Posts mit dem Label Premiere 13/14 werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Premiere 13/14 werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 20. Juli 2014

Mussorgsky - Boris Godunow, 19.07.2014

Boris Godunow -ein zentrales Meisterwerk der russischen Oper- bekam gestern viel Applaus nach einer erfolgreichen und guten Premiere im Badischen Staatstheater. Leider blieb die Inszenierung zu konturenlos, viele Fragen bleiben nicht nur offen, sie werden gar nicht erst gestellt.

Geschichtlicher Hintergrund
Fast 40 Jahre lang hatte Iwan der Schreckliche (†1584) Rußland geknechtet, ihm folgte Iwans schwachsinniger Sohn Fjodor, für den Boris Godunow bis zu seinem Tod die Geschäfte führte, bevor er selber für sieben Jahre als Zar folgte, aber erst nachdem auch Iwans jüngster Sohn Dimitri im Alter von 8 Jahren tot mit einer Wunde am Hals gefunden wurde. Ob es sich um einen Auftragsmord oder einen Zufall der Geschichte handelte, konnte nie geklärt werden. Boris Godunow hatte später den Ruf des Prinzenmörders und mußte sich aber zu Lebzeiten mit einem falschen Dimitri beschäftigen - einem Hochstapler, der Anspruch auf den Thron erhob und die Legitimität Godunows infrage stellte.
Es war eine "Zeit der Wirren" für Rußland: schwach und zerstritten, wirtschaftlich verarmt und verwüstet. Godunow stabilisierte das Land, förderte den Handel und doch blieb es aufgrund der unklaren Machtverhältnisse anfällig und unsicher. Godunow starb aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands im Jahr 1605 in unruhigen Zeiten. Der falsche Dimitri kam danach kurz auf den Thron und wurde ermordet. Erst 1613 stabilisierte sich Rußland mit dem ersten Zaren aus der Dynastie der Romanows.

Versionsfrage
Mussorgsky hinterließ eine Ur-Fassung, eine später überarbeite Original-Fassung (bei der ein Bild fehlte und drei neue hinzugefügt wurden) und noch einen Klavierauszug letzter Hand. Dazu kommen noch verschiedene Umarbeitungen, Mischfassung und Neuorchestrierungen von Rimsky-Korsakow und Schostakowitsch. Über Vor- und Nachteile zu diskutieren, ist müßig. In Karlsruhe entschloss man sich für die erste Fassung, den Ur-Boris von 1869 in Mussorgskys eigener Instrumentierung, denn laut Regisseur  David Hermann: "Die Urfassung kommt den ursprünglichen Absichten des Komponisten am nächsten. Die späteren Fassungen haben auch ihre Meriten, aber sie kamen doch zu erheblichen Teilen durch Anregungen von Außen zustande".

Worum geht es? Oder in diesem Fall besser: Worum geht es nicht?
Der scheidende Chefdramaturg Dr. Bernd Feuchtner hat erneut ein hochinformatives Programmheft zusammengestellt. (Im Internet findet es sich zur Zeit hier als pdf).
Der Regisseur Hermann gibt die Idee vor: "Wie komme ich an die Macht und was macht sie dann mit mir – damit setzt Boris Godunow sich auseinander. Es gibt starke Parallelen zwischen dieser Oper und Macbeth. Beide Hauptfiguren sind innerlich beschädigt durch einen Mord und gehen an dieser Schuldfrage letztlich kaputt." Diese Vorgabe ist gut, bleibt aber leider zu blaß. Der Inszenierung fehlt der rote Faden: Der Ur-Boris erscheint handlungsarm und mit nur schwachen Zusammenhängen, Episodisches überwiegt. Die Urfassung endet nicht mit der sonst bekannten und üblichen Klage des Narren, sondern mit Godunows Tod.

Die Parallelen des damaligen Zars zum heutigen russischen Präsidenten und seiner Selbstinszenierung durch die Medien meidet der Regisseur und auch eine Wertung Godunows nimmt er nicht aktiv vor. Es bleibt für den Zuschauer eine offene Frage, ob der Mörder Godunow nur zum Wohle des Volkes handeln wollte oder ob er der starke Mann zu sein scheint, der sich zum Herrscher ernennen lässt, die Bojaren entmachtet und als Retter und Wohltäter gesehen werden will, bei dem das Beste für das Land wie so oft auch das Beste für die Herrschenden, ihre Macht und ihre Geldbörsen ist. Eine aktuelle Parabel der prä- und postdemokratischen "starken Männer" bringt Hermann nicht auf die Bühne. Godunows Zerrissenheit zwischen Zweifel und Machtanspruch bleibt diffus; im 5. Bild stellt ein langer Tisch mit Holzfiguren keine überzeugende Metapher dar.

Rimsky-Korsakow nannte die Oper nach seiner Umarbeitung ein „musikalisches Volksdrama“. Der Charakter der Erstfassung ist anders. Dazu der Regisseur: "In der Karlsruher Aufführung versuchen wir vor allem, möglichst nahe an die Psyche des Boris heran zu kommen. Der Chor bildet in der Urfassung nur den – wichtigen – Hintergrund des Geschehens. In unserer Aufführung wird er erst am Ende eine aktive Rolle einnehmen".  Bei der Urfassung des Boris geht es also weniger um russische Geschichtsbilder, um farbige Episoden oder anschauliche Milieustudien. Das wahre Drama ist auch nicht das das Leid der Bevölkerung während der Zeit der Wirren - kein Volksdrama, kein Drama der Ohnmacht, der Verführbarkeit, der Parteinahme, der Irrtümer und der Machtkämpfe, die auf dem Rücken des Volks ausgetragen werden. Auch im Schlußbild gewinnt der Chor in der neuen Karlsruher Inszenierung kein zusätzliches Format.

Was ist zu sehen?
Überwiegend schön bebilderte Szenen, atmosphärisch in passender Düsterheit mit Kostümen aus der Jetztzeit. Im 4. Bild, der Schänke an der litauischen Grenze, wechselt die Inszenierung vorübergehend ihre Form und wir seltsam skurril, ohne originell oder pointiert zu sein; wie ein Fremdkörper wirkt sie unpassend und zusammenhanglos.

Was ist zu hören?
Zwei Bässe bekamen gestern den meisten Applaus: Godunow ist eine Parade- und Wunsch-Rolle für Publikumsliebling Konstantin Gorny, der die Bühne mit seiner Ausstrahlung und Stimme beherrscht und mit seinen Monologen immer wieder für Spannung sorgt. Herausragend ergänzt wird Gorny durch Avtandil Kaspeli, der einen ganz starken Auftritt als Pimen hat und sich sichtbar über die vielen Bravos und den Jubel des Karlsruher Publikums freute. Mit Pimen hat Kaspeli in Karlsruhe seine erste Paraderolle gefunden. Bravo!
Und auch die Tenöre überzeugten: Otrepjew wird stimmschön von Andrea Shin gesungen, der zwielichtige Schujski wird von Matthias Wohlbrecht zur profilierten Figur und Hans-Jörg Weinschenk ist zwar offiziell im Ruhestand, aber das merkte man ihm gestern in der Rolle des Narrs nicht an. Überhaupt verdienten sich alle Sänger und Musiker ein Bravo! für eine tadellose Leistung. Ein großes Lob geht erneut an den Badischen Staatsopernchor und Extrachor, der von Ulrich Wagner und Stefan Neubert perfekt vorbereitet erschien, und den Kinderchor des Cantus Juvenum, der wieder einen schönen kleinen Auftritt hat.
Entgegen der ursprünglichen Ankündigung dirigiert nicht Justin Brown, sondern Johannes Willig die Neuinszenierung mit sicherer Hand.

Fazit: Musikalisch hochwertig und überzeugend, inszenatorisch ist man überwiegend unauffällig. Man kann nicht beeindrucken und schon gar nicht begeistern. Der ganzen Inszenierung fehlt etwas: sie gewinnt szenisch zu wenig hinzu und bleibt seltsam unentschlossen in der Aussage. Dieser Ur-Boris setzt sich gegen spätere Fassungen der Oper nicht durch.

PS: Kurzer Blick zurück - Intendant Günter Könemann inszenierte eigenhändig den letzten Karlsruher Boris Godunow in der Spielzeit 1988/89 als Koproduktion mit der Straßburger Opera du Rhin. Damals wurde Rimsky-Korsakows Bearbeitung gespielt und in Deutsch gesungen. Hans-Jörg Weinschenk war schon damals mit dabei (und zwar als Missail; Edward Gauntt als Schtschelkalow). Ansonsten waren u.a. folgende Premieren-Besetzungen zu hören: Gabor Andrasy (Boris Godunow), Frode Olsen (Pimen), Ingrid Lehmann-Bartz (Fjodor), Nemi Rouilly-Bertagni (Xenia), Mario Muraro (Otrepjew).
Bei der Neueinstudierung 1994 gab es Änderungen: im Rahmen einer Zusammenarbeit mit der Oper in Nowosibirsk wurde die von Schostakowitsch instrumentierte Version in russischer Sprache gespielt. Es sangen u.a.: Alexander Morosov (Boris Godunow), Simon Yang (Pimen), Clara O'Brien (Fjodor), Zsuzsanna Bazsinska (Xenia) sowie weitere Sänger aus Nowosibirsk.
Als 1992 Chowanschtschina als Gastspiel des Estonia Theater Tallinn in Karlsruhe gegeben wurde, war ebenfalls die von Schostakowitsch instrumentiere Fassung zu hören.

