Montag, 19. Oktober 2015

Meyerbeer - Der Prophet, 18.10.2015

Eine Grand Opéra als große Oper     
84 Jahre lang hat man am Badischen Staatstheater keine Oper von Jakob Meyer Beer alias Giacomo Meyerbeer mehr gespielt, das opulente, fünfaktige Musikdrama Le Prophète gab es in Karlsruhe seit 94 Jahren nicht mehr zu hören. Die gestrige Rückkehr endete vom Publikum umjubelt mit viel Applaus für alle, musikalisch hochwertig mit einer mit Bravo-Rufen überschütteten Altistin Ewa Wolak in der schweren Rolle der Fidès. Die spannende Regie rehabilitierte Meyerbeer indem sie das betonte, was man Meyerbeer oft vorwarf: sie betont die szenische Kraft, das äußerlich Dankbare, das Sensationelle, Effekt auf Effekt wie ein Varietéprogramm - eine Oper als Plakat, eine Inszenierung, die fast kein Klischee bei der Durchführung ihrer Idee ausläßt. Es scheint als könnte man vieles von dem, was die Kritik im 19. Jahrhundert dazu beitrug, um Meyerbeer von den Bühnen verschwinden zu lassen, nun anführen, um den szenischen Premierenerfolg zu erklären.
              
Worum geht es?

Hintergrund: Die französische Grand Opéra ist historische Oper, die sich damals Ereignissen der Vergangenheit annahm und neben dem Geschehen auch pittoreske Momente durch große Chor-Szenen und Ballett beinhaltet. Es geht hier um eine erfundene Geschichte über das reale Täuferreich von Münster in den Jahren 1534/35. Zwei Personen der Oper haben sehr grobe historische Vorbilder: der Prediger Jan Mathys (in der Oper als Mathisen) und der später für kurze Zeit als Täuferkönig von Münster regierende Jan van Leiden.
  • Der 1. Akt spielt in Holland auf dem Besitz des Grafen Oberthal. Berta will Jan van Leiden heiraten, darf es aber nur mit Erlaubnis des Fürsten. Sie zieht zusammen mit Jans Mutter Fidès los, um sich die Zustimmung Oberthals zu holen. Sie begegnen dabei drei Wiedertäufern: Jonas, Mathisen und Zaccharias versuchen einen Bauernaufstand anzuzetteln. Oberthal läßt die drei radikalen Sektierer festnehmen und auch Fidès und Berta werden auf seine Burg gebracht.
  • Im 2. Akt kommen treffen die wieder freigelassen Prediger in einer Schenke auf den charismatischen Gastwirt Jan van Leiden, den sie als Galionsfigur, als Gottgesandten für ihre Bewegung gewinnen wollen. Jan lehnt vorerst noch ab. Die aus der Burg geflohene Berta flüchtet zu ihrem Verlobten Jan, der sie versteckt. Graf Oberthal trifft ein und stellt Jan vor die Wahl: entweder er liefert ihm Berta aus oder seine Mutter Fidès muß sterben. Jan übergibt  Berta an den Fürsten und schließt sich verzweifelt den Wiedertäufern an, ohne sich von seiner Mutter zu verabschieden. Er radikalisiert sich aus Rache und wird ihr Anführer und Prophet werden.
  • Der 3. Akt besteht aus 3 Bildern. Es herrscht Krieg, das Schloß des Grafen Oberthal ist zerstört, die inzwischen militärisch erobernden Wiedertäufer waren erfolgreich und belagern Münster.  Es ist Winter, Meyerbeer charakterisiert das Lagerleben pittoresk mit der langen Ballettmusik Les Patineurs (Die Schlittschuhläufer), die man in Karlsruhe kürzt.
    2.Bild: Oberthal trifft incognito im Lager der Wiedertäufer ein, wird erkannt und gefangen genommen. Er berichtet, auf der Suche nach Berta zu sein, die in Münster sein soll. Der Prophet läßt ihn leben.
    Das 3. Bild beginnt mit einer drohenden Meuterei der Anhänger gegen Jan, da die Einnahme Münsters mißlang. Jan übernimmt selber die militärische Leitung des folgenden Angriffs.
  • 4. Akt: Jan hat sich endgültig fanatisiert und regiert Münster nach der Einnahme mit harter Hand. Seine Person ist inzwischen sagenumwoben. Es heißt, der Prophet sei göttlicher Herkunft und nicht von einer Frau geboren. Berta findet Fidès beim Betteln. Sie glaubt, daß der geheimnisvolle Prophet ihren Verlobten Jan getötet hat und will sich rächen. Jan wird durch eine pompöse Krönungsfeier zum König des Täuferreichs und erklärt sich zu Gottes Sohn. Bei der Krönungszeremonie erkennt Fidès ihren Sohn, doch der weist sie brüsk zurück. Der Prophet will seine Glaubwürdigkeit durch einen Exorzismus wieder herstellen. Um ihr und das Leben ihres Sohnes zu retten, erklärt Fidès sich geirrt zu haben. Sie wird in den Kerker geworfen.
  • 5. Akt: Der Prophet ist am Ende. Seine früheren Vertrauten verhandeln mit Oberthal über eine Auslieferung Jans, um angesichts der gegnerischen militärischen Übermacht ihr Leben zu retten. Berta erkennt entsetzt, daß Jan der verhasste Prophet ist und tötet sich. Jan sprengt sich, seine ihn freiwillig begleitende Mutter und alle Anwesenden im Rathaus von Münster mit den Pulvervorräten in die Luft.

