Endlich wieder Händel Festspiele! Für das Badische Staatstheater ist die Premiere der wahrscheinlich Prestige- und Presse-reichste Tag des Jahres. Zu keinem anderen Termin hat mal für gewöhnlich so starke überregionale Aufmerksamkeit und nationale und internationale Gäste. In über 35 Jahren Kontinuität hat sich Karlsruhe als bedeutende Festivalstadt für Barockmusik etabliert. Dieses Jahr hat man viele englischsprachige Besucher und der irische Komponist Gerald Barry, dessen Oper gestern aufgeführt wurde, war zu Gast. Deshalb kann man nur mit Unverständnis darauf reagieren, daß die Gewerkschaft ver.di den Samstag bestreiken ließ. Die Bühnenarbeiter legten für die gestrigen Premieren im Kinder- und Musiktheater die Arbeit nieder. Die Premiere der Händelfestspiele musste also konzertant, in Kostümen und ansatzweise gespielt, aber ohne Bühne und Beleuchtung stattfinden. Streiks sind zweifellos wichtige und angemessene Instrumente im Arbeitskampf, aber wieso sabotiert man ausgerechnet einen für die künstlerische Bedeutung und Ausstrahlung des Staatstheater so wichtigen Tag mit so vielen anreisenden Besuchern? Mit Carmen, Zauberflöte, Schwanensee, ... gibt es andere, ständig ausverkaufte Vorstellungen, die für einen Warnstreik ideal geeignet sind. Die möglichen Motive sind wenig schmeichelhaft für ver.di. Man kann alte Klischees bedienen und vermuten, daß diese Entscheidung aus allzu leichtfertiger Ignoranz fiel oder am Samstagabend alkoholisierte Provinzgewerkschaftler den wirkungsstärksten Coup ihrer Funktionärsgeschichte gefeiert haben. Es könnte aber auch sein, daß man von Gewerkschaftsseite rücksichtslos seine Macht benutzte, um persönliche Rechnungen zu begleichen und um es irgendjemand heimzuzahlen. Die Theaterbetriebsgruppe von ver.di entschied sich mit dem gestrigen Warnstreik für ein destruktives und feindseliges Signal, das größtmöglichen Kollateralschaden anrichten sollte.
Händelfestspiele 2013
Nun aber: Endlich wieder Händel Festspiele! Die Besucher schüttelten über ver.di den Kopf, ließen sich aber durch die gewerkschaftliche Negativität nicht die Freude nehmen. Die diesjährige Neuproduktion ist englisch: ein in englisch gesungenes Händel-Oratorium, ergänzt durch eine zeitgenössische englische Oper, von englischsprachigen Gastsängern und einem englischen Dirigenten aufgeführt und inszeniert von einem englischen Team.
Was wird aufgeführt?
Keine der italienischen Opern Händels (*1686 †1759), sondern mal wieder ein Oratorium aus seiner Spätzeit, sogar aus einer sehr späten Zeit, denn The Triumph of Time and Truth ist Händels letztes Oratorium und wurde 1757 erstmals gespielt. Doch das Oratorium ist kein neues Werk, sondern eine Verarbeitung eines früheren Händel Werks. 1707 komponierte Händel in Rom das Oratorium Il trionfo del Tempo e del Disinganno (war 2007 in Karlsruhe zu hören), das er 1737 nach einer Umbearbeitung in London als Il trionfo del Tempo e della Verità (war 1999 in Karlsruhe zu hören) und noch mal 20 Jahre später nach einer englischen Übersetzung und weiteren Umarbeitung als The Triumph of Time and Truth restverwertete und nun die Karlsruher Reihe komplettiert. Um es für die Bühne inszenieren zu können, wurde das Oratorium gekürzt und dauert ca 90 Minuten.
Die Oper The Triumph of Beauty and Deceit des irischen Komponisten Gerald Barry (*1952) wurde 1991 uraufgeführt. Barry war vor der gestrigen Premiere der große Unbekannte - fast niemand dürfte bisher von ihm gehört oder etwas gehört haben. Aus gutem Grund - man kann seine Musik in jedem Fall als sehr gewöhnungsbedürftig bezeichnen: sie wirkt sehr gehetzt und gedrängt, dabei aber in ihrem Ausdruck überwiegend eintönig und schrill-hysterisch: ein akustischer Migräneanfall. Auffällig ist bei ihm auch die Behandlung der Singstimme. Im Programmheft warnt das Badische Staatstheater bereits vorab: "Außerdem schert sich Barry nur wenig um die verkrusteten Konventionen, innerhalb derer Menschen auf der Opernbühne ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen pflegen. Denn würden diese Konventionen gelten, müssten Barrys Figuren als ernstlich wahnsinnig erscheinen, da sie sich in Gesangslinien entäußern, die durch alle Register rasen, an den falschen Stellen abbrechen (will heißen: der jeweiligen Textphrasierung widersprechen) und sich überdies häufig wiederholen, wie gefangen in manischer Konfusion. …. Seine Charaktere benehmen sich nicht angemessen, indem sie ihre Emotionen ausdrücken; sie gehen weiter, bis hin zu grotesker Übertreibung. Oder sie bleiben zurück und verharren in Stille."
Es gibt immer wieder Phasen, wo man Barrys Musik durchaus einen gewissen Reiz abgewinnen kann, aber in der Summe wirkt sie wie ein Klischee über moderne Musik. Immer wieder verließen Besucher in den knapp 50 Minuten Aufführungsdauer den Saal, weil sie es nicht mehr ertragen konnten. Gerade auch nach der melodiösen und ruhigen Barockmusik, wirkt die Kombination mit der unruhigen Musik Barrys umso harscher und gewöhnungsbedürftiger für die Zuschauer.
Worum geht es?
In Händels allegorischem Oratorium und Barrys Oper gibt es das gleiche Personal. Die Zeit, die Wahrheit, das Vergnügen und die Täuschung versuchen die Schönheit auf den richtigen Weg zu bringen, und zwar bei Händel auf den Pfad der religiösen Tugend, bei Barrys Fortsetzung hin zum Vergnügen. Es ist also eine moralische Handlung, die hier inszeniert wird, bei der die Schönheit manipuliert werden soll. Der Paradigmenwechsel ist unverkennbar: im spätbarocken Oratorium ist die Vergänglichkeit der Schönheit Anlaß zur Konzentration auf göttliche Belohnung im Jenseits; in moderner Sicht ist die Vergänglichkeit der Schönheit Anlaß zu diesseitigen Vergnügen und hedonistischen Genuß. Wo Vergnügen und Schönheit einst in offizieller Moral (inoffiziell huldigten ihr die Kirchenfürsten hemmungsfrei) nur frivol denkbar waren und ihnen der Spaß ausgetrieben wurde, sind sie heute selbstverständliche Chance zur geglückten Selbstverwirklichung.
Aus oben genannten Gründen war die Premiere konzertant und über Bühnenbild und Absichten des Regie-Teams lässt sich noch nichts sagen.
Was ist zu hören?
Wie fast immer in den letzten Jahren hat man sehr gute Sänger versammelt und es fällt schwer, jemand aus dem homogenen Ensemble hervorzuheben. In Händels Oratorium hat man mit Sebastian Kohlhepp und Stefanie Schaefer erprobte und beliebte Ensemblemitglieder und mit Anna Patalong eine schöne Sopranstimme. Zwei Sänger singen in beiden Stücken: Countertenor William Purefoy und der Bassist Joshua Bloom, den wahrscheinlich einige gerne öfters hören würden: eine tragende und markante Stimme, die auffällt. Ebenfalls eine sehr schöne Stimme hat der Tenor Peter Tantsits, der die Schönheit in Barrys Oper singt. Das Publikum spendete demonstrativ langen und starken Applaus für alle Sänger.
Die Premiere findet nun am Dienstag, 19.02. statt. Das Badische Staatstheater bietet allen Inhabern von Premierenkarten 50% Ermässigung an, falls sie sich für einen zweiten Termin mit Inszenierung noch mal eine Karte besorgen wollen.
PS: Diesmal hat man die Preisverleihung (mehr dazu hier bei den Gurreliedern) für den "Preis der deutschen Theaterverlage - Bestes Opernprogramm 2012/13" im Anschluß an die Premiere vorgenommen. Vielen Dank, daß man all jenen, für die das Was weniger wichtig ist als das Wie, die üblichen Blabla-Ansprachen dieses so beliebig und überflüssig anmutenden Preises vor der Premiere nicht zugemutet hat. Dennoch zur Orientierung eine kurze Wertung und Einordnung des Preises.
Das Badische Staatstheater hat
also scheinbar ein besseres Opernprogramm als alle anderen Städte. Zur
Erinnerung hier das sensationelle Karlsruher Programm, das der Jury
keine andere Wahl ließ, als den Preis ins Badische zu vergeben: Wagner -
Tannhäuser, Künneke - Der Vetter aus Dingsda, Händel - The Triumph of
Time and Truth, Barry - The Triumph of Beauty and Deceit, Donizetti -
Die Regimentstochter, Weinberg - Die Passagierin, Britten - Peter
Grimes. Der Konkurrenz hat es wahrscheinlich Verzweiflungstränen in die
Augen getrieben angesichts dieses außergewöhnlichen Hammerprogramms, um
das uns viele in der Republik beneiden müssen.
Gewürdigt
wurden also nicht Künstler oder künstlerische Qualität -was manche für
die einzige maßgebliche Kategorie halten- sondern theoretische Absichten
bei der Zusammenstellung der Programmpunkte. Bereits im zweiten Jahr
unter Joscha Schaback kann die Jury überraschenderweise feststellen: "Beeindruckend ist ... die Stringenz, mit der thematische Linien verfolgt werden."
Unglaublich, aber wahr: das Badische Staatstheater begeistert damit,
daß es eine stringente Planung über zwei Jahre zustande gebracht hat. Als Zuschauer reibt man sich allerdings verwundert die
Augen und fragt sich, wieso Absichten und Pläne überhaupt preiswürdig
sind und so wichtig, daß man das Publikum seit Monaten auf den Preis
aufmerksam macht. Vielleicht muß man in einem mit Steuergeld
subventionierten Umfeld arbeiten, um Leistung und Errungenschaft so
einfach zu definieren.
Wieso macht das Badische Staatstheater so ein großes Trara um Preise? Eigenlob stinkt! heißt es umgangssprachlich und frühere
Intendanzen veröffentlichten ihre Auszeichnungen nur auf einer mittleren
Seite in der Theaterzeitung. Bescheidenheit und Gelassenheit kann
zeigen, wer Vertrauen in seine Arbeit hat. Es spricht nicht für die
Selbstsicherheit und das Stilgefühl eines Theaters, das nach außen die eigenen Verdienste ins Rampenlicht stellt. Wer Zweifel an seiner eigenen Qualität
hat oder denkt, daß das Publikum
Qualität nicht erkennt, wenn es sie sieht, zeigt, daß etwas nicht
zusammenpasst und Mißtrauen gegenüber den Zuschauern herrscht.
Übrigens: "Der
Bariton Seung-Gi Jung, seit 2011/12 Ensemblemitglied, hat den 1. Preis
beim Internationalen Gesangswettbewerb in Bilbao in der Kategorie
Männerstimmen gewonnen". Dem Badischen Staatstheater war dieser
großartige Erfolg nur diese kurze Notiz auf Seite 35 des aktuellen
Theatermagazins wert. Hätte man mal lieber ihm auf der Bühne gratuliert
und den "Preis" für das "beste" Opernprogramm einmalig auf Seite 35 verkündet -
dann hätten die Verhältnisse gestimmt und jeder wäre an dem Platz, an
den er gehört.
Team und Besetzung:
HÄNDEL - DER SIEG VON ZEIT UND WAHRHEIT:
Beauty: Anna Patalong
Deceit: Stefanie Schaefer
Counsel (or Truth): William Purefoy
Pleasure: Sebastian Kohlhepp
Time: Joshua Bloom
BARRY - DER SIEG VON SCHÖNHEIT UND TÄUSCHUNG:
Beauty: Peter Tantsits
Pleasure: Iestyn Morris
Truth: William Purefoy
Deceit: Gabriel Urrutia Benet
Time: Joshua Bloom
Musikalische Leitung: Richard Baker
Regie: Sam Brown
Bühne & Kostüme: Annemarie Woods
Choreographie: Lorena Randi
Seit 1988 bin ich steter Besucher des Badischen Staatstheaters. Bei vielen Opern-, Theater-, Konzert- und Ballettvorstellungen im Jahr und Besuchen in anderen Städten verliert man schon mal den Überblick. Dieser Tagebuch-Blog dient mir seit der Spielzeit 2011/12 als elektronische Erinnerung. Bitte beachten Sie meine Intention: ich bin kein Journalist oder Kritiker, sondern schreibe hier lediglich persönliche Eindrücke, private Ansichten und Vermutungen für mich und Angehörige nieder.
Sonntag, 17. Februar 2013
Freitag, 15. Februar 2013
Teilweiser Vorverkauf für die Händel Festspiele 2014 gestartet
2014 könnte ein herausragendes Jahr in der Geschichte der Händel Festspiele werden!
Es wird wieder eine historisierende Aufführung mit Kerzenlicht geben (Radamisto ist vielen ein unvergessenes Erlebnis) und in der Hauptrolle von Händels Riccardo Primo (Richard Löwenherz) wird der Karlsruher Publikumsliebling und großartige Countertenor Franco Fagioli zu hören sein. Für die Premiere am 21.02.14 (noch nicht für die vier anderen Termine) kann man ab heute Karten buchen.
Dazu scheint es mit Händels Rinaldo eine Übernahme der Händel Festspiele in Halle aus dem Jahr 2011 zu geben. Die Sänger geben dabei ihre Stimmen an Marionettenfiguren des Marionettentheaters Carlo Colla e Figli. Wie schon in Halle, musiziert die Lautten Compagney Berlin unter Wolfgang Katschner. Einen Eindruck dazu gewinnt man bei dieser Filmreportage: http://vimeo.com/26574249. Für eine von zwei Aufführungen kann man ebenfalls bereits Karten kaufen.
Das Badische Staatstheater hat beide Premieren in einer höheren Preiskategorie als sonst üblich angesetzt: für beide Vorstellungen sind die Karten teurer als bei Opernpremieren, aber günstiger als bei Gala-Abenden. Angesichts der geringen Aufführungsanzahl und des großen Aufwands, den man dafür betreibt, eine dennoch gerechtfertigte Preispolitik.
Hier der Link zum Internet-Vorverkauf:
http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/haendel-festspiele-2014/
PS: Liebes Badisches Staatstheater,
Radamisto sollte damals als DVD in einer SWR Produktion auf den Markt kommen. Leider geschah das nicht, aber bei Riccardo Primo könnte man das doch eventuell nachholen!?!
Es wird wieder eine historisierende Aufführung mit Kerzenlicht geben (Radamisto ist vielen ein unvergessenes Erlebnis) und in der Hauptrolle von Händels Riccardo Primo (Richard Löwenherz) wird der Karlsruher Publikumsliebling und großartige Countertenor Franco Fagioli zu hören sein. Für die Premiere am 21.02.14 (noch nicht für die vier anderen Termine) kann man ab heute Karten buchen.
Dazu scheint es mit Händels Rinaldo eine Übernahme der Händel Festspiele in Halle aus dem Jahr 2011 zu geben. Die Sänger geben dabei ihre Stimmen an Marionettenfiguren des Marionettentheaters Carlo Colla e Figli. Wie schon in Halle, musiziert die Lautten Compagney Berlin unter Wolfgang Katschner. Einen Eindruck dazu gewinnt man bei dieser Filmreportage: http://vimeo.com/26574249. Für eine von zwei Aufführungen kann man ebenfalls bereits Karten kaufen.
