Dienstag, 19. April 2016

Rückblick: Ambrogio Maestri und Thomas Brux

Thomas Brux war am Badischen Staatstheater von 2002 bis 2011 der Mann für die Stimmen. Als stellvertretender Operndirektor holte er bspw. Barbara Dobrzanska, Ina Schlingensiepen, Kirsten Blaise, Edith Haller, Sabina Willeit, Anna-Maria Dur und Lance Ryan, Bernhard Berchtold, Walter Donati, Matthias Wohlbrecht, Thomas J. Mayer, Armin Kolarczyk und Gäste wie José Cura, Ramon Vargas, Anja Harteros, Klaus Florian Vogt, Franz Grundheber, Bo Skovhus, Violetta Urmana, Franco Fagioli und Ambrogio Maestri nach Karlsruhe. Mit den beiden letzteren gelang Brux ein besonderes Kunststück: Fagioli und Maestri standen erst am Beginn ihrer Karrierre.

Ambrogio Maestri hatte 2001 seinen Durchbruch: er sang seinen ersten Falstaff an der Mailänder Scala unter Riccardo Muti. Thomas Brux engagierte ihn als Falstaff für die Saison 2002/2003 nach Karlsruhe, später sang er hier auch noch in Lucia di Lammermoor. In den folgenden Jahren ist Maestri zu DEM Falstaff unserer Zeit geworden, er soll ihn bisher über 250 mal in mehr als 25 Opernhäusern gesungen habe. 15 Jahre nach seinem Mailänder Debüt wird Maestri dieser Tage erneut Falstaff singen, erneut wird Riccardo Muti dirigieren, und zwar konzertant in Chicago. Ein passender nostalgischer Anlaß, um daran zu erinnern, was für eine gute Hand Thomas Brux bei den Hauptrollensängern in der Regel hatte und was für ein Glück das Karlsruher Publikum im letzten Jahrzehnt dadurch vergönnt war.

Dienstag, 12. April 2016

6. Symphoniekonzert, 11.04.2016

Die Trompete stand im Mittelpunkt des 6. Symphoniekonzerts und damit der langjährige Solotrompeter der Badischen Staatskapelle: der in Offenburg geborene Wolfram Lauel konnte gestern erneut die Vorzüge seines Könnens und seines Instruments unter Beweis stellen.

Sonntag, 10. April 2016

Euripides - Troerinnen, 09.04.2016

Lustige Jammergestalten
oder
Wenn die Tragödie zur Farce wird
Es ist mutig und originell, was das Karlsruher Schauspiel zeigt: Krieg und Leid als Comédie humaine, wenig Mitgefühl und viel Spott, letztendlich Pessimismus statt Pazifismus, warum auch nicht, in einer Welt, in der der Krieg wieder allgegenwärtig ist, in der Bürgerkriegsflüchtlinge von allen Seiten instrumentalisiert werden, um aus ihnen politisches Kapital zu schlagen, in der sogar der Humanismus zynisch geworden ist und es noch keinen Monat her ist, daß sogenannte Flüchtlingsaktivisten versuchten, künstlich eine humanitäre Katastrophe im griechischen Idomeni herbeizuführen, einen Grenzdurchbruch inszenierten und mitschuldig wurden am Ertrinken von Flüchtlingen in einem Grenzfluß und das für Medienaufmerksamkeit und aus Rechthaberei. In Euripides Troerinnen gibt es deshalb kaum Mitgefühl, jeder muß alleine mit seinem Unglück fertig werden, andere schauen zu und wollen es noch zu ihrem Vorteil ausnutzen oder diskutieren und rechtfertigen ihre Haltung. Das Unsägliche wird immer wieder von Galgenhumor und die Tragödie von einer Farce überdeckt, am Ende bleiben Groll und Ohnmacht. Viel Applaus gab es zu recht für sehr gute Schauspieler und flotte und solide 85 Minuten, die einige Fragen aufwerfen und bei der manche "Thema verfehlt" denken werden.

Montag, 28. März 2016

Wagner - Tristan und Isolde, 27.03.2016

Der Mount Everest der Operngeschichte 
Regisseur Christopher Alden legte vorab lobenswerterweise die Meßlatte auf die richtige Höhe: "Der Tristan ist schlicht und ergreifend der Mount Everest der Operngeschichte und den muß man erst einmal erklimmen. Und damit meine ich nicht nur die musikalische Herausforderung, vor der die Sänger stehen, sondern auch den inhaltlichen Reichtum, der allen Beteiligten einiges zu denken gibt." Alden löste die zu erklimmende Höhe zwar nur bedingt ein, gute und sterile Regie-Momente lösen sich ab, Sänger, Dirigent und Orchester zielten gestern deutlich höher. Und so gab es viel Applaus für alle und Bravo-Rufe für die Sänger, Musiker und den Dirigenten.

