Viel Lärm um .... fast nichts!
Vor zwei Jahren beklagte sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung über den "fiebrigen Schimmelbefall der deutschsprachigen Theater mit grassierendem Morbus Bearbeiteritis" und darüber, daß "die Theater vor keiner hirnrissigen Roman- oder Filmadaption zurückschrecken". Aus welchem Grund hat man nun am Badischen Staatstheater Hesses umfangreichen (aber doch nicht handlungsreichen) letzten Roman für die Bühne bearbeitet? Eine zufriedenstellende Antwort gab die Premiere nicht, triftige Gründe für die Bühnenfassung kann man in Karlsruhe nicht belegen. Die Bühnenfassung ist episodisch und zieht sich ohne spannende Dramatik oder interessante Konflikte zäh dahin. Eine außergewöhnliche Bühne ist zu wenig, um den Abend erträglicher zu gestalten.
Vorbemerkung: Zur Verdeutlichung befinden sich in einfacher Anführung und kursiver Schrift 'Roman-Textstellen' aus dem Buch.
Zukunftsutopie - Was ist das Glasperlenspiel?
Hesses Roman spielt in ferner Zukunft. Das Glasperlenspiel ist eine zukünftige Entwicklung, also eine überwiegend abstrakte Idee, sowohl im Roman als auch in der Karlsruher Bühnenadaption. Was ist seine Bedeutung? Nach der 'Demoralisierung des Geistes' und des 'Wahrheitssinnes' in der kriegerischen Phase des 20. Jahrhunderts entwickelt eine 'heroisch-asketische Gegenbewegung' über Jahrhunderte mit dem Spiel eine auf Musik und Mathematik basierende, universale 'Weltsprache des Geistigen', eine Vernetzung der Wissenschaften durch etwas, das einer musischen Programmiersprache ähnelt. Das Spiel ist der 'Inbegriff des Geistigen und Musischen' und ein 'sublimer Kult'. Dieser Kult 'enthielt sich jeder eigenen Theologie' und war doch 'nahezu gleichbedeutend mit Gottesdienst' für den echten Spieler. Das 'magische Spiel' verlangt 'seelische Zucht' und 'Hingabe', die 'Loslösung des Geistigen aus dem Weltbetrieb' und ist eine 'symbolhafte Form des Suchens nach dem Vollkommenen'. 'Weltsinn erkennen' ist durch das Glasperlenspiel zum 'Ersatz für Kunst und Philosophie' geworden. Der 'Verzicht auf Hervorbringung von Kunstwerken' ist eine Folge davon.
Worum geht es (1) - Utopie als Zeitkritik
Hesses Roman entstand vor und während dem 2. Weltkrieg und wie jede gute
Zukunftsvision liegt ihre Bedeutung in der Reflexion der Gegenwart. 'Ungeistigkeit und Brutalität' sind die Folgen der 'öden Mechanisierung des Lebens, das tiefe Sinken der Moral', 'Glaubenlosigkeit' und 'Unechtheit', bzw. 'keine echte Bildung und keine echte Kunst', sondern eine 'wilde und dilettantische Überproduktion in allen Künsten'. Entwickelt hat sich dieser Zustand im von Hesse sogenannten 'feuilletonistischen Zeitalter', in der 'der Geist eine unerhörte und ihm selbst nicht mehr erträgliche Freiheit genoß' und sich ein verantwortungsloser, egoistischer und narzisstischer Individualismus breit macht und 'das Wesentliche einer Persönlichkeit das Abweichende, das Normwidrige und Einmalige, ja oft geradezu das Pathologische' geworden sei.
Zur Aktualität des Romans (1)
Nirgends ist der Roman aktueller als in den kritischen Aussagen zur Kultur des 20. Jahrhunderts und dort über die 'Demoralisierung des Geistes' und die 'Inflation der Begriffe'. Der heute deregulierte Markt für die digitale Verbreitung von Informationen ist durch
substanzielle Reduktion der Qualität bei steigender Quantität der Meinungsverbreitung geprägt. Aufgrund von Vermarktungs- und Profilierungszwängen verbergen sich fehlende Haltung oder mangelnde Originalität und Kreativität hinter leeren Gesten, wichtigtuerischem
Aktionismus, politischem Relevanzgetue und moralischer Besserwisserei. Überall wimmelt es von Skandalen, Empörungen und wichtig erscheinenden News, die dann doch bald wieder vergessen sind. Hesse analysiert: 'Über jedes Tagesereignis ergoß sich eine Flut von eifrigem
Geschreibe, und die Beibringung, Sichtung und Formulierung all dieser
Mitteilungen trug durchaus den Stempel der rasch und verantwortungslos
hergestellten Massenware'. Die Generation Facebook mit der Selbstdarstellung des Banalen ist eine Folgeerscheinung.
Geradezu prophetisch kann man auch gewisse Äußerungen Hesses lesen, die an heutige Zustände in Polit-Talk-Shows erinnern, in denen 'beliebte Schauspieler, Tänzer, Turner, Flieger oder auch Dichter sich ...über die mutmaßlichen Ursachen von Finanzkrisen und so weiter' äußerten. 'Es kam dabei einzig darauf an, einen bekannten Namen mit einem gerade aktuellen Thema zusammenzubringen'. Die Folge all dessen ist ein dumpfer Zynismus: 'Es herrschte bei den Guten ein still-düsterer, bei den Schlechten ein hämischer Pessimismus'. Problematisch ist diese Aktualität dadurch, daß sie im Roman nur beschrieben wird und keine Handlungselemente vorhanden sind. Und auch die Karlsruher Inszenierung kann sie nicht gewinnbringend integrieren.