Was ist zu hören (1)?
Le Prophète wird traditionell gekürzt, in Karlsruhe kommt man mit zwei Pausen auf einen knapp viereinhalbstündigen Abend und ca. 200 Minuten reine Spielzeit. Dramaturg Boris Kehrmann erklärte vorab, daß das inszenierungsbedingte Prinzip der pragmatischen Kürzungsentscheidungen war, das Tempo der Handlung zu beschleunigen. Da man im Handlungsverlauf des Propheten kaum eine Nummer fortlassen kann (das Duett zwischen Berta und Fidès Un jour, dans les flots de la Meuse im 1. Akt entfällt), ohne das Handlungsgefüge zu gefährden, verzichtet man auf Nummernteile und entfernte Strophen bzw. Wiederholungen, Variationsteile und Steigerungen. Das große Ballett im dritten Akt bietet Einsparungsmöglichkeiten (in Karlsruhe bringt man ca. 15 Minuten), wie auch der Krönungsmarsch am Ende des vierten Akts, von dem nur Teile erklingen. Das Pittoreske verschwindet zugunsten der Dramatik. Das Resultat der Verschlankung ist laut Kehrmann, daß die psychologischen und dramatischen Mechanismen deutlicher zum Vorschein kommen, die Ereignisse sich überstürzen und die Oper wie ein Krimi vorüber rast. Tatsächlich ist dieser Prophet gute Unterhaltung und besitzt kaum Durchhänger, psychologisch gewinnen die Figuren hingegen kaum, sie bleiben ohne Tiefe - doch das ist auch nicht Absicht der Regie.
 
Was ist zu hören (2)?