Freitag, 18. März 2016

Ibsen - Gespenster, 17.03.2016

Bereits im 1. Akt konnte man gestern die ersten gähnenden Zuschauer beobachten, obwohl man viele Mitarbeiter des Staatstheaters im Publikum hatte, verebbte der Schlußapplaus nach weniger als vier Minuten. Die Karlsruher Neuinszenierung von Ibsens Enthüllungsthriller und Familientragödie Gespenster leidet darunter, daß die Enthüllungsdramatik in dieser Inszenierung keine Spannung erhält, daß die Figuren zu wenig Konturen bekommen. Lakonisch, leidenschaftslos und spannungsarm, weder die Dramatik noch die Komik auslotend, sprachlich unaufregend, szenisch und darstellerisch lauwarm mißlang die Premiere zu einer betulichen und läßlichen Angelegenheit bei der man sich mal wieder die Frage stellt, wieso man Stücke bringt, für die man weder inhaltlich noch szenisch Triftigkeit belegen kann.

Sonntag, 13. März 2016

Verdi - Macbeth, 12.03.2016

Zwei Gäste hatte man gestern in Macbeth, die einen sehr guten Eindruck in einer absolut hörenswerten Aufführung hinterließen. Die Inszenierung ist seit der Premiere (mehr hier) keinen Deut besser geworden, von Insidern hört man, daß sie als kritische Satire auf Gender-Theorien gedacht ist und Plausibilität nur aus dieser Sichtweise gewinnt.

Mittwoch, 2. März 2016

Bericht über den Pianisten Frank Dupree

Ich kann mich noch gut an den ersten Auftritt des 1991 in Rastatt geborenen Pianisten Frank Dupree am Badischen Staatstheater erinnern: der hochbegabte Junge mit dem absoluten Gehör spielte 2003 in einem Symphoniekonzert das Konzert-Rondo D-Dur KV 382 von Mozart, begleitet von der Badischen Staatskapelle unter Anthony Bramall. Inzwischen hat der 24jährige 60 Klavierwettbewerbe gewonnen und einen vollen Konzertkalender.
Für SWR2 hat Musikjournalist Georg Waßmuth einen Bericht über den sympathischen jungen Pianisten erstellt, den man hier anhören kann:
https://soundcloud.com/geowas/der-ausnahmepianist-frank-dupree-portrat-fur-swr2?utm_source=soundcloud&utm_campaign=share&utm_medium=email

Dienstag, 1. März 2016

5. Symphoniekonzert, 29.02.2016

Trotz vieler Barockmusik während der Händel Festspiele traf man die Entscheidung, auch das reguläre 5. Symphoniekonzert ausschließlich mit Musik des 18. Jahrhunderts zu präsentieren: Händel - Vivaldi - Mozart, dirigiert von Stefano Montanari, der auch das Händel-Eröffnungskonzert leitete. Es wurde ein ausverkauftes Minikonzert mit einer reinen Spielzeit von knapp über einer Stunde: ca. 10 Minuten Händel, 20 Minuten Vivaldi, 30 Minuten Mozart - ein etwas zu dürr geratenes Erlebnis, sogar das "Programmheft" wirkte irgendwie zu schnell und knapp geschrieben. Musikalisch war der offizielle Abschluß der Händel Festspiele hingegen teilweise hochinteressant.

Samstag, 27. Februar 2016

Konzert im Gewandhaus Leipzig, 26.02.2016

Da ist man schon zufällig in Leipzig und es gibt weder eine Opernvorstellung noch standen die früheren Karlsruher Dirigenten Christoph Gedschold oder GMD Anthony Bramall gestern im Leipziger Gewandhaus am Pult, obwohl Gedschold allerdings zwei Stunden zuvor im Opernhaus das Kinderballett Die Märchen der Gebrüder Grimm des Choreographen Mario Schröder leitete. Das Symphoniekonzert mit Werken von Dutilleux und Schumann lohnte sich wegen der beteiligten Künstler: Alan Gilbert ist  Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, Leif Ove Andsnes einer der maßgeblichen Pianisten unserer Zeit.