Worum geht es (2) - Eine seltsame Utopie in altmodischem Gewand
Bereits 1948 erkannte der spätere Suhrkamp Verlagsleiter Siegfried Unseld, daß man Hesses Roman "als skurril-abstrakte Spielerei eines Alternden abtun" könnte. Es ist ein seltsames Konstrukt, das Hesse in seiner Utopie entwirft. Eine elitäre Sonderwelt der Hochbegabten, durch eine geistige und räumliche Umsiedlung getrennt vom "normalen Leben" in der Provinz Kastalien – ein Ort des politik- und geschichtslosen Daseins in einer 'Sphäre der Zeit- und Kampflosigkeit' – finanziert und versorgt von den "normalen Menschen", die der Elite ihr exklusives Geistesleben ermöglichen und im Gegenzug pädagogische Leistungen erhalten. Hesses Figuren sind etwas Besonderes, eine Geistes- und Empfindungselite, die in 'streng eingehaltenem Abstand von den Normalen' lebt. Auffallend oft kommt in Hesses Roman das Wort Elite vor, das kastalische Prinzip beruht auf 'der Auswahl der Besten'. Die Hauptfigur Josef Knecht spürt als Knabe ein 'Entfremdungsgefühl' und die Unerträglichkeiten der gewöhnlichen Welt. Doch 'sein Leiden hatte Sinn gehabt', er wurde, wie andere 'Hochbegabte und Berufene', für die kastalische Ordensschule und sogar in der Folge für die 'engste Elite innerhalb der Elite' erwählt und sah seine 'Berufung als Mahnung und Förderung'.
Der kastalische Orden ist geprägt durch 'Selbstzucht und Würde des Geistes' und den 'Dienst am Überpersönlichen', eine streng hierarchische 'mönchische Gemeinschaft', 'besitz- und ehelos', aber nicht sakral und ohne verbindlichen Jenseitsglauben. Frauen kommen in der kastalischen Welt nicht vor und spielen in dem Roman keine Rolle. Einige Auserwählte dürfen in dieser Utopie geistiges Slow Food genießen, 'während draußen im Schmutz der Welt arme gehetzte Menschen das wirkliche Leben leben und die wirkliche Arbeit tun'. Hesse baut diese Utopie allerdings auf, um ihre Fragwürdigkeit zu zeigen. Die Moral von der Geschichte könnte man folgendermaßen zusammenfassen: Gelehrte im Elfenbeinturm dürfen den Kontakt zum Leben und zu den Menschen nicht verlieren. Ein selbstgemachtes Problem als Gedankenexperiment, fast ohne äußere Handlung und von inneren Entwicklungen bestimmt.
Worum geht es (3) - Dem Wahren, dem Schönen, dem Heiteren
Hesse zeigt sich als Wertkonservativer: Die 'oberste und heiligste Aufgabe' Kastaliens besteht darin, 'dem Lande und der Welt ihr geistiges Fundament zu erhalten, das sich auch als ein moralisches Element von höchster Wirksamkeit bewährt hat', 'Ehrfurcht vor der Wahrheit', 'Treue gegen den Geist'. 'Heiterkeit' ist in Kastalien 'das höchste edelste aller Ziele'. 'Diese Heiterkeit ist ... höchste Erkenntnis und Liebe, ist bejahen aller Wirklichkeit ... eine Tugend der Heiligen'. Heiter ist 'das Lächeln der Weltüberwinder und Buddhas'. Wie wird dieser Zustand erreicht? Der 'Kult der Wahrheit', der 'Kult des Schönen', verknüpft mit 'meditativer Seelenpflege kann also die Heiterkeit nie ganz verlieren'. Wie stellt man diese Fundamente dar? Gar nicht! Den spirituellen Aspekt des Buches übersetzt man in Karlsruhe gar nicht erst auf die Bühne. Es ist diskutabel, was von Hesse bleibt, wenn man diese Aspekte ausblendet.
Künstliche Konstruktion
Der Roman wirkt in der Summe abstrakt, wirklichkeitsfern und künstlich
und ist aufgrund vom Form und Stil heutzutage wenig inspirierend. Hesse
konstruiert eine symbolisch getrennte Welt ohne Grautöne, ein zu rigides
Schubladensystem zwischen 'Elitehochmut' und 'naiven Leben'.
Die psychologisch zurückhaltende und sogar einfache Charakterisierung
bietet wenig Konfliktstoff, der gediegene Legendenstil (Unseld sprach
bereits 1948 von einem "ehrfürchtig-meditativem Ton") verhindert
kritische Reflexion des Erzählers. Es sind Figuren ohne Tiefe, die in
eine Bedeutungsperspektive gerückt werden. In Karlsruhe sah man darin eine Chance, "die Leerstellen in eigener kreativer Mitarbeit zu füllen". Das Badische Staatstheater begründete das wie folgt: "Hesse war auch kein völlig unfehlbarer Typ, er kochte auch nur mit Wasser". Ah ja, argumentativ ist das vielleicht für den aufmerksameren Besucher nicht ganz überzeugend. Man macht in Karlsruhe aus einigen naheliegenden Themen ein wenig Theater: zu Beginn ein wenig Freundschafts- und Pubertätsdrama, ein wenig latente Homoerotik (Männerbünde und Knabenliebe scheinen immer noch bei manchen Theaterleuten ein gewisses Interesse auszulösen), ein wenig Lebensdrama und unterdrückte Leidenschaften. Über Ansätze in der Charakterisierung kommt man dabei nicht hinaus. Die Darstellung der Handlung ist episodisch und die Figuren bleiben an der Oberfläche oder werden nur angedeutet vertieft.
Worum geht es (4) - Handlungselemente
Der Lebenslauf von Josef Knecht,
einem Meister des Glasperlenspiels, wird im Buch rückblickend aus noch weiterer Zukunft als
eine Art Heiligenlegende erzählt. Auf der Karlsruher Bühne beginnt die Aufarbeitung von Knechts Werdegang hingegen bald nach dem Handlungsende des Buchs. Der Roman schildert den Werdegang
Knechts vom begabten Schüler zum Magister des Ordens der
Glasperlenspieler, seine Zweifel an der freiwilligen Isolation, seine
Rückkehr in die normale Welt als Hauslehrer eines Jungen und sein
baldiger Tod. Es ist eine Sage ohne echte Botschaft, die höchstens
darlegt, daß die Abwehr-, Verweigerungs- und Rückzugshaltung gegen die
Zumutungen der Welt, deren 'Ungeistigkeit und Brutalität' keine
Lösung ist. Denn wer nicht in seiner Zeit lebt, wird von ihr übergangen.
