Was für eine spannende Götterdämmerung - und das in vielerlei Hinsicht!
Seit 1988 bin ich steter Besucher des Badischen Staatstheaters. Bei vielen Opern-, Theater-, Konzert- und Ballettvorstellungen im Jahr und Besuchen in anderen Städten verliert man schon mal den Überblick. Dieser Tagebuch-Blog dient mir seit der Spielzeit 2011/12 als elektronische Erinnerung. Bitte beachten Sie meine Intention: ich bin kein Journalist oder Kritiker, sondern schreibe hier lediglich persönliche Eindrücke, private Ansichten und Vermutungen für mich und Angehörige nieder.
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Montag, 11. Dezember 2017
Montag, 16. Oktober 2017
Wagner - Götterdämmerung, 15.10.2017
Unterhaltsamer Unfug
Vier Regisseure hat man in Karlsruhe für die vier Opern des Ring des Nibelungen engagiert und man kann es als die größte Enttäuschung dieses Konzepts bewerten, daß bisher keiner der drei Regisseure seiner ganz isoliert betrachteten Einzeloper einen bemerkenswerten Ansatz abgewann und eine neue Betrachtungsebene schuf. Die Selbstbeschränkung auf einzelne Atoll-Opern, die einerseits nicht über sich hinaus deuten und keinen Bezug zueinander haben, andererseits auch in der jeweiligen Einzeldramaturgie keine Bedeutung bekamen, ergab so keinen Mehrwert, man verharrte lediglich in visueller Pose, investierte in visuelle Effekte und erreichte bestenfalls nette Unterhaltung. Die Regie der Götterdämmerung versucht nun hingegen beides - einen individuellen Perspektivwechsel unter Einbeziehung von Elementen der vorangegangenen Interpretationen. Erstes geschah durch eine Drehung des Blickwinkels, der bis zur Verzerrung an die Grenzen des Unfugs reicht, zweites durch eine komplett neue Meta-Ebene. Das Resultat ist einerseits gegen den Strich gebürstet, ambivalent und kontrovers diskutabel, andererseits unterhaltsam und trotz sechs Stunden Gesamtdauer mit Pausen eine überraschende und spannende Angelegenheit, spannend auch vor allem dank der Gewinner dieses Karlsruher Ringzyklus: der Badischen Staatskapelle und Justin Brown, der sich in seinem 10. und letzten Jahr als GMD in Karlsruhe als bekannt souveräner Wagner-Dirigent verabschiedet und bewies, auf welch hohem Niveau und in welch ausgezeichneten Zustand er das verjüngte Karlsruher Orchester an seinen Nachfolger übergeben wird. Selbst inszenatorisch schwache Stellen bekamen aus dem Orchestergraben eine unwiderstehliche Dramatik, die hoch engagierten Sänger trugen einen gewichtigen Anteil bei. Lautstarke Buhs neben viel Applaus belegten die kontroverse Aufnahme beim Publikum.
Vier Regisseure hat man in Karlsruhe für die vier Opern des Ring des Nibelungen engagiert und man kann es als die größte Enttäuschung dieses Konzepts bewerten, daß bisher keiner der drei Regisseure seiner ganz isoliert betrachteten Einzeloper einen bemerkenswerten Ansatz abgewann und eine neue Betrachtungsebene schuf. Die Selbstbeschränkung auf einzelne Atoll-Opern, die einerseits nicht über sich hinaus deuten und keinen Bezug zueinander haben, andererseits auch in der jeweiligen Einzeldramaturgie keine Bedeutung bekamen, ergab so keinen Mehrwert, man verharrte lediglich in visueller Pose, investierte in visuelle Effekte und erreichte bestenfalls nette Unterhaltung. Die Regie der Götterdämmerung versucht nun hingegen beides - einen individuellen Perspektivwechsel unter Einbeziehung von Elementen der vorangegangenen Interpretationen. Erstes geschah durch eine Drehung des Blickwinkels, der bis zur Verzerrung an die Grenzen des Unfugs reicht, zweites durch eine komplett neue Meta-Ebene. Das Resultat ist einerseits gegen den Strich gebürstet, ambivalent und kontrovers diskutabel, andererseits unterhaltsam und trotz sechs Stunden Gesamtdauer mit Pausen eine überraschende und spannende Angelegenheit, spannend auch vor allem dank der Gewinner dieses Karlsruher Ringzyklus: der Badischen Staatskapelle und Justin Brown, der sich in seinem 10. und letzten Jahr als GMD in Karlsruhe als bekannt souveräner Wagner-Dirigent verabschiedet und bewies, auf welch hohem Niveau und in welch ausgezeichneten Zustand er das verjüngte Karlsruher Orchester an seinen Nachfolger übergeben wird. Selbst inszenatorisch schwache Stellen bekamen aus dem Orchestergraben eine unwiderstehliche Dramatik, die hoch engagierten Sänger trugen einen gewichtigen Anteil bei. Lautstarke Buhs neben viel Applaus belegten die kontroverse Aufnahme beim Publikum.