Freitag, 26. Februar 2016

Konzert mit Ann Hallenberg, 25.02.2016

Und noch ein hochwertiger Abend bei den diesjährigen Karlsruher Händel Festspielen. Mezzosopran Ann Hallenberg gehört aktuell zu den profiliertesten Barocksängerinnen, ihre zuletzt veröffentlichte CD Arias for Marchesi zeigt die Schwedin in Bestform: präzise Koloraturen, melodische Geschmeidigkeit und eine beeindruckende Kombination von Virtuosität und Ausdruck - einen Eindruck, den sie gestern nachdrücklich bestätigte.

Dienstag, 23. Februar 2016

Konzert mit Franco Fagioli, 22.02.2016

Es gibt Konzerte zeitgenössisch populärer Musik, bei denen man kurz nach Ende den Konzertmitschnitt auf einem USB-Stick käuflich erwerben kann. Schade, daß dies gestern nicht möglich war, denn erneut präsentierte Franco Fagioli Barockarien in einer Kombination von Ausdruck und Virtuosität, die man in dieser Bandbreite selten zu hören bekommt. Eine herzöffnende Vorstellung in herzlicher Stimmung zwischen Publikum, Sänger und Musiker.

Sonntag, 21. Februar 2016

Schwerer Bühnenunfall bei Arminio

Wie unerbittlich brutal nah Glück und Unglück zusammenliegen, mußte man leider heute Nachmittag auf erschreckend grausame Weise erfahren.

Händel - Teseo, 20.02.2016

Als gestern nach der Vorstellung der Dirigent das Orchester sich erheben ließ, kannte der Applaus kein Sitzen mehr und im Parkett erbrachte das Publikum seine Ovationen stehend -  die Wiederaufnahme von Händels Teseo zeigte im Vergleich zum Vorjahr sogar eine Steigerung auf hohem Niveau, Sänger und Musiker waren in Bestform.

Sonntag, 14. Februar 2016

Händel - Arminio, 13.02.2016

Ungetrübte Händel-Freude
Es gelingt bemerkenswert viel bei der Produktion von Händels selten gespieltem Arminio: eine spannende Inszenierung, bei der man stets wissen will, wie es weiter- und ausgeht und die der Oper fast filmische Spannungsmomente verleiht, ein passendes, stimmungs- und situationsunterstützendes Bühnenbild, eine homogene, sehr gute Sängerleistung und ein wunderbar beredtes Orchester - Barockoper auf der Höhe der Zeit, die keine Vergleiche zu scheuen braucht. Applaus und Bravos für alle Beteiligten waren hochverdient.

Samstag, 13. Februar 2016

Konzert mit Karina Gauvin, Julia Lezhneva und Franco Fagioli, 12.02.2016

Beim gestrigen restlos ausverkauften Eröffnungskonzert der 39. Karlsruher Händel Festspiele standen die Sänger im Mittelpunkt: mit Karina Gauvin und Julia Lezhneva sowie Franco Fagioli konnte man eindrucksvoll Flagge zeigen. Ein stimmungsvoller und geglückter Einstieg in die Händelwochen!
Ehre, wem Ehre gebührt - Operndirektor und Festivalleiter Michael Fichtenholz hat Stars und große Namen sowie zum ersten Mal drei unterschiedliche Originalklangorchester ins Programm gebracht - die Vorschußlorbeeren sind gerechtfertigt, seine Arbeit wird nun in den kommenden Tagen hoffentlich belohnt.

Donnerstag, 11. Februar 2016

Vorschau: Händel Festspiele 2017

Das englische Oratorium Semele steht kommendes Jahr im Mittelpunkt, Regie: Floris Visser, Bühne & Kostüme: Gary McCann. Als Sänger: Anna Devin, Ed Lyon, Terry Wey, Dilara Baştar, Katharine Tier .... Premiere 17.02.2017, weitere Vorstellungen 19., 23., 25. und 28.02.2017. Dazu Arminio als Wiederaufnahme und Konzerte mit Sandrine Piau, Vivica Genaux, Sine Bundgaard und David Hansen.
Ab dem 12.02.2016 können Abonnenten Karten buchen, ab dem 22.02.2016 startet der freie Verkauf.

