Montag, 29. Mai 2023

Jazz (Ballett), 28.05.2023

Zwischen einstudierten Improvisationen und Let's dance
Als Musikrichtung steht Jazz für Improvisation, ein durch Könnerschaft ermöglichtes Variieren auf Basis eines bestehenden Fundaments. Doch wenn Tänzer eine eingeübte Choreographie aufführen, wird das gemeinsame Improvisieren schwierig. Die beiden gestern erstmals gezeigten neuen Choreographien des Badischen Staatsballetts, die von einer sechsköpfigen Live-Band begleitet werden, erhielten von einem lauten Teil des  Premierenpublikums begeisterten Applaus. Doch der Funke sprang nur bedingt über, von einer mustergültigen Umsetzung von Jazz war man choreographisch und szenisch weiter entfernt als erwartet.

Samstag, 27. Mai 2023

Mann - Mephisto, 26.05.2023

Von Mitläuferinnen und Mittäterinnen
Mephisto ist ein Roman, dessen Geschichte spannender ist als seine Handlung und dessen Thema oft mißverstanden wird: Mephisto ist vor allem ein Roman über Gustav Gründgens (*1899 1963). Autor Klaus Mann (*1906 1949), der nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 ins Exil ging, verbarg nicht den Haß, den er auf den in Berlin bleibenden Gründgens (seinen ehemaligen Kollegen, Freund und Schwager, der 1926-1929 mit Erika Mann verheiratet war) verspürte. Der Konflikt von Kunst und Macht wird anhand Gründgens Karriere vor und im Nationalsozialismus aufgezeigt.

Das Programmheft zu Mephisto gibt mit einem Zitat von Arthur Schopenhauer vor, was auch für Führungspersonal am Theater gilt: "Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir widerspruchslos hinnehmen." Und das gilt gerade für das eigene nächste Umfeld und nicht für Probleme jenseits der eigenen Einflußsphäre, wo man lediglich symbolisch protestiert, um seinen Narzissmus in Szene zu setzen! Aus Sicht des Karlsruher Staatstheaters ist Mephisto hinsichtlich des Schuldigwerdens durch Schweigen und Mitwirken besonders interessant. Immerhin hatte man einen 2020 erfolgreich geschassten  Generalintendanten, der über beste Kontakt zur zuständigen Ministerin verfügte, am Badischen Staatstheater eine toxische Arbeitsatmosphäre geschaffen und "viele Menschen mit seinem Kontrollzwang und cholerischen Verhalten sehr verletzt" hatte, wie Schauspieldirektorin Anna Bergmann erklärte (hier der Link zum Artikel im VAN Magazin von 2020). Wie laut Bergmann über die Verhältnisse schwieg, konnte man nach der Rebellion der Operndramaturgen gegen den Intendanten bemerken, denn erst dann traute sie sich, die Dinge beim Namen zu benennen. Sie räumte "neofeudale Machtstrukturen im Theater" ein: "Diese Strukturen sitzen uns allen so tief in den Knochen, daß man auch selbst nicht davor gefeit ist, diese zu reproduzieren – egal ob man ein Mann oder eine Frau ist. .... Ich kann mich da nur in aller Form entschuldigen, wenn ich mich mal im Ton vergriffen oder zu starken Druck ausgeübt habe, weil ich zu sehr wollte, daß alles funktioniert." Bergmann hatte schweigend in einem repressiven Umfeld ihre eigene Mephisto-Erfahrung und macht 2024 Platz für einen unbelasteten Neuanfang im Karlsruher Schauspiel.
Schwerwiegend scheint auch der Fall der Künstlerischen Betriebsdirektorin Uta-Christine Deppermann, die für Außenstehende unverständlich über 2024 hinaus am Badischen Staatstheater im Amt bleibt.  Die 2020 zur Entlassung des Intendanten führende Eskalation begann mit der Beschwerde der damaligen Chefdramaturgin, die sich Rat suchend an die Karlsruher Kulturamtsleiterin wendete und verraten wurde. Als der Intendant von der Kritik an seinem Führungsstil erfuhr, ließ er ein Exempel statuieren. Der damalige Operndramaturg Patric Seibert beschrieb im VAN wie folgt die Vorkommnisse: "»Das war seelische Gewalt der besten Sorte ..... Das war einer meiner schlimmsten Tage im Haus.« Auf einem anschließenden Treffen der Spartenindanten sei die Künstlerische Betriebsdirektorin Uta-Christine Deppermann [der Chefdramaturgin] gegenüber »ausgerastet«. Für Patric Seibert, der daran ebenfalls teilnahm, war es »eine Art Tribunal«. »Sie musste sich erklären, warum sie das getan habe, daß es ein theaterschädliches Verhalten gewesen sei … «". Es gibt keinen Hinweis auf eine Gegendarstellung Deppermanns zu diesem Vorkommnis auf der obigen Webseite. Das Verhalten der Betriebsdirektorin scheint aber keine Konsequenzen gehabt zu haben. Und auch der Geschäftsführende Direktor Johannes Graf-Hauber fiel öffentlich nicht durch Zivilcourage auf. Beide bleiben trotz Intendanzwechsel im Amt. Beide reihen sich in die lange Liste des Problempersonals am Badische Staatstheater ein. Beide fielen unangenehm dabei auf, wie sie das Theater instrumentalisierten, um ihre ideologische Selbstdarstellung und private Meinungen über die sozialen Kanäle des Theaters zu verbreiten. Beide haben zwar keine Außenwirkung, doch als Bürokraten in Führungsebene liegt der Verdacht der Kollaboration nahe. Der Intendant trägt nun nur noch Verantwortung für die künstlerische Seite des Staatstheaters, intern -da wo man vom "Reformprozeß" des Theaters spricht- haben Deppermann und Graf-Hauber das Sagen. Und man hört immer noch von Ärger und Prozessen vor dem Arbeitsgericht. Beide verhindern einen unbefleckten Neustart, beide sollten nur als Interimslösung geduldet werden und bald gehen. 

