Die wegen Gewerkschaftsstreik reduzierten Premiere musste noch ohne Bühnenbild und Inszenierung auskommen. Nach der gestrigen Bühnenfassung konnte man den Eindruck gewinnen, daß der ver.di Streik fast ein Glücksfall war - bekam man doch für die Premiere solidarischen Applaus, wo man sonst wahrscheinlich einige Buhs bekommen hätte.
Der Abend ist zweigeteilt: das Händel Oratorium ist von Regisseur Sam Brown in ein Großraumbüro verlegt, in dem die Schönheit als Sekretärin arbeitet und mit dem Vergnügen flirtet, doch Firmenchef (Zeit) und Assistent (Wahrheit) zwingen sie als fleißge Arbeitskraft zurück ins Büro. Einem handlungsfernen Oratorium muß eine Geschichte in der Regel mühsam angepasst werden und auch hier wollen der Text des gekürzten Oratoriums und die erfundene Handlung nicht so richtig harmonieren. Daß man darüber hinweg sehen kann, liegt am Einfallsreichtum der Bühne (Bühnenbild von Annemarie Woods), die einen schnellen Wandel von Großraumbüro, Kantine und Waschraum ermöglicht, und an einer unterhaltsamen Personenführung der fünf Sänger und 26 Statisten. Es sind etwas zu viele kleinformatige Einfälle des Regisseurs, die man nur durch genaue Beobachtung oder ein Opernglas wahrnimmt. Dennoch ist der inszenatorische Mehrwert gegenüber der Premiere deutlich zu bemerken. Kein großer Wurf, aber eine solide und nette Umsetzung.
Nach der Pause verliert die Barry Oper durch die Bühnenversion gegenüber der Premiere. Die Zeit ist nun ein schwerfälliges, sich windendes, häßliches Etwas, das von der Wahrheit als Pfleger und Arzt begleitet wird. Das selbstsichere Vergnügen weiß um seine Dominanz. So richtig kommt die Inszenierung nie in Fahrt und der Konflikt der Schönheit erschließt sich nicht. Die ganze Inszenierung ergibt wohl irgendeinen Sinn, der mir allerdings hermetisch verschlossen blieb. Musik und Handlung verschmelzen zu einen hektischen Aktionismus, dessen Antrieb und Ursache genauso im Zwielicht bleiben wie die obskuren Geschehnisse auf der Bühne. Die Musik erleichtert den Genuß der Oper nicht, ganz im Gegenteil. Die Idee zur Fortsetzung und das gut geschriebene Libretto zu The Triumph of Beauty and Deceit hätten einen einfallsreicheren Komponisten verdient. Nach wenigen
Minuten scheint sich Barrys Vokabular erschöpft zu haben: schnell stellt
sich eine gewisse überraschungsfreie Monotonie ein. Für einige ist die
knappe Stunde nur mit Unbehagen zu ertragen. Immer wieder verließen -wie auch schon bei der Premiere- Zuschauer gestern den Innenraum des Großen Hauses und wie mir ein Flüchtender erzählt hat, hat man das beim Badischen Staatstheater antizipiert: an den Türen warten im Innenraum teilweise Mitarbeiter, um ein geräuschloses Schließen der Türen zu gewährleisten.
Enttäuschend ist die musikalische Leitung des Oratoriums: uninspiriert, ohne Feuer und viel zu glatt und eintönig dirigiert Richard Baker Händels Musik. Bei Barrys Oper ist er deutlich mehr in seinem Element. Die Sänger hingegen kann man pauschal loben: alle singen und spielen absolut überzeugend.
Fazit: Was bleibt von den Händel Festspielen 2013? Alessandro wurde wieder aufgenommen .... man hatte sehr gute Sänger engagiert ... und die meisten warten auf 2014. 2013 scheint ein Übergangsjahr ohne richtigen Höhepunkt zu sein.
