Pfingstsonntag, Meistersinger-Gala bei hochsommerlichen 35°C - da kamen in der Beinahe-Wagner-Festspielhaus-Stadt Karlsruhe schon etwas Bayreuth-Gefühle auf (obwohl der Innenraum zum Glück sehr gut klimatisiert war), und das um so mehr als es eigentlich -stärker noch als der von Presse als Bayreuth-würdig bezeichnete Tannhäuser- diese Inszenierung der Meistersinger (hier mehr zur Premiere) von Tobias Kratzer ist, die nach Bayreuth passen würde.
Das muß man dem scheidenden Operndirektor Joscha Schaback und dem Dramaturgieleiter Bernd Feuchtner unbedingt attestieren: die beiden Wagner Opern, Die Passagierin, Dr. Atomic oder z.B. Wallenberg waren spannende Regie-Erfahrungen. Die Meistersinger sind umstritten, in gewissem Sinne aber auch grandios ambivalent und konstruktiv diskutierbar. Viele sind von der Regie begeistert, viele haben auch teilweise massive Einwände, aber einfallsreich ist die Inszenierung sehr oft und was man dem Badischen Staatstheater dabei vorwerfen könnte ist, daß es für eine stark polarisierende und umstrittene Inszenierung vielleicht der falsche Zeitpunkt ist. Ob das die geeignete Positionierung für das Umland ist? Die Türen rannte man dem Karlsruher Staatstheater anscheinend bisher noch nicht ein. Mal schauen, ob die Mund-zu-Mund Werbung erst noch anläuft oder diese "Meistersinger für Insider" nur ein Hit bei Opernspezialisten wird. Dennoch ein Glückwunsch an das Badische Staatstheater: Aufmerksamkeit hat man damit gewonnen.
Viele gute Ideen und doch ist nicht alles inszenatorisch optimal gelöst: die Selbstbezüglichkeit gewisser Szenen ist eine Hürde für ein breites Publikum, der Merker-Szene im ersten Akt fehlt der Humor, Beckmesser quietscht hinter einer verschlossenen Tür, Stolzing wirkt cholerisch und der Szene fehlt der Spaß. Die eigentlich so spannende und witzige Auseinandersetzung Sachs/Beckmesser im zweiten Akt hat man schon pointierter und bühnenwirksamer gesehen. Im dritten Akt will der Beginn nicht so richtig funktionieren, doch es ergibt sich szenisch ein starker Eindruck im Quintett und in der langen Festspielwiesenszene.
Auffällig ist der kühl-analytische und wenig schmeichelhafte Blick, den die Regie auf den heutigen Kunstbetrieb und das Künstler-Innenleben wirft und ernüchternd kommentiert: Meckerer und Übergangene, Besserwisser und Pedanten sind das Personal, die vier Protagonisten erleben kein Happy-End: gedemütigt, verbittert, beleidigt und Eva flüchtet von Liebhaber zu Liebhaber.
War das nun eine Gala gestern? Na ja, halbwegs... Albert Dohmen ist ein routinierter Sänger der Rolle des Hans Sachs, der Charisma und Persönlichkeit auf die Bühne bringt. Gestern war ihm etwas die plötzliche Hitzewelle anzumerken: einige Konzentrationsschwächen trübten leicht den Eindruck. Dimitry Ivashchenko hinterließ in der kleinen Rolle als Pogner stimmlich einen sehr guten Eindruck. Der Star dieser Meistersinger bleibt Armin Kolarczyk als Beckmesser. Einfach großartig in jeder Hinsicht. BRAVO. Justin Brown und die Badische Staatskapelle und der Staatsopernchor in gewohnter Form. Trotz Hitze, ein spannender Meistersinger-Marathon über sechs Stunden.
Seit 1988 bin ich steter Besucher des Badischen Staatstheaters. Bei vielen Opern-, Theater-, Konzert- und Ballettvorstellungen im Jahr und Besuchen in anderen Städten verliert man schon mal den Überblick. Dieser Tagebuch-Blog dient mir seit der Spielzeit 2011/12 als elektronische Erinnerung. Bitte beachten Sie meine Intention: ich bin kein Journalist oder Kritiker, sondern schreibe hier lediglich persönliche Eindrücke, private Ansichten und Vermutungen für mich und Angehörige nieder.
Montag, 9. Juni 2014
Samstag, 7. Juni 2014
Festspielhaus Baden-Baden: Gounod - Faust, 06.06.2014
Gestern hatte ein lang erwartetes Highlight im Baden-Badener Festspielhaus Premiere: sängerisch und musikalisch hielt der Abend, was er versprach. Inszenatorisch ist dieser Faust aber bestenfalls als sehr konventionell und adäquat bebildert zu beschreiben. Gute Einfälle sind leider Mangelware.
Sonntag, 1. Juni 2014
Ballett Gala, 31.05.2014
Das war nun mal wirklich ein Höhepunkt und festlicher Abschluss der 8.Karlsruher Ballettwoche! Wer nicht dabei war, hat was verpasst! Hochkarätige Gäste und so viele besondere Momente, daß man kaum weiß, wie man alle Eindrücke überhaupt angemessen zusammenfassen soll! An einem starken Abend den beeindruckendsten Auftritt hatten Lucia Lacarra und Marlon Dino vom Bayerischen Staatsballett. Es kam Perfektion schon sehr nahe, wie die beiden die Gesetze der Schwerkraft und Physis ignorierten und zu Rachmaninows Préludes die Zeit stehen ließen. Erst staunend, dann begeistert: das Publikum feierte die beiden lang und ausgiebig. (Einen extra Applaus verdiente sich die Pianistin des Abends: Angela Yoffe).
Zwei sehr gut aufeinander abgestimmte Tanzpaare waren zu sehen: Catherine Franco und Denis Piza vom Ballett der Staatsoper Hannover harmonierten wie bereits in Sissi beeindruckend miteinander (auch hier wieder u.a. zu Gustav Mahler, und zwar dem Urlicht aus der 2.Symphonie, schön gesungen von Stefanie Schaefer); Krasina Pavlova und Arshak Ghalumyan vom Staatsballett Berlin zeigten zwei interessante Paarstudien: zuerst ein getanzter Dipolmoment, dann Leidenschaft in sich umkreisender Halbdistanz.
Interessant war der Vergleich der beiden Choreographen Kenneth MacMillan und John Cranko, die mit emotional vergleichbaren Szenen hintereinander gezeigt wurden. Beide haben ja einen sehr ähnlichen Zugang zu Prokofievs Ballett Romeo und Julia (mehr hier) und MacMillan gilt eher als britisch distanziert, aber sein Pas des deux aus Winter Dreams, den Marianela Núñez und Thiago Soares vom Royal Ballet in London tanzten, wirkte auf eine altmodische Weise überdramatisiert und teilweise auf eine unfreiwillig komische Weise pathetisch. Crankos Choreographie aus Onegin (mehr hier), aus dem die Schlußszene von den beiden langjährigen Stars Maria Eichwald und Filip Barankiewicz vom Stuttgarter Ballett präsentiert wurde, wirkte dagegen deutlich geschmackvoller und aktuell zeitloser.
Eric Gauthier ließ sich zur Musik von Kate Bush zu einer kleinteilig-bewegungsreichen und gehetzten Choreographie inspirieren, während Thiago Bordin vom Hamburg Ballett Lebensfreude zu Cello-Musik versprühte. Ein Extra-Bravo geht an den Cellisten der Badischen Staatskapelle Johann Ludwig, der auf der Bühne sitzend mit seinem souveränen Spiel dem Hamburger Tänzer fast ein wenig die Schau stahl.
Das Badische Staatsballett präsentierte zu Beginn den Walzer aus Dornröschen und dann drei weitere Choreographien, darunter zwei Uraufführungen. Eine erschuf Ensemblemitglied Reginaldo Oliveira, der unlängst mit Der Fall M. (mehr hier) im Rahmen des Ballettabends Mythos einen großen Publikumserfolg feierte und dabei ist, sich als "Hauschoreograph" zu etablieren. Sein neues Ballett Attacke ist ein klaustrophobisches Stück, bei dem vier Tänzer vor ungewissen Bedrohungen flüchten: angstvoll und unheilvoll und mit einem visuellen und akustischen Showdown. Oliveira bekam zweifach viel Applaus und Jubel, denn auch ein bereits bekanntes Publikumslieblingsstück wurde getanzt: Arman Aslizadyan und Reginaldo Oliveira zeigten ihr inzwischen beliebtes und bekanntes Two 4 One mit Tänzer-vervielfachendem Live- Kameramitschnitt.
Zum Abschluß des Abends standen dann 32 Tänzer des Staatsballetts auf der Bühne. Thiago Bordin, der also nicht nur ein Solo tanzte, kreierte auf Musik aus Jean Sibelius' 2. Symphonie ein neues Stück mit viel Humor und großen Ensemble-Szenen.
Die Badische Staatskapelle unter der Leitung von Steven Moore und Justus Thorau trug mit packend gespieltem Max Richter, Tschaikowsky, Glasunow, Mahler, Sibelius und Schostakowitsch viel zum großartigen Eindruck des Abends bei und manch einer wird sich nun das eine oder andere Stück im Symphoniekonzert wünschen.
Fazit: Viel Jubel im Publikum. Birgit Keil schafft es ein ums andere mal, ihr Publikum zu begeistern und mit der sensationellen Freigabe von John Crankos Choreographie zu Der Widerspenstigen Zähmung in der kommenden Saison ist man endgültig im Balletthimmel angekommen. Glückwunsch an Birgit Keil für Ihre großartige Aufbauarbeit und alle Tänzer und Beteiligten des Badischen Staatsballett!
Zusammenfassung der Programmpunkte
Lucia Lacarra und Marlon Dino vom Bayerischen Staatsballett
THREE PRELUDES
Musik Sergej Rachmaninow
Choreografie Ben Stevenson
Klavier Angela Yoffe
Maria Eichwald und Filip Barankiewicz vom Stuttgarter Ballett
HOMMAGE À BOLSCHOI
Musik Alexander Glasunow
Choreografie John Cranko
PAS DE DEUX
aus Onegin (III. Akt)
Musik Peter I. Tschaikowski (eingerichtet von Kurt-Heinz Stolze)
Choreografie John Cranko
Krasina Pavlova und Arshak Ghalumyan vom Staatsballett Berlin
HEUTE IST DAS GESTERN VON MORGEN
Musik Max Richter
Choreografie Raimondo Rebeck
TRANSPARENTE
Musik Arshak Ghalumyan feat. Mariza
Choreografie Roland Savkovic
Catherine Franco und Denis Piza vom Ballett der Staatsoper Hannover
INFERNO
Musik Lisa Gerrard & Andrew Claxton
Choreografie Jörg Mannes
URLICHT
Musik Gustav Mahler
Choreografie Jörg Mannes
Mezzosopran Stefanie Schaefer
Marianela Núñez und Thiago Soares vom Royal Ballet in London
WINTER DREAMS PAS DE DEUX
Musik Peter I. Tschaikowski
Choreografie Kenneth MacMillan
Klavier Angela Yoffe
Thiago Bordin vom Hamburg Ballett,
PRAMIM
Musik Alexander Tscherepnin, Johann Sebastian Bach
Choreografie Jörg Mannes
Thiago Bordin, Hamburg Ballett
Violoncello Johann Ludwig
Eric Gauthier, Leiter der am Theaterhaus Stuttgart beheimateten Compagnie GauthierDance
I FOUND A FOX
Musik Kate Bush
Choreografie Marco Goecke
Badisches Staatsballett
ATTACKE
URAUFFÜHRUNG
Musik Dmitri Schostakowitsch
Choreografie Reginaldo Oliveira
Bruna Andrade, Larissa Mota, Kt. Flavio Salamanka, Ed Louzardo, STAATSBALLETT KARLSRUHE
TWO 4 ONE
Musik Starkey
Choreografie Arman Aslizadyan & Reginaldo Oliveira
Arman Aslizadyan & Reginaldo Oliveira, STAATSBALLETT KARLSRUHE
SIBELIUS FÜR B.
URAUFFÜHRUNG
Musik Jean Sibelius
Choreografie: Thiago Bordin
Sowie dem WALZER aus dem 1.Akt von Dornröschen
Zwei sehr gut aufeinander abgestimmte Tanzpaare waren zu sehen: Catherine Franco und Denis Piza vom Ballett der Staatsoper Hannover harmonierten wie bereits in Sissi beeindruckend miteinander (auch hier wieder u.a. zu Gustav Mahler, und zwar dem Urlicht aus der 2.Symphonie, schön gesungen von Stefanie Schaefer); Krasina Pavlova und Arshak Ghalumyan vom Staatsballett Berlin zeigten zwei interessante Paarstudien: zuerst ein getanzter Dipolmoment, dann Leidenschaft in sich umkreisender Halbdistanz.
Interessant war der Vergleich der beiden Choreographen Kenneth MacMillan und John Cranko, die mit emotional vergleichbaren Szenen hintereinander gezeigt wurden. Beide haben ja einen sehr ähnlichen Zugang zu Prokofievs Ballett Romeo und Julia (mehr hier) und MacMillan gilt eher als britisch distanziert, aber sein Pas des deux aus Winter Dreams, den Marianela Núñez und Thiago Soares vom Royal Ballet in London tanzten, wirkte auf eine altmodische Weise überdramatisiert und teilweise auf eine unfreiwillig komische Weise pathetisch. Crankos Choreographie aus Onegin (mehr hier), aus dem die Schlußszene von den beiden langjährigen Stars Maria Eichwald und Filip Barankiewicz vom Stuttgarter Ballett präsentiert wurde, wirkte dagegen deutlich geschmackvoller und aktuell zeitloser.
Eric Gauthier ließ sich zur Musik von Kate Bush zu einer kleinteilig-bewegungsreichen und gehetzten Choreographie inspirieren, während Thiago Bordin vom Hamburg Ballett Lebensfreude zu Cello-Musik versprühte. Ein Extra-Bravo geht an den Cellisten der Badischen Staatskapelle Johann Ludwig, der auf der Bühne sitzend mit seinem souveränen Spiel dem Hamburger Tänzer fast ein wenig die Schau stahl.
