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Montag, 16. Oktober 2017

Wagner - Götterdämmerung, 15.10.2017

Unterhaltsamer Unfug
Vier Regisseure hat man in Karlsruhe für die vier Opern des Ring des Nibelungen engagiert und man kann es als die größte Enttäuschung dieses Konzepts bewerten, daß bisher keiner der drei Regisseure seiner ganz isoliert betrachteten Einzeloper einen  bemerkenswerten Ansatz abgewann und eine neue Betrachtungsebene schuf. Die Selbstbeschränkung auf einzelne Atoll-Opern, die einerseits nicht über sich hinaus deuten und keinen Bezug zueinander haben, andererseits auch in der jeweiligen Einzeldramaturgie keine Bedeutung  bekamen, ergab so keinen Mehrwert, man verharrte lediglich in visueller Pose, investierte in visuelle Effekte und erreichte bestenfalls nette Unterhaltung. Die Regie der Götterdämmerung versucht nun hingegen beides - einen individuellen Perspektivwechsel unter Einbeziehung von Elementen der vorangegangenen Interpretationen. Erstes geschah durch eine Drehung des Blickwinkels, der bis zur Verzerrung an die Grenzen des Unfugs reicht, zweites durch eine komplett neue Meta-Ebene. Das Resultat ist einerseits gegen den Strich gebürstet, ambivalent und kontrovers diskutabel, andererseits unterhaltsam und trotz sechs Stunden Gesamtdauer mit Pausen eine überraschende und spannende Angelegenheit, spannend auch vor allem dank der Gewinner dieses Karlsruher Ringzyklus: der Badischen Staatskapelle und Justin Brown, der sich in seinem 10. und letzten Jahr als GMD in Karlsruhe als bekannt souveräner Wagner-Dirigent verabschiedet und bewies, auf welch hohem Niveau und in welch ausgezeichneten Zustand er das verjüngte Karlsruher Orchester an seinen Nachfolger übergeben wird. Selbst inszenatorisch schwache Stellen bekamen aus dem Orchestergraben eine unwiderstehliche Dramatik, die hoch engagierten Sänger trugen einen gewichtigen Anteil bei. Lautstarke Buhs neben viel Applaus belegten die kontroverse Aufnahme beim Publikum.

Sonntag, 11. Juni 2017

Wagner - Siegfried, 10.06.2017

Leere und Laune
Der Karlsruher 4-Regisseure-Ring der Beliebigkeit geht in die dritte Runde und löste beim Publikum zwiespältige Reaktionen und viele Buhrufe für die Regie aus. Nach einem aus folgenlosen Illustrationen durchaus einfallsreich zusammengesetztem Rheingold ohne Interpretation (Regie: David Hermann) und einer gänzlich visuell gedachten Walküre (mehr hier und hier), bei der Design statt Deutung im Mittelpunkt stand und der dramatische Bezug in der Erstellung von Bühnenbildern und Effekten oft verloren ging (Regie: Yuval Sharon), folgte nun mit Siegfried eine Mischung aus visueller Willkür und inhaltlicher Leere, ein guter erster Akt, dann viel Zähes mit dem Reiz des irgendwie Improvisierten, das bestätigte, daß Launen nun mal keine Einfälle sind. Da die Karlsruher Prämisse des Nichtvorhandenseins einer großen Erzählung bzw. der nicht schlüssig möglichen Nacherzählbarkeit der Ringhandlung zu Atoll-Inszenierungen mit vier Regisseuren führte, fehlen zudem Sinnzusammenhänge, die nun die übersichtliche Handlung bei Siegfried in einen Kontext stellen können. Sängerisch zeigte sich die Premiere ebenfalls durchwachsen, vor allem Matthias Wohlbrecht als Mime sowie die Badische Staatskapelle unter Justin Brown lösten Begeisterung aus.

Montag, 12. Dezember 2016

Wagner - Die Walküre, 11.12.2016

Seit der wackligen Übernahme der Intendanz durch Peter Spuhler manövriert sich das Badische Staatstheater immer wieder orientierungslos wirkend in den Krisen- und Zweifelmodus. Die Intendanz benötigt Erfolge, um zumindest den Anschein qualitativer Normalisierung zu beweisen. Einem prestigereichen Premierenabend wie bei der Walküre kommt dann entscheidende Bedeutung für die Außendarstellung zu - doch auch gestern galt: Mehr Schein als Sein!
Richard Wagners Walküre gehört im Hochgebirge der Opernwelt zu den höchsten Gipfeln des Himalaya. Nichts sollte für einen Regisseur einfacher sein, als diese Oper zu inszenieren, deren Dramatik so offenkundig ist, deren Fallhöhe ihrer Figuren nur alles oder nichts, Sieg oder Niederlage, Macht oder Ohnmacht, Tod oder Leben kennt. Alles ist existentiell, nichts beliebig - Hochspannung zwischen tragischen Wechselfällen. Die Walküre ist groß, größer, überlebensgroß. Regisseur Yuval Sharon erklärte folglich "Man hat selten die Möglichkeit, so ein tolles Stück auf die Bühne zu bringen!“ und lieferte doch nur eine bestenfalls durchschnittliche Arbeit ab, deren Personenregie die Spannung oft nicht trägt oder sie nicht steigern kann. Sängerisch bleibt man dazu klar hinter der letzten Walküre aus dem Jahr 2005 zurück. Die Gewinner der gestrigen Premiere waren Justin Brown und die Badische Staatskapelle sowie Ewa Wolak und auch Katherine Broderick, die neu im Ensemble ist.

