Donnerstag, 25. Oktober 2012

Delius - Romeo und Julia auf dem Dorfe, 24.10.2012

Romeo und Julia auf dem Dorfe ist in der Karlsruher Inszenierung ein sehr schöner Erfolg für das Badische Staatstheater. Letzte Spielzeit hatte Delius' Oper nach verhaltenem Start eine gute Besucherauslastung - ein Zeichen dafür, daß die Mund-zu-Mund-Werbung in Karlsruhe sehr gut funktioniert. Nur noch drei Termine sind in dieser Spielzeit angesetzt (Freitag, 02.11.12 / Donnerstag, 08.11.12 / Sonntag, 30.12.12), die alle nutzen sollten, um das Werk kennenzulernen oder noch mal zu hören.

Das besondere an Delius' Musik ist eine anschauend-impressionistische Haltung, die nicht durch Licht-und-Schatten Beleuchtung ihre dramatische Tiefe erhält, sondern zurückhaltend den Hörer einlädt und ihn nur selten überwältigen will. Der Gesang ist nicht stilisiert, sondern diskret und deklamierend. Es ist das menschliche Maß der Oper, das nicht vorrangig auf Effekte setzt und das traurige Ende nicht musikdramatisch überhöht, das dem Werk seinen noblen Charakter gibt. Delius geht mit Romeo und Julia auf dem Dorfe seinen eigenen, originellen und besonderen Weg, denn man dann erkennt, wenn man sich vorstellt, was die musikalischen Großdramatiker des späten 19. Jahrhunderts oder die Komponisten des Verismo aus ähnlichen Szenen gemacht haben.

Die gestrige Vorstellung bestätigte die bisherigen positiven Eindrücke. Ekaterina Isachenko war schon zuvor in der Rolle sehr positiv aufgefallen und ergänzt sich sängerisch und auf der Bühne sehr gut mit Carsten Süss. Süss ließ zwar eine Beeinträchtigung durch eine Erkältung ansagen, aber auch leicht geschwächt klingt er noch gut. Der schwarze Geiger -die profilierteste Figur der Oper- ist eine Milieugestalt und wird von den beiden in dieser Rolle alternierenden Sänger diametral interpretiert. Armin Kolarzcyk ist der helle Verführer, der dem Liebespaar einen Ausweg bietet, Gabriel Urrutia Benet, der gestern sang, ist mehr der dunkle Realist, der ihnen illusionslos eine Alternative vorschlägt.

Ein Erfolg für alle Beteiligten und eine sehr schöne Produktion. Die für Opern-Fans spannende Reihe der unbekannten Meisterwerke wird diese Spielzeit mit Benjamin Brittens beliebtester (und gar nicht so unbekannter) Oper Peter Grimes fortgesetzt. Mal schauen, was in den folgenden Jahren kommen wird.

Sonntag, 21. Oktober 2012

2. Symphoniekonzert, 21.10.2012

Das zweite Symphoniekonzert war aus verschiedenen Gründen etwas Besonderes: Es war ein historisches Konzert, das ein Programm wiederholte, daß Richard Strauss (der zwischen 1900 und 1924 mehrfach als Gast die Badische Hofkapelle leitete) im Mai 1908 selber in Karlsruhe dirigiert hatte. Und man muß zugeben, daß es auch heute noch lauter gern gehörte, wirkungsvolle Kompositionen enthält. Man kann sogar sagen, daß es aufgrund der Stückauswahl ein Höhepunkt der Konzertsaison ist, denn es sind lauter Kompositionen die transzendent-überhöhend oder verklärend sind oder sogar in Triumph und Freude enden.
Als Gastdirigent hatte man dafür Christof Prick engagiert, der von 1977 bis 1986 Generalmusikdirektor am Badischen Staatstheater war und immer noch einen hervorragenden Ruf beim Publikum genießt und in Karlsruhe in seiner Zeit sehr viel Strauss und Wagner, Mahler und Bruckner dirigierte. Heute sind noch zwölf Orchestermitglieder übrig, die ihn als GMD erlebt haben.

Die Rahmenbedingungen waren also überaus attraktiv und die Wirkung blieb nicht aus. Prick zeigte, was ihn in Karlsruhe so populär machte: es war ein fesselndes und begeisterndes Konzert.