Das Badische Staatsballett präsentierte zu Beginn den Walzer aus Dornröschen und dann drei weitere Choreographien, darunter zwei Uraufführungen. Eine erschuf Ensemblemitglied Reginaldo Oliveira, der unlängst mit Der Fall M. (mehr hier) im Rahmen des Ballettabends Mythos einen großen Publikumserfolg feierte und dabei ist, sich als "Hauschoreograph" zu etablieren. Sein neues Ballett Attacke ist ein klaustrophobisches Stück, bei dem vier Tänzer vor ungewissen Bedrohungen flüchten: angstvoll und unheilvoll und mit einem visuellen und akustischen Showdown. Oliveira bekam zweifach viel Applaus und Jubel, denn auch ein bereits bekanntes Publikumslieblingsstück wurde getanzt: Arman Aslizadyan und Reginaldo Oliveira zeigten ihr inzwischen beliebtes und bekanntes Two 4 One mit Tänzer-vervielfachendem Live- Kameramitschnitt.
Zum Abschluß des Abends standen dann 32 Tänzer des Staatsballetts auf der Bühne. Thiago Bordin, der also nicht nur ein Solo tanzte, kreierte auf Musik aus Jean Sibelius' 2. Symphonie ein neues Stück mit viel Humor und großen Ensemble-Szenen.
Die Badische Staatskapelle unter der Leitung von Steven Moore und Justus Thorau trug mit packend gespieltem Max Richter, Tschaikowsky, Glasunow, Mahler, Sibelius und Schostakowitsch viel zum großartigen Eindruck des Abends bei und manch einer wird sich nun das eine oder andere Stück im Symphoniekonzert wünschen.
Fazit: Viel Jubel im Publikum. Birgit Keil schafft es ein ums andere mal, ihr Publikum zu begeistern und mit der sensationellen Freigabe von John Crankos Choreographie zu Der Widerspenstigen Zähmung in der kommenden Saison ist man endgültig im Balletthimmel angekommen. Glückwunsch an Birgit Keil für Ihre großartige Aufbauarbeit und alle Tänzer und Beteiligten des Badischen Staatsballett!
Zusammenfassung der Programmpunkte
Lucia Lacarra und Marlon Dino vom Bayerischen Staatsballett
THREE PRELUDES
Musik Sergej Rachmaninow
Choreografie Ben Stevenson
Klavier Angela Yoffe
Maria Eichwald und Filip Barankiewicz vom Stuttgarter Ballett
HOMMAGE À BOLSCHOI
Musik Alexander Glasunow
Choreografie John Cranko
PAS DE DEUX
aus Onegin (III. Akt)
Musik Peter I. Tschaikowski (eingerichtet von Kurt-Heinz Stolze)
Choreografie John Cranko
Krasina Pavlova und Arshak Ghalumyan vom Staatsballett Berlin
HEUTE IST DAS GESTERN VON MORGEN
Musik Max Richter
Choreografie Raimondo Rebeck
TRANSPARENTE
Musik Arshak Ghalumyan feat. Mariza
Choreografie Roland Savkovic
Catherine Franco und Denis Piza vom Ballett der Staatsoper Hannover
INFERNO
Musik Lisa Gerrard & Andrew Claxton
Choreografie Jörg Mannes
URLICHT
Musik Gustav Mahler
Choreografie Jörg Mannes
Mezzosopran Stefanie Schaefer
Marianela Núñez und Thiago Soares vom Royal Ballet in London
WINTER DREAMS PAS DE DEUX
Musik Peter I. Tschaikowski
Choreografie Kenneth MacMillan
Klavier Angela Yoffe
Thiago Bordin vom Hamburg Ballett,
PRAMIM
Musik Alexander Tscherepnin, Johann Sebastian Bach
Choreografie Jörg Mannes
Thiago Bordin, Hamburg Ballett
Violoncello Johann Ludwig
Eric Gauthier, Leiter der am Theaterhaus Stuttgart beheimateten Compagnie GauthierDance
I FOUND A FOX
Musik Kate Bush
Choreografie Marco Goecke
Badisches Staatsballett
ATTACKE
URAUFFÜHRUNG
Musik Dmitri Schostakowitsch
Choreografie Reginaldo Oliveira
Bruna Andrade, Larissa Mota, Kt. Flavio Salamanka, Ed Louzardo, STAATSBALLETT KARLSRUHE
TWO 4 ONE
Musik Starkey
Choreografie Arman Aslizadyan & Reginaldo Oliveira
Arman Aslizadyan & Reginaldo Oliveira, STAATSBALLETT KARLSRUHE
SIBELIUS FÜR B.
URAUFFÜHRUNG
Musik Jean Sibelius
Choreografie: Thiago Bordin
Sowie dem WALZER aus dem 1.Akt von Dornröschen
Mittwoch, 28. Mai 2014
Sissi (Ballett) - Gastspiel der Staatsoper Hannover, 27.05.2014
Der Leiter des Hannoveraner Balletts Jörg Mannes hat schön öfters für das Badische Staatsballett choreographiert (Liaison Dangereuses, Das Bett der Giulia Farnese und zuletzt in Mythos). Birgit Keil hat ihn nun im Rahmen der Karlsruher Ballettwoche mit einer seiner Produktionen eingeladen und das Ballett der Staatsoper Hannover bekam langen Applaus für eine starke Leistung bei seinem Karlsruher Gastspiel.
Frauen unter Zwang
Sissi - das ist doppelte Tragik: denn Jörg Mannes zeigt das Unglück zweier Frauen, die im deutschen Bewußtsein kaum zu trennen sind: das der österreichischen Kaiserin Elisabeth und ihrer berühmtesten Verkörperung Romy Schneider, die beide durch ihre frühen Rollen unwiderruflich ihr Leben prägten und zur öffentlichen Person wurden. Dem Korsett gesellschaftlicher Erwartung und Beobachtung zu entkommen war beiden dauerhaft nie möglich und hinterließ seine Spuren. Jörg Mannes lässt Sissi und Romy teilweise gleichzeitig tanzen - doppeltes Leid ist hier kein geteiltes Leid. Beider Söhne sterben, beide zerbrechen daran. Die Hofetikette ist für Sissi, was die Reporter für Romy Schneider darstellten (Mannes schafft hier eine große klaustrophobische Szene zu Honeggers Pacific 231, in der Romy ständig verfolgt wird). Wie Romy Schneider sich in Interviews als Meisterin der Selbstdarstellung zeigte, so treibt Sissi Sport und hielt sich in Form, um in der äußeren Darstellung ihrer Rolle gewachsen zu erscheinen. Es werden überraschende Parallelen zwischen beiden Frauen gefunden.
Szenenfolge statt Handlung
Als Handlungsballett kann man Sissi nicht bezeichnen, es fehlt der große innere Zusammenhalt. Vielmehr reiht die Choreographie Ausschnitte und Gefühlslagen aneinander, die mehr künstlich als organisch verknüpft sind. Wer kein Wissen um Sissi (historisch und filmisch), Romy Schneider und Alain Delon hat, wird es schwer haben. Auch musikalisch ergibt sich nicht der große homogene Eindruck. Es beginnt harmonisch und humorvoll mit Ausschnitten und Anklängen an den berühmten Film: eine getanzte Jagdszene mit Hirsch zu Strauß' Donau-Walzer. Doch danach ist Schluß mit lustig. Der gelegentlich weiterhin durch das Bild trabende Hirsch wirkt eher als Fremdbild und Verfremdung, musikalisch werden intime und wehmütige Momente mit Gustav Mahlers Rückert- und Kindertoten-Lieder beschworen. Ein Höhepunkt am Ende des ersten Akts zeigt zu Mahlers Um Mitternacht die Tänzerin Anastasiya Bobrykova mit großer Eleganz und scheinbarer Leichtigkeit mit beeindruckender Kraft an Ringen tanzend. Eine große tänzerische und physische Leistung. Bravo! Sissi lässt Jörg Mannes von vier unterschiedlichen Tänzerinnen tanzen - der Zugang zu ihr ist durch die historische Distanz diffus geworden, die unterschiedlichen Sissis sind Zeugen einer historischen Unwissenheit. Romy hingegen lebt medial durch Filme und Aufzeichnungen weiter und wird nur von einer Tänzerin dargestellt: Catherine Franco hinterlässt als Romy darstellerisch den stärksten Eindruck und hat die wichtigste Rolle.
Romy und Alain
Den mit Abstand stärksten und größten Moment hat dieses Ballett in seiner längsten Szene zu Beginn des zweiten Akts, einem langen Pas de deux, in dem die Geschichte von Liebe und Leid Romy Schneiders und Alain Delons zum dritten Satz der 4. Symphonie Gustav Mahlers getanzt und erzählt wird. Auch in Hannover kommen die ersten Solisten aus Brasilien, bzw. konkret aus São Paulo: Catherine Franco als Romy Schneider und Denis Piza als Alain Delon tanzen diese lange und grandiose Szene mit vollem Einsatz. Bravo! Beide werden auch in der Ballettgala am 31.05.2014 in Karlsruhe zu sehen sein.
Fazit: Ein schönes Ballett mit gelegentlichen Durchhängern und einem sehr guten Gastauftritt des Balletts der Staatsoper Hannover.
Frauen unter Zwang
Sissi - das ist doppelte Tragik: denn Jörg Mannes zeigt das Unglück zweier Frauen, die im deutschen Bewußtsein kaum zu trennen sind: das der österreichischen Kaiserin Elisabeth und ihrer berühmtesten Verkörperung Romy Schneider, die beide durch ihre frühen Rollen unwiderruflich ihr Leben prägten und zur öffentlichen Person wurden. Dem Korsett gesellschaftlicher Erwartung und Beobachtung zu entkommen war beiden dauerhaft nie möglich und hinterließ seine Spuren. Jörg Mannes lässt Sissi und Romy teilweise gleichzeitig tanzen - doppeltes Leid ist hier kein geteiltes Leid. Beider Söhne sterben, beide zerbrechen daran. Die Hofetikette ist für Sissi, was die Reporter für Romy Schneider darstellten (Mannes schafft hier eine große klaustrophobische Szene zu Honeggers Pacific 231, in der Romy ständig verfolgt wird). Wie Romy Schneider sich in Interviews als Meisterin der Selbstdarstellung zeigte, so treibt Sissi Sport und hielt sich in Form, um in der äußeren Darstellung ihrer Rolle gewachsen zu erscheinen. Es werden überraschende Parallelen zwischen beiden Frauen gefunden.
Szenenfolge statt Handlung
Als Handlungsballett kann man Sissi nicht bezeichnen, es fehlt der große innere Zusammenhalt. Vielmehr reiht die Choreographie Ausschnitte und Gefühlslagen aneinander, die mehr künstlich als organisch verknüpft sind. Wer kein Wissen um Sissi (historisch und filmisch), Romy Schneider und Alain Delon hat, wird es schwer haben. Auch musikalisch ergibt sich nicht der große homogene Eindruck. Es beginnt harmonisch und humorvoll mit Ausschnitten und Anklängen an den berühmten Film: eine getanzte Jagdszene mit Hirsch zu Strauß' Donau-Walzer. Doch danach ist Schluß mit lustig. Der gelegentlich weiterhin durch das Bild trabende Hirsch wirkt eher als Fremdbild und Verfremdung, musikalisch werden intime und wehmütige Momente mit Gustav Mahlers Rückert- und Kindertoten-Lieder beschworen. Ein Höhepunkt am Ende des ersten Akts zeigt zu Mahlers Um Mitternacht die Tänzerin Anastasiya Bobrykova mit großer Eleganz und scheinbarer Leichtigkeit mit beeindruckender Kraft an Ringen tanzend. Eine große tänzerische und physische Leistung. Bravo! Sissi lässt Jörg Mannes von vier unterschiedlichen Tänzerinnen tanzen - der Zugang zu ihr ist durch die historische Distanz diffus geworden, die unterschiedlichen Sissis sind Zeugen einer historischen Unwissenheit. Romy hingegen lebt medial durch Filme und Aufzeichnungen weiter und wird nur von einer Tänzerin dargestellt: Catherine Franco hinterlässt als Romy darstellerisch den stärksten Eindruck und hat die wichtigste Rolle.
Romy und Alain
Den mit Abstand stärksten und größten Moment hat dieses Ballett in seiner längsten Szene zu Beginn des zweiten Akts, einem langen Pas de deux, in dem die Geschichte von Liebe und Leid Romy Schneiders und Alain Delons zum dritten Satz der 4. Symphonie Gustav Mahlers getanzt und erzählt wird. Auch in Hannover kommen die ersten Solisten aus Brasilien, bzw. konkret aus São Paulo: Catherine Franco als Romy Schneider und Denis Piza als Alain Delon tanzen diese lange und grandiose Szene mit vollem Einsatz. Bravo! Beide werden auch in der Ballettgala am 31.05.2014 in Karlsruhe zu sehen sein.
Fazit: Ein schönes Ballett mit gelegentlichen Durchhängern und einem sehr guten Gastauftritt des Balletts der Staatsoper Hannover.
Sonntag, 25. Mai 2014
Rokokotheater Schwetzingen: Hasse - Leucippo, 24.05.2014
Ein weitere schöne barocke Entdeckung, allerdings ohne szenische Tiefenwirkung - so präsentiert sich Leucippo bei den Schwetzinger SWR Festspielen.
Donnerstag, 22. Mai 2014
Adams - Dr. Atomic, 21.05.2014
Auch vier Monate nach der Premiere (mehr hier) ist die Inszenierung des ersten Akts von Dr. Atomic ein geniales visuelles Meisterwerk. Besser kann man Musik und Handlung nicht umsetzen und auf den Punkt bringen und die Zuhörer/-schauer auf eine Reise mitnehmen. Der zweite Akt bleibt hingegen ein für viele nur schwer überwindbares Hindernis. Das Warten auf die Testzündung soll für die Figuren quälend langsam erscheinen, aber zu viele Zuschauer beginnen sich langsam zu quälen und springen dabei aus Langeweile ab. Bei Yuval Sharons Regie kommt das Publikum im zweiten Teil nicht auf seine Kosten. Die prekäre Gefühlslage des Zweifelns und Wartens, des Hoffens und der Infragestellung überdehnt sich auch visuell in langsames und ermüdendes Bühnengeschehen. Das Konzept der Animation und schnellen Schnitte des ersten Akts wird dadurch formell zwar perfekt kontrastiert, aber praktisch stürzt die Hochspannung des ersten Akts dadurch über weite Strecken des zweiten Akts zu stark ab und wird dadurch doppelt problematisch: musikalisch gedehnt und szenisch gebrochen. Durch stärkere Bilder wäre er zumindest aufgewertet worden. Erst gegen Ende findet sich beim Countdown die Beklemmung ein, die zuvor fehlte. Überhaupt ist Dr. Atomic kein Meisterwerk - die Musik trägt nicht über die komplette Zeit, das Libretto ist aus Zitaten zusammengestückelt und täuscht eine Mischung aus Tiefsinn und Dokumentation vor, die kein rundes Ganzes ergibt.
