher entrückten Spielweise und bei der Schauspielerin ein körperlich-hingebungsvolles und offenherziges Spiel." Leider mißlingt dieser Ansatz und verzerrt die ganze Oper, denn Sängerin und Schauspielerin sind zwar meistens als Zwillinge gleichzeitig auf der Bühne, doch dabei dominiert die 'die Handlung motivierende' Schauspielerin: sie interagiert oft mit den Sängern und zieht die Konzentration auf sich, während die Sängerin abseits steht und singt. Eine Intensivierung des Bühnengeschehens erreicht man dabei nicht, ganz im Gegenteil. Die naturalistisch leidende und verstörte Mimi stört meistens einfach nur.
Zu Beginn des vierten Akts kippte dann gestern die Stimmung beim Publikum durch einen bedauerlichen Fehlgriff der Regie: Die Schauspielerin beginnt zu sprechen, und zwar einen viel zu langen und nichtssagenden Monolog, mit dem man Mimis Verzweiflung deutlich machen wollte und doch nur nervte. Spätestens wenn die Schauspielerin dem Publikum anbietet, ihre Brüste zu zeigen, erreicht man einen Grad von unfreiwilliger Komik, der die Regie peinlich bloßstellt. "Nein!" antworteten mehrere Zuschauer laut vernehmlich auf das Angebot und eine Welle der Qual und des Kopfschüttelns über so viel dramaturgische Unbeholfenheit durchströmte spürbar das Haus. Man möchte sich gar nicht vorstellen, was passieren könnte, wenn amüsierte Zuschauer künftiger Vorstellungen Ja! und Ausziehen! rufen. Der Text des Monologs reicht also nicht aus, um zu fesseln oder das Gefühl einer sinnvollen Ergänzung zu erreichen - er wirkte als Störfaktor. Die etwas zu simplen und sterilen Hauptideen und ratlosen Bühnenumsetzungen der Regisseurin können nicht überzeugen und bleiben ohne positive Wirkung.

Was ist zu beachten?
La Bohème ist die Oper des romantisierten und verklärten Elends. Episoden aus dem Gefühlsleben - man lebt, lacht, liebt und leidet, man friert, hungert und stirbt. Ist das Leben in der Bohème selbstgewählt oder aufgezwungen? Ist es mehr individuelle Wahl oder Notlage? Für den Autor Henri Murger (*1822 †1861) waren die Bohèmiens ihre eigenen Gefangenen: zum Künstler berufen leben sie ohne Glück und sterben ohne Ruhm. Sie wollen nichts anderes als dieses Leben und künstlerische Anerkennung und erreichen ihre Ziele doch nicht. Lieber gehen sie zugrunde als einen Brotberuf zu wählen. Kiez oder Ghetto? Jedes Inszenierungsteam steht vor dieser Entscheidung. Manche Regisseure haben die Bohème im Drogen- oder Außenseiter-Umfeld angesiedelt, also einer Bühnenausstattung, die im harten Kontrast zur Musik steht. In Karlsruhe hat man dies glücklicherweise nur halbherzig getan: Drei Damen vom Straßenstrich und ein Obdachloser geben ein unscharfes Bild. Die Sänger der Bohème bleiben hingegen überwiegend undefiniert und blaß. Nur Colline hat als psychisch auffällige Person mit Bindung an seinen Teddybären etwas eigenes, Alcindoro und Benoît bekommen durch Kostüme einen Typ. Rudolfo, Marcello und Mustetta sind hingegen leblose Avatare.

Was ist zu sehen (2)?
oder

Zwischen Fiebertraum und Persönlichkeitsspaltung
Viele ungewöhnliche Entscheidungen trifft sie Regisseurin. So spielt die Oper nicht in Paris, sondern in New York, genauer gesagt alle vier Akte spielen am Angel of the Waters-Brunnen im Central Park. Es gibt also keine Mansarde, kein Café Momus, keine Barrière d'enfer, sondern ein Einheitsbühnenbild, in dem sich Mimi Liebe und Liebesleid erträumt. Die Regisseurin erklärt: "Der berühmte Brunnen im Central Park mit der wunderbaren Engelsstatue, den man aus vielen Hollywood-Filmen kennt, stellt einen Ort der Zuflucht und der Begegnung dar, an dem Mimì neue Menschen kennen lernt, an dem sie sich in Rodolfo verliebt, aus dem Wasser sprudelt, welches wieder versiegt, und wo Mimì letztlich stirbt." Wer vorab die spannenden Fotos sah (aktuell kann man sich hier auf den Seiten des Badischen Staatstheaters einen Eindruck verschaffen), bekam mehr versprochen als die Bühne hält, denn nicht alle Stimmungen der Bohème werden überzeugend vermittelt. Dennoch gehört das Bühnenbild von Ben Baur zur Habenseite dieser Inszenierung.