Seit 1988 bin ich steter Besucher des Badischen Staatstheaters. Bei vielen Opern-, Theater-, Konzert- und Ballettvorstellungen im Jahr und Besuchen in anderen Städten verliert man schon mal den Überblick. Dieser Tagebuch-Blog dient mir seit der Spielzeit 2011/12 als elektronische Erinnerung. Bitte beachten Sie meine Intention: ich bin kein Journalist oder Kritiker, sondern schreibe hier lediglich persönliche Eindrücke, private Ansichten und Vermutungen für mich und Angehörige nieder.
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Freitag, 22. Februar 2013
Sonntag, 17. Februar 2013
Händel - The Triumph of Time and Truth / Barry - The Triumph of Beauty and Deceit, 16.02.2013
Endlich wieder Händel Festspiele! Für das Badische Staatstheater ist die Premiere der wahrscheinlich Prestige- und Presse-reichste Tag des Jahres. Zu keinem anderen Termin hat mal für gewöhnlich so starke überregionale Aufmerksamkeit und nationale und internationale Gäste. In über 35 Jahren Kontinuität hat sich Karlsruhe als bedeutende Festivalstadt für Barockmusik etabliert. Dieses Jahr hat man viele englischsprachige Besucher und der irische Komponist Gerald Barry, dessen Oper gestern aufgeführt wurde, war zu Gast. Deshalb kann man nur mit Unverständnis darauf reagieren, daß die Gewerkschaft ver.di den Samstag bestreiken ließ. Die Bühnenarbeiter legten für die gestrigen Premieren im Kinder- und Musiktheater die Arbeit nieder. Die Premiere der Händelfestspiele musste also konzertant, in Kostümen und ansatzweise gespielt, aber ohne Bühne und Beleuchtung stattfinden. Streiks sind zweifellos wichtige und angemessene Instrumente im Arbeitskampf, aber wieso sabotiert man ausgerechnet einen für die künstlerische Bedeutung und Ausstrahlung des Staatstheater so wichtigen Tag mit so vielen anreisenden Besuchern? Mit Carmen, Zauberflöte, Schwanensee, ... gibt es andere, ständig ausverkaufte Vorstellungen, die für einen Warnstreik ideal geeignet sind. Die möglichen Motive sind wenig schmeichelhaft für ver.di. Man kann alte Klischees bedienen und vermuten, daß diese Entscheidung aus allzu leichtfertiger Ignoranz fiel oder am Samstagabend alkoholisierte Provinzgewerkschaftler den wirkungsstärksten Coup ihrer Funktionärsgeschichte gefeiert haben. Es könnte aber auch sein, daß man von Gewerkschaftsseite rücksichtslos seine Macht benutzte, um persönliche Rechnungen zu begleichen und um es irgendjemand heimzuzahlen. Die Theaterbetriebsgruppe von ver.di entschied sich mit dem gestrigen Warnstreik für ein destruktives und feindseliges Signal, das größtmöglichen Kollateralschaden anrichten sollte.
Händelfestspiele 2013
Nun aber: Endlich wieder Händel Festspiele! Die Besucher schüttelten über ver.di den Kopf, ließen sich aber durch die gewerkschaftliche Negativität nicht die Freude nehmen. Die diesjährige Neuproduktion ist englisch: ein in englisch gesungenes Händel-Oratorium, ergänzt durch eine zeitgenössische englische Oper, von englischsprachigen Gastsängern und einem englischen Dirigenten aufgeführt und inszeniert von einem englischen Team.
Was wird aufgeführt?