Besetzung & Team
Boris Godunow / Nikititsch: Konstantin Gorny    
Fjodor: Dilara Baştar
Wassili Iwanowitsch Schuiski: Matthias Wohlbrecht
Grigori Otrepjew: Andrea Shin
Missail: Max Friedrich Schäffer
Warlaam: Lucas Harbour
Pimen: Avtandil Kaspeli
Xenia: Larissa Wäspy
Xenias Amme: Rebecca Raffell
Wirtin: Stefanie Schaefer
Andrei Schtschelkalow: Gabriel Urrutia Benet
Narr: Hans-Jörg Weinschenk
Ein Leibbojar & Bojar Chrustschow: Nando Zickgraf
Mitjuch: Andreas Netzner
Polizist: Yang Xu

Musikalische Leitung: Johannes Willig
Regie: David Hermann
Bühne und Kostüme: Christof Hetzer
Chorleitung: Ulrich Wagner
Einstudierung Kinderchor: Anette Schneider

Sonntag, 15. Juni 2014

Ravel - Das Kind und die Zauberdinge / Strawinsky - Die Nachtigall, 14.06.2014

Großes Desinteresse beim Publikum gegenüber Ravel und Strawinsky: selten sieht man in einer Karlsruher Premiere so viele leere Plätze im Rang und Balkon. Attraktiv wirkt die Kombination der beiden Kurzopern anscheinend nicht: zu leicht, zu unbedeutend, zu belanglos? Dabei sollten es doch gerade zwei sommerlich-leichte Mini-Opern (beide jeweils ca 45 Minuten) sein, die den richtigen Kontrast zu den vermeintlich schweren und langen Opern bieten können, mit denen man sich in letzter Zeit in Karlsruhe vorwiegend beschäftigt hat. Die beiden Kurzopern haben deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient, auch wenn es einen guten Grund gibt, wieso beide selten zu hören sind: es sind eher Meisterwerke auf dem Papier als auf der Bühne.

Freitag, 9. Mai 2014

Georg Kaiser - Gas I & II, 08.05.2014

Schade! Wenig inspirierend, wenig spannend, wenig besonders!
Die Premiere dieser Karlsruher Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen erfolgte bereits im letzten Jahr im Mai 2013 in Recklinghausen. Gestern fand nun die erste Karlsruher Aufführung statt. Man hat sich einen weitestgehend vergessenen Autor und Text ausgesucht, den man wiederbeleben wollte - aber es war nur ein künstliches Zum-Leben-erwecken. Das Stück blieb tot.

Georg Kaiser (*1878 †1945) war ein Autor mit Vision und Sendungsbewußtsein. Ganz unbescheiden nannte er die 'Erneuerung des Menschen' seine moralische Aufgabe. In der Weimarer Republik war er neben Gerhard Hauptmann der meist aufgeführte Dramatiker, nach 1945 war er aus der Mode - seine Visionen zogen nicht mehr.
Kaiser ist Allegoriker seiner Begriffe, seine Figuren sind ins Symbolische und Formelhafte gesetzte Repräsentanten seiner Ideen und Visionen. Gestern fehlte deutlich etwas,  um mehr Spannung oder Interesse aufkommen zu lassen; die Defizite liegen am Text, der es verpasst, seinen Figuren Leben und Individualität einzuhauchen, am Thema, das zwar nahe an unserer Zeit  ist, aber doch nicht zeitgemäß genug behandelt wird und am Regisseur, der zu betulich inszenierte.
 
Worum geht es? 
Um knapp 100 Jahre alte Science Fiction, Gas I/II wurde 1920 uraufgeführt. Ein einziger Gaskonzern stellt in der futuristischen Welt von Gas I die Energieversorgung der ganzen Welt sicher. Alle Arbeiter werden am Gewinn beteiligt, doch nach einer Explosion (der Atomkraftwerksunfall in Fukushima kommt schon nicht mehr unmittelbar ins Gedächtnis) mit vielen toten Arbeitern wird der Firmenbesitzer skeptisch und will aus der Produktion aussteigen. Doch die Arbeiter sehen ihre Zukunft nicht im Rückschritt als selbstversorgende Bauern und lassen sich ihre Einkommensquelle nicht nehmen, sie streiken. Der Staat enteignet den Besitzer und übernimmt die Anlage.
Gas II spielt ca 30-40 Jahre später. Man ist im Krieg, die Arbeiter des Gaskonzerns leiden unter den Arbeitsbedingungen. Wieder streiken die Arbeiter und versuchen diesmal, Frieden zu stiften. Doch wird die Anlage während des Friedensappels vom Feind militärisch übernommen und zur Produktion gezwungen. Doch ein Ingenieur hat die rächende Idee: er hat eine tödliche Gaswaffe erfunden.

Marxistische Analyse im Programmheft
Liest denn am Badischen Staatstheater niemand mehr die eigenen Publikationen? Im Programmheft werden Kaisers Intentionen zwar erläutert, aber dabei mit einer dubiosen, altertümlichen Deutung unterlegt, als wollte man beweisen, daß hier alles schon längst in jeder Hinsicht geschichtlich überholt ist. So reduziert man z.B. komplexe Zusammenhänge auf einfachste monokausale marxistische Thesen:
".... daß die Fanatisierung zum Untergang, die ein knappes Jahrzehnt nach der Publikation von Gas mit dem Einzug der NSDAP ins Parlament ihren Anfang nahm, nicht auf eine fehlgeleitete Gesellschaft zurückzuführen ist, sondern dem kapitalistischen System immanent ist."
Wer hätte gedacht, daß es so einfach sein könnte - Hitler war also nur systemimmanente Folge des Kapitalismus?!? Leider fehlt der Verweis auf das renommierte wissenschaftliche Werk, das zu dieser sehr simplen Schlußfolgerung im Programmheft des Badischen Staatstheaters kommt. Oder werden hier nur Verdachtsmomente und schlecht recherchierte, persönliche oder historische Meinungen geäußert?

Aber die vorsintflutlich-marxistische Analyse des Karlsruher Schauspiels geht unangenehm weiter:
"Kaiser verwies auf die Strukturen, die Freiheit verneinen: Militarismus, Nationalismus, Entfremdung, Profitmaximierung, Zweckrationalität, ökologische Skrupellosigkeit. Wer unter solchen Bedingungen leidet, kann Freiheit nicht erkennen, sie also auch nicht politisch-praktisch verwirklichen."
Ja, da benötigt man wohl doch den elitären Berufsrevolutionär Lenin'scher Prägung, um den Entfremdeten die Augen zu öffnen und die Freiheit zu bringen, die sie selber nicht erkennen oder erringen können.

Forschung und Fortschritt werden im Programmheft auf zwei Aspekte reduziert: den "kapitalistischen Zwang zur Profitmaximierung" und "erbarmungslose Gewinnorientierung" - auch hier will man Komplexes ausschließlich in die marxistische Schablone der Verhältnisse vor 100 Jahren pressen und verpasst die Chance, Theater für heute zu machen.

Der Ambivalenz des technologischen Fortschritts wird man mit Gas I/II auch nicht gerecht. Diese Ambivalenz findet sich schon lange nicht mehr auf industriell-technologischer Seite, wo man inzwischen aufgrund von Rohstoffknappheit längst an Kreislaufsystemen und Wiederverwertungszyklen arbeitet, der Umweltschutz ein Wirtschaftsfaktor geworden ist und sogar Unfälle wie Tschernobyl und Fukushima als lokale Phänomene so eingedämmt wurden, daß in Europa und weltweit der Bau von neuen Kernkraftwerken Priorität hat und nur in sehr wenigen Nationen kritisch gesehen wird (ach ja: "Wer unter solchen Bedingungen leidet, kann Freiheit nicht erkennen, sie also auch nicht politisch-praktisch verwirklichen" - der Kernkraft-freundliche  Rest der Welt braucht aus dieser Sicht Belehrung und Hilfe der wahren Freien). Die Ambivalenz des technologischen Fortschritts ist heute immer noch im Bereich der Gentechnik zu finden - das passende Theaterstück hat sich Hollywood bereits mehrfach als Drehbuch schreiben lassen.

Was ist zu sehen?  