Politische Oper? Historische Oper?
Bereits anlässlich von Wallenberg wurde im Rahmen dieses Blogs die Frage gestellt, was denn nun politische Oper sei. Im aktuellen Theatermagazin wird dieses Thema im Gespräch mit fünf Regisseuren weiter umkreist und gezeigt, daß Politische Oper ein diskutables Etikett bleibt. Es gibt Etikette, die sich die Theater gerne anheften: politisch, radikal, mutig, gesellschaftlich engagiert .... Eine indirekte Rechtfertigung und ein schlechtes Gewissen scheinen daraus zu sprechen. Man täuscht eine gesellschaftliche Relevanz vor, da man der Kunstform an sich nicht vertraut. Zweckkunst also anstelle von Kunstzweck. Selbstbewußte Theater würden andere Begriffe wählen, die die Autonomie der Kunst betonen und sich deshalb gesellschaftlich relevant sehen: verspielt, opulent, phantasievoll, seelenvoll, grüblerisch, nachdenklich, .... Politische Oper ist aktuell überwiegend historische Oper, die reale Vorkommnisse in der Geschichte mit Abstand von einigen Jahrzehnten behandeln und die Figuren und Momente mit mehr oder weniger künstlicher politischer Bedeutsamkeit unterlegen.
Ein Gegenbeispiel für Politische Oper
Die türkische Regisseurin Yekta Kara inszenierte 2004 in Karlsruhe Mozarts Entführung aus dem Serail und zeigte wie beiläufig, daß sogar Mozart ganz unangestrengt als politische Oper inszeniert werden kann. Sie ließ Traditionalisten und westlich orientierte Türken aufeinander treffen und zeigte im Schlußbild eine Analyse der türkischen Gesellschaft: eine gespaltene Nation, in der sich zwei Lager gegenüberstehen. Die Westeuropäer kamen zwischen Gier und Barbarentum nicht gut davon: die Regisseurin zeigte Belmonte als hektischen Investment Banker im Anzug, Pedrillo trug mit Sportschuhen und Hawaii-Hemd die Insignien geschmackloser Ignoranz gegenüber dem Gastland. Karas Mozart-Inszenierung war politischer und aufschlußreicher als das, was man in Karlsruhe in den letzten drei Jahren mit dem Slogan "politisch" etikettierte.
Verlust der Programmlinien
Nächste Spielzeit (hier zur Vorschau) gibt es keine neue "politische Oper". Die groß angekündigten Programmlinien in der Oper, für die man den wenig aussagekräftigen Preis "Bestes Opernprogramm 2012/13" erhielt (einige werden damals über die schwache Begründung geschmunzelt haben: "Beeindruckend ist ... die Stringenz, mit der thematische Linien verfolgt werden.") hat sich also schon wieder erledigt. Oder ob Offenbachs Fantasio hier die Reihen doch zu schließen vermag? Auch Glucks Iphigenie auf Tauris wird zwar auf Französisch gesungen, aber die Reihe "französischer" Opern wird damit nur halbherzig weitergeführt. Es warten andere Kaliber französischer Komponisten auf ihre Karlsruher (Wieder-)Entdeckung: Lully, Rameau, Meyerbeer, Halévy, Massenet oder Gustave Charpentier.
Politische Oper? Historische Oper?
Bereits anlässlich von Wallenberg wurde im Rahmen dieses Blogs die Frage gestellt, was denn nun politische Oper sei. Im aktuellen Theatermagazin wird dieses Thema im Gespräch mit fünf Regisseuren weiter umkreist und gezeigt, daß Politische Oper ein diskutables Etikett bleibt. Es gibt Etikette, die sich die Theater gerne anheften: politisch, radikal, mutig, gesellschaftlich engagiert .... Eine indirekte Rechtfertigung und ein schlechtes Gewissen scheinen daraus zu sprechen. Man täuscht eine gesellschaftliche Relevanz vor, da man der Kunstform an sich nicht vertraut. Zweckkunst also anstelle von Kunstzweck. Selbstbewußte Theater würden andere Begriffe wählen, die die Autonomie der Kunst betonen und sich deshalb gesellschaftlich relevant sehen: verspielt, opulent, phantasievoll, seelenvoll, grüblerisch, nachdenklich, .... Politische Oper ist aktuell überwiegend historische Oper, die reale Vorkommnisse in der Geschichte mit Abstand von einigen Jahrzehnten behandeln und die Figuren und Momente mit mehr oder weniger künstlicher politischer Bedeutsamkeit unterlegen.
Ein Gegenbeispiel für Politische Oper
Die türkische Regisseurin Yekta Kara inszenierte 2004 in Karlsruhe Mozarts Entführung aus dem Serail und zeigte wie beiläufig, daß sogar Mozart ganz unangestrengt als politische Oper inszeniert werden kann. Sie ließ Traditionalisten und westlich orientierte Türken aufeinander treffen und zeigte im Schlußbild eine Analyse der türkischen Gesellschaft: eine gespaltene Nation, in der sich zwei Lager gegenüberstehen. Die Westeuropäer kamen zwischen Gier und Barbarentum nicht gut davon: die Regisseurin zeigte Belmonte als hektischen Investment Banker im Anzug, Pedrillo trug mit Sportschuhen und Hawaii-Hemd die Insignien geschmackloser Ignoranz gegenüber dem Gastland. Karas Mozart-Inszenierung war politischer und aufschlußreicher als das, was man in Karlsruhe in den letzten drei Jahren mit dem Slogan "politisch" etikettierte.
Verlust der Programmlinien
Nächste Spielzeit (hier zur Vorschau) gibt es keine neue "politische Oper". Die groß angekündigten Programmlinien in der Oper, für die man den wenig aussagekräftigen Preis "Bestes Opernprogramm 2012/13" erhielt (einige werden damals über die schwache Begründung geschmunzelt haben: "Beeindruckend ist ... die Stringenz, mit der thematische Linien verfolgt werden.") hat sich also schon wieder erledigt. Oder ob Offenbachs Fantasio hier die Reihen doch zu schließen vermag? Auch Glucks Iphigenie auf Tauris wird zwar auf Französisch gesungen, aber die Reihe "französischer" Opern wird damit nur halbherzig weitergeführt. Es warten andere Kaliber französischer Komponisten auf ihre Karlsruher (Wieder-)Entdeckung: Lully, Rameau, Meyerbeer, Halévy, Massenet oder Gustave Charpentier.
Dienstag, 20. Mai 2014
7.Symphoniekonzert, 19.05.2014
Größer konnte der Kontrast kaum sein: vor der Pause komplexe Werke der zweiten Wiener Schule von Arnold Schönberg und seinen bekanntesten Schülern Alban Berg und Anton Webern, nach der Pause eine Komposition von minimalistischer Schlichtheit.
Anton Webern variierte in Ricercata aus dem Jahr 1934 das Ricercar zu 6 Stimmen aus Johann Sebastian Bachs Spätwerk Das musikalische Opfer für ein kleines Orchester und dieses kurze Stück mit wenigen Minuten Spieldauer ist für den Beginn eines Konzerts gut geeignet: Ein schöner Einstieg ohne Nebenwirkungen.
Arnold Schönberg komponierte Ein Überlebender aus Warschau in Zwölftontechnik für einen deklamierenden Sprecher, Männerchor und Orchester im Jahre 1947. (Das Programmheft gibt diesbezüglich sehr interessante Informationen und ist von Bernd Feuchtner mal wieder sehr kenntnisreich und lesenswert zusammengestellt). Als Sprecher bewies Renatus Meszar mit beeindruckend schöner Stimme seine Fähigkeit zur Empathie und Drastik. Ein ausdrucksstarkes Werk, das seine Wirkung auch durch den groß besetzten Männerchor mit ca 45 Sängern erhält, die abschließend ein traditionelles jüdisches Gebet singen.
Danach Drei Stücke für Orchester op. 6 von Alban Berg und es schien Justin Brown ein Anliegen zu sein, dieses Werk zu dirigieren: mit großer Konzentration modellierte er die komplexe Partitur und ließ Bergs Stücke in der Nachfolge Gustav Mahlers symphonisch erregt und aufreibend spannend erklingen. Ein Fortsetzung wäre möglich: Bergs Oper Wozzeck war in Karlsruhe schon lange nicht mehr zu hören.
Nach der Pause dann die Symphonie der Klagelieder des polnischen Komponisten Henryk Górecki (*1933 †2010), die 1976 als Auftragswerk für den Südwestfunk Baden-Baden komponiert wurde. (Das waren noch Zeiten: der erfolgreiche SWF mit seinem großartigen Symphonieorchester! Erst musste man die Senderfusion zum SWR und nun die Zerschlagung und Fusion mit dem Stuttgarter Orchester erdulden. Wer hätte gedacht, daß ausgerechnet eine Rot-Grüne Landesregierung Kulturpolitik unter kapitalistischen Zwang zur erbarmungslosen Einsparungspolitik setzt und den Stuttgarter Zentralismus fördert). Górecki hat als gläubiger Katholik in jedem der drei Symphoniesätze einen polnischen Text vertont; symphonische Klagelieder die von der seelenvollsten Stimme des Badischen Staatstheater Barbara Dobrzanska mit großer Innigkeit und Intensität in ihrer Muttersprache gesungen wurden. Ein meditativer Ausklang, der zeigte, daß auch in Schlichtheit Größe liegen kann.
Anton Webern variierte in Ricercata aus dem Jahr 1934 das Ricercar zu 6 Stimmen aus Johann Sebastian Bachs Spätwerk Das musikalische Opfer für ein kleines Orchester und dieses kurze Stück mit wenigen Minuten Spieldauer ist für den Beginn eines Konzerts gut geeignet: Ein schöner Einstieg ohne Nebenwirkungen.
Arnold Schönberg komponierte Ein Überlebender aus Warschau in Zwölftontechnik für einen deklamierenden Sprecher, Männerchor und Orchester im Jahre 1947. (Das Programmheft gibt diesbezüglich sehr interessante Informationen und ist von Bernd Feuchtner mal wieder sehr kenntnisreich und lesenswert zusammengestellt). Als Sprecher bewies Renatus Meszar mit beeindruckend schöner Stimme seine Fähigkeit zur Empathie und Drastik. Ein ausdrucksstarkes Werk, das seine Wirkung auch durch den groß besetzten Männerchor mit ca 45 Sängern erhält, die abschließend ein traditionelles jüdisches Gebet singen.
Danach Drei Stücke für Orchester op. 6 von Alban Berg und es schien Justin Brown ein Anliegen zu sein, dieses Werk zu dirigieren: mit großer Konzentration modellierte er die komplexe Partitur und ließ Bergs Stücke in der Nachfolge Gustav Mahlers symphonisch erregt und aufreibend spannend erklingen. Ein Fortsetzung wäre möglich: Bergs Oper Wozzeck war in Karlsruhe schon lange nicht mehr zu hören.
Nach der Pause dann die Symphonie der Klagelieder des polnischen Komponisten Henryk Górecki (*1933 †2010), die 1976 als Auftragswerk für den Südwestfunk Baden-Baden komponiert wurde. (Das waren noch Zeiten: der erfolgreiche SWF mit seinem großartigen Symphonieorchester! Erst musste man die Senderfusion zum SWR und nun die Zerschlagung und Fusion mit dem Stuttgarter Orchester erdulden. Wer hätte gedacht, daß ausgerechnet eine Rot-Grüne Landesregierung Kulturpolitik unter kapitalistischen Zwang zur erbarmungslosen Einsparungspolitik setzt und den Stuttgarter Zentralismus fördert). Górecki hat als gläubiger Katholik in jedem der drei Symphoniesätze einen polnischen Text vertont; symphonische Klagelieder die von der seelenvollsten Stimme des Badischen Staatstheater Barbara Dobrzanska mit großer Innigkeit und Intensität in ihrer Muttersprache gesungen wurden. Ein meditativer Ausklang, der zeigte, daß auch in Schlichtheit Größe liegen kann.
Freitag, 16. Mai 2014
Weitere Abgänge im Karlsruher Schauspiel
Die Karlsruher Problemsparte verliert zum Ende der Spielzeit einige Schauspieler. Tendenziell gehen eher die stärkeren und starken Akteure, zurück bleiben eher die Kandidaten, die sich in den letzten drei Jahren keinen Namen gemacht haben.
Es gehen:
Dem Karlsruher Schauspiel steht also wieder ein Übergangsjahr bevor, in dem man versucht, sich zu finden. Nach drei durchwachsenen und tendenziell eher unoriginellen und langweiligen Spielzeiten ist es fraglich, ob man nächste Saison endlich Tritt fassen kann.
Komplett ausgetauscht hat man nun auch innerhalb von drei Jahren die Schauspiel-Dramaturgen. Wenn man sich die Programmhefte durchliest, findet man einen Grund.
Doch vielleicht hat man ja nach drei mittelmäßigen Spielzeiten erkannt, daß es nicht um Programmplanung und Theorie geht, sondern für ein Publikum das Bühnengeschehen und starke Schauspieler wichtiger sind. Die Hoffnung stirbt zuletzt.....
NACHTRAG, 21.05.14: Auch eine bekannte Schauspielerin geht: Ursula Grossenbacher spielt nächste Spielzeit als Gast am Theater in Bonn, wo auch Benjamin Berger und Andrej Kaminsky im Ensemble sind.
Es gehen:
- Simon Bauer
- Robert Besta
- Georg Krause
- Matthias Lamp
- Natanaël Lienhard
- Jonas Riemer
- Timo Tank
Dem Karlsruher Schauspiel steht also wieder ein Übergangsjahr bevor, in dem man versucht, sich zu finden. Nach drei durchwachsenen und tendenziell eher unoriginellen und langweiligen Spielzeiten ist es fraglich, ob man nächste Saison endlich Tritt fassen kann.
Komplett ausgetauscht hat man nun auch innerhalb von drei Jahren die Schauspiel-Dramaturgen. Wenn man sich die Programmhefte durchliest, findet man einen Grund.
Doch vielleicht hat man ja nach drei mittelmäßigen Spielzeiten erkannt, daß es nicht um Programmplanung und Theorie geht, sondern für ein Publikum das Bühnengeschehen und starke Schauspieler wichtiger sind. Die Hoffnung stirbt zuletzt.....
NACHTRAG, 21.05.14: Auch eine bekannte Schauspielerin geht: Ursula Grossenbacher spielt nächste Spielzeit als Gast am Theater in Bonn, wo auch Benjamin Berger und Andrej Kaminsky im Ensemble sind.