Mehr dazu hier: http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/haendel-festspiele-2017/

Sonntag, 7. Februar 2016

Meyerbeer - Der Prophet, 06.02.2016

Wer den spannenden und fesselnden Karlsruher Propheten hört und sieht, kann kaum nachvollziehen, wieso Meyerbeer über viele Jahrzehnte selten oder gar nicht gespielt wurde, die Wiedereingliederung als gleichberechtiger Repertoirekomponist ist überfällig, eine Wiederentdeckung bspw. der Hugenotten oder von Robert der Teufel würde auch dem Badischen Staatstheater in den kommenden Jahren gut zu Gesicht stehen.

Mittwoch, 3. Februar 2016

Das Karlsruher Schauspiel beim Berliner Theatertreffen 2016

Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn
Was ist denn da schief gelaufen? Eine Produktion des Karlsruher Schauspiels ist nach Berlin zum Theatertreffen 2016 eingeladen worden, dem Treffen, das für sich bisher in Anspruch nahm, die zehn bemerkenswertesten Theaterinszenierungen im deutschsprachigen Raum einer Saison zeigen zu wollen? Das klingt erst mal wie eine Farce und kaum gerechtfertigt. Die Überraschung beim scheidenden Schauspieldirektor Jan Linders ist folglich groß, sein offizieller Kommentar: „Wahnsinn!“ ist zutreffend, denn Sinn ergab in den letzten Jahren wenig im Karlsruher Schauspiel, Wahn gab es hingegen viel.

Der neue 'Ring des Nibelungen'

Wer wird Nachfolger von Lance Ryan, Klaus-Florian Vogt, Thomas J. Mayer und Edith Haller bei der anstehenden Karlsruher Neuinszenierung von Wagners Ring? Kann man an die sängerisch und musikalisch so erfolgreiche letzte Produktion anknüpfen?

Die zentralen Fragen des neuen Rings sind noch nicht beantwortet, aber Termine und  Regisseure stehen nun fest:
  • Das Rheingold - Premiere 09.07.16, Regie: David Hermann 
  • Die Walküre - Premiere 11.12.16, Regie: Yuval Sharon 
  • Siegfried - Premiere 10.06.17, Regie: Thorleifur Örn Arnarsson 
  • Götterdämmerung - Premiere 15.10.17, Regie: Tobias Kratzer 
An Ostern und Pfingsten 2018 soll es zyklische Aufführungen für all jene geben, die viel Sitzfleisch haben.

PS (04.02.2016): Intendant Peter Spuhler, Dramaturg Boris Kehrmann und alle vier Regisseure sollen zum Konzeptionsgespräch nach Island geflogen sein. Zahlt diesen Ausflug der Steuerzahler????

PS (05.02.2016): Rüdiger Krohn schreibt in den Badischen Neusten Nachrichten, daß weder Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson noch Tobias Kratzer die Oper kennen, die sie inszenieren sollen. Arnarsson räumte ein, "daß er den Siegfried erst nach seiner Einladung zum Karlsruher Ring erstmals gehört hat", Tobias Kratzer gestand, daß er mit den Anhören der Götterdämmerung "noch nicht ganz durch ist". Das läßt tief blicken: in Karlsruhe werden Regieaufträge also auf gut Glück vergeben und nicht, wie man als Außenstehender erwarten würde, weil der Operndirektor vom Konzept des Regisseurs überzeugt war. Wer wissen will, wieso unter Intendant Spuhler legendäre Pleiten wie zuletzt Macbeth möglich sind, erhält hier unmittelbar einen Einblick in die Leichtfertigkeit mit der Inszenierungen in Karlsruhe auf den Weg gebracht werden.

Dienstag, 2. Februar 2016

4. Symphoniekonzert, 01.02.2016

Ein Konzert der relativ schwächeren Frühwerke, die allerdings so großartig musiziert wurden, daß man teilweise die späteren Hauptwerke nicht vermißte.