Mimi ist also verdoppelt: die todkranke und wohnungslose Mimi (sie lebt im Auto) der Schauspielerin sucht Anschluß und phantasiert bzw. erträumt sich die Beziehung zu Rudolfo herbei, nachdem sie ihn um eine Zigarette angeschnorrt hat. Dazu die Regisseurin: "Die Liebesbeziehung zu Rodolfo wird zu einem Sehnsuchtstraum, der durch Mimìs existenzielle Not, ihre Armut und Krankheit, begründet ist. Deswegen zeige ich das gesamte 2. Bild als eine surreal gefärbte und wunderschöne Welt voller Liebespaare, in der Mimì trotz ihrer tödlichen Krankheit unbeschwert und fröhlich ist." Der zweite Akt  ist fast schon plakativ als Klischee inszeniert, der Kinderchor hat einen schönen Auftritt. Der dritte Akt zeigt den nächtlichen Brunnen bei Schneefall und belanglose Videoeinspielungen mit schnellen Schnitten, der reizlose vierte Akt bleibt atmosphärisch hinter der ersten drei zurück und zieht sich wie Kaugummi in die Länge.

Die einzige Pause ist übrigens nicht nach dem zweiten Akt, also nach Ende des ersten Abends, sondern nach dem dritten, da die Regisseurin den Kontrast der beiden zentralen Akte direkt aufeinander prallen lassen wollte. So geht der erste Teil ca. 80 Minuten bis zur Pause, der zweite Teil (4.Akt) gerade noch knapp 30 Minuten (davon über 5 Minuten Monolg). Eine weitere unglückliche Entscheidung ohne Wirkung.

Was ist zu hören?
Für die Regie gab es feindselige Buhs, aber das intelligente Karlsruher Publikum weiß zu differenzieren und machte zum wiederholten Male den Tenor Andrea Shin zum Star des Abends. Für seinen schön und souverän gesungenen Rudolfo bekam er unzählige Bravos. Es gab lange nicht mehr so viel Begeisterung für einen Sänger vom Karlsruher Premierenpublikum! Überhaupt war es der Abend der Koreaner, denn auch Seung-Gi Jung als Marcello beeindruckte durch Kraft und Klarheit. Um Shin und Jung kann man ein Repertoire bauen - ihnen sollte in Karlsruhe die Zukunft gehören.

Man entschied sich gestern nicht, die Rollen nur mit jungen Sängern zu besetzen, sondern setzte bei der Premiere auf Sicherheit. Drei Sänger waren schon in der letzten Karlsruhe Bohème dabei. Die wunderbare Barbara Dobrzanska hat als Mimi schon vor wenigen Jahren überzeugt. Ihr Rollenportrait wurde gestern doppelt beeinträchtigt. Die Regie legt den Fokus auf die Schauspielerin und Dobrzanska sang zwar wie gewohnt sicher, aber auch ein wenig zu verhalten, als ob die von der Regie auferlegte Zurückhaltung auch sängerisch galt. Auch Ina Schlingensiepen war schon zuvor als Musetta in Karlsruhe bekannt und litt gestern darunter, daß die Regie sie nur als Nebenfigur am Rande definiert- sie überzeugte mit einer makellosen Arie im zweiten Akt. Konstantin Gorny litt hingegen unter einer Erkältung und mußte im vierten Akt aufgeben, Gorny spielte auf der Bühne, seine Mantelarie sang der kurzfristig ins Staatstheater geeilte Avtandil Kaspeli überzeugend sicher und schön von der Seite.
Johannes Willig dirigierte zu Beginn etwas verhuscht und übereilt, fing sich dann aber und zeigte einen symphonischen Zugriff auf die Partitur, bei der er immer wieder das Orchester klangstark ausmusizieren ließ und dabei gelegentlich die Sänger übertönte oder durch seine Tempowahl forderte.

Fazit: So makaber es klingt - es hätte schlimmer kommen können. Gerade mit La Bohème rächen sich viele Opernhäuser an ihren Zuschauer, indem sie die Poesie der Musik durch Häßlichkeiten entwerten. Der Karlsruher Versuch ist hingegen legitim, aber einfach zu schwach durchdacht und unbeholfen in Szene gesetzt. Das massive Buh-Konzert der Premiere könnte einer mittelmäßigen Temperierung bei den weiteren Aufführungen folgen und durch die musikalischen Qualitäten wird diese Bohème sich vielleicht doch besser etablieren als gedacht.