Vorschau: Symphoniekonzerte 2014/15
Eine schöne Zusammenstellung: Beliebtes und Unbekanntes, mehrere deutsche Erstaufführungen und Ungehörtes (Stücke von Weinberg und Vivian Fung).
1. SYMPHONIEKONZERT
Carl Nielsen - Ouvertüre zur Oper „Maskerade”
Jesper Koch - Dreamscapes / Konzert für Violoncello und Orchester (DT. ERSTAUFFÜHRUNG)
Gustav Mahler - Symphonie Nr. 1 D-Dur
Michaela Fukačová - Violoncello
Justin Brown - Dirigent
28.9.14 & 29.9.14
2. SYMPHONIEKONZERT
Vivian Fung - Dust Devils
Mieczysław Weinberg - Violinkonzert g-Moll op. 67 (DT. ERSTAUFFÜHRUNG)
Modest Mussorgsky - Bilder einer Ausstellung (Orchestrierung Maurice Ravel)
Linus Roth - Violine
Mei-Ann Chen - Dirigentin
2.11.14 & 3.11.14
3. SYMPHONIEKONZERT
Viktor Ullmann - Don Quixote tanzt Fandango
Thomas Larcher - Konzert für Violine, Violoncello und Orchester (DT. ERSTAUFFÜHRUNG)
Richard Strauss - Ein Heldenleben op. 40
Viktoria Mullova - Violine
Matthew Barley - Violoncello
Justin Brown - Dirigent
23.11.14 & 24.11.14
4. SYMPHONIEKONZERT
Anton Bruckner - Symphonie Nr. 8 c-Moll
Justin Brown - Dirigent
1.2.15 & 2.2.15
5. SYMPHONIEKONZERT
Stadtjubiläum 300 Jahre Karlsruhe
Joseph Haydn - Symphonie Nr. 94 G-Dur „Mit dem Paukenschlag“
Wolfgang Amadeus Mozart - Klavierkonzert Nr. 14 Es-Dur KV 449
Wolfgang Rihm - Capriccio für Klavier und Orchester (URAUFFÜHRUNG, AUFTRAGSWERK DER STADT KARLSRUHE)
Wolfgang Rihm - Über die Linie VIII (URAUFFÜHRUNG, AUFTRAGSWERK DER STADT KARLSRUHE)
Justin Brown - Klavier & Dirigent
8.3.15 & 9.3.15
6. SYMPHONIEKONZERT
Edward Elgar - Enigma Variationen op. 36
Thomas Adès - Konzert für Violine und Orchester „Concentric Paths“
Ralph Vaughan Williams - Symphonie Nr. 5 D-Dur
Augustin Hadelich - Violine
Justin Brown - Dirigent
12.4.15 & 13.4.15
7. SYMPHONIEKONZERT
Robert Schumann - Konzertstück für vier Hörner und Orchester op. 86
Felix Mendelssohn Bartholdy - Symphonie Nr. 2 B-Dur „Lobgesang“ op. 52
Dominik Zinsstag, Frank Bechtel, Jörg Dusemund & Peter Bühl - Horn
Ks. Ina Schlingensiepen - Sopran
Stefanie Schaefer- Mezzosopran
Ks. Klaus Schneider - Tenor
Chor & Extrachor
Ulrich Wagner - Choreinstudierung
Johannes Willig - Dirigent
3.5.15 & 4.5.15
8. SYMPHONIEKONZERT
Bedřich Smetana - Ouvertüre zu „Die verkaufte Braut”
Miroslav Srnka - Konzert für Klavier und Orchester (DT. ERSTAUFFÜHRUNG)
Hector Berlioz - Symphonie fantastique
Nicolas Hodges - Klavier
Cornelius Meister - Dirigent
19.7.15 & 20.7.15
Besondere Aufmerksamkeit verdienen auch:
2. SONDERKONZERT
Ludwig van Beethoven - Violinkonzert D-Dur op. 61
Jean Sibelius - Symphony Nr. 2 D-Dur op. 43
Patricia Kopatchinskaja - Violine
Sir Roger Norrington - Dirigent
RSO STUTTGART DES SWR
18.1.15
KONZERT DES BUNDESPRÄSIDENTEN
Orchester des Helmholtz-Gymnasiums Karlsruhe (Hans-Jochen Stiefel - Leitung)
Badische Staatskapelle
Justin Brown - Dirigent
23.6.15 20.00
PS: Hallo liebes Badisches Staatstheater,
Bruckners 8. Symphonie ist wirklich ein gigantisches Werk ("Die Krone der Symphonik", wie ein großer Dirigent sie einst bezeichnete). Nun hat Sergiu Celibidache tatsächlich knapp 100 Minuten dafür benötigt, aber bei Justin Brown könnte man vermuten, daß er eher eine Lesart wie bei Carl Schuricht bevorzugt und unter 80 Minuten bleibt. Sollte man dann nicht eine Pause und ein kleines Vorstück einbauen?
1. SYMPHONIEKONZERT
Carl Nielsen - Ouvertüre zur Oper „Maskerade”
Jesper Koch - Dreamscapes / Konzert für Violoncello und Orchester (DT. ERSTAUFFÜHRUNG)
Gustav Mahler - Symphonie Nr. 1 D-Dur
Michaela Fukačová - Violoncello
Justin Brown - Dirigent
28.9.14 & 29.9.14
2. SYMPHONIEKONZERT
Vivian Fung - Dust Devils
Mieczysław Weinberg - Violinkonzert g-Moll op. 67 (DT. ERSTAUFFÜHRUNG)
Modest Mussorgsky - Bilder einer Ausstellung (Orchestrierung Maurice Ravel)
Linus Roth - Violine
Mei-Ann Chen - Dirigentin
2.11.14 & 3.11.14
3. SYMPHONIEKONZERT
Viktor Ullmann - Don Quixote tanzt Fandango
Thomas Larcher - Konzert für Violine, Violoncello und Orchester (DT. ERSTAUFFÜHRUNG)
Richard Strauss - Ein Heldenleben op. 40
Viktoria Mullova - Violine
Matthew Barley - Violoncello
Justin Brown - Dirigent
23.11.14 & 24.11.14
4. SYMPHONIEKONZERT
Anton Bruckner - Symphonie Nr. 8 c-Moll
Justin Brown - Dirigent
1.2.15 & 2.2.15
5. SYMPHONIEKONZERT
Stadtjubiläum 300 Jahre Karlsruhe
Joseph Haydn - Symphonie Nr. 94 G-Dur „Mit dem Paukenschlag“
Wolfgang Amadeus Mozart - Klavierkonzert Nr. 14 Es-Dur KV 449
Wolfgang Rihm - Capriccio für Klavier und Orchester (URAUFFÜHRUNG, AUFTRAGSWERK DER STADT KARLSRUHE)
Wolfgang Rihm - Über die Linie VIII (URAUFFÜHRUNG, AUFTRAGSWERK DER STADT KARLSRUHE)
Justin Brown - Klavier & Dirigent
8.3.15 & 9.3.15
6. SYMPHONIEKONZERT
Edward Elgar - Enigma Variationen op. 36
Thomas Adès - Konzert für Violine und Orchester „Concentric Paths“
Ralph Vaughan Williams - Symphonie Nr. 5 D-Dur
Augustin Hadelich - Violine
Justin Brown - Dirigent
12.4.15 & 13.4.15
7. SYMPHONIEKONZERT
Robert Schumann - Konzertstück für vier Hörner und Orchester op. 86
Felix Mendelssohn Bartholdy - Symphonie Nr. 2 B-Dur „Lobgesang“ op. 52
Dominik Zinsstag, Frank Bechtel, Jörg Dusemund & Peter Bühl - Horn
Ks. Ina Schlingensiepen - Sopran
Stefanie Schaefer- Mezzosopran
Ks. Klaus Schneider - Tenor
Chor & Extrachor
Ulrich Wagner - Choreinstudierung
Johannes Willig - Dirigent
3.5.15 & 4.5.15
8. SYMPHONIEKONZERT
Bedřich Smetana - Ouvertüre zu „Die verkaufte Braut”
Miroslav Srnka - Konzert für Klavier und Orchester (DT. ERSTAUFFÜHRUNG)
Hector Berlioz - Symphonie fantastique
Nicolas Hodges - Klavier
Cornelius Meister - Dirigent
19.7.15 & 20.7.15
Besondere Aufmerksamkeit verdienen auch:
2. SONDERKONZERT
Ludwig van Beethoven - Violinkonzert D-Dur op. 61
Jean Sibelius - Symphony Nr. 2 D-Dur op. 43
Patricia Kopatchinskaja - Violine
Sir Roger Norrington - Dirigent
RSO STUTTGART DES SWR
18.1.15
KONZERT DES BUNDESPRÄSIDENTEN
Orchester des Helmholtz-Gymnasiums Karlsruhe (Hans-Jochen Stiefel - Leitung)
Badische Staatskapelle
Justin Brown - Dirigent
23.6.15 20.00
PS: Hallo liebes Badisches Staatstheater,
Bruckners 8. Symphonie ist wirklich ein gigantisches Werk ("Die Krone der Symphonik", wie ein großer Dirigent sie einst bezeichnete). Nun hat Sergiu Celibidache tatsächlich knapp 100 Minuten dafür benötigt, aber bei Justin Brown könnte man vermuten, daß er eher eine Lesart wie bei Carl Schuricht bevorzugt und unter 80 Minuten bleibt. Sollte man dann nicht eine Pause und ein kleines Vorstück einbauen?
Mittwoch, 14. Mai 2014
Weinberg - Die Passagierin, 13.05.2014
Fast genau ein Jahr nach der Premiere (mehr dazu hier) ist Weinbergs Oper immer noch ein tiefgehendes Opernerlebnis und dem scheidenden Operndirektor Schaback und Chefdramaturg Feuchtner kann man nun wirklich nicht vorwerfen, daß sie ihr Programm "routiniert" zusammengestellt haben: ob nun Berlioz' Trojaner, Delius' Romeo und Julia auf dem Dorfe, Wallenberg, Tannhäuser, Peter Grimes, Dr. Atomic oder Riccardo Primo und auch Künnekes Der Vetter aus Dingsda - es gibt einiges, woran man sich erinnern wird.
Die Passagierin ist nun aber wirklich keine leichte Kost. Daß dennoch nicht wenige Zuschauer entschlossen, sich für die Vorstellungen Karten zu besorgen, spricht für das Karlsruher Publikum. Die gestrige vorletzte Vorstellung war noch ca zu 50-60% ausgelastet - man muß sich seelisch schon auf die dreistündige Bedrückung einlassen wollen und Verständnis für jene haben, die sich dem nicht gewachsen fühlen.
Die Not und Angst im Konzentrationslager - Weinberg schenkt den Frauenstimmen große, emotional bewegende Szenen: ob nun die wunderbare Barabara Dobrzanska in der Hauptrolle, die ab nächster Spielzeit zum Ensemble gehörende junge polnische Sopranistin Agnieszka Tomaszewska als Katja mit anrührendem russischem Volkslied oder die tiefen Frauenstimmen von Dilara Baştar und der immer besonderen Rebecca Raffell, die ebenfalls mit dem Gebet der Bronka einen weiteren großen Auftritt hat. Dazu die vielen weiteren Momente der Erschütterung: Allrounder Andrew Finden, der als Geiger Tadeusz seiner Figur Kraft aus Religion und Kultur verleiht und zeigt, wie man versucht, sich an Kostbares zu halten, um der Verzweiflung entgegen zu leben, der großartig zwielichtige Walter von Matthias Wohlbrecht sowie die ständig Bühnenpräsenz zeigende Christina Niessen als Wärterin. Oder auch die aus dem Chor so stark besetzten kleinen Nebenszenen, wie beispielsweise die von Maike Etzold gesungene Lagerinsassin, die psychisch vom Schrecken zerrüttet das Unaussprechliche des Massenmords verzweifelt als Tod durch Schnupfen darstellt - es stimmt einfach und passt zusammen, was hier ein Opernhaus mit vielen Beteiligten so mutig auf die Bühne bringt. Christoph Gedschold lässt das Orchester dazu farbenreich klingen und beweist die Stärke der Weinberg'schen Partitur, die man gerne auch kulinarisch und quantitativ genießen wollte, wenn die Handlung es denn zuließe. Musikalisch und szenisch eine Aufführung voller Spannung und Höhepunkte und ein herzliches Bravo! an alle Beteiligten für einen zweifellos schweres und vielschichtiges Erlebnis.
Die Passagierin ist nun aber wirklich keine leichte Kost. Daß dennoch nicht wenige Zuschauer entschlossen, sich für die Vorstellungen Karten zu besorgen, spricht für das Karlsruher Publikum. Die gestrige vorletzte Vorstellung war noch ca zu 50-60% ausgelastet - man muß sich seelisch schon auf die dreistündige Bedrückung einlassen wollen und Verständnis für jene haben, die sich dem nicht gewachsen fühlen.
Die Not und Angst im Konzentrationslager - Weinberg schenkt den Frauenstimmen große, emotional bewegende Szenen: ob nun die wunderbare Barabara Dobrzanska in der Hauptrolle, die ab nächster Spielzeit zum Ensemble gehörende junge polnische Sopranistin Agnieszka Tomaszewska als Katja mit anrührendem russischem Volkslied oder die tiefen Frauenstimmen von Dilara Baştar und der immer besonderen Rebecca Raffell, die ebenfalls mit dem Gebet der Bronka einen weiteren großen Auftritt hat. Dazu die vielen weiteren Momente der Erschütterung: Allrounder Andrew Finden, der als Geiger Tadeusz seiner Figur Kraft aus Religion und Kultur verleiht und zeigt, wie man versucht, sich an Kostbares zu halten, um der Verzweiflung entgegen zu leben, der großartig zwielichtige Walter von Matthias Wohlbrecht sowie die ständig Bühnenpräsenz zeigende Christina Niessen als Wärterin. Oder auch die aus dem Chor so stark besetzten kleinen Nebenszenen, wie beispielsweise die von Maike Etzold gesungene Lagerinsassin, die psychisch vom Schrecken zerrüttet das Unaussprechliche des Massenmords verzweifelt als Tod durch Schnupfen darstellt - es stimmt einfach und passt zusammen, was hier ein Opernhaus mit vielen Beteiligten so mutig auf die Bühne bringt. Christoph Gedschold lässt das Orchester dazu farbenreich klingen und beweist die Stärke der Weinberg'schen Partitur, die man gerne auch kulinarisch und quantitativ genießen wollte, wenn die Handlung es denn zuließe. Musikalisch und szenisch eine Aufführung voller Spannung und Höhepunkte und ein herzliches Bravo! an alle Beteiligten für einen zweifellos schweres und vielschichtiges Erlebnis.