Gestern nun also die Premiere. Erneut arbeitet man einen Roman in ein Bühnenstück um, und das gelingt diesmal bemerkenswert überzeugend und stimmig! Schauspieldirektorin Anna Bergmann, sonst stets bemüht, eine weibliche Perspektive einzunehmen, verweigert sich einer Modernisierung der Vorkommnisse. Im Zentrum steht keine Hendrike Höfgen, sondern der historische Gustav Gründgens als Hendrik. Klaus Mann als Theaterfigur tritt in der Bühnenfassung seines Romans auf - man inszeniert historischen Zeitkolorit ohne Anklänge an das eigene Fehlverhalten. Doch der Premierenabend war spannend, abwechslungsreich und nah am Roman! Lange Jahre leidete man am Karlsruher Schauspiel unter Mangelerscheinungen, ein Skorbut durch Fehlen von ausreichend guter Ideen. Diese Spielzeit ist, was die Premieren im Kleinen Haus angeht, die beste Saison seit langer Zeit. 

Dienstag, 23. Mai 2023

7. Symphoniekonzert, 22.05.2023

Teilweise nur selten zu hörende russische, exilrussische und sowjetische Musik aus dem ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts stand auf dem Programm des stark applaudierten 7. Symphoniekonzerts.

Sonntag, 14. Mai 2023

Dvořák - Rusalka, 13.05.2023

Es ist gar nicht so lange her, daß es am Badischen Staatstheater eine Rusalka zu hören gab. In der Spielzeit 2007/08  war es eine Übernahme einer Produktion aus dem Nationaltheater Ostrava, die die Oper sehr schlicht illustrierte und  die in Karlsruhe musikalisch und sängerisch nicht optimal besetzt werden konnte. Die neue Rusalka überragt die damalige Inszenierung in jeder Hinsicht und nach dem spannenden Wozzeck gelingt der Karlsruher Oper eine weitere hörens- und sehenswerte Umsetzung, der man viel Publikum wünscht!

Montag, 8. Mai 2023

Zur Abschiedssaison in der Oper

Das Ende von Vielfalt und Leistungsfähigkeit
Die Karlsruher Oper hat seit 2011 skandalös gelitten. Das Abschiedsjahr ist immer auch noch mal ein Beweis der eigenen Leistungsfähigkeit, und wer wissen will, was die Intendanz der Jahre 2011-2021 der Karlsruher Oper angetan hat, der muß nur einen Blick auf die einstige Programmvielfalt werfen. Hier eine Übersicht von drei letzten Spielzeiten und ihres Programmangebots:


Man muß sich in der Direktion des Badischen Staatstheaters fragen lassen, wie man dort die zig Millionen Euro verwendet hat, die man für die Programmgestaltung vom Steuerzahler bekommt?!? Wie konnte die größte, teuerste und publikumswirksamste Sparte so schrumpfen? Wo ist das Geld hin verschwunden, daß der Oper nicht mehr zur Verfügung stand? Welche Personen tragen Verantwortung für diese Mißwirtschaft?