PS: Manche Neuinszenierung kommt nach 27 Jahren einfach zu früh
Diese Neuinszenierung von Puccinis La Bohème hätte es eigentlich gar nicht geben dürfen. Die letzte Inszenierung von Giancarlo del Monaco (sie lief in Karlsruhe von 1987 bis 2007) war im besten Sinne ein zeitloser und beliebter Klassiker - eine Inszenierung, die sich nie in den Vordergrund drängte und Stimmungen und Hintergründe atmosphärisch ideal ergänzte. Daß sie aus dem Repertoire und Fundus geschmissen wurde, erschließt sich nicht auf Anhieb, wobei man bei den letzten Vorstellungen aber nicht umhin kam zu bemerken, daß das Bühnenbild nach 20 Jahren zwischen Lager und Oper deutlich gelitten hatte - eine restaurierte Wiederaufnahme dieses Dauerbrenners wäre nur logisch gewesen. Den Zauber und die Intensität der 87-Bohème erreicht der aktuelle Versuch nicht: weder den Humor und die Ausgelassenheit, noch die Verliebtheit und das Erleben des Augenblicks und auch nicht die Traurigkeit und Verzweiflung von del Monacos unvergesslicher Inszenierung.

Team und Besetzung:
Mimi: Kammersängerin Barbara Dobrzanska
Musetta: Ina Schlingensiepen
Rodolfo: Andrea Shin
Marcello: Seung-Gi Jung
Schaunard: Andrew Finden
Colline: Kammersänger Konstantin Gorny /Avtandil Kaspeli (4.Akt)
Parpignol: Max Friedrich Schäffer
Monsieur Benoît: Edward Gauntt
Alcindoro: Yang Xu 
Ein Zöllner: Marcelo Angulo
Sergeant bei der Zollwache: Andrey Netzner
Mimi-Double: Jana Schulz

Regie: Anna Bergmann
Bühne: Ben Baur
Kostüme: Claudia González Espíndola
Choreografie: Krystyna Obermaier
Video: Sebastian Pircher

Musikalische Leitung: Johannes Willig
Chorleitung: Ulrich Wagner
Einstudierung Kinderchor: Anette Schneider
Kinderchor: Cantus Juvenum Karlsruhe e. V.

Sonntag, 14. Dezember 2014

Offenbach - Fantasio, 13.12.2014

Eine etwas vertane Chance
Über den neu editierten Fantasio konnte man vorab nur Lobeshymnen lesen: Die Oper gilt als wichtiger Zwischenschritt zu Hoffmanns Erzählungen und zu Unrecht als vernachlässigtes und vergessenes Meisterwerk. 142 Jahre nach der Premiere ist nun Offenbachs Oper zum ersten Mal wieder in der Ursprungsfassung für die Bühne inszeniert worden. Die Aufführung am Badischen Staatstheater zeigt szenisch und musikalisch Licht und Schatten. Es bleibt der Eindruck einer sehr guten Durchschnittlichkeit. Doch aus Fantasio hätte man mehr machen können.

Montag, 20. Januar 2014

Strauß - Die Fledermaus, 19.01.2014

Die gestrige Fledermaus-Operngala unterschied sich nur in zwei wesentlichen Besetzungen von der Premiere: als Gäste hatte man die norwegischen Sopranistin Solveig Kringelborn als Rosalinde und Martin Gantner aus dem Ensemble der Bayerischen Staatsoper als Eisenstein engagiert. Gantner hinterließ stimmlich und szenisch einen sehr guten Eindruck und bekam völlig zu Recht den meisten Applaus des Abends. Man hatte bei ihm den  Eindruck, einen sehr gut vorbereiteten und professionellen Sänger zu erleben, der nicht improvisiert und dennoch der Vorstellung seinen eigenen Stempel aufdrückt. Kringelborn hat eine beeindruckende Stimme; nur schade, daß sie gestern nicht ihren besten Tag erwischt hatte. Dafür gab es hauseigene Sänger, die den hohen musikalischen Standard des Abends erneut sicherstellten, allen voran eine sehr souveräne Ina Schlingensiepen. Und auch Christina Bock ist eine Klasse für sich: sie ist gerade erst von der Musikhochschule in dieser Spielzeit ins Ensemble gewechselt und es fällt leicht, ihre eine Karriere vorauszusagen. Ihre Rolle als Orlofsky (bzw. hier als greiser Herbert von Karajan) singt und spielt sie meisterhaft. Und auch den Chor und Justin Brown am Pult der Badischen Staatskapelle muß man herausheben. Viel Freude hat man bei dieser Fledermaus aus musikalischen Gründen.