Der Regisseur meidet Aktualisierungen und Zuspitzungen, die den Text im Licht heutiger Problemstellung vergegenwärtigen und verlässt sich ganz auf die historische Substanz (was aber keine Entschuldigung für die oben genannten Defizite im Begleittext ist). Der erste Teil (ca 100 Minuten) hat wenige spannende Momente und einige monologische Durchhänger, die man besser straffend gekürzt hätte, sowie viel statisches Bühnengeschehen. Der zweite Teil (ca 45 Minuten) ist sprachlich radikaler und bewegter. Keine Figur hat bei Kaiser einen Namen, er zeigt fast nur Menschen als Masse ohne Individualität. Besondere darstellerischen Qualitäten darf folglich auch niemand beweisen - eine gute Ensemble-Leistung der Schauspieler mit wenig Profilierungsmöglichkeit.

Bühnenbildner Sebastian Hannak ist eine der beeindruckenden Entdeckungen der letzten Jahre für die Karlsruher Bühne. Er stattete bisher die Ballette Momo und Mythos sowie im Schauspiel Jakob der Lügner erfolgreich aus. Auch hier ist im wieder eine interessante Lösung gelungen. Die Bühne zeigt eine geborstene Fabrikationshalle mit einem Gerüst, das den Zuschauerraum mit einbezieht und die Gefahr der Figuren durch einen in den Bühnenraum hineinragenden Steg versinnbildlicht, auf dem sich die Schauspieler nur mit Karabinerhaken gesichert bewegen können - visuell das Spannendste an diesem Theaterabend. Allerdings besteht für viele Plätze Sichtbehinderung. Die Kostüme sind der Entstehungszeit entlehnt und verzichten auf eine künstliche Aktualisierung

Fazit: Eine spröde Premiere, die zu selten mit Leben gefüllt ist. Trotz einer durchaus spannenden Grundkonstellation, driftet man zu oft in Langeweile und Belanglosigkeit ab. Die Regie zeigt das Stück in veraltetem Gewand und thematisch mit wenig Aussagekraft. Der Zwiespältigkeit des Themas wird man leider nicht gerecht. Wer's nicht sieht, hat leider nichts verpasst.
    
PS: Das war's schon: die letzte Premiere im Schauspiel für den Rest der Spielzeit, Hesses Glasperlenspiel ist in die kommende Spielzeit verschoben, ein Gastspiel füllt die Lücke. Im Studio hat man auch nur Dokumentarisches/Journalistisches. Die Durststrecke ist symptomatisch für das Karlsruher Schauspiel: zu oft ist man einfallslos, unoriginell und ohne besondere Vorkommnisse. Schauspiel ohne Ausstrahlungskraft. Ein unwissender und unvoreingenommener Besucher würde vermuten, daß der Schauspieldirektor zum Ende der Spielzeit gehen muß, nicht der Operndirektor, der 2014 mit Dr. Atomic, Riccardo Primo, Rinaldo, Meistersinger und den bevorstehenden Premieren definitiv sein Publikum besser und anspruchsvoller unterhält.

Besetzung und Team:
GAS I
Der weiße Herr: Annette Büschelberger
Milliardärssohn: Andrej Kaminsky
Tochter: Joanna Kitzl
Offizier: Jonas Riemer
Ingenieur: Jan Andreesen
Schwarzer Herr: Robert Besta, Ronald Funke, Sascha Özlem Soydan
Regierungsvertreter: Robert Besta
Schreiber: Natanaël Lienhard
Junger Arbeiter: Johannes Schumacher
Arbeiter: Gunnar Schmidt
Mädchen: Stephanie Biesolt
Frau: Sascha Özlem Soydan
Mutter: Annette Büschelberger
Hauptmann: Ronald Funke

GAS II
Milliardärarbeiter: Jan Andreesen
Großingenieur: Andrej Kaminsky
Blaufigur: Johannes Schumacher, Robert Besta, Gunnar Schmidt, Natanaël Lienhard, Jonas Riemer, Sascha Özlem Soydan
Gelbfigur: Annette Büschelberger, Joanna Kitzl, Robert Besta, Gunnar Schmidt, Ronald Funke, Gunnar Schmidt, Natanaël Lienhard
Arbeitermädchen: Stephanie Biesolt
Arbeiterjunge: Johannes Schumacher
Arbeiterfrau: Sascha Özlem Soydan
Arbeitermann: Jonas Riemer
Arbeitergreisin: Annette Büschelberger
Arbeitergreis: Ronald Funke

Regie: Hansgünther Heyme
Bühne und Kostüme: Sebastian Hannak
Musik: Saskia Bladt

Montag, 28. April 2014

Wagner - Die Meistersinger von Nürnberg, 27.04.2014

Glanz und Elend des Regietheaters
Als gestern nach fast 6 Stunden gegen 23 Uhr der letzte Vorhang fiel, war der Zuschauerraum schon deutlich geleert. Der scheidende Operndirektor Joscha Schaback hatte mit dieser Inszenierung das Publikum polarisiert: wütende Buh-Rufe und begeisterte Bravos hielten sich die Waage. Es war die bisher umstrittenste Premiere der letzten drei Jahre, die neue Perspektiven eröffnete, aber dafür den Preis der teilweisen Beziehungslosigkeit zwischen Inhalt und Form zahlte. Eine reichhaltige Inszenierung mit eklatanten Defiziten. Ein durchaus sehr spannender Abend, bei dem sich aber nicht wenige nach der Lohengrin-Pleite fragten, wie erneut ein so diskutables Konzept für eine Wagner-Oper durch die internen Qualitätskontrollen der künstlerisch Verantwortlichen im Badischen Staatstheater kommen konnte. Es handelt sich um eine Inszenierung, die nicht für sich alleine sprechen kann und zu deren Vorbereitung es sich unbedingt lohnt, im Programmheft die Absichten des Regisseures (Seite 28 ff) zu lesen.

Sonntag, 23. März 2014

Mythos (Ballett), 22.03.2014

Sehr spannend, beeindruckend und abwechslungsreich - die gestrigen drei Ballett-Uraufführungen bekamen für alle Teile viel Applaus und Bravos und sollten ein weiterer Hit beim Karlsruher Publikum werden!

Thema Mythos - Ausbruch oder Ausdruck?
Die diesjährige Frühjahrspremiere im Badischen Staatsballett zeigt drei Choreographen mit Uraufführungen unter der thematischen Überschrift Mythos - wobei mythisch an diesem Ballettabend eine diskutable und damit interessante Zuordnung ist, denn ist die heutige Verwendung eines Mythos nun ein Ausbruch aus der Moderne oder doch viel mehr ihr Ausdruck? Der Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung Peter Sloterdijk kam einst in einem Gespräch zu der überraschenden Einsicht, daß wir heute 'wieder in einem mythologischen Horizont leben'"Der Mythos ist eine Methode, die Welt so zu beschreiben, daß in ihr nichts Neues passieren kann." Und was produzieren unsere Medien, Zeitungen und Nachrichtensender anderes als Wiederholungen! "In diesem Sinne wirkt die Summe aller Nachrichten und Geschichten mythologisch ... die Nachrichten bringen die immergleichen Themen, die immergleichen Unfälle, lauter Urszenen im Gewand von Neuigkeiten. ... Aufs ganze gesehen erzeugen auch unsere Medien eine überraschungsfreie Welt, und dadurch wird sie wieder mythologisch." Die thematische Überschrift dieser Ballette ist also auf der Höhe der Zeit, "weil eine präsentische Kultur wie die unsere sich von zeitlosen Themen ernährt, die sie durch die Medien zirkulieren lässt."
 
Ob nun wie im Programmheft beschrieben Mythen durch Umkreisung der Welten- und Lebensrätsel entstehen, wobei der Tanz sprachlos Dinge in ein neues Licht zu rücken vermag oder ob der Mythos auf symbolische Weise das Zeitlose umkreist und die Welt in ihrer Unfassbarkeit und Unausweichlichkeit deutet, jeder Choreograph näherte sich seinem Mythos auf sehr unterschiedliche Weise:
 
DER FALL M., das ist der Medea Mythos, also die Frau, die aus Liebe zu Jason und dann aus Rache für das Liebesende radikal alle Brücken hinter sich abbricht und ihre eigenen Kinder und ihre Rivalin ermordet. Die Konstellation "alle gegen eine" war dabei für Choreograph Reginaldo Oliveira ein Entscheidungskriterium, um sich Medea zuzuwenden; Schuld, Sühne und Vergebung sind Themen des Balletts. Oliveira ist seit 2006 Tänzer der Karlsruher Compagnie und hatte bisher mit einigen originellen Choreographien auf sich aufmerksam gemacht. Der Fall M. ist konkret gedeutet und erzählt, Oliveira gelingt dabei eine gelungene Aktualisierung des Mythos als Psychothriller. Nach einem surreal anmutenden Beginn folgt das Herzstück des Balletts (und vielleicht sogar des ganzen Abends): die intensive Beziehungsbeschreibung einer erkalteten Liebe - großartig getanzt von den beiden ersten Solisten Bruna Andrade und Flavio Salamanka, die ihren Figuren durch Oliveiras intelligente Choreographie ein starkes Profil verleihen und eine packende Auseinandersetzung darstellen. Es ist schon eine besondere Aura, die Andrade ihrer Meda verleiht, besser kann man es nicht machen. Salamanka ergänzt sie als Jason kongenial - Bravo!
Diskutabel ist Oliveiras Schlußbild, und zwar musikalisch und szenisch, wenn er Medea ein versöhnliches und für einige vielleicht utopisch wirkendes Quasi-Happy-End schenkt, daß sich vielleicht ein wenig zu unecht und überraschend anfühlt. Dennoch ein besonderes Ballett: 50 Minuten Hochspannung und ein sehr zufriedenes Publikum zur Pause.