Und auch das Fazit der 2024 scheidenden Operndirektorin Nicole Braunger kann bitterer wohl kaum werden: 

Freitag, 5. Mai 2023

Vorschau auf die Spielzeit 2023/2024

Das Jahr der lahmen Enten
Ein wenig scheint es ja, als ob man am Badischen Staatstheater Angst vor seinem Publikum hat. Abonnenten müssen bis Ende Mai für die kommende Spielzeit kündigen, eine Monat Bedenkzeit oder mehr hatte man früher. Nun zögert man es heraus, die kommende Spielzeit bekannt zu geben, als ob weniger Frist die Enttäuschten und Unentschlossenen eher vom Abwägen abhalten. Eine sehr langweilige Spielzeit nähert sich dem Ende, das letzte Jahr der Übergangsintendanz steht bevor, 2024 wird mit dem neuen Intendanten ein echter Neustart erhofft, der das Badische Staatstheater aus dem grauen Tal des Mittelmaßes führen soll. Die Luft ist raus, und viele werden für die kommende Spielzeit erhofft haben, daß nichts mehr unter Wert auf die Bühne kommt, an was man lieber Ansprüche stellen will und Oper und Schauspiel keine Lieblingsstücke verbrennen, auf die man dann wieder Jahre warten muß. Jahrzehntelang freute sich der Autor dieses Tagebuchs auf die Ankündigung der kommenden Saison und verband damit die Vorfreude auf spannende Produktionen. Dieser Anspruch wurde stetig gesenkt, inzwischen meiden viele frühere regelmäßige Besucher das Badische Staatstheater und warten lieber ab, welche Produktion nicht enttäuschen könnten. Die wahren Enthusiasten unter den Zuschauern sind auch in der gefühlten 2. Liga treu geblieben, aber die Erwartungshaltung, es werde schon nicht noch trüber werden, hat den Blick in die falsche Richtung gewendet. Die Anspruchshaltung ist bei vielen im Keller, und da gehört sie nicht hin. Nun denn, in einem Jahr freut man sich auf 2024/25, bis dahin wird man sich mit folgenden Produktionen begnügen müssen:

Dienstag, 25. April 2023

6. Symphoniekonzert, 24.04.2023

Mit einem gänzlich Richard Strauss gewidmeten Konzert und gleich zwei der neun symphonischen Dichtungen des Komponisten erlebte man gestern nicht nur auf dem Papier den Höhepunkt der Konzertsaison. 

Montag, 17. April 2023

Breiner - Maria Stuart (Ballett), 16.04.2023

Mit drei Jahren pandemiebedingter Verspätung präsentiert Ballettdirektorin Bridget Breiner ihr ambitioniertes Großprojekt mit Staatsballett, Staatskapelle und Staatsopernchor, das ursprünglich 2020 ihr erstes großes Handlungsballett in Karlsruhe werden sollte. Und der Erfolg war ihr beim ballettfreundlichen Karlsruher Publikum sicher, und zu recht, wenn auch mit Abstrichen. Maria Stuart ist als Produktion ein gewolltes Spektakel, aber unspektakulär als Ballett. Bis zu 90 kostümierte Tänzer und Sänger sind auf der Bühne, musikalisch und szenisch wurde viel Aufwand betrieben, das Ballett erreicht allerdings nicht die mitreißende Dichte und Spannung, die fasziniert und vereinnahmt.  Doch trotz mancher dramaturgischer Schwächen ist Maria Stuart ein kurzweiliges Erlebnis, das viele Zuschauer anlocken sollte.