Sonntag, 13. Oktober 2013

Verdi - Un Ballo in Maschera, 12.10.2013

Endlich wieder Ein Maskenball am Badischen Staatstheater! Über 30 Jahre mußte man in Karlsruhe auf eine Neuinszenierung dieser schönen Oper warten, über die man in einem alten Opernführer die Bemerkung findet, daß sie der erklärte Liebling aller Verdifreunde sei. Die MET in New York hat sie bereits ca. 300 mal gespielt. Nachdem das Badische Staatstheater bspw. mit Wallenberg und der Passagierin, mit Romeo und Julia auf dem Dorfe und Peter Grimes viel Sorgfalt auf weniger bekannte Opern richtete, galt es gestern, dem breiten Karlsruher Publikum mit Verdis Un Ballo in Maschera ein Geschenk zu machen: der neue Maskenball löste bei der Premiere musikalisch Begeisterung aus. Die Inszenierung bekam freundlichen Applaus - nicht mehr, aber auch nicht viel weniger. Doch es blieb der Eindruck, daß szenisch mehr möglich gewesen wäre.

Sonntag, 21. April 2013

Donizetti - Die Regimentstochter, 20.04.2013

Endlich mal wieder etwas aus dem Belcanto-Repertoire! Und das war vielleicht das Schönste an der gestrigen Premiere: der einhellige und herzliche Jubel für Ina Schlingensiepen und Eleazar Rodriguez, die ihre anspruchsvollen Hauptrollen so schön und sicher sangen. Es heißt, daß Felix Mendelssohn Die Regimentstochter bewunderte und gerne selber komponiert hätte. Donizettis komisches Meisterwerk bietet große Szenen und berühmte Arien für die Sänger, eingängige Musik und viel Leichtigkeit und Witz - in Karlsruhe gelingt dies in hohem Maße in einer guten Inszenierung.

Worum geht es?
Die Oper spielt zu Zeiten Napoleons. Die französischen Revolutionstruppen kämpfen 1805 gegen Österreich und sind in Tirol. Die Handlung von Donizettis fröhlichster Oper ist harmlos und eingänglich. Kurz gesagt: das von Soldaten großgezogene Sopran-Findelkind Marie findet ihre Mutter (die Marquise von Berkenfield) wieder und darf am Ende den Tenor Tonio heiraten.

Marie, Tochter einer illegitimen Beziehung zwischen einem bürgerlichem Soldaten und einer adligen Mutter, die sie nie kennenlernte, wurde nach dem frühen Tod ihres Vaters von dessen Regimentskameraden und dem Sergeanten Sulpice großgezogen. Marie kennt nur das Soldatenleben und hat viele "Väter" im Regiment. In Tirol verliebt sie sich "in den Feind" - in den Tiroler Tonio. Um Marie heiraten zu können, tritt dieser in die französische Armee ein - er will so die Zustimmung von Maries "Väter" erhalten. Doch kaum ist dies geschehen, wendet sich das Blatt. Sulpice findet in Tirol durch Zufall Maries Tante, die sich später als deren Mutter erweist: die Marquise von Berkenfield nimmt die burschikose Marie mir auf ihr Landgut, um aus ihr eine Dame der besseren Gesellschaft zu machen und sie standesgemäß zu verheiraten. Eine schwierige und für das Publikum amüsante und unterhaltsame Aufgabe. Doch letztendlich gibt die Marquise nach: Marie kriegt Tonio.