Das Badische Staatstheater hat beide Premieren in einer höheren Preiskategorie als sonst üblich angesetzt: für beide Vorstellungen sind die Karten teurer als bei Opernpremieren, aber günstiger als bei Gala-Abenden. Angesichts der geringen Aufführungsanzahl und des großen Aufwands, den man dafür betreibt, eine dennoch gerechtfertigte Preispolitik.
Hier der Link zum Internet-Vorverkauf:
http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/haendel-festspiele-2014/
PS: Liebes Badisches Staatstheater,
Radamisto sollte damals als DVD in einer SWR Produktion auf den Markt kommen. Leider geschah das nicht, aber bei Riccardo Primo könnte man das doch eventuell nachholen!?!
Montag, 11. Februar 2013
Händel Festspiele 2014
Das Badische Staatstheater kündigte heute an, aufgrund des großen Interesses den Vorverkauf für gewisse Veranstaltungen der Festspiele 2014 bereits im Verlauf der diesjährigen Festspiele zu beginnen.
Liebes Badisches Staatstheater,
wäre es nicht eine gute Idee, den Vorverkauf grundsätzlich erst mal nur für Abonnenten freizugeben und danach/später den freien Verkauf zu starten? Das wäre doch ein Mehrwert für treue Besucher und ein Anreiz, sich zukünftig ein Abo zu besorgen!
Nachtrag (13.02.13): Hier mehr zum Vorverkauf 2014 http://www.staatstheater.karlsruhe.de/aktuell/news_id/262/
Liebes Badisches Staatstheater,
wäre es nicht eine gute Idee, den Vorverkauf grundsätzlich erst mal nur für Abonnenten freizugeben und danach/später den freien Verkauf zu starten? Das wäre doch ein Mehrwert für treue Besucher und ein Anreiz, sich zukünftig ein Abo zu besorgen!
Nachtrag (13.02.13): Hier mehr zum Vorverkauf 2014 http://www.staatstheater.karlsruhe.de/aktuell/news_id/262/
Wagner - Tannhäuser, 10.02.2013
Seit der Premiere (mehr dazu hier) ist Tannhäuser ein sehr schöner und ständig mehr als ausverkaufter Erfolg für das Badische Staatstheater und auch die Presse hat sehr viel Positives darüber geschrieben. Den Satz, über den man sich in Karlsruhe vielleicht am meisten gefreut hat, lieferte die Frankfurter Rundschau: "Was würde ein derart interessanter, überragender Tannhäuser in Bayreuth erst für Furore machen!"
Gestern nun eine weitere Bestätigung, daß die Inszenierung kurzweilig und spannend ist, erst recht wenn man wie gestern hervorragende Sänger hat. Für Peter Seiffert ist Tannhäuser eine Paraderolle. Mit seinem klaren und beweglichen Tenor hinterließ er jederzeit den Eindruck, eine mustergültige Interpretation zu singen und der ideale Tannhäuser zu sein. Beeindruckend, wie er sich sogar noch im letzten Akt steigern konnte und eine großartige, intensive Rom-Erzählung sang. Die zahllosen begeisterten Bravo-Rufe für ihn waren verdient: Seifferts differenziertes und überlegtes Porträt setzte einen Maßstab, der nur schwer zu überbieten sein wird. Seifferts Ehefrau Petra Maria Schnitzer sang eine lyrische Elisabeth und in dieser Kombination kann man die beiden als Traumpaar für Tannhäuser bezeichnen. Schnitzer hatte in der Vergangenheit bereits beide Rollen als Venus und Elisabeth gesungen. Die bisherige Doppelbesetzung wurde gestern allerdings aufgegeben: Heidi Melton präsentierte sich als Venus so, wie man sie in Karlsruhe kennt: klangsinnlich und souverän. Erneut war es auch Armin Kolarczyk, der als Wolfram von Eschenbach seine Abendstern-Arie sensationell schön sang und auch beim Schlußapplaus entsprechend triumphierte.
Viel Applaus auch für den Knabensopran von Tom Volz, der mit seinem kleinen Auftritt alle aufhorchen ließ und sich nahtlos einpasste.
Musikalisch in jeder Hinsicht ein hochklassiger Abend
Regisseur Aron Stiehl inszeniert Tannhäuser als Künstlerdrama und rosalies ästehtisch-abstrakte Farbbühne unterstreicht diese Interpretation. Wagner baut die Spannung in seinen Opern durch entgegengesetzte Pole, die durch ihre widersprüchliche Charakteristik vielfältig deutbar sind. In der Karlsruher Produktion sind neben dem Gegensatz Gesellschaft / Künstler andere Gegensätze erkennbar, die aber nur angedeutet werden und keine Prägnanz gewinnen, bspw. Venusberg / Wartburg, Wartburgchor/ Pilgerchor, Venus / Elisabeth bzw. sinnliche Liebe / geistige Liebe, Erlösung / Verdammung. Der zottelige Pilgerchor kommt aus Rom genau so niedergeschlagen zurück, wie er bereits im ersten Akt aufbrach.
Daß das Publikum dieser Inszenierung so enthusiastisch zujubelt, scheint in der Kombination der Hör- und Seherlebnisse zu liegen. Die reduzierte inszenatorische Ausleuchtung der Konflikte scheint aber ebenfalls dazu beizutragen und hilft, den Tannhäuserstoff als etwas Interessantes zu sehen, fern von Sinnsünden, Reue, göttlicher Vergebung und Erlösungsdramatik. Tannhäuser wird nicht erlöst, er stirbt in Venus' Armen. Wolfram folgt darauf Venus und scheint der nächste zu sein, der sie sich als Muse wählt.
Gestern nun eine weitere Bestätigung, daß die Inszenierung kurzweilig und spannend ist, erst recht wenn man wie gestern hervorragende Sänger hat. Für Peter Seiffert ist Tannhäuser eine Paraderolle. Mit seinem klaren und beweglichen Tenor hinterließ er jederzeit den Eindruck, eine mustergültige Interpretation zu singen und der ideale Tannhäuser zu sein. Beeindruckend, wie er sich sogar noch im letzten Akt steigern konnte und eine großartige, intensive Rom-Erzählung sang. Die zahllosen begeisterten Bravo-Rufe für ihn waren verdient: Seifferts differenziertes und überlegtes Porträt setzte einen Maßstab, der nur schwer zu überbieten sein wird. Seifferts Ehefrau Petra Maria Schnitzer sang eine lyrische Elisabeth und in dieser Kombination kann man die beiden als Traumpaar für Tannhäuser bezeichnen. Schnitzer hatte in der Vergangenheit bereits beide Rollen als Venus und Elisabeth gesungen. Die bisherige Doppelbesetzung wurde gestern allerdings aufgegeben: Heidi Melton präsentierte sich als Venus so, wie man sie in Karlsruhe kennt: klangsinnlich und souverän. Erneut war es auch Armin Kolarczyk, der als Wolfram von Eschenbach seine Abendstern-Arie sensationell schön sang und auch beim Schlußapplaus entsprechend triumphierte.
Viel Applaus auch für den Knabensopran von Tom Volz, der mit seinem kleinen Auftritt alle aufhorchen ließ und sich nahtlos einpasste.
Musikalisch in jeder Hinsicht ein hochklassiger Abend
Regisseur Aron Stiehl inszeniert Tannhäuser als Künstlerdrama und rosalies ästehtisch-abstrakte Farbbühne unterstreicht diese Interpretation. Wagner baut die Spannung in seinen Opern durch entgegengesetzte Pole, die durch ihre widersprüchliche Charakteristik vielfältig deutbar sind. In der Karlsruher Produktion sind neben dem Gegensatz Gesellschaft / Künstler andere Gegensätze erkennbar, die aber nur angedeutet werden und keine Prägnanz gewinnen, bspw. Venusberg / Wartburg, Wartburgchor/ Pilgerchor, Venus / Elisabeth bzw. sinnliche Liebe / geistige Liebe, Erlösung / Verdammung. Der zottelige Pilgerchor kommt aus Rom genau so niedergeschlagen zurück, wie er bereits im ersten Akt aufbrach.
Daß das Publikum dieser Inszenierung so enthusiastisch zujubelt, scheint in der Kombination der Hör- und Seherlebnisse zu liegen. Die reduzierte inszenatorische Ausleuchtung der Konflikte scheint aber ebenfalls dazu beizutragen und hilft, den Tannhäuserstoff als etwas Interessantes zu sehen, fern von Sinnsünden, Reue, göttlicher Vergebung und Erlösungsdramatik. Tannhäuser wird nicht erlöst, er stirbt in Venus' Armen. Wolfram folgt darauf Venus und scheint der nächste zu sein, der sie sich als Muse wählt.
Mittwoch, 6. Februar 2013
Vorschau: Händel Festspiele 2014
Es gibt bereits eine Vorschau für 2014, die die Vorfreude jetzt schon schürt:
Riccardo Primo (Richard Löwenherz)
Oper von Georg Friedrich Händel HWV 23
In der Titelrolle Franco Fagioli
Dirigent Michael Hofstetter
Regie Benjamin Lazar
Inszenierung im Stil der Barockzeit mit Kerzenlicht
Premiere am 21.2.
Weitere Vorstellungen am 23., 24., 26. & 27.2.
Rinaldo
Oper von Georg Friedrich Händel HWV 7
Marionettentheater Carlo Colla & Figli Mailand
Lautten Compagney Berlin
Wolfgang Katschner Dirigent
Zauberoper mit prachtvollen Puppen und Dekorationen
Premiere am 1.3.
Weitere Vorstellungen am 2. & 3.3.
Athalia
Oratorium von Georg Friedrich Händel HWV 52
Konzertante Aufführung am 2.3.
Riccardo Primo (Richard Löwenherz)
Oper von Georg Friedrich Händel HWV 23
In der Titelrolle Franco Fagioli
Dirigent Michael Hofstetter
Regie Benjamin Lazar
Inszenierung im Stil der Barockzeit mit Kerzenlicht
Premiere am 21.2.
Weitere Vorstellungen am 23., 24., 26. & 27.2.
Rinaldo
Oper von Georg Friedrich Händel HWV 7
Marionettentheater Carlo Colla & Figli Mailand
Lautten Compagney Berlin
Wolfgang Katschner Dirigent
Zauberoper mit prachtvollen Puppen und Dekorationen
Premiere am 1.3.
Weitere Vorstellungen am 2. & 3.3.
Athalia
Oratorium von Georg Friedrich Händel HWV 52
Konzertante Aufführung am 2.3.
Dienstag, 5. Februar 2013
Händel Festspiele 2013
Das übergroße Interesse des letzten Jahres (hier mehr dazu) war noch ein Echo der erfolgreichen letzten Intendanz. In der letzten Spielzeit waren bereits alle Karten für Alessandro knapp drei Monate vorher verkauft. Man entschloss sich damals auch die Generalprobe für das Publikum zu öffnen - auch sie war ausverkauft.
Wieso dieser erstaunliche Zulauf? Verantwortlich für den großen Erfolg war nicht die Wahl der Oper, noch die Sänger oder das Inszenierungsteam, sondern einzig und allein die außergewöhnlichen und vom Publikum begeistert aufgenommenen Produktionen der Thorwald/Brux-Arä, die bei vielen Zuschauern die hohe Nachfrage und fast schon eine Zugriffspanik auslöste: spätestens nach Ariodante und Radamisto konnte man es sich einfach nicht erlauben, keine Karten für die neue Händel-Oper rechtzeitig zu ergattern - auch wenn Partenope 2011 bereits abfiel.
Alessandro enttäuschte nicht -wirklich gute Sänger, ein großartig aufspielendes Orchester, eine etwas zu langatmige Inszenierung-, aber es war doch kein Vergleich zu den vorherigen Erfolgen.
Dieses Jahr ist die Konsequenz zu bemerken: knapp 10 Tage vor Beginn ist noch gar nichts ausverkauft, aber doch vieles sehr gut besucht. Der Schwund ist auf sehr hohem Niveau. Aber man merkt, wie groß der Verdienst und der Erfolgsbeitrag von Achim Thorwald und Thomas Brux noch zum Erfolg der Festspiele 2012 war. Ohne sie hätte es den letztjährigen Zuschauerrekord nicht geben können.
Das diesjährige Programm ist verglichen zum Vorjahr unspektakulärer, aber durchaus auf dem Niveau der Vorjahre. Besondere Beachtung gilt der Neuinszenierung, mit der Festspielleiter Bernd Feuchtner wieder etwas sehr Spannendes präsentiert: ein Händel Oratorium kombiniert mit einer zeitgenössischen Oper, die den Stoff des Oratoriums aufnimmt und weiter verarbeitet: Händels The Triumph of Time and Truth und The Triumph of Beauty and Deceit von Gerald Barry. Das Badische Staatstheater verspricht: "Humor ist garantiert bei diesem ungewöhnlichen Händel-Projekt!". Das britische Inszenierungsteam Sam Brown und Annemarie Woods gewann alle Preise des Ring Award 2011, des wichtigsten Wettbewerbs für den Opernnachwuchs. Man kann also eine interessante und wahrscheinlich vor allem amüsante Produktion erwarten. Neues ist dabei auch musikalisch angesagt, und zwar aus englischsprachigen Ländern: Man wird zwei neue Countertenöre kennenlernen: William Purefoy und Iestyn Morris sowie drei weitere junge Sänger. Geleitet wird der Abend vom britischen Komponisten und Dirigenten Richard Baker (*1972).
Wie immer ist der Terminplan sehr gedrängt und besonders am 24.02 nicht optimal - da gibt es drei Konzerte zeitgleich und man macht sich ungeschickt gegenseitig Konkurrenz: das vierte Symphoniekonzert im Großen Haus (Dirigent Bruno Weil), das Oratorium Esther in der evangelischen Stadtkirche (dirigiert von Michael Hofstetter und mit Kirsten Blaise) sowie ein Klavierabend mit Claude Diallo im Kleinen Haus.
Am 15.02. geht es im Konzerthaus los, u.a. mit Händels Feuerwerkmusik. Hier befindet sich die komplette Programmübersicht:
http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/haendel-festspiele/
Und hier ist der Link zum Programm (als pdf-Datei, Größe: 4 MB) der diesjährigen Händel Festspiele.
NACHTRAG (06.02.13): das Badische Staatstheater hat sich freundlicherweise zu einer ungenauen Bemerkung in diesem Blog gemeldet. Folgende Aussage:
"Dieses Jahr ist die Konsequenz zu bemerken: knapp 10 Tage vor Beginn ist noch gar nichts ausverkauft, aber doch vieles sehr gut besucht. Der Schwund ist auf sehr hohem Niveau."
ist wie folgt zu detailieren:
Es ist Fakt, dass zum jetzigen Zeitpunkt trotz ungewöhnlichem Programm (Oratorium/ moderne Oper) bereits mehr Karten verkauft/ reserviert wurden als im Vorjahr (2012: 11.063 Karten, 2013: 11.876 Karten). Dass es für viele Veranstaltungen noch Karten gibt, liegt schlicht und ergreifend daran, dass in diesem Jahr mit 17.751 angebotenen Plätzen aufgrund der hohen Nachfrage weitaus mehr Kapazität geschaffen wurde als 2012 mit 14.743 angebotenen Plätzen.
Vielen Dank für den Hinweis. Mit meiner Bemerkung wollte ich primär darauf hinaus, daß keine der vier Vorstellungen des Doppelabends (Oratorium/Oper) bisher ausverkauft ist, während Alessandro in der letzten Spielzeit ein sehr viel größeres Interesse entgegengebracht wurde.