Montag, 28. März 2016

Wagner - Tristan und Isolde, 27.03.2016

Der Mount Everest der Operngeschichte 
Regisseur Christopher Alden legte vorab lobenswerterweise die Meßlatte auf die richtige Höhe: "Der Tristan ist schlicht und ergreifend der Mount Everest der Operngeschichte und den muß man erst einmal erklimmen. Und damit meine ich nicht nur die musikalische Herausforderung, vor der die Sänger stehen, sondern auch den inhaltlichen Reichtum, der allen Beteiligten einiges zu denken gibt." Alden löste die zu erklimmende Höhe zwar nur bedingt ein, gute und sterile Regie-Momente lösen sich ab, Sänger, Dirigent und Orchester zielten gestern deutlich höher. Und so gab es viel Applaus für alle und Bravo-Rufe für die Sänger, Musiker und den Dirigenten.

Mittwoch, 20. November 2013

Verdi - Un Ballo in Maschera, 19.11.2013

Ein sehr schöner, ausverkaufter Maskenball am Dienstagabend. Ein so gutes, treues und interessiertes Publikum verdiente eine sehr gute Aufführung - und diese Erwartung wurde erfüllt. Der musikalisch so packend und spannend gelungene und inszenatorisch stabile und unaufregende Maskenball kommt beim Publikum gut an.

Doch es gibt auch andere gute Gründe für den Publikumszuspruch. Endlich führt man mal wieder eine Oper über die ganze Spielzeit verteilt auf. Gestern war der letzte Termin im November, es folgen jeweils nur eine Vorstellung im Dezember bis März, jeweils zwei im April und Mai, drei im Juni. Die knapp 20 Termine erstrecken sich über neun Monate. Für Opernfreunde ist das ideal, um sich eine Oper mehrfach im Verlauf einer Spielzeit anhören zu können. Peter Grimes hatte im Juli Premiere und verschwindet bereits wieder Ende November aus dem Programm. Und das ist wahrscheinlich auch ein Schwachpunkt des scheidenden Operndirektors Joscha Schaback: sein Spielplan hätte weniger gedrängt und damit abwechslungsreicher sein können und immer wieder fehlten schlichtweg die Alternativen für die Besucher.
 
Und noch ein wichtiger Anlaß für das ausverkaufte Haus: gestern sang zum ersten Mal Heidi Melton als Amelia. Mit ihr und Publikumsliebling Barabara Dobrzanska hat man zwei gute Gründe für zwei Besuche. Melton hatte gerade erst an vier Terminen im November im Opernhaus Palau de les Arts im spanischen Valencia als Sieglinde in Wagners Walküre (Dirigent Zubin Mehta) gesungen. Kaum zurück aus Valencia begeisterte sie gestern das Karlsruher Publikum wieder mit der scheinbaren Leichtigkeit mit der sie die Rolle gestaltete. Während Dobrzanska Amelias Verzweiflung und Tragik betont, singt sie Melton erregt und ungestüm. In Karlsruhe ist Melton übrigens noch vier mal als Amelia eingeplant (28.01.14, 09/22.05.14, 11.06.14).

Mit gewohnt souveränem und beeindruckendem Auftritt sangen Ewa Wolak (ihr Auftritt ist der Höhepunkt vor der Pause), Andrea Shin (mit einer wunderbar offenen Stimme und unangestrengter Höhe und sehr starkem viertem Akt) und Seung-Gi Jung (mit herausragender Arie im dritten Akt). An alle: BRAVO!
Emily Hindrichs und alle anderen Sänger sowie Chor und Orchester trugen ihren Anteil zur so schönen gestrigen Aufführung bei und zeigten, daß die musikalische Leistungsstärke der Karlsruher Oper bei Operndirektor Schaback nicht gelitten hat.

Fazit: Eine der schönsten Verdi-Opern in einer Darbietung, die man öfters hören kann/will.

Freitag, 2. August 2013

Heidi Melton und Lance Ryan bei den Londoner Proms

BBC Radio 3 überträgt am 4. August live eine konzertante Aufführung der Promenadenkonzerte von Wagners Tannhäuser mit Heidi Melton als Elisabeth. Hier mehr dazu: http://www.bbc.co.uk/proms/whats-on/2013/august-04/14656

In der Frankfurter Allgemeinen rühmte Eleonore Brüning die konzertante Aufführung von Wagners Nibelungenring bei den Proms - mehr dazu hier. Lance Ryan sang kurz vor Bayreuth auch in London den Siegfried. Der komplette Londoner Ring ist für wenige Tage hier zu hören: http://www.bbc.co.uk/programmes/p01d6jqq

NACHTRAG (06.08.2013): Die englische Zeitung The Independent schreibt (hier der Link) zum Tannhäuser: "But the star performance of the evening was Heidi Melton’s Elisabeth. You could sense the house holding its breath each time this young American soprano delivered an aria, so perfect was her sound, and so refined her artistry; her duet with Pohl, with the pilgrims’ chorus in the background, was beautiful beyond words."

Sonntag, 7. Juli 2013

Britten - Peter Grimes, 06.07.2013

Peter Grimes brachte dem Komponisten Benjamin Britten einst internationalen Ruhm, seine Oper ist ein frühes Meisterwerk und wurde als der englische Wozzeck gerühmt - die gestrige Karlsruher Premiere wurde dem gerecht und zu einem weiteren schönen, bemerkens- und empfehlenswerten Erfolg für das Badische Staatstheater.
 