Freitag, 9. Mai 2014
Georg Kaiser - Gas I & II, 08.05.2014
Schade! Wenig inspirierend, wenig spannend, wenig besonders!
Die Premiere dieser Karlsruher Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen erfolgte bereits im letzten Jahr im Mai 2013 in Recklinghausen. Gestern fand nun die erste Karlsruher Aufführung statt. Man hat sich einen weitestgehend vergessenen Autor und Text ausgesucht, den man wiederbeleben wollte - aber es war nur ein künstliches Zum-Leben-erwecken. Das Stück blieb tot.
Georg Kaiser (*1878 †1945) war ein Autor mit Vision und Sendungsbewußtsein. Ganz unbescheiden nannte er die 'Erneuerung des Menschen' seine moralische Aufgabe. In der Weimarer Republik war er neben Gerhard Hauptmann der meist aufgeführte Dramatiker, nach 1945 war er aus der Mode - seine Visionen zogen nicht mehr.
Kaiser ist Allegoriker seiner Begriffe, seine Figuren sind ins Symbolische und Formelhafte gesetzte Repräsentanten seiner Ideen und Visionen. Gestern fehlte deutlich etwas, um mehr Spannung oder Interesse aufkommen zu lassen; die Defizite liegen am Text, der es verpasst, seinen Figuren Leben und Individualität einzuhauchen, am Thema, das zwar nahe an unserer Zeit ist, aber doch nicht zeitgemäß genug behandelt wird und am Regisseur, der zu betulich inszenierte.
Worum geht es?
Um knapp 100 Jahre alte Science Fiction, Gas I/II wurde 1920 uraufgeführt. Ein einziger Gaskonzern stellt in der futuristischen Welt von Gas I die Energieversorgung der ganzen Welt sicher. Alle Arbeiter werden am Gewinn beteiligt, doch nach einer Explosion (der Atomkraftwerksunfall in Fukushima kommt schon nicht mehr unmittelbar ins Gedächtnis) mit vielen toten Arbeitern wird der Firmenbesitzer skeptisch und will aus der Produktion aussteigen. Doch die Arbeiter sehen ihre Zukunft nicht im Rückschritt als selbstversorgende Bauern und lassen sich ihre Einkommensquelle nicht nehmen, sie streiken. Der Staat enteignet den Besitzer und übernimmt die Anlage.
Gas II spielt ca 30-40 Jahre später. Man ist im Krieg, die Arbeiter des Gaskonzerns leiden unter den Arbeitsbedingungen. Wieder streiken die Arbeiter und versuchen diesmal, Frieden zu stiften. Doch wird die Anlage während des Friedensappels vom Feind militärisch übernommen und zur Produktion gezwungen. Doch ein Ingenieur hat die rächende Idee: er hat eine tödliche Gaswaffe erfunden.
Marxistische Analyse im Programmheft
Liest denn am Badischen Staatstheater niemand mehr die eigenen Publikationen? Im Programmheft werden Kaisers Intentionen zwar erläutert, aber dabei mit einer dubiosen, altertümlichen Deutung unterlegt, als wollte man beweisen, daß hier alles schon längst in jeder Hinsicht geschichtlich überholt ist. So reduziert man z.B. komplexe Zusammenhänge auf einfachste monokausale marxistische Thesen:
".... daß die Fanatisierung zum Untergang, die ein knappes Jahrzehnt nach der Publikation von Gas mit dem Einzug der NSDAP ins Parlament ihren Anfang nahm, nicht auf eine fehlgeleitete Gesellschaft zurückzuführen ist, sondern dem kapitalistischen System immanent ist."
Wer hätte gedacht, daß es so einfach sein könnte - Hitler war also nur systemimmanente Folge des Kapitalismus?!? Leider fehlt der Verweis auf das renommierte wissenschaftliche Werk, das zu dieser sehr simplen Schlußfolgerung im Programmheft des Badischen Staatstheaters kommt. Oder werden hier nur Verdachtsmomente und schlecht recherchierte, persönliche oder historische Meinungen geäußert?
Aber die vorsintflutlich-marxistische Analyse des Karlsruher Schauspiels geht unangenehm weiter:
"Kaiser verwies auf die Strukturen, die Freiheit verneinen: Militarismus, Nationalismus, Entfremdung, Profitmaximierung, Zweckrationalität, ökologische Skrupellosigkeit. Wer unter solchen Bedingungen leidet, kann Freiheit nicht erkennen, sie also auch nicht politisch-praktisch verwirklichen."
Ja, da benötigt man wohl doch den elitären Berufsrevolutionär Lenin'scher Prägung, um den Entfremdeten die Augen zu öffnen und die Freiheit zu bringen, die sie selber nicht erkennen oder erringen können.
Forschung und Fortschritt werden im Programmheft auf zwei Aspekte reduziert: den "kapitalistischen Zwang zur Profitmaximierung" und "erbarmungslose Gewinnorientierung" - auch hier will man Komplexes ausschließlich in die marxistische Schablone der Verhältnisse vor 100 Jahren pressen und verpasst die Chance, Theater für heute zu machen.
Der Ambivalenz des technologischen Fortschritts wird man mit Gas I/II auch nicht gerecht. Diese Ambivalenz findet sich schon lange nicht mehr auf industriell-technologischer Seite, wo man inzwischen aufgrund von Rohstoffknappheit längst an Kreislaufsystemen und Wiederverwertungszyklen arbeitet, der Umweltschutz ein Wirtschaftsfaktor geworden ist und sogar Unfälle wie Tschernobyl und Fukushima als lokale Phänomene so eingedämmt wurden, daß in Europa und weltweit der Bau von neuen Kernkraftwerken Priorität hat und nur in sehr wenigen Nationen kritisch gesehen wird (ach ja: "Wer unter solchen Bedingungen leidet, kann Freiheit nicht erkennen, sie also auch nicht politisch-praktisch verwirklichen" - der Kernkraft-freundliche Rest der Welt braucht aus dieser Sicht Belehrung und Hilfe der wahren Freien). Die Ambivalenz des technologischen Fortschritts ist heute immer noch im Bereich der Gentechnik zu finden - das passende Theaterstück hat sich Hollywood bereits mehrfach als Drehbuch schreiben lassen.
Was ist zu sehen?
Der Regisseur meidet Aktualisierungen und Zuspitzungen, die den Text im Licht heutiger Problemstellung vergegenwärtigen und verlässt sich ganz auf die historische Substanz (was aber keine Entschuldigung für die oben genannten Defizite im Begleittext ist). Der erste Teil (ca 100 Minuten) hat wenige spannende Momente und einige monologische Durchhänger, die man besser straffend gekürzt hätte, sowie viel statisches Bühnengeschehen. Der zweite Teil (ca 45 Minuten) ist sprachlich radikaler und bewegter. Keine Figur hat bei Kaiser einen Namen, er zeigt fast nur Menschen als Masse ohne Individualität. Besondere darstellerischen Qualitäten darf folglich auch niemand beweisen - eine gute Ensemble-Leistung der Schauspieler mit wenig Profilierungsmöglichkeit.
Bühnenbildner Sebastian Hannak ist eine der beeindruckenden Entdeckungen der letzten Jahre für die Karlsruher Bühne. Er stattete bisher die Ballette Momo und Mythos sowie im Schauspiel Jakob der Lügner erfolgreich aus. Auch hier ist im wieder eine interessante Lösung gelungen. Die Bühne zeigt eine geborstene Fabrikationshalle mit einem Gerüst, das den Zuschauerraum mit einbezieht und die Gefahr der Figuren durch einen in den Bühnenraum hineinragenden Steg versinnbildlicht, auf dem sich die Schauspieler nur mit Karabinerhaken gesichert bewegen können - visuell das Spannendste an diesem Theaterabend. Allerdings besteht für viele Plätze Sichtbehinderung. Die Kostüme sind der Entstehungszeit entlehnt und verzichten auf eine künstliche Aktualisierung
Fazit: Eine spröde Premiere, die zu selten mit Leben gefüllt ist. Trotz einer durchaus spannenden Grundkonstellation, driftet man zu oft in Langeweile und Belanglosigkeit ab. Die Regie zeigt das Stück in veraltetem Gewand und thematisch mit wenig Aussagekraft. Der Zwiespältigkeit des Themas wird man leider nicht gerecht. Wer's nicht sieht, hat leider nichts verpasst.
PS: Das war's schon: die letzte Premiere im Schauspiel für den Rest der Spielzeit, Hesses Glasperlenspiel ist in die kommende Spielzeit verschoben, ein Gastspiel füllt die Lücke. Im Studio hat man auch nur Dokumentarisches/Journalistisches. Die Durststrecke ist symptomatisch für das Karlsruher Schauspiel: zu oft ist man einfallslos, unoriginell und ohne besondere Vorkommnisse. Schauspiel ohne Ausstrahlungskraft. Ein unwissender und unvoreingenommener Besucher würde vermuten, daß der Schauspieldirektor zum Ende der Spielzeit gehen muß, nicht der Operndirektor, der 2014 mit Dr. Atomic, Riccardo Primo, Rinaldo, Meistersinger und den bevorstehenden Premieren definitiv sein Publikum besser und anspruchsvoller unterhält.
Besetzung und Team:
GAS I
Der weiße Herr: Annette Büschelberger
Milliardärssohn: Andrej Kaminsky
Tochter: Joanna Kitzl
Offizier: Jonas Riemer
Ingenieur: Jan Andreesen
Schwarzer Herr: Robert Besta, Ronald Funke, Sascha Özlem Soydan
Regierungsvertreter: Robert Besta
Schreiber: Natanaël Lienhard
Junger Arbeiter: Johannes Schumacher
Arbeiter: Gunnar Schmidt
Mädchen: Stephanie Biesolt
Frau: Sascha Özlem Soydan
Mutter: Annette Büschelberger
Hauptmann: Ronald Funke
GAS II
Milliardärarbeiter: Jan Andreesen
Großingenieur: Andrej Kaminsky
Blaufigur: Johannes Schumacher, Robert Besta, Gunnar Schmidt, Natanaël Lienhard, Jonas Riemer, Sascha Özlem Soydan
Gelbfigur: Annette Büschelberger, Joanna Kitzl, Robert Besta, Gunnar Schmidt, Ronald Funke, Gunnar Schmidt, Natanaël Lienhard
Arbeitermädchen: Stephanie Biesolt
Arbeiterjunge: Johannes Schumacher
Arbeiterfrau: Sascha Özlem Soydan
Arbeitermann: Jonas Riemer
Arbeitergreisin: Annette Büschelberger
Arbeitergreis: Ronald Funke
Regie: Hansgünther Heyme
Bühne und Kostüme: Sebastian Hannak
Musik: Saskia Bladt
Die Premiere dieser Karlsruher Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen erfolgte bereits im letzten Jahr im Mai 2013 in Recklinghausen. Gestern fand nun die erste Karlsruher Aufführung statt. Man hat sich einen weitestgehend vergessenen Autor und Text ausgesucht, den man wiederbeleben wollte - aber es war nur ein künstliches Zum-Leben-erwecken. Das Stück blieb tot.
Georg Kaiser (*1878 †1945) war ein Autor mit Vision und Sendungsbewußtsein. Ganz unbescheiden nannte er die 'Erneuerung des Menschen' seine moralische Aufgabe. In der Weimarer Republik war er neben Gerhard Hauptmann der meist aufgeführte Dramatiker, nach 1945 war er aus der Mode - seine Visionen zogen nicht mehr.
Kaiser ist Allegoriker seiner Begriffe, seine Figuren sind ins Symbolische und Formelhafte gesetzte Repräsentanten seiner Ideen und Visionen. Gestern fehlte deutlich etwas, um mehr Spannung oder Interesse aufkommen zu lassen; die Defizite liegen am Text, der es verpasst, seinen Figuren Leben und Individualität einzuhauchen, am Thema, das zwar nahe an unserer Zeit ist, aber doch nicht zeitgemäß genug behandelt wird und am Regisseur, der zu betulich inszenierte.
Worum geht es?
Um knapp 100 Jahre alte Science Fiction, Gas I/II wurde 1920 uraufgeführt. Ein einziger Gaskonzern stellt in der futuristischen Welt von Gas I die Energieversorgung der ganzen Welt sicher. Alle Arbeiter werden am Gewinn beteiligt, doch nach einer Explosion (der Atomkraftwerksunfall in Fukushima kommt schon nicht mehr unmittelbar ins Gedächtnis) mit vielen toten Arbeitern wird der Firmenbesitzer skeptisch und will aus der Produktion aussteigen. Doch die Arbeiter sehen ihre Zukunft nicht im Rückschritt als selbstversorgende Bauern und lassen sich ihre Einkommensquelle nicht nehmen, sie streiken. Der Staat enteignet den Besitzer und übernimmt die Anlage.
Gas II spielt ca 30-40 Jahre später. Man ist im Krieg, die Arbeiter des Gaskonzerns leiden unter den Arbeitsbedingungen. Wieder streiken die Arbeiter und versuchen diesmal, Frieden zu stiften. Doch wird die Anlage während des Friedensappels vom Feind militärisch übernommen und zur Produktion gezwungen. Doch ein Ingenieur hat die rächende Idee: er hat eine tödliche Gaswaffe erfunden.
Marxistische Analyse im Programmheft
Liest denn am Badischen Staatstheater niemand mehr die eigenen Publikationen? Im Programmheft werden Kaisers Intentionen zwar erläutert, aber dabei mit einer dubiosen, altertümlichen Deutung unterlegt, als wollte man beweisen, daß hier alles schon längst in jeder Hinsicht geschichtlich überholt ist. So reduziert man z.B. komplexe Zusammenhänge auf einfachste monokausale marxistische Thesen:
".... daß die Fanatisierung zum Untergang, die ein knappes Jahrzehnt nach der Publikation von Gas mit dem Einzug der NSDAP ins Parlament ihren Anfang nahm, nicht auf eine fehlgeleitete Gesellschaft zurückzuführen ist, sondern dem kapitalistischen System immanent ist."
Wer hätte gedacht, daß es so einfach sein könnte - Hitler war also nur systemimmanente Folge des Kapitalismus?!? Leider fehlt der Verweis auf das renommierte wissenschaftliche Werk, das zu dieser sehr simplen Schlußfolgerung im Programmheft des Badischen Staatstheaters kommt. Oder werden hier nur Verdachtsmomente und schlecht recherchierte, persönliche oder historische Meinungen geäußert?