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Sonntag, 26. März 2017
Puccini - Tosca, 25.03.2017
Wer wird ab der Saison 2018/19 Nachfolger von GMD Justin Brown? Gestern ging die Entscheidungsfindung in die nächste Runde. Dirigent Robert Trevino hatte im November 2015 ein elektrisierend gutes Symphoniekonzert geleitet (mehr dazu hier) und war der erste Kandidat, der eine zweite Einladung bekam und nun eine Oper dirigierte. Bereits am kommenden Dienstag kommt der zweite in die engere Auswahl vorgestoßene Bewerber: Constantin Trinks wird am 28.03. das Rheingold dirigieren.
Sonntag, 10. Juli 2016
Wagner - Das Rheingold, 09.07.2016
Nicht alles, was glänzt, ist Gold
Ein neuer Nibelungen-Ring beginnt in Karlsruhe und beginnt auch wieder nicht, denn innere Zusammenhänge und Folgerichtigkeit kann man bei vier Regisseuren nicht erwarten und schon gar nicht voraussetzen und sogar bei den vier Szenen des gestrigen Rheingolds kann man sie bereits vermissen. Jede Oper wird für sich produziert, man ahmt das Stuttgarter Konzept des damaligen Intendanten Klaus Zehelein von 1999 nach. Die vier Regisseure in Karlsruhe nehmen keinen inhaltlichen Einfluß aufeinander, es soll aber einige wenige szenische Bezüge geben, die vier Inszenierungen scheinen sich nicht ganz hermetisch gegeneinander abzugrenzen.
Das neue Karlsruher Rheingold muß mit zweierlei Maß gemessen werden: die musikalisch ansprechende Premiere hatte doch eine zentrale Schwäche. Die Inszenierung ist kurzweilig und unterhaltsam, teilweise visuell augenfällig attraktiv mit vielen guten kleinen Einfällen und ist doch nur gutes Handwerk, dem etwas Entscheidendes fehlt - es ist ein Rheingold ohne Sinn und Tiefe und ohne Personenentwicklung. Zum Ansehen und Anhören, aber nicht zum Mitdenken. Der gestrige Auftakt geriet szenisch seltsam bedeutungslos, eine Illustration ohne Folgen, Ideen ohne Aussage, ein unwesentliches Rheingold, nett anzuschauen, doch ohne Triftigkeit und in gewisser Weise eine verpaßte Chance für den Regisseur und die Karlsruher Oper.
Ein neuer Nibelungen-Ring beginnt in Karlsruhe und beginnt auch wieder nicht, denn innere Zusammenhänge und Folgerichtigkeit kann man bei vier Regisseuren nicht erwarten und schon gar nicht voraussetzen und sogar bei den vier Szenen des gestrigen Rheingolds kann man sie bereits vermissen. Jede Oper wird für sich produziert, man ahmt das Stuttgarter Konzept des damaligen Intendanten Klaus Zehelein von 1999 nach. Die vier Regisseure in Karlsruhe nehmen keinen inhaltlichen Einfluß aufeinander, es soll aber einige wenige szenische Bezüge geben, die vier Inszenierungen scheinen sich nicht ganz hermetisch gegeneinander abzugrenzen.
Das neue Karlsruher Rheingold muß mit zweierlei Maß gemessen werden: die musikalisch ansprechende Premiere hatte doch eine zentrale Schwäche. Die Inszenierung ist kurzweilig und unterhaltsam, teilweise visuell augenfällig attraktiv mit vielen guten kleinen Einfällen und ist doch nur gutes Handwerk, dem etwas Entscheidendes fehlt - es ist ein Rheingold ohne Sinn und Tiefe und ohne Personenentwicklung. Zum Ansehen und Anhören, aber nicht zum Mitdenken. Der gestrige Auftakt geriet szenisch seltsam bedeutungslos, eine Illustration ohne Folgen, Ideen ohne Aussage, ein unwesentliches Rheingold, nett anzuschauen, doch ohne Triftigkeit und in gewisser Weise eine verpaßte Chance für den Regisseur und die Karlsruher Oper.
Sonntag, 24. Januar 2016
Verdi - Macbeth, 23.01.2016
Gestern gab es lauten Jubel und Bravos für eine oft grandiose musikalische Umsetzung, die sich durch zwei Sängerpersönlichkeiten in den Hauptrollen, einem starkem Chor und einer konzentrierten Orchesterleistung immer wieder zu großen Momenten verdichtete. Das Regie-Team hatte Glück, es bekam lediglich empörte und massive Buhs, man hätte sich nicht beschweren dürfen, wenn man für diese sinnlose und unterirdisch schlechte Bühnenumsetzung wie früher üblich mit Tomaten oder anderen Wurfgegenständen vom Publikum von der Bühne gejagt worden wäre. Dieser Macbeth ist eine öde Kopfgeburt, bei der man die Handlung nicht mehr erkennt - keine Abgründe, keine Dämonie, keine Unbedingtheit, keine Fallhöhe. Tatsächlich erlebte man gestern eine Pleite mit Ansage, die Warnungen und Distanzierungen aus dem Haus für diese Umsetzung waren bereits vorab im Umfeld deutlich zu bemerken. Was war passiert? Die Regie hat sich komplett verrannt und verirrt: Eine fehlgeleitete Phantasie voller abwegiger Ungereimtheiten, ein Unfall unter Originalitätszwang, ein atmosphärisches Bühnendesaster, das komplexe Psychologie als schlecht konstruierte Symbolik zeigen will.