Was ist zu sehen?
Regisseurin Aurelia Eggers stand vor einer einfachen Aufgabe: Die Regimentstochter muß Spaß machen. Diese Aufgabe hat sie gut gelöst, im ersten Akt gab es zwei mal Szenenapplaus für die Inszenierung. Das Bühnengeschehen ist abwechslungsreich mit überwiegend guten Einfällen.
Eggers bemüht sich vor allem um politische Korrektheit. Um die 200 Jahre alte Militärseligkeit dieser Oper zu entwaffnen und verniedlichen, setzt sie auf Satire und lässt bspw. die Soldaten im ersten Akt zum Lange-Unterhosen-Appell antreten, bei der Marie die Regimentsväter mit der passenden Alpen-Unterwäsche ausstattet. Die Bühne ist in einen Rahmen gefasst, das Bühnenbild ist pittoresk im Stil eines kolorierten Stichs. Der historische Kriegshintergrund wird zur allegorischen Auseinandersetzung zwischen den von Schauspielerinnen gespielten Ländern Frankreich und  Österreich, die während der Ouvertüre in Streit geraten und sich mit Kanonen beschießen.
Auf Kostümebene sind die französischen Soldaten in typischen Uniformen der napoleonischen Zeit; Eleazar Rodriquez ist als Tonio anfänglich fesch in Trachtenbekleidung, Marie ist dagegen zu Beginn in einem aktuell zeitgemäßerem Outfit. Der Landadel hingegen besteht aus Gruftis und erinnert an Figuren aus alten amerikanischen Schwarz-weiß-Gruselfilmen. Bei ihrem Auftritt zeigt die Regisseurin buchstäblich uralten Adel. Nachdem sich kurz zuvor Donzetti im Trio Tous les trois réunis als musikalisches Vorbild für Jacques Offenbach zeigte, inszeniert Eggers im Schlußbild eine kurze Offenbachiade mit entsprechenden musikalischen Anleihen - dieser Abschnitt ist der diskutabelste dieser Regimentstochter, da sein Witz nur auf Klamauk beruht und den Schluß eher zu verzögern scheint, statt zum Ende nochmal Tempo zu gewinnen.

Was ist zu hören?

Donizettis 67 erhaltene Opern haben ein wechselvolles Bühnenleben. Vor allem die drei komischen Opern Der Liebestrank, Die Regimentstochter und Don Pasquale sowie die tragische Lucia di Lammermoor sind immer auf den Opernbühnen präsent gewessen. Andere werden mehr oder weniger regelmäßig wieder neu entdeckt oder vergessen. Donizettis für Paris in französisch komponierte komische Oper La fille du régiment ist eine der schönsten und witzigsten ihres Genres mit sehr anspruchsvollen und schwierigen Rollen für die Sänger. Maries Abschiedsarien Il faut partir am Ende des 1. Akts und Par le rang et par l'opulence im 2. Akt sind große Arien, die auch in Donizettis tragischen Opern ihren Platz gefunden hätten und wurden gestern von Ina Schlingensiepen zum Dahinschmelzen schön gesungen. Sie bleibt ihrer Rolle als Marie nichts schuldig: anfänglich lebhaft burschikos und doch feinfühlend und entwaffnend beherrscht sie in jeder Hinsicht die Szenerie und wird von Eleazar Rodriguez ideal ergänzt. Besonders die erste Arie des Tonio am Ende des 1. Akts gilt wegen der extrem hohen Lage (neun hohe C!) als schwierige Paraderolle und wurde von dem jungen Mexikaner bravourös gesungen. Für den Tenor eine geglückte und glückliche Premiere. Das Ganze wird verfeinert durch Edward Gauntt als Sulpice, Sarah A. Hudarew als Marquise und einem sehr guten Chor. Es lohnt sich auch immer wieder, der Badischen Staatskapelle unter Johannes Willig zuzuhören und sich bewußt zu machen, was dort Schönes und Großes von Donizettis erklingt.

Fazit:  Ein Triumph für Ina Schlingensiepen, viel Jubel für Eleazar Rodriguez, Edward Gauntt und Sarah A. Hudarew, die zusammen mit allen andern Sängern und dem Chor sowie dem Orchester die Garanten dafür sind, daß diese Regimentstochter immer wieder fröhlich und ausgelassen wirkt und ihr Publikum fast durchgängig sehr gut unterhält. 

PS(1): Ina Schlingensiepens großes Rollendebut wurde noch veredelt: Intendant Peter Spuhler und sein Vorgänger Achim Thorwald kamen beim Schlußapplaus auf die Bühne und verliehen ihr den Titel Kammersängerin. Herzlichen Glückwunsch!

PS(2): Die Idee, Marie als Regimentswäscherin zu zeigen, wobei im Hintergrund lange Unterhosen zum Trocknen aufgehängt sind, erinnert allerdings sehr stark an die DVD Produktion des Royal Opera House 2007 mit Natalie Dessay und Juan Diego Flórez ...