Die Gefahr des Bedeutungsverlusts des kastalischen Ordens erkennt Josef
Knecht und kann doch sein Werk nicht weiterführen. Hesse lässt Knecht
nach dem Ordensaustritt schnell sterben. Eine
Weiterführung der Geschichte hätte sein Scheitern beschreiben müssen
oder wäre zum Märchen geworden. Die Vereinbarkeit von wahrem und
wirklichen Leben oder der richtige Weg zwischen Teilhabe und Absonderung
ist bei Hesse allerdings kein Thema. Hier setzt die wenig geglückte dramaturgische Erfindung des Badischen Staatstheaters an: wie in Thomas Manns Tod in Venedig bricht Knechts bisheriges Leben zusammen, als er sich beim ersten Blick in einen Knaben verliebt. Zu den Klängen von Mahlers Adagietto aus der 5. Symphonie verfällt Knecht (wie in Viscontis Verfilmung der Mann-Novelle, nur nicht so geschmackvoll, sondern fast schon an der Grenze zum Kitsch) unwiderruflich dem Reiz des Jungen (der in Karlsruhe von einer Schauspielerin gespielt wird). Hesses Glasperlenspiel wird also auf der Bühne zu einer Geschichte über unterdrückte Sexualität umgedeutet.
Zur Aktualität des Romans (2)
Hesses Bücher erzählen Geschichten über Suchende: seine Figuren suchen Sinn oder Zuflucht aus einer spirituellen Obdachlosigkeit. Seine Vision im Glasperlenspiel, so "skurril"
sie auch erscheinen mag, gibt neue Bedeutungen für ehemals religiös
oder philosophische geprägte Ziele wie Erleuchtung und Erlösung und handelt nicht -wie nun in Karlsruhe- von unterdrückten sexuellen Wünschen. Hesses Antworten sind allerdings gegen den Zeitgeist: die kastalische Heiterkeit und Gelassenheit, die sich beim Sterben des Musikmeisters zu einer erleuchteten Entweltlichung steigert, werden durch eine reduktionistische Lebensweise (Besitz- und Ehelosigkeit) erreicht, einer Rückzugsstrategie der politik- und geschichtsfreien Weltabgewandtheit ohne Tagesaktualität. Befreiung findet das Individuum bei Hesse in 'überindividueller Tätigkeit', Gehorsam und Pflicht im kastalischen Orden. Erlösung bietet Kastalien und das Glasperlenspiel nur den Hochbegabten.
Hesses Roman ist auch eine Geschichte vom Schlußmachen und Neuanfangen. Knecht verlässt die Komfortzone, um sich einer Herausforderung zu stellen. Hesses Verdienst im Glasperlenspiel besteht im Teilnehmenwollen, am Anteilhabenwollen am Gelungenen, also Teil der Lösung zu sein und nicht Teil des Problems. Doch selbst Knecht verlässt den Orden nicht nur aus Anteilnahme am Leben der 'Weltmenschen' oder aus Sorge um dem Fortbestand des Spiels. Ein wenig Psychologie lässt Hesse zu. Auch in Kastalien gibt es Mangel, und sei es wie bei Knecht nur ganz einfach die Langeweile des Hochbegabten. Knecht ist 'seit einer Weile an der Grenze', wo seine 'Arbeit als Glasperlenspielmeister zur ewigen Wiederholung, zur leeren Übung und Formel' geworden ist, 'ohne Freude, ohne Begeisterung ... manchmal sogar ohne Glauben. Es war Zeit damit aufzuhören'. Knechts Schlußmachen ist nicht ausschließlich uneigennützig und selbstlos. In Karlsruhe findet man für diese Aspekte keinen Platz - sie passen nicht ins übergestülpte Konzept der unterdrückten Homosexualität.
Worum geht es (5) - Handlungselemente
Verschiedenen Personen begegnet Josef Knecht auf seinem Lebensweg. Der Musikmeister erkennt seine Begabung und fördert ihn (sein späteres Sterben hat im Buch etwas Buddhistisches, einen 'heiteren Glanz des Entwerdens'. Im Stück fehlt wie bereits oben beschrieben der Mut zu einer spirituellen Deutung, hier ist die Figur eher dement - Senilität statt Erleuchtung).
Knechts treuester Freund im Orden ist der Außenseiter und Individualist Fritz Tegularius, ein 'labiler und gefährdeter Charakter' und Feind aller Normierung.
Wichtigen Einfluß hat der Benediktinerpater Jakobus (Thomas Meinhardt), mit dessen Hilfe es Knecht gelingt, wohlwollende Neutralität zwischen Kastalien und der katholischen Kirche zu etablieren und in der Hierarchie Kastaliens aufzusteigen. In der Karlsruher Inszenierung bekommt die katholische Kirche ihr Fett weg: der Benediktiner der Zukunft trägt keine Ordenstracht mehr, sondern ist ein eitler Geck, der sich beim erstmöglichen Anlaß entkleidet und vom jungen Josef Knecht sexuelle Gefälligkeiten für seine Unterstützung erhält.
In der Schule trifft Knecht auf seinen Freund-Gegner Plinio-Designori, 'der Nicht-Erwählte', der nur als Hospitant in der Ordensschule ist, das normale Leben gegen Kastalien verteidigt und nicht überlieferte Diskussionsrunden mit Josef führt. Hier setzt die freie Erfindung des Badischen Staatstheaters ein und gestaltet einen Freundschaftskonflikt von überschaubarem Ausmaß.