ORPHEUS
Tim Plegge, der in Karlsruhe gefeierte Choreograph von Momo, wählte Orpheus als Mythenfigur und machte aus ihr "die Geschichte eines Mannes...., der sich in erster Linie über seine Erinnerungen definiert, der sich im innerlichen Durchleben des Vergangen selbst am besten spürt, und der schließlich einen Moment erlebt, in welchem die Grenzen zwischen seiner eigenen Gegenwart und der Vergangenheit auf magische Weise aufgehoben werden." Dazu holt Plegge neben den sehr guten Haupttänzern Blythe Newman und Pablo dos Santos einen Schauspieler auf die Bühne, der als alter Mann Verlusterfahrung und Erinnerungswillen verkörpert. Es geht Plegge um die "Überwindung der Grenzen von Leben und Tod". Sein Interpretationsansatz ist suggestiv und poetisch mit starken und einprägsamen Bildern und Videoeinspielungen.

SPIEGELGLEICHNIS
Choreograph Jörg Mannes verwendet für sein Ballett keinen bestimmten Mythos, sondern "sucht in seiner Kreation nach dem Mythos als Gleichnis" und choreographiert ein Ballett in einem Spiegelkabinett. Eingeschlossen in einem Spiegelkabinett zu sein, ist eine Metapher für Erkenntnisfähigkeit: ob Metaphysik, ob Astrophysik - alles was sich nicht mit Innenarchitektur befasst, ist reine Spekulation und ohne Verifikationsmöglichkeit. Letztendlich wird man durch den Spiegel nur reflektiert - Mannes Choreographie ist entsprechend selbstbezogen, verspielt und endet mit einem lauten Lachen. Der Mythos ist nur noch eine lose Klammer in ironischer Haltung. Alle Tänzer dürfen dabei auf die Bühne und zeigen beeindruckende Gruppenszenen.

Sebastian Hannak, in Karlsruhe bekannt als Bühnenbildner von Momo und Jakob der Lügner, hat einen variablen Einheitsraum  in ovaler Form geschaffen, der sich für die drei unterschiedlichen Mythos-Deutung perfekt eignet und durch die Kostümbildner sehr schön unterstützt wird.

Fazit: Ausdrucksstark, bildstark, abwechslungsreich, viele Eindrücke und spannende Momente in drei ganz unterschiedlichen und sich ergänzenden Choreographien - der lange Jubel des Publikums für das Ballett-Tryptichon war hoch verdient. Die ca 30 Tänzer des Badischen Staatsballetts zeigten eine beeindruckende Leistungsschau. Die guten Karten sollten dafür bald vergriffen sein!

Team
BÜHNE: Sebastian Hannak 
KOSTÜME: Judith Adam, Heidi de Raad (bei Jörg Mannes)
LICHT:  Stefan Woinke

Musikzusammenstellung laut Programmheft:
DER FALL M.
Alberto Iglesias - "Una patada en los huevos“ aus der Filmmusik La piel qué habito
Alberto Iglesias  - "Some craziness is good“ aus der Filmmusik Ché
Lera Auerbach - Sogno di Stabat mater
Lera Auerbach - Präludium Nr. 1 aus 24 Präudien für Violine und Klavier op. 46
Alberto Iglesias - "Duelo final“ aus der Filmmusik La piel qué habito
Lera Auerbach - Präludium Nr. 5 aus 24 Präudien für Violine und Klavier op. 46
Alberto Iglesias - The Dancer Upstairs 3“ aus der Filmmusik Pasos de baile
Max Richter - „She finds the child“ aus der Filmmusik The Congress
Max Richter -  „Beginning and ending“ aus der Filmmusik The Congress

ORPHEUS
Philip Glass - Double Concerto for Violin, Cello and Orchestra (2010)

SPIEGELGLEICHNIS
Giovanni Sollima - Tree Raga Song
Giovanni Sollima - Violoncelles, vibrez!

Samstag, 22. Februar 2014

Donnerstag, 20. Februar 2014

Händel - Riccardo Primo, 19.02.2014 (Generalprobe)

Endlich hat das Warten ein Ende! Die Premiere am Freitag und alle weiteren Vorstellungen (ebenfalls die gestrige Generalprobe) sind schon lange ausverkauft. Die Vorfreude und der Vertrauensvorschuß sind beim Publikum also sehr groß. Wird man die Erwartungen erfüllen können? Es gibt viele gute Nachrichten nach der ausverkauften Generalprobe, die einen großen Erfolg bei der Premiere verspricht:
  • Das Kerzenlicht ist zurück! Das Inszenierungsteam präsentiert eine schöne und stimmige Inszenierung. Regisseur Benjamin Lazar und sein Team haben sich in Frankreich eine Reputation für barocke Inszenierungen bei Kerzenschein erarbeitet und zeigen hier ihre erste Produktion in Deutschland. Dekors, Kostüme und Licht nehmen auf eine Zeitreise mit. Der Mehrwert dieses Rückgriffs liegt in der Stimmung und im Ambiente. Die Kerzen sorgen für ein weiches Licht, das von der Seite und von unten an der Rampe mit Reflektoren verstärkt für eine golden-warme Atmosphäre sorgt.
  • Dirigent Michael Hofstetter ist zurück und die wunderbar klingenden Deutschen Händel-Solisten lassen wie zu erwarten nichts zu wünschen übrig.
  • Franco Fagioli ist zurück! Über die Sänger lässt eine Generalprobe nur begrenzt Aussagen zu, aber nach der bereits hochklassigen Generalprobe kann man vermuten, daß die Premiere in jeder Hinsicht ein Genuß wird! Neben Fagioli könnte Emily Hindrichs zur großen Gewinnerin werden: die Rolle der Constanza scheint ihr auf die Stimme geschrieben.

Zeit und Genuß, Dauer und Intensität             

Freunde der Händel-Opern wissen es: sie besitzen Wagner'sche Dimensionen. 3 Akte, jeder Akt durchschnittlich eine Stunde Musik, dann benötigt der Applaus nach den Arien Zeit, mindestens eine, manchmal zwei Pausen. Händel kann  schon mal 4-5 Stunden in Anspruch nehmen und auch die gestrige Generalprobe zeigte, daß man zu Riccardo Primo Zeit mitbringen muß. Diese Oper ist lang, herrlich lang und das ist grundsätzlich kein Nachteil. Im Gegenteil. Was gibt es schöneres für einen Opernliebhaber als das lange, viele Stunden dauernde, kräftezehrende und anstrengende, zwischen Tälern und Gipfeln wandernde Auf-und-Ab einer Oper? Sportler und Opernliebhaber wissen, daß es ein Privileg ist, sich anstrengen zu dürfen, durchzuhalten, daß der Weg das Ziel ist und die Erschöpfung durch vielfältigste, anregende und nachhaltige Eindrücke verdient sein will. In dieser Hinsicht sind Händel Opern und auch gerade dieser Riccardo Primo ein Erlebnis und Gewinn! Der erste und zweite Akt werden ohne Pause gespielt und dauern ca 2 Stunden, der ganze Abend ca. vier.

Worum geht es?

Riccardo I., das ist Richard Löwenherz, der in dieser unhistorisch behandelten Geschichte Abenteuer auf Zypern erlebt. Auf dem Kreuzzug ins heilige Land strandet er nach schwerem Sturm mit seiner Gefolgschaft auf der Mittelmeerinsel und sucht seine ihm noch unbekannte Braut Constanza, die nach Schiffbruch in die Hände des Inseltyrannen Isacio geraten ist. Isacios Tochter Pulcheria soll den syrischen Fürst Oronte heiraten, doch als Isacio erfährt, daß Riccardo seine Braut sucht, fordert er seine Tochter auf, sich als Constanza auszugeben und Riccardo zum Mann zu nehmen. Doch die Pläne des Tyrannen werden durchkreuzt und die richtigen Paare finden im glücklichen Ende zusammen. Es handelt sich also um eine typisch krude Barockopern-Konstellation, die in diesem Fall aber einen deutlichen roteren Faden besitzt, als vor zwei Jahren der handlungsschwache Alessandro.