Montag, 1. Februar 2016

Jaques Prévert - Kinder des Olymp, 31.01.2016

Zwischen Entschleunigungstheater und Theatermagie
Theater kann so einfach sein, man nimmt gute Schauspieler und erzählt eine Geschichte, am besten über die Liebe und das Leben oder noch besser über eine außerordentliche Liebe: vier ungewöhnliche Männer lieben eine Frau. Wen wird sie erwählen? Das Karlsruher Schauspiel zeigt diese Geschichte mit einer Besonderheit: es gelingt das Kunststück, einen hierzulande ziemlich unbekannten, über 70 Jahre alten französischen Schwarzweißfilm auf die Bühne zu übertragen, eng angelehnt an das Original - ohne wesentliche Veränderungen, ohne sprachliche Modernisierung, ohne Aktualisierungen oder zusätzliche Zuspitzungen. Wer den Film kennt, wird sich unmittelbar zurechtfinden, die szenische Wiedergabe könnte man als authentisch beschreiben. Regisseur Künstler Benjamin Lazar ist Experte für die Wiederbelebung vergessener Formen und Geschichten (als Barockexperte hatte er bei den Karlsruher Händel Festspielen Riccardo Primo in Kerzenlicht inszeniert, im Februar ist von ihm als Gastspiel eine Adaption eines Romans von Cyrano de Bergerac zu sehen), und dies gelingt ihm auch bei dieser ungewöhnlichen, fast unzeitgemäßen Aufführung, die auf Theatermagie setzt, poetisch und melancholisch, ein Inszenieren von Liebeskonstellationen, Stimmungen und Atmosphäre in ungewöhnlichem Milieu. Die Liebe ist romantisch-sinnstiftend, Eifersucht oder Traurigkeit kommen auf, wenn dieser Sinn in Frage gestellt wird. Nebengeschichten, Zufälle, vieles passiert, gehört dazu und hat nicht unbedingt Bedeutung für die Kernhandlung. In alten Schwarzweißfilmen hatte man noch Zeit zum Mäandern und Erzählen und Lazar gönnt dies auch den Theaterzuschauern. Man kann sich sehr gut unterhalten und staunen, wenn man sich darauf einläßt und schon wegen den sehr guten Schauspielern, der phantasievollen Umsetzung und dem Mut zu dieser Produktion, lohnt diese Entdeckung.

Sonntag, 24. Januar 2016

Verdi - Macbeth, 23.01.2016

Gestern gab es lauten Jubel und Bravos für eine oft grandiose musikalische Umsetzung, die sich durch zwei Sängerpersönlichkeiten in den Hauptrollen, einem starkem Chor und einer konzentrierten Orchesterleistung immer wieder zu großen Momenten verdichtete. Das Regie-Team hatte Glück, es bekam lediglich empörte und massive Buhs, man hätte sich nicht beschweren dürfen, wenn man für diese sinnlose und unterirdisch schlechte Bühnenumsetzung wie früher üblich mit Tomaten oder anderen Wurfgegenständen vom Publikum von der Bühne gejagt worden wäre. Dieser Macbeth ist eine öde Kopfgeburt, bei der man die Handlung nicht mehr erkennt - keine Abgründe, keine Dämonie, keine Unbedingtheit, keine Fallhöhe. Tatsächlich erlebte man gestern eine Pleite mit Ansage, die Warnungen und Distanzierungen aus dem Haus für diese Umsetzung waren bereits vorab im Umfeld deutlich zu bemerken. Was war passiert? Die Regie hat sich komplett verrannt und verirrt: Eine fehlgeleitete Phantasie voller abwegiger Ungereimtheiten, ein Unfall unter Originalitätszwang, ein atmosphärisches Bühnendesaster, das komplexe Psychologie als schlecht konstruierte Symbolik zeigen will.