Donnerstag, 6. April 2023

Festspielhaus Baden-Baden, Strauss: Die Frau ohne Schatten, 05.04.2023

Halbgar mißlungen
Der Verfasser dieser Zeilen hat in mehr als drei Jahrzehnten hunderte Opern-Inszenierungen gesehen und diese Baden-Badener Frau ohne Schatten wird zweifellos zeitlebens in der Spitzengruppe der inszenatorisch verhunztesten und enttäuschendsten Opernproduktion verharren. Es ist müßig darüber zu spekulieren, warum sich die Regie dieser Oper verweigert hat und stattdessen etwas erzählt, was zur Handlung in einem Mißverhältnis steht. Das Wesen der Frau ohne Schatten ist eine Prüfungs- und Läuterungsgeschichte, das heroisch-seelenhafte, das Die Frau ohne Schatten in eine Reihe mit der Zauberflöte und Fidelio stellt, ist ihr Zentrum. Dem Erhabenen stellt die Regie allerdings Elend entgegen, das Pathos wird veralbert, das Mysterium bleibt beziehungslos, der komplizierten Symbolik werden noch zusätzliche Metaphern hinzugefügt und kaum jemand wird dem Geschehen überhaupt folgen können - das Publikum bleibt ratlos zurück. Im Schlußbild stehen die Sänger rechts und links am Rand, während auf der Bühne eine Figur, die von der Regie hinzuerfunden wurde, verzweifelt nach etwas sucht - mutmaßlich dem Sinn dieser kontraideellen Umsetzung.
Es gab eine Zeit, als im Festspielhaus CD-Mitschnitte produziert wurden. Falls man diese Frau ohne Schatten hätte aufnehmen wollen, hätte man auf einen opernaffineren Dirigenten setzen sollen und auch bei den Sängern war nicht alles außergewöhnlich, immerhin die Berliner Philharmoniker musizierten zwar nicht immer spannungsgeladen, aber stets grandios klangschön. 

Sonntag, 26. März 2023

Berg - Wozzeck, 25.03.2023

Ab zum Psychiater
Der 1925 uraufgeführte Wozzeck ist quasi Carmen im prekären Milieu, wobei der aus Eifersucht und Zurücksetzung tötende Mann oberflächlich betrachtet ein Opfer sein könnte, zermürbt durch den Zynismus seiner Umwelt. Die neue Karlsruher Inszenierung interpretiert die Handlung nicht aus einer sozialen bzw. gesellschaftlichen Perspektive, sondern als psychische Krankheitsgeschichte - dieser Wozzeck gehört in die geschlossene Psychiatrie. Der Regisseur nutzt dieses Konzept, um eine visuell ungewöhnliche und sehenswerte Produktion auf die Beine zu stellen, die mit surrealen Szenen in die imaginäre Zwangswelt ihrer Titelfigur abtaucht und für jede der 15 Szenen bemerkenswerte Bildwelten erschafft, deren Sinn man jedoch nicht zu stark hinterfragen sollte. Justin Brown und die Badische Staatskapelle musizieren unter Hochspannung und das homogene Sängerensemble kann auftrumpfen - eine spröde und sperrige Oper wurde gestern zu einem Erlebnis. Es gab zu recht viel Applaus und teilweise stehende Ovationen.

Dienstag, 7. März 2023

5. Symphoniekonzert, 06.03.2023

Von Ungarn ins Rheinland, das gestrige Konzert bot drei relativ kurze Stücke von Bartók, Liszt und Schumann mit zusammen gerade mal ca. 75 Minuten Spieldauer.

Montag, 27. Februar 2023

Händel - Ottone, 26.02.2023

Der gekürzte Ottone kam auch beim sonntäglichen Matinee-Publikum gut an. Die Inszenierung ist nicht aufdringlich, eine Hintergrundskunst, die Gesang und Musik den Vortritt läßt und die Affekte nicht szenisch überkommentiert oder übertreibt. Diese Zurückhaltung mag nicht jedem gefallen, aber das Inszenierungsteam liefert weder Anlaß zur irgendwelcher Form der Aufregung noch zur Langeweile. Und so genießt man eine solide in Szene gesetzte Oper, bei der man vielleicht noch gerne etwas mehr gehört hätte. 

Samstag, 18. Februar 2023

Händel - Ottone, 17.02.2023

Erfolgreicher Start in die 45. Händel Festspiele
Ottone gehörte zu Lebzeiten zu Händels erfolgreichsten Opern. Uraufgeführt vor 300 Jahren am 12.01.1723, erlebte er im folgenden Jahrzehnt vier Wiederaufnahmen und über 30 Vorstellungen in London, bei denen mehrfach das englische Königshaus zu Gast war, weiterhin Aufführungen in anderen Städten und 1734 spielte sogar die in der englischen Hauptstadt mit Händel konkurrierende Opera of the Nobility den Ottone mit Starkastrat Farinelli als Adelberto. Und auch in Karlsruhe ist Ottone nach den 25. Händel Festspielen 2002 bereits zum zweiten Mal im Programm:. Die gestrige Premiere war ein Erfolg: großartig musiziert, erstklassig gesungen und kurzweilig inszeniert. 