Aber die vorsintflutlich-marxistische Analyse des Karlsruher Schauspiels geht unangenehm weiter:
"Kaiser verwies auf die Strukturen, die Freiheit verneinen: Militarismus, Nationalismus, Entfremdung, Profitmaximierung, Zweckrationalität, ökologische Skrupellosigkeit. Wer unter solchen Bedingungen leidet, kann Freiheit nicht erkennen, sie also auch nicht politisch-praktisch verwirklichen."
Ja, da benötigt man wohl doch den elitären Berufsrevolutionär Lenin'scher Prägung, um den Entfremdeten die Augen zu öffnen und die Freiheit zu bringen, die sie selber nicht erkennen oder erringen können.
Forschung und Fortschritt werden im Programmheft auf zwei Aspekte reduziert: den "kapitalistischen Zwang zur Profitmaximierung" und "erbarmungslose Gewinnorientierung" - auch hier will man Komplexes ausschließlich in die marxistische Schablone der Verhältnisse vor 100 Jahren pressen und verpasst die Chance, Theater für heute zu machen.
Der Ambivalenz des technologischen Fortschritts wird man mit Gas I/II auch nicht gerecht. Diese Ambivalenz findet sich schon lange nicht mehr auf industriell-technologischer Seite, wo man inzwischen aufgrund von Rohstoffknappheit längst an Kreislaufsystemen und Wiederverwertungszyklen arbeitet, der Umweltschutz ein Wirtschaftsfaktor geworden ist und sogar Unfälle wie Tschernobyl und Fukushima als lokale Phänomene so eingedämmt wurden, daß in Europa und weltweit der Bau von neuen Kernkraftwerken Priorität hat und nur in sehr wenigen Nationen kritisch gesehen wird (ach ja: "Wer unter solchen Bedingungen leidet, kann Freiheit nicht erkennen, sie also auch nicht politisch-praktisch verwirklichen" - der Kernkraft-freundliche Rest der Welt braucht aus dieser Sicht Belehrung und Hilfe der wahren Freien). Die Ambivalenz des technologischen Fortschritts ist heute immer noch im Bereich der Gentechnik zu finden - das passende Theaterstück hat sich Hollywood bereits mehrfach als Drehbuch schreiben lassen.
Was ist zu sehen?
Der Regisseur meidet Aktualisierungen und Zuspitzungen, die den Text im Licht heutiger Problemstellung vergegenwärtigen und verlässt sich ganz auf die historische Substanz (was aber keine Entschuldigung für die oben genannten Defizite im Begleittext ist). Der erste Teil (ca 100 Minuten) hat wenige spannende Momente und einige monologische Durchhänger, die man besser straffend gekürzt hätte, sowie viel statisches Bühnengeschehen. Der zweite Teil (ca 45 Minuten) ist sprachlich radikaler und bewegter. Keine Figur hat bei Kaiser einen Namen, er zeigt fast nur Menschen als Masse ohne Individualität. Besondere darstellerischen Qualitäten darf folglich auch niemand beweisen - eine gute Ensemble-Leistung der Schauspieler mit wenig Profilierungsmöglichkeit.
Bühnenbildner Sebastian Hannak ist eine der beeindruckenden Entdeckungen der letzten Jahre für die Karlsruher Bühne. Er stattete bisher die Ballette Momo und Mythos sowie im Schauspiel Jakob der Lügner erfolgreich aus. Auch hier ist im wieder eine interessante Lösung gelungen. Die Bühne zeigt eine geborstene Fabrikationshalle mit einem Gerüst, das den Zuschauerraum mit einbezieht und die Gefahr der Figuren durch einen in den Bühnenraum hineinragenden Steg versinnbildlicht, auf dem sich die Schauspieler nur mit Karabinerhaken gesichert bewegen können - visuell das Spannendste an diesem Theaterabend. Allerdings besteht für viele Plätze Sichtbehinderung. Die Kostüme sind der Entstehungszeit entlehnt und verzichten auf eine künstliche Aktualisierung
Fazit: Eine spröde Premiere, die zu selten mit Leben gefüllt ist. Trotz einer durchaus spannenden Grundkonstellation, driftet man zu oft in Langeweile und Belanglosigkeit ab. Die Regie zeigt das Stück in veraltetem Gewand und thematisch mit wenig Aussagekraft. Der Zwiespältigkeit des Themas wird man leider nicht gerecht. Wer's nicht sieht, hat leider nichts verpasst.
PS: Das war's schon: die letzte Premiere im Schauspiel für den Rest der Spielzeit, Hesses Glasperlenspiel ist in die kommende Spielzeit verschoben, ein Gastspiel füllt die Lücke. Im Studio hat man auch nur Dokumentarisches/Journalistisches. Die Durststrecke ist symptomatisch für das Karlsruher Schauspiel: zu oft ist man einfallslos, unoriginell und ohne besondere Vorkommnisse. Schauspiel ohne Ausstrahlungskraft. Ein unwissender und unvoreingenommener Besucher würde vermuten, daß der Schauspieldirektor zum Ende der Spielzeit gehen muß, nicht der Operndirektor, der 2014 mit Dr. Atomic, Riccardo Primo, Rinaldo, Meistersinger und den bevorstehenden Premieren definitiv sein Publikum besser und anspruchsvoller unterhält.
Besetzung und Team:
GAS I
Der weiße Herr: Annette Büschelberger
Milliardärssohn: Andrej Kaminsky
Tochter: Joanna Kitzl
Offizier: Jonas Riemer
Ingenieur: Jan Andreesen
Schwarzer Herr: Robert Besta, Ronald Funke, Sascha Özlem Soydan
Regierungsvertreter: Robert Besta
Schreiber: Natanaël Lienhard
Junger Arbeiter: Johannes Schumacher
Arbeiter: Gunnar Schmidt
Mädchen: Stephanie Biesolt
Frau: Sascha Özlem Soydan
Mutter: Annette Büschelberger
Hauptmann: Ronald Funke
GAS II
Milliardärarbeiter: Jan Andreesen
Großingenieur: Andrej Kaminsky
Blaufigur: Johannes Schumacher, Robert Besta, Gunnar Schmidt, Natanaël Lienhard, Jonas Riemer, Sascha Özlem Soydan
Gelbfigur: Annette Büschelberger, Joanna Kitzl, Robert Besta, Gunnar Schmidt, Ronald Funke, Gunnar Schmidt, Natanaël Lienhard
Arbeitermädchen: Stephanie Biesolt
Arbeiterjunge: Johannes Schumacher
Arbeiterfrau: Sascha Özlem Soydan
Arbeitermann: Jonas Riemer
Arbeitergreisin: Annette Büschelberger
Arbeitergreis: Ronald Funke
Regie: Hansgünther Heyme
Bühne und Kostüme: Sebastian Hannak
Musik: Saskia Bladt
Freitag, 2. Mai 2014
Karlsruher Händel-Konzert im Radioprogramm von SWR2
Morgen, Samstag, 03.05.2014, überträgt SWR2 ab 20 Uhr das Konzert der Händel Festspiele 2014 mit Mezzosopran Roberta Invernizzi und dem Orchestre Atlante unter der Leitung von Michael Form vom 27.02.2014.
Das komplette Radioprogramm von SWR2 für den 03. Mai findet sich hier:
http://www.swr.de/swr2/programm/-/id=661104/date=20140503/1htom2d/index.html
Das komplette Radioprogramm von SWR2 für den 03. Mai findet sich hier:
http://www.swr.de/swr2/programm/-/id=661104/date=20140503/1htom2d/index.html
Mittwoch, 30. April 2014
Termine für Operngalas 2014/15
Drei Neuproduktionen und eine Wiederaufnahme (Achim Thorwalds Mozart Inszenierung) sind Bestandteil des Gala-Abos in der kommenden Saison
29.11.14 Boris Godunow
14.03.15 La Bohème
14.05.15 Parsifal
27.06.15 Cosi fan tutte
Wen man als Gala-Gäste gewinnen konnte, wird im Herbst veröffentlicht.
29.11.14 Boris Godunow
14.03.15 La Bohème
14.05.15 Parsifal
27.06.15 Cosi fan tutte
Wen man als Gala-Gäste gewinnen konnte, wird im Herbst veröffentlicht.
Montag, 28. April 2014
Wagner - Die Meistersinger von Nürnberg, 27.04.2014
Glanz und Elend des Regietheaters
Als gestern nach fast 6 Stunden gegen 23 Uhr der letzte Vorhang fiel, war der Zuschauerraum schon deutlich geleert. Der scheidende Operndirektor Joscha Schaback hatte mit dieser Inszenierung das Publikum polarisiert: wütende Buh-Rufe und begeisterte Bravos hielten sich die Waage. Es war die bisher umstrittenste Premiere der letzten drei Jahre, die neue Perspektiven eröffnete, aber dafür den Preis der teilweisen Beziehungslosigkeit zwischen Inhalt und Form zahlte. Eine reichhaltige Inszenierung mit eklatanten Defiziten. Ein durchaus sehr spannender Abend, bei dem sich aber nicht wenige nach der Lohengrin-Pleite fragten, wie erneut ein so diskutables Konzept für eine Wagner-Oper durch die internen Qualitätskontrollen der künstlerisch Verantwortlichen im Badischen Staatstheater kommen konnte. Es handelt sich um eine Inszenierung, die nicht für sich alleine sprechen kann und zu deren Vorbereitung es sich unbedingt lohnt, im Programmheft die Absichten des Regisseures (Seite 28 ff) zu lesen.
Als gestern nach fast 6 Stunden gegen 23 Uhr der letzte Vorhang fiel, war der Zuschauerraum schon deutlich geleert. Der scheidende Operndirektor Joscha Schaback hatte mit dieser Inszenierung das Publikum polarisiert: wütende Buh-Rufe und begeisterte Bravos hielten sich die Waage. Es war die bisher umstrittenste Premiere der letzten drei Jahre, die neue Perspektiven eröffnete, aber dafür den Preis der teilweisen Beziehungslosigkeit zwischen Inhalt und Form zahlte. Eine reichhaltige Inszenierung mit eklatanten Defiziten. Ein durchaus sehr spannender Abend, bei dem sich aber nicht wenige nach der Lohengrin-Pleite fragten, wie erneut ein so diskutables Konzept für eine Wagner-Oper durch die internen Qualitätskontrollen der künstlerisch Verantwortlichen im Badischen Staatstheater kommen konnte. Es handelt sich um eine Inszenierung, die nicht für sich alleine sprechen kann und zu deren Vorbereitung es sich unbedingt lohnt, im Programmheft die Absichten des Regisseures (Seite 28 ff) zu lesen.
Donnerstag, 10. April 2014
Neuer Operndirektor in Karlsruhe wird Michael Fichtenholz
Neuer Operndirektor in Karlsruhe und Leiter der Händel Festspiele ab der Spielzeit 2014/15 wird Michael Fichtenholz. Seine Handschrift wird sich aber erst in den später folgenden Spielzeiten zeigen können.
Mehr dazu findet sich inzwischen hier: http://www.staatstheater.karlsruhe.de/aktuell/news_id/433/
Neuer Chefdramaturg wird Carsten Jenss. Mehr dazu hier: http://www.staatstheater.karlsruhe.de/aktuell/news_id/434/
Und es gibt auch einige neue feste Ensemble-Mitglieder, vor allem im Schauspiel und darunter auch ein prominenter Rückkehrer: Jannek Petri.
Oper: Dilara Baştar, Agnieszka Tomaszewska
Schauspiel: Veronika Bachfischer, Annette Büschelberger, Jonathan Bruckmeier, Maximilian Grünewald, Jannek Petri, Luis Antonio Quintana, Johannes Schumacher, Ralf Wegner
Mehr dazu findet sich inzwischen hier: http://www.staatstheater.karlsruhe.de/aktuell/news_id/433/
Neuer Chefdramaturg wird Carsten Jenss. Mehr dazu hier: http://www.staatstheater.karlsruhe.de/aktuell/news_id/434/
Und es gibt auch einige neue feste Ensemble-Mitglieder, vor allem im Schauspiel und darunter auch ein prominenter Rückkehrer: Jannek Petri.
Oper: Dilara Baştar, Agnieszka Tomaszewska
Schauspiel: Veronika Bachfischer, Annette Büschelberger, Jonathan Bruckmeier, Maximilian Grünewald, Jannek Petri, Luis Antonio Quintana, Johannes Schumacher, Ralf Wegner
Vorschau 2014/2015 des Badischen Staatstheaters
Die ersten Infos zur kommenden Spielzeit sind da. (Vielen Dank für den anonymen Hinweis hierzu :-) Highlight: fast schon sensationell - man bringt John Crankos Ballett Der Widerspenstigen Zähmung! Ich hätte nicht gedacht, daß Stuttgart das in Karlsruhe freigibt.
ABER: KEINE RICHARD STRAUSS Premiere im Strauss-Gedenkjahr in der Oper????? Was ist denn da schief gelaufen???? Nur der Rosenkavalier wird noch mal vorgeholt. Ach je.......
BALLETT
DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG
von John Cranko
nach der Komödie von William Shakespeare
MUSIK Kurt-Heinz Stolze (nach Domenico Scarlatti)
MUSIKALISCHE LEITUNG Steven Moore
INSZENIERUNG & CHOREOGRAFIE John Cranko
EINSTUDIERUNG Jane Bourne
BÜHNE & KOSTÜME Elisabeth Dalton
15.11.14
DER PROZESS
von Davide Bombana nach dem Roman von Franz Kafka
BALLETT URAUFFÜHRUNG
MUSIK Walter Fähndrich, Leoš Janáček, Hans Krása, Pavel Haas u. a.