Designori wird Jahrzehnte später (im zweiten Teil nach der Pause) das Verbindungselement zur gewöhnlichen Welt. Designori erkannte, daß er 'kein Kastalier, kein Mensch von Rang' sei und blickt zu den Ordensleuten empor 'mit einer Verehrung, einem Minderwertigkeitsgefühl'. Als Vermittler zwischen beiden Welten war er gescheitert, sein Gesicht war 'durch den Ausdruck des Leidens' und 'Welttraurigkeit' gezeichnet. Seine resignierende Melancholie fordert Knechts 'seelenärztliche Tätigkeit', die ihn wieder 'Lächeln und Lachen' lehrte.
Knecht will nach seiner Demission Plinios Sohn Tito (die Pointe: der Junge, in den er sich auf der Bühne verliebte) als Hauslehrer betreuen und ertrinkt beim ersten Ausflug mit ihm. Tito dominiert auch die Karlsruher Inszenierung. Er erforscht Knechts Leben ....
Was ist zu sehen (1)?
Ursprünglich sollte die Premiere bereits vor wenigen Monaten stattfinden. Doch man bemerkte, daß Hesse wußte, was er tat, als er einen Roman und kein Theaterstück schrieb und daß die Theaterfassung des Romans in einer klassischen Bühnensituation nicht funktionierte. Um mögliche Langeweile zu kaschieren, investierte man in Visuelles. Statt eines Bühnenbilds gibt es nun eine sehr aufwändige Rauminstallation. Ein raumfüllender Einbau für ca. 250 Zuschauer im Kleinen Haus wurde konstruiert, um die Ordensgemeinschaft Kastaliens erlebbar zu machen: ein Rückzugsort ("Jeder Blick führt nach innen"), ein siebenseitiger Trichter mit Sogwirkung nach unten und (unter Mithilfe des ZKM) 360°- Projektionen von Filmaufnahmen. Bühne und Kostüme hat Sebastian Hannak entworfen, der bereits zuvor in Karlsruhe sehr interessante und flexible Arbeiten zeigte und auch diese Inszenierung aufwertet. Hannak beschreibt im Programmheft aufschlußreich sein Vorgehen.
Was ist zu sehen(2)?
Für die Schauspieler gibt es leider mal wieder nur wenige Möglichkeiten, ihre Rollen zu entwickeln. Es sind Scheingefechte, die man sich auf der Bühne liefert: hohe Worte und hohle Phrasen, bedeutungsschwangere Scheinkonflikte und schale Pointen. Vieles wird angedeutet, nichts richtig entwickelt, die Figuren bleiben in episodischer Konstruktion oberflächlich. Immer wieder sieht man Wirkungen ohne oder mit zu künstlicher Ursache. Alle Schauspieler sind engagiert bei der Sache und machen das Beste aus der Situation. Als Ganzes funktioniert dieses Glasperlenspiel leider nicht auf der Bühne.
NACHTRAG: Nicht zu vergessen - ein homogenes Ensemble und dennoch - besonders vier Schauspieler hatten gestern starke Momente: Veronika Bachfischer, Berthold Toetzke, Hannes Fischer und Gunnar Schmidt - BRAVO!
Fazit: Es schien, als würde das Glasperlenspiel ein Höhepunkt der Saison werden, aber es ist nur ein vorgetäuschter Höhepunkt, bei dem einige bemerken werden, daß er unecht ist. Eine höhere Stufe der Spiritualität betritt man bei der Bühnenfassung nur, wenn man zuvor oder in der Pause ausreichend Alkohol konsumiert.
Team und Besetzung
Josef Knecht (jung): Jonathan Bruckmeier
Josef Knecht (alt): André Wagner
Plinio Designori (jung): Maximilian Grünewald
Plinio Designori (alt): Frank Wiegard
Musikmeister: Hannes Fischer
Alexander (Yogameister): Berthold Toetzke
Direktor: Gunnar Schmidt
Tegularius: Ralf Wegner
Frau Designori: Agnes Mann
Pater Jakobus: Thomas Meinhardt
Tito Designori: Veronika Bachfischer
Petrus: Luis Quintana
Dubois: Ronald Funke
Für die Bühne bearbeitet von Martin Nimz und Konstantin Küspert
Regie: Martin Nimz
Bühne & Kostüme: Sebastian Hannak
Video: Thorsten Hallscheidt
Licht: Christoph Pöschko
Musik: Clemens Rynkowski
Panoramaprojektion:
Regie: Thorsten Hallscheidt
360°Kamera: Jan Gerigk, ZKM
Projektionssoftware: Bernd Lintermann, ZKM
Produktionsmanagement: Jan Gerigk, ZKM
Installation: Achim Göbel
Technische Unterstützung: Manfred Hauffen, ZKM
Seit 1988 bin ich steter Besucher des Badischen Staatstheaters. Bei vielen Opern-, Theater-, Konzert- und Ballettvorstellungen im Jahr und Besuchen in anderen Städten verliert man schon mal den Überblick. Dieser Tagebuch-Blog dient mir seit der Spielzeit 2011/12 als elektronische Erinnerung. Bitte beachten Sie meine Intention: ich bin kein Journalist oder Kritiker, sondern schreibe hier lediglich persönliche Eindrücke, private Ansichten und Vermutungen für mich und Angehörige nieder.
Posts mit dem Label NIMZ Martin werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label NIMZ Martin werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Montag, 22. September 2014
Freitag, 17. Mai 2013
Kleist - Prinz Friedrich von Homburg, 16.05.2013
Es gab einen guten Aspekt am gestrigen Abend: Timo Tank (mehr zu ihm hier), der vielseitigste und wandelbarste Schauspieler des Badischen Staatstheaters, der in dieser Saison wie kein anderer herausragte und Höhepunkte in My secret Garden und Der einsame Weg setzte, wurde gestern nach der Premiere zum Staatsschauspieler ernannt. Herzlichen Glückwunsch!