Wieso dieser erstaunliche Zulauf? Verantwortlich für den großen Erfolg war nicht die Wahl der Oper, noch die Sänger oder das Inszenierungsteam, sondern einzig und allein die außergewöhnlichen und vom Publikum begeistert aufgenommenen Produktionen der Thorwald/Brux-Arä, die bei vielen Zuschauern die hohe Nachfrage und fast schon eine Zugriffspanik auslöste: spätestens nach Ariodante und Radamisto konnte man es sich einfach nicht erlauben, keine Karten für die neue Händel-Oper rechtzeitig zu ergattern - auch wenn Partenope 2011 bereits abfiel.
Alessandro enttäuschte nicht -wirklich gute Sänger, ein großartig aufspielendes Orchester, eine etwas zu langatmige Inszenierung-, aber es war doch kein Vergleich zu den vorherigen Erfolgen.
Dieses Jahr ist die Konsequenz zu bemerken: knapp 10 Tage vor Beginn ist noch gar nichts ausverkauft, aber doch vieles sehr gut besucht. Der Schwund ist auf sehr hohem Niveau. Aber man merkt, wie groß der Verdienst und der Erfolgsbeitrag von Achim Thorwald und Thomas Brux noch zum Erfolg der Festspiele 2012 war. Ohne sie hätte es den letztjährigen Zuschauerrekord nicht geben können.
Das diesjährige Programm ist verglichen zum Vorjahr unspektakulärer, aber durchaus auf dem Niveau der Vorjahre. Besondere Beachtung gilt der Neuinszenierung, mit der Festspielleiter Bernd Feuchtner wieder etwas sehr Spannendes präsentiert: ein Händel Oratorium kombiniert mit einer zeitgenössischen Oper, die den Stoff des Oratoriums aufnimmt und weiter verarbeitet: Händels The Triumph of Time and Truth und The Triumph of Beauty and Deceit von Gerald Barry. Das Badische Staatstheater verspricht: "Humor ist garantiert bei diesem ungewöhnlichen Händel-Projekt!". Das britische Inszenierungsteam Sam Brown und Annemarie Woods gewann alle Preise des Ring Award 2011, des wichtigsten Wettbewerbs für den Opernnachwuchs. Man kann also eine interessante und wahrscheinlich vor allem amüsante Produktion erwarten. Neues ist dabei auch musikalisch angesagt, und zwar aus englischsprachigen Ländern: Man wird zwei neue Countertenöre kennenlernen: William Purefoy und Iestyn Morris sowie drei weitere junge Sänger. Geleitet wird der Abend vom britischen Komponisten und Dirigenten Richard Baker (*1972).
Wie immer ist der Terminplan sehr gedrängt und besonders am 24.02 nicht optimal - da gibt es drei Konzerte zeitgleich und man macht sich ungeschickt gegenseitig Konkurrenz: das vierte Symphoniekonzert im Großen Haus (Dirigent Bruno Weil), das Oratorium Esther in der evangelischen Stadtkirche (dirigiert von Michael Hofstetter und mit Kirsten Blaise) sowie ein Klavierabend mit Claude Diallo im Kleinen Haus.
Am 15.02. geht es im Konzerthaus los, u.a. mit Händels Feuerwerkmusik. Hier befindet sich die komplette Programmübersicht:
http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/haendel-festspiele/
Und hier ist der Link zum Programm (als pdf-Datei, Größe: 4 MB) der diesjährigen Händel Festspiele.
NACHTRAG (06.02.13): das Badische Staatstheater hat sich freundlicherweise zu einer ungenauen Bemerkung in diesem Blog gemeldet. Folgende Aussage:
"Dieses Jahr ist die Konsequenz zu bemerken: knapp 10 Tage vor Beginn ist noch gar nichts ausverkauft, aber doch vieles sehr gut besucht. Der Schwund ist auf sehr hohem Niveau."
ist wie folgt zu detailieren:
Es ist Fakt, dass zum jetzigen Zeitpunkt trotz ungewöhnlichem Programm (Oratorium/ moderne Oper) bereits mehr Karten verkauft/ reserviert wurden als im Vorjahr (2012: 11.063 Karten, 2013: 11.876 Karten). Dass es für viele Veranstaltungen noch Karten gibt, liegt schlicht und ergreifend daran, dass in diesem Jahr mit 17.751 angebotenen Plätzen aufgrund der hohen Nachfrage weitaus mehr Kapazität geschaffen wurde als 2012 mit 14.743 angebotenen Plätzen.
Vielen Dank für den Hinweis. Mit meiner Bemerkung wollte ich primär darauf hinaus, daß keine der vier Vorstellungen des Doppelabends (Oratorium/Oper) bisher ausverkauft ist, während Alessandro in der letzten Spielzeit ein sehr viel größeres Interesse entgegengebracht wurde.
Freitag, 1. Februar 2013
Spontini - La Vestale, 31.01.2013
Auch fünf Tage nach der Premiere (mehr dazu hier) bestätigen sich die Eindrücke des Wochenendes: dem Badischen Staatstheater gelingt eine weitere spannende musikalische Wiederentdeckung.
Regisseur Aron Stiehl entkleidet La Vestale seines antiken Handlungsgewands und betont, was nach der französischen Revolution bei der Uraufführung 1807 in Paris zwar antiklerikal gedacht war, aber nicht so deutlich wie in der Karlsruher Produktion gezeigt wurde: Aberglaube, Täuschung und die zynische Allianz von Kirche und Herrschaft. Bemerkenswert bei La Vestale ist die Bedeutungsverschiebung der nachrevolutionären Zeit: wo vor der französischen Revolution die Schuldfrage klar entschieden ist -Julia wäre ohne wenn und aber schuldig und ein göttliches Zeichen schickt das himmlische Verzeihen- ist bei Spontini der Zwang betont, der auf Julia ausgeübt wird. Nicht mehr Kirche und Staat sind im Recht, sondern deren Gesetzte zwingen die Figuren gegen ihren freien Willen in ein Korsett, gegen das sie rebellieren müssen, um ihre Liebe zu bekennen. Der Blitzeinschlag am Ende ist die Rechtfertigung eines Mentalitätswandels. In der Karlsruher Regie kommt es anders: Aron Stiehl erkannte, daß ein heutiges Publikum einen Blitzeinschlag als Lösung und Happy-End-Auslöser nicht ernst nehmen und dem Regisseur nicht abnehmen kann.
Der nachrevolutionäre Zeitgeist war so stark, daß auch die restaurative Reaktion aus Adel und Fürsten La Vestale nicht als Bedrohung sah und die Oper europaweit ihren Siegeszug antreten konnte. Das Badische Staatstheater analysierte bspw.: "Auch in Karlsruhe war die Oper sehr beliebt, wurde am Hoftheater von 1813 bis 1840, also über Jahrzehnte, jährlich gespielt." Zuletzt wurde sie 1872 in Karlsruhe gespielt bevor sie 140 Jahre lang aus der Erinnerung verschwand.
In La Vestale kann man das Bemühen um Prunk und Größe immer noch erkennen und die Oper steht damit nach Les Troyens zu Recht in der Spielplanreihe als große historische Oper auf dem Spielplan in Karlsruhe. Spontini ging es um Repräsentation und Wirkung - und ein wenig erscheint seine Oper heute mehr klassizistisch erstarrt als romantisch bewegt. Als Zuhörer interessiert man sich musikalisch nur für die Figur der Julia, die die meisten und interessantesten Arien hat. Licinius hingegen ist nur unzureichend charakterisiert, ohne Paradearie oder tiefe Empfindung. Ihre Liebe bleibt steril. Der Regisseur verzichtet folgerichtig auf zu große Nähe zwischen den beiden; auch im Liebesduett erfolgt fast keine Berührung.
Regisseur Aron Stiehl hatte bereits in seiner oft gelobten Karlsruher Tannhäuser-Inszenierung einen reduzierten Charakterisierungsansatz gewählt. Bei La Vestale erscheint die Personenführung immer wieder zu vorhersehbar und unspontan. Man kann sich darüber streiten, ob das nun reduziert oder zu schlicht ist. In beiden Fällen erlaubt diese Form der Inszenierung zumindest die Konzentration auf Sänger, Musik und Stimmungsfarben.
Die Höhepunkte der Oper befinden sich im 2. Akt: Julias Szenen gehören zu den emotionsreichsten und dramatisch expressivsten Momenten des Abends. Die Sopranistin Daniela Köhler, die im Februar die B-Premiere singen sollte, sprang bereits gestern für die erkrankte Barbara Dobrzanska ein. Köhler studierte an der Musikhochschule in Karlsruhe und war Mitglied des Karlsruher Opernstudios. Man konnte gespannt sein, wie sich die junge Sängerin in ihrer ersten Hauptrolle präsentiert - und sie hatte einen guten und vielversprechenden Auftritt und wird sich bei den kommenden Aufführungen noch steigern können.
Die Rolle des Licinius ist bei Andrea Shin bestens aufgehoben und ein wenig bedauert man, daß er nicht die Gelegenheit hat mehr kantable Arien zu singen, um die Schönheit seiner Stimme effektvoller in Szene zu setzen.
Konstantin Gorny als Pontifex schafft es durch seine starke Bühnenpräsenz und Stimme, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und seiner Figur einen Charakter zu geben. Ich kann mich nur wiederholen: Bravo! Es wird Zeit, daß man ihm mal wieder eine Oper und Inszenierung auf seine Stärken hin maßschneidert (z.B. als Heinrich VIII. in Donizettis Anna Bolena? Wer denkt nicht gerne zurück an Verdis Attila oder seinen Auftritt als Don Giovanni oder Boitos Mefistofele oder Méphistophèles in Gounods Faust).
Kataharine Tier ist ebenfalls ein klarer Gewinn: stimmgewaltig und dominant nimmt man ihr die Oberpriesterin jederzeit ab. An diesem Abend sang Klaus Schneider die Rolle des Cinna und es bleibt mir rätselhaft, wieso er nicht schon die Premiere sang.
Wie immer kann man sich auf Johannes Willig und die Badische Staatskapelle sowie den Chor verlassen, der in La Vestale eine tragende Rolle und viel Text hat und von Ulrich Wagner wieder sehr gut einstudiert ist.
Eine musikalisch spannende und in ihrer inszenatorischen Haltung intelligente und begrüßenswerte Produktion mit einer etwas zu statischen Regie, die dennoch nicht stört und den Stimmen den Vorrang lässt.
Regisseur Aron Stiehl entkleidet La Vestale seines antiken Handlungsgewands und betont, was nach der französischen Revolution bei der Uraufführung 1807 in Paris zwar antiklerikal gedacht war, aber nicht so deutlich wie in der Karlsruher Produktion gezeigt wurde: Aberglaube, Täuschung und die zynische Allianz von Kirche und Herrschaft. Bemerkenswert bei La Vestale ist die Bedeutungsverschiebung der nachrevolutionären Zeit: wo vor der französischen Revolution die Schuldfrage klar entschieden ist -Julia wäre ohne wenn und aber schuldig und ein göttliches Zeichen schickt das himmlische Verzeihen- ist bei Spontini der Zwang betont, der auf Julia ausgeübt wird. Nicht mehr Kirche und Staat sind im Recht, sondern deren Gesetzte zwingen die Figuren gegen ihren freien Willen in ein Korsett, gegen das sie rebellieren müssen, um ihre Liebe zu bekennen. Der Blitzeinschlag am Ende ist die Rechtfertigung eines Mentalitätswandels. In der Karlsruher Regie kommt es anders: Aron Stiehl erkannte, daß ein heutiges Publikum einen Blitzeinschlag als Lösung und Happy-End-Auslöser nicht ernst nehmen und dem Regisseur nicht abnehmen kann.
Der nachrevolutionäre Zeitgeist war so stark, daß auch die restaurative Reaktion aus Adel und Fürsten La Vestale nicht als Bedrohung sah und die Oper europaweit ihren Siegeszug antreten konnte. Das Badische Staatstheater analysierte bspw.: "Auch in Karlsruhe war die Oper sehr beliebt, wurde am Hoftheater von 1813 bis 1840, also über Jahrzehnte, jährlich gespielt." Zuletzt wurde sie 1872 in Karlsruhe gespielt bevor sie 140 Jahre lang aus der Erinnerung verschwand.
In La Vestale kann man das Bemühen um Prunk und Größe immer noch erkennen und die Oper steht damit nach Les Troyens zu Recht in der Spielplanreihe als große historische Oper auf dem Spielplan in Karlsruhe. Spontini ging es um Repräsentation und Wirkung - und ein wenig erscheint seine Oper heute mehr klassizistisch erstarrt als romantisch bewegt. Als Zuhörer interessiert man sich musikalisch nur für die Figur der Julia, die die meisten und interessantesten Arien hat. Licinius hingegen ist nur unzureichend charakterisiert, ohne Paradearie oder tiefe Empfindung. Ihre Liebe bleibt steril. Der Regisseur verzichtet folgerichtig auf zu große Nähe zwischen den beiden; auch im Liebesduett erfolgt fast keine Berührung.
Regisseur Aron Stiehl hatte bereits in seiner oft gelobten Karlsruher Tannhäuser-Inszenierung einen reduzierten Charakterisierungsansatz gewählt. Bei La Vestale erscheint die Personenführung immer wieder zu vorhersehbar und unspontan. Man kann sich darüber streiten, ob das nun reduziert oder zu schlicht ist. In beiden Fällen erlaubt diese Form der Inszenierung zumindest die Konzentration auf Sänger, Musik und Stimmungsfarben.
Die Höhepunkte der Oper befinden sich im 2. Akt: Julias Szenen gehören zu den emotionsreichsten und dramatisch expressivsten Momenten des Abends. Die Sopranistin Daniela Köhler, die im Februar die B-Premiere singen sollte, sprang bereits gestern für die erkrankte Barbara Dobrzanska ein. Köhler studierte an der Musikhochschule in Karlsruhe und war Mitglied des Karlsruher Opernstudios. Man konnte gespannt sein, wie sich die junge Sängerin in ihrer ersten Hauptrolle präsentiert - und sie hatte einen guten und vielversprechenden Auftritt und wird sich bei den kommenden Aufführungen noch steigern können.
Die Rolle des Licinius ist bei Andrea Shin bestens aufgehoben und ein wenig bedauert man, daß er nicht die Gelegenheit hat mehr kantable Arien zu singen, um die Schönheit seiner Stimme effektvoller in Szene zu setzen.
Konstantin Gorny als Pontifex schafft es durch seine starke Bühnenpräsenz und Stimme, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und seiner Figur einen Charakter zu geben. Ich kann mich nur wiederholen: Bravo! Es wird Zeit, daß man ihm mal wieder eine Oper und Inszenierung auf seine Stärken hin maßschneidert (z.B. als Heinrich VIII. in Donizettis Anna Bolena? Wer denkt nicht gerne zurück an Verdis Attila oder seinen Auftritt als Don Giovanni oder Boitos Mefistofele oder Méphistophèles in Gounods Faust).
Kataharine Tier ist ebenfalls ein klarer Gewinn: stimmgewaltig und dominant nimmt man ihr die Oberpriesterin jederzeit ab. An diesem Abend sang Klaus Schneider die Rolle des Cinna und es bleibt mir rätselhaft, wieso er nicht schon die Premiere sang.
Wie immer kann man sich auf Johannes Willig und die Badische Staatskapelle sowie den Chor verlassen, der in La Vestale eine tragende Rolle und viel Text hat und von Ulrich Wagner wieder sehr gut einstudiert ist.
Eine musikalisch spannende und in ihrer inszenatorischen Haltung intelligente und begrüßenswerte Produktion mit einer etwas zu statischen Regie, die dennoch nicht stört und den Stimmen den Vorrang lässt.