CHOREOGRAFIE Davide Bombana
BÜHNE & KOSTÜME rosalie
25.4.15
OPER
DIE VERLOBUNG IM TRAUM
von Hans Krása
Deutsche Erstaufführung
MUSIKALISCHE LEITUNG Justin Brown
REGIE Ingo Kerkhof BÜHNE Dirk Becker KOSTÜME Inge Medert
18.10.14
FANTASIO
Komische Oper von Jacques Offenbach
Szenische Uraufführung der kritischen Neuausgabe
MUSIKALISCHE LEITUNG Andreas Schüller
REGIE Bernd Mottl BÜHNE Friedrich Eggert KOSTÜME Alfred Mayerhofer
CHOREOGRAFIE Otto Pichler
13.12.14
LA BOHÈME
von Giacomo Puccini
MUSIKALISCHE LEITUNG Johannes Willig
REGIE Anna Bergmann BÜHNE Ben Baur KOSTÜME Claudia González Espíndola
24.1.15
TESEO
von Georg Friedrich Händel
Internationale HÄNDEL-FESTSPIELE 2015
MUSIKALISCHE LEITUNG Michael Form
REGIE & AUSSTATTUNG Nico and the Navigators
20.2.15
PARSIFAL
Ein Bühnenweihfestspiel von Richard Wagner
MUSIKALISCHE LEITUNG Justin Brown
REGIE Keith Warner BÜHNE Tilo Steffens KOSTÜME Julia Müer
29.3.15
IPHIGENIE AUF TAURIS
von Christoph Willibald Gluck
MUSIKALISCHE LEITUNG Christoph Gedschold
REGIE Arila Siegert BÜHNE Thilo Reuther KOSTÜME Marie-Luise Strandt
13.6.15
FALSTAFF
Lyrische Komödie von Giuseppe Verdi
MUSIKALISCHE LEITUNG Justin Brown
REGIE Jacopo Spirei BÜHNE Nikolaus Webern KOSTÜME Sarah Rolke
12.7.15
SCHAUPSPIEL
DAS GLASPERLENSPIEL
nach dem Roman von Hermann Hesse
REGIE Martin Nimz BÜHNE Sebastian Hannak KOSTÜME Ricarda Knödler
21.9.14 KLEINES HAUS
DAS INTERVIEW
von Theo van Gogh
REGIE Dominique Schnizer BÜHNE & KOSTÜME Christin Treunert
GIFT
von Lot Vekemans
REGIE Marlene Anna Schäfer BÜHNE & KOSTÜME Christin Treunert
23.11.14 STUDIO
SCHATTEN (EURYDIKE SAGT)
von Elfriede Jelinek
DEUTSCHE ERSTAUFFÜHRUNG
REGIE Jan-Philipp Gloger
BÜHNE & KOSTÜME Marie Roth
27.11.14 KLEINES HAUS
DIE RÄUBER
von Friedrich Schiller
REGIE Mina Salehpour BÜHNE Jorge Enrique Caro KOSTÜME Maria Anderski
17.1.15 KLEINE S HAUS
DU SOLLST DEN WALD NICHT VOR DEM HASEN LOBEN
von Jörn Klare
URAUFFÜHRUNG
REGIE Katrin Plötner BÜHNE & KOSTÜME Martin Miotk
28.1.15 STUDIO
DREI SCHWESTERN
Komödie von Anton Tschechow
REGIE Anna Bergmann BÜHNE Janina Audick KOSTÜME Lane Schäfer
20.3.15 KLEINES HAUS
HEIDEGGERS HEFTE
nach den Überlegungen II – XV von Martin Heidegger
URAUFFÜHRUNG
März 15 STUDIO
TOD UND AUFERSTEHUNG DER WELT MEINER ELTERN IN MIR
von Nis-Momme Stockmann
REGIE Simone Blattner BÜHNE Alain Rappaport KOSTÜME Sabin Fleck
21.5.15 KLEINES HAUS
ZUHAUSE
Tragikomische Monologe von Ingrid Lausund
REGIE Florian Hert
Mai 2015
BORIS GODUNOW Musikalisches Volksdrama von Modest Mussorgsky
COSÌ FAN TUTTE Opera buffa von Wolfgang Amadeus Mozart
DAS KIND UND DIE ZAUBERDINGE / DIE NACHTIGALL Kurzopern von Maurice Ravel und Igor Strawinsky
DER ROSENKAVALIER Komödie für Musik von Richard Strauss
DIE FLEDERMAUS Operette von Johann Strauß
DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG von Richard Wagner
DIE ZAUBERFLÖTE Deutsche Oper von Wolfgang Amadeus Mozart
EIN MASKENBALL von Giuseppe Verdi
HÄNSEL UND GRETEL Märchenspiel von Engelbert Humperdinck
LA TRAVIATA von Giuseppe Verdi
RICCARDO PRIMO von Georg Friedrich Händel
TOSCA Musikdrama von Giacomo Puccini
BALLETT
DER NUSSKNACKER
DORNRÖSCHEN – DIE LETZTE ZARENTOCHTER
GISELLE
MYTHOS
ABER: KEINE RICHARD STRAUSS Premiere im Strauss-Gedenkjahr in der Oper????? Was ist denn da schief gelaufen???? Nur der Rosenkavalier wird noch mal vorgeholt. Ach je.......
PREMIEREN
BALLETT
DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG
von John Cranko
nach der Komödie von William Shakespeare
MUSIK Kurt-Heinz Stolze (nach Domenico Scarlatti)
MUSIKALISCHE LEITUNG Steven Moore
INSZENIERUNG & CHOREOGRAFIE John Cranko
EINSTUDIERUNG Jane Bourne
BÜHNE & KOSTÜME Elisabeth Dalton
15.11.14
DER PROZESS
von Davide Bombana nach dem Roman von Franz Kafka
BALLETT URAUFFÜHRUNG
MUSIK Walter Fähndrich, Leoš Janáček, Hans Krása, Pavel Haas u. a.
CHOREOGRAFIE Davide Bombana
BÜHNE & KOSTÜME rosalie
25.4.15
OPER
DIE VERLOBUNG IM TRAUM
von Hans Krása
Deutsche Erstaufführung
MUSIKALISCHE LEITUNG Justin Brown
REGIE Ingo Kerkhof BÜHNE Dirk Becker KOSTÜME Inge Medert
18.10.14
FANTASIO
Komische Oper von Jacques Offenbach
Szenische Uraufführung der kritischen Neuausgabe
MUSIKALISCHE LEITUNG Andreas Schüller
REGIE Bernd Mottl BÜHNE Friedrich Eggert KOSTÜME Alfred Mayerhofer
CHOREOGRAFIE Otto Pichler
13.12.14
LA BOHÈME
von Giacomo Puccini
MUSIKALISCHE LEITUNG Johannes Willig
REGIE Anna Bergmann BÜHNE Ben Baur KOSTÜME Claudia González Espíndola
24.1.15
TESEO
von Georg Friedrich Händel
Internationale HÄNDEL-FESTSPIELE 2015
MUSIKALISCHE LEITUNG Michael Form
REGIE & AUSSTATTUNG Nico and the Navigators
20.2.15
PARSIFAL
Ein Bühnenweihfestspiel von Richard Wagner
MUSIKALISCHE LEITUNG Justin Brown
REGIE Keith Warner BÜHNE Tilo Steffens KOSTÜME Julia Müer
29.3.15
IPHIGENIE AUF TAURIS
von Christoph Willibald Gluck
MUSIKALISCHE LEITUNG Christoph Gedschold
REGIE Arila Siegert BÜHNE Thilo Reuther KOSTÜME Marie-Luise Strandt
13.6.15
FALSTAFF
Lyrische Komödie von Giuseppe Verdi
MUSIKALISCHE LEITUNG Justin Brown
REGIE Jacopo Spirei BÜHNE Nikolaus Webern KOSTÜME Sarah Rolke
12.7.15
SCHAUPSPIEL
DAS GLASPERLENSPIEL
nach dem Roman von Hermann Hesse
REGIE Martin Nimz BÜHNE Sebastian Hannak KOSTÜME Ricarda Knödler
21.9.14 KLEINES HAUS
DAS INTERVIEW
von Theo van Gogh
REGIE Dominique Schnizer BÜHNE & KOSTÜME Christin Treunert
GIFT
von Lot Vekemans
REGIE Marlene Anna Schäfer BÜHNE & KOSTÜME Christin Treunert
23.11.14 STUDIO
SCHATTEN (EURYDIKE SAGT)
von Elfriede Jelinek
DEUTSCHE ERSTAUFFÜHRUNG
REGIE Jan-Philipp Gloger
BÜHNE & KOSTÜME Marie Roth
27.11.14 KLEINES HAUS
DIE RÄUBER
von Friedrich Schiller
REGIE Mina Salehpour BÜHNE Jorge Enrique Caro KOSTÜME Maria Anderski
17.1.15 KLEINE S HAUS
DU SOLLST DEN WALD NICHT VOR DEM HASEN LOBEN
von Jörn Klare
URAUFFÜHRUNG
REGIE Katrin Plötner BÜHNE & KOSTÜME Martin Miotk
28.1.15 STUDIO
DREI SCHWESTERN
Komödie von Anton Tschechow
REGIE Anna Bergmann BÜHNE Janina Audick KOSTÜME Lane Schäfer
20.3.15 KLEINES HAUS
HEIDEGGERS HEFTE
nach den Überlegungen II – XV von Martin Heidegger
URAUFFÜHRUNG
März 15 STUDIO
TOD UND AUFERSTEHUNG DER WELT MEINER ELTERN IN MIR
von Nis-Momme Stockmann
REGIE Simone Blattner BÜHNE Alain Rappaport KOSTÜME Sabin Fleck
21.5.15 KLEINES HAUS
ZUHAUSE
Tragikomische Monologe von Ingrid Lausund
REGIE Florian Hert
Mai 2015
WIEDERAUFNAHMEN
OPERBORIS GODUNOW Musikalisches Volksdrama von Modest Mussorgsky
COSÌ FAN TUTTE Opera buffa von Wolfgang Amadeus Mozart
DAS KIND UND DIE ZAUBERDINGE / DIE NACHTIGALL Kurzopern von Maurice Ravel und Igor Strawinsky
DER ROSENKAVALIER Komödie für Musik von Richard Strauss
DIE FLEDERMAUS Operette von Johann Strauß
DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG von Richard Wagner
DIE ZAUBERFLÖTE Deutsche Oper von Wolfgang Amadeus Mozart
EIN MASKENBALL von Giuseppe Verdi
HÄNSEL UND GRETEL Märchenspiel von Engelbert Humperdinck
LA TRAVIATA von Giuseppe Verdi
RICCARDO PRIMO von Georg Friedrich Händel
TOSCA Musikdrama von Giacomo Puccini
BALLETT
DER NUSSKNACKER
DORNRÖSCHEN – DIE LETZTE ZARENTOCHTER
GISELLE
MYTHOS
Mittwoch, 9. April 2014
Spuhler bleibt bis 2021 Intendant in Karlsruhe
Nicht jeder wird sich nach den durchwachsenen Anfangsjahren darüber freuen, aber Stadt und Land entschieden sich für frühzeitige Planungssicherheit und haben den Vertrag mit Peter Spuhler sogar gleich um fünf Jahre bis 2021 verlängert.
Tja, es war damit zu rechnen, daß der sanierungserfahrene Spuhler das Bauvorhaben bis zum Ende begleitet. Dennoch ein etwas trauriger Tag für all jene Zuschauer, die in den letzten 2,5 Jahren künstlerisch wenig glücklich in Karlsruhe waren und Asyl in den Theatern von Baden-Baden, Stuttgart und Frankfurt (etc.) suchen mußten. Man kann gespannt sein, wer neuer Operndirektor wird und ob es dem Team Spuhler/Linders gelingt, nun ohne Druck mehr Qualität auf die Bühne zu bringen. Vielleicht ist das ja für die jetzige Intendanz die Chance, sich in den kommenden Jahren weniger um die eigene Selbstdarstellung und mehr um die künstlerische Profilierung des Badischen Staatstheaters zu kümmern.
PS: Kommentare sind vorerst nicht möglich. Ich glaube, daß sich zu viele von der langen Verlängerung und bisherigen Intendanzzeit Spuhlers enttäuschte Zuschauer zu heftig über diese Entscheidung von Stadt und Land äußern werden.
Tja, es war damit zu rechnen, daß der sanierungserfahrene Spuhler das Bauvorhaben bis zum Ende begleitet. Dennoch ein etwas trauriger Tag für all jene Zuschauer, die in den letzten 2,5 Jahren künstlerisch wenig glücklich in Karlsruhe waren und Asyl in den Theatern von Baden-Baden, Stuttgart und Frankfurt (etc.) suchen mußten. Man kann gespannt sein, wer neuer Operndirektor wird und ob es dem Team Spuhler/Linders gelingt, nun ohne Druck mehr Qualität auf die Bühne zu bringen. Vielleicht ist das ja für die jetzige Intendanz die Chance, sich in den kommenden Jahren weniger um die eigene Selbstdarstellung und mehr um die künstlerische Profilierung des Badischen Staatstheaters zu kümmern.
PS: Kommentare sind vorerst nicht möglich. Ich glaube, daß sich zu viele von der langen Verlängerung und bisherigen Intendanzzeit Spuhlers enttäuschte Zuschauer zu heftig über diese Entscheidung von Stadt und Land äußern werden.
Dienstag, 1. April 2014
6. Symphoniekonzert, 31.03.2014
Harfenklänge, Frühling und Natur - das sechste Symphoniekonzert hatte jahreszeitlichen Bezug und passte gut zum frühen Frühling 2014.
Der jung verstorbene japanische Komponist Toru Takemitsu (*1930 †1996) hat viel Filmmusik komponiert und europäische und asiatische Einflüsse in seinen Werken kombiniert. Spirit Garden soll durch japanische Gartenkunst inspiriert sein: eine Meditation über stilisierte Natur - die an diesem Abend aber wenig reizvoll erklang und schnell aus der Erinnerung verschwand. Zu hören war etwas namenlos Mysteriöses, das sich nicht richtig entfaltete und evtl. nur im Kontext seiner Filmmusikkarriere interessant ist. Ungewöhnlich wenig Applaus für diese schwunglose Musik und die anschließende große Umbauphase schien einigen interessanter als der Spirit Garden.
Die französische Komponistin Germaine Tailleferre (*1892 †1983) ist heute praktisch unbekannt. Ihr Concertino für Harfe und Orchester aus dem Jahr 1928 allerdings eine schöne Entdeckung und auf sympathische Weise gefällig: ein nachdenklicher Mittelsatz wird kontrastiert durch fluffig-lockere Ecksätze - Viel Applaus für Harfenistin Bridget Kibbey und die Musiker.
Das zweite Harfenkonzert des Abends war eine europäische Erstaufführung und ein deutsch-amerikanisches Auftragswerk der Badischen Staatskapelle, des Alabama Symphony Orchestra, des San Jose Chamber Orchestra, des Metropolis Ensemble New York und der Phillips Collection of Arts an die junge Komponistin Vivian Fung, die eine große Leistungsschau der Harfenmusik komponiert hat: ungewöhnlich abwechslungs- und farbenreich, technisch schwierig und virtuos mit verschiedensten Artikulationstechniken. Sehr originell und zum Zuschauen und zum Zuhören ein schönes Konzerterlebnis. Man verstand, warum der Karlsruher GMD Justin Brown die kanadische Komponistin unterstützt. Man kann gespannt sein, ob man zukünftig in Karlsruhe auch noch weitere Kompositionen von Fung hören wird.