Donnerstag, 9. Februar 2023

Vorschau: Händel Festspiele 2024

Gute Wahl!
Nur noch fünf Opern Händels fehlen bei den Karlsruher Händel Festspielen: Floridante (UA 1721), Siroe (1728), Sosarme (1732), Atalanta (1736) und Faramondo (1738).  Man kann es also gerade noch schaffen, alle überlieferten Opern bis zum runden Geburtstag bei den 50. Händel Festspielen 2028 gespielt zu haben. Bei den Händel Festspielen 2024 wird Intendant Ulrich Peters persönlich Regie führen, für die Ausstattung kehrt Christian Floeren zurück nach Karlsruhe, Attilio Cremonesi dirigiert, und zwar Siroe, Re di Persia. Premiere: 16.02.2024.
Bei den diesjährigen Festspielen kann man bereits einen Vorgeschmack bekommen, Attilio Cremonesi dirigiert am 18.02.23 das Händel Gala-Konzert, in dem es Ausschnitte aus Siroe zu hören gibt.

Sonntag, 5. Februar 2023

Bizet - Carmen, 04.02.2023

Multiple Funkenlosigkeit
Die neue Karlsruher Carmen ist keine Inszenierung für Einsteiger oder Neulinge. Das im spanischen Andalusien spielende Eifersuchtsdrama zwischen der Zigeunerin Carmen und dem Basken Don José wird einigen Perspektivwechseln und Eingriffen unterzogen: es gibt kein spanisches Flair, weder Sonne noch Hitze, sondern nur Nacht. Die Handlung wurde umgedeutet, die Regie stellt Don José so sehr in den Mittelpunkt, daß die beiden weiblichen Rollen nicht nur Nebenfiguren werden, sondern in gewisser Weise verschmelzen, denn dramaturgisch orientiert man sich weniger am Libretto und dafür an der literarischen Vorlage, die nur Carmen kennt, aber nicht Micaëla, was zu mancher Ungereimtheit führt. Dazu hat man die Rezitative gestrichen und bringt von einem Schauspieler gelesene Erläuterungen zu Josés Gedanken als Tonkonserve zwischen einzelnen Szenen und teilweise während der Musik zu Gehör. Vieles ist diskutabel und wirkt ziemlich weit hergeholt, aber man kann der Inszenierung zugute halten, daß sie konsequent und intelligent erdacht ist. Manche Stimmungsbilder lassen erahnen, daß diese Carmen einiges an Potenzial hätte haben können. Doch knapp vorbei ist auch daneben. Die neue Carmen ist zu sehr Kopfgeburt, die die Musik nicht fühlt, die die Leidenschaft nicht kennt, die kein Feuer spürt, und nicht nur die Inszenierung leidet, auch aus dem Orchestergraben tönt es seltsam farblos und wäre da nicht die bemerkenswert schöne Tenorstimme von Jenish Ysmanov als Don José, würde gar nichts in dieser Produktion Funken schlagen. Selten erlebt man eine so sterile Carmen, bei der das Publikum lange fremdelt.

Dienstag, 31. Januar 2023

4. Symphoniekonzert, 30.01.2023

Ein Reger-Sandwich mit Mozartfüllung, manche werden am liebsten von der Mitte genascht haben, doch auch die äußeren Bestandteile waren gestern bemerkenswert.

Samstag, 21. Januar 2023

Wie war denn die Carmen-Premiere?

Um mal aus dem Nähkästchen zu plaudern: umso mißratener eine Premiere, desto mehr Leser hat dieser Blog. Am Folgetag schnellt die Leserzahl stets nach oben, wenn es bis Mittag bereits eintausend Besucher gab, dann waren das nicht nur Neugierige, sondern viele Enttäuschte des Vorabends, die auch in den Tagen danach verstärkt schauen, ob und welche Kommentare es gab. Der fliegende Holländer erlebte innerhalb von 72 Stunden ca. 4000 Seitenaufrufe - die Statistik verrät die Pleite, Erfolge kommen im gleichen Zeitraum auf ca. 2500 Aufrufe. Der urlaubsbedingt abwesende Autor dieses Blogs kann also aus statistischer Betrachtung erahnen, wie die Premiere von Bizets Carmen am 21.01.23 beim Publikum ankam, dennoch freue ich mich über jeden Kommentar, da ich erst die dritte oder vierte Aufführung besuchen kann. Wie war denn die Carmen-Premiere? Erfolg, Unentschieden oder Pleite? Zum Hinhören, zum Wiedersehen oder erneut zum Wegsehen? 