Keine der italienischen Opern Händels (*1686 †1759), sondern mal wieder ein Oratorium aus seiner Spätzeit, sogar aus einer sehr späten Zeit, denn The Triumph of Time and Truth ist Händels letztes Oratorium und wurde 1757 erstmals gespielt. Doch das Oratorium ist kein neues Werk, sondern eine Verarbeitung eines früheren Händel Werks. 1707 komponierte Händel in Rom das Oratorium Il trionfo del Tempo e del Disinganno (war 2007 in Karlsruhe zu hören), das er 1737 nach einer Umbearbeitung in London als Il trionfo del Tempo e della Verità (war 1999 in Karlsruhe zu hören) und noch mal 20 Jahre später nach einer englischen Übersetzung und weiteren Umarbeitung als The Triumph of Time and Truth restverwertete und nun die Karlsruher Reihe komplettiert. Um es für die Bühne inszenieren zu können, wurde das Oratorium gekürzt und dauert ca 90 Minuten.
Die Oper The Triumph of Beauty and Deceit des irischen Komponisten Gerald Barry (*1952) wurde 1991 uraufgeführt. Barry war vor der gestrigen Premiere der große Unbekannte - fast niemand dürfte bisher von ihm gehört oder etwas gehört haben. Aus gutem Grund - man kann seine Musik in jedem Fall als sehr gewöhnungsbedürftig bezeichnen: sie wirkt sehr gehetzt und gedrängt, dabei aber in ihrem Ausdruck überwiegend eintönig und schrill-hysterisch: ein akustischer Migräneanfall. Auffällig ist bei ihm auch die Behandlung der Singstimme. Im Programmheft warnt das Badische Staatstheater bereits vorab: "Außerdem schert sich Barry nur wenig um die verkrusteten Konventionen, innerhalb derer Menschen auf der Opernbühne ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen pflegen. Denn würden diese Konventionen gelten, müssten Barrys Figuren als ernstlich wahnsinnig erscheinen, da sie sich in Gesangslinien entäußern, die durch alle Register rasen, an den falschen Stellen abbrechen (will heißen: der jeweiligen Textphrasierung widersprechen) und sich überdies häufig wiederholen, wie gefangen in manischer Konfusion. …. Seine Charaktere benehmen sich nicht angemessen, indem sie ihre Emotionen ausdrücken; sie gehen weiter, bis hin zu grotesker Übertreibung. Oder sie bleiben zurück und verharren in Stille."
Es gibt immer wieder Phasen, wo man Barrys Musik durchaus einen gewissen Reiz abgewinnen kann, aber in der Summe wirkt sie wie ein Klischee über moderne Musik. Immer wieder verließen Besucher in den knapp 50 Minuten Aufführungsdauer den Saal, weil sie es nicht mehr ertragen konnten. Gerade auch nach der melodiösen und ruhigen Barockmusik, wirkt die Kombination mit der unruhigen Musik Barrys umso harscher und gewöhnungsbedürftiger für die Zuschauer.
Worum geht es?
In Händels allegorischem Oratorium und Barrys Oper gibt es das gleiche Personal. Die Zeit, die Wahrheit, das Vergnügen und die Täuschung versuchen die Schönheit auf den richtigen Weg zu bringen, und zwar bei Händel auf den Pfad der religiösen Tugend, bei Barrys Fortsetzung hin zum Vergnügen. Es ist also eine moralische Handlung, die hier inszeniert wird, bei der die Schönheit manipuliert werden soll. Der Paradigmenwechsel ist unverkennbar: im spätbarocken Oratorium ist die Vergänglichkeit der Schönheit Anlaß zur Konzentration auf göttliche Belohnung im Jenseits; in moderner Sicht ist die Vergänglichkeit der Schönheit Anlaß zu diesseitigen Vergnügen und hedonistischen Genuß. Wo Vergnügen und Schönheit einst in offizieller Moral (inoffiziell huldigten ihr die Kirchenfürsten hemmungsfrei) nur frivol denkbar waren und ihnen der Spaß ausgetrieben wurde, sind sie heute selbstverständliche Chance zur geglückten Selbstverwirklichung.
Aus oben genannten Gründen war die Premiere konzertant und über Bühnenbild und Absichten des Regie-Teams lässt sich noch nichts sagen.
Was ist zu hören?