Freitag, 17. April 2015
Puccini - Tosca, 16.04.2015
Unmittelbarkeit wird leider zu oft überbewertet und taugt nur begrenzt als ästhetischer Maßstab, aber bei der Karlsruher Tosca ist es das richtige Kriterium, vor allen wenn die Aufführung so grandios gelang wie gestern!
Wieder eine Sternstunde durch Barbara Dobrzanska
Wieder eine Sternstunde durch Barbara Dobrzanska
Mittwoch, 31. Dezember 2014
Puccini - Tosca, 30.12.2014
Was für eine spannende und gelungene Tosca!
Ausgezeichnet gesungen und gespielt vor fast vollem Haus, zufriedenem Publikum und schöner Stimmung - wer dabei war, erlebte eine sehr gute Aufführung.
Ausgezeichnet gesungen und gespielt vor fast vollem Haus, zufriedenem Publikum und schöner Stimmung - wer dabei war, erlebte eine sehr gute Aufführung.
Sonntag, 19. Oktober 2014
Krása - Verlobung im Traum, 18.10.2014
Ein sehr gelungener Einstieg in die neue Opernsaison und ein Erfolg in jeder Hinsicht: musikalisch und inszenatorisch, sängerisch und darstellerisch - die Verlobung im Traum lohnt das Kennenlernen!
Zu Person und Werk
Der deutsch-tschechische Komponist Hans Krása (*1899 †1944) starb im Konzentrationslager und teilte das traurige Schicksal anderer Komponisten wie bspw. Viktor Ullmann, Erwin Schulhoff, Pavel Haas und Rudolf Karel. Krásas 1933 in Prag (Dirigent: George Szell) uraufgeführte Oper Verlobung im Traum nach Dostojewskis Novelle Onkelchens Traum verschwand viele Jahrzehnte aus dem Blickfeld. 1994 gab es die deutsche Erstaufführung als Gastspiel aus Prag in Mannheim, 1996 folgte eine CD-Gesamtaufnahme beim Label DECCA und eine konzertante Aufführung in Berlin. Aber kein deutsches Opernhaus fühlte sich dadurch inspiriert, das Stück zu inszenieren. Der Riß in der Rezeptionsgeschichte war also nicht nur durch 12 Jahre NS-Dikatatur bedingt. Es interessierte sich einfach niemand in der vielstädtigen deutschen Opernlandschaft dafür. Warum? Die Gründe dafür kann man sich nach der gestrigen Karlsruher Premiere kaum erklären. Dem Badischen Staatstheater gelingt nun damit eine Entdeckung, die hoffentlich von einem breiten Opernpublikum gewürdigt wird.
Worum geht es?
Eine russische Kleinstadt. Die verschlagene Marja Alexandrowna will ihre hübsche Tochter Sina an einen auf einer Durchreise befindlichen alten und senilen Fürsten verheiraten, um an dessen Vermögen zu kommen und ihrer Tochter Auskommen und Stellung zu sichern. Die Mutter manipuliert den Fürsten dazu, Sina einen Heiratsantrag zu machen, Sina willigt ein. Doch sie hat die Rechnung ohne des Fürsten Neffen Paul gemacht, der seinerseits selber Sina begehrt. Paul verhindert die Ehe: er redet seinem debilen Onkel ein, alles nur geträumt zu haben. Marja Alexandrownas intrigante Schwägerin Nastassja unterstützt Paul bei der Demaskierung und plant eine gesellschaftliche Bloßstellung von Mutter und Tochter.
Die Hauptfigur Sina ist im Gewissenskonflikt: sie liebt den todkranken Fedja (der nicht in der Oper auftritt) und benötigt das Geld, um ihm zu helfen. Sina wird am Ende der Oper mit der Verkündung von Fedjas Tod zur tragischen Figur.
Im Prolog und Epilog tritt der Archivar auf. Zu Beginn erzählt er, daß er diese Geschichte dem Schriftsteller Dostojewski erzählt hat und stimmt auf die Charaktere ein ("schön wie Sina ... unglücklich wie Fedja ... tückisch wie Paul ... seltsam wie der Fürst .... Gott bewahre mich vor einer solchen Mutter"). Am Ende verkündet er, daß Sina letztendlich ohne Liebe eine andere gute Partie heiratet und eine unglückliche Zukunft hat: "Keine Freundschaft, keine Liebe. Sie empfindet nichts, ist kalt wie ein Stein".
Was ist zu hören? (1)
Beim ersten Zuhören hat man den Eindruck, Einflüsse verschiedener Komponisten und Stile zu finden, man meint bspw. Richard Strauss oder Kurt Weill (im Programmheft werden auch Strawinsky, Janáček und Gershwin genannt) herauszuhören und Anklänge der damaligen Zeit (Tanz- und Filmmusik). Immer wieder gibt es besondere und interessante musikalische Stellen in dieser Oper, die abwechslungs- und einfallsreich durch kontrastierende Elemente ist, voller Schwung und Esprit und vielen Ensembles. Die kurze Oper (zwei Akte, jeder ca. 50 Minuten) ist kurzweilig und spannend, auf den Punkt und nie sentimental. Ein Höhepunkt ist am Ende des ersten Akts: während Sina singt (Bellinis Casta Diva), um den Fürsten zu beeindrucken, beginnen die anderen Figuren zu tuscheln und übertönen sie schließlich. Das Programmheft bezeichnet das als "montageartigen Überzeichnung" einer "als Parodie zu verstehenden Multistilistik" und "Hans Krása lässt diese ganz unterschiedlichen Elemente so prägnant hervortreten, dass deren Eigensinn immer wieder den reinen Ausdrucksgehalt der dramatischen Situation überlagert. Gefühle treten musikalisch nicht nur als Gefühle der Figuren in Erscheinung, sondern auch als artifizielle Phänomene, die auf historische musikalische Chiffren von Gefühlen verweisen. In dieser Montagetechnik, ein in den 20er Jahren bevorzugtes Stilmittel, äußert sich ein Tonkünstler, der gleichzeitig dramatische Situationen beglaubigt und ihren theatralen Reiz in Szene setzt."