Zuvor gab es bei der Premiere von Prinz Friedrich von Homburg wenig Licht, aber viel Schatten. Wer bisher das Schauspiel unter Jan Linders als große Enttäuschung wahrgenommen hat, der wird auch gestern konsterniert nach Hause gegangen sein. Wer danach das Programmheft las, um nach Regiehinweisen zu suchen, der mußte mit weiteren Frustrationen rechnen. Konzipiert ist das Stück für Schüler. Der etwas lang gewordene folgende Text versucht, den verschiedenen Defiziten auf den Grund zu gehen.
Zuvor gab es bei der Premiere von Prinz Friedrich von Homburg wenig Licht, aber viel Schatten. Wer bisher das Schauspiel unter Jan Linders als große Enttäuschung wahrgenommen hat, der wird auch gestern konsterniert nach Hause gegangen sein. Wer danach das Programmheft las, um nach Regiehinweisen zu suchen, der mußte mit weiteren Frustrationen rechnen. Konzipiert ist das Stück für Schüler. Der etwas lang gewordene folgende Text versucht, den verschiedenen Defiziten auf den Grund zu gehen.
Freitag, 27. April 2012
Jurek Becker - Jakob der Lügner, 27.04.2012
Die literarische Woche geht weiter: nachdem es am Samstag eine getanzte Momo gab, folgte eine weitere Romanadaption: Jurek Beckers Roman Jakob der Lügner in einer
Theaterfassung.
Die Geschichte von Jurek Beckers Roman über Jakob, der während des zweiten Weltkriegs in einem polnischen Juden-Ghetto vorgibt, eine Radio zu haben und erfundene Berichte darüber verbreitet, daß die rote Armee im Anmarsch sei und der Krieg sich wende, ist so einfach und eingänglich, aber auch exemplarisch und überzeitlich, daß es sich vom Buch löst und in einen Kanon des Wissens und der Verständlichkeit eingegangen ist.
Manche Bücher verselbständigen sich: sie werden erst gerühmt, besprochen und gelegentlich von einem größeren Publikum gelesen, dann in Schulen zur Lektüre, irgendwann verfilmt (sogar ein Remake aus Hollywood ist für Beckers Roman vorhanden) und da liegt es nicht fern, sie auch in Theaterfassung zu bringen. Der Nachteil solcher verfilmten und medial verbreiteten Stoffe ist, daß sie thematisch bekannt sind, daß man oft feste Vorstellungen dazu hat. Schon im Voraus weiß man zumindest so ungefähr, was passiert und wie es zu geschehen hat. Das kann ein Vorteil sein, wird sich aber auch oft nachteilig auswirken. In Karlsruhe unterläuft der Regisseur die Erwartungen auf ebenso geschickte wie überraschende Weise: er setzt auf Komik und ein erinnerungswürdiges Bühnenbild!
Bereits im April 2011 brachte der Regisseur Martin Nimz die Uraufführung einer Theaterfassung in Heidelberg auf die Bühne. Gestern nun eine neue Version im Badischen Staatstheater, die im Vergleich zu Heidelberg um einen namenlosen Erzähler erweitert ist (ein Kunstgriff, der zur Zeit in Mode zu sein scheint und auch bei Handkes Immer noch Sturm erfolgreich ist). Dieser schildert rückblickend die Ereignisse und sieht sich beim Erinnern und Selbstbefragen mit dem eigenen inneren Schrecken konfrontiert; als Überlebender konnte er sich nie vom Grauen des Ghettos befreien. Seine Schilderungen vom dortigen Leben sind anfänglich hoch amüsant, zeigen sie doch, wie man sich mit dem Leben in ständiger Ausnahmesituation arrangierte. So sind die ersten Szenen voller Situationskomik; der Schrecken schleicht sich nur unterschwellig hinein und die Beklemmung wächst langsam. Zum ersten Mal in dieser Spielzeit wird wieder im Zuschauerraum oft gelacht, der Kontrast zum starken Schlußbild ist dann umso schärfer. Die Bedrohlichkeit der Lage ist anfänglich fast zu stark zurückgenommen: die Komik angesichts der trostlosen Lage wird nicht jeder für angemessen und nachvollziehbar halten und sich vielleicht nur jenen ganz erschließen, die auch in einer verzweifelten Lage noch optimistisch bleiben und denken, daß es hätte schlimmer kommen können. Rückblickend fällt es schwer zu glauben, daß es in dieser Situation Humor überhaupt geben konnte. Es ist damit zu rechnen, daß der teilweise vordergründige Witz einigen zu weit geht und ihnen den hintergründigen Ernst zu stark verstellt.
Der Zwiespalt des fröhlichen Ghettos wird bei einigen Irritationen auslösen und Beckers Geschichte als Tragikomödie erscheinen lassen. Hier liegt das größte Diskussionspotential dieser Inszenierung.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung befürchtete im Juli 2011, daß mit der vermehrten Präsentation nicht für die Bühne geschriebener Texte die Entdramatisierung der Theater endgültig dramaturgisch beschlossene Sache zu sein scheint. Wenn man die Karlsruher Inszenierung betrachtet, möchte man der FAZ teilweise Unrecht geben: Es ist zwar ganz und gar nicht garantiert, daß man man einen guten Roman gewinnbringend auf die Bühne bringen kann (vor einigen Jahren war Hesses Steppenwolf ein Beispiel dafür, daß es nicht funktioniert), aber in Karlsruhe gelingt die Adaption. Obwohl die Szenen überwiegend episodisch sind, es Durchhänger gibt (ca. 30 Minuten des dreistündigen Abends hätte man verlustfrei kürzen können) und nicht jede Balance austariert ist, ergibt sich doch ein fast durchgängiger Spannungsbogen, der in einem beeindruckendem Schlußbild seinen Höhepunkt findet.