Wie fast immer in den letzten Jahren hat man sehr gute Sänger versammelt und es fällt schwer, jemand aus dem homogenen Ensemble hervorzuheben. In Händels Oratorium hat man mit Sebastian Kohlhepp und Stefanie Schaefer erprobte und beliebte Ensemblemitglieder und mit Anna Patalong eine schöne Sopranstimme. Zwei Sänger singen in beiden Stücken: Countertenor William Purefoy und der Bassist Joshua Bloom, den wahrscheinlich einige gerne öfters hören würden: eine tragende und markante Stimme, die auffällt. Ebenfalls eine sehr schöne Stimme hat der Tenor Peter Tantsits, der die Schönheit in Barrys Oper singt. Das Publikum spendete demonstrativ langen und starken Applaus für alle Sänger.
Die Premiere findet nun am Dienstag, 19.02. statt. Das Badische Staatstheater bietet allen Inhabern von Premierenkarten 50% Ermässigung an, falls sie sich für einen zweiten Termin mit Inszenierung noch mal eine Karte besorgen wollen.
PS: Diesmal hat man die Preisverleihung (mehr dazu hier bei den Gurreliedern) für den "Preis der deutschen Theaterverlage - Bestes Opernprogramm 2012/13" im Anschluß an die Premiere vorgenommen. Vielen Dank, daß man all jenen, für die das Was weniger wichtig ist als das Wie, die üblichen Blabla-Ansprachen dieses so beliebig und überflüssig anmutenden Preises vor der Premiere nicht zugemutet hat. Dennoch zur Orientierung eine kurze Wertung und Einordnung des Preises.
Das Badische Staatstheater hat also scheinbar ein besseres Opernprogramm als alle anderen Städte. Zur Erinnerung hier das sensationelle Karlsruher Programm, das der Jury keine andere Wahl ließ, als den Preis ins Badische zu vergeben: Wagner - Tannhäuser, Künneke - Der Vetter aus Dingsda, Händel - The Triumph of Time and Truth, Barry - The Triumph of Beauty and Deceit, Donizetti - Die Regimentstochter, Weinberg - Die Passagierin, Britten - Peter Grimes. Der Konkurrenz hat es wahrscheinlich Verzweiflungstränen in die Augen getrieben angesichts dieses außergewöhnlichen Hammerprogramms, um das uns viele in der Republik beneiden müssen.
Gewürdigt wurden also nicht Künstler oder künstlerische Qualität -was manche für die einzige maßgebliche Kategorie halten- sondern theoretische Absichten bei der Zusammenstellung der Programmpunkte. Bereits im zweiten Jahr unter Joscha Schaback kann die Jury überraschenderweise feststellen: "Beeindruckend ist ... die Stringenz, mit der thematische Linien verfolgt werden." Unglaublich, aber wahr: das Badische Staatstheater begeistert damit, daß es eine stringente Planung über zwei Jahre zustande gebracht hat. Als Zuschauer reibt man sich allerdings verwundert die Augen und fragt sich, wieso Absichten und Pläne überhaupt preiswürdig sind und so wichtig, daß man das Publikum seit Monaten auf den Preis aufmerksam macht. Vielleicht muß man in einem mit Steuergeld subventionierten Umfeld arbeiten, um Leistung und Errungenschaft so einfach zu definieren.
Wieso macht das Badische Staatstheater so ein großes Trara um Preise? Eigenlob stinkt! heißt es umgangssprachlich und frühere Intendanzen veröffentlichten ihre Auszeichnungen nur auf einer mittleren Seite in der Theaterzeitung. Bescheidenheit und Gelassenheit kann zeigen, wer Vertrauen in seine Arbeit hat. Es spricht nicht für die Selbstsicherheit und das Stilgefühl eines Theaters, das nach außen die eigenen Verdienste ins Rampenlicht stellt. Wer Zweifel an seiner eigenen Qualität hat oder denkt, daß das Publikum Qualität nicht erkennt, wenn es sie sieht, zeigt, daß etwas nicht zusammenpasst und Mißtrauen gegenüber den Zuschauern herrscht.