Sonntag, 15. Januar 2023

Mac - Hir, 12.01.2023

Cross Dressing Clown_innen im Gendergedöns
oder 
Deutsche Klamauksoße über amerikanischem Sprachwitz
Schade! Endlich mal wieder eine spannende und vielversprechende deutsche Erstaufführung im Karlsruher Schauspiel, aber ihre Vielschichtigkeit wird nicht ausgereizt. Hätte man sich doch enger an den Text gehalten, mehr Mühe in die Lücken und vor allem mehr in die Übersetzung investiert - sie trifft oft nicht das Wort und die Inszenierung findet nicht den richtigen Ton. Was beim Lesen im englischen Original ein tragikomisches Vergnügen ist, bei der sich hinter zugespitzten Dialogen Abgründe eröffnen, wird in der Karlsruher Bühnenfassung durch Abänderungen und Ergänzungen des Textes an manchen Stellen zu einer Überkleisterung mit Klamauksoße. Etwas mehr Raffinesse und Subtilität hätten diesem Drama über ideologischen Realitätsverlust und Orientierungslosigkeit gut getan. Und auch die Schauspieler finden deshalb nicht den rundum überzeugenden Weg durch dieses Drama.

Mittwoch, 4. Januar 2023

Umbesetzung bei Händels Ottone

Multitalent Max E. Cencic hat seine Auftritte in der Titelrolle des Ottone bei den Händel Festspielen aufgrund eines Muskelfaserrisses abgesagt. Der ukrainische Countertenor Yuriy Mynenko, der ebenfalls bei Cencics Label Parnassus unter Vertrag steht, übernimmt. Chancen sind dazu da, ergriffen zu werden, Mynenko scheint die Rolle noch nie auf der Bühne gesungen zu haben und muß sie nun ggf. sehr kurzfristig einstudieren. Ottone hat neben Mynenko noch einen weiteren Countertenor zu bieten, der in Karlsruhe zum ersten Mal auftritt: der Italiener Raffaele Pe. Man darf auf beide Hausdebuts gespannt sein. 

Donnerstag, 15. Dezember 2022

Reza - Der Gott des Gemetzels, 14.12.2022

Wer erinnert sich an die letzte rasante Komödie?
Das Leichte ist bekanntlich das Schwere, und am Karlsruher Schauspiel fand sich über ein Jahrzehnt kein Schauspieldirektor, der sich traute, eine richtige Komödie zu stemmen. Auch Anna Bergmann weigerte sich vier Spielzeiten lang und erarbeitete sich lieber den eher moralinsauren Ruf, daß an einem deutschen Staatstheater nicht gelacht werden darf. Nun, in Bergmanns fünfter Spielzeit und zum ersten Mal seit Knut Webers Schauspieldirektion, ist es geschafft: mehrere Zuschauer lachten gleichzeitig, und das auch noch öfters! Und die vier Schauspieler dürfen auftrumpfen wie zu besten Zeiten!  Nach langen Jahren der Humorlosigkeit am Karlsruher Schauspiel ist diese Inszenierung ein entschiedener Fortschritt.

Sonntag, 11. Dezember 2022

Wagner - Der fliegende Holländer, 10.12.2022

Thema verfehlt
oder
Das Märtyrermärchen als Außenseitertragödchen
Richard Wagner gilt als der Erfinder der Schwertransporte, seine Opern schicken ganze Lastzüge in Richtung Erlösung. Doch was ist diese Erlösung? Wer sich ihrer annimmt, muß dem musikalischen Charakter des Schwertransports entsprechen oder es droht, am Läppischen zu scheitern. Letzteres geschah gestern. Wie bereits vor drei Wochen bei Giselle im Ballett weiß man mit dem Romantik-Element im Geschehen nichts anzufangen, ersetzt Transzendenz durch Immanenz und Geheimnis durch Lappalie. Das sich ergebende szenische Ergebnis ist ungewöhnlich reizlos und belanglos. Für eine banale Inszenierung ohne Triftigkeit erhielt die Regie verdientermaßen Ablehnung und Buh-Rufe, doch auch musikalisch und sängerisch war die gestrige Holländer-Premiere nicht zufriedenstellend.