Der Prophet ist laut Kehrmann im von ihm vorbildlich informativen und unbedingt lesenswert zusammengestellten Programmheft musikalisch "eine stetige Überbietung der Überbietung". Umso länger die Oper dauert, umso musikalisch beeindruckender und aufregender werden die Szenen, umso fordernder wird sie für die Sänger. Und reich an Höhepunkten war auch die gestrige Premiere, viele Szenen boten Hochspannung durch hohe gesangstechnische Schwierigkeiten, vor allem Kammersängerin Ewa Wolak als Fidès überzeugte das Publikum durch nicht enden wollende Stimmreserven und große Präsenz, ob in Ah! mon fils, sois béni im 2. Akt, zu Beginn des 4. Akts Donnez, donnez pour une pauvre âme oder dann in der großen Kerkerarie im 5. Akt Ô prêtres de Baal, die sich über das Duett mit Jan zum Terzett mit Berta steigert, welches emotional über die Freude des Wiedersehens zur Pastorale Loin de la ville und schließlich zu Bertas Erkennen der Identität Jans als Prophet zu ihrem Selbstmord und seiner Verzweiflung führt. Der Gast-Tenor Marc Heller als Prophet Jan van Leyden beginnt stark, mit schönen lyrischen Szenen in der Traumerzählung und der Arie Pour Berte, moi je soupire im 2. Akt, im 3. Akt merkt man ab der Gebetsszene und dann im gekürzten Trinklied des 5 Akts Versez, que tout respire l’ivresse, daß es auch Kraft benötigt, um die anstrengende Partie durchzuhalten. Hellers Stimme büßte ein wenig an Schmelz ein, das schmälerte aber nicht seine Leistung und er bekam ebenfalls viel Zustimmung vom Premierenpublikum. Die souveräne Ina Schlingensiepen macht als Berta die größte Wandlung durch: sie begann im 1. Akt voller Vorfreude mit Mon coeur s’élance et palpite, im Duett mit Fidès im 4. Akt Pour garder à ton fils le serment und dann im Trio des 5. Akts bekommt ihre Rolleninterpretation dramatische Fülle - viele Brava-Rufe waren ihr Lohn von Publikum. Mit dem Bariton Armin Kolarczyk hat man für Obertahl eine Luxusbesetzung, Avtandil Kaspeli hat mit schöner und kraftvoller Bassstimme im gekürzten Couplet des Zacharias im 3. Akt Aussi nombreux que les étoiles leider nur eine Strophe zu singen. Im Trio Bouffe (Oberthal, Zacharias, Jonas) im 3. Akt Sous votre bannière que faudra-t-il faire? trumpft Matthias Wohlbrecht als Jonas auf. Der von Ulrich Wagner wie gewohnt sehr gut vorbereitete große Chor, Extra-Chor und Kinderchor begeisterte das Publikum in den so ganz unterschiedlichen Anforderungen stellenden Szenen stimmlich wie auch spielerisch. Johannes Willig am Dirigentenpult der Badischen Staatskapelle reizt die Klangpracht und instrumentale Vielfalt der Partitur hervorragend aus, ohne die Sänger zuzudecken: musikalische Knalleffekte und aufputschende Märsche, liturgisch anmutende, düstere Momente und einprägsame Melodien, Dramaturg Kehrmann schreibt: "Meyerbeers Eigenart besteht darin, daß er den deutschen Orchestersatz mit dem Vokalfeuerwerk Rossinis, der musikalischen Diktion sowie den Effektmusiken der französischen Tradition sowie den Marschopern und dem Pathos Spontinis verbindet". Die Musiker tragen einen wesentlichen Anteil zum hochklassigen Eindruck der Premiere bei. Ein kleiner Technikfehler ließ dann auch kurzzeitig den Puls ansteigen - die Orgel im vierten Akt war kurzfristig kaum hörbar, Willig ließ Wolak den Einsatz wiederholen als die Musik dann doch ertönte.
           