Das psychologische Destillat dieser Handlungskonstellation -eine Gruppe Menschen in beklemmender existentieller Ausnahmesituation- bietet auf den ersten Blick wenig Spielraum für Überraschungen. Es wurde vor allem in Filmen hinreichend konjugiert, da in solchen Situationen exemplarische Persönlichkeiten gezeigt werden. Für Regie und Schauspieler besteht die Herausforderung darin, daß die Individuen zu Typen, die Typen zu Individuen geworden erscheinen. Der Karlsruher Regie gelingt das leider nicht durchgehend, einige der Figuren bleiben einfach zu blaß und wirken fast wie Statisten, aber es entwickelt sich trotz weniger darstellerischer Schwachpunkte eine dichte Aufführung.
Viele Zuschauer werden bei Jakob der Lügner erleichtert aufatmen: endlich dürfen die Schauspieler zeigen, was sie können und -überraschend genug bei diesem Thema- darf auch gelacht werden. Dafür ist hauptsächlich Frank Wiegard verantwortlich, der als Friseur Kowalski seine bisher stärkste Rolleninterpretation in Karlsruhe zeigt.
André Wagner als namenloser Erzähler zeigt das, was er am besten kann: er überzeugt als traumatisierte, zerissene, sich im Zwiespalt befindende Person. Er ist die tragische Hauptfigur dieser Inszenierung.
Unter den sehr guten Schauspielern haben vor allem Cornelia Gröschel, Ute Baggeröhr (beide ein klarer Gewinn für das Karlsruher Ensemble!) Timo Tank (großartig, wie er mit minimaler Mimik seine Rolle verkörpert und doch seine Figur unverwechselbar macht) und Gunnar Schmidt die Chance, ihr Können zu zeigen.
Nach der kurzfristigen Erkrankung des Hauptdarstellers Georg Krause (hier mehr zu ihm), wurde die für letzten Freitag angesetzte Premiere um zwei Tage auf Sonntag verschoben, nachdem man ebenfalls kurzfristig mit Axel Sichrovsky einen Ersatzschauspieler gefunden hatte, der nur wenige Tage intensiv geprobt hatte, um die ersten Termine zu retten. Sichrovskys Rollenporträt des Jakob als die des kleinen Manns von der Straße ist hauptsächlich der Anknüpfpunkt für die Betrachtungen des Erzählers und nicht, wie vielleicht von einigen erwartet, die eigentliche Hauptfigur im Zwiespalt. Sichrovskys Jakob ist einer unter vielen, ein unauffälliger Durchschnittsmann, den der Zufall als Held auserwählt. Jakob wird bei ihm nicht zum unverwechselbaren Charakter. Dem Zwiespalt seiner Figur als Lügner und Hoffnungsträger wird er nicht ganz gerecht. Ob das die Regie vorgab oder dem kurzfristigen Einspringen geschuldet ist, bleibt vorerst unklar. Sichrovsky spielt sehr gut und doch wird sich der eine oder andere gefragt haben, wie Krause die Rolle gespielt hätte oder bald spielen wird.
Die sehr kreative und intelligente Bühne von Bühnenbildner Sebastian Hannak (der auch am Samstag die Bühne zum Ballett Momo entworfen hat) ist massiv orange und gibt dieser Produktion eine unverwechselbare Form: Unmengen an kleinen orangefarbenen Bällen, die wie Orangen-Berge wirken, sollen zwei metaphorische Funktionen erfüllen. Sie verbergen Latentes, Verschüttetes und Vergessenes und sind gleichzeitig ein Bild für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Fazit (1): Eine gute, interessante und originelle Inszenierung, die im positiven Sinne an gute Produktionen unter Knut Weber anknüpft.
PS (1): Das Karlsruher Schauspiel benötigte im Vorfeld dringend einen Erfolg, um die bisher magere Bilanz zu verbessern. Jakob der Lügner ist bis zum Spielzeitende zwölf mal im Spielplan vorgesehen. Viele populäre Schauspieler des Ensembles werden aufgeboten. Schon vor der Premiere waren nur noch wenige Plätze für die folgenden Aufführungen erhältlich. Anscheinend hat man darauf geachtet, daß möglichst viele Abonnenten dieses Stück zu sehen bekommen, damit die Zuschauerstatistik am Saisonende halbwegs ordentlich aussieht. Zu oft hatte man bisher zu wenig Publikum. Der Plan sollte aufgehen: Im Detail mag die Inszenierung diskutabel sein, aber es handelt sich durchweg um eine legitime Sicht, die diesem schwierigen Stoff trotz oder gerade wegen des Humors angemessen ist.
PS(2): Man sieht dem lustigen Treiben auch deshalb verwundert zu, weil es das Gegenteil der bisherigen Spielzeit ist. Man könnte den Verdacht äußern, daß hier Wiedergutmachung betrieben wird und einige Schauspieler die Chance ergreifen, daß sie etwas aus ihren Rollen machen dürfen und endlich Theater spielen können. So sieht man gelegentlich etwas zu viel, die Möglichkeit zum Klamauk wird etwas zu stark ausgereizt, die Balance dadurch etwas verschoben. Ich habe mich als Zuschauer ebenfalls gelegentlich daran gestört, aber mich dann mehr darüber gefreut, daß man endlich etwas gezeigt bekommt.
Fazit (2): Und sehr spät nachts noch eine letzte Erkenntnis: man kann über diese Inszenierung in einem konstruktiven Sinne viel diskutieren und nachdenken. Und deshalb ist das Ergebnis meiner nächtlichen Selbstbefragung angesichts der Vielschichtigkeit dieser Produktion eine Empfehlung: Jakob der Lügner ist in dieser Spielzeit die bisher beste Inszenierung im Kleinen Haus. Ich werde sie -nicht nur wegen Georg Krause- ein zweites Mal anschauen. Ich bin gespannt, wie dann mein Urteil ausfällt.