Sonntag, 27. Januar 2013
Spontini - La Vestale, 26.01.2013
Eine Rarität mit großer Geschichte hatte gestern (fast genau 205 Jahre nach der Uraufführung in Paris in Anwesenheit Napoleons) Premiere am Badischen Staatstheater: La Vestale - die Vestalin von Gaspare Spontini. Und wie schon bei Berlioz' Trojanern handelt es sich um eine wertvolle Wiederentdeckung mit einigen musikalischen Höhepunkten, sehr guten Sängern und einer guten Inszenierung. Alle Beteiligten bekamen viel Applaus und Zustimmung.
Dienstag, 22. Januar 2013
Hommage an Timo Tank
Es ist bisher (und nicht zum ersten Mal im letzten Jahrzehnt) im Schauspiel die Spielzeit von Timo Tank. Er hatte herausragenden Szenen in My secret Garden, er ist der stärkste Schauspieler in Büchners Dantons Tod und liefert ein großes Rollenporträt als Sala in Schnitzlers Der einsame Weg. Dabei beweist er, daß es gar nicht immer darauf ankommt was gespielt, wenn man nur die richtigen Schauspieler dafür hat und diese ihre Stärken ausspielen dürfen.
Tank ist wahrscheinlich wie kein anderer des Karlsruher Schauspiel-Ensembles beim Publikum bekannt und beliebt; viele Besucher erkennen ihn auch abseits der Bühne. An vielen Erfolgsstücken des letzten Jahrzehnts war er beteiligt und man kann seine großen Auftritte schon lange nicht mehr an den Fingern beider Hände abzählen. Seine Erfolge umfassen tragende Rollen in wichtigen und erfolgreichen Produktionen und auch Nebenrollen werden bei ihm beachtenswert.
Als Truffaldino (Der Diener zweier Herren) machte er sich beim Karlsruher Schauspielpublikum einen Namen und prädestinierte sich beim Publikum als der Mann, der für die gute Stimmung, den Spaß und die Freude am Theater steht. Seine norddeutsche Lakonik und sein Humor machen ihn zum großen Komödianten. In Stücken wie Das Spiel vom Fragen, Was ihr wollt, Ein Sommernachtstraum, Arsen und Spitzenhäubchen u.v.a.m. brachte er durch seine unverwechselbare Art sein Publikum zum Lachen. Dazu kommt seine hohe Musikalität, die ihn für die Hauptrollen in Cabaret und Big Money prädestinierte. Große Auftritte in ernsten Rollen hatte er beispielsweise als Harry Haller im Steppenwolf, Achill in Kleists Penthesilea oder Graf Wetter vom Strahl in Das Kätchen von Heilbronn, als Happy in Tod eines Handlungsreisenden, als Mr. Marmalade oder auch den Insel-Produktion Sommersalon, Der Kissenmann und vielen weiteren.
Immer wieder fasziniert, wie er mit scheinbar wenig Aufwand seiner Figur einen Charakter gibt (z.B. in der kleinen Rolle als Prof. Kirschbaum in Jakob der Lügner). Sogar Nebenrollen werden bei ihm so zur großen Kunst. Er stellt seine Rollen nie motiv- oder motivationslos oder als phantastisch-erdachte Hybride dar, sondern behält immer das menschliche Maß der Charaktere im Auge. Dazu steht er mit perfekter Selbstverständlichkeit und Professionalität auf der Bühne und ist vielseitig wie nur wenige andere: er kann alles spielen!
Betrachtet man das Phänomen Timo Tank, fällt seine Wandlungsfähigkeit auf. Große Schauspieler kann man mit einem Chamäleon vergleichen: verwandelbar und fähig zur Charakter-Metamorphose, aber als Gestalt unverwechselbar, bieten die besten unter ihnen einen großen Farbenreichtum oder reflektieren in einigen wenigen, aber perfekt abgestimmten Farben. Timo Tank gehört zu denen, die durch Vielfalt und Genauigkeit verblüffen und begeistern. Wie kein anderer versteht er sich dazu auf die Kunst der Körpersprache, der Mimik und Gestik
Viele seine Rollen sind mir unvergessen und setzten den Standard für das, was man von einem hervorragenden Schauspieler erwarten kann: ein Chamäleon zu sein, das durch seine Wandelbarkeit immer wieder das Publikum in seinen Bann zieht. Timo Tank ist der Glücksfall eines kompletten und charismatischen Schauspielers, den jede Bühne benötigt, um beim Publikum zu punkten und es für sich zu gewinnen: er ist mehr denn je für die Ausstrahlung des Karlsruher Schauspiels unersetzlich.
Tank ist wahrscheinlich wie kein anderer des Karlsruher Schauspiel-Ensembles beim Publikum bekannt und beliebt; viele Besucher erkennen ihn auch abseits der Bühne. An vielen Erfolgsstücken des letzten Jahrzehnts war er beteiligt und man kann seine großen Auftritte schon lange nicht mehr an den Fingern beider Hände abzählen. Seine Erfolge umfassen tragende Rollen in wichtigen und erfolgreichen Produktionen und auch Nebenrollen werden bei ihm beachtenswert.
Als Truffaldino (Der Diener zweier Herren) machte er sich beim Karlsruher Schauspielpublikum einen Namen und prädestinierte sich beim Publikum als der Mann, der für die gute Stimmung, den Spaß und die Freude am Theater steht. Seine norddeutsche Lakonik und sein Humor machen ihn zum großen Komödianten. In Stücken wie Das Spiel vom Fragen, Was ihr wollt, Ein Sommernachtstraum, Arsen und Spitzenhäubchen u.v.a.m. brachte er durch seine unverwechselbare Art sein Publikum zum Lachen. Dazu kommt seine hohe Musikalität, die ihn für die Hauptrollen in Cabaret und Big Money prädestinierte. Große Auftritte in ernsten Rollen hatte er beispielsweise als Harry Haller im Steppenwolf, Achill in Kleists Penthesilea oder Graf Wetter vom Strahl in Das Kätchen von Heilbronn, als Happy in Tod eines Handlungsreisenden, als Mr. Marmalade oder auch den Insel-Produktion Sommersalon, Der Kissenmann und vielen weiteren.
Immer wieder fasziniert, wie er mit scheinbar wenig Aufwand seiner Figur einen Charakter gibt (z.B. in der kleinen Rolle als Prof. Kirschbaum in Jakob der Lügner). Sogar Nebenrollen werden bei ihm so zur großen Kunst. Er stellt seine Rollen nie motiv- oder motivationslos oder als phantastisch-erdachte Hybride dar, sondern behält immer das menschliche Maß der Charaktere im Auge. Dazu steht er mit perfekter Selbstverständlichkeit und Professionalität auf der Bühne und ist vielseitig wie nur wenige andere: er kann alles spielen!
Betrachtet man das Phänomen Timo Tank, fällt seine Wandlungsfähigkeit auf. Große Schauspieler kann man mit einem Chamäleon vergleichen: verwandelbar und fähig zur Charakter-Metamorphose, aber als Gestalt unverwechselbar, bieten die besten unter ihnen einen großen Farbenreichtum oder reflektieren in einigen wenigen, aber perfekt abgestimmten Farben. Timo Tank gehört zu denen, die durch Vielfalt und Genauigkeit verblüffen und begeistern. Wie kein anderer versteht er sich dazu auf die Kunst der Körpersprache, der Mimik und Gestik
Viele seine Rollen sind mir unvergessen und setzten den Standard für das, was man von einem hervorragenden Schauspieler erwarten kann: ein Chamäleon zu sein, das durch seine Wandelbarkeit immer wieder das Publikum in seinen Bann zieht. Timo Tank ist der Glücksfall eines kompletten und charismatischen Schauspielers, den jede Bühne benötigt, um beim Publikum zu punkten und es für sich zu gewinnen: er ist mehr denn je für die Ausstrahlung des Karlsruher Schauspiels unersetzlich.
Sonntag, 20. Januar 2013
Schnitzler - Der einsame Weg, 19.01.2013
Die neuste Schauspielproduktion des Badischen Staatstheaters wurde gestern verdient mit lang anhaltendem Applaus belohnt. Der einsame Weg erlebte seine Uraufführung im Januar 1904 im Deutschen Theater in Berlin und bewies auch bei der Premiere in Karlsruhe eindrucksvoll die Aktualität und Größe Arthur Schnitzlers. Als Zuschauer wird man geradezu in den Spannungs-Sog des Dramas gezogen.
Freitag, 18. Januar 2013
Interview mit Birgit Keil
Ein kurzes Interview mit Birgit Keil findet sich hier:
http://www.nmz.de/kiz/nachrichten/direktorin-birgit-keil-will-mit-karlsruher-staatsballett-weiter-nach-oben
http://www.nmz.de/kiz/nachrichten/direktorin-birgit-keil-will-mit-karlsruher-staatsballett-weiter-nach-oben
Noch kein Publikumszuwachs im Badischen Staatstheater
Betrachten wir mal die Momentaufnahme, die das Badische Staatstheater heute veröffentlicht hat:
"Die Bilanz der ersten Monate, September bis Dezember, der Spielzeit 2012/13 kann sich sehen lassen. Ein Vergleich mit den letzten sechs Spielzeiten zeigt, dass in diesem Zeitraum erstmals mit 103.643 Besuchern die 100.000er Marke überschritten wurde. Der entsprechende Durchschnitt der letzten sechs Spielzeiten lag bei rund 93.000 Besuchern"
Nur gab es in den vergangenen Jahren bis 2010/2011 noch kein Kinder- und Jugendtheater. In der Saison 2011/2012 hatte man laut Staatstheater über 50.000 Kinder und Jugendliche erreicht, also ca 5000 pro Monat. Wenn sich diese Rate gehalten hat, kann man wohl mindestens 10.000 Besucher von der offiziellen Statistik der ersten drei Monate abziehen und liegt damit (bestenfalls) auf dem Niveau der Vorjahre.
Glückwunsch! Das Badische Staatstheater ist auf Kurs und hält im Erwachsenenbetrieb die Zuschauerzahlen der letzten Jahre ungefähr konstant, kann sich aber durch seine bravouröse organisatorische Leistung im Kindertheater ein Publikumsplus erarbeiten.
"Die Bilanz der ersten Monate, September bis Dezember, der Spielzeit 2012/13 kann sich sehen lassen. Ein Vergleich mit den letzten sechs Spielzeiten zeigt, dass in diesem Zeitraum erstmals mit 103.643 Besuchern die 100.000er Marke überschritten wurde. Der entsprechende Durchschnitt der letzten sechs Spielzeiten lag bei rund 93.000 Besuchern"
Nur gab es in den vergangenen Jahren bis 2010/2011 noch kein Kinder- und Jugendtheater. In der Saison 2011/2012 hatte man laut Staatstheater über 50.000 Kinder und Jugendliche erreicht, also ca 5000 pro Monat. Wenn sich diese Rate gehalten hat, kann man wohl mindestens 10.000 Besucher von der offiziellen Statistik der ersten drei Monate abziehen und liegt damit (bestenfalls) auf dem Niveau der Vorjahre.
Glückwunsch! Das Badische Staatstheater ist auf Kurs und hält im Erwachsenenbetrieb die Zuschauerzahlen der letzten Jahre ungefähr konstant, kann sich aber durch seine bravouröse organisatorische Leistung im Kindertheater ein Publikumsplus erarbeiten.
Montag, 14. Januar 2013
Berlioz - Les Troyens, 13.01.2013
Es wird hoffentlich eines Tages rückblickend als eine Großtat des Operndirektors Joscha Schaback und des Dramaturgieleiters Bernd Feuchtner gelten, Berlioz für Karlsruhe neu entdeckt und ihn neben die anderen "Hausgötter" Händel, Mozart, Wagner, Brahms und R. Strauss gestellt zu haben. Die in Karlsruhe 1890 uraufgeführten Trojaner sollten in Karlsruhe einen besonderen Rang (wie z.B. Strauss' Die Frau ohne Schatten) einnehmen und werden hoffentlich von nun an wieder regelmäßig gespielt und inszeniert.
Die gestrige Wiederaufnahme bestätigte den großen Eindruck der letzten Spielzeit (mehr dazu hier, hier und hier). Eine besondere Stärke der Oper ist die Berlioz'sche Orchesterbehandlung, von der man nur schwärmen kann. Wollte man die vielfältigen Klangfarben beschreiben, müsste man die ganze Oper erzählen. Berlioz' Orchester ist vital und abwechslungsreich, seine Figuren hingegen blass: in nur wenigen Szenen werden sie lebendig. Aeneas bleibt dem Publikum fremd, Dido und Kassandra gehen nur selten zu Herzen. Das große Liebesduett im 4. Akt ist ein Juwel, doch die Musik ist mehr Konzertstück als Oper. Opernhaft gelingen vor allem die Chorszenen und Ensembles. Bei Richard Wagner gelang, wo Berlioz kämpfte: das Zusammenspiel von Darstellung und Charakterisierung zu finden. Les Troyens ist dennoch eine große Oper, deren Schwächen keine Fehler sind, sondern faszinierende Eigenart.
Chor, Orchester, Bühnentechnik und Sänger - Die Trojaner sind in jeder Hinsicht eine Produktion auf sehr hohem Niveau. Bei den Sängern ist es weiterhin eine homogene und starke Gesamtleistung, bei der viele in Erinnerung bleiben: Christina Niessen und Armin Kolarczyk als starkes Paar in der Einnahme Trojas. Die Trojaner in Karthago glänzten wie erwartet durch Heidi Melton, John Treleaven (der im 5. Akt Szenenapplaus und spontane Bravos für seine große Arie bekam), Konstantin Gorny, Eleazar Rodriguez und Sebastian Kohlhepp. Ewa Wolak debütierte gestern als Didos Schwester Anna und bewies eindrucksvoll (wie schon in den Gurreliedern), daß sie unbedingt wieder öfters zu hören sein muß.
Das gestrige Publikum gab langen und enthusiastischen Applaus - Les Troyens ist eine grandiose Vorzeigeproduktion, auf die man am Badischen Staatstheater stolz sein darf!
Einen Wermutstropfen gab es:
Statt diese für Karlsruhe so wichtige und besondere Oper an möglichst volle Abonnements zu verteilen, gibt es vier Aufführungen vor relativ leeren Abos, die durch den freien Verkauf aufgefüllt werden müssen und so vor einem etwas zu mager gefüllten Opernhaus präsentiert werden. Schade, die Trojaner hätten mehr verdient.
Ein wenig kann man den Eindruck gewinnen, also ob in diesem Jahr die Sparte Oper im Vergleich bspw. zum Schauspiel weniger Planungsaufmerksamkeit erhalten hat. [Im Schauspiel achtet man anscheinend diese Spielzeit besonders darauf, möglichst viele Abonennten, organisierte Besuchergruppen mit reduzierten Eintrittskartenpreisen und Schulklassen bei seinen Vorstellungen zu haben, um nicht wie im letzten Jahr (und in dieser Saison bei den Wiederaufnahmen im Studio) meistens vor halbleeren oder leeren Zuschauerrängen spielen zu müssen. So waren schon frühzeitig Schauspielvorstellungen von Stücken sehr gut belegt, die noch nicht einmal Premiere hatten - also eine erzwungene Kehrtwende, um das Sprechtheater aus der Kritik zu holen.]
Für die Trojaner hat man anscheinend nicht dieselbe Sorgfalt walten lassen.
PS(1): Die Uraufführung erfolgte in Karlsruhe am 5. und 6. Dezember 1890. Im Dezember 2015 ist also 125 Jahre später der richtige Zeitpunkt für die Karlsruher Gedenkaufführung und ein guter Grund für eine Wiederaufnahme!
PS(2): Die Reihe der großen französischen Opern wird am 26.01.2013 mit Spontinis La Vestale forgesetzt. Man kann nur hoffen, daß die Karlsruher Opernleitung genug Atem hat, um Karlsruhe als Zentrum französischer Opernpflege langfristig zu re-etablieren.
Wie könnte es weiter gehen?
Die gestrige Wiederaufnahme bestätigte den großen Eindruck der letzten Spielzeit (mehr dazu hier, hier und hier). Eine besondere Stärke der Oper ist die Berlioz'sche Orchesterbehandlung, von der man nur schwärmen kann. Wollte man die vielfältigen Klangfarben beschreiben, müsste man die ganze Oper erzählen. Berlioz' Orchester ist vital und abwechslungsreich, seine Figuren hingegen blass: in nur wenigen Szenen werden sie lebendig. Aeneas bleibt dem Publikum fremd, Dido und Kassandra gehen nur selten zu Herzen. Das große Liebesduett im 4. Akt ist ein Juwel, doch die Musik ist mehr Konzertstück als Oper. Opernhaft gelingen vor allem die Chorszenen und Ensembles. Bei Richard Wagner gelang, wo Berlioz kämpfte: das Zusammenspiel von Darstellung und Charakterisierung zu finden. Les Troyens ist dennoch eine große Oper, deren Schwächen keine Fehler sind, sondern faszinierende Eigenart.
Chor, Orchester, Bühnentechnik und Sänger - Die Trojaner sind in jeder Hinsicht eine Produktion auf sehr hohem Niveau. Bei den Sängern ist es weiterhin eine homogene und starke Gesamtleistung, bei der viele in Erinnerung bleiben: Christina Niessen und Armin Kolarczyk als starkes Paar in der Einnahme Trojas. Die Trojaner in Karthago glänzten wie erwartet durch Heidi Melton, John Treleaven (der im 5. Akt Szenenapplaus und spontane Bravos für seine große Arie bekam), Konstantin Gorny, Eleazar Rodriguez und Sebastian Kohlhepp. Ewa Wolak debütierte gestern als Didos Schwester Anna und bewies eindrucksvoll (wie schon in den Gurreliedern), daß sie unbedingt wieder öfters zu hören sein muß.
Das gestrige Publikum gab langen und enthusiastischen Applaus - Les Troyens ist eine grandiose Vorzeigeproduktion, auf die man am Badischen Staatstheater stolz sein darf!
Einen Wermutstropfen gab es:
Statt diese für Karlsruhe so wichtige und besondere Oper an möglichst volle Abonnements zu verteilen, gibt es vier Aufführungen vor relativ leeren Abos, die durch den freien Verkauf aufgefüllt werden müssen und so vor einem etwas zu mager gefüllten Opernhaus präsentiert werden. Schade, die Trojaner hätten mehr verdient.
Ein wenig kann man den Eindruck gewinnen, also ob in diesem Jahr die Sparte Oper im Vergleich bspw. zum Schauspiel weniger Planungsaufmerksamkeit erhalten hat. [Im Schauspiel achtet man anscheinend diese Spielzeit besonders darauf, möglichst viele Abonennten, organisierte Besuchergruppen mit reduzierten Eintrittskartenpreisen und Schulklassen bei seinen Vorstellungen zu haben, um nicht wie im letzten Jahr (und in dieser Saison bei den Wiederaufnahmen im Studio) meistens vor halbleeren oder leeren Zuschauerrängen spielen zu müssen. So waren schon frühzeitig Schauspielvorstellungen von Stücken sehr gut belegt, die noch nicht einmal Premiere hatten - also eine erzwungene Kehrtwende, um das Sprechtheater aus der Kritik zu holen.]
Für die Trojaner hat man anscheinend nicht dieselbe Sorgfalt walten lassen.
PS(1): Die Uraufführung erfolgte in Karlsruhe am 5. und 6. Dezember 1890. Im Dezember 2015 ist also 125 Jahre später der richtige Zeitpunkt für die Karlsruher Gedenkaufführung und ein guter Grund für eine Wiederaufnahme!
PS(2): Die Reihe der großen französischen Opern wird am 26.01.2013 mit Spontinis La Vestale forgesetzt. Man kann nur hoffen, daß die Karlsruher Opernleitung genug Atem hat, um Karlsruhe als Zentrum französischer Opernpflege langfristig zu re-etablieren.
Wie könnte es weiter gehen?
- Gerade weil das letzte Jahrzehnt in Karlsruhe viel Puccini gebracht hat, wäre als Alternative Jules Massenet angebracht: seine Zauberoper Esclarmonde (wirkt ein wenig wie eine französische Frau ohne Schatten) oder Thaïs (ich kann schon Armin Kolarczyk als Athanaël vor meinem inneren Ohr hören).
- Der große Karlsruher Hofkapellmeister Felix Mottl leitete nicht nur die Uraufführung der Trojaner, sondern bemühte sich auch um die Opern Emmanuel Chabriers, dessen Gwendoline und Le Roi malgré lui in Karlsruhe ihre deutsche Erstaufführung erlebten. Mottl beabsichtige auch die Uraufführung von Ernest Chaussons Le roi Arthus, die dann doch nicht gelang.
- Eine Oper von Meyerbeer oder La Juive von Halévy sollte nicht fehlen.
- Es fehlt in Karlsruhe auch Louise von Gustave Charpentier. Die damals als epochal empfundene Erfolgsoper des Jahres 1900, die in ihrem Uraufführungsjahr 100 mal an der Opera-comique gespielt wurde und in Charpentiers Todesjahr 1956 ihre 1000. Aufführung in Paris erlebte.
- Die namhaften Italiener, die für Paris komponierten umfassen neben Spontini auch Cherubini (z.B. Medée oder Lodoïska), Rossini (z.B. Le comte Ory oder Il viaggio à Reims), Donizetti (z.B. La Favorite oder Dom Sébastien (2009 vom Trojaner-Inszenierungsteam David Hermann/Christof Hetzer mit Christoph Gedschold als Dirigent an der Nürnberger Oper gespielt)) oder auch Verdi (z.B. Les vêpres siciliennes).
- Weitere schöne Raritäten für diese Reihe: Dukas - Ariane et Barbe-Bleu, Debussy - Pellléas et Mélisande, d'Indy - L'etranger, Fauré - Pénélope, Roussel - Padmâvatî (auch weil Delibes Lakmé noch nicht lange genug her ist) oder Poulencs Dialog der Karmeliterinnen.
Donnerstag, 10. Januar 2013
Bizet - Carmen, 09.01.2013
Man kann die Thorwald-Inszenierung bemängeln, aber man muß auch eines eingestehen: diese Carmen ist die ideale Einstiegsoper für Neu- und Gelegenheitsbesucher. Das Publikum wird nicht durch überraschende Regieeinfälle abgelenkt, sondern schaut und hört unbelastet zu und hat Spaß an einer bekömmlichen Präsentation, die musikalisch sehr gut besetzt ist. Man könnte fast behaupten, daß es heutzutage eine mutige Regie ist, die sich selber bescheiden im Hintergrund hält und auf besondere Originalitätsbeweise verzichtet, um ein möglichst großes Publikum zufriedenzustellen. Ständig ausverkaufte Vorstellungen im zehnten Jahr nach der Premiere und persönliche Erfahrungen mit Besuchern scheinen dies zu bestätigen.
Freitag, 4. Januar 2013
Stuttgarter Zeitung: Lob fürs Karlsruher Ballett
Die Stuttgarter Zeitung würdigt Birgit Keil und das Badische Staatsballett:
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ballett-das-unverwechselbare-profil-ist-ihr-wichtig.8304e8ad-fb63-429a-ae2d-3eeec4ce8674.html
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ballett-das-unverwechselbare-profil-ist-ihr-wichtig.8304e8ad-fb63-429a-ae2d-3eeec4ce8674.html
Hommage an Barbara Dobrzanska
Langsam steigt die Vorfreude: Bei der Premiere am 26.01.2013 wird Barbara Dobrzanska als Vestalin die
Titelrolle in Spontinis gleichnamiger Oper interpretieren. Dobrzanska ist ein Glücksfall für die Karlsruher Oper, und mehr
noch - sie ist seit einem Jahrzehnt der Leidenschaftsmaßstab im Karlsruher Opernleben und die Stimme, die in der
Erinnerung und in den Herzen des Publikums bleibt und viele Zuschauer wie keine andere gerührt und getroffen hat.
Das Schönste kann manchmal das Traurigste sein. Könnte man, vergleichbar der Richter-Skala für Erdbeben, tragisch-traurige Emotionsausbrüche messen, so hätte man für Dobrzankas Auftritte als Schwester Angelica an den Meßstationen schwere Erschütterungen in Karlsruhe verzeichnen können. Wer es nicht selber erlebt und beobachtet hat, kann sich kaum vorstellen, wie unmittelbar, echt und verzweifelt die Notrufe an die Mutter Gottes durch das Opernhaus hallten, wie still und betroffen das Publikum war, wie unzählige Taschen nach Taschentücher durchsucht wurden, wie viele Tränen am Ende dieser Puccini Oper vergossen wurden und verlaufene Wimperntusche in der Pause abgeschminkt wurde. Barbara Dobrzanskas Auftritte in dieser Rolle waren Sternstunden und der Beginn der großen Zuneigung, die ihr in Karlsruhe seitdem entgegengebracht wird. Und sie hat ihrem Publikum seither noch viele weitere Glücksmomente geschenkt: ob nun beispielsweise in den großen Puccini Rollen (Tosca, Liu, Manon, Butterfly, Mimi) in Verdi (Desdemona, Elisabetta, Luisa Miller, Amalia, ...), als Maddalena (André Chenier), Marguerite und Elena (Boitos Mefistofele), Dvoraks Rusalka, Tatiana (Eugen Onegin), Maria (Mazeppa), Micaëla (Carmen), Antonia (Hoffmanns Erzählungen), Roxane (Cyrano de Bergerac) oder zuletzt als Donna Anna (Don Giovanni), Katia Kabanova und La Gioconda. Lauter Rolleninterpretationen, die man als Zuschauer als große und besondere Momente in Erinnerung behält.
Jede neue Hauptrolle für Dobrzanska ist eine Spielzeithöhepunkt im Opernhaus und man kann darüber spekulieren, welche Rollen als nächstes kommen könnten: Leonora in Verdis La forza del destino, Nedda in Leoncavallos Pagliacci, Adriana Lecouvreur von Cilea oder Catalanis La Wally wären mögliche Kandidaten. Und zweifellos schuldet die Opernleitung eines Tages dem Publikum und Barbara Dobrzanska eine Karlsruher Norma. Welche zukünftige Rollen es auch sein werden, wer wollte daran zweifeln, daß sie ihr Publikum zu Ovationen hinreißen wird!
Das Schönste kann manchmal das Traurigste sein. Könnte man, vergleichbar der Richter-Skala für Erdbeben, tragisch-traurige Emotionsausbrüche messen, so hätte man für Dobrzankas Auftritte als Schwester Angelica an den Meßstationen schwere Erschütterungen in Karlsruhe verzeichnen können. Wer es nicht selber erlebt und beobachtet hat, kann sich kaum vorstellen, wie unmittelbar, echt und verzweifelt die Notrufe an die Mutter Gottes durch das Opernhaus hallten, wie still und betroffen das Publikum war, wie unzählige Taschen nach Taschentücher durchsucht wurden, wie viele Tränen am Ende dieser Puccini Oper vergossen wurden und verlaufene Wimperntusche in der Pause abgeschminkt wurde. Barbara Dobrzanskas Auftritte in dieser Rolle waren Sternstunden und der Beginn der großen Zuneigung, die ihr in Karlsruhe seitdem entgegengebracht wird. Und sie hat ihrem Publikum seither noch viele weitere Glücksmomente geschenkt: ob nun beispielsweise in den großen Puccini Rollen (Tosca, Liu, Manon, Butterfly, Mimi) in Verdi (Desdemona, Elisabetta, Luisa Miller, Amalia, ...), als Maddalena (André Chenier), Marguerite und Elena (Boitos Mefistofele), Dvoraks Rusalka, Tatiana (Eugen Onegin), Maria (Mazeppa), Micaëla (Carmen), Antonia (Hoffmanns Erzählungen), Roxane (Cyrano de Bergerac) oder zuletzt als Donna Anna (Don Giovanni), Katia Kabanova und La Gioconda. Lauter Rolleninterpretationen, die man als Zuschauer als große und besondere Momente in Erinnerung behält.
Jede neue Hauptrolle für Dobrzanska ist eine Spielzeithöhepunkt im Opernhaus und man kann darüber spekulieren, welche Rollen als nächstes kommen könnten: Leonora in Verdis La forza del destino, Nedda in Leoncavallos Pagliacci, Adriana Lecouvreur von Cilea oder Catalanis La Wally wären mögliche Kandidaten. Und zweifellos schuldet die Opernleitung eines Tages dem Publikum und Barbara Dobrzanska eine Karlsruher Norma. Welche zukünftige Rollen es auch sein werden, wer wollte daran zweifeln, daß sie ihr Publikum zu Ovationen hinreißen wird!
Montag, 31. Dezember 2012
Rokokotheater Schwetzingen: Porpora - Polifemo, 30.12.2012
Im Schwetzinger Rokokotheater wird zur Zeit eine deutsche Erst(!)aufführung präsentiert: die Oper Polifemo von Antonio Porpora, die vor 278 Jahren uraufgeführt wurde. Für Anhänger von Barockopern lohnen die 30 Minuten Fahrt von Karlsruhe in die ehemals kurpfälzische Sommerresidenz.
Donnerstag, 20. Dezember 2012
Giselle (Ballett), 19.12.2012
Nach der Generalprobe von Giselle gab es schon genug Grund zur Vorfreude und die gestrige Vorstellung bestätigte die sehr guten Eindrücke.
Tänzerisch war gestern Bruna Andrade die herausragende Person auf der Bühne. Sie war erst letzte Woche die strahlende Weihnachtsfee im Nußknacker und hat beide Hauptrollen in Giselle einstudiert: die Titelrolle und die unerbittliche Königin der Wilis. Gestern hatte sie einen großen Auftritt als anfangs unbekümmerte, glücklich verliebte Giselle, deren Welt dann plötzlich und schnell zusammenbricht. Im zweiten Akt gleitet sie dann mit gespenstischer Leichtigkeit über die Bühne und verteidigt Albrecht gegen Myrtha und ihre Wilis - eine sehr ausdrucksstarke und überzeugende Leistung. Andrade hat sich über die letzten Jahre stetig gesteigert und ist seit dieser Spielzeit verdient erste Solistin geworden. Glückwunsch und Bravo!
Glückwunsch und Bravo auch an Admill Kuyler. Auch er ist seit dieser Spielzeit erster Solist und wer sich die Rolle des Albrecht in Karlsruhe nur in der Besetzung mit Flavio Salamanka vorstellen kann, der sollte sich Giselle auch noch mal mit Kuyler ansehen: die extrem schwierige Rolle mit den vielen kräftezehrenden Sprüngen ist auch mit ihm sehr gut besetzt.
Harriet Mills als Myrtha, Blythe Newman und Barbara Blanche als erste Wilis sowie Bledi Bejleri als Hillarion und die ganze Kompagnie waren die Garanten für eine sehr schöne Vorstellung. In Giselle begeistert insbesondere der zweite Teil, in dem gestern 24 verblüffend synchrone Wilis in klassischer Tanzschönheit auftreten und in dem durch atmosphärisch-effektive Lichtregie ein Paradebeispiel für nachtblaue Schauerromantik geben wird.
Musikalisch leitete Christoph Gedschold so überzeugend, daß man ihm eigentliche alle Ballett-Aufführungen anvertrauen sollte. Er wertet den Ballettabend immer auch zu einem beeindruckenden Symphoniekonzert auf.
Die Weihnachtszeit ist für das Badische Staatstheater traditionell die Zeit ausverkaufter Vorstellungen und es ist notwendig allen Tänzern hier mal Respekt für ihre Leistungsfähigkeit zu zollen. Innerhalb von neun Tagen haben sie drei mal auf der Bühne gestanden: letzten Dienstag im Nußknacker, letzten Donnerstag in Momo und gestern in Giselle. In den neun Vorstellungen waren ca 3100 Besucher, also eine Auslastung von über 100%, da auch zahlreiche Stehplätze verkauft wurden.
Tänzerisch war gestern Bruna Andrade die herausragende Person auf der Bühne. Sie war erst letzte Woche die strahlende Weihnachtsfee im Nußknacker und hat beide Hauptrollen in Giselle einstudiert: die Titelrolle und die unerbittliche Königin der Wilis. Gestern hatte sie einen großen Auftritt als anfangs unbekümmerte, glücklich verliebte Giselle, deren Welt dann plötzlich und schnell zusammenbricht. Im zweiten Akt gleitet sie dann mit gespenstischer Leichtigkeit über die Bühne und verteidigt Albrecht gegen Myrtha und ihre Wilis - eine sehr ausdrucksstarke und überzeugende Leistung. Andrade hat sich über die letzten Jahre stetig gesteigert und ist seit dieser Spielzeit verdient erste Solistin geworden. Glückwunsch und Bravo!
Glückwunsch und Bravo auch an Admill Kuyler. Auch er ist seit dieser Spielzeit erster Solist und wer sich die Rolle des Albrecht in Karlsruhe nur in der Besetzung mit Flavio Salamanka vorstellen kann, der sollte sich Giselle auch noch mal mit Kuyler ansehen: die extrem schwierige Rolle mit den vielen kräftezehrenden Sprüngen ist auch mit ihm sehr gut besetzt.
Harriet Mills als Myrtha, Blythe Newman und Barbara Blanche als erste Wilis sowie Bledi Bejleri als Hillarion und die ganze Kompagnie waren die Garanten für eine sehr schöne Vorstellung. In Giselle begeistert insbesondere der zweite Teil, in dem gestern 24 verblüffend synchrone Wilis in klassischer Tanzschönheit auftreten und in dem durch atmosphärisch-effektive Lichtregie ein Paradebeispiel für nachtblaue Schauerromantik geben wird.
Musikalisch leitete Christoph Gedschold so überzeugend, daß man ihm eigentliche alle Ballett-Aufführungen anvertrauen sollte. Er wertet den Ballettabend immer auch zu einem beeindruckenden Symphoniekonzert auf.
Die Weihnachtszeit ist für das Badische Staatstheater traditionell die Zeit ausverkaufter Vorstellungen und es ist notwendig allen Tänzern hier mal Respekt für ihre Leistungsfähigkeit zu zollen. Innerhalb von neun Tagen haben sie drei mal auf der Bühne gestanden: letzten Dienstag im Nußknacker, letzten Donnerstag in Momo und gestern in Giselle. In den neun Vorstellungen waren ca 3100 Besucher, also eine Auslastung von über 100%, da auch zahlreiche Stehplätze verkauft wurden.
Montag, 17. Dezember 2012
Schönberg - Gurrelieder, 16.12.2012
Zum 350. Orchestergeburtstag der Badischen Staatskapelle erfolgte am Wochenende ein Konzert, daß man mit ca. 350 Musikern und Sängern besetzen konnte: Schönbergs Gurrelieder - eine Kantate für Soli, Chor und Orchester. Das sechstälteste Orchester der Welt machte sich damit gestern das schönste Geburtstagsgeschenk selber, denn es war eine aufnahmereife Aufführung, bei der vielfältigste Klangfarben und Stimmungen in größtmöglicher Besetzung mit hoher Präzision beeindruckend sicher gespielt wurden.
Doch zu Beginn eine Abschweifung: Vor dem Konzert gab es zum Abschluß des Jubiläumsjahres noch 40 Minuten lang verschiedene Ansprachen, die man fast mit einer Pause vom Konzert hätte trennen können. Nach einer Begrüßung durch den Intendanten Peter Spuhler gab es mehr oder weniger interessante Grußworte von Staatssekretär Frank Mentrup (also der kommende Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe), Kulturbürgermeister Wolfram Jäger und Orchestervorstand Joachim Fleck.
Passend zum Jubiläum hatte man zum Glück auch jemanden gefunden, der einen "Preis" verleihen konnte. Bei aller Freude über soviel Preiswürdiges in letzter Zeit, muß man deren Wert unbedingt mal kritisch einordnen und bewerten. Die Preisverleihung „Bestes Konzertprogramm 2012/13“ des Deutschen Musikverleger-Verbands e. V. würdigt nicht das Orchester, sondern das Konzertprogramm, das laut Laudatio besonders viel zeitgenössische Musik beinhaltet (Verdienen Musikverlage nicht daran, daß zeitgenössische Musik aufgeführt wird? Man verleiht also einen Preis an die guten Kunden?).
Man ließ sich also theoretisch feiern - wie auch bei den anderen "Preisen" in diesem Jahr. Schade - ein wenig kann man bedauern, daß das Badische Staatstheater seine "Preise" bisher nur für gute Absichten bekommen hat und nie für gute Ausführung oder Resultate. Man muß es auch klar feststellen: in ihrer Beliebigkeit hätte man alle bisher erhaltenen "Preise" auch zu anderen Zeitpunkten in den letzten Jahrzehnten bekommen können und gleichermaßen verdient. Schon Kazushi Ono brachte viel moderne Musik, Ulrich Wagner hat durch ein Jahrzehnt Nachtklänge und Kindermusikkonzerte ebenfalls zu diesem Preis beigetragen, der das Resultat vieler Jahre guter Arbeit in Karlsruhe ist.
Zum Konzert:
Gegenüber Schönberg gibt es bei einigen Klassikhörern Vorbehalte, die aber bei den Gurreliedern unbegründet sind. Sie sind verhaftet in der Spätromantik (also für die einen die Krone der opulenten Musik- und Gesamtkunstwerk-Schöpfung, für andere schwülstiger Monumentalkitsch, der zu lang und zu laut ist) und für fünf Sänger, Sprecher, 3 vierstimmige Männerchöre, achtstimmigen gemischten Chor und großes Orchester konzipiert. Es ist schwer zu entscheiden, wer bei der Premiere im Jahr 1913 (in Wien von Franz Schreker als Dirigenten uraufgeführt) bei wem Abbitte leistete: Der Dirigent gegenüber dem Publikum -immerhin hatte Schönberg durch die Uraufführung seines 2. Streichquartetts und durch Pierrot Lunaire das Publikum gegen sich aufgebracht- oder das Publikum gegenüber dem Dirigenten, denn die Gurrelieder waren damals ein umjubelter Triumph und wirken wie eine Leistungsschau des Komponisten, bei der er sein ganzes Repertoire und Können in einer Partitur verarbeitete. Im Detail steckt in den Gurrelieder viel Imposantes, Beeindruckendes und ungewöhnlicher Einfallsreichtum, doch das Gesamtwerk hat ein entscheidendes Problem: die Handlung berührt nicht und zieht die Zuhörer nur bedingt in ihren Bann.
Gestern wurden vor allem die Musiker gefeiert, die von Justin Brown sicher und souverän durch die gewaltigen Notenmassen geleitet wurden. Auch die stimmliche Besetzung war fast ideal zu nennen: John Treleaven überzeugte mit großen Kraftreserven, Heidi Melton durch ihre lyrisch-schöne Stimme, Ewa Wolak (als Waldtaube ein Höhepunkt des Abends), Matthias Wohlbrecht und Seung-Gi Jung durch ihren ausdrucksstarken Gesang und Heinz Zednik mit wohlklingender Erzählerstimme. Dazu der Karlsruher Chor, Extrachor und Extra-Extrachor aus der Partneroper im koreanischen Daegu. Ein zum Ereignis-durch-schiere-Masse stilisierter Abend
Fazit: Viel Jubel und stehende Ovationen. Die beiden ausverkauften Konzerte und die Bekenntnisse von Stadt und Land zum Badischen Staatstheater zeigen, daß man sehr gut aufgestellt ist. Man hat in Karlsruhe eines der traditionsreichsten Orchester der Welt - ein Aushängeschild für Stadt und Land, auf daß man zu Recht stolz ist.
Besetzung:
Heidi Melton: Tove
John Treleaven: Waldemar
Ewa Wolak: Waldtaube
Seung-Gi Jung: Bauer
Matthias Wohlbrecht: Klaus-Narr
Heinz Zednik: Sprecher
BADISCHE STAATSKAPELLE
BADISCHER STAATSOPERNCHOR & EXTRACHOR
Einstudierung: Ulrich Wagner
Daegu City Chorus
Einstudierung: Seoung Nam Kim
Dirigent: Justin Brown
Doch zu Beginn eine Abschweifung: Vor dem Konzert gab es zum Abschluß des Jubiläumsjahres noch 40 Minuten lang verschiedene Ansprachen, die man fast mit einer Pause vom Konzert hätte trennen können. Nach einer Begrüßung durch den Intendanten Peter Spuhler gab es mehr oder weniger interessante Grußworte von Staatssekretär Frank Mentrup (also der kommende Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe), Kulturbürgermeister Wolfram Jäger und Orchestervorstand Joachim Fleck.
Passend zum Jubiläum hatte man zum Glück auch jemanden gefunden, der einen "Preis" verleihen konnte. Bei aller Freude über soviel Preiswürdiges in letzter Zeit, muß man deren Wert unbedingt mal kritisch einordnen und bewerten. Die Preisverleihung „Bestes Konzertprogramm 2012/13“ des Deutschen Musikverleger-Verbands e. V. würdigt nicht das Orchester, sondern das Konzertprogramm, das laut Laudatio besonders viel zeitgenössische Musik beinhaltet (Verdienen Musikverlage nicht daran, daß zeitgenössische Musik aufgeführt wird? Man verleiht also einen Preis an die guten Kunden?).
Man ließ sich also theoretisch feiern - wie auch bei den anderen "Preisen" in diesem Jahr. Schade - ein wenig kann man bedauern, daß das Badische Staatstheater seine "Preise" bisher nur für gute Absichten bekommen hat und nie für gute Ausführung oder Resultate. Man muß es auch klar feststellen: in ihrer Beliebigkeit hätte man alle bisher erhaltenen "Preise" auch zu anderen Zeitpunkten in den letzten Jahrzehnten bekommen können und gleichermaßen verdient. Schon Kazushi Ono brachte viel moderne Musik, Ulrich Wagner hat durch ein Jahrzehnt Nachtklänge und Kindermusikkonzerte ebenfalls zu diesem Preis beigetragen, der das Resultat vieler Jahre guter Arbeit in Karlsruhe ist.
Zum Konzert:
Gegenüber Schönberg gibt es bei einigen Klassikhörern Vorbehalte, die aber bei den Gurreliedern unbegründet sind. Sie sind verhaftet in der Spätromantik (also für die einen die Krone der opulenten Musik- und Gesamtkunstwerk-Schöpfung, für andere schwülstiger Monumentalkitsch, der zu lang und zu laut ist) und für fünf Sänger, Sprecher, 3 vierstimmige Männerchöre, achtstimmigen gemischten Chor und großes Orchester konzipiert. Es ist schwer zu entscheiden, wer bei der Premiere im Jahr 1913 (in Wien von Franz Schreker als Dirigenten uraufgeführt) bei wem Abbitte leistete: Der Dirigent gegenüber dem Publikum -immerhin hatte Schönberg durch die Uraufführung seines 2. Streichquartetts und durch Pierrot Lunaire das Publikum gegen sich aufgebracht- oder das Publikum gegenüber dem Dirigenten, denn die Gurrelieder waren damals ein umjubelter Triumph und wirken wie eine Leistungsschau des Komponisten, bei der er sein ganzes Repertoire und Können in einer Partitur verarbeitete. Im Detail steckt in den Gurrelieder viel Imposantes, Beeindruckendes und ungewöhnlicher Einfallsreichtum, doch das Gesamtwerk hat ein entscheidendes Problem: die Handlung berührt nicht und zieht die Zuhörer nur bedingt in ihren Bann.
Gestern wurden vor allem die Musiker gefeiert, die von Justin Brown sicher und souverän durch die gewaltigen Notenmassen geleitet wurden. Auch die stimmliche Besetzung war fast ideal zu nennen: John Treleaven überzeugte mit großen Kraftreserven, Heidi Melton durch ihre lyrisch-schöne Stimme, Ewa Wolak (als Waldtaube ein Höhepunkt des Abends), Matthias Wohlbrecht und Seung-Gi Jung durch ihren ausdrucksstarken Gesang und Heinz Zednik mit wohlklingender Erzählerstimme. Dazu der Karlsruher Chor, Extrachor und Extra-Extrachor aus der Partneroper im koreanischen Daegu. Ein zum Ereignis-durch-schiere-Masse stilisierter Abend
Fazit: Viel Jubel und stehende Ovationen. Die beiden ausverkauften Konzerte und die Bekenntnisse von Stadt und Land zum Badischen Staatstheater zeigen, daß man sehr gut aufgestellt ist. Man hat in Karlsruhe eines der traditionsreichsten Orchester der Welt - ein Aushängeschild für Stadt und Land, auf daß man zu Recht stolz ist.
Besetzung:
Heidi Melton: Tove
John Treleaven: Waldemar
Ewa Wolak: Waldtaube
Seung-Gi Jung: Bauer
Matthias Wohlbrecht: Klaus-Narr
Heinz Zednik: Sprecher
BADISCHE STAATSKAPELLE
BADISCHER STAATSOPERNCHOR & EXTRACHOR
Einstudierung: Ulrich Wagner
Daegu City Chorus
Einstudierung: Seoung Nam Kim
Dirigent: Justin Brown
Sonntag, 16. Dezember 2012
Delaporte/de la Patellière - Der Vorname, 15.12.2012e
Es war eine lange Durststrecke bis es gestern endlich mal wieder eine
Komödie im Karlsruher Schauspiel zu sehen gab. Dabei entschied sich die
Schauspielleitung nicht für Bewährtes oder Bekanntes, sondern für das Allerneuste: Die Komödie von Matthieu Delaporte und Alexandre de
la Patellière (beide eigentlich Drehbuchautoren) hatte im Herbst 2010
in Paris Premiere und wurde ein sehr großer Erfolg und ist inzwischen
auch verfilmt. Die deutsche Erstaufführung erfolgte gerade erst im November 2012 in
Hamburg und Der Vorname ist nun wenige Wochen später auch im Studio des Badischen
Staatstheaters zu sehen. Nach der Karlsruher Premiere scheinen die in der Presse kursierenden Vorschußlorbeeren für Der Vorname nicht ganz verdient.
Worum geht es?
Ein gemütliches Abendessen unter Freunden in wohlsituiertem Milieu mit akademischen Hintergrund. Vincent (Jonas Riemer) und seine schwangere Freundin Anna (Sophia Löffler) sind eingeladen bei Vincents Schwester Elisabeth (Ute Baggeröhr) und deren Ehemann Pierre (Robert Besta), der auch Vincents Jugendfreund ist. Zusätzlich ist auch Claude (Matthias Lamp) anwesend, Elisabeths Jugendfreund. Vincent erzählt, daß er seinem Sohn den Vornamen Adolphe geben will und verweist auf ein literarisches Vorbild (der Roman Adolphe von Benjamin Constant aus dem Jahr 1816), bei den anderen wird eher ein österreichischer Ursprung assoziiert und Pierre sieht es als einen faschistischen Akt mit Bekenntnischarakter. Und damit beginnen die Streitigkeiten. Im Verlauf der nächsten 100 Minuten tauen die immer wieder hitzig aufflammenden Diskussionen bisher eingefrorene Konflikte auf und man teilt sich in wechselnden Koalitionen mit, was man schon lange auf dem Herzen hatte. Dabei kommt es zu unerwarteten Wendungen.