Was ist zu sehen (1)?
Regisseur Tobias Kratzer hat seine Inszenierung vom Opernschluß her konzipiert und modernisiert: wenn Jan van Leyden am Ende alles in die Luft sprengt, dann wird er zum Selbstmordattentäter heutiger Prägung mit Sprengstoffgürtel - daraus ergeben sich fast alle Einfälle (einige werden es lieber Klischees nennen) zwangsläufig - ob Gewalt gegen ein Polizeiauto, eine Vergewaltigung, soziale Medien zur Propaganda, Charlie Hebdo, die als Waterboarding bekannte Foltermethode des simulierten Ertränkens oder Möchtegern-Gangster als Break Dancer mit übergroßer Gestik oder sexuellem Mißbrauchs eines Jungen aus dem Kinderchor durch zwei Wiedertäufer und einigem mehr - die Regie läßt kaum etwas aus. Der Karlsruher Prophet spielt in Frankreich im hier und heute. Ein zweistöckiges Bühnenbild dominiert die Bühne  von Rainer Sellmaier, eine "urbane Skulptur" - verrottender, sozialer Wohnungsbau der 1970er Jahre mit dem Reiz von Legebatterien: eng, funktional,  ein "heruntergekommener Bau, Ausdruck der sozialen Utopien von ehemals." Die Drehbühne bietet vier Ansichten. Einen Platz mit Basketballkorb und großer Treppe für die Massenszenen,  zwei fensterlose Längswände sowie einen Innenhausansicht (Wohnung und Bar von Jan und Fidès) über einer Tiefgarageneinfahrt und einem Lagerraum. Für Regisseur Tobias Kratzer ist Le Prophète ein aktuelles Stück, das er in ein zeitgenössisches Umfeld versetzt: Vorbild ist ein französisches Vorstadt-Ghetto, das Banlieue als sozialem Brennpunkt der überwiegend ethnischen Milieus: "Alkohol und Pseudoreligionen sind zum Ersatz für die erloschenen Utopien von gestern geworden", es "herrschen hier Sinnleere und das Faustrecht der Straße". Die Massen (Chor und Statisten) heben in dieser Inszenierung den Unterschied zwischen Prolet und Proletarier auf. Jan und Fidès betreiben eine kleine Bar, Bertas Kleidung verrät, daß sie kein Geld hat und sich Geschmack nicht leisten kann. Oberthal als Repräsentant der Staatsmacht ist das Stereotyp eines sadistischen Polizisten aus einer beliebigen US-Krimiserie, er vergewaltigt Berta im ersten Akt. Das bibelverteilende Wiedertäufer-Trio erinnert an urbane US-Missionare: ein kurzärmliges, weißes Hemd, Krawatte, dunkle Anzugshose und Legionärssandalen, sie verbreiten die frohe Botschaft der Existenz des Propheten über soziale Medien. Jans neues Arbeitskostüm wird ein weißes Gewand und eine Dornenkrone, zuvor geben ihm die Wiedertäufer eine Lederpeitsche zur blutigen Selbstkasteiung - es wird hier eine Sekte mit klar christlicher Symbolik gekennzeichnet. Es wurden laut Regisseur "bewusst einfache Motive gewählt, um zu zeigen, mit wie platten Bildern Verführung funktioniert". Die Ballettszene des 3. Akts gewinnt einen neuen Charakter und hat verschiedene Bestandteile: Diebesgut aus Plünderungen wird verteilt, Tänzer zeigen eine amüsante und vielbeklatschte ca. siebenminütige Breakdance-Choreographie, sehen sich dann ein nicht unblutiges Propagandavideo der Wiedertäufer an bevor sie selber einen gefangenen Polizisten foltern. Inszenatorischer Höhepunkt ist das Ende des dritten Akts, wenn der Prophet die verärgerten Massen zurück auf seine Seite bringt. Dies geschieht nicht persönlich, sondern über eine TV-Übertragung, bei der er vor einer Blue-Box steht und der Hintergrund projiziert wird. Kratzer entlarvt dabei ganz nebenbei die Lächerlichkeit pathetischer Sendeauftritte. Auch die Krönungsszene im vierten Akt wird nicht gezeigt, sondern läuft im Hintergrund, bei Fidès Vorwürfen ist die Kamera stets dabei und treibt den Propheten in die Enge, bzw. in diesem Fall flüchtet er in eine Stretch-Limousine bevor er zurück findet und die Situation vorübergehend rettet. Im 5. Akt kulminiert die Gewalt: der Prophet erschießt zwei Wachen, Berta sich selber und Jan und Fidès flüchten vor der Polizei in einen Club, wo der Sprengstoffgürtel gezündet wird.

