Eine nette Geste des Karlsruher Schauspiels: bei der 175. und letzten Vorstellung von Agnes gab es alle Karten zum ermäßigten Preis. Die Premiere (mehr dazu hier) im November 2012 war schon ein voller Erfolg, danach wurden jahrelang Schulklassen durchgeschleust, die den Roman im Deutschunterricht lasen und auch gestern waren letzte Schüler kurz vor dem Abi dabei. In der Summe sollen es über 20.000 Besucher gewesen sein, wie viele davon Zwangsbesucher, ist kaum zu schätzen. Auch auf diesem Blog gab es ein ständiges Grundrauschen zu Agnes, der damalige Blogbeitrag gehört zu den am häufigsten aufgerufenen Einträgen auf diesen Seiten, den Schüler zum Anlaß nahmen, Fragen zum Buch und zur Interpretation zu schicken; Überraschenderweise gab es von ihnen zum Buch meistens kritische Urteile - gern gelesen wurde Agnes in dieser unrepräsentativen Erhebung bei Schülern nicht. Die Bühnenfassung war beliebter, Agnes ist allerdings ganz das Gegenteil von dem, für das die Intendanz steht: es hat nichts vom humorlosen, verklemmt spießigen Kanzelprediger- und Oberlehrertheater, mit dem man sein Publikum zu belehren meint. Agnes ist vielmehr einfallsreich, phantasievoll und überraschend mit Sinn für Tempo und Zwischentöne. Es wundert nicht, daß man Regisseur Christian Papke in der Folge keine weiteren Aufgaben im Karlsruher Schauspiel anvertraute.
Cornelia Gröschel war der Star dieser Produktion, sie machte Agnes zu ihrer Rolle, André Wagner war hingegen der Held, der alle 175 Vorstellungen absolvierte. Bravooo! Beide spielten die gestrige Dernière und hatten spürbar noch mal Freude an der letzten Aufführung. Das Unmittelbare, die Spannung des Stücks wirkten auch zum Abschluß. Gröschel verabschiedete sich gestern vom Karlsruher Schauspiel. Sie hat
inzwischen einige bemerkenswerte Fernsehauftritte gehabt, insbesondere in
der großartigen ZDF-Serie Lerchenberg und im Dreiteiler Honigfrauen. Sie wird zukünftig als ARD-Kommissar im Ermittlerteam des Dresdner Tatort spielen.
Seit 1988 bin ich steter Besucher des Badischen Staatstheaters. Bei vielen Opern-, Theater-, Konzert- und Ballettvorstellungen im Jahr und Besuchen in anderen Städten verliert man schon mal den Überblick. Dieser Tagebuch-Blog dient mir seit der Spielzeit 2011/12 als elektronische Erinnerung. Bitte beachten Sie meine Intention: ich bin kein Journalist oder Kritiker, sondern schreibe hier lediglich persönliche Eindrücke, private Ansichten und Vermutungen für mich und Angehörige nieder.
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Mittwoch, 7. Februar 2018
Samstag, 21. März 2015
Tschechow - Drei Schwestern, 20.03.2015
Sonntag, 25. November 2012
Peter Stamm - Agnes, 24.11.2012
Soviel vorab: Agnes ist Theaterglück! Die Inszenierung im Studio glänzt mit großartigen Schauspieler: die fabelhaften Cornelia Gröschel und André Wagner, ergänzt von Stephanie Biesolt in einer Nebenrolle, bieten 100 Minuten dichte und spannende Theaterkunst, wie man sie in Karlsruhe schon seit einiger Zeit vermisst hat.
Warum Agnes?
Es ist nicht ohne weiteres ersichtlich, wieso das 1998 erschienene schmale Buch von Peter Stamm für die Bühne dramatisiert wird. Die Antwort ist dann auch einfacher als vermutet: das Premierenpublikum bestand überwiegend aus Schülern, denn Stamms Agnes wird (wie Dantons Tod im Büchner-Gedenkjahr und Max Frischs Homo Faber, das im Sandkorn-Theater gezeigt wird) zur Pflichtlektüre an Gymnasien für die aktuelle Oberstufe. Die Bestimmung zur Schullektüre verdankt Agnes seiner perfekt konstruierten Architektur: der Autor verteilt seine Informationen puzzleartig geschickt über das ganze Buch; jede Szene hat eine Bedeutung, die man zur Interpretation und Vertiefung heranziehen kann. Stamm erzählt dabei nie um des fabulierenden Erzählens Willen, sondern schrieb eine sehr gut durchdachte und ökonomisch aufgebaute Geschichte, bei der nichts dem Zufall überlassen ist und die auch zeitdiagnostisch einigen Interpretationsspielraum bietet.