Freitag, 15. Januar 2016

Puccini - La Bohème, 14.01.2016

Die marginalisierte und reduzierte Oper
oder
 
Was Intendant Spuhler der Karlsruher Oper angetan hat  
Kaum ein Jahr ist die Premiere her, nach der gestrigen Aufführung wurde diese Inszenierung von Puccinis La Bohème wieder abgesetzt - gut so und schade. Es fehlte nicht viel und doch war sie zu achtlos verschludert, um ein Publikumserfolg zu werden. Und irgendwie war das auch symptomatisch in den letzten Jahren: fast immer, wenn man sich mit erfolgreichen Vorgängerproduktionen maß, zog man den Kürzeren. (Das schwächelnde Schauspiel war davon noch weit stärker betroffen als die Oper. Es hapert halt deutlich an Qualität und Planung seit 2011).
Man hört, daß es auch 2016/2017 nur wieder die üblichen, alten Inszenierungen (also vielleicht Tosca, Hänsel und Gretel, Hochzeit des Figaro etc.) als Wiederaufnahme zu sehen geben soll, hingegen nichts aus der Zeit von 2011-2014. Was auch? Es gab zu wenig Wochentagtaugliches zur Wiederaufnahme oder es fehlen die Sänger dafür. Ensemble- und Programmzusammenstellung ist eine der großen Herausforderungen für den Operndirektor, um endlich wieder Seriosität und Praxisbezug unter Beweis zu stellen.
Ein ganz anderes Problem schmerzt immer deutlicher: Die Marginalisierung des Opernbetriebs durch Reduzierung. Das bedeutet:
  • vor 10 Jahren in der Saison 2005/2006 umfaßte der Spielplan 22 Opern, diese Saison gibt es nur noch 16. 
  • 2005/2006 gab es 9 Premieren und 13 Wiederaufnahmen, 2015/2016 gibt es 7 Premieren und 9 Wiederaufnahmen.  
  • Eine Opernsaison mit nun nur noch 16 anstatt 22 Opern vor 10 Jahren - 6 Opern fehlen zur früheren Vielfalt. Man könnte meinen, das Programm ist herabgewirtschaftet.
  • Übrigens: in Mannheim kann man 2015/2016 24 Opern erleben!
Harte Zeiten für die Karlsruher Opern-Fans und wer weiß, ob zukünftig nicht noch mehr Reduzierungen geplant sind. Bei den Theatertheoretikern der Karlsruher Intendanz muß man stets mit Freudlosem rechnen.

Freitag, 8. Januar 2016

Vorschau: Händel Festspiele 2016 und 2017

Von einem englischsprachigen Händel-Fan (Thank you very much!) ist ein Hinweis zu den Händel Festspielen 2017 eingegangen. Nächstes Jahr könnte es in Karlsruhe mal wieder ein Oratorium geben, und zwar allem Anschein nach die griechisch-mythologische Semele, die bereits 1980 bei den damals 3. Händel-Tagen unter der musikalischen Leitung von Charles Farncombe und der Inszenierung von Jean-Louis Martinoty zu sehen und hören war. Der Engländer Christopher Moulds soll dirigieren, als Semele könnte Anna Devin auftreten, die 2015 die Rolle der Semele bereits in London sang (mehr zu ihr hier in Englisch).

Aber jetzt stehen erst mal die Händel-Festspiele 2016 an, die mit Max E. Cencic als Regisseur und in der Hauptrolle von Händels Arminio sowie mit einer kaum dagewesenen Flut hochkarätiger Sänger in den unterschiedlichen Aufführungen (u.a. Karina Gauvin, Julia Lezhneva, Ann Hallenberg, Layla Claire, Valer Sabadus und Franco Fagioli) ein spektakuläres Ereignis werden könnten. Das komplette Programm befindet sich aktuell hier auf den Seiten des Badischen Staatstheaters:
http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/haendel-festspiele/

Französisches Juwel
Und für alle, die gut französisch sprechen oder einfach nur barockaffin sind: Es gibt eine Sonderveranstaltung am 20.02.2016, die offiziell nicht im Programm steht (und für die das Badische Staatstheater unverständlicherweise auch noch nicht wirbt), obwohl sie dazu passt: Barockexperte Benjamin Lazar bringt seine seit 2004 in Frankreich bereits oft aufgeführte und auf DVD erhältliche Bearbeitung des Romans Die Staaten und Reiche des Mondes von Cyrano de Bergerac auf die Bühne des kleinen Hauses. Die Musiker Florence Bolton (Gambe)  und Benjamin Perrot (Laute, Gitarre) begleiten die stimmungsvolle Aufführung mit Musik u.a. von Sainte-Colombe, Marais, Ortiz und Kapsberger. Mehr dazu hier:
http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/info/2299/

Montag, 4. Januar 2016

Mozart - Die Entführung aus dem Serail, 03.01.2016

Die gestrige Wiederaufnahme von Mozarts Entführung aus dem Serail war aus verschiedenen Gründen interessant. Da ist zuerst der Gast zu nennen: Dirigent Alan Buribaev soll einer der Kandidaten für die Nachfolge von GMD Justin Brown sein. Zusätzlich hat man neue Sänger, die der fast ausverkauften Vorstellung aufgrund vieler Debüts Premierencharakter verliehen, sowie eine gut gemachte Inszenierung einer türkischen Regisseurin aus dem Jahr 2004. Damals gab es eine starke politische Aussage, die aber inzwischen überholt ist - die Realität ist an ihr vorbei gegangen, die Osmins haben die Bassa Selims schon längst abgedrängt.