Eine Boulevardkomödie?
Der Vorname ist eine Komödie mit ungewöhnlich langer Anlaufphase, die in Karlsruhe noch dadurch verlängert wird, daß der Regisseur das Tempo herausnimmt, indem er bspw. die Regieanweisungen der Autoren als Text sprechen lässt, textlosen Stellen Raum und Zeit gibt (z.B. ein wenig witziger Kampf mit einer Buchregalleiter) und jeder Schauspieler im Verlauf des Stückes ein französisches Lied singt. Der lange Anfang plätschert so vor sich hin. Regisseur Dominik Günther inszeniert den Vornamen also nicht als Boulevardkomödie: er setzt nicht auf Tempo und hohe Pointenfrequenz und nimmt die Figuren des Sückes teilweise sogar sehr ernst. Bestes Beispiel ist die Rolle der Elisabeth: wo man im Sinne einer Komödie eine frustrierte Ehefrau erwartet, deren Abschlußmonolog als virtuos-komischer Wutanfall inszeniert wird, bleibt sie in dieser Regie die liebevoll-chaotische und geduldige Hausfrau, deren Abschlußszene absolut gar nichts zum Lachen bietet: sie ist bitterernst und voller Frustration - die Komödie wird zum Minidrama. Ute Baggeröhr hat hier eine starke ernste Szene. Der Regisseur lässt Baggeröhr danach ein wütendes Lied singen, um wieder die Kurve zurück Richtung Komödie zu bekommen.
Die turbulenten Stellen entwickeln sich nicht immer organisch: Um das immer wieder entschleunigte Stück in Schwung zu halten, inszeniert der Regisseuer teilweise zu stark forcierte Höhepunkte, bei denen er seine Figuren zu Karikaturen werden lässt.
Fazit:
PS: Ein genauerer Vergleich mit Yasmin Rezas Der Gott des Gemetzels (im Badischen Staatstheater in der Spielzeit 2007/2008, u.a. mit den großartigen Lisa Schlegel und Jörg Seyer) liegt nahe und wäre interessant. Rezas Komödie war witziger, böser und in unnachgiebigerer Haltung. Aber es gibt für Vergleiche auch ein anderes Vorbild: Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, das in einer sehr guten Inszenierung 2006/2007 in der Insel zu sehen war. Der Vorname scheint dagegen die deutlich leichtgewichtigere und kalorienreduzierte Variante zu sein.
Besetzung und Team:
Elisabeth (Babou) Garaud-Larchet: Ute Baggeröhr
Pierre Garaud, Elisabeths Mann: Robert Besta
Claude Gatignol, Elisabeths Jugendfreund: Matthias Lamp
Vincent Larchet, Elisabeths Bruder, Pierres Jugendfreund: Jonas Riemer
Anna Carvati, Vincents Lebensgefährtin: Sophia Löffler
REGIE: Dominik Günther
BÜHNE & KOSTÜME: Heike Vollmer
MUSIK: Jan S. Beyer & Jörg Wockenfuß
Aus dem Französischen übersetzt von Georg Holzer
Worum geht es?
Ein gemütliches Abendessen unter Freunden in wohlsituiertem Milieu mit akademischen Hintergrund. Vincent (Jonas Riemer) und seine schwangere Freundin Anna (Sophia Löffler) sind eingeladen bei Vincents Schwester Elisabeth (Ute Baggeröhr) und deren Ehemann Pierre (Robert Besta), der auch Vincents Jugendfreund ist. Zusätzlich ist auch Claude (Matthias Lamp) anwesend, Elisabeths Jugendfreund. Vincent erzählt, daß er seinem Sohn den Vornamen Adolphe geben will und verweist auf ein literarisches Vorbild (der Roman Adolphe von Benjamin Constant aus dem Jahr 1816), bei den anderen wird eher ein österreichischer Ursprung assoziiert und Pierre sieht es als einen faschistischen Akt mit Bekenntnischarakter. Und damit beginnen die Streitigkeiten. Im Verlauf der nächsten 100 Minuten tauen die immer wieder hitzig aufflammenden Diskussionen bisher eingefrorene Konflikte auf und man teilt sich in wechselnden Koalitionen mit, was man schon lange auf dem Herzen hatte. Dabei kommt es zu unerwarteten Wendungen.
Eine Boulevardkomödie?
Der Vorname ist eine Komödie mit ungewöhnlich langer Anlaufphase, die in Karlsruhe noch dadurch verlängert wird, daß der Regisseur das Tempo herausnimmt, indem er bspw. die Regieanweisungen der Autoren als Text sprechen lässt, textlosen Stellen Raum und Zeit gibt (z.B. ein wenig witziger Kampf mit einer Buchregalleiter) und jeder Schauspieler im Verlauf des Stückes ein französisches Lied singt. Der lange Anfang plätschert so vor sich hin. Regisseur Dominik Günther inszeniert den Vornamen also nicht als Boulevardkomödie: er setzt nicht auf Tempo und hohe Pointenfrequenz und nimmt die Figuren des Sückes teilweise sogar sehr ernst. Bestes Beispiel ist die Rolle der Elisabeth: wo man im Sinne einer Komödie eine frustrierte Ehefrau erwartet, deren Abschlußmonolog als virtuos-komischer Wutanfall inszeniert wird, bleibt sie in dieser Regie die liebevoll-chaotische und geduldige Hausfrau, deren Abschlußszene absolut gar nichts zum Lachen bietet: sie ist bitterernst und voller Frustration - die Komödie wird zum Minidrama. Ute Baggeröhr hat hier eine starke ernste Szene. Der Regisseur lässt Baggeröhr danach ein wütendes Lied singen, um wieder die Kurve zurück Richtung Komödie zu bekommen.
Die turbulenten Stellen entwickeln sich nicht immer organisch: Um das immer wieder entschleunigte Stück in Schwung zu halten, inszeniert der Regisseuer teilweise zu stark forcierte Höhepunkte, bei denen er seine Figuren zu Karikaturen werden lässt.
Fazit:
- Alle Schauspieler sind formidabel. Bravo!
- Eine nette und gute Komödie, die aber nicht das Risiko eines Lachmuskelkaters birgt.
- Ein Höhepunkt sollte in Erinnerung bleiben: Matthias Lamps Chanson wird bei einigen Gänsehaut erzeugt haben und er sollte unbedingt einen Liederabend bekommen!
PS: Ein genauerer Vergleich mit Yasmin Rezas Der Gott des Gemetzels (im Badischen Staatstheater in der Spielzeit 2007/2008, u.a. mit den großartigen Lisa Schlegel und Jörg Seyer) liegt nahe und wäre interessant. Rezas Komödie war witziger, böser und in unnachgiebigerer Haltung. Aber es gibt für Vergleiche auch ein anderes Vorbild: Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, das in einer sehr guten Inszenierung 2006/2007 in der Insel zu sehen war. Der Vorname scheint dagegen die deutlich leichtgewichtigere und kalorienreduzierte Variante zu sein.
Besetzung und Team:
Elisabeth (Babou) Garaud-Larchet: Ute Baggeröhr
Pierre Garaud, Elisabeths Mann: Robert Besta
Claude Gatignol, Elisabeths Jugendfreund: Matthias Lamp
Vincent Larchet, Elisabeths Bruder, Pierres Jugendfreund: Jonas Riemer
Anna Carvati, Vincents Lebensgefährtin: Sophia Löffler
REGIE: Dominik Günther
BÜHNE & KOSTÜME: Heike Vollmer
MUSIK: Jan S. Beyer & Jörg Wockenfuß
Aus dem Französischen übersetzt von Georg Holzer
Donnerstag, 13. Dezember 2012
Birgit Keil bleibt bis 2016 Karlsruher Ballettdirektorin
Sehr gute Neuigkeiten: Birgit Keil und Vladimir Klos haben ihre Verlängerungsverträge bis zum Sommer 2016 unterschrieben. Seit 2003 leiten die beiden als Ballettdirektoren das Badische Staatsballett und haben es innerhalb weniger als eines Jahrzehnts zur Vorzeigesparte des Karlsruher Staatstheaters entwickelt.
Mehr dazu hier: http://www.staatstheater.karlsruhe.de/aktuell/news_id/148/
PS: Herzlichen Dank auch an den früheren Intendanten Achim Thorwald, der das Karlsruher Ballett nach Germinal Casados Weggang und der darauf folgenden Stagnation auf den Erfolgsweg zurückbrachte.
Mehr dazu hier: http://www.staatstheater.karlsruhe.de/aktuell/news_id/148/
PS: Herzlichen Dank auch an den früheren Intendanten Achim Thorwald, der das Karlsruher Ballett nach Germinal Casados Weggang und der darauf folgenden Stagnation auf den Erfolgsweg zurückbrachte.
Mittwoch, 12. Dezember 2012
Tschaikowsky - Der Nußknacker, 11.12.2012
Auch im dritten Jahr ist Youri Vámos' Choreographie des Nußknackers als dekorreiches Weihnachtsmärchen ein Zuschauermagnet und gerade in der dunklen Jahreszeit scheinen Giselle und Nußknacker genau das richtige Programm, das man öfters und immer wieder gerne als Stimmungsaufheller präsentiert bekommt. Ständig mehr als ausverkaufte Vorstellungen (bei denen es schon schwer wird, einen guten Stehplatz zu ergattern) sprechen dafür.
Vor den Augen der Ballettdirektoren Birgit Keil und Vladimir Klos gab es eine sehr gute Aufführung, bei der einige hervorzuheben sind: wie immer und vor allem die Kindergruppe, deren Spiel- und Tanzszenen jedem ein Lächeln ins Gesicht zauberten. Beeindruckend waren gestern die Solotänzer: Flavio Salamanka (wie immer mit großer Sicherheit, Souveränität und Eleganz), Sabrina Velloso, für die die Rolle der Clara ideal erscheint, dazu Bruna Andrade als strahlende Weihnachtsfee und Admill Kuyler als anfangs mürrischer und dann glücklich geläuterter Scrooge. Vergleicht man die diesjährige Wiederaufnahme (die 25. Aufführung) mit der des letzten Jahres, fällt Zhi Le Xu auf, der als Todesgeist deutlich an Ausstrahlung hinzugewonnen hat und der zusammen mit der gewohnt sicheren Barbara Blanche im arabischen Tanz einen starken Auftritt hat. Auch Jussara Fonseca im Tanz mit den Harlekinen hinterließ einen sehr guten Eindruck. Daß Ballett Hochleistungssport ist, war im russischen Tanz zu merken: Reginaldo Oliveira schien verletzungsbedingt gehandicapt und konnte nicht jede Bewegung ausführen. Dafür, daß er trotzdem auftrat bzw. die Zähne zusammenbiss und zu Ende tanzte: Bravo!
Der australische Dirigent Steven Moore hat von Christoph Gedschold die musikalische Leitung übernommen.
Die Karten für die Nußknacker-Vorstellungen verkaufen sich schnell und tatsächlich kann man feststellen, daß diese Produktion das ist, was Giancarlo del Monacos Inszenierung von Puccinis La Bohème früher einmal war: eine atmosphärisch dichte Aufführung, die man einfach nicht verpassen sollte. Schon gar nicht in der Weihnachtszeit.
PS1: Nach den großen Erfolgen der Tschaikowsky-Ballette Schwanensee und Nußknacker fehlt nun eigentlich noch Dornröschen (z.B. auch in der Choreographie von Youri Vámos, bei dem die Handlung ebenfalls umgedeutet wird und die Geschichte Anastasias, der vermeintlich letzten Zarentochter erzählt wird. Aber auch Vámos' Choreographie zu Khatschaturians Spartacus wäre eine spannende Wahl für Karlsruhe).
PS2: Im Publikum waren u.a. Heidi Melton und Katharine Tier sowie Justin Brown als Zuschauer anwesend.
Vor den Augen der Ballettdirektoren Birgit Keil und Vladimir Klos gab es eine sehr gute Aufführung, bei der einige hervorzuheben sind: wie immer und vor allem die Kindergruppe, deren Spiel- und Tanzszenen jedem ein Lächeln ins Gesicht zauberten. Beeindruckend waren gestern die Solotänzer: Flavio Salamanka (wie immer mit großer Sicherheit, Souveränität und Eleganz), Sabrina Velloso, für die die Rolle der Clara ideal erscheint, dazu Bruna Andrade als strahlende Weihnachtsfee und Admill Kuyler als anfangs mürrischer und dann glücklich geläuterter Scrooge. Vergleicht man die diesjährige Wiederaufnahme (die 25. Aufführung) mit der des letzten Jahres, fällt Zhi Le Xu auf, der als Todesgeist deutlich an Ausstrahlung hinzugewonnen hat und der zusammen mit der gewohnt sicheren Barbara Blanche im arabischen Tanz einen starken Auftritt hat. Auch Jussara Fonseca im Tanz mit den Harlekinen hinterließ einen sehr guten Eindruck. Daß Ballett Hochleistungssport ist, war im russischen Tanz zu merken: Reginaldo Oliveira schien verletzungsbedingt gehandicapt und konnte nicht jede Bewegung ausführen. Dafür, daß er trotzdem auftrat bzw. die Zähne zusammenbiss und zu Ende tanzte: Bravo!
Der australische Dirigent Steven Moore hat von Christoph Gedschold die musikalische Leitung übernommen.
Die Karten für die Nußknacker-Vorstellungen verkaufen sich schnell und tatsächlich kann man feststellen, daß diese Produktion das ist, was Giancarlo del Monacos Inszenierung von Puccinis La Bohème früher einmal war: eine atmosphärisch dichte Aufführung, die man einfach nicht verpassen sollte. Schon gar nicht in der Weihnachtszeit.
PS1: Nach den großen Erfolgen der Tschaikowsky-Ballette Schwanensee und Nußknacker fehlt nun eigentlich noch Dornröschen (z.B. auch in der Choreographie von Youri Vámos, bei dem die Handlung ebenfalls umgedeutet wird und die Geschichte Anastasias, der vermeintlich letzten Zarentochter erzählt wird. Aber auch Vámos' Choreographie zu Khatschaturians Spartacus wäre eine spannende Wahl für Karlsruhe).
PS2: Im Publikum waren u.a. Heidi Melton und Katharine Tier sowie Justin Brown als Zuschauer anwesend.
Sonntag, 9. Dezember 2012
Künneke - Der Vetter aus Dingsda, 08.12.2012
Auch in dieser Spielzeit gibt es wieder eine Operette. Und auch in dieser Spielzeit kann man wieder feststellen, daß man sich beim Badischen Staatstheater viel Mühe gegeben hat, um eine abwechslungsreiche und unterhaltsame Inszenierung auf die Bühne zu bringen. Und darüber hinaus muß man klar feststellen, daß Der Vetter aus Dingsda eine der besten Operettenaufführungen seit sehr langer Zeit ist. Die gestrige Premierenvorstellung war zu Recht aus vielen Gründen umjubelt.
Was ist zu hören?
Eduard Künnekes (*1885 †1953) bekannteste Operette erlebte ihre Uraufführung 1921 in Berlin: zu einer Zeit als der Foxtrott seinen Siegeszug antrat - und den und andere damals angesagte Tanzrhythmen hört man auch bei Künneke. Die musikalische Leitung hat man in die Hände eines Experten gelegt: Der Dirigent Florian Ziemen hatte bereits 2010 eine viel gelobte Produktion von Künnekes Operette in Bremen geleitet und gilt als Spezialist für die Partitur. Was er gestern aus der Partitur machte, war eine Offenbarung: "ein musikalisches Meisterwerk des Unterhaltungstheaters auf hohem satztechnischen Niveau und mit raffinierten Orchestrierungen" - der Dirigent hielt, was das Programmheft verspricht und hat eine Musizierpraxis gefunden, bei der die Musik nie seicht oder platt-sentimental klingt, sondern voller Esprit und Schwung und ohrwurmtauglicher Melodien ist. In Bremen wie auch in Karlsruhe reduzierte Ziemen das Orchester im Stile eine Tanzkapelle und hat damit alles richtig gemacht. Bravo!