Worum geht es?
Es ist die Geschichte einer Beziehung zwischen zwei Personen, die sozial nur gering vernetzt sind und bei der beide ihrem Leben eine Form gegeben haben, bei der sie ihre zwischenmenschliche Defizite durch ihre Arbeit kompensieren. Beide scheinen ihre Einzelgänger-Position als Möglichkeit zu sehen, keine fremden Erwartungen zu enttäuschen, sich von der Erwartungshaltung anderer zu befreien und Konflikte aus dem Weg zu gehen. Agnes -eine an ihrer Dissertation schreibende Physikerin- lernt den namenlosen Ich-Erzähler -einen schweizer Sachbuchautor, der ein Werk über Luxuseisenbahnwagen schreiben will- in einer Bibliothek in Chicago kennen. Durch Zufall kommen sie sich näher, trennen sich in einer Krise, kommen wieder zusammen und erleben doch kein Happy End. Das Ende ist im Buch von Anfang an bekannt, trotzdem ist das Warum bis zum Schluß unklar und hält die Spannung im Buch aufrecht. In dem ruhigen, unspektakulären und beziehungsreichen Text erschließen sich die Verknüpfungen nicht unbedingt sofort beim ersten Lesen, sondern sind erst rückblickend richtig einzuordnen.
Nur eine Liebesgeschichte?
Trotz der vielen Schüler bei der Premiere sollte nicht daß Mißverständnis aufkommen, daß Peter Stamm einen Jugendroman geschrieben hat. Agnes ist nicht nur einfach eine unglücklich endende Liebesgeschichte, sondern auch eine seelische Kostümstudie. Wie sich die Bekleidungsmode ändert, Stil und Geschmack einem stetigen Wandel unterzogen sind (man denke nur an freizügige Zeiten, in denen das offene Cabrio der bevorzugte PKW war und vergleiche die schutzbietenden, bullig-überbreiten Allradautos, die der heutigen, sich abschottenden und rücksichtsloseren Krisen-Mentalität entsprechen), so folgt auch die Liebe den Mustern ihrer Epoche. Gerade die Literaturgattung des Romans war lange Lern- und Orientierungsmedium in Liebesangelegenheiten: bei Goethes Werther wird Liebe erleidet, bei Jane Austen ist die Ehe noch vernunftgesteuerte Versorgungsgemeinschaft. Die Liebe wurde später romantisch überfrachtet und der Partner zum einzigartigen Individuum und Traumprinzen, wahre Liebe wurde spontan und schicksalsträchtig, die Ehebegründung änderte sich zum Liebesbeweis. Die Paarbildung ist inzwischen autonom, ihre Voraussetzungen liegen nicht mehr außerhalb der Partnerschaft, sondern werden in der Regel durch sexuelle Beziehungen erzeugt. Ob also damals Madame Bovary oder Effi Briest oder heute Monika Marons Animal triste, Dieter Wellershoffs Der Liebeswunsch oder Peter Stamms Agnes: diese Bücher zeigen auch, wie sich die Semantik der Liebe durch gesellschaftlichen Wandel ändert.
In Agnes werden Individualismus und Subjektivität zu Schlüsselphänomenen der Jahrtausendwende. Der Roman zeigt Figuren, die nur noch marginal in ein soziales Ganzes eingefügt sind oder Anschluß daran suchen. Ihr Leben ist kein Teilhaben und Teilnehmen, sondern eher eine Form der Teilnahmeverweigerung: die Mitwelt wird zum bedeutungslosen Hintergrund. Die Partnerbeziehung ist der Ort eines Zusammenstehens gegen die Welt: Agnes und der Ich-Erzähler schaffen sich diese Zweierwelt, bei der keiner am sozialen Leben des anderen aktiv teilnimmt und keine gemeinschaftlichen Kontakte mit Freunden oder Familien bestehen. Ihre Liebesbeziehung ist losgelöst und zweipolig, andere Personen erscheinen darin als Störung. Die Figuren können bei unterschiedlichsten Aktivitäten in Beruf und Freizeit keinen inneren Zusammenhang mehr herstellen: ihr Leben ist fragmentarisiert.
Der Beziehungsversuch scheitert und auch darin ist Agnes exemplarisch auf der soziologischen Höhe der Zeit. Eine funktionierende Beziehung fordert heute in der Regel wechselseitige Komplettanerkennung, uneingeschränktes Verständnis und eine sehr hohe Aufmerksamkeit zweiter Ordnung: man muß situationsbedingt erahnen, was der Partner erwartet. Beziehungen scheitern an Überanspruchung oder am Nichtertragenkönnen von Routine und an fehlender Relevanz und Anerkennung. Die Krisen in der Beziehung zwischen Agnes und dem Ich-Erzähler entstehen durch nicht erfüllte Erwartungen an den Partner, da beide nicht direkt miteinander über ihre Wünsche und Vorstellungen sprechen können. Das Ende des Buchs wird zum Kommentar: Der Ich-Erzähler entscheidet sich für die Fortführung der Folgenlosigkeit seines Lebens (dazu passt seine Namenslosigkeit im Buch), Agnes resigniert angesichts seiner Liebesunfähigkeit und der unterbliebenen Sinnstiftung eines gemeinsamen Kindes.
Was passiert auf der Bühne?
Regisseur Christian Papke kopiert nicht buchstabengetreu Stamms Roman, sondern entwickelt seine eigene Vorstellungen, die aber den Absichten des Autors nicht widersprechen. Wer das Buch kennt, erkennt die Szenen wieder, auch wenn sie nicht in der Reihenfolge des Buches erzählt werden. Papke hat dabei seine Zielgruppe stets im Blick und einige Einfälle zielen klar auf die zukünftigen Abiturienten. Dennoch ist seine Inszenierung kein Schülertheater, sondern junges und zeitgemäßes Schauspiel, das sich auf die Liebesgeschichte konzentriert. Man kann nur hoffen, daß Agnes von vielen Zuschauergruppen den Zuspruch bekommt, den es verdient. Die komplette Produktion ist sehr gut gemacht - die anfangs leere Bühne füllt sich schnell im Verlauf der Liebesbeziehung und leert sich wieder gegen Ende und wird ergänzt durch Videoeinspielungen, Lichteffekte und Musik sowie wechselnde Kostüme - kurz: alles ist einfallsreich, variabel und stimmig.
Endlich stehen mal wieder die Schauspieler im Mittelpunkt - sie sind die Stars des Abends.
Für Cornelia Gröschel ist Agnes eine Hauptrolle, mit der sie sich in die Herzen des Publikums spielen wird. Frisch verliebt oder in tiefer Depression, voller Energie oder in lähmender Angst - sie spielt ihre Entwicklung glaubhaft und mit großer Intensität. André Wagner ist in Karlsruhe etablierter Hauptrollendarsteller und bewies auch gestern sehr eindrucksvoll seine Vielseitigkeit beim Spagat zwischen Liebeswunsch und Unabhängigkeitsdrang. Dazu die junge Stephanie Biesolt mit einem starken und überraschenden Auftritt in der kleinen Rolle als Louise. An alle drei: BRAVO!
Fazit: Agnes wäre auch zu besten Zeiten des letzten Schauspieldirektors Knut Weber ein Erfolg gewesen, wenn -ja ,wenn es damals eine so tolle Schauspielerin wie Cornelia Gröschel im Ensemble gegeben hätte! Sie ist das Herzstück dieser sehenswerten Bühnenfassung.
PS(1): Für welchen Zuschauer taugt Agnes? Es handelt sich um eine unglückliche Liebesgeschichte, die für ein Publikum inszeniert ist, das im Durchschnitt ca 17 Jahre alt ist. Es ist eine persönliche Genre-Entscheidung, ob man sich in diesem Zielgruppenumfeld wohl fühlt. Mehr dazu bei untenstehendem Kommentar.
Team & Besetzung
Agnes: Cornelia Gröschel
Schriftsteller: André Wagner
Louise: Stephanie Biesolt
Regie: Christian Papke
Bühne & Kostüme: Alois Gallé
Ausstattungsmitarbeit: Viktoria Strikić
Musik: Georg Luksch
Warum Agnes?
Es ist nicht ohne weiteres ersichtlich, wieso das 1998 erschienene schmale Buch von Peter Stamm für die Bühne dramatisiert wird. Die Antwort ist dann auch einfacher als vermutet: das Premierenpublikum bestand überwiegend aus Schülern, denn Stamms Agnes wird (wie Dantons Tod im Büchner-Gedenkjahr und Max Frischs Homo Faber, das im Sandkorn-Theater gezeigt wird) zur Pflichtlektüre an Gymnasien für die aktuelle Oberstufe. Die Bestimmung zur Schullektüre verdankt Agnes seiner perfekt konstruierten Architektur: der Autor verteilt seine Informationen puzzleartig geschickt über das ganze Buch; jede Szene hat eine Bedeutung, die man zur Interpretation und Vertiefung heranziehen kann. Stamm erzählt dabei nie um des fabulierenden Erzählens Willen, sondern schrieb eine sehr gut durchdachte und ökonomisch aufgebaute Geschichte, bei der nichts dem Zufall überlassen ist und die auch zeitdiagnostisch einigen Interpretationsspielraum bietet.
Worum geht es?
Es ist die Geschichte einer Beziehung zwischen zwei Personen, die sozial nur gering vernetzt sind und bei der beide ihrem Leben eine Form gegeben haben, bei der sie ihre zwischenmenschliche Defizite durch ihre Arbeit kompensieren. Beide scheinen ihre Einzelgänger-Position als Möglichkeit zu sehen, keine fremden Erwartungen zu enttäuschen, sich von der Erwartungshaltung anderer zu befreien und Konflikte aus dem Weg zu gehen. Agnes -eine an ihrer Dissertation schreibende Physikerin- lernt den namenlosen Ich-Erzähler -einen schweizer Sachbuchautor, der ein Werk über Luxuseisenbahnwagen schreiben will- in einer Bibliothek in Chicago kennen. Durch Zufall kommen sie sich näher, trennen sich in einer Krise, kommen wieder zusammen und erleben doch kein Happy End. Das Ende ist im Buch von Anfang an bekannt, trotzdem ist das Warum bis zum Schluß unklar und hält die Spannung im Buch aufrecht. In dem ruhigen, unspektakulären und beziehungsreichen Text erschließen sich die Verknüpfungen nicht unbedingt sofort beim ersten Lesen, sondern sind erst rückblickend richtig einzuordnen.
Nur eine Liebesgeschichte?
Trotz der vielen Schüler bei der Premiere sollte nicht daß Mißverständnis aufkommen, daß Peter Stamm einen Jugendroman geschrieben hat. Agnes ist nicht nur einfach eine unglücklich endende Liebesgeschichte, sondern auch eine seelische Kostümstudie. Wie sich die Bekleidungsmode ändert, Stil und Geschmack einem stetigen Wandel unterzogen sind (man denke nur an freizügige Zeiten, in denen das offene Cabrio der bevorzugte PKW war und vergleiche die schutzbietenden, bullig-überbreiten Allradautos, die der heutigen, sich abschottenden und rücksichtsloseren Krisen-Mentalität entsprechen), so folgt auch die Liebe den Mustern ihrer Epoche. Gerade die Literaturgattung des Romans war lange Lern- und Orientierungsmedium in Liebesangelegenheiten: bei Goethes Werther wird Liebe erleidet, bei Jane Austen ist die Ehe noch vernunftgesteuerte Versorgungsgemeinschaft. Die Liebe wurde später romantisch überfrachtet und der Partner zum einzigartigen Individuum und Traumprinzen, wahre Liebe wurde spontan und schicksalsträchtig, die Ehebegründung änderte sich zum Liebesbeweis. Die Paarbildung ist inzwischen autonom, ihre Voraussetzungen liegen nicht mehr außerhalb der Partnerschaft, sondern werden in der Regel durch sexuelle Beziehungen erzeugt. Ob also damals Madame Bovary oder Effi Briest oder heute Monika Marons Animal triste, Dieter Wellershoffs Der Liebeswunsch oder Peter Stamms Agnes: diese Bücher zeigen auch, wie sich die Semantik der Liebe durch gesellschaftlichen Wandel ändert.
In Agnes werden Individualismus und Subjektivität zu Schlüsselphänomenen der Jahrtausendwende. Der Roman zeigt Figuren, die nur noch marginal in ein soziales Ganzes eingefügt sind oder Anschluß daran suchen. Ihr Leben ist kein Teilhaben und Teilnehmen, sondern eher eine Form der Teilnahmeverweigerung: die Mitwelt wird zum bedeutungslosen Hintergrund. Die Partnerbeziehung ist der Ort eines Zusammenstehens gegen die Welt: Agnes und der Ich-Erzähler schaffen sich diese Zweierwelt, bei der keiner am sozialen Leben des anderen aktiv teilnimmt und keine gemeinschaftlichen Kontakte mit Freunden oder Familien bestehen. Ihre Liebesbeziehung ist losgelöst und zweipolig, andere Personen erscheinen darin als Störung. Die Figuren können bei unterschiedlichsten Aktivitäten in Beruf und Freizeit keinen inneren Zusammenhang mehr herstellen: ihr Leben ist fragmentarisiert.
Der Beziehungsversuch scheitert und auch darin ist Agnes exemplarisch auf der soziologischen Höhe der Zeit. Eine funktionierende Beziehung fordert heute in der Regel wechselseitige Komplettanerkennung, uneingeschränktes Verständnis und eine sehr hohe Aufmerksamkeit zweiter Ordnung: man muß situationsbedingt erahnen, was der Partner erwartet. Beziehungen scheitern an Überanspruchung oder am Nichtertragenkönnen von Routine und an fehlender Relevanz und Anerkennung. Die Krisen in der Beziehung zwischen Agnes und dem Ich-Erzähler entstehen durch nicht erfüllte Erwartungen an den Partner, da beide nicht direkt miteinander über ihre Wünsche und Vorstellungen sprechen können. Das Ende des Buchs wird zum Kommentar: Der Ich-Erzähler entscheidet sich für die Fortführung der Folgenlosigkeit seines Lebens (dazu passt seine Namenslosigkeit im Buch), Agnes resigniert angesichts seiner Liebesunfähigkeit und der unterbliebenen Sinnstiftung eines gemeinsamen Kindes.
Was passiert auf der Bühne?
Regisseur Christian Papke kopiert nicht buchstabengetreu Stamms Roman, sondern entwickelt seine eigene Vorstellungen, die aber den Absichten des Autors nicht widersprechen. Wer das Buch kennt, erkennt die Szenen wieder, auch wenn sie nicht in der Reihenfolge des Buches erzählt werden. Papke hat dabei seine Zielgruppe stets im Blick und einige Einfälle zielen klar auf die zukünftigen Abiturienten. Dennoch ist seine Inszenierung kein Schülertheater, sondern junges und zeitgemäßes Schauspiel, das sich auf die Liebesgeschichte konzentriert. Man kann nur hoffen, daß Agnes von vielen Zuschauergruppen den Zuspruch bekommt, den es verdient. Die komplette Produktion ist sehr gut gemacht - die anfangs leere Bühne füllt sich schnell im Verlauf der Liebesbeziehung und leert sich wieder gegen Ende und wird ergänzt durch Videoeinspielungen, Lichteffekte und Musik sowie wechselnde Kostüme - kurz: alles ist einfallsreich, variabel und stimmig.
Endlich stehen mal wieder die Schauspieler im Mittelpunkt - sie sind die Stars des Abends.
Für Cornelia Gröschel ist Agnes eine Hauptrolle, mit der sie sich in die Herzen des Publikums spielen wird. Frisch verliebt oder in tiefer Depression, voller Energie oder in lähmender Angst - sie spielt ihre Entwicklung glaubhaft und mit großer Intensität. André Wagner ist in Karlsruhe etablierter Hauptrollendarsteller und bewies auch gestern sehr eindrucksvoll seine Vielseitigkeit beim Spagat zwischen Liebeswunsch und Unabhängigkeitsdrang. Dazu die junge Stephanie Biesolt mit einem starken und überraschenden Auftritt in der kleinen Rolle als Louise. An alle drei: BRAVO!
Fazit: Agnes wäre auch zu besten Zeiten des letzten Schauspieldirektors Knut Weber ein Erfolg gewesen, wenn -ja ,wenn es damals eine so tolle Schauspielerin wie Cornelia Gröschel im Ensemble gegeben hätte! Sie ist das Herzstück dieser sehenswerten Bühnenfassung.
PS(1): Für welchen Zuschauer taugt Agnes? Es handelt sich um eine unglückliche Liebesgeschichte, die für ein Publikum inszeniert ist, das im Durchschnitt ca 17 Jahre alt ist. Es ist eine persönliche Genre-Entscheidung, ob man sich in diesem Zielgruppenumfeld wohl fühlt. Mehr dazu bei untenstehendem Kommentar.
Team & Besetzung
Agnes: Cornelia Gröschel
Schriftsteller: André Wagner
Louise: Stephanie Biesolt
Regie: Christian Papke
Bühne & Kostüme: Alois Gallé
Ausstattungsmitarbeit: Viktoria Strikić
Musik: Georg Luksch
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