Was ist zu sehen?
Im Vergleich zu Radamisto erscheint Riccardo Primo szenisch unbewegter, sehr statisch und mit weniger visuellen Reizen. Stärker betont scheint dafür die Gestik, die Hände haben noch mehr zu tun, als vor 5 Jahren, anfänglich vielleicht fast zu viel. Immer wieder gerinnt die Personenregie zu Tableaus, kurze eingefrorene Momente, teilweise wie aus Ölgemälden der Zeit entnommen. Die wenigen Statisten präsentieren sich oft in pittoresker Position. Das höfische Verhalten mag manchem fast als höfisches Gehabe wirken, doch muß man dieser Inszenierung Zeit zum Atmen und zur langsamen Entwicklung gönnen. Spätestens beim Höhepunkt des ersten Teils, dem abschließenden Duett des zweiten Akts, erreicht man eine Form von Transzendenz, ein stehendes Jetzt in dem Klang und Ambiente den Zeitrahmen sprengen können.
Die Bühne ist weniger barock als bei Radamisto. Fahrbare Bühnenelemente werden immer wieder neu variiert. Die barocke Bühnenmaschinerie wird hingegen nicht benötigt. Im zügigeren und abwechslungsreicheren 2. Teil (3. Akt) wird mehrfach die Drehbühne eingesetzt,

Was ist zu hören?
Händel konnte für fünf seiner 42 Opern auf eine Luxusbesetzung zurückgreifen: mit dem Kastrat Senesino, der Mezzosopranistin Faustina Bordoni und der Sopranistin Francesca Cuzzoni standen ihm damals internationale Pop-Stars der Opernszene zur Verfügung. Sie sangen die Hauptrollen in Alessandro (1726), Admeto (1727), Riccardo I. (1727), Siroe (1728) und Tolomeo (1728). Sechs Sänger werden für Riccardo I. benötigt, drei davon singen sechs Arien, die drei Hauptrollen teilen sich hingegen 21 Arien, 4 kurze Ariosi und ein Duett.

Die Uraufführung 1727 geschah anlässlich der Thronbesteigung Georgs II., komponiert wurde allerdings noch zu Lebzeiten Georgs I., der auf der Heimreise in seine Geburtsstadt Hannover verstarb. Die Festlichkeit hört man der Oper dennoch an: sie ist reich und außergewöhnlich interessant orchestriert: in der Ouvertüre klingen die Oboen, die folgende Sturmsequenz ist von Paukenschlägen begleitet. Orontes Liebe zu Pulcheria wird von Altblockflöten, seine Arie zum Sieg der Liebe dann von Hörnern dargestellt. Bei Constanzas Arien tönen Blockflöten und Bassquerflöte. Riccardo wird im 3.Akt von Trompeten unterstützt, wenn er vom Grauen des Krieges singt. Ein Höhepunkt ist wie bereits erwähnt das Ende des zweiten Akts: das einzige Duett der Oper zwischen Riccardo und Constanza ist berückend schön. Der ganze Riccardo Primo ist voller wunderbarer Arien und man wundert sich, daß diese Händel Oper relativ unbekannt geblieben ist.
Händel gibt seinen Sängerinnen unterschiedliche Profile: Constanza hat die schöneren Melodien (oft in moll); Pulcheria ist leidenschaftlicher und singt mehr Koloraturen (oft in Dur).

Fazit: Die ersten Eindrücke sind also sehr gut - die Premiere am Freitag kann kommen!

Freitag, 7. Februar 2014

Shakespeare - Ein Sommernachtstraum, 06.02.2014

Die gute Nachricht vorab: das Badische Staatstheater wiederholt nicht das Desaster der schnell wieder aus dem Spielplan verschwundenen Shakespeare-Komödie Wie es Euch gefällt, sondern präsentiert eine liebevoll gestaltete Neuinszenierung des Sommernachtstraum. Shakespeares Text wurde allerdings stark gekürzt und Handlungsstränge vereinfacht. Man inszeniert den Sommernachtstraum als Musical und nicht als Schauspiel und verzichtet damit auf die Hürden der Textkonzentration und Deutung. Die üblichen Mankos der Musical-Form konnte man nicht vermeiden: immer wieder wird das Geschehen durch Lieder unterbrochen und gedehnt. Durch diesen episodischen Charakter fehlt es an Tempo, Spannung und innerem Zusammenhalt. Es ist also kein großer Shakespeare-Abend oder großes Theater, das den Zuschauer erwartet, sondern sehr gut und nett gemachte Unterhaltung in Musical-Form, in der es dennoch starke schauspielerische Momente gibt.

Warum Shakespeare als Musical?
Damit beabsichtigt man das Publikum, das zu Alice, Dylan und Rio Reiser geht, nun auch zu einem vergleichsweise textlastigeren Abend zu verführen und eine Brücke von der musikalischen Singspiel-Revue zu einer musikalischen Theater-Performance eines klassischen Stücks zu schlagen.
Die Zielgruppe dieser Konzeption verrät die Studie der Freien Universität Berlin: Durch Produktionen wie Dylan wird auch "ein theateruntypisches Publikum über 40 Jahre mit vergleichsweise niedrigerem Bildungsabschluß angezogen". "Bei Zielsetzungen und der Gestaltung von Strategien darf nicht erwartet werden, dass über Produktionen wie „Dylan“ oder das junge Staatstheater neu gewonnene Nicht-Mehr- und Noch-Nie-Besucher durch den alleinigen Kontakt mit dem restlichen Theaterprogramm auch Aufführungen des ‚klassischen’ Theaterprogramms besuchen." Das Badische Staatstheater versucht hier also, ein klassisches Theaterprogramm für diese Zielgruppe aufzubereiten.

Reduzierter Shakespeare für Neu- und Erstbesucher
Die Reduktion des Texts geht auf Kosten der Balance: zu kurz kommen die Vermischung magischer und weltlicher Elemente, also die typisch Shakespeare'schen Gegenüberstellungen: Sterbliche und Unsterbliche, Herrschaft und Untertanen, Zivilisation und Natur, die Verzauberung des Alltags und die Alltäglichkeit der Streitereien und Eifersüchteleien im Geisterreich. Beispielsweise das klassische Hochzeitspaar Theseus und Hipployta, für das die Handwerker eigentlich Ihre Aufführung proben, ist gestrichen und die Aufführung des Laientheaters in der Schlußszene läuft entsprechend ins Leere. Den inneren Bezug, das große Ganze findet man also nicht, sondern nur ein Destillat. Man hat allerdings nach den bisherigen oft tief enttäuschenden Inszenierungen den Eindruck, daß sich das Badische Staatstheater Zurückhaltung in der Verunstaltung auferlegte und trotz der inhaltlichen Kürzungen kann man mit Erleichterung feststellen, daß man die Schauspieler nicht in ein Korsett gesperrt hat, sondern Leistungen gezeigt werden dürfen, bei denen die sonst auffälligen Momente der Ratlosigkeit fehlen.

Was ist zu sehen?
Man wünscht sich angesichts der sehr guten schauspielerischen Leistungen unweigerlich, daß mehr Shakespeare in dieser Inszenierung stecken sollte. Die Akteure hätten einen richtigen Sommernachtstraum verdient, um ihr Können zu zeigen. Man hat den schönen Eindruck, daß mehr möglich gewesen wäre, wenn man sich nicht auf ein Musical begrenzt hätte. Schade, daß man die Chance nicht genutzt hat. Wie schon bei Alice haben Bühnenbildner Flurin Borg Madsen und Kostümbildnerin Janine Werthmann eine schöne und phantasievolle Ausstattung auf die Beine gestellt, die ebenfalls für einen richtigen Schauspiel-Sommernachtstraum geeignet wäre.

André Wagner war auch schon im letzten Sommernachtstraum dabei und hat diesmal eine Doppelrolle als Egeus und Puck. Er leidet am meisten an der gekürzten Musical-Konzeption und bleibt zu blaß. Sebastian Kreutz hatte vor acht Jahren als Puck die deutlich dominantere Rolle.
Gunnar Schmidt (auch er war schon im letzten Sommernachtstraum dabei) als Squenz hat ebenfalls eine undankbare Aufgabe - er ist seit Jahren eine Stütze des Karlsruher Schauspiels und einer der beliebtesten Akteure des Hauses. Dennoch kommt er trotz aller Klasse nicht an seinem Vorgänger vorbei. Georg Krause brachte sein Publikum damals zum Rasen - wie man überhaupt es nicht verschweigen darf und ehrlich bekennen muß: der letzte, so wunderbar gelungene und zauberhafte, rasante und entfesselte Sommernachtstraum von Donald Berkenhoff aus dem Jahr 2006 bleibt die unerreichte Referenz und hatte vom Wesentlichen mehr: mehr Witz, mehr Tempo, mehr Spaß und mehr Begeisterung im Publikum. In dieser Hinsicht verläuft auch dieser Vergleich erneut zu Ungunsten der aktuellen Schauspielleitung.
Hervorheben muß man die vier Liebenden: Hermia (Sophia Löffler) und Helena (Florentine Krafft) sowie Lysander (Matthias Lamp) und Demetrius (Jan Andreesen) sind durch ihre Gesangsrollen aufgewertet und tragen zum sehr guten Eindruck wesentlich bei. Bravo!
Antonia Mohr als Titania und Tim Grobe als Oberon nutzen ihre Rollen gekonnt. Robert Besta erhält als Zettel sehr viele Lacher, wie überhaupt alle Beteiligten einen guten Eindruck in ihren Rollen hinterlassen.

Was ist zu hören?
oder

Ein Sommernachtstraum - Musical nach
Shakespeares Stück
Es scheint, daß man am Schauspiel des Badischen Staatstheaters inzwischen um seine eigenen Defizite und Schwächen weiß. Ein Vergleich mit dem letzten von Schauspielern dominierten Sommernachtstraum schien man klugerweise auch deshalb aus dem Weg gehen zu wollen und präsentiert eine Version, in der man mehr auf Musik und Gesang setzt. Und da hat man sich viel einfallen lassen: 15(!) neue Lieder wurden getextet und stilistisch zwischen Schlager und Barock-Arie komponiert. Eine Vielzahl kurioser Musikinstrumente wurde neu konzipiert und gebaut, die von den sieben Musiker bedient und gespielt werden. Der neue Sommernachtstraum wird vorrangig auf phantasievolle Weise zum Klingen gebracht.
Das Programmheft macht darauf aufmerksam: der Sommernachtstraum ist ein Festspiel. Durch den hohen musikalischen Unterhaltungswert ist diese Inszenierung für eine Weiterverwendung tatsächlich prädestiniert. Sie würde gut zu Freiluftbühnen oder bspw. den Ettlinger Schloßfestspielen passen und wäre zweifellos auch dort erfolgreich. Die Besetzung ließe sich überdenken, denn die Rollen müssten nicht durch Schauspieler besetzt werden, die singen können, sondern auch Musical-Darsteller, die gut schauspielern können, passen zur Inszenierung.
  
Fazit: Nett! Ein netter Abend, nett gemacht, nette  Musik und Schauspieler, vielleicht alles ein wenig zu gemächlich und harmlos. Shakespeare als Musical ist legitim, aber Shakespeare ist halt auch noch viel mehr. Schade, daß das Schauspiel des Badischen Staatstheaters das seinem Publikum (bisher) nicht zumuten will. Es gab in Karlsruhe vor wenigen Jahren eine Inszenierung des Sommernachtstraums, die leidenschaftlicher und überbordender war und hör- und sichtbar mehr Begeisterung auslöste. Trotzdem lohnt sich der Besuch dieser Version.

PS(1): Wende zum Besseren in Sicht?
Im dritten Jahr häufen sich rund um das Karlsruher Schauspiel die Anzeichen dafür, daß man sich zu akklimatisieren scheint. Es gibt mehr gelungene Produktionen, Mißerfolge werde schneller eliminiert und man hat endlich Zugang zu Komödien gefunden. Das Training-on-the-Job scheint bei den Verantwortlichen erste Resultate zu zeigen. Wenn jetzt noch im vierten Jahr solche Pleiten mit Ansage wie Endstation Sehnsucht wegfallen und man bei der Programmzusammenstellung das plakative Zweckhandwerk der Zielgruppenorientierung überwindet und sich öfters erfolgreich im Original-Schauspiel qualifiziert, dann ist man endlich auf dem richtigen Weg. Denn nach den Erfahrungen der letzten beiden Spielzeiten könnte man die Musical-Version auch anders deuten: Viel Musik und stark gekürzter Text - Der neue Karlsruher Sommernachtstraum zeigt wieder, daß man dem gesprochenen Wort nicht vertraut und nicht an die Kraft des Autors und des Stücks glaubt oder sogar nichts damit anzufangen weiß. Von einem Staatstheater kann man mehr erwarten und Ansätze dazu sind bei dieser Inszenierung zu spüren. Nur schade, daß das Programm der kommenden Monate so wenig Spannung verspricht.

PS(2): Einen Stich ins Herz versetzt man in Karlsruhe einem Schauspiel-erfahrenem Publikum durch die Begründung für diese Form der gekürzten und musikalisch ergänzten Umsetzung des Sommernachtstraum. Die obigen Absichten der Musical-Version werden verschleiert. Das Programmheft des Badischen Staatstheater betont eine angebliche Skepsis von sogenannten "Experten" gegenüber Shakespeares Sommernachtstraum: Das Publikum liebt es zwar, aber "von Literaturwissenschaftlern wird es jedoch kritisch beäugt.... Die Tradition der Geringschätzung reicht weit in die Vergangenheit zurück".  Um die Schwächen des Stücks auszugleichen entschied man sich in Karlsruhe dafür, "den Sommernachtstraum mit Liedern anzureichern". Das ist schon eine arge Verdrehung. Das Karlsruher Schauspiel scheint also dieses mängelbehaftete Werk des überschätzten Shakespeare durch musikalische "Bereicherungen" für sein Publikum erträglich machen zu wollen. Vor wenigen Jahren bewies die letzte Karlsruher Inszenierung das Gegenteil.
 
Team und Besetzung:
Oberon: Tim Grobe
Titania: Antonia Mohr
Egeus, Puck: André Wagner
Elfe: David Rynkowski
Lysander: Matthias Lamp
Demetrius: Jan Andreesen
Hermia: Sophia Löffler
Helena: Florentine Krafft
Zettel (Pyramus): Robert Besta
Squenz (Prolog): Gunnar Schmidt
Flaut (Thisbe): Michel Brandt
Schnauz (Wand / Mond): Daniel Friedl
Schlucker (Löwe): Andreas Ricci

Regie: Daniel Pfluger
Bühne: Flurin Borg Madsen
Kostüme: Janine Werthmann
Lieder von Tobias Gralke & Clemens Rynkowski
Musik von Clemens Rynkowski

Musikalische Leitung: Clemens Rynkowski, Florian Rynkowski
Klavier, Harmonium, Celesta: Clemens Rynkowski
Percussion, Drumset, Schlagwerk: Jakob Dinkelacker
Bassklarinette, Saxophon, Piccolo: Sven Pudil
Bass, Gitarre: Florian Rynkowski
Vocals, Keyboard: David Rynkowski
Posaune, Sousaphone, Tuba: Jochen Welsch
Bratsche: Agata Zieba

Sonntag, 26. Januar 2014

Adams - Dr. Atomic, 25.01.2014

Das Badische Staatstheater blieb sich bei der gestrigen Opernpremiere von Dr. Atomic in zweifacher Hinsicht treu: erneut gelang es bei einer zeitgenössischen und weitgehend unbekannten Oper deutlich interessanter und origineller zu sein, als bei den bekannten Publikumszugpferden. Dennoch ist man am ganz großen Erfolg vorbeigeschrammt. Dabei muß man eines klar feststellen: Den visuell sensationellen 1. Akt muß man gesehen haben! Nach der Pause baut die Inszenierung zwar ziemlich ab, aber das Ereignis des ersten Akts überwog beim Premierenpublikum und alle Beteiligten bekamen viel Applaus.

Worum geht es (1)? 
Adams' Oper thematisiert die Zündung des ersten Atombombentests am 15.07.1945 (bereits am 6. August 1945 wurde dann Hiroshima verwüstet, am 9. August Nagasaki) und konzentriert sich auf wenige Personen und deren Empfinden. Es passiert also wenig, man diskutiert und erwartet das Ge- oder Mißlingen des ersten Tests. Der erste Akt spielt in den Tagen zuvor und endet in der Nacht vor der ersten Atombombenzündung. Der zweite Akt behandelt die letzten Stunden hin bis zum Countdown und ist fast ohne Handlung. Das Geschehen ist überwiegend innerlich. Ein Schwachpunkt dieser Oper ist das Libretto, das aus Aktennotizen und Berichten sowie mit literarischen Texten und Zitaten zusammengesetzt (manch einer würde sagen: zusammengestückelt) ist und immer wieder versucht, Bedeutsamkeit zu behaupten, wo es an Bedeutung mangelt.

Worum geht es (2)? - Geschichtlicher Hintergrund
Im Dezember 1938 gelang den Chemikern Otto Hahn und seinem Assistenten Fritz Straßmann in Berlin am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie die erste Kernspaltung von Uran - ein epochales Wissenschaftsereignis: Hahn erhielt dafür 1944 den Nobelpreis für Chemie. Hahns frühere Assistentin Lise Meitner, die wegen den Nazis nach Schweden emigriert war, lieferte dazu die richtige theoretische Deutung. Der dänische Physiker Niels Bohr erzählte Anfang 1939 auf einer Reise durch die USA Albert Einstein von dem geglückten Experiment. Einstein schrieb noch im gleichen Jahr an den amerikanischen Präsidenten Roosevelt eine Warnung, im März 1940 forderte der Pazifist Einstein Roosevelt in einem zweiten Brief auf, etwas zu tun. Doch erst im Herbst 1941 begannen die USA Maßnahmen einzuleiten - das Projekt unter dem Decknamen Manhattan. Einstein war nicht involviert: man traute ihm nicht. Der amerikanische Physiker Robert Oppenheimer war der führende US-amerikanische Theoretiker und wurde der Direktor der geheimen Forschungseinrichtung im Los Alamos im Bundesstaat New Mexico. Die militärischen Leitung hatte General Leslie Grove.