Besetzung: Erzähler: André Wagner; Jakob Heym: Georg Krause/Axel Sichrovsky; Lina: Cornelia Gröschel; Kowalski, Frisör: Frank Wiegard; Mischa, Boxer: Benjamin Berger; Herr Frankfurter: Klaus Cofalka-Adami; Frau Frankfurter: Ursula Grossenbacher; Rosa Frankfurter: Ute Baggeröhr; Prof. Kirschbaum: Timo Tank; Elisa Kirschbaum: Eva Derleder; Herschel, der Fromme: Jonas Riemer; Fajngold: Hannes Fischer; Preuß: Gunnar Schmidt; Meyer: Robert Besta; Kostüme: Ricarda Knödler; Video: Manuel Braun
Die Geschichte von Jurek Beckers Roman über Jakob, der während des zweiten Weltkriegs in einem polnischen Juden-Ghetto vorgibt, eine Radio zu haben und erfundene Berichte darüber verbreitet, daß die rote Armee im Anmarsch sei und der Krieg sich wende, ist so einfach und eingänglich, aber auch exemplarisch und überzeitlich, daß es sich vom Buch löst und in einen Kanon des Wissens und der Verständlichkeit eingegangen ist.
Manche Bücher verselbständigen sich: sie werden erst gerühmt, besprochen und gelegentlich von einem größeren Publikum gelesen, dann in Schulen zur Lektüre, irgendwann verfilmt (sogar ein Remake aus Hollywood ist für Beckers Roman vorhanden) und da liegt es nicht fern, sie auch in Theaterfassung zu bringen. Der Nachteil solcher verfilmten und medial verbreiteten Stoffe ist, daß sie thematisch bekannt sind, daß man oft feste Vorstellungen dazu hat. Schon im Voraus weiß man zumindest so ungefähr, was passiert und wie es zu geschehen hat. Das kann ein Vorteil sein, wird sich aber auch oft nachteilig auswirken. In Karlsruhe unterläuft der Regisseur die Erwartungen auf ebenso geschickte wie überraschende Weise: er setzt auf Komik und ein erinnerungswürdiges Bühnenbild!
Bereits im April 2011 brachte der Regisseur Martin Nimz die Uraufführung einer Theaterfassung in Heidelberg auf die Bühne. Gestern nun eine neue Version im Badischen Staatstheater, die im Vergleich zu Heidelberg um einen namenlosen Erzähler erweitert ist (ein Kunstgriff, der zur Zeit in Mode zu sein scheint und auch bei Handkes Immer noch Sturm erfolgreich ist). Dieser schildert rückblickend die Ereignisse und sieht sich beim Erinnern und Selbstbefragen mit dem eigenen inneren Schrecken konfrontiert; als Überlebender konnte er sich nie vom Grauen des Ghettos befreien. Seine Schilderungen vom dortigen Leben sind anfänglich hoch amüsant, zeigen sie doch, wie man sich mit dem Leben in ständiger Ausnahmesituation arrangierte. So sind die ersten Szenen voller Situationskomik; der Schrecken schleicht sich nur unterschwellig hinein und die Beklemmung wächst langsam. Zum ersten Mal in dieser Spielzeit wird wieder im Zuschauerraum oft gelacht, der Kontrast zum starken Schlußbild ist dann umso schärfer. Die Bedrohlichkeit der Lage ist anfänglich fast zu stark zurückgenommen: die Komik angesichts der trostlosen Lage wird nicht jeder für angemessen und nachvollziehbar halten und sich vielleicht nur jenen ganz erschließen, die auch in einer verzweifelten Lage noch optimistisch bleiben und denken, daß es hätte schlimmer kommen können. Rückblickend fällt es schwer zu glauben, daß es in dieser Situation Humor überhaupt geben konnte. Es ist damit zu rechnen, daß der teilweise vordergründige Witz einigen zu weit geht und ihnen den hintergründigen Ernst zu stark verstellt.
Der Zwiespalt des fröhlichen Ghettos wird bei einigen Irritationen auslösen und Beckers Geschichte als Tragikomödie erscheinen lassen. Hier liegt das größte Diskussionspotential dieser Inszenierung.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung befürchtete im Juli 2011, daß mit der vermehrten Präsentation nicht für die Bühne geschriebener Texte die Entdramatisierung der Theater endgültig dramaturgisch beschlossene Sache zu sein scheint. Wenn man die Karlsruher Inszenierung betrachtet, möchte man der FAZ teilweise Unrecht geben: Es ist zwar ganz und gar nicht garantiert, daß man man einen guten Roman gewinnbringend auf die Bühne bringen kann (vor einigen Jahren war Hesses Steppenwolf ein Beispiel dafür, daß es nicht funktioniert), aber in Karlsruhe gelingt die Adaption. Obwohl die Szenen überwiegend episodisch sind, es Durchhänger gibt (ca. 30 Minuten des dreistündigen Abends hätte man verlustfrei kürzen können) und nicht jede Balance austariert ist, ergibt sich doch ein fast durchgängiger Spannungsbogen, der in einem beeindruckendem Schlußbild seinen Höhepunkt findet.
Das psychologische Destillat dieser Handlungskonstellation -eine Gruppe Menschen in beklemmender existentieller Ausnahmesituation- bietet auf den ersten Blick wenig Spielraum für Überraschungen. Es wurde vor allem in Filmen hinreichend konjugiert, da in solchen Situationen exemplarische Persönlichkeiten gezeigt werden. Für Regie und Schauspieler besteht die Herausforderung darin, daß die Individuen zu Typen, die Typen zu Individuen geworden erscheinen. Der Karlsruher Regie gelingt das leider nicht durchgehend, einige der Figuren bleiben einfach zu blaß und wirken fast wie Statisten, aber es entwickelt sich trotz weniger darstellerischer Schwachpunkte eine dichte Aufführung.