Was ist zu sehen (2)
Ein Gespenst geht um in dieser auf Aktualität und Zeitgenossenschaft getrimmten Inszenierung. Tobias Kratzer sagt zwar: "Es geht um die Verführbarkeit der Masse und Radikalisierung.", aber er identifiziert nicht die Zielgruppe der Radikalisierung oder Fanatisierung. Das Banlieue bleibt Maske und das ungenannt bleibende Gespenst ist das einer Religionspraxis, in die man seine Wut projizieren kann, einer Religiosität, die sich radikalisieren läßt und einer Religion, die dem Geltungsbedürfnis der Zukurzgekommenen ein Ventil bietet, die weltliche Machtansprüche hat, die missionieren und erobern will, in deren Namen Geiseln genommen und Lösegeld erpresst wird, das Gespenst einer Religion, deren Gesellschaften kollektiv gescheitert sind und in deren Namen Selbstmordattentate ausgeführt werden.  Wenn am Ende von Meyerbeers Oper der Prophet alle mit Sprengstoff in den Tod reißt, weiß jeder, daß aktuell nur eine einzige Religion demgemäß handelt und Andersgläubige bedroht - und das ist keine christliche Sekte. Nur das Inszenierungsteam traut sich nicht, diese Aktualität aufzunehmen, sondern überbetont christliche Symbolik statt eine überkonfessionelle Sekte zu entwerfen. Regisseur Tobias Kratzer hat eine klare Meinung zu Meyerbeers Oper: "Ich halte es für das böseste und schwärzeste religionskritische Stück, das es gibt. Die meisten so genannten religionskritischen Stücke hängen sich an den bigotten Moralvorstellungen einer existierenden Religion auf, glauben aber dennoch, daß man zu einem wahren Kern religiöser Humanität vorstoßen könne, wenn man zum Beispiel Christus von seinen Falschverstehern befreien würde. Der Prophet geht einen Schritt weiter, weil er die Irrationalität jeder Religion in den Fokus rückt. Hier gibt es keinen Hoffnungsschimmer einer wahren oder humanen Religion mehr. Religion ist nur noch Vorwand für Massenekstase, Machtspielchen und politische Einflußnahme." Kratzer verpflanzt ein Thema ins Mitteleuropa von heute, identifiziert aber nicht die anfällige Zielgruppe für manipulierende Sekten, sondern zeigt unabsichtlich, wie fremd Europa religiöse Gewalt und Fanatismus geworden ist. Die im Wiedertäufer-Choral „Ad nos, ad salutarem undam, iterum venite, miseri! – Zu uns, zur heilenden Welle, kehrt wieder zurück, Ihr Elenden“ aufgerufenen Elenden haben heute keine europäische Identität, sondern entspringen anderen Kulturkreisen, deren Integration mißlang. Kratzers Verlegung ins französische Banlieue ist folgerichtig, kein anderes Land hat ein größeres Problem mit seinen Zuwanderern, die Kandidatin des Front National hat gute Aussichten im Rennen um die nächste französische Präsidentschaft - doch bleibt die Bühnenaussage zu reißerisch. Das ist auch hier das Problem: der Drang, ständig bekannte Bilder und Muster zu reproduzieren, um Aktualität zu erzeugen, hat etwas Einseitiges und Abgedroschenes und zu viel Absichtlichkeit: wo lassen sich heute noch Europäer durch einen charismatischen religiösen Führer fanatisieren? Die Aktualität des Propheten ist nicht europäisch. Nur die medialen Aspekte der Manipulation haben eine welterschließende Kraft.