Übrigens: "Der Bariton Seung-Gi Jung, seit 2011/12 Ensemblemitglied, hat den 1. Preis beim Internationalen Gesangswettbewerb in Bilbao in der Kategorie Männerstimmen gewonnen". Dem Badischen Staatstheater war dieser großartige Erfolg nur diese kurze Notiz auf Seite 35 des aktuellen Theatermagazins wert. Hätte man mal lieber ihm auf der Bühne gratuliert und den "Preis" für das "beste" Opernprogramm einmalig auf Seite 35 verkündet - dann hätten die Verhältnisse gestimmt und jeder wäre an dem Platz, an den er gehört.
Team und Besetzung:
HÄNDEL - DER SIEG VON ZEIT UND WAHRHEIT:
Beauty: Anna Patalong
Deceit: Stefanie Schaefer
Counsel (or Truth): William Purefoy
Pleasure: Sebastian Kohlhepp
Time: Joshua Bloom
BARRY - DER SIEG VON SCHÖNHEIT UND TÄUSCHUNG:
Beauty: Peter Tantsits
Pleasure: Iestyn Morris
Truth: William Purefoy
Deceit: Gabriel Urrutia Benet
Time: Joshua Bloom
Musikalische Leitung: Richard Baker
Regie: Sam Brown
Bühne & Kostüme: Annemarie Woods
Choreographie: Lorena Randi
Händelfestspiele 2013
Nun aber: Endlich wieder Händel Festspiele! Die Besucher schüttelten über ver.di den Kopf, ließen sich aber durch die gewerkschaftliche Negativität nicht die Freude nehmen. Die diesjährige Neuproduktion ist englisch: ein in englisch gesungenes Händel-Oratorium, ergänzt durch eine zeitgenössische englische Oper, von englischsprachigen Gastsängern und einem englischen Dirigenten aufgeführt und inszeniert von einem englischen Team.
Was wird aufgeführt?
Keine der italienischen Opern Händels (*1686 †1759), sondern mal wieder ein Oratorium aus seiner Spätzeit, sogar aus einer sehr späten Zeit, denn The Triumph of Time and Truth ist Händels letztes Oratorium und wurde 1757 erstmals gespielt. Doch das Oratorium ist kein neues Werk, sondern eine Verarbeitung eines früheren Händel Werks. 1707 komponierte Händel in Rom das Oratorium Il trionfo del Tempo e del Disinganno (war 2007 in Karlsruhe zu hören), das er 1737 nach einer Umbearbeitung in London als Il trionfo del Tempo e della Verità (war 1999 in Karlsruhe zu hören) und noch mal 20 Jahre später nach einer englischen Übersetzung und weiteren Umarbeitung als The Triumph of Time and Truth restverwertete und nun die Karlsruher Reihe komplettiert. Um es für die Bühne inszenieren zu können, wurde das Oratorium gekürzt und dauert ca 90 Minuten.
Die Oper The Triumph of Beauty and Deceit des irischen Komponisten Gerald Barry (*1952) wurde 1991 uraufgeführt. Barry war vor der gestrigen Premiere der große Unbekannte - fast niemand dürfte bisher von ihm gehört oder etwas gehört haben. Aus gutem Grund - man kann seine Musik in jedem Fall als sehr gewöhnungsbedürftig bezeichnen: sie wirkt sehr gehetzt und gedrängt, dabei aber in ihrem Ausdruck überwiegend eintönig und schrill-hysterisch: ein akustischer Migräneanfall. Auffällig ist bei ihm auch die Behandlung der Singstimme. Im Programmheft warnt das Badische Staatstheater bereits vorab: "Außerdem schert sich Barry nur wenig um die verkrusteten Konventionen, innerhalb derer Menschen auf der Opernbühne ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen pflegen. Denn würden diese Konventionen gelten, müssten Barrys Figuren als ernstlich wahnsinnig erscheinen, da sie sich in Gesangslinien entäußern, die durch alle Register rasen, an den falschen Stellen abbrechen (will heißen: der jeweiligen Textphrasierung widersprechen) und sich überdies häufig wiederholen, wie gefangen in manischer Konfusion. …. Seine Charaktere benehmen sich nicht angemessen, indem sie ihre Emotionen ausdrücken; sie gehen weiter, bis hin zu grotesker Übertreibung. Oder sie bleiben zurück und verharren in Stille."
Es gibt immer wieder Phasen, wo man Barrys Musik durchaus einen gewissen Reiz abgewinnen kann, aber in der Summe wirkt sie wie ein Klischee über moderne Musik. Immer wieder verließen Besucher in den knapp 50 Minuten Aufführungsdauer den Saal, weil sie es nicht mehr ertragen konnten. Gerade auch nach der melodiösen und ruhigen Barockmusik, wirkt die Kombination mit der unruhigen Musik Barrys umso harscher und gewöhnungsbedürftiger für die Zuschauer.
Worum geht es?
In Händels allegorischem Oratorium und Barrys Oper gibt es das gleiche Personal. Die Zeit, die Wahrheit, das Vergnügen und die Täuschung versuchen die Schönheit auf den richtigen Weg zu bringen, und zwar bei Händel auf den Pfad der religiösen Tugend, bei Barrys Fortsetzung hin zum Vergnügen. Es ist also eine moralische Handlung, die hier inszeniert wird, bei der die Schönheit manipuliert werden soll. Der Paradigmenwechsel ist unverkennbar: im spätbarocken Oratorium ist die Vergänglichkeit der Schönheit Anlaß zur Konzentration auf göttliche Belohnung im Jenseits; in moderner Sicht ist die Vergänglichkeit der Schönheit Anlaß zu diesseitigen Vergnügen und hedonistischen Genuß. Wo Vergnügen und Schönheit einst in offizieller Moral (inoffiziell huldigten ihr die Kirchenfürsten hemmungsfrei) nur frivol denkbar waren und ihnen der Spaß ausgetrieben wurde, sind sie heute selbstverständliche Chance zur geglückten Selbstverwirklichung.
Aus oben genannten Gründen war die Premiere konzertant und über Bühnenbild und Absichten des Regie-Teams lässt sich noch nichts sagen.
Was ist zu hören?
Wie fast immer in den letzten Jahren hat man sehr gute Sänger versammelt und es fällt schwer, jemand aus dem homogenen Ensemble hervorzuheben. In Händels Oratorium hat man mit Sebastian Kohlhepp und Stefanie Schaefer erprobte und beliebte Ensemblemitglieder und mit Anna Patalong eine schöne Sopranstimme. Zwei Sänger singen in beiden Stücken: Countertenor William Purefoy und der Bassist Joshua Bloom, den wahrscheinlich einige gerne öfters hören würden: eine tragende und markante Stimme, die auffällt. Ebenfalls eine sehr schöne Stimme hat der Tenor Peter Tantsits, der die Schönheit in Barrys Oper singt. Das Publikum spendete demonstrativ langen und starken Applaus für alle Sänger.
Die Premiere findet nun am Dienstag, 19.02. statt. Das Badische Staatstheater bietet allen Inhabern von Premierenkarten 50% Ermässigung an, falls sie sich für einen zweiten Termin mit Inszenierung noch mal eine Karte besorgen wollen.
PS: Diesmal hat man die Preisverleihung (mehr dazu hier bei den Gurreliedern) für den "Preis der deutschen Theaterverlage - Bestes Opernprogramm 2012/13" im Anschluß an die Premiere vorgenommen. Vielen Dank, daß man all jenen, für die das Was weniger wichtig ist als das Wie, die üblichen Blabla-Ansprachen dieses so beliebig und überflüssig anmutenden Preises vor der Premiere nicht zugemutet hat. Dennoch zur Orientierung eine kurze Wertung und Einordnung des Preises.