Carl Maria von Webers Ouvertüre zu seiner letzten Oper Oberon, uraufgeführt 1826 in London, ist  instrumental -wie die ganze Oper- der Versuch, daß missratene Libretto musikalisch zu retten und stellt eine idealtypische Opernouvertüre dar, die den Geist des Werks zusammenfasst. Eine schöne Geste des Dirigenten: er gönnte dem neuen Solo-Hornist Dominik Zinsstag einen Einzelapplaus. Danach folgte Musikmagie - der Karfreitagszauber aus Richard Wagners Parsifal wurde klangsinnlich und ruhig dargeboten. Danach ein berühmtes Werk von Richard Strauss: Tod und Verklärung beginnt mit den letzten Herzschlägen eines Sterbenden und endet mit der Apotheose - eine Tondichtung, deren Thema vom Komponisten eingängig und sinnfällig dargestellt wird. Orchester und Dirigent wurden mit viel Applaus vom Publikum in die Pause geschickt.
Über Ludwig van Beethovens fünfte Symphonie ist alles gesagt: vom unvergesslichen Auftakt des bangen Klopfens bis zum überbordenden Finale - eine in c-moll beginnende Reise, die in triumphalen C-Dur endet. Christof Prick dirigierte sie bereits im März 1979 in Karlsruhe und die Neuauflage nach 33 Jahren ließ keine Alterserscheinungen erkennen. Es war eine mustergültige Interpretation, bei der man bedauern kann, daß davon keine Aufnahme gemacht wurde. Man könnte viele andere Einspielungen im CD-Schrank dafür entsorgen.

Die Badische Staatskapelle war in ausgezeichneter Form und Christof Prick dirigierte souverän mit klaren Ansagen und aus dem Gedächtnis, ohne Partitur und Pult.

Das Karlsruher Konzertpublikum weiß, was es zu hören gilt. Die Eintrittskarten für beide Konzerte waren schnell vergriffen. Ein sehr schönes Konzert am Sonntagmorgen, das sein zufriedenes und glückliches Publikum in einen zum Konzert klimatisch passenden 21. Oktober mit Sonnenschein und über 20 Grad Celsius entließ.

PS: Die von Strauss 1908 festgelegte Reihenfolge wurde modifiziert. Ursprünglich sah das Programm folgendermaßen aus:
Carl Maria von Weber Oberon-Ouvertüre
Ludwig van Beethoven Sinfonie Nr. 5 c-Moll
-Pause-
Richard Wagner Karfreitagszauber
Richard Strauss Tod und Verklärung

Tschechow - Die Möwe, 20.10.2012

Leider vorab eine Warnung: Die Möwe ist eine von jenen überflüssigen Inszenierungen, auf die man als Zuschauer rückblickend lieber verzichtet hätte. Theater zum Abgewöhnen. Als regelmäßiger Schauspiel-Besucher (und auch als Tschechow-Leser) blutet einem bei dieser Produktion das Herz. Es gibt so viele schwache und misslungene Momente, Szenen, die bis an die Grenze erträglicher Langeweile zerdehnt sind, sinnschwache Einfälle und altmodische Humor-Versuche, daß man bei den vielen Unzulänglichkeiten kaum weiß, wo man rekapitulierend beginnen soll.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Händel Festspiele 2013

Heute wurde das Programm der Händel Festpiele 2013 veröffentlicht und ein wenig enttäuscht darf man sein. Im Vergleich zu 2012 fehlen die großen Höhepunkte und man frägt sich, wieso Lawrence Zazzo sein Konzert nicht nächstes Jahr hätte geben können; Bei den Händel Festspielen 2012 konkurrierte er mit dem spektakulären Konzert mit 4 Countertenören und hatte dadurch deutlich weniger Zuschauer als diese. Nächstes Jahr steht nichts Vergleichbares auf dem Programm und der Zuschauerrekord wird damit nicht in Gefahr gebracht.

Dazu kommt, daß am 25.02.2013 zeitgleich das 4. Symphoniekonzert mit dem Dirigenten Bruno Weil und das Oratorium Esther mit der großartigen Kirsten Blaise und Dirigent Michael Hofstetter aufgeführt werden. Als Konzertabonnent hat man also die Qual der (Verzichts-)Wahl. Außerdem wird parallel auch noch der Jazzabend der Internationalen Händel-Akademie mit Claude Diallo am Klavier stattfinden. Eine sehr ungeschickte Termin-Festsetzung dreier Konzerte.

Ebenso vermisst man beispielsweise ein Gastspiel einer Barockoper, wie es in der Vergangenheit verschiedene Beispiele gab.

Hier der Link zum Programm als pdf
-Datei auf der Internetseite des Badischen Staatstheaters.

Samstag, 13. Oktober 2012

Stuttgarter Ballett: John Cranko - Onegin, 12.10.2012

Am 17.11.2012 erfolgt am Badischen Staatstheater die Wiederaufnahme des Balletts Giselle. Die Choreographie von Peter Wright erlebte ihre Uraufführung 1965 - einem großen Jahr  für das Stuttgarter Ballett, denn auch Onegin, choreographiert und inszeniert von John Cranko, erlebte in diesem Jahr an gleicher Stelle seine Premiere. Giselle und Onegin sind beide inzwischen Klassiker des Handlungsballetts. Fünf Wochen vor der Wiederaufnahmenpremiere von Giselle am Badischen Staatstheater gab es gestern die Rückkehr von Onegin am Württenbergischen Staatstheater. Das Stuttgarter und Karlsruher Ballett ergänzen sich mit diesen Wiederaufnahmen also auf sinnvolle Weise - Grund genug für einen Blick über die badische Landesgrenze und einen Besuch bei unseren Nachbarn im Osten.

Die Karlsruher Ballettdirektorin Birgit Keil tanzte in Stuttgart in beiden Balletten die Hauptrollen: als Königin der Willis und Giselle im Jahr 1966; als Olga in Onegin 1970 und in der Hauptrolle als Tatjana 1974 (zuerst mit Jan Stripling in der Titelrolle als Onegin, später auch mit Vladimir Klos). Beiden -Onegin und Giselle- merkt man ihre enstehungsgeschichtliche Zeitgenossenschaft an: Ambiente, Ausdruck, Ausstattung, Kostüme, Stil - eine gewisse Verwandschaft lässt sich trotz unterschiedlicher Choreographen und Themen nicht verleugnen. Beide haben auch durchaus Schwächen, die man aber erst heute bemerkt: es gibt angestaubte und  gelegentlich auch etwas altmodisch wirkende Momente bei den folkloristisch gehaltenen Gruppen- und Festszenen. Dennoch funktionieren beide Choreographien weiterhin, denn sie erzählen ihre Geschichte klar, deutlich und geradlinig, mit viel emotionaler Teilnahme und Spannung für das Publikum.

Das von John Cranko nach Alexander Puschkins Versroman in drei Akten konzipierte Ballett ist durch seine anspruchsvollen, leidenschaftlichen und dramatischen Pas de deux berühmt. Dazu kommen viele sehr gute Bühneneinfälle: z.B. die Briefszene Tatjanas, die hier als Traumszenenfolge gelöst ist, das durch Schattenspiel dargestellte Duell zwischen Lenski und Onegin oder der unter umgekehrten Vorzeichen stattfindende abschließende Pas de deux zwischen Onegin und Tatjana. Das Stuttgarter Ballett glänzte gestern durch seine großartigen Solisten und durch die dichte Homogenität der Tänzer.

Die Musik zu Onegin stammt nicht aus der gleichnamiger Oper, sondern aus eher unbekannten Werken und Klavierkompositionen Tschaikowskys, die von Kurt-Heinz Stolze für Orchester arrangiert wurden. Das Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle spielte mit sattem Wohlklang.

Fazit: Das Stuttgarter Ballett ist immer eine Reise wert und speziell Onegin weckt die Vorfreude auf Giselle am Badischen Staatstheater.

PS: Liebes Badisches Staatstheater, jahrzehntelang gab es in Karlsruhe eine monatliche Theaterzeitschrift, mit der man als Zuschauer und Interessent gut informiert war. Seit letztem Jahr wurde diese leider durch eine informationsarme und wenig interessante Publikation ersetzt, die sogar nur alle drei Monate erscheint. Ein trauriger Einschnitt. Vergleicht man aber die ebenfalls nur im Dreimonatsrhythmus erscheinende Stuttgarter Theaterzeitung, hat man guten Grund von der Publikation des Badischen Staatstheaters enttäuscht zu sein: ungleich mehr an gut verpackter Information und spannender Berichte ist dort zu finden. Nehmt euch doch mal daran ein Beispiel und erhöht wieder die Publikationsfrequenz.

Montag, 8. Oktober 2012

Wagner - Tannhäuser, 07.10.2012

Nach dem inszenatorisch stark kritisierten Lohengrin war eine große (An-)Spannung vor dem neuen Tannhäuser bei Publikum und Theatermitarbeitern am Premierensonntag im ausverkauften Großen Haus spürbar. Tannhäuser wurde gestern ein großer Erfolg für das Badische Staatstheater: alle Beteiligten wurden vom Publikum einhellig bejubelt.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Richter - My Secret Garden, 03.10.2012

Das Erlebnis des gestrigen Abends war nicht My Secret Garden, sondern Timo Tank. Der Schauspieler gestaltete und dominierte auf großartige Weise einen Text, dem man nur ein beschränktes Haltbarkeitsdatum attestieren kann und der nur durch die faszinierende Schauspielkunst Tanks lebendig wurde.

Worum gehts es?
Nach dem Musical Alice startete gestern nun auch das Schauspiel auf der Studio-Bühne in die neue Saison. Ausgesucht hatte man sich eine deutschsprachige Erstaufführung: My Secret Garden des deutschen Bühnenautors Falk Richter (Jahrgang 1969) hatte seine Uraufführung in französischer Sprache beim Festival d’Avignon 2010. Laut Staatstheater ist der Text eine Reise in eine bundesrepublikanische Biografie: "Ein Mann um die vierzig, ein Schriftsteller, nachts in einem Hotelzimmer: Während sein Vater im Krankenhaus mit dem Sterben ringt, lässt der Autor sein eigenes Leben Revue passieren." Dieser Mann um die vierzig scheint der Autor selber zu sein; er spricht sich selber mit dem Vornamen Falk an. My Secret Garden besteht aus Reflexionen und Erinnerungen - den Innenansichten eines Autors.

Autofiktion?
Richter bezeichnet My Secret Garden als Autofiktion, eine Mischung aus Autobiographie mit erfundenen Bestandteilen oder eine Erfindung mit autobiographischem Anteil. Eine Mischung mit vorläufig unklarem Verhältnis. Die Autofiktion erscheint als eine Zweckform. Die autobiographische Selbstthematisierung ist immer auch eine Selbstuntersuchung: eine Therapieform, bei der man sich selber kennenlernt, sich eigene Unzulänglichkeiten von der Seele schreibt und gleichzeitig in die Zukunft blickt und den großen Bogen über ein Leben spannt. Verschleiert wird sie hier durch fiktive Elemente. Auf der Bühne wird für die erzählende Figur ein desaströses Lebengefühl diagnostiziert: ohne richtige soziale Kontakte, einsam, um Anerkennung als Autor ringend und voller Sinnlosigkeitsgefühle. Eine Entwicklungsgeschichte ohne geglückte Emanzipation. Die Schwäche des Textes besteht darin, daß er nicht konsequent zu Ende geschrieben ist. Etwas Unaufrichtiges, nicht Zuendeoffenbartes, Erfundenes lässt die schonungslose Offenheit vermissen, die nötig gewesen wäre, um My Secret Garden also große Innenanalyse gelten zu lassen. In Karlsruhe ist die Wirkung  des Textes keine stoffliche, sondern wird durch die Form des Erzählens erzielt: die Geschichte interessiert aufgrund der schauspielerischen Darstellung. 

Was wird gezeigt?

My Secret Garden ist zweigeteilt und beginnt als Monolog. In den ersten 50 Minuten blickt der von Timo Tank gespielte Erzähler zurück auf seine Kindheit und Jugend. Als Wunschbild stilisiert sich Tank in der ersten Szene: cool, selbstbewußt und lässig tanzt er auf der Bühne, doch die Fassade bröckelt schnell. Das beengende, spießige Milieu der Eltern in der norddeutschen Provinz, das von Lieblosigkeit und Enge gekennzeichnet war, ließ kein selbstbewußtes Ich entstehen, sondern eines, das von vitalen Unfähigkeiten und stumpfen Verstimmungen geprägt ist.  Die Vergangenheitsinstrumenalisierung wird aber auch zur Relativierung eigener Defizite genutzt. Im zweiten Teil, der den Autor und Künstler in den Mittelpunkt stellt und durch Dauerzweifel am eigenen Handeln und Bitterkeit gekennzeichnet ist, ergänzen zwei weitere Schauspieler das Ich des Erzählers. Dieser Abschnitt kann die Dichte des Beginns nicht halten und ist etwas schwächer. Die drei Schauspieler -Simon Bauer, Benjamin Berger, Timo Tank- tragen eng anliegende silbern-glänzende Kostüme, die an Ballett-Tänzer erinnern.  Kostüme, die nichts verbergen, aber auch das Inauthentische des Autofiktion-Konzepts zeigen.

Fazit: Als Schauspiel-Fan darf man Timo Tank nicht verpassen! In seinem Monolog gibt es keinen langweiligen Moment, jeder Satz lebt und atmet. Sein grandioser Auftritt bietet die kurzweiligsten und spannendsten 50 Minten seit langem. Insgesamt 90 schauspielerisch lohnenswerte Minuten.

Schauspieler: Timo Tank, Simon Bauer, Benjamin Berger
Regie: Pedro Martins Beja
Bühne und Kostüme: Christine von Bernstein
Musik: Jörg Follert