Dienstag, 29. November 2022

Glückwunsch an Dr. Kehrmann

Wer aus dem Umfeld des Badischen Staatstheaters in die Verleihung des Deutschen Theaterpreises 2022 geschaut hat, der wird es mitten in der Sendung bemerkt haben. Da stand plötzlich der frühere Karlsruher Operndramaturg Dr. Boris Kehrmann auf der Bühne, auf der er zusammen mit Walter Sutcliffe, dem Intendanten der Oper Halle, den FAUST-Perspektivpreis für die Produktion der 1901 an der Semperoper Dresden uraufgeführten und dann in Deutschland über ein Jahrhundert in Vergessenheit geratenen Oper Manru des polnischen Komponisten, Klaviervirtuosen und Politikers Ignacy Jan Paderewski entgegennahm. Zu der Ausgrabung dieser Oper schrieb Dr. Kehrmann nicht nur ein sorgfältig recherchiertes Programmheft, sondern organisierte auch ein Rahmenprogramm und ein Symposion. Herzlichen Glückwunsch nach Halle!

Dienstag, 22. November 2022

3. Symphoniekonzert, 21.11.2022

Musik, die 1761, 1800 und 2004 uraufgeführt wurde, stand im Mittelpunkt des 3. Symphoniekonzerts, darunter zwei Frühwerke und drei eher seltener zu hörende Stücke.

Sonntag, 20. November 2022

Giselle (Ballett), 19.11.2022

Irgendwie Giselle
Mit dem Ballett Giselle und in drei Wochen dem Fliegenden Holländer in der Oper zeigt das Badische Staatstheater in diesem Winter kernromantisches Repertoire um Schuld, Tod und übersinnliche Phänomene. David Dawson choreographierte diese Giselle 2008 für das Ballett der Semperoper in Dresden, 2014 ließ Bridget Breiner als damalige Ballettdirektorin des Theater im Revier Dawsons Giselle in Gelsenkirchen einstudieren und tanzte auch noch selber die Titelfigur. Gestern war nun die Karlsruher Premiere, die mit viel Applaus für die Tänzer belohnt wurde, doch die Freude war getrübt. Die enttäuschende Produktion interpretiert die Handlung reduziert und abstrahiert jenseits der romantischen Schauergeschichte und wirkt zwar irgendwie wie Giselle, aber mit wenig dramatischer und atmosphärischer Überzeugungskraft.

Sonntag, 6. November 2022

Brecht - Das Leben des Galilei, 05.11.2022

Gelungene Fassadenkunst
Das Leben des Galilei wird Abiturthema und deshalb fand die Wissenschaftlerparabel ihren Weg ins Karlsruher Schauspielprogramm. Brechts Schullektürenklassiker handelt von der Verantwortung des Wissenschaftlers, von privater Opposition und öffentlicher Zurückhaltung in Zeiten der Unterdrückung, konkret erzählt am Beispiel des Galileo Galilei (*1564 1642), der 1633 als alter Mann mehrere Wochen in Haft kam, mehrfach verhört wurde und unter Androhung von Folter durch die Inquisition seine Forschungsergebnisse zur kopernikanischen Lehre widerrief. Die lebenslange Haft wandelte der Papst in Hausarrest um, dem Galilei bis an sein Lebensende unterlag. 
Die neue Inszenierung des Karlsruher Schauspiels hat die Zielgruppe fest im Blick, man versucht, den Anreiz, aufs Smartphone zu schauen, möglichst gering zu halten. Der Regisseur kümmert sich nicht um Brechts gediegene Rhetorik, seine geschliffenen Dialoge oder eine tiefere Bedeutung des Stücks. Er kürzt vielmehr den Text auf zwei pausenlose Stunden, reduziert Konflikte und lockert ihn stattdessen mit Klamauk und viel musikalischer Untermalung zu einen kurzweiligen Schaustück auf, das an eine Commedia dell' arte mit holzschnittartigen Charakteren erinnert. Was sonst oft schief geht, funktioniert hier gut: der Text wird zwar entkernt, gehaltvolle Konflikte ins Zweidimensionale reduziert oder ganz gestrichen und jegliche über sich hinausweisenden Zeitbezüge vermieden, die übrig gebliebene Fassade wird dabei allerdings unterhaltsam aufbereitet, die Premiere wurde durch die Spielfreude aller beteiligten Schauspieler zum Erfolg geführt.