Fazit: Inszenatorisch spannend, musikalisch und sängerisch aufregend und teilweise elektrisierend mit einer grandiosen Ewa Wolak. So begrüßenswert es ist, wenn eine Regie nicht nur Szenen arrangiert, sondern Gedanken inszeniert, so diskutabel sind die gewählten Symbole und Bilder, die manchen im Inszenierungsverlauf vielleicht zu reißerisch und stereotyp erscheinen. Trotzdem: eine große und lohnenswerte Produktion, die mal wieder zeigt, daß Oper alles kann und alles in sich zu integrieren vermag. BRAVO!

PS(1): Wer geht in die B-Premiere?
Ich verpasse sie aus beruflichen Gründen und würde mich über einen kurzen Kommentar zu der alternativen Sängerbesetzung freuen!

PS(2): Es gilt an dieser Stelle noch mal Joscha Schaback und Bernd Feuchtner zu loben und den Blick auf das zu werfen, was dem früheren Duo als Operndirektor und Dramaturgen gelang, nämlich eine mutige Programmzustellung in teilweise bemerkenswerter Umsetzung: ob Berlioz' Trojaner, Tüürs Wallenberg, Weinbergs Passagierin, Adams Dr. Atomic, Brittens Peter Grimes, Delius' Romeo und Julia auf dem Dorfe oder die drei Wagner Opern Tannhäuser, Meistersinger und Parsifal, auch Spontinis Vestale (die leider in etwas zu schwacher Umsetzung geschah) oder nun Meyerbeers Prophet. Vieles Lohnenswertes, viele hochspannende Regiearbeiten und mit Benjamin Lazars Riccardo Primo Inszenierung ein überragender Erfolg.

Team und Besetzung:
Jan von Leiden: Marc Heller
Fidès, seine Mutter: Ewa Wolak
Berthe, seine Verlobte: Ina Schlingensiepen
Zacharias: Avtandil Kaspeli
Jonas: Matthias Wohlbrecht
Mathisen: Lucia Lucas
Graf Oberhtal: Armin Kolarczyk
Ein Wiedertäufer / Offizier: Mehmet Altiparmak

Musikalische Leitung: Johannes Willig
Regie: Tobias Kratzer
Bühne & Kostüme: Rainer Sellmaier
Video: Manuel Braun
Chorleitung: Ulrich Wagner
Einstudierung Kinderchor: Anette Schneider