PS(3): Im Publikum waren neben Achim Thorwald bspw. auch Thomas Brux, Justin Brown, Katharine Tier und Stefan Viering

Team und Besetzung
Marie: Kammersängerin Ina Schlingensiepen 
Tonio: Eleazar Rodriguez
Sulpice: Kammersänger Edward Gauntt
La Marquise de Berkenfield: Sarah Alexandra Hudarew
Hortensius: Lucas Harbour
La Duchesse de Crakentorp: Tiny Peters
Ein Offizier: Thomas Rebilas
Ein Bauer: Jan Heinrich Kuschel
Ein Notar: Martin Beddig

Dirigent: Johannes Willig
Regie: Aurelia Eggers
Bühne & Kostüme: Rainer Sellmaier

Sonntag, 9. Dezember 2012

Künneke - Der Vetter aus Dingsda, 08.12.2012

Auch in dieser Spielzeit gibt es wieder eine Operette. Und auch in dieser Spielzeit kann man wieder feststellen, daß man sich beim Badischen Staatstheater viel Mühe gegeben hat, um eine abwechslungsreiche und unterhaltsame Inszenierung auf die Bühne zu bringen. Und darüber hinaus muß man klar feststellen, daß Der Vetter aus Dingsda eine der besten Operettenaufführungen seit sehr langer Zeit ist. Die gestrige Premierenvorstellung war zu Recht aus vielen Gründen umjubelt.

Was ist zu hören?
Eduard Künnekes  (*1885 †1953)  bekannteste Operette erlebte ihre Uraufführung 1921 in Berlin: zu einer Zeit als der Foxtrott seinen Siegeszug antrat - und den und andere damals angesagte Tanzrhythmen hört man auch bei Künneke. Die musikalische Leitung hat man in die Hände eines Experten gelegt: Der Dirigent Florian Ziemen hatte bereits 2010 eine viel gelobte Produktion von Künnekes Operette in Bremen geleitet und gilt als Spezialist für die Partitur.  Was er gestern  aus der Partitur machte, war eine Offenbarung: "ein musikalisches Meisterwerk des Unterhaltungstheaters auf hohem satztechnischen Niveau und mit raffinierten Orchestrierungen" - der Dirigent hielt, was das Programmheft verspricht und hat eine Musizierpraxis gefunden, bei der die Musik nie seicht oder platt-sentimental klingt, sondern voller Esprit und Schwung und ohrwurmtauglicher Melodien ist. In Bremen wie auch in Karlsruhe reduzierte Ziemen das Orchester im Stile eine Tanzkapelle und hat damit alles richtig gemacht. Bravo!

Das ganze Ensemble zeigte so viel Spielfreude und Spaß, daß man alle hervorheben kann. Ina Schlingensiepen in der Hauptrolle ist sängerisch und schauspielerisch in bestechender Form, ebenso ihr Partner Sebastian Kohlhepp, der den bekanntesten Ohrwurm "Ich bin nur ein armer Wandergesell" als einen Roland-Kaiser-Gedächtnis-Schmachtfetzen zwerchfellerschütternd präsentiert. Kohlhepp wechselt in der kommenden Spielzeit ins Ensemble der Wiener Staatsoper - ein sehr bedauerlicher Verlust für Karlsruhe.
Christina Bock ist noch Mitglied des Opernstudios, doch davon war gestern nichts zu bemerken: sie sang, spielte und tanzte als Hannchen so überzeugend, als würde sie schon lange gewöhnt sein, wichtige Rollen auf der Bühne zu verkörpern.
Und wer es noch nicht wusste, welches Multitalent Rebecca Raffell ist, der kann sich davon überzeugen, daß sie nicht nur als Opern- und Operettensängerin, sondern auch als Komödienschauspielerin oder mit ihrer besonderen Stimme als (Synchron-)Sprecherin für Film, Funk und Fernsehen arbeiten kann.
Dazu der australische Bariton Andrew Finden (übrigens in sehr gutem Deutsch), Max Friedrich Schäffer (der kurzfristig für den Vater werdenden Florian Kontschak einsprang) und Routinier Hans-Jörg Weinschenk sowie zwei Gastdarsteller als Dienerpaar. An alle Sänger: Bravo!

Die 1920er im Gewand der 1960er
Das Inszenierungskonzept von Bernd Mottl zeigt laut Staatstheater die Handlung als groteske Erbschleicher-Komödie konzipiert und ästhetisch an Edgar Wallace Filme angelehnt. Der Regisseur meint im Programmheft, daß "dieser liebevoll, schmunzelnde Rückblick viel damit zu tun hat, wie wir heute auch auf Operette gucken können". Diese Einordnung ist noch der diskutabelste Punkt der Inszenierung, ohne daß man von einem Mangel sprechen kann, denn es ist weniger die Handlung oder die Bühne, die die Karlsruher Inszenierung ausmachen, sondern die ironische Stimmung, die Situationskomik und auch im positiven Sinne das richtige Maß an Klamauk. Hervorheben muß man unbedingt den Choreographen Otto Pichler, der die Sänger gekonnt und witzig tanzen lässt. Bravo!