Das ganze Ensemble zeigte so viel Spielfreude und Spaß, daß man alle hervorheben kann. Ina Schlingensiepen in der Hauptrolle ist sängerisch und schauspielerisch in bestechender Form, ebenso ihr Partner Sebastian Kohlhepp, der den bekanntesten Ohrwurm "Ich bin nur ein armer Wandergesell" als einen Roland-Kaiser-Gedächtnis-Schmachtfetzen zwerchfellerschütternd präsentiert. Kohlhepp wechselt in der kommenden Spielzeit ins Ensemble der Wiener Staatsoper - ein sehr bedauerlicher Verlust für Karlsruhe.
Christina Bock ist noch Mitglied des Opernstudios, doch davon war gestern nichts zu bemerken: sie sang, spielte und tanzte als Hannchen so überzeugend, als würde sie schon lange gewöhnt sein, wichtige Rollen auf der Bühne zu verkörpern.
Und wer es noch nicht wusste, welches Multitalent Rebecca Raffell ist, der kann sich davon überzeugen, daß sie nicht nur als Opern- und Operettensängerin, sondern auch als Komödienschauspielerin oder mit ihrer besonderen Stimme als (Synchron-)Sprecherin für Film, Funk und Fernsehen arbeiten kann.
Dazu der australische Bariton Andrew Finden (übrigens in sehr gutem Deutsch), Max Friedrich Schäffer (der kurzfristig für den Vater werdenden Florian Kontschak einsprang) und Routinier Hans-Jörg Weinschenk sowie zwei Gastdarsteller als Dienerpaar. An alle Sänger: Bravo!
Die 1920er im Gewand der 1960er
Das Inszenierungskonzept von Bernd Mottl zeigt laut Staatstheater die Handlung als groteske Erbschleicher-Komödie konzipiert und ästhetisch an Edgar Wallace Filme angelehnt. Der Regisseur meint im Programmheft, daß "dieser liebevoll, schmunzelnde Rückblick viel damit zu tun hat, wie wir heute auch auf Operette gucken können". Diese Einordnung ist noch der diskutabelste Punkt der Inszenierung, ohne daß man von einem Mangel sprechen kann, denn es ist weniger die Handlung oder die Bühne, die die Karlsruher Inszenierung ausmachen, sondern die ironische Stimmung, die Situationskomik und auch im positiven Sinne das richtige Maß an Klamauk. Hervorheben muß man unbedingt den Choreographen Otto Pichler, der die Sänger gekonnt und witzig tanzen lässt. Bravo!
Fazit: Operettenglück - umfassend und auf hohem Niveau. Eine schöne Komödie, großartige Sänger und vor allem musikalisch einer der seltenen Fälle, in denen Operettenmusik richtig zündet.
Besetzung und Team
Julia de Weert: Ina Schlingensiepen
Hannchen, ihre Freundin: Christina Bock
August Kuhbrot, der erste Fremde: Sebastian Kohlhepp
Roderich de Weert, der zweite Fremde: Andrew Finden
Joseph Kuhbrot: Kammersänger Hans-Jörg Weinschenk
Wilhelmine Kuhbrot: Rebecca Raffell
Egon von Wildenhagen: Max Friedrich Schäffer
Diener Hans: Eric Rentmeister
Diener Karl: Frank Wöhrmann
Musikalische Leitung: Florian Ziemen
Regie: Bernd Mottl
Bühne: Friedrich Eggert
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Choreographie: Otto Pichler
Was ist zu hören?
Eduard Künnekes (*1885 †1953) bekannteste Operette erlebte ihre Uraufführung 1921 in Berlin: zu einer Zeit als der Foxtrott seinen Siegeszug antrat - und den und andere damals angesagte Tanzrhythmen hört man auch bei Künneke. Die musikalische Leitung hat man in die Hände eines Experten gelegt: Der Dirigent Florian Ziemen hatte bereits 2010 eine viel gelobte Produktion von Künnekes Operette in Bremen geleitet und gilt als Spezialist für die Partitur. Was er gestern aus der Partitur machte, war eine Offenbarung: "ein musikalisches Meisterwerk des Unterhaltungstheaters auf hohem satztechnischen Niveau und mit raffinierten Orchestrierungen" - der Dirigent hielt, was das Programmheft verspricht und hat eine Musizierpraxis gefunden, bei der die Musik nie seicht oder platt-sentimental klingt, sondern voller Esprit und Schwung und ohrwurmtauglicher Melodien ist. In Bremen wie auch in Karlsruhe reduzierte Ziemen das Orchester im Stile eine Tanzkapelle und hat damit alles richtig gemacht. Bravo!
Das ganze Ensemble zeigte so viel Spielfreude und Spaß, daß man alle hervorheben kann. Ina Schlingensiepen in der Hauptrolle ist sängerisch und schauspielerisch in bestechender Form, ebenso ihr Partner Sebastian Kohlhepp, der den bekanntesten Ohrwurm "Ich bin nur ein armer Wandergesell" als einen Roland-Kaiser-Gedächtnis-Schmachtfetzen zwerchfellerschütternd präsentiert. Kohlhepp wechselt in der kommenden Spielzeit ins Ensemble der Wiener Staatsoper - ein sehr bedauerlicher Verlust für Karlsruhe.
Christina Bock ist noch Mitglied des Opernstudios, doch davon war gestern nichts zu bemerken: sie sang, spielte und tanzte als Hannchen so überzeugend, als würde sie schon lange gewöhnt sein, wichtige Rollen auf der Bühne zu verkörpern.
Und wer es noch nicht wusste, welches Multitalent Rebecca Raffell ist, der kann sich davon überzeugen, daß sie nicht nur als Opern- und Operettensängerin, sondern auch als Komödienschauspielerin oder mit ihrer besonderen Stimme als (Synchron-)Sprecherin für Film, Funk und Fernsehen arbeiten kann.
Dazu der australische Bariton Andrew Finden (übrigens in sehr gutem Deutsch), Max Friedrich Schäffer (der kurzfristig für den Vater werdenden Florian Kontschak einsprang) und Routinier Hans-Jörg Weinschenk sowie zwei Gastdarsteller als Dienerpaar. An alle Sänger: Bravo!
Die 1920er im Gewand der 1960er
Das Inszenierungskonzept von Bernd Mottl zeigt laut Staatstheater die Handlung als groteske Erbschleicher-Komödie konzipiert und ästhetisch an Edgar Wallace Filme angelehnt. Der Regisseur meint im Programmheft, daß "dieser liebevoll, schmunzelnde Rückblick viel damit zu tun hat, wie wir heute auch auf Operette gucken können". Diese Einordnung ist noch der diskutabelste Punkt der Inszenierung, ohne daß man von einem Mangel sprechen kann, denn es ist weniger die Handlung oder die Bühne, die die Karlsruher Inszenierung ausmachen, sondern die ironische Stimmung, die Situationskomik und auch im positiven Sinne das richtige Maß an Klamauk. Hervorheben muß man unbedingt den Choreographen Otto Pichler, der die Sänger gekonnt und witzig tanzen lässt. Bravo!
Fazit: Operettenglück - umfassend und auf hohem Niveau. Eine schöne Komödie, großartige Sänger und vor allem musikalisch einer der seltenen Fälle, in denen Operettenmusik richtig zündet.
Besetzung und Team
Julia de Weert: Ina Schlingensiepen
Hannchen, ihre Freundin: Christina Bock
August Kuhbrot, der erste Fremde: Sebastian Kohlhepp
Roderich de Weert, der zweite Fremde: Andrew Finden
Joseph Kuhbrot: Kammersänger Hans-Jörg Weinschenk
Wilhelmine Kuhbrot: Rebecca Raffell
Egon von Wildenhagen: Max Friedrich Schäffer
Diener Hans: Eric Rentmeister
Diener Karl: Frank Wöhrmann
Musikalische Leitung: Florian Ziemen
Regie: Bernd Mottl
Bühne: Friedrich Eggert
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Choreographie: Otto Pichler
Montag, 3. Dezember 2012
Stuttgarter Ballett: Romeo und Julia, 02.12.2012
Auf den Tag genau 50 Jahre nachdem am 2. Dezember 1962 in Stuttgart John Crankos Choreographie von Prokofievs Romeo und Julia Uraufführung hatte, gab es gestern Abend eine erinnerungswürdige Wiederaufnahme im Stuttgarter Staatstheater mit großen Gastnamen in den Nebenrollen. Die Karlsruher Ballettdirektoren Birgit Keil und Vladimir Klos waren als Lord und Lady Capulet auf der Bühne, Marcia Haydée (die Julia der Uraufführung) als Amme, Egon Madsen als Pater Lorenzo, Ray Barra (der Romeo der Uraufführung) als Herzog von Verona, dazu weitere frühere erste Solisten des Stuttgarter Balletts in den anderen Charakterrollen, die alle zeigten, daß man ein ganzes Leben lang Tänzer bleiben kann. Sogar den Ausstatter Jürgen Rose führte der Stuttgarter Ballettchef Reid Anderson zum Schlußapplaus auf die Bühne. Nur einer fehlte: an Richard Cragun, der im August 2012 verstarb, erinnerten während der Ouvertüre projizierte Fotos aus seinem Stuttgarter Tänzerleben.
Die Jubiläumsvorstellung hatte aber auch in den Titelrollen große Tänzer: die ausdrucksstarken Alicia Amatriain als Julia und Friedemann Vogel als Romeo verzauberten und zogen ihr Publikum geradezu spürbar in ihren Bann während ihrer faszinierenden Pas de deux. Das Stuttgarter Ballett mit seinen zahlreichen ersten Solisten glänzte an diesem Abend auch in den Nebenrollen, die alle durch starke Tänzer besetzt waren.
Man schreibt dieser Choreographie zu, daß sie das Stuttgarter Signaturwerk ist und das Genre Handlungsballett erneuerte. Seit ihrer Premiere wird sie weltweit aufgeführt. Im Badischen Staatstheater war die Choreographie von Kenneth McMillan zu sehen, die 1965 Premiere im Royal Ballet in London hatte und global noch erfolgreicher ist, in Deutschland aber lange unbekannt blieb. Im Karlsruher Ballett erfolgte 2006 dann die deutsche Erstaufführung. McMillan hatte seine Version konzipiert, nachdem er Crankos Fassung in Stuttgart gesehen hatte und ließ sich auch an einigen Stellen von ihm deutlich inspirieren. Mehr zum Vergleich Cranko - McMillan aus Stuttgarter Sicht findet sich hier auf den Seiten von www.tanznet.de.
Birgit Keil hatte dank eines Stipendiums Stuttgart im Herbst 1962 verlassen, um ihre Ausbildung an der Royal Ballet School in London zu beenden. John Cranko machte sie im Sommer 1963 zur Solistin des Stuttgarter Balletts. Die Rolle der Julia tanzte sie in Crankos Choreographie erst einige Jahre später im März 1968 zum ersten Mal.
Fazit: Ein glanzvoller Abend für Nostalgiker und eine stimmungsreiche Geburtstagsfeier mit enthusiastischem Applaus.
PS(1): Dirigent Wolfgang Heinz und das Staatsorchester Stuttgart hatten leider nicht ihren besten Tag erwischt.
PS(2): Liebes Badisches Staatstheater, auf die Wiederaufnahme von McMillans Romeo und Julia in Karlsruhe freuen sich viele, auch wenn es noch bis dahin wenige Jahre dauern könnte.
BESETZUNG am 02.12.2012
JULIA Alicia Amatriain
ROMEO Friedemann Vogel
BENVOLIO Marijn Rademaker
MERCUTIO Filip Barankiewicz
TYBALT Nikolay Godunov
FASCHINGSKÖNIG Jason Reilly
AMME Marcia Haydée
LADY CAPULET Birgit Keil (a.G.)
LADY MONTAGUE Melinda Witham
HERZOG VON VERONA Ray Barra (a.G.)
PATER LORENZO Egon Madsen
LORD CAPULET Vladimir Klos (a.G.)
LORD MONTAGUE Robert Conn (a.G.)
GRAF PARIS Alexander Jones
ZIGEUNERINNEN Georgette Tsinguirides, Yseult Lendvai (a.G.), Sonia Santiago
ROSALINDE Julia Krämer (a.G.)
Die Jubiläumsvorstellung hatte aber auch in den Titelrollen große Tänzer: die ausdrucksstarken Alicia Amatriain als Julia und Friedemann Vogel als Romeo verzauberten und zogen ihr Publikum geradezu spürbar in ihren Bann während ihrer faszinierenden Pas de deux. Das Stuttgarter Ballett mit seinen zahlreichen ersten Solisten glänzte an diesem Abend auch in den Nebenrollen, die alle durch starke Tänzer besetzt waren.
Man schreibt dieser Choreographie zu, daß sie das Stuttgarter Signaturwerk ist und das Genre Handlungsballett erneuerte. Seit ihrer Premiere wird sie weltweit aufgeführt. Im Badischen Staatstheater war die Choreographie von Kenneth McMillan zu sehen, die 1965 Premiere im Royal Ballet in London hatte und global noch erfolgreicher ist, in Deutschland aber lange unbekannt blieb. Im Karlsruher Ballett erfolgte 2006 dann die deutsche Erstaufführung. McMillan hatte seine Version konzipiert, nachdem er Crankos Fassung in Stuttgart gesehen hatte und ließ sich auch an einigen Stellen von ihm deutlich inspirieren. Mehr zum Vergleich Cranko - McMillan aus Stuttgarter Sicht findet sich hier auf den Seiten von www.tanznet.de.
Birgit Keil hatte dank eines Stipendiums Stuttgart im Herbst 1962 verlassen, um ihre Ausbildung an der Royal Ballet School in London zu beenden. John Cranko machte sie im Sommer 1963 zur Solistin des Stuttgarter Balletts. Die Rolle der Julia tanzte sie in Crankos Choreographie erst einige Jahre später im März 1968 zum ersten Mal.
Fazit: Ein glanzvoller Abend für Nostalgiker und eine stimmungsreiche Geburtstagsfeier mit enthusiastischem Applaus.
PS(1): Dirigent Wolfgang Heinz und das Staatsorchester Stuttgart hatten leider nicht ihren besten Tag erwischt.
PS(2): Liebes Badisches Staatstheater, auf die Wiederaufnahme von McMillans Romeo und Julia in Karlsruhe freuen sich viele, auch wenn es noch bis dahin wenige Jahre dauern könnte.
BESETZUNG am 02.12.2012
JULIA Alicia Amatriain
ROMEO Friedemann Vogel
BENVOLIO Marijn Rademaker
MERCUTIO Filip Barankiewicz
TYBALT Nikolay Godunov
FASCHINGSKÖNIG Jason Reilly
AMME Marcia Haydée
LADY CAPULET Birgit Keil (a.G.)
LADY MONTAGUE Melinda Witham
HERZOG VON VERONA Ray Barra (a.G.)
PATER LORENZO Egon Madsen
LORD CAPULET Vladimir Klos (a.G.)
LORD MONTAGUE Robert Conn (a.G.)
GRAF PARIS Alexander Jones
ZIGEUNERINNEN Georgette Tsinguirides, Yseult Lendvai (a.G.), Sonia Santiago
ROSALINDE Julia Krämer (a.G.)
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