Ein Vielzahl berühmter Wissenschaftler arbeite an dem Projekt, unter ihnen auch der ungarische Forscher Edward Teller, der an der Technischen Hochschule in Karlsruhe studiert hatte und später der militärischen Forschung treu blieb und nach dem zweiten Weltkrieg als der "Vater der Wasserstoffbombe" bezeichnet wurde, also einer Bombe, die ihre Energie nicht aus Kernspaltung, sondern aus Kernfusion bezog. Teller spielte eine ambivalente Rolle im Projekt Manhattan und hatte eine problematische Persönlichkeit. Er fühlte sich übergangen und weigerte sich bei den Berechnungen zur Kernspaltungsbombe mitzuarbeiten. Teller denunzierte später Oppenheimer als Risikofaktor und sorgte dafür, daß er keine verantwortliche Position bei Folgeforschungen erhielt. (Im wenig verständlichen zweiten Akt der Karlsruher Inszenierung gibt es eine Szene, in der Teller Oppenheimer mit einem Messer in den Rücken sticht).

Was ist zu sehen?
Vor wenigen Jahren konnte die Kunstgattung Oper ihren 400. Geburtstag feiern und ein Erfolgsgeheimnis dieser Kunstform ist es, alle anderen Künste integrieren zu können. Große Autoren schrieben Libretti, bildende Künstler und sogar Architekten gestalteten Bühne und Kostüme, aus allen Bereichen gewann man Mitarbeiter und Regisseure, die neue Ideen einbrachten und auch neue technische Möglichkeiten gaben nie gesehene Faszination. Die Oper ist große Kunstfusion und Fusionskunst. Und das ist auch der Verdienst und Ruhm des ersten Akts der Karlsruher Inszenierung: Das Bühnengeschehen ist komplett in eine Zeichentrickanimation eingefügt und die Bühnenwirkung ist großartig. Ich kann mich nur wiederholen: das muß man gesehen haben! Ein Bravo an das Animationsteam: Benedikt Dichgans, Philipp Engelhardt und Andreas Grindler. Oper auf der Höhe der Zeit und vor allem geht es hier nicht um Effekte um des Effekts willen, sondern um den angemessenen und perfekt passenden ästhetischen Ausdruck zur Oper. Das Libretto bietet wie erwähnt wenig Handlung, die Texte sind überwiegend literarische oder dokumentarisch überlieferte Zitate, die kaum ihre Figur charakterisieren. Regisseur Yuval Sharon: "So entstand die Idee, die Sprache von Comics zu nutzen. .... Jede der Figuren ist zugespitzt, sie sind stark, kommen aber nacheinander, so dass kein dreidimensionales Bild entsteht. Die Komplexität des Stoffes entsteht im Kopf des Zuschauers. Genau so funktionieren auch Comics, deshalb wollte ich diesen Akt in einer Comic-Sprache auf die Bühne bringen." Der erste Akt ist ein großer Wurf und bekam sehr langen Applaus und Bravos zur Pause.

Der zweite Akt ....... schade, schade, schade! Es gibt keine Animation, sondern nur eine leere Bühne. Der Regisseur hierzu: "Im zweiten Akt gibt es eine völlig andere Handlungsweise als im ersten Akt. Obwohl wir das Ziel kennen, ist der zweite Akt nicht mehr zielstrebig, sondern schwebend. Deshalb haben wir uns für ein leeres Blatt Papier entschieden, auf dem eine Welt entstehen, aber auch vernichtet werden könnte. Es ist doch auch erstaunlich, dass eine Formel auf einem Millimeterpapier die ganze Welt verändern kann!"
Die letzten Stunden vor der Explosion ziehen sich in surreale Länge und Langeweile. Figuren laufen und stehen herum und warten und sinnen und schauen und machen scheinbar bedeutungsvolle Bewegungen. Der Chor kommt auf die Bühne und geht wieder ab, und das mehrfach. Es ist so schade, daß der Regisseur das Geschehen so verfremdend und verwirrend darstellt. Die wachsende Ratlosigkeit und Enttäuschung  war beim Publikum im Verlauf des zweiten Akts fast schon mit Händen greifbar. Spannend wird es wieder gegen Ende während des Countdowns, doch das rettet nicht diesen Teil der Oper vor einer spröden Starrheit.

Was ist zu hören?
Seit dem großen Erfolg des Balletts Siegfried ist der amerikanische Komponist John Adams (*1947) vielen Besuchern des Badischen Staatstheaters zumindest ein akustischer Begriff. Nun kann man ihn auch als Opernkomponisten entdecken. Dr. Atomic wurde 2005 in San Francisco uraufgeführt, 2010 erfolgte die deutsche Erstaufführung und in dieser Spielzeit wird die Oper auch in Straßburg gespielt. Nicht immer klingt Adams in Dr. Atomic unverkennbar nach Adams. Die textlichen und dramaturgischen  Schwächen des Librettos können auch musikalisch nicht ausgeglichen werden, dafür ist die Musiksprache zu heterogen und unruhig. Johannes Willig leitet das Orchester souverän durch die Klangmassen und bewies wieder, daß die Badische Staatskapelle alles spielen kann.
Beim ersten Hören von Dr. Atomic fällt besonders die bekannteste Arie Batter my heart auf, die am Ende des ersten Akts gespielt wird (und unverkennbar nach Adams klingt). Armin Kolarczyk, die schönste und charaktervollste Baritonstimme der Karlsruher Oper und einer der wirklichen Publikumslieblinge, singt sie ergreifend und intensiv und bekam am Ende des Abends die meisten Bravos. Überhaupt ist man wieder auf gewohnt sehr hohem Niveau und alle Sänger tragen ihren Anteil bei. Hervorheben muß man die beiden Sängerinnen. Katharine Tier, die die größte Rolle neben Kolarczyk stimmstark meistert und die stimmschöne Dilara Baştar, die zwar noch im Opernstudio ist, aber hoffentlich noch darüber hinaus in Karlsruhe gehalten wird.
Ein großes Lob geht an den Chor, der eine Vielzahl von Stimmungen vermitteln muß -gehetzt, geschäftig, flehend, furchtvoll- und dazu in komplexen musikalischen Strukturen.

Fazit: Inszenatorisch zwischen Top und Flop. Doch den ersten Akt muß man gesehen haben und darf man als Opernfreund nicht verpassen! 

Besetzung und Team:
Robert Oppenheimer: Armin Kolarczyk
Kitty Oppenheimer: Katharine Tier
General Leslie Groves: Renatus Meszar
Robert Wilson: Steven Ebel
Jack Hubbard: Jaco Venter
Edward Teller: Lucas Harbour
Kapitän James Nolan: Klaus Schneider
Pasqualita: Dilara Baştar

Musikalische Leitung: Johannes Willig
Regie: Yuval Sharon
Bühne: Dirk Becker
Kostüme: Sarah Rolke
Animation: Benedikt Dichgans, Philipp Engelhardt, Andreas Grindler

Freitag, 24. Januar 2014

Lausund - Benefiz. Jeder rettet einen Afrikaner, 23.01.2014

Nach dem turbulenten Richtfest (mehr hier) erfolgte nun gestern die Premiere der zweiten Komödie in dieser Spielzeit und man muß dem Karlsruher Schauspiel zu seiner Wahl gratulieren: Richtfest und Benefiz sind beide sehr gute Komödien, die mehr zu bieten haben als nur Witz und Komik, sondern auch aktuelle Bezüge und Denkanstöße vermitteln können. Der gestrige Abend hinterließ einen guten Eindruck, allerdings wäre mehr möglich gewesen und einige Durchhänger vermeidbar.

Sonntag, 15. Dezember 2013

Strauß - Die Fledermaus, 14.12.2013

Was für eine vermurkste und sinnschwache Inszenierung der Fledermaus! Die gestrige Premiere endete mit gespaltenen Reaktionen - viel Applaus für Sänger und Musiker und Kopfschütteln für eine gruselige Regie.

Freitag, 29. November 2013

Hübner/Nemitz - Richtfest, 28.11.2013

Der Vorname war letzte Spielzeit solide gemacht und ein sehr großer Erfolg, die gestrige Premiere von Richtfest steht mehr als gleichberechtigt daneben, ist inhaltlich prägnanter und sollte der nächste voraussichtlich stets ausverkaufte Komödien-Erfolg des Badischen Staatstheaters werden.

Freitag, 22. November 2013

Williams - Endstation Sehnsucht, 21.11.2013

Die gestrige Premiere von Endstation Sehnsucht bewies, was für ein großartiger Autor Tennessee Williams war. Leider wurde dieser Beweis dem Publikum erbracht trotz einer lauwarmen und unrunden Inszenierung und obwohl der Regisseur den Text nicht nur massiv kürzte und dennoch den Worten des Autors nicht vertrauend neue Sätze und Szenen hinzu erfand, um seine Figuren zu charakterisieren. Was vordergründig gelang und durchaus auch immer wieder spannend war, gelang meistens entgegen der Regie und dank der Qualität des Stücks. Die gestrige Premiere zeigte also mal wieder vieles, was im Schauspiel des Badischen Staatstheater zur Zeit suboptimal läuft.