Fazit: Operettenglück - umfassend und auf hohem Niveau. Eine schöne Komödie, großartige Sänger und vor allem musikalisch einer der seltenen Fälle, in denen Operettenmusik richtig zündet.

Besetzung und Team
Julia de Weert: Ina Schlingensiepen                
Hannchen, ihre Freundin: Christina Bock    
August Kuhbrot, der erste Fremde: Sebastian Kohlhepp     
Roderich de Weert, der zweite Fremde: Andrew Finden   
Joseph Kuhbrot: Kammersänger Hans-Jörg Weinschenk        
Wilhelmine Kuhbrot: Rebecca Raffell
Egon von Wildenhagen: Max Friedrich Schäffer
Diener Hans: Eric Rentmeister        
Diener Karl: Frank Wöhrmann

Musikalische Leitung: Florian Ziemen
Regie: Bernd Mottl
Bühne: Friedrich Eggert
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Choreographie: Otto Pichler

Sonntag, 26. Februar 2012

Händel - Giove in Argo, 25.02.2012

Händels Jupiter in Argos (uraufgeführt 1739) stammt aus einer Zeit, als die italienische Oper in London im Niedergang war und sich Händels zweite Karriere als Oratorienkomponist abzeichnete. Kurz vor Giove in Argo war das Oratorium Israel in Ägypten aufgeführt worden. Hinweise für den sich ändernden Publikumsgeschmack finden sich auch in dieser Oper: es fehlen Kastraten, es gibt ungewöhnlich viele Chorsätze, mehr als in jeder anderen Händel Oper, und es ist ein relativ kurzes Stück: ca 2,5 Stunden Spieldauer.

Giove in Argo ist eine Pasticcio Oper, also eine Zusammenstellung bereits verwendeter Arien und Musik zu einer neuen Oper. Im 2. und 3. Akt ist zusätzlich jeweils eine Arie des Komponisten Franceso Arraia eingefügt. Die Ausnahmestellung dieses Werks beruht darauf, daß es die einzige Pasticcio Oper ist, für die Händel auch neue Musik komponierte. Unter der wieder verwerteten Musik finden sich unter anderem Chorsätze aus Acis und Galatea von 1717, aber auch Arien aus Händels Oper Faramondo von 1738, also aus über 20 Schaffensjahren.

Als Chor für die konzertante Aufführung im Zuge der Händel Festspiele wurden die knapp 30 Sänger (darunter auch Countertenöre) des Vocalensembles Rastatt  verpflichtet, das von dessen Gründer und Leiter Holger Speck ideal einstudiert war und einen sehr guten Eindruck hinterließ. Die gewohnt souveränen Händel-Solisten wurden ebenfalls von Holger Speck dirigiert: wohl temperiert, aber zu gleichförmig und etwas zu langsam - Giove in Argo entwickelte bei ihm nicht das abwechslungsreiche und variable Orchesterspiel, das ansonsten die Händel Festspiele prägt. Doch dafür war der Musizierstil sehr Stimmen-freundlich: allen Sängern hörte man an diesem Abend sehr gerne zu!

Kirsten Blaise (Calisto) ist seit fast 10 Jahren die prägende Sängerin der Händel Festspiele. Wer Blaise in den vergangenen Jahren gesehen und gehört hat, der weiß um ihre sehr starke Bühnenpräsenz. Selbst bei einer konzertanten Aufführung wie gestern nimmt sie das Publikum für sich ein.  Als Gäste sangen  die Mezzosopranistin Amira Elmadfa (Iside), der Tenor Markus Brutscher (Arete) und der Bassist Markus Flaig (Liacone). Dazu die bewährten Ensemblemitglieder Armin Kolarczyk (Erasto) und Ina Schlingensiepen, die für ihre erkrankte Kollegin Stefania Dovhan als Diana einsprang. Sängerisch eine rundum gelungene Aufführung.

Wer die nach heutigem Maß mythologisch überfrachtete Handlung durchliest, hat schnell Verständnis für die konzertante Aufführung, die ein weiterer Baustein zur Vervollständigung der Händel-Opern in Karlsruhe darstellt. Bemerkenswert ist das Engagement der diesjährigen Festspielleitung: das Libretto zu Alessandro war seit Wochen im Internet abrufbar, gestern bekam das Publikum das komplette Textbuch von Giove in Argo zum Mitlesen. Ein sehr aufmerksamer Service - vielen Dank an das Staatstheater!