In der Summe eine brillante Leistungsschau des Komponisten, bei der vielleicht die eine unvergessliche Melodie, der eine besondere Moment fehlt - man bewegt sich auf einem Hochplateau ohne ausgeprägte Gipfel. Vor allem der erste Akt überzeugt durch seine Steigerungen und sein Tempo. Im zweiten Akt gibt es geringfügige Längen und eine Stiländerung: die Figur der Sina verwandelt sich in eine Charakterrolle von Richard Strauss'schem Ausmaß: eine unglückliche Arabella, aber szenisch und musikalisch komischer und doch im Endeffekt traurig. Hier liegt vielleicht der Schwachpunkt -wenn man das überhaupt so nennen kann- dieser Oper: Was für ein Genre ist das denn eigentlich? Keine Buffa, keine Komödie im Sinne Tschechows (melancholische Heiterkeit vor ernstem Hintergrund) und Gogols (Gesellschaftssatire), aber auch keine richtige Charakterkomödie (Sina bleibt etwas zu blaß; ihre Liebe zum unsichtbaren Fedja unklar) und auch kein typisches Lustspiel (kein Liebesglück am Ende). Man sieht Operettenfiguren in einer tragikomischen Oper ohne Happy-End. Vielleicht war es dieser seltsame Stil-Mix einer verfremdeten Operette, die die bundesdeutsche Opernwelt bisher daran gehindert, das Werk zu inszenieren.
Was ist zu sehen?
Regisseur Ingo Kerkhof konzentriert sich auf das Operettenhafte. Er integriert Sinas Charakterschübe in einen amüsanten Hintergrund und vermeidet damit falsche musikdramatischen Komplikationen. In Karlsruhe interpretiert und inszeniert man Verlobung im Traum mit Blick auf die Entstehungszeit der Oper - sie spielt in den Goldenen Zwanzigern, den 1920er Jahren. Man sieht ein Bühnenbild, das wie eine Szene aus Cabaret wirkt, der Archivar als Erzähler der Geschichte wird zum Conférencier im Frack. Man befindet sich in einer gut gelaunten Revue, die der Oper keine zusätzlichen Bedeutungsebenen aufzwingt. Man konzentriert sich durch viele gute Einfälle und reizvolle Details auf Schwung und Handlungsfluß. Humoristisch ist diese Inszenierung mehrgleisig: man setzt auf prägnante Typisierung der Figuren, die besonders dadurch amüsant wird, daß Sänger und Chor hier auch als Schauspieler gefordert sind und diese Anforderungen bei der Premierenbesetzung sehenswert erfüllt wurden. Dazu kommt eine Mischung aus Situationskomik, Slapstick und liebevoll gestalteten kleineren Einfälle. Immer wieder passiert mehr auf der Bühne als beim ersten Zuschauen wahrnehmbar ist.
Was ist zu hören? (2)
Nicht nur sängerisch, auch schauspielerisch zeigen Sänger und Chor eine homogene und starke Leistung. Agnieszka Tomaszewska ist neu im Karlsruher Ensemble, ihr Einstieg in der Hauptrolle der Sina setzt gleich zu Beginn ein sängerisches Ausrufezeichen: klangschön und höhensicher! Ein Auftritt, der einiges für die Zukunft verspricht. Jaco Venter in der Rolle des alten Fürsten und Katharine Tier als arme Schwägerin haben viel Spaß mit ihren Rollen und übertragen dies auf das Publikum. Armin Kolarczyk ist für die kleine Rolle des Archivars eine Luxusbesetzung.
Für viele Rollen hat man Gäste engagiert: besonders Dana Beth Miller in der Rolle der Mutter bekam für ihre großartige Darstellung viel Applaus, Tenor Christian Voigt hatte zwar mit einer Erkältung zu kämpfen, hinterließ aber einen sehr guten Eindruck.
Entscheidend zum musikalischen Erfolg dieser Oper trugen Justin Brown und das sehr variabel und spielfreudig auftrumpfende Orchester bei, die Krásas Multistilistik auf spannende Weise hörbar machen.
Fazit: BRAVO! In jeder Hinsicht einen lohnende Entdeckung für die das Badische Staatstheater viel Anerkennung und vor allem mehr Publikum verdient denn ...
PS: ... wo ist eigentlich das Karlsruher Opernpublikum abgeblieben?
Ein trauriges Bild bei einer Premiere (aber auch sonst immer öfters) - viele leere Plätze. Wie es so weit kommen konnte, lohnt der Analyse. Sind tatsächlich in den letzten drei Jahren so viele Opernfreunde altersbedingt in die Besucher-Rente gegangen und kommen nicht mehr? Oder gehen sie aktuell einfach nur lieber nach Baden-Baden, Stuttgart, Mannheim und Straßburg? Liegt es an Programm und Spielplan? Fehlt das Publikumsvertrauen in die Operndirektion bei der Wahl von Raritäten wie Verlobung im Traum? Hat es die aktuelle Intendanz innerhalb von drei Jahren geschafft, Stammpublikum zu vertreiben und die falsche Herangehensweise gewählt (teilweise wenig variable Spielpläne, Spezialitäten für Liebhaber statt Sattmacher für neue Zuschauer, tendenziell zu ernst und schwer, Fokus auf das Stadtgebiet unter Vernachlässigung des Umlands)? Vielleicht hat man drei Jahre verschenkt, in denen man sich breiter hätte positionieren können? Wieso ist die Oper anscheinend (oder doch nur scheinbar?) im Abseits gelandet? Die Antwort liegt irgendwo in der Grauzone dazwischen. Die Gewichtung ist diskutabel. Der Abgang von Operndirektor Schaback nach drei Jahren liefert einen weiteren Baustein zum Gesamtbild: die Vorbereitung des Intendanzstarts 2011 war suboptimal: im Schauspiel hatte Intendant Spuhler Planungsfehler bereits eingeräumt, in der Oper sollte er ebenfalls die Fehler benennen und ein erstes Besserungssignal senden. Im Schauspiel scheint das Training-on-the-job inzwischen klare Erfolge zu zeigen: man scheint auf einem guten Weg. Nun ist es an der neuen Opernleitung, das Interesse an der Karlsruher Oper wieder zu wecken und Zuschauer zurückzugewinnen. Am Ende der Spielzeit sollten vor allem die Anzahl der Opernbesucher und die Abonnentenzahlen im Fokus der Diskussion stehen.
Team und Besetzung:
Sina: Agnieszka Tomaszewska
Marja Alexandrowna: Dana Beth Miller (a.G.)
Barbara: Sofia Mara (a.G.)
Nastassja: Katharine Tier
Sofia Petrowna: Hatice Zeliha Kökcek (a.G.)
Paul: Christian Voigt (a.G.)
Archivar der Stadt Mordassow: Armin Kolarczyk
Fürst: Jaco Venter
Musikalische Leitung: GMD Justin Brown
Regie: Ingo Kerkhof
Bühne: Dirk Becker
Kostüme: Inge Medert
Choreografie: Darie Cardyn
Chorleitung: Ulrich Wagner
Zu Person und Werk
Der deutsch-tschechische Komponist Hans Krása (*1899 †1944) starb im Konzentrationslager und teilte das traurige Schicksal anderer Komponisten wie bspw. Viktor Ullmann, Erwin Schulhoff, Pavel Haas und Rudolf Karel. Krásas 1933 in Prag (Dirigent: George Szell) uraufgeführte Oper Verlobung im Traum nach Dostojewskis Novelle Onkelchens Traum verschwand viele Jahrzehnte aus dem Blickfeld. 1994 gab es die deutsche Erstaufführung als Gastspiel aus Prag in Mannheim, 1996 folgte eine CD-Gesamtaufnahme beim Label DECCA und eine konzertante Aufführung in Berlin. Aber kein deutsches Opernhaus fühlte sich dadurch inspiriert, das Stück zu inszenieren. Der Riß in der Rezeptionsgeschichte war also nicht nur durch 12 Jahre NS-Dikatatur bedingt. Es interessierte sich einfach niemand in der vielstädtigen deutschen Opernlandschaft dafür. Warum? Die Gründe dafür kann man sich nach der gestrigen Karlsruher Premiere kaum erklären. Dem Badischen Staatstheater gelingt nun damit eine Entdeckung, die hoffentlich von einem breiten Opernpublikum gewürdigt wird.
Worum geht es?
Eine russische Kleinstadt. Die verschlagene Marja Alexandrowna will ihre hübsche Tochter Sina an einen auf einer Durchreise befindlichen alten und senilen Fürsten verheiraten, um an dessen Vermögen zu kommen und ihrer Tochter Auskommen und Stellung zu sichern. Die Mutter manipuliert den Fürsten dazu, Sina einen Heiratsantrag zu machen, Sina willigt ein. Doch sie hat die Rechnung ohne des Fürsten Neffen Paul gemacht, der seinerseits selber Sina begehrt. Paul verhindert die Ehe: er redet seinem debilen Onkel ein, alles nur geträumt zu haben. Marja Alexandrownas intrigante Schwägerin Nastassja unterstützt Paul bei der Demaskierung und plant eine gesellschaftliche Bloßstellung von Mutter und Tochter.
Die Hauptfigur Sina ist im Gewissenskonflikt: sie liebt den todkranken Fedja (der nicht in der Oper auftritt) und benötigt das Geld, um ihm zu helfen. Sina wird am Ende der Oper mit der Verkündung von Fedjas Tod zur tragischen Figur.
Im Prolog und Epilog tritt der Archivar auf. Zu Beginn erzählt er, daß er diese Geschichte dem Schriftsteller Dostojewski erzählt hat und stimmt auf die Charaktere ein ("schön wie Sina ... unglücklich wie Fedja ... tückisch wie Paul ... seltsam wie der Fürst .... Gott bewahre mich vor einer solchen Mutter"). Am Ende verkündet er, daß Sina letztendlich ohne Liebe eine andere gute Partie heiratet und eine unglückliche Zukunft hat: "Keine Freundschaft, keine Liebe. Sie empfindet nichts, ist kalt wie ein Stein".
Was ist zu hören? (1)
Beim ersten Zuhören hat man den Eindruck, Einflüsse verschiedener Komponisten und Stile zu finden, man meint bspw. Richard Strauss oder Kurt Weill (im Programmheft werden auch Strawinsky, Janáček und Gershwin genannt) herauszuhören und Anklänge der damaligen Zeit (Tanz- und Filmmusik). Immer wieder gibt es besondere und interessante musikalische Stellen in dieser Oper, die abwechslungs- und einfallsreich durch kontrastierende Elemente ist, voller Schwung und Esprit und vielen Ensembles. Die kurze Oper (zwei Akte, jeder ca. 50 Minuten) ist kurzweilig und spannend, auf den Punkt und nie sentimental. Ein Höhepunkt ist am Ende des ersten Akts: während Sina singt (Bellinis Casta Diva), um den Fürsten zu beeindrucken, beginnen die anderen Figuren zu tuscheln und übertönen sie schließlich. Das Programmheft bezeichnet das als "montageartigen Überzeichnung" einer "als Parodie zu verstehenden Multistilistik" und "Hans Krása lässt diese ganz unterschiedlichen Elemente so prägnant hervortreten, dass deren Eigensinn immer wieder den reinen Ausdrucksgehalt der dramatischen Situation überlagert. Gefühle treten musikalisch nicht nur als Gefühle der Figuren in Erscheinung, sondern auch als artifizielle Phänomene, die auf historische musikalische Chiffren von Gefühlen verweisen. In dieser Montagetechnik, ein in den 20er Jahren bevorzugtes Stilmittel, äußert sich ein Tonkünstler, der gleichzeitig dramatische Situationen beglaubigt und ihren theatralen Reiz in Szene setzt."
In der Summe eine brillante Leistungsschau des Komponisten, bei der vielleicht die eine unvergessliche Melodie, der eine besondere Moment fehlt - man bewegt sich auf einem Hochplateau ohne ausgeprägte Gipfel. Vor allem der erste Akt überzeugt durch seine Steigerungen und sein Tempo. Im zweiten Akt gibt es geringfügige Längen und eine Stiländerung: die Figur der Sina verwandelt sich in eine Charakterrolle von Richard Strauss'schem Ausmaß: eine unglückliche Arabella, aber szenisch und musikalisch komischer und doch im Endeffekt traurig. Hier liegt vielleicht der Schwachpunkt -wenn man das überhaupt so nennen kann- dieser Oper: Was für ein Genre ist das denn eigentlich? Keine Buffa, keine Komödie im Sinne Tschechows (melancholische Heiterkeit vor ernstem Hintergrund) und Gogols (Gesellschaftssatire), aber auch keine richtige Charakterkomödie (Sina bleibt etwas zu blaß; ihre Liebe zum unsichtbaren Fedja unklar) und auch kein typisches Lustspiel (kein Liebesglück am Ende). Man sieht Operettenfiguren in einer tragikomischen Oper ohne Happy-End. Vielleicht war es dieser seltsame Stil-Mix einer verfremdeten Operette, die die bundesdeutsche Opernwelt bisher daran gehindert, das Werk zu inszenieren.
Was ist zu sehen?
Regisseur Ingo Kerkhof konzentriert sich auf das Operettenhafte. Er integriert Sinas Charakterschübe in einen amüsanten Hintergrund und vermeidet damit falsche musikdramatischen Komplikationen. In Karlsruhe interpretiert und inszeniert man Verlobung im Traum mit Blick auf die Entstehungszeit der Oper - sie spielt in den Goldenen Zwanzigern, den 1920er Jahren. Man sieht ein Bühnenbild, das wie eine Szene aus Cabaret wirkt, der Archivar als Erzähler der Geschichte wird zum Conférencier im Frack. Man befindet sich in einer gut gelaunten Revue, die der Oper keine zusätzlichen Bedeutungsebenen aufzwingt. Man konzentriert sich durch viele gute Einfälle und reizvolle Details auf Schwung und Handlungsfluß. Humoristisch ist diese Inszenierung mehrgleisig: man setzt auf prägnante Typisierung der Figuren, die besonders dadurch amüsant wird, daß Sänger und Chor hier auch als Schauspieler gefordert sind und diese Anforderungen bei der Premierenbesetzung sehenswert erfüllt wurden. Dazu kommt eine Mischung aus Situationskomik, Slapstick und liebevoll gestalteten kleineren Einfälle. Immer wieder passiert mehr auf der Bühne als beim ersten Zuschauen wahrnehmbar ist.
Was ist zu hören? (2)
Nicht nur sängerisch, auch schauspielerisch zeigen Sänger und Chor eine homogene und starke Leistung. Agnieszka Tomaszewska ist neu im Karlsruher Ensemble, ihr Einstieg in der Hauptrolle der Sina setzt gleich zu Beginn ein sängerisches Ausrufezeichen: klangschön und höhensicher! Ein Auftritt, der einiges für die Zukunft verspricht. Jaco Venter in der Rolle des alten Fürsten und Katharine Tier als arme Schwägerin haben viel Spaß mit ihren Rollen und übertragen dies auf das Publikum. Armin Kolarczyk ist für die kleine Rolle des Archivars eine Luxusbesetzung.
Für viele Rollen hat man Gäste engagiert: besonders Dana Beth Miller in der Rolle der Mutter bekam für ihre großartige Darstellung viel Applaus, Tenor Christian Voigt hatte zwar mit einer Erkältung zu kämpfen, hinterließ aber einen sehr guten Eindruck.
Entscheidend zum musikalischen Erfolg dieser Oper trugen Justin Brown und das sehr variabel und spielfreudig auftrumpfende Orchester bei, die Krásas Multistilistik auf spannende Weise hörbar machen.
Fazit: BRAVO! In jeder Hinsicht einen lohnende Entdeckung für die das Badische Staatstheater viel Anerkennung und vor allem mehr Publikum verdient denn ...
PS: ... wo ist eigentlich das Karlsruher Opernpublikum abgeblieben?
Ein trauriges Bild bei einer Premiere (aber auch sonst immer öfters) - viele leere Plätze. Wie es so weit kommen konnte, lohnt der Analyse. Sind tatsächlich in den letzten drei Jahren so viele Opernfreunde altersbedingt in die Besucher-Rente gegangen und kommen nicht mehr? Oder gehen sie aktuell einfach nur lieber nach Baden-Baden, Stuttgart, Mannheim und Straßburg? Liegt es an Programm und Spielplan? Fehlt das Publikumsvertrauen in die Operndirektion bei der Wahl von Raritäten wie Verlobung im Traum? Hat es die aktuelle Intendanz innerhalb von drei Jahren geschafft, Stammpublikum zu vertreiben und die falsche Herangehensweise gewählt (teilweise wenig variable Spielpläne, Spezialitäten für Liebhaber statt Sattmacher für neue Zuschauer, tendenziell zu ernst und schwer, Fokus auf das Stadtgebiet unter Vernachlässigung des Umlands)? Vielleicht hat man drei Jahre verschenkt, in denen man sich breiter hätte positionieren können? Wieso ist die Oper anscheinend (oder doch nur scheinbar?) im Abseits gelandet? Die Antwort liegt irgendwo in der Grauzone dazwischen. Die Gewichtung ist diskutabel. Der Abgang von Operndirektor Schaback nach drei Jahren liefert einen weiteren Baustein zum Gesamtbild: die Vorbereitung des Intendanzstarts 2011 war suboptimal: im Schauspiel hatte Intendant Spuhler Planungsfehler bereits eingeräumt, in der Oper sollte er ebenfalls die Fehler benennen und ein erstes Besserungssignal senden. Im Schauspiel scheint das Training-on-the-job inzwischen klare Erfolge zu zeigen: man scheint auf einem guten Weg. Nun ist es an der neuen Opernleitung, das Interesse an der Karlsruher Oper wieder zu wecken und Zuschauer zurückzugewinnen. Am Ende der Spielzeit sollten vor allem die Anzahl der Opernbesucher und die Abonnentenzahlen im Fokus der Diskussion stehen.
Team und Besetzung:
Sina: Agnieszka Tomaszewska
Marja Alexandrowna: Dana Beth Miller (a.G.)
Barbara: Sofia Mara (a.G.)
Nastassja: Katharine Tier
Sofia Petrowna: Hatice Zeliha Kökcek (a.G.)
Paul: Christian Voigt (a.G.)
Archivar der Stadt Mordassow: Armin Kolarczyk
Fürst: Jaco Venter
Musikalische Leitung: GMD Justin Brown
Regie: Ingo Kerkhof
Bühne: Dirk Becker
Kostüme: Inge Medert
Choreografie: Darie Cardyn
Chorleitung: Ulrich Wagner
Sonntag, 13. Oktober 2013
Verdi - Un Ballo in Maschera, 12.10.2013
Endlich wieder Ein Maskenball am Badischen Staatstheater! Über 30 Jahre mußte man in Karlsruhe auf eine Neuinszenierung dieser schönen Oper warten, über die man in einem alten Opernführer die Bemerkung findet, daß sie der erklärte Liebling aller Verdifreunde sei. Die MET in New York hat sie bereits ca. 300 mal gespielt. Nachdem das Badische Staatstheater bspw. mit Wallenberg und der Passagierin, mit Romeo und Julia auf dem Dorfe und Peter Grimes viel Sorgfalt auf weniger bekannte Opern richtete, galt es gestern, dem breiten Karlsruher Publikum mit Verdis Un Ballo in Maschera ein Geschenk zu machen: der neue Maskenball löste bei der Premiere musikalisch Begeisterung aus. Die Inszenierung bekam freundlichen Applaus - nicht mehr, aber auch nicht viel weniger. Doch es blieb der Eindruck, daß szenisch mehr möglich gewesen wäre.
Sonntag, 4. November 2012
Bizet - Carmen, 03.11.2012
Diese Carmen war vor 10 Jahren im November 2002 die erste Opernpremiere des damaligen neuen Intendanten Achim Thorwald bei der er in Karlsruhe auch selber Regie führte. Die Produktion zeigte bereits alles, was den Regisseur Thorwald in den folgenden Jahren kennzeichnen sollte: verlässliche Inszenierungen, die sich nie in den Vordergrund drängen. Nun wurde die beliebte und oft gezeigte Carmen wieder auf den Spielplan genommen: in fast durchgängig neuer Besetzung - und auch bei der 40. Aufführung wurde sie vor ausverkauftem Haus zum Erfolg und vom Publikum dankbar beklatscht. Der anwesende Achim Thorwald kam beim Schlußapplaus ebenfalls auf die Bühne.
Mittwoch, 13. Juni 2012
Verdi - Rigoletto, 12.06.2012
Der wiederholte Besuch des Karlsruher Rigolettos könnte angesichts der sterilen und unattraktiven Inszenierung wie Masochismus wirken, ist aber aufgrund der durchweg sehr hohen musikalischen Qualität gerechtfertigt. So auch gestern: obwohl es die x-te und für diese Spielzeit letzte Aufführung war, parallel die Fußball-EM lief und es kühl-regnerisches Wetter gab: Ausreden zählen nicht für dieses Ensemble. Es gab also keine Abnutzungserscheinungen, im Gegenteil - es war eine wirklich sehr gute und intensive Aufführung.
Montag, 2. April 2012
Wagner - Lohengrin, 01.04.2012
Manche Opernpremieren sind Prestige-trächtiger als andere. Die erste Inszenierung der neuen Opernleitung war beispielsweise in dieser Hinsicht wichtig: Berlioz' Trojaner waren grandios und ein großartiger Start in die neue Spielzeit. In einer Wagner-Stadt wie Karlsruhe, die zu den ersten und traditionsreichsten Orten der musikalischen Wagner-Pflege gehört, wird jede Wagner-Premiere zu einem Prüfstein für das Opernhaus und seine Verantwortlichen. Bei der gestrigen Lohengrin-Premiere lag also viel Vorfreude und Spannung in der Luft. Doch leider folgte einer der misslungensten Abende der - ja man kann es sagen - der letzten Jahrzehnte. Ich kann mich nicht erinnern, wann es zuletzt so viele Buh-Rufe für ein Inszenierungsteam gab. Sogar der stark kritisierte (und inzwischen fast schon etablierte) Rigoletto verblasst dagegen.
Montag, 7. November 2011
Verdi - Rigoletto, 06.11.2011
Viel zu viel Zeit ist verflossen seitdem in Karlsruhe zuletzt in der Spielzeit 1989/90 Verdis Meisterwerk Rigoletto zu hören war. Entsprechend hoch war gestern die Erwartungshaltung des Publikums bei der Premiere, die allerdings nur die Neuinszenierung einer Produktion war, die fast genau zwei Jahre zuvor in Heidelberg erstmalig gezeigt wurde. Leider blieb es unverständlich und rätselhaft, aus welchen Gründen diese Inszenierung in Karlsruhe wieder belebt wurde.
Rigoletto ist auf Kostümebene in die 1980er Jahre versetzt worden. Der Bühneninnenraum ist dreieckig begrenzt durch helle Lamellenvorhänge, die zwei Hinterräume und eine Empore vom Innenraum abgrenzen und automatisch auf- und zufahren, um den Zuschauern Einblicke zu gewähren. Dazu kommen variabel positioniert Stuhlreihen, die der Bühne den Reiz eines Warte- oder Seminarraums geben und gelegentlich ein Bett im Hintergrund. Daraus ergibt sich ein Bühnenbild von selten gesehener, unattraktiver Beliebigkeit, das so unspezifisch, ja charakterlos ist, daß man darin genauso gut andere Opern oder Theaterstücke spielen könnte. Der Regisseur Jim Lucassen hatte gute Ideen, findet dafür aber nur selten gelungene Lösungen; die Personenregie kommt über gutes Mittelmaß nicht hinaus. Die Chorregie ist dilettantisch: so vermittelt das erste Bild das Flair eines Kegelvereins auf Kaffeefahrt; in der Gewitterszene des dritten Akts, bei der Verdi die Windmaschine durch einen wortlos summenden Männerchor ersetzt, gerät die Ermordung Gildas zu einer unfreiwillig komischen Halloween Farce.
Rigoletto ist auf Kostümebene in die 1980er Jahre versetzt worden. Der Bühneninnenraum ist dreieckig begrenzt durch helle Lamellenvorhänge, die zwei Hinterräume und eine Empore vom Innenraum abgrenzen und automatisch auf- und zufahren, um den Zuschauern Einblicke zu gewähren. Dazu kommen variabel positioniert Stuhlreihen, die der Bühne den Reiz eines Warte- oder Seminarraums geben und gelegentlich ein Bett im Hintergrund. Daraus ergibt sich ein Bühnenbild von selten gesehener, unattraktiver Beliebigkeit, das so unspezifisch, ja charakterlos ist, daß man darin genauso gut andere Opern oder Theaterstücke spielen könnte. Der Regisseur Jim Lucassen hatte gute Ideen, findet dafür aber nur selten gelungene Lösungen; die Personenregie kommt über gutes Mittelmaß nicht hinaus. Die Chorregie ist dilettantisch: so vermittelt das erste Bild das Flair eines Kegelvereins auf Kaffeefahrt; in der Gewitterszene des dritten Akts, bei der Verdi die Windmaschine durch einen wortlos summenden Männerchor ersetzt, gerät die Ermordung Gildas zu einer unfreiwillig komischen Halloween Farce.
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