Zum Geburtstag
Man soll die Feste feiern, wie sie fallen und runde Jubiläen gibt es 2013 genug: bspw. der 200. Geburtstag von Wagner, Verdi und Büchner und der 100. Geburtstag von Benjamin Britten. Und es scheint eine Herzensangelegenheiten für viele Mitarbeiter des Badischen Staatstheaters zu sein, die mit englischer Muttersprache aufgewachsen sind, die vielleicht bedeutendste britische Oper in Karlsruhe aufzuführen. Der Karlsruher Generalmusikdirektor Justin Brown, Bühnenbildner Charles Edwards und Tenor John Treleaven, um nur drei gestern maßgeblich beteiligte Briten zu nennen, - ihnen allen war das Engagement und der Wille zum Erfolg anzumerken.

Great Britten und Karlsruhe

Benjamin Britten (*1913 †1976) und Dimitri Schostakowitsch (*1906 †1975) erscheinen heute als die beiden bedeutendsten Komponisten innerhalb des 20. Jahrhunderts, da bei ihnen beides, ihre Biographie und ihre Musik exemplarisch für ihre Zeit und ihre Zeitgenossenschaft herangezogen werden können.
Vor ca. 55 Jahren hatte die künstlerische Leitung der Karlsruher Oper bereits den richtigen Geschmack, denn es gab fast so etwas wie eine Aufführungstradition für Brittens Bühnenwerke. Schon 1957 gab es die Karlsruher Erstaufführung von The Rape of Lucretia (Uraufführung 1946), 1958 folgte Peter Grimes (UA 1945) -es wäre interessant zu wissen, wie man vor 55 Jahren in Karlsruhe die Oper hörte und beurteilte-, 1961 Albert Herring (UA 1947), 1967 The Beggar's Opera (UA 1948), 1968 dann die Kinderoper The little sweep (UA 1949), 1972 Noye's Fludde (UA 1958), 1982 A Midsummer Night's Dream (UA 1960), 1988 erneut Albert Herring und dann, nach 20 Jahren ohne Britten'sche Oper, erfolgte 2009 Death in Venice. Die Neuinszenierung von Peter Grimes ist also ein weiterer Schritt der Karlsruher Britten Tradition. Zwei wichtige Opern fehlen meines Wissens noch im Badischen Staatstheater: Billy Budd (UA 1951) und The Turn of the Screw (UA 1954).

Worum geht es?
Der alleinstehende Fischer und Dorfaußenseiter Peter Grimes wird von der Dorfgemeinschaft argwöhnisch beobachtet. Durch einen Unfall kam sein Lehrjunge beim Fischfang ums Leben und im kurzen Prolog wird er bei einer Gerichtsverhandlung zwar freigesprochen, aber aufgefordert keine weiteren Lehrlinge zu beschäftigen. Doch ohne Hilfe ist sein Metier kaum auszuüben und die verwitwete Lehrerin Ellen Orford bringt ihm aus dem Waisenhaus einen neuen Jungen, bei dem sie später blaue Flecken findet. Orford vermutet eine Mißhandlung und will Grimes befragen, der jedoch darüber erbost in Streit mit ihr gerät. Die Dorfgemeinschaft will Grimes zur Rede stellen, doch dann passiert ein zweites Unglück: der neue Lehrling stürzt bei einem Unfall die Klippe herab. Grimes sieht keine Chance, seine Unschuld zu beweisen und begeht nach Aufforderung Selbstmord, um dem Lynch-Mob zu entgehen.

Peter Grimes – Kinderschinder? Kinderschänder? Oder ein Opfer?
Peter Grimes ist im literarischen Vorbild von 1810 ein sadistischer Bösewicht, den die göttliche Strafe ereilt. Benjamin Britten sah die Figur anders; er sagte seinem Neffen Alan Britten, daß seine Oper von Gerüchten handele, über abscheuliche Vorurteile, eine Krankheit, die die Massen vergifte. Der Tenor Peter Pears -der erste Sänger des Grimes und Lebensgefährte Brittens- bestätigte, daß die Geschichte das Drama eines  Individuums gegen die engstirnige Masse darstellen sollte. Im Libretto wurden Anspielungen auf Sadismus oder Homosexualität beseitigt und erst rückblickend, mit Wissen um Brittens Leben (in seinen Opern geht es generell oft um das Unglück tabuisierten Verlangens) kann man erahnen, daß es auch die Tragödie eines Homosexuellen sein könnte. Warum begeht Grimes Selbstmord? Wird er nur durch Feindseligkeiten und Ablehnung seiner Umwelt in den Tod getrieben? Oder in welchem Maße ist die Einsicht in die eigenen charakterlichen Defizite, die Ablehnung der sadistischen oder päderastischen Tendenzen seiner Persönlichkeit ausschlaggebend? Die Karlsruher Inszenierung gibt eine klare (und für einige wenige vielleicht etwas zu einfache und einseitige) Antwort: Grimes ist ein Opfer. Regisseur Christopher Aldens Regie übernimmt und entspricht damit Benjamin Brittens Sicht.

Was ist zu sehen?
Die Zwillingsbrüder Christopher Alden und David Alden wurden 1949 in New York geboren und sind beide seit Jahrzehnten als Opernregisseure aktiv und bekannt und werden wahrscheinlich regelmäßig verwechselt. Beide inszenieren 2013 Peter Grimes. David Aldens Regie hatte im Januar Premiere an der Deutschen Oper in Berlin (allerdings war das eine Übernahme, die 2009 in London erstmals gezeigt wurde), Christopher Alden folgte gestern in Karlsruhe. Peter Grimes ist bei Ch. Alden vor allem also eines: das Opfer einer feindseligen Gruppendynamik, die ein Feindbild benötigt. Die Bewohner des Fischerdorfs fanatisieren sich immer stärker gegen den gesellschaftlichen Außenseiter und werden zu einer paranoid faschistischen Masse, die leicht den Schritt zum Lynch-Mob nimmt.
Alden beweist sich als gewiefter, geschickter und einfallsreicher Opernregisseur: ihm genügt ein (übrigens sehr gut gemachter) Einheitsraum auf der Bühne, um alle Szenen zeigen zu können. Die Kostüme passen zur Entstehungszeit der Oper, Aldens Figuren erhalten ein klares Profil. Immer wieder ergeben sich spannende Situations- und Szenenwechsel, Stimmungsumbrüche und phantasievolle Momente. Wenn man etwas an dieser Inszenierung kritisieren will, dann, daß sie zu plakativ moralisierend ist. Armbinden und Fahne, die Verbindung zum englischen Faschismus eines Oswald Mosley und der doppelte Tod am Ende der Oper (Grimes begeht Selbstmord - doch dieser wird auch noch als gesellschaftlicher Mord gezeigt): deutlicher hätte der Regisseur nicht werden können.

Was ist zu hören?
Peter Grimes ist eine große Choroper und deshalb zuerst ein Bravo an die Chorsänger des Opern- und Extra-Chores, die von Ulrich Wagner sehr gut vorbereitet erschienen. Und auch die Badische Staatskapelle spielte unter Justin Brown eindrucksvoll und auf gewohnt sehr hohen Niveau. Peter Grimes ist vielen dadurch bekannt, daß Britten für den Konzertsaal fünf der sechs orchestralen Zwischenspiel als Sea Interludes zusammenstellte. Im Programmheft schreibt Justin Brown: "Die Darstellung des Nebeneinanders von Mensch und Natur ist das eigentliche Charakteristikum in Peter Grimes und vielleicht Brittens allergrößte Leistung". Brown brachte das zu Gehör: in den Zwischenspielen, der Sturmszene. Immer wieder gab es große und beeindruckende szenische und musikalische Momente, berückend schön gelang z.B. das Frauen-Quartett des zweiten Akts. Bravo!

John  Treleaven hörte ich vor ca. 18 Jahren zum ersten Mal in Karlsruhe und seitdem u.a. als Siegmund, Tristan, Apollo,... und im Konzert (Lied von der Erde). Gestern nun -zu einem späten Zeitpunkt in seiner Karriere- hatte er vielleicht seinen größten Auftritt am Badischen Staatstheater: seine Rolleninterpretation als Peter Grimes setzte einen Maßstab, an den man sich erinnern wird. Bravo!
Neben Treleaven bekam Heidi Melton als warmherzige und zweifelnde Ellen Orford besonders viel Applaus und auch alle anderen Sänger an diesem spannenden Premierenabend verdienten sich ein herzliches Bravo für eine dichte und hochwertige Aufführung!

Fazit: Nach Tannhäuser und Die Passagierin folgt nun mit Peter Grimes die dritte außergewöhnliche und besondere Operninszenierung der Spielzeit. Glückwunsch an das Opernteam des Badischen Staatstheaters für ein wirklich sehr gutes Inszenierungsjahr und einen starken Saisonabschluß!

Team und Besetzung

Peter Grimes: John Treleaven
Ellen Orford: Heidi Melton
Balstrode: Jaco Venter
Auntie: Suzanne McLeod
Mrs. Sedley: Katharine Tier
Swallow: Renatus Meszar
Ned Keene: Gabriel Urrutia Benet
Bob Boles: Steven Ebel
Horace Adams: Eleazar Rodriguez
Hobson: Lucas Harbour
Erste Nichte: Melanie Spitau
Zweite Nichte: Lydia Leitner
Fischer: Thomas Rebilas
Advokat: Doru Cepreaga
Fischersfrau: Susanne Schellin
Erster Bürger: Andreas Netzner
Zweiter Bürger: Marcelo Angulo
Dritter Bürger: Thomas Krause
Vierter Bürger: Alexander Huck
Fünfter Bürger: Doru Cepreaga
Sechster Bürger: Kwang-Hee Choi
Sopran Solo: Maike Etzold
Junge: Lino Weber

Musikalische Leitung: Justin Brown
Regie: Christopher Alden
Bühne: Charles Edwards
Kostüme: Doey Lüthi

Montag, 11. Februar 2013

Wagner - Tannhäuser, 10.02.2013

Seit der Premiere (mehr dazu hier) ist Tannhäuser ein sehr schöner und ständig mehr als ausverkaufter Erfolg für das Badische Staatstheater und auch die Presse hat sehr viel Positives darüber geschrieben. Den Satz, über den man sich in Karlsruhe vielleicht am meisten gefreut hat, lieferte die Frankfurter Rundschau: "Was würde ein derart interessanter, überragender Tannhäuser in Bayreuth erst für Furore machen!"

Gestern nun eine weitere Bestätigung, daß die Inszenierung kurzweilig und spannend ist, erst recht wenn man wie gestern hervorragende Sänger hat. Für Peter Seiffert ist Tannhäuser eine Paraderolle. Mit seinem klaren und beweglichen Tenor hinterließ er jederzeit den Eindruck, eine mustergültige Interpretation zu singen und der ideale Tannhäuser zu sein. Beeindruckend, wie er sich sogar noch im letzten Akt steigern konnte und eine großartige, intensive Rom-Erzählung sang. Die zahllosen begeisterten Bravo-Rufe für ihn waren verdient:  Seifferts differenziertes und überlegtes Porträt setzte einen Maßstab, der nur schwer zu überbieten sein wird. Seifferts Ehefrau Petra Maria Schnitzer sang eine lyrische Elisabeth und in dieser Kombination kann man die beiden als Traumpaar für Tannhäuser bezeichnen. Schnitzer hatte in der Vergangenheit bereits beide Rollen als Venus und Elisabeth gesungen. Die bisherige Doppelbesetzung wurde gestern allerdings  aufgegeben: Heidi Melton präsentierte sich als Venus so, wie man sie in Karlsruhe kennt: klangsinnlich und souverän. Erneut war es auch Armin Kolarczyk, der als Wolfram von Eschenbach seine Abendstern-Arie  sensationell schön sang und auch beim Schlußapplaus entsprechend triumphierte.
Viel Applaus auch für den Knabensopran von Tom Volz, der mit seinem kleinen Auftritt alle aufhorchen ließ und sich nahtlos einpasste.
Musikalisch in jeder Hinsicht ein hochklassiger Abend

Regisseur Aron Stiehl  inszeniert Tannhäuser als Künstlerdrama und rosalies ästehtisch-abstrakte Farbbühne unterstreicht diese Interpretation. Wagner baut die Spannung in seinen Opern durch entgegengesetzte Pole, die durch ihre widersprüchliche Charakteristik vielfältig deutbar sind. In der Karlsruher Produktion sind neben dem Gegensatz Gesellschaft / Künstler andere Gegensätze erkennbar, die aber nur angedeutet werden und keine Prägnanz gewinnen, bspw. Venusberg / Wartburg, Wartburgchor/ Pilgerchor, Venus / Elisabeth bzw. sinnliche Liebe / geistige Liebe, Erlösung / Verdammung. Der zottelige Pilgerchor kommt aus Rom genau so niedergeschlagen zurück, wie er bereits im ersten Akt aufbrach.
Daß das Publikum dieser Inszenierung so enthusiastisch zujubelt, scheint in der Kombination der Hör- und Seherlebnisse zu liegen. Die reduzierte inszenatorische Ausleuchtung der Konflikte scheint aber ebenfalls dazu beizutragen und hilft, den Tannhäuserstoff als etwas Interessantes zu sehen, fern von Sinnsünden, Reue, göttlicher Vergebung und Erlösungsdramatik. Tannhäuser wird nicht erlöst, er stirbt in Venus' Armen. Wolfram folgt darauf Venus und scheint der nächste zu sein, der sie sich als Muse wählt.

Montag, 8. Oktober 2012

Wagner - Tannhäuser, 07.10.2012

Nach dem inszenatorisch stark kritisierten Lohengrin war eine große (An-)Spannung vor dem neuen Tannhäuser bei Publikum und Theatermitarbeitern am Premierensonntag im ausverkauften Großen Haus spürbar. Tannhäuser wurde gestern ein großer Erfolg für das Badische Staatstheater: alle Beteiligten wurden vom Publikum einhellig bejubelt.

Dienstag, 28. August 2012

Heidi Melton in Berlin

Heidi Melton wird außer in Karlsruhe auch wiederholt in der Deutschen Oper Berlin auftreten, wo ihr Förderer Donald Runnicles dirigiert, den sie von der San Francisco Opera kennt.

Melton wird am 20. Oktober im Festkonzert zum 100jährigen Bestehen der Deutschen Oper Berlin singen und folgende Opernrollen übernehmen
- Fata Morgana in "L’Amour des Trois Oranges" (Winter 2012/2013)
- Amelia in "Un ballo in Maschera" (Anfang 2013)
- Gutrune in "Götterdämmerung", Dir.: Simon Rattle (2013/2014)
- Sieglinde in "Die Walküre", Dir.: Simon Rattle (09.01.2014)

Hier der Link zu Frau Meltons Seite bei der Deutschen Oper:
http://www.deutscheoperberlin.de/de_DE/ensemble/heidi-melton.45800#

In der Spielzeit 2013/2014 wird Melton dann wohl auch die Amelia in Verdis Maskenball am Badischen Staatstheater singen.

Melton sang schon zuvor in Berlin. Hier findet sich bei den Kommentaren ein Bericht vom Mai 2012 von Pinkertonothello dazu:
http://badisches-staatstheater-karlsruhe.blogspot.de/2012/05/heidi-melton-in-berlin-2.html

Freitag, 11. Mai 2012

Vorschau: Heidi Melton in Berlin

Heidi Melton -in Karlsruhe gerade nach ihren sensationellen Auftritten als Didon in Berlioz' Trojanern und Elsa in Lohengrin die große Entdeckung der Spielzeit- wird im Dezember 2012 an der Deutschen Oper in Berlin als Fata Morgana in Sergej Prokofievs Oper Die Liebe zu den drei Orangen  auftreten.

Hier mehr dazu:
http://saison12-13.deutscheoperberlin.de/de_DE/repertoire/831165

Die Liebe zu den drei Orangen wurde auch in Karlsruhe schon sehr lange nicht mehr gespielt ...

Donnerstag, 26. April 2012

Lance Ryan in Paris, Heidi Melton an der New Yorker MET

Wenn man den (in Englisch verfassten) Bericht des Gastspiels der Bayrischen Staatsoper in Paris liest, wird man sich wieder bewusst, was für großartige Sänger der letzte Karlsruher Ring mit Lance Ryan und Thomas J. Mayer hatte und wie schwer es 2013 in Karlsruhe wird, dieses Erlebnis zu überbieten. Machen wir uns nichts vor: im Falle von Lance Ryan als Siegfried ist das aktuell unmöglich.
http://opera-cake.blogspot.de/2012/04/from-munich-to-paris-with-love.html

Doch dafür gibt es ja jetzt in Karlsruhe Heidi Melton als neuer Star. Hier der (in Englisch verfasste) Bericht zur New Yorker Götterdämmerung:
http://operaobsession.blogspot.de/2012/04/gotterdammerung-fliegt-heim-ihr-raben.html

Montag, 2. April 2012

Wagner - Lohengrin, 01.04.2012

Manche Opernpremieren sind Prestige-trächtiger als andere. Die erste Inszenierung der neuen Opernleitung war beispielsweise in dieser Hinsicht wichtig: Berlioz' Trojaner waren grandios und ein großartiger Start in die neue Spielzeit. In einer Wagner-Stadt wie Karlsruhe, die zu den ersten und  traditionsreichsten Orten der musikalischen Wagner-Pflege gehört, wird jede Wagner-Premiere zu einem Prüfstein für das Opernhaus und seine Verantwortlichen. Bei der gestrigen Lohengrin-Premiere lag also viel Vorfreude und Spannung in der Luft. Doch leider folgte einer der misslungensten Abende der - ja man kann es sagen - der letzten Jahrzehnte. Ich kann mich nicht erinnern, wann es zuletzt so viele Buh-Rufe für ein Inszenierungsteam gab. Sogar der stark kritisierte (und inzwischen fast schon etablierte) Rigoletto verblasst dagegen.

Freitag, 11. November 2011

Berlioz - Les Troyens 1+2, 09.11.2011 / 10.11.2011

Die Karlsruher Oper bietet die Trojaner auch unterteilt an zwei aufeinanderfolgenden Abenden an, entsprechend der ersten Komplettaufführung am 5. und 6. Dezember 1890 am Karlsruher Hoftheater. An den beiden letzten Abenden wurde nun zum ersten Mal die Neuinszenierung der Berlioz' Oper als Die Eroberung Trojas und Die Trojaner in Karthago getrennt aufgeführt. Beide Lösungen sind gleichwertig: vermittelt die Komplettaufführung mit über 5 Stunden Dauer das intensivere Gesamterlebnis, erlaubt die getrennte Aufführung die unterschiedlichen musikalischen Farben der beiden Abende besser aufzunehmen.

Es gab wenige personelle Änderungen: Der Brite Ian Storey, der den Aeneas bereits in der letzten Spielzeit in der Deutschen Oper in Berlin unter Donald Runnicles sang, blieb am ersten Abend rollenbedingt eher unauffällig und erwies sich dann in den Akten 3-5 als unspektakulärer und nicht gerade nuancenreicher Tenor, der sich mit viel Kraft und Lautstärke durch den Abend stemmt, aber auch seine Rolle nur eher marginal ausfüllt und die Personenregie nur grob übernommen hat. Da Storey für Berlin einen gekürzten Aeneas einstudiert hatte, musste die gestrige Vorstellung der Trojaner in Karthago im 5.Akt für ihn gekürzt werden und das letzte Duett mit Dido war gestrichen. Man hatte über beide Abende als Zuschauer nicht den Eindruck, dass er viel Sorgfalt auf die Vorbereitung der Rolleninterpretation gelegt hatte. An der Mailänder Scala hat er ja bereits den Tristan gesungen – nach der Karlsruher Vorstellung eher nicht nachvollziehbar.

Rebecca Raffell als Didos Schwester Anna nutzte ihre Chance eindrucksvoll. Gegenüber der eher unauffälligen Erstbesetzung Karine Ohanyan wertete Raffell ihre Rolle deutlich auf. In ihrer Auftrittszene jongliert sie beim Singen mit 3 Äpfeln, das anschließende Duett mit Didon bekam durch ihre auffällige, farbenreiche und warme Alt-Stimme eine bisher ungehörte sinnliche Dimension. Sie wird im Februar in Händels Alessandro singen – darauf kann man sich jetzt schon freuen!

Heidi Melton stand und sang zu Beginn des 3 Aktes, der im Zuschauerraum gesungen wird, für kurze Zeit direkt neben mir und ich war begeistert, wie mühelos und leicht sie sang. Ich konnte keine Anstrengung feststellen, ganz im Gegenteil: sie sang "natürlich" und ihre wunderbare Stimme nimmt unmittelbar für sie ein. Es fällt nicht schwer ihr eine große Karriere vorauszusagen.

Christoph Gedschold dirigierte konzentriert, sicher und umsichtig und hatte Chor und Orchester jederzeit im Griff. Berlioz' Farben- und Nuancenreichtum ist in den Trojanern so groß, dass man fast jede Szene herausstellen kann. Großartig, wie beeindruckend und doch unterschiedlich die Geisterscheinungen im 2. Und 5. Akt komponiert sind. Das große Vorspiel zum 4. Akt ist fester Bestandteil des Konzertrepertoires von Symphonieorchestern. Die räumliche Dimension der Berliozschen Partitur (Chöre und Instrumentengruppen in verschiedenen Positionen und Entfernungen) können in dem weitläufigen und großen Innenraum des Karlsruher Staatstheater meines Erachtens besser verwirklicht werden als in einem engeren Raum. So wird das ganze Haus bespielt und die Klangeffekte sind überwältigend. Drei Harfen werden für die Trojaner benötigt - in Karlsruhe spielen sie am linken Rand des Zuschauerraums und sind wunderbar zu hören. Chor und Orchester sind ideal einstudiert!

Die getrennt aufgeführten Trojaner sind in der Karlsruher Publikumsgunst noch nicht angekommen. Der erste Abend war zu ca 60-70% ausgelastet, am zweiten Abend nur zu ca 50%. Für den zweiten Teil wurden sogar einige Karten zurückgegeben: etliche belegte Plätze waren wieder verfügbar; das kann aber auch mit der Absage des ursprünglich vorgesehenen Lance Ryans an diesem Abend zusammenhängen.
Während Traviata, Rigoletto, sogar schon Alessandro bei den Händelfestspielen im Februar und die Ballette Nußknacker und Schwanensee sich sehr gut verkaufen und regelmäßig ausverkauft sind, ist die Auslastung bei den Trojanern  (trotz der sehr guten Kritiken) eher mäßig. Vielleicht ist es ja wirklich eine Liebhaber-Oper: es gibt Längen, es gibt anstrengende Momente, aber halt auch Grandioses. Hoffentlich kommt diese Oper noch beim breiten Publikum an und erobert ihren Repertoire-Platz. Das Staatstheater sollte sie einige Jahre im Repertoire halten!

Freitag, 21. Oktober 2011

Berlioz - Les Troyens, 21.10.2011

Nachdem die für den gestrigen Donnerstag geplante Premiere im Theater von Grabbes Herzog Theodor von Gothland kurzfristig aus Krankheitsgründen um 2 Tage auf den Samstag verschoben werden musste und ich an dem Tag leider nicht dabei sein kann, besorgte ich mir mit meinen Tauschgutscheinen spontan Karten für die zweite Aufführung der Trojaner. Ein wahrer Glücksgriff!
Diesmal gab es eine Ansage: Aufgrund eines Eingriffs wegen Nierensteinen vor drei Wochen und einer Erkältung John Treleavens konnte dieser nur den ersten Teil des Abends singen. In den Trojaner in Karthago spielte er stumm seine Rolle und von der Seite sang: Lance Ryan! Das hatte zwar etwas Provisorisches, doch Lance Ryan (jedesmal wenn ich ihn höre, habe ich den Eindruck, dass er noch besser geworden ist)  sang so souverän, dass es ein  Ereignis war, ihn und Heidi Melton als Didon und Aeneas zu hören. Beide könnten meines Erachtens an jedem Haus der Welt in dieser Rolle auftreten. Sehr viel Luft nach oben ist nicht vorhanden. Das glückliche Karlsruher Publikum erlebte einen ansonsten personell unveränderte Aufführung auf ähnlichem Niveau wie in der Premiere, namentlich hervorzuheben besonders die neuen Tenöre Eleazar Rodriguez als Iopas und Sebastain Kohlhepp als Hylas sowie das bekannte Trio Niessen, Kolarczyk, Gorny

Bei der Zweitansicht der Inszenierung bleibt der Eindruck der Einnahme Trojas bestehen: fesselnd zum Ende des 1 Aktes hin, ist der zweite Akt der dramatische Höhepunkt des Abends.
Die Trojaner in Karthago gefielen mir an diesem Abend besser. Das 1. Bild des 3. Akts im Zuschauerraum lebt vom Spektakel, der Rest ist routiniert gut. Der vierte Akt ist das musikalische Highlight, der 5. Akt hat zwar die schönste Einzelarie, zieht sich aber deutlich am Ende. Auch beim zweiten Mal bleibt der Eindruck eines ungewöhnlich eindrucksvollen Opernabends.

PS: Bei Verlassen des Theaters gegen 23.30 bewunderte ich mal wieder das Engagement des GI Herrn Spuhler, der zusammen mit dem Chefdramaturgen Dr. Feuchtner noch Werbematerialien verteilte.

Montag, 17. Oktober 2011

Berlioz – Les Troyens, 15.10.2011

Große Erwartungen und viel Vorfreude lagen bei der ersten Opernpremiere der neuen Intendanz in der Luft und es wurde ein langer (ca 5 Stunden, 20 Minuten), abwechslungsreicher, spektakulärer und sehr spannender Abend.

Die fünfaktige Oper ist zweiteilig. Der erste Teil Die Einnahme Trojas umfasst die ersten beiden Akte. Die Trojaner in Karthago die Akte drei bis fünf.

Die Einnahme Trojas beginnt mit schweren Atemstößen. Der Geist des trojanischen Helden Hektor steht auf dem leeren Schlachtfeld, schwer atmend als ob auch die Geister noch Troja verteidigt hätten,  und nun nach dem scheinbaren Abzug der Griechen erschöpft den Horizont absuchend. Bühnen- und Kostümbildner Christoph Hetzner hat für den ersten Teil eine karge, archaisierende Bühne geschaffen. Die vorherrschende Kostümfarbe ist weiß, die nur kurz vor Ende auftretenden Griechen sind in Schwarz. Die Farbe des Blutes und der Toten ist blau. Die zentrale Rolle ist Hektors Schwester Kassandra, die die Trojaner vergeblich vor dem griechischen Pferd warnt und am Ende des zweiten Aktes die trojanischen Frauen anführt, die den Freitod wählen, um der griechischen Gefangenschaft zu entgehen. Regisseur David Hermann hat für den ersten Teil der Oper eine durchweg überzeugende und spannende Inszenierung geliefert, die auf spektakuläre Publikumswirkung setzt. Um die räumliche Wirkung der Chormassen zu verdeutlichen, lässt Hermann den Zuschauerraum bespielen: der Chor geht über die Zuschauertüren ein und ab und singt teilweise in den Gängen zwischen den Zuschauern. Das trojanische Pferd, dargestellt durch einen anthrazitfarbenen, zeppelinförmigen Ballon, schwebt am Ende des 1. Aktes wie eine dunkle, unheilbringende Wolke über den Trojanern.
Christina Niessen als Kassandra wurde vom Publikum einhellig bejubelt; ihr Partner Chorebus, gesungen von Armin Kolarczyk sowie Chor und Orchester und alle anderen Sänger, die im ersten Teil nur kleinere Rollen haben, ebenso. Als nach ca 90 Minuten der erste Teil vorüber war, ging das Publikum sehr zufrieden, teilweise euphorisch in die einstündige Pause.

Die Trojaner in Karthago ist der Titel der Akte drei bis fünf. Die Szenerie ist modernisiert: wohlhabende, blühende Landschaften, moderne Architektur versinnbildlichen den Aufstieg der Stadt. Die vorherrschende Kostümfarbe ist grün mit gelegentlichen Blütendrucken. Die Trojaner kommen in einer Wohlstandswelt an. Das erste Bild des dritten Aktes, eine jubelnde Massenszene wird komplett im Zuschauerraum gesungen. Die sich nun entwickelnde, tragisch endende Liebesgeschichte zwischen dem Anführer des Trojaner Aeneas und der karthagischen Königin Dido fällt in der Inszenierung leider ab. Große Szenen, wie das Septett und Liebesduett im 4. Akt sind routiniert umgesetzt, doch ohne den Zauber der Faszination zu vermitteln, die die Musik bereithält. Größter Schwachpunkt die letzte halbe Stunde: Didos Freitod wird trotz guter Bühnenidee und großartiger Sängerin von der Personenregie verschenkt und statt zum tragischen Ende zum inszenatorischen Langeweiler. Die Trojaner in Karthago kommen über gute Ansätze nicht hinaus, zu unbestimmt und beliebig geraten viele Szenen.
Als Dido ist die neu in Karlsruhe engagierte Sängerin Heidi Melton zu hören – sie ist der Star des Abends: eine große, wunderschöne Stimme. Frau Melton singt so souverän, so scheinbar mühelos, daß es ein Vergnügen ist, ihr zuzuhören. Das Publikum überschüttete sie am Ende mit Brava-Rufen.
John Treleaven als Aeneas war an diesem Abend leider indisponiert. Man hätte ihm einen Gefallen getan, wenn man zu Beginn des Abends angekündigt hätte, dass er gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe ist. So wurde einer der Höhepunkte der Oper, das Liebesduett im 4. Akt  zur Qual, bei der man, statt das Duett zu genießen, angespannt abwartete, ob Treleaven alle Passagen singen kann. Das Publikum reagierte etwas ungehalten auf diese Einbuße und 2-3 Buh-Rufer störten die gute Atmosphäre des Abends. Eine Ansage hätte das deutlich gemildert.
Doch der Abend hatte neben Heidi Melton noch andere große Stimmen. Konstantin Gorny und die beiden neuen Tenöre Eleazar Rodriguez und Sebastian Kohlhepp, der zu Beginn des 5. Aktes die schönste und anrührendste Arie der Trojaner bravourös sang, begeisterten. Der neue Bassist Avtandil Kaspelli als Hektor überzeugte stimmlich und mit großer Bühnenpräsenz. Alle weiteren Sänger in den kleineren Rollen ebenso.

Überhaupt war es musikalisch ein Triumph: 13 Sänger des Ensembles und 3 kleinere Rollen wollten besetzt sein. Berlioz Monumentaloper verlangt ein sehr gutes Orchester und großen Chor: Dirigent Justin Brown und der von Ulrich Wagner einstudierte Chor (ca. 90 Sänger) gehörten zu den klaren Gewinnern des Abends!

Fazit: Die Einnahme Trojas ist kurzweilig, auf sehr hohem musikalischem Niveau und uneingeschränkt empfehlenswert! Die Trojaner in Karthago hat zwar inszenatorische Längen, dafür aber die fesselndere Musik und großartige Sänger. Der komplette Abend ist so eindrucksstark, dass man die Bilder und Szenen noch lange gegenwärtig hat. Ein geglücktes, spektakuläres Ereignis – unbedingt anhören!