Das Badische Staatstheater hat also scheinbar ein besseres Opernprogramm als alle anderen Städte. Zur Erinnerung hier das sensationelle Karlsruher Programm, das der Jury keine andere Wahl ließ, als den Preis ins Badische zu vergeben: Wagner - Tannhäuser, Künneke - Der Vetter aus Dingsda, Händel - The Triumph of Time and Truth, Barry - The Triumph of Beauty and Deceit, Donizetti - Die Regimentstochter, Weinberg - Die Passagierin, Britten - Peter Grimes. Der Konkurrenz hat es wahrscheinlich Verzweiflungstränen in die Augen getrieben angesichts dieses außergewöhnlichen Hammerprogramms, um das uns viele in der Republik beneiden müssen.
Gewürdigt wurden also nicht Künstler oder künstlerische Qualität -was manche für die einzige maßgebliche Kategorie halten- sondern theoretische Absichten bei der Zusammenstellung der Programmpunkte. Bereits im zweiten Jahr unter Joscha Schaback kann die Jury überraschenderweise feststellen: "Beeindruckend ist ... die Stringenz, mit der thematische Linien verfolgt werden." Unglaublich, aber wahr: das Badische Staatstheater begeistert damit, daß es eine stringente Planung über zwei Jahre zustande gebracht hat. Als Zuschauer reibt man sich allerdings verwundert die Augen und fragt sich, wieso Absichten und Pläne überhaupt preiswürdig sind und so wichtig, daß man das Publikum seit Monaten auf den Preis aufmerksam macht. Vielleicht muß man in einem mit Steuergeld subventionierten Umfeld arbeiten, um Leistung und Errungenschaft so einfach zu definieren.
Wieso macht das Badische Staatstheater so ein großes Trara um Preise? Eigenlob stinkt! heißt es umgangssprachlich und frühere Intendanzen veröffentlichten ihre Auszeichnungen nur auf einer mittleren Seite in der Theaterzeitung. Bescheidenheit und Gelassenheit kann zeigen, wer Vertrauen in seine Arbeit hat. Es spricht nicht für die Selbstsicherheit und das Stilgefühl eines Theaters, das nach außen die eigenen Verdienste ins Rampenlicht stellt. Wer Zweifel an seiner eigenen Qualität hat oder denkt, daß das Publikum Qualität nicht erkennt, wenn es sie sieht, zeigt, daß etwas nicht zusammenpasst und Mißtrauen gegenüber den Zuschauern herrscht.
Übrigens: "Der Bariton Seung-Gi Jung, seit 2011/12 Ensemblemitglied, hat den 1. Preis beim Internationalen Gesangswettbewerb in Bilbao in der Kategorie Männerstimmen gewonnen". Dem Badischen Staatstheater war dieser großartige Erfolg nur diese kurze Notiz auf Seite 35 des aktuellen Theatermagazins wert. Hätte man mal lieber ihm auf der Bühne gratuliert und den "Preis" für das "beste" Opernprogramm einmalig auf Seite 35 verkündet - dann hätten die Verhältnisse gestimmt und jeder wäre an dem Platz, an den er gehört.
Team und Besetzung:
HÄNDEL - DER SIEG VON ZEIT UND WAHRHEIT:
Beauty: Anna Patalong
Deceit: Stefanie Schaefer
Counsel (or Truth): William Purefoy
Pleasure: Sebastian Kohlhepp
Time: Joshua Bloom
BARRY - DER SIEG VON SCHÖNHEIT UND TÄUSCHUNG:
Beauty: Peter Tantsits
Pleasure: Iestyn Morris
Truth: William Purefoy
Deceit: Gabriel Urrutia Benet
Time: Joshua Bloom
Musikalische Leitung: Richard Baker
Regie: Sam Brown
Bühne & Kostüme: Annemarie Woods
Choreographie: Lorena Randi
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