Viele Zuschauer werden bei Jakob der Lügner erleichtert aufatmen: endlich dürfen die Schauspieler zeigen, was sie können und -überraschend genug bei diesem Thema- darf auch gelacht werden. Dafür ist hauptsächlich Frank Wiegard verantwortlich, der als Friseur Kowalski seine bisher stärkste Rolleninterpretation in Karlsruhe zeigt.
André Wagner als namenloser Erzähler zeigt das, was er am besten kann: er überzeugt als traumatisierte, zerissene, sich im Zwiespalt befindende Person. Er ist die tragische Hauptfigur dieser Inszenierung.
Unter den sehr guten Schauspielern haben vor allem Cornelia Gröschel, Ute Baggeröhr (beide ein klarer Gewinn für das Karlsruher Ensemble!) Timo Tank (großartig, wie er mit minimaler Mimik seine Rolle verkörpert und doch seine Figur unverwechselbar macht) und Gunnar Schmidt die Chance, ihr Können zu zeigen.
Nach der kurzfristigen Erkrankung des Hauptdarstellers Georg Krause (hier mehr zu ihm), wurde die für letzten Freitag angesetzte Premiere um zwei Tage auf Sonntag verschoben, nachdem man ebenfalls kurzfristig mit Axel Sichrovsky einen Ersatzschauspieler gefunden hatte, der nur wenige Tage intensiv geprobt hatte, um die ersten Termine zu retten. Sichrovskys Rollenporträt des Jakob als die des kleinen Manns von der Straße ist hauptsächlich der Anknüpfpunkt für die Betrachtungen des Erzählers und nicht, wie vielleicht von einigen erwartet, die eigentliche Hauptfigur im Zwiespalt. Sichrovskys Jakob ist einer unter vielen, ein unauffälliger Durchschnittsmann, den der Zufall als Held auserwählt. Jakob wird bei ihm nicht zum unverwechselbaren Charakter. Dem Zwiespalt seiner Figur als Lügner und Hoffnungsträger wird er nicht ganz gerecht. Ob das die Regie vorgab oder dem kurzfristigen Einspringen geschuldet ist, bleibt vorerst unklar. Sichrovsky spielt sehr gut und doch wird sich der eine oder andere gefragt haben, wie Krause die Rolle gespielt hätte oder bald spielen wird.
Die sehr kreative und intelligente Bühne von Bühnenbildner Sebastian Hannak (der auch am Samstag die Bühne zum Ballett Momo entworfen hat) ist massiv orange und gibt dieser Produktion eine unverwechselbare Form: Unmengen an kleinen orangefarbenen Bällen, die wie Orangen-Berge wirken, sollen zwei metaphorische Funktionen erfüllen. Sie verbergen Latentes, Verschüttetes und Vergessenes und sind gleichzeitig ein Bild für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Fazit (1): Eine gute, interessante und originelle Inszenierung, die im positiven Sinne an gute Produktionen unter Knut Weber anknüpft.
PS (1): Das Karlsruher Schauspiel benötigte im Vorfeld dringend einen Erfolg, um die bisher magere Bilanz zu verbessern. Jakob der Lügner ist bis zum Spielzeitende zwölf mal im Spielplan vorgesehen. Viele populäre Schauspieler des Ensembles werden aufgeboten. Schon vor der Premiere waren nur noch wenige Plätze für die folgenden Aufführungen erhältlich. Anscheinend hat man darauf geachtet, daß möglichst viele Abonnenten dieses Stück zu sehen bekommen, damit die Zuschauerstatistik am Saisonende halbwegs ordentlich aussieht. Zu oft hatte man bisher zu wenig Publikum. Der Plan sollte aufgehen: Im Detail mag die Inszenierung diskutabel sein, aber es handelt sich durchweg um eine legitime Sicht, die diesem schwierigen Stoff trotz oder gerade wegen des Humors angemessen ist.
PS(2): Man sieht dem lustigen Treiben auch deshalb verwundert zu, weil es das Gegenteil der bisherigen Spielzeit ist. Man könnte den Verdacht äußern, daß hier Wiedergutmachung betrieben wird und einige Schauspieler die Chance ergreifen, daß sie etwas aus ihren Rollen machen dürfen und endlich Theater spielen können. So sieht man gelegentlich etwas zu viel, die Möglichkeit zum Klamauk wird etwas zu stark ausgereizt, die Balance dadurch etwas verschoben. Ich habe mich als Zuschauer ebenfalls gelegentlich daran gestört, aber mich dann mehr darüber gefreut, daß man endlich etwas gezeigt bekommt.
Fazit (2): Und sehr spät nachts noch eine letzte Erkenntnis: man kann über diese Inszenierung in einem konstruktiven Sinne viel diskutieren und nachdenken. Und deshalb ist das Ergebnis meiner nächtlichen Selbstbefragung angesichts der Vielschichtigkeit dieser Produktion eine Empfehlung: Jakob der Lügner ist in dieser Spielzeit die bisher beste Inszenierung im Kleinen Haus. Ich werde sie -nicht nur wegen Georg Krause- ein zweites Mal anschauen. Ich bin gespannt, wie dann mein Urteil ausfällt.
Besetzung: Erzähler: André Wagner; Jakob Heym: Georg Krause/Axel Sichrovsky; Lina: Cornelia Gröschel; Kowalski, Frisör: Frank Wiegard; Mischa, Boxer: Benjamin Berger; Herr Frankfurter: Klaus Cofalka-Adami; Frau Frankfurter: Ursula Grossenbacher; Rosa Frankfurter: Ute Baggeröhr; Prof. Kirschbaum: Timo Tank; Elisa Kirschbaum: Eva Derleder; Herschel, der Fromme: Jonas Riemer; Fajngold: Hannes Fischer; Preuß: Gunnar Schmidt; Meyer: Robert Besta; Kostüme: Ricarda Knödler; Video: Manuel Braun
Abonnieren
Posts (Atom)