Montag, 19. Dezember 2011

Offenbach - Ritter Blaubart, 17.12.2011

Seit 2007 gab es keine neue Operetteninszenierung des Badischen Staatstheaters. Hat jemand die Sparte Operette vermisst? Offensichtlich schon, das Karlsruher Publikum scheint ungeduldig darauf gewartet zu haben: schon vor der Premiere waren die Tickets für die fünf bereits annoncierten Termine zu über 90% verkauft, nur die überteuerte Silvesteraufführung ist (bisher) geringer gebucht.

„Aufmüpfig, bissig und frech“ wolle man den Schwerpunkt Operette in den nächsten fünf Jahren gestalten ließ die Opernleitung verbreiten, denn diese „Werke haben nicht nur musikalisch noch immer viel zu sagen, auch die Geschichten, und vor allem wie sie erzählt werden, haben kaum an Sprengkraft verloren.“ Das ist leider in jeder Hinsicht zu hoch gegriffen. Die Operette kämpft gegen den Verdacht eine verstaubte, betuliche und nicht wirklich modernisierbare Kunstform zu sein, die bestenfalls gute Unterhaltung ohne Nach- und Tiefenwirkung bietet. 

Der Karlsruher Blaubart ist Operette auf der Höhe ihrer Möglichkeiten: Carsten Golbeck hat den Text des 1866 uraufgeführten Werks für die Karlsruher Aufführung  neu angepasst und aktualisiert, und zwar gekonnt, witzig und intelligent. Regisseur Aron Stiehl, Bühnenbildner Jürgen Kirner und Kostümbildnerin Franziska Jacobsen liefern eine sehr einfallsreiche Arbeit ab, mit vielen amüsanten und liebevollen Details; eine durchweg unterhaltsame Inszenierung mit wenig Durchhängern, die Tagespolitik, Satire und Klamauk gekonnt kombiniert. Es herrscht ein wilder Stilmix auf der Bühne vor: die Schäferidylle des ersten Bildes spielt in der Bergwelt der Alpen und erinnert an die Idylle der Heimatfilme der 1950er Jahre. Blaubarts erster Auftritt erfolgt in mittelalterlicher Rüstung. Der Königspalast und seine Personen kombiniert Queen Mum, Charlie Chaplin und Sissi Filme. Für die Zuschauer gibt es viel zu sehen.

Zu hören gibt es eine sehr gute Ensembleleistung: Blaubart sang als Gast Carsten Süß, an den sich eventuell noch einige durch seine Karlsruher Auftritte in Verdis Falstaff und Puccinis Gianni Schicchi erinnern. Außerdem Stefanie Schaefer (Boulotte), Ina Schlingensiepen (Fleurette/Hermia), Sebastian Kohlhepp (Prinz Saphir), Armin Kolarczyk (Oscar), Gabriel Urrutia Benet (Popolani) und Sarah Alexandra Hudarew (Königin Clémentine). Kammersänger Hans-Jörg Weinschenk (König Bobèche) war schon im letzten Karlsruher Blaubart in der Spielzeit 1990/1991 dabei (damals in der Inszenierung von Wolfgang Quetes), ebenfalls in dieser Rolle und überzeugte wie gewohnt als Komödiant und Schauspieler.

Überhaupt: Alle Akteure zeigten sehr hohe Spielfreude. Man konnte ihnen ansehen, daß ihnen ihre Rollen Spaß machten. Schon im Vorfeld der Premiere hatte der Regisseur den Karlsruher Chor in höchsten Tönen gelobt und hatte verlauten lassen, daß dieser mit seinem Engagement und seiner Professionalität einen wesentlichen Beitrag zur Inszenierung geleistet hat. Das bewies der Chor auch eindrucksvoll. Sogar die mitspielenden Statisten durften ihr schauspielerisches Talent beweisen.

Beim Publikum kam die Premiere sehr gut an. Unter den Abonnenten und dem Opern-Stammpublikum gab es allerdings auch einige ältere Zuschauer (ob nun an Jahren oder nur im Kopf), die den Humor der Aufführung unter ihrer Würde fanden und indigniert den Eindruck vermittelten, daß sie lieber Wagners Götterdämmerung gehört hätten. Diese Sicht wurde von der großen Mehrheit des Publikums allerdings nicht unterstützt: es gab berechtigterweise viel, langen und starken Applaus für alle Beteiligten. Den Operettenfans wird diese Inszenierung gefallen!