Die amerikanische Harfenistin Bridget Kibbey, mit deren Hilfe Fung das Konzert auch konzipierte, erspielte sich mit beiden Konzerten die Ovationen des Publikums. Schade, daß es für Harfe so wenig Konzerte gibt; Fung hat einen neuen Standard mit ihrem Werk hinzugefügt, Kibbey meisterte dessen Herausforderung mit klangsinnlicher Souveränität.
Nach der Pause dann Robert Schumanns erste Symphonie, die sogenannte Frühlingssymphonie. Die Uraufführung im Jahr 1841 benötigte 49 Musiker, Johannes Willig, der im Programmheft interessante Informationen zu Schumann gibt, dirigierte "historisch": erste und zweite Geigen saßen sich gegenüber und es wurden ventil- und klappenlose Naturhörner eingesetzt und mit 56 Musikern gelang ihm eine mitreißende Interpretation: zupackend, frisch und vorbildlich gespielt und dirigiert. Bravo!
Der jung verstorbene japanische Komponist Toru Takemitsu (*1930 †1996) hat viel Filmmusik komponiert und europäische und asiatische Einflüsse in seinen Werken kombiniert. Spirit Garden soll durch japanische Gartenkunst inspiriert sein: eine Meditation über stilisierte Natur - die an diesem Abend aber wenig reizvoll erklang und schnell aus der Erinnerung verschwand. Zu hören war etwas namenlos Mysteriöses, das sich nicht richtig entfaltete und evtl. nur im Kontext seiner Filmmusikkarriere interessant ist. Ungewöhnlich wenig Applaus für diese schwunglose Musik und die anschließende große Umbauphase schien einigen interessanter als der Spirit Garden.
Die französische Komponistin Germaine Tailleferre (*1892 †1983) ist heute praktisch unbekannt. Ihr Concertino für Harfe und Orchester aus dem Jahr 1928 allerdings eine schöne Entdeckung und auf sympathische Weise gefällig: ein nachdenklicher Mittelsatz wird kontrastiert durch fluffig-lockere Ecksätze - Viel Applaus für Harfenistin Bridget Kibbey und die Musiker.
Das zweite Harfenkonzert des Abends war eine europäische Erstaufführung und ein deutsch-amerikanisches Auftragswerk der Badischen Staatskapelle, des Alabama Symphony Orchestra, des San Jose Chamber Orchestra, des Metropolis Ensemble New York und der Phillips Collection of Arts an die junge Komponistin Vivian Fung, die eine große Leistungsschau der Harfenmusik komponiert hat: ungewöhnlich abwechslungs- und farbenreich, technisch schwierig und virtuos mit verschiedensten Artikulationstechniken. Sehr originell und zum Zuschauen und zum Zuhören ein schönes Konzerterlebnis. Man verstand, warum der Karlsruher GMD Justin Brown die kanadische Komponistin unterstützt. Man kann gespannt sein, ob man zukünftig in Karlsruhe auch noch weitere Kompositionen von Fung hören wird.
Die amerikanische Harfenistin Bridget Kibbey, mit deren Hilfe Fung das Konzert auch konzipierte, erspielte sich mit beiden Konzerten die Ovationen des Publikums. Schade, daß es für Harfe so wenig Konzerte gibt; Fung hat einen neuen Standard mit ihrem Werk hinzugefügt, Kibbey meisterte dessen Herausforderung mit klangsinnlicher Souveränität.
Nach der Pause dann Robert Schumanns erste Symphonie, die sogenannte Frühlingssymphonie. Die Uraufführung im Jahr 1841 benötigte 49 Musiker, Johannes Willig, der im Programmheft interessante Informationen zu Schumann gibt, dirigierte "historisch": erste und zweite Geigen saßen sich gegenüber und es wurden ventil- und klappenlose Naturhörner eingesetzt und mit 56 Musikern gelang ihm eine mitreißende Interpretation: zupackend, frisch und vorbildlich gespielt und dirigiert. Bravo!
Freitag, 28. März 2014
Schönes Lob für Weinbergs 'Die Passagierin' in Karlsruhe
Weinbergs Oper Die Passagierin (mehr auch hier) gehört zu den geglückten Ausgrabungen und Sternstunden der letzten Jahre.
Nun hat der Schriftsteller Ilija Trojanow, der für die österreichische Zeitung Der Standard einen Opern-Blog schreibt, in Karlsruhe Die Passagierin besucht und sehr schöne Worte in der Zeitung für die Produktion des Badischen Staatstheater gefunden:
"Karlsruhe war einst Residenzstadt, dann die Landeshauptstadt Badens. Das ist jener Teil Deutschlands, in dem sich das Wetter am häufigsten sonnig gebärdet. Vielleicht gehen deshalb die Straßen in dieser zu Barockzeiten ordentlich geplanten Stadt wie Strahlen vom zentralen Schloss ab. Während der Revolution von 1848/49 wurde der Großherzog kurzzeitig vertrieben. 1863 wurde das landesweit erste Verwaltungsgericht gegründet. Heute tagt hier mit dem Bundesverfassungsgericht eine Institution, die in letzter Zeit das Grundgesetz öfters gegen blinde Übergriffe der Legislative verteidigen musste. All das ist im Badischen Staatstheater zu spüren: der durch und durch demokratische Bau (hervorragende Akustik und gute Sicht auch von den günstigeren Platzen aus), das anspruchsvolle Programm mit vielen Premieren und der Reihe "Politische Oper", ein Publikum, das zwar zuerst skeptisch reagiere, wie der bemerkenswerte Chefdramaturg Bernd Feuchtner erzählt, dann aber Geschmack an Qualität finde (das Haus war fast voll, das Publikum begeistert) – alles in allem ein kleines Wunder. Was die Oper betrifft, gibt es in Deutschland keine Provinz.
(Ilija Trojanow, derStandard.at, 28.3.2014)"
Der ganze Artikel findet sich hier: http://derstandard.at/1395363499611/Opernpentathlon-Musik-gegen-das-Verschweigen
Nun hat der Schriftsteller Ilija Trojanow, der für die österreichische Zeitung Der Standard einen Opern-Blog schreibt, in Karlsruhe Die Passagierin besucht und sehr schöne Worte in der Zeitung für die Produktion des Badischen Staatstheater gefunden:
"Karlsruhe war einst Residenzstadt, dann die Landeshauptstadt Badens. Das ist jener Teil Deutschlands, in dem sich das Wetter am häufigsten sonnig gebärdet. Vielleicht gehen deshalb die Straßen in dieser zu Barockzeiten ordentlich geplanten Stadt wie Strahlen vom zentralen Schloss ab. Während der Revolution von 1848/49 wurde der Großherzog kurzzeitig vertrieben. 1863 wurde das landesweit erste Verwaltungsgericht gegründet. Heute tagt hier mit dem Bundesverfassungsgericht eine Institution, die in letzter Zeit das Grundgesetz öfters gegen blinde Übergriffe der Legislative verteidigen musste. All das ist im Badischen Staatstheater zu spüren: der durch und durch demokratische Bau (hervorragende Akustik und gute Sicht auch von den günstigeren Platzen aus), das anspruchsvolle Programm mit vielen Premieren und der Reihe "Politische Oper", ein Publikum, das zwar zuerst skeptisch reagiere, wie der bemerkenswerte Chefdramaturg Bernd Feuchtner erzählt, dann aber Geschmack an Qualität finde (das Haus war fast voll, das Publikum begeistert) – alles in allem ein kleines Wunder. Was die Oper betrifft, gibt es in Deutschland keine Provinz.
(Ilija Trojanow, derStandard.at, 28.3.2014)"
Der ganze Artikel findet sich hier: http://derstandard.at/1395363499611/Opernpentathlon-Musik-gegen-das-Verschweigen
Sonntag, 23. März 2014
Mythos (Ballett), 22.03.2014
Sehr spannend, beeindruckend und abwechslungsreich - die gestrigen drei Ballett-Uraufführungen bekamen für alle Teile viel Applaus und Bravos und sollten ein weiterer Hit beim Karlsruher Publikum werden!
Thema Mythos - Ausbruch oder Ausdruck?
Die diesjährige Frühjahrspremiere im Badischen Staatsballett zeigt drei Choreographen mit Uraufführungen unter der thematischen Überschrift Mythos - wobei mythisch an diesem Ballettabend eine diskutable und damit interessante Zuordnung ist, denn ist die heutige Verwendung eines Mythos nun ein Ausbruch aus der Moderne oder doch viel mehr ihr Ausdruck? Der Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung Peter Sloterdijk kam einst in einem Gespräch zu der überraschenden Einsicht, daß wir heute 'wieder in einem mythologischen Horizont leben': "Der Mythos ist eine Methode, die Welt so zu beschreiben, daß in ihr nichts Neues passieren kann." Und was produzieren unsere Medien, Zeitungen und Nachrichtensender anderes als Wiederholungen! "In diesem Sinne wirkt die Summe aller Nachrichten und Geschichten mythologisch ... die Nachrichten bringen die immergleichen Themen, die immergleichen Unfälle, lauter Urszenen im Gewand von Neuigkeiten. ... Aufs ganze gesehen erzeugen auch unsere Medien eine überraschungsfreie Welt, und dadurch wird sie wieder mythologisch." Die thematische Überschrift dieser Ballette ist also auf der Höhe der Zeit, "weil eine präsentische Kultur wie die unsere sich von zeitlosen Themen ernährt, die sie durch die Medien zirkulieren lässt."
Ob nun wie im Programmheft beschrieben Mythen durch Umkreisung der Welten- und Lebensrätsel entstehen, wobei der Tanz sprachlos Dinge in ein neues Licht zu rücken vermag oder ob der Mythos auf symbolische Weise das Zeitlose umkreist und die Welt in ihrer Unfassbarkeit und Unausweichlichkeit deutet, jeder Choreograph näherte sich seinem Mythos auf sehr unterschiedliche Weise:
DER FALL M., das ist der Medea Mythos, also die Frau, die aus Liebe zu Jason und dann aus Rache für das Liebesende radikal alle Brücken hinter sich abbricht und ihre eigenen Kinder und ihre Rivalin ermordet. Die Konstellation "alle gegen eine" war dabei für Choreograph Reginaldo Oliveira ein Entscheidungskriterium, um sich Medea zuzuwenden; Schuld, Sühne und Vergebung sind Themen des Balletts. Oliveira ist seit 2006 Tänzer der Karlsruher Compagnie und hatte bisher mit einigen originellen Choreographien auf sich aufmerksam gemacht. Der Fall M. ist konkret gedeutet und erzählt, Oliveira gelingt dabei eine gelungene Aktualisierung des Mythos als Psychothriller. Nach einem surreal anmutenden Beginn folgt das Herzstück des Balletts (und vielleicht sogar des ganzen Abends): die intensive Beziehungsbeschreibung einer erkalteten Liebe - großartig getanzt von den beiden ersten Solisten Bruna Andrade und Flavio Salamanka, die ihren Figuren durch Oliveiras intelligente Choreographie ein starkes Profil verleihen und eine packende Auseinandersetzung darstellen. Es ist schon eine besondere Aura, die Andrade ihrer Meda verleiht, besser kann man es nicht machen. Salamanka ergänzt sie als Jason kongenial - Bravo!
Diskutabel ist Oliveiras Schlußbild, und zwar musikalisch und szenisch, wenn er Medea ein versöhnliches und für einige vielleicht utopisch wirkendes Quasi-Happy-End schenkt, daß sich vielleicht ein wenig zu unecht und überraschend anfühlt. Dennoch ein besonderes Ballett: 50 Minuten Hochspannung und ein sehr zufriedenes Publikum zur Pause.
ORPHEUS
Tim Plegge, der in Karlsruhe gefeierte Choreograph von Momo, wählte Orpheus als Mythenfigur und machte aus ihr "die Geschichte eines Mannes...., der sich in erster Linie über seine Erinnerungen definiert, der sich im innerlichen Durchleben des Vergangen selbst am besten spürt, und der schließlich einen Moment erlebt, in welchem die Grenzen zwischen seiner eigenen Gegenwart und der Vergangenheit auf magische Weise aufgehoben werden." Dazu holt Plegge neben den sehr guten Haupttänzern Blythe Newman und Pablo dos Santos einen Schauspieler auf die Bühne, der als alter Mann Verlusterfahrung und Erinnerungswillen verkörpert. Es geht Plegge um die "Überwindung der Grenzen von Leben und Tod". Sein Interpretationsansatz ist suggestiv und poetisch mit starken und einprägsamen Bildern und Videoeinspielungen.
SPIEGELGLEICHNIS
Choreograph Jörg Mannes verwendet für sein Ballett keinen bestimmten Mythos, sondern "sucht in seiner Kreation nach dem Mythos als Gleichnis" und choreographiert ein Ballett in einem Spiegelkabinett. Eingeschlossen in einem Spiegelkabinett zu sein, ist eine Metapher für Erkenntnisfähigkeit: ob Metaphysik, ob Astrophysik - alles was sich nicht mit Innenarchitektur befasst, ist reine Spekulation und ohne Verifikationsmöglichkeit. Letztendlich wird man durch den Spiegel nur reflektiert - Mannes Choreographie ist entsprechend selbstbezogen, verspielt und endet mit einem lauten Lachen. Der Mythos ist nur noch eine lose Klammer in ironischer Haltung. Alle Tänzer dürfen dabei auf die Bühne und zeigen beeindruckende Gruppenszenen.
Sebastian Hannak, in Karlsruhe bekannt als Bühnenbildner von Momo und Jakob der Lügner, hat einen variablen Einheitsraum in ovaler Form geschaffen, der sich für die drei unterschiedlichen Mythos-Deutung perfekt eignet und durch die Kostümbildner sehr schön unterstützt wird.
Fazit: Ausdrucksstark, bildstark, abwechslungsreich, viele Eindrücke und spannende Momente in drei ganz unterschiedlichen und sich ergänzenden Choreographien - der lange Jubel des Publikums für das Ballett-Tryptichon war hoch verdient. Die ca 30 Tänzer des Badischen Staatsballetts zeigten eine beeindruckende Leistungsschau. Die guten Karten sollten dafür bald vergriffen sein!
Team
BÜHNE: Sebastian Hannak
KOSTÜME: Judith Adam, Heidi de Raad (bei Jörg Mannes)
LICHT: Stefan Woinke
Musikzusammenstellung laut Programmheft:
DER FALL M.
Alberto Iglesias - "Una patada en los huevos“ aus der Filmmusik La piel qué habito
Alberto Iglesias - "Some craziness is good“ aus der Filmmusik Ché
Lera Auