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Sonntag, 20. November 2022

Giselle (Ballett), 19.11.2022

Irgendwie Giselle
Mit dem Ballett Giselle und in drei Wochen dem Fliegenden Holländer in der Oper zeigt das Badische Staatstheater in diesem Winter kernromantisches Repertoire um Schuld, Tod und übersinnliche Phänomene. David Dawson choreographierte diese Giselle 2008 für das Ballett der Semperoper in Dresden, 2014 ließ Bridget Breiner als damalige Ballettdirektorin des Theater im Revier Dawsons Giselle in Gelsenkirchen einstudieren und tanzte auch noch selber die Titelfigur. Gestern war nun die Karlsruher Premiere, die mit viel Applaus für die Tänzer belohnt wurde, doch die Freude war getrübt. Die enttäuschende Produktion interpretiert die Handlung reduziert und abstrahiert jenseits der romantischen Schauergeschichte und wirkt zwar irgendwie wie Giselle, aber mit wenig dramatischer und atmosphärischer Überzeugungskraft.

Samstag, 22. März 2014

Stuttgarter Ballett - Giselle, 21.03.2014

Die Karlsruher Giselle in der Choreographie von Peter Wright erlebte ihre Premiere 1965 in Stuttgart und es heißt, daß einige dort dieser schönen Produktion bis heute nachtrauern. Die aktuelle Stuttgarter Giselle von Reid Anderson und Valentina Savina debütierte 1999 und hatte gestern ihre Wiederaufnahmenpremiere in Stuttgart. Da man in beiden Fällen auf die Choreographie des Balletts nach dem historisch überlieferten Vorbild von Marius Petipa, Jean Coralli und Jules Perrota zurückgreift, ähneln sich die Karlsruher und Stuttgarter Giselle stark und auf einen ersten Blick sind kaum Unterschiede festzustellen. Im zweiten Akt hat Karlsruhe meines Erachtens die stimmungsvollere, nachtblauere und romantischere Fassung. Opulenter ist Karlsruhe auch bei der Anzahl des Corps de Ballett: in Stuttgart sind 18 Wilis auf der Bühne, auf der größeren Karlsruher Bühne 24. In Karlsruhe scheint der weite Bühnenraum auch besser genutzt und ergibt bei den großen Szenen immer wieder eindrucksvollere Gruppenszenen, während die Stuttgarter Nachtgeister weniger bedrohlich als die Karlsruher wirken.

Tänzerisch ist Stuttgart wie üblich eine Klasse für sich. Alicia Amatriain als Giselle und Friedemann Vogel als Albrecht gehören zu den Stars des Stuttgarter Balletts und tanzten auch beide 2012 in der Jubiläumsaufführung von Crankos Romeo und Julia mit (mehr dazu hier), also an dem Abend, an dem Birgit Keil und Vladimir Klos, Marcia Haydée, Egon Madsen und Ray Barra noch mal auf der Bühne standen.
Vogel war bei der Wiederaufnahme der Star des Abends und durch seine elegante Leichtigkeit  Publikumsliebling, gefolgt von Amatriain, die aber gestern etwas angeschlagen wirkte und nicht ihren besten Tag erwischt zu haben schien. Als Myrtha tanzte Rachele Buriassi zu unauffällig und konnte ihrer Figur wenig Souveränes oder Charakteristisches verleihen. Überhaupt war es zwar eine schöne Wiederaufnahme, doch mit einigen Patzern.  Im ersten Akt beeindruckte dafür gestern der sogenannte Bauern-Pas-de-deux mit einem starken Constantine Allen und einer sich steigernden Elisa Badenes.
Im Orchestergraben gibt es kaum Unterschiede - hier wie dort trägt das Orchester wesentlich zur Dramatik bei.

Fazit: Der Südwesten ist dieses Frühjahr Giselle-Land. Wer dieses Musterbeispiel für romantisches Ballett liebt, der kann sowohl in Karlsruhe als auch in Stuttgart eine hochklassige Aufführung mit unterschiedlichen, aber sich ausgleichenden Stärken und Schwächen sehen.

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Giselle (Ballett), 19.12.2012

Nach der Generalprobe von Giselle gab es schon genug Grund zur Vorfreude und die gestrige Vorstellung bestätigte die sehr guten Eindrücke.

Tänzerisch war gestern Bruna Andrade die herausragende Person auf der Bühne.
Sie war erst letzte Woche die strahlende Weihnachtsfee im Nußknacker und hat beide Hauptrollen in Giselle einstudiert: die Titelrolle und die unerbittliche Königin der Wilis. Gestern hatte sie einen großen Auftritt als anfangs unbekümmerte, glücklich verliebte Giselle, deren Welt dann plötzlich und schnell zusammenbricht. Im zweiten Akt gleitet sie dann  mit gespenstischer Leichtigkeit über die Bühne und verteidigt Albrecht gegen Myrtha und ihre Wilis - eine sehr ausdrucksstarke und überzeugende Leistung. Andrade hat sich über die letzten Jahre stetig gesteigert und ist seit dieser Spielzeit verdient erste Solistin geworden. Glückwunsch und Bravo!

Glückwunsch und Bravo auch an Admill Kuyler. Auch er ist seit dieser Spielzeit erster Solist und wer sich die Rolle des Albrecht in Karlsruhe nur in der Besetzung mit Flavio Salamanka vorstellen kann, der sollte sich Giselle auch noch mal mit Kuyler ansehen: die extrem schwierige Rolle mit den vielen kräftezehrenden Sprüngen ist auch mit ihm sehr gut besetzt.
Harriet Mills als Myrtha, Blythe Newman und Barbara Blanche als erste Wilis sowie Bledi Bejleri als Hillarion und die ganze Kompagnie waren die Garanten für eine sehr schöne Vorstellung. In Giselle begeistert insbesondere der zweite Teil, in dem gestern 24 verblüffend synchrone Wilis in klassischer Tanzschönheit auftreten und in dem durch atmosphärisch-effektive Lichtregie ein Paradebeispiel für nachtblaue Schauerromantik geben wird.   

Musikalisch leitete Christoph Gedschold so überzeugend, daß man ihm eigentliche alle Ballett-Aufführungen anvertrauen sollte. Er wertet den Ballettabend immer auch zu einem beeindruckenden Symphoniekonzert auf.

Die Weihnachtszeit ist für das Badische Staatstheater traditionell die Zeit ausverkaufter Vorstellungen und es ist notwendig allen Tänzern hier mal Respekt für ihre Leistungsfähigkeit zu zollen. Innerhalb von neun Tagen haben sie drei mal auf der Bühne gestanden: letzten Dienstag im Nußknacker, letzten Donnerstag in Momo und gestern in Giselle. In den neun Vorstellungen waren ca 3100 Besucher, also eine Auslastung von über 100%, da auch zahlreiche Stehplätze verkauft wurden.

Freitag, 16. November 2012

Giselle (Ballett), Generalprobe am 15.11.2012

Da ich bei der Wiederaufnahmen-Premiere von Giselle am 17.11.2012 verhindert bin, war ich umso dankbarer für das Angebot, die Generalprobe zu besuchen. Vielen Dank an den Verantwortlichen und die Gesellschaft der Freunde des Badischen Staatstheaters!

Die gestrige Generalprobe zeigte, daß man sich Giselle  in neuer Besetzung nicht entgehen lassen sollte! Die Choreographie von Peter Wright stammt aus dem Jahr 1965 und hatte ihre Uraufführung durch das Stuttgarter Ballett (im gleichen Jahr war dort auch Onegin von John Cranko zu sehen). Birgit Keil war 21 Jahre alt, als sie 1966 in Giselle debütierte. Sie tanzte zuerst die Königin der Wilis im März 1966 (bei der Generalprobe hatte sie sich schmerzhaft am Steißbein verletzt und tanzte dennoch), im Juni 1966 erfolgte dann auch ihr Debut als Giselle. 

2013 ist Birgit Keil 10 Jahre als  Ballettdirektorin am Badischen Staatstheater. In ihrem zweiten Jahr war Giselle im Dezember 2004 ihr abendfüllendes Handlungsballett für Karlsruhe - damals mit Anaïs Chalendard als Giselle, Emmanuelle Heyer als Königin der Wilis und Flavio Salamanka als Graf Albrecht. Salamanka ist bekanntermaßen seit langer Zeit Publikumsliebling und erster Solist und tanzt auch diese Spielzeit als Albrecht.

Die Kontinuität des Karlsruher Ballettcorps erkennt man, wenn man liest, wer 2004 als Gruppentänzer und als Studenten der Akademie des Tanzes dabei waren: Blythe Newman (die als Momo begeisterte) und Bruna Andrade (diese Spielzeit als Königin der Wilis) - beide sind seit dieser Spielzeit erste Solistinnen. Barbara Blanche, Elisiane Büchele (die Giselle dieser Wiederaufnahme), Patricia Namba, Sabrina Velloso und Arman Aslizadyan (alle fünf inzwischen Solisten) sowie bspw. Jussara Fonseca,  Xue Dong und Ronaldo dos Santos. Also lauter Tänzer, die heute noch in Karlsruhe sind und die durch Birgit Keil ihre Tänzerkarriere hier erfolgreich weiterentwickelt haben. Die Wiederaufnahme von Giselle ist in diesem Jahr also einerseits ein Beweis der eigenen Stärke und auch ein Schaulaufen für möglicherweise nachrückende Tänzer der Mannheimer Akademie des Tanzes.

Giselle -die Geschichte einer Liebe, die größer ist als der Tod- besteht aus zwei atmosphärisch unterschiedlichen Akten. Besonders der zweite (Geister-)Akt, in dem die Wilis auf Befehl ihrer Königin Rache an Albrecht nehmen sollen und er von Giselle bis zum Morgengrauen verteidigt wird, erinnert an Schwanensee und steht ihm an Spannung und Dramatik in nichts nach. Hervorzuheben ist, daß man im zweiten Akt 30 Tänzer auf der Bühne hat: 2 männliche (F. Salamanka, B. Bejleri) und 28(!) Tänzerinnen, davon 24 Gruppentänzerinnen. Diese schiere Vielzahl ist nur durch die Kooperation mit Keils Akademie des Tanzes möglich und kann so nur von sehr wenigen Bühnen gezeigt werden.

Christoph Gedschold dirigierte die Partitur von Adolphe Adam und gestern konnte man bereits erahnen, daß Giselle wieder beides ist: Ballettklassiker und Konzerterlebnis.

Hervorheben muß man auch Ausstatter Michael Scott. Was hat er nicht für zeitlose, schöne und in Erinnerung bleibende Bühnenbilder und Kostüme in Karlsruhe geschaffen: beispielsweise La Bohème, Madama Butterfly und Lucia di Lammermoor für die Oper, Anna Karenina, Romeo und Julia und Der Nussknacker im Ballett.