7 Kommentare:

  1. Sehr geehrter Honigsammler! Vielen Dank für Ihren aufmerksamen und freundlichen Kommentar. Darf ich anmerken, dass die Romanze „Un jour dans les flots de la Meuse“ im 1. Akt bei uns nicht ganz entfällt? Wir haben nur die 1. Strophe gestrichen. Die zweite ist melodisch identisch (abgesehen von den Verzierungen), hat aber natürlich anderen Text.
    Auch beim Ballett sind wir meines Wissens die Ersten, die alle vier Tänze (von denen nur eine die berühmte Schluttschuhläufer-Quadrille ist) plus Choreinleitung bringen. Das hat ist laut der historischen Theaterzettel, auf denen sämtliche Tänze separat aufgeführt werden, in Karlsruhe auch im 19. Jahrhundert nie gegeben. Allerdings mussten wir auch hier leider die Symmetrie-Achsen zerschlagen. Ich glaube allerdings, dass nur ein verschwindender Bruchteil des Publikums bei einer musikalischen Konstruktion, die über fast 30 Minuten geht und aus ca. 25 Bausteinen zusammengesetzt ist, den Überblick behalten und diese Symmetrien wirklich erkannt hätte. Es gibt Musik, die ist zum Hören und zum Lesen da. Und diese Ballettmusik kann man wirklich wie eine komplizierte mathematische Gleichung lesen, die auch nicht jedermann verständlich ist. Diesen Vorwurf hat übrigens Schumann Meyerbeer gemacht: Er hätte mathematisch ertüftelte, nicht „erfühlte“ Musik geschrieben. Es ist derselbe Vorwurf, den man später der Schönberg-Schule und den Serialisten machte.
    Was die Tiefe der Figuren im Propheten angeht, sind Verdi und ich anderer Meinung. Ich müsste das im Grunde an jeder eigenen Nummer begründen und das würde hier zu weit führen. Auch müsste vorher geklärt werden, welche „Tiefe“ man meint. Es gibt unterschiedliche. Aber die Pastorale im 5. Akt, das Trinklied, die erzwungene Lustigkeit, die der verzweifelte Jean sich am Schluss abringt, der beispiellose Facettenreichtum der Trias im 1. Bild des 5. Akts usw. sind für mich Vertiefungen der Figuren, wie ich sie aus keiner anderen Oper kenne. Oder die geniale Staffelung der Emotionen und Strategien im Finale des 3. Akts. Das sind alles Nummern, die auch sie erwähnen. Ich glaube, wenn man diese Melodien so oft hört, wie Verdi, Puccini oder Wagner und verinnerlicht, dann spürt man auch ihre Tiefe. Im Moment klingen sie wahrscheinlich noch zu neu und fremd und man kann sich Ihnen noch nicht so hingeben wie bekannter Musik.
    Ihre Kritik daran, dass die Inszenierung genau jene Kritik reproduziert, die das Stück artikuliert, verstehe ich nicht. Hätten wir lauter Moslems „Ad nos, ad salutarem undam“ singen lassen, dann wäre das eine witzige Brechung gewesen, weil diese ständig wiederkehrende Musik für jeden im Saal eindeutig als christlich zu identifizieren gewesen wäre.
    Bedauern Sie, dass wir das Stück nicht dekonstruiert und als Material für aktuell Assoziationen benutzt haben?
    Herzliche Grüße
    Ihr Boris Kehrmann

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  2. Vielen Dank Herr Kehrmann für Ihren Kommentar und Glückwunsch zur grandiosen Premiere!

    Die Tiefe einer Figur verbinde ich mit dem Interesse an ihrer Situation, die Möglichkeit zur Anteilnahme, die Nachempfindbarkeit eines Konflikts, wie Sie es nennen die "Verinnerlichung" - in manchen Opern geschieht das unmittelbar, bei anderen oft erst durch den Zustand der Vertrautheit durch mehrfaches Anhören. Meyerbeers Propheten habe ich zum ersten Mal live erlebt - sie hatten durch die Vorbereitung und Probenarbeit die Möglichkeit, weiter in die Oper vorzudringen. Vielleicht gelingt es mir auch noch, 2-3 mal werde ich mir noch Karten besorgen können. Nach der Premiere war es nur der 5. Akt, der mich für den Konflikt begeisterte.

    Der Ansatz von Regisseur Kratzer, daß der Prophet Religionskritik ist, leuchtete mir schon vorab beim Einlesen unmittelbar ein. Allerdings hätte ich es nicht konkretisiert sehen wollen. Klar, daß Christentum ist wehrlos, dessen Symbole lassen sich problemlos für jeden Mißbrauch instrumentalisieren, niemand hat was dagegen; beim Islam braucht man schon mehr Mut. Mir wäre eine überkonfessionell symbolisierte Sekte lieber gewesen. Weder Moslems noch Jesus-Imitat erscheinen mir angemessen - ich hätte die Monotheismen fusioniert zu einer neuen Bewegung mit vordergründig sozialem Engagement.

    Übrigens will ich mich noch mal wiederholen: Ihr Programmheft ist hervorragend informativ und anregend - dafür noch mal ein herzliches Danke!

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  3. Hallo,
    ich oute mich gleich zu Beginn, ich bin kein Opernkenner, beginne aber gerade mich damit auseinanderzusetzen.
    Ich komme aus dem visuellen Bereich.
    Mich hat von Beginn an das Bühnebild sehr irritiert.
    Angedacht war eine Szenenbild aus einem französischen Vorstadt-Ghetto.
    Gesehen haben meine Augen ein Schlafzimmer mit einen akkoraten stylischen Retro-Vorhang in den Trendfarben Petrol/Türkis. Zugegeben war das farblich abgestimmte Kleid von Fidés ein optischer Höhepunkt im Detail, wenn auch hier fehl am Platz.
    2 Einzelbetten mit sauberer weißer Bettwäsche, ein neues Nachttischchen aus dem Möbelmarkt, gekrönt mit einer roten Tischlampe aus bekannten Design Versandkatalogen, sicherlich nicht zum Schnäppchenpreis.
    Ein wohl angedachtes Cafe oder Bistro, welches für mich eher aussah als ein Touristen-Cafe auf der Rue Abbesses. Dekoriert mit Werbeschildern Kronenbourg und Pernod. Optisch auf den ersten Blick einen American Diner in stylischen Rottönen. Alles sauber und geleckt.
    „Hier kostet der Cafe au lait sicherlich 7,50€“.
    Da kommt in mir die Frage auf, der Bühnebildner muß sicherlich in anderen Ebenen schweben, da es wohl nicht gereicht hat sich die „Banlieu“ vorzustellen, wahrscheinlich war er nie dort, bzw hat sein Champagner eher gepfelgt im 7. Arrondissement getrunken. Nur zu bemerkenswert daß dies keinem anderen Beteiligtem auffiel.
    Für mich waren dies in der Masse einfach zuviele Fehler oder pures Unvermögen.

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    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar: Sie haben recht: Bühne und Kostüme hätten eindeutiger sein können: verwahrlost, Graffiti-beschmiert, der Basketballkorb verwittert. Alte Holzstühle in der Bar statt Stahlgestell mit Polster. Der Vorhang zeigte Enge, für mich war die Farbe übrigens nicht 'très chic'. Tatsächlich hätte man noch etwas dazugewonnen, wenn man (noch) mehr in die Bühne investiert hätte. Aber Budget und Ressourcen sind zeitlich und finanziell begrenzt, man macht das Beste aus dem, was man findet. Sie kennen doch bestimmt den Theatergaul vor dem Staatstheater als Metapher für die ständige Improvisation. Und wenn Sie das Polizeiauto, den umgekippten Wagen und die Stretchlimousine berücksichtigen, dazu den Komplettaufwand für diese Produktion, dann ist es gar nicht ungewöhnlich, daß nicht alle Details stimmen. Bühne und Kostüme für ca 100 Personen sind aufwändig, das Banlieue ist leider nur angedeutet.

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    2. Das ist aber keine Frage des Budgets......im Gegenteil.....!

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    3. Na, ich bin mir nicht sicher: Zeit gehört auch zum Budget: Zeit, die verwendet wird, um die richtigen Dinge zu finden oder Zeit, die verwendet wird, um Dinge künstlich zu altern. Aber was wie gedacht war und was wie dann letztendlich geworden ist, bleibt im Rahmen dieser Seiten spekulativ.

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  4. Vielen Dank für die Infos zur offensichtlich guten B-Premiere + andere Infos ;-)
    Zusammengefasst lohnt der Vergleich und ein zweiter Besuch sowieso! Lanza ist sehr gut, doch kein dramatischer Alt. Wolak hat die Meßlatte aber auch sehr hoch gelegt. Fenton macht es mit einigen Durchhängern sehr gut. Tomaszewska ist sehr gut als Berthe. Die drei Weidertäufer waren sehr unterschiedlich (gut vor allem Knight und Meszar). Auch die alternative Hauptbesetzung lohnt, es scheint eine persönliche Entscheidung und Tagesform-abhängig, wer lieber singen soll.

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