Sonntag, 17. November 2013

Tschaikowsky - Dornröschen, 16.11.2013

Wie immer endete die große Ballett-Premiere mit vielen freudig strahlenden Gesichtern, nicht enden wollendem Applaus und heißgeklatschten Händen.

Die Tschaikowsky-Trilogie ist komplett
Nach Schwanensee und Nußknacker erfolgte nun gestern das in der Entstehungsgeschichte mittlere Dornröschen und Birgit Keil hat mal wieder bewiesen, daß das große Handlungsballett das publikumswirksamste Aushängeschild in Karlsruhe ist. Welches der drei Ballette nun die schönste und gelungenste Inszenierung in Karlsruhe hat, darüber lässt sich trefflich diskutieren - und das beweist nur mal wieder, mit wie viel qualitativer Kontinuität das Karlsruher Staatsballett nun schon über ein Jahrzehnt tanzt und sich seine große Popularität verdient hat.

Worum geht es?
Wie schon bei seinem Nußknacker erzählt Choreograph Youri Vámos eine neue Geschichte und zwar diesmal die der Zarentochter Anastasia, die vermeintlich die Hinrichtung durch die Bolschewisten überlebt haben soll. Eine Frau namens Anna Anderson behauptete in den 1920ern in Berlin von sich, die einzige überlebende Zarentochter zu sein, und viele glaubten ihr. Heutzutage ist sie als Hochstaplerin überführt, aber das spielt für Vámos' Geschichte keine Rolle - es bleibt in der Schwebe, wer die Unbekannte ist. Das Drama der Zarentochter, die durch die russische Revolution alles verliert wird zur Drama einer einsamen Frau, die sich in Erinnerungen und Phantasien flüchtet. Das Ballett ist eine kontrastierende Vermischung von Zeitebenen - ein in Rückblenden verpacktes inneres Puppenspiel der vermeintlichen Anastasia.
Dennoch ist diese Geschichte von Youri Vámos nur eine sehr lose Klammer, die das Ballett gerade so zusammenhält. Schon das Original-Dornröschen galt als handlungsschwaches Ballett und auch Vámos schafft es nur, dem Geschehen eine geringe Handlungsdichte zu geben. Der große Jubel für die gestrige Premiere hatte andere Gründe.

Was ist zu sehen?
Dornröschen ist ein abwechslungsreiches und bildstarkes Ballett. Michael Scott hat wieder ein schönes Bühnenbild und viele Kostüme entworfen. Die Nähnadeln müssen geglüht haben bei der hohen Anzahl an Kostümen, die benötigt werden. Der Zarenpalast mit seinem prunkvollen Ballsaal steht im Gegensatz zu einer kargen, dunklen Welt der einsamen Anastasia. Licht spielt hier eine wichtige Rolle und Klaus Gärditz' gelungene Lichtregie ist ein wichtiger Bestandteil, der zentrale Spannungsmomente bewirkt.

Für die Tänzer hat Youri Vámos eine sehr ausgeglichene und anspruchsvolle Choreographie mit regelmäßigen Höhepunkten geschaffen, die die komplette Kompagnie gleichermaßen fordert, auch wenn es nur wenig individuelle Charakterzeichnungen gibt. Nur Bruna Andrade als Anastasia wird nicht nur tänzerisch gefordert, sondern auch als Darstellerin. Wie immer tanzt und spielt sie mit hoher Souveränität und viel Ausdruck. Bravo! Doch wirklich alle Tänzer hatten den Applaus gestern verdient, für viele gibt es Gelegenheit sich auszuzeichnen: Flavio Salamanka, Admill Kuyler, Sabrina Velloso und Pablo Dos Santos (er entwickelt sich immer mehr zum Nachfolger von Diego de Paula) haben dabei die größten Rollen. Ergänzt wird das Karlsruher Ballettensemble wieder durch Tänzer des Ballettstudios, der Mannheimer Akademie des Tanzes und durch Kinder der Ballettschule Lagunilla & Reijerink - dem Auge wird viel geboten.

Was ist zu hören?
Christoph Gedschold und die Badische Staatskapelle spielen einen opulenten Ohrenschmaus, der auch als Symphoniekonzert gelten kann: ob nun Janos Ecseghy als Soloviolinist oder das ganze Orchester im akustischen Breitwandformat - immer wieder ergeben sich große Höreindrücke und der Schluß ist überwältigend pompös und schön. Bravo!

Hommage an das Karlsruher Ballett
Kann man etwas Kritisches anmerken? Bestimmt. Aber nicht heute! Der Erfolg und die überragende Beliebtheit des Karlsruher Balletts sowie ein Blick auf das letzte Jahrzehnt sprechen eine klare Sprache. Die erfolgreichste Sparte des Badischen Staatstheaters hat die höchste Zuschauerauslastung und das im Durchschnitt jüngste Publikum. Birgit Keil hat so viel Interessantes und Erinnerungswürdiges auf die Bühne gebracht: Don Quijote, Liaisons Dangereuses, Giselle, CoppéliaRomeo und Julia,  Les Sylphides, Carmen, Tschaikowsky, La Fille mal gardée, Ein Sommernachtstraum, Schwanensee, Nußknacker, nun Dornröschen, dazu die großartigen Neuschöpfungen des Glanzjahres 2011/12: Siegfried und Momo und zuvor Anna Karenina. Auch wer Handlungsballett weniger schätzt wird daran erkennen, daß Birgit Keil dem Karlsruher Publikum ein goldenes Jahrzehnt beschert hat und viele neue Anhänger gewonnen wurden, die in die Vorstellungen pilgern. Besser und geglückter konnte sich das Karlsruher Ballett nicht entwickeln.
   
Fazit: Das komplette Ballettensemble glänzt in einem visuell prachtvoll umgesetzten, aber inhaltlich wenig ergiebigen "Handlungs"ballett, das musikalisch zelebriert wurde von der Badischen Staatskapelle und Christoph Gedschold am Dirigentenpult.

PS: Ein Kamerateam begleitete gestern Birgit Keil bei der Premiere. Hallo liebes Staatstheater, meldet rechtzeitig, wann und wo der Bericht gesendet wird!

Team & Besetzung
Zar - Eric Blanc
Zarin - Hélène Dion
Anastasia - Bruna Andrade
Der Unbekannte - Admill Kuyler
Alexei - Kammertänzer Flavio Salamanka
Anastasia als Kind - Sabrina Velloso
Olga als Kind - Shiri Shai
Tatjana als Kind - Kyoko Watanabe
Maria als Kind  - Moeka Katsuki
Olga als Erwachsene - Blythe Newman
Tatjana als Erwachsene - Elisiane Büchele
Maria als Erwachsene - Patricia Namba
3 Adelige - Juliano Toscano, Louis Bray, Bledi Bejleri
Rasputin - Andrey Shatalin
Blauer Vogel - Sabrina Velloso, Pablo dos Santos
Katzen - Blythe Newman, Arman Aslizadyan
3 Russen - Brice Asnar, Pablo dos Santos, Ed Louzardo

Musikalische Leitung - Christoph Gedschold
Choreografie - Youri Vámos
Einstudierung - Joyce Cuoco, Filip Veverka
Einstudierung der Kinder - Leon Kjellsson
Bühne & Kostüme - Michael Scott
Licht - Klaus Gärditz

Sonntag, 13. Oktober 2013

Verdi - Un Ballo in Maschera, 12.10.2013

Endlich wieder Ein Maskenball am Badischen Staatstheater! Über 30 Jahre mußte man in Karlsruhe auf eine Neuinszenierung dieser schönen Oper warten, über die man in einem alten Opernführer die Bemerkung findet, daß sie der erklärte Liebling aller Verdifreunde sei. Die MET in New York hat sie bereits ca. 300 mal gespielt. Nachdem das Badische Staatstheater bspw. mit Wallenberg und der Passagierin, mit Romeo und Julia auf dem Dorfe und Peter Grimes viel Sorgfalt auf weniger bekannte Opern richtete, galt es gestern, dem breiten Karlsruher Publikum mit Verdis Un Ballo in Maschera ein Geschenk zu machen: der neue Maskenball löste bei der Premiere musikalisch Begeisterung aus. Die Inszenierung bekam freundlichen Applaus - nicht mehr, aber auch nicht viel weniger. Doch es blieb der Eindruck, daß szenisch mehr möglich gewesen wäre.

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Schiller - Kabale und Liebe, 02.10.2013

Klassische Texte sind für Regisseure eine besondere Herausforderung: Viele Klassiker haben den Lauf der Zeit nicht unbeschadet überstanden, ihre Sprache benötigt spezielle Sorgfalt, das Publikum hat diffuse Erwartungen und man muß die undefinierte Mitte zwischen Texttreue und Aktualität treffen. Alle Klippen lassen sich in der Regel nicht umschiffen. Und gestern? Endlich konnte man sich mal wieder über eine sehr gute, sehr spannende, aktuelle und zeitgemäße Premiere von Kabale und Liebe freuen, die zu Recht von der überwiegenden Mehrheit des Publikums starken und langen Applaus bekam und die man möglichst vielen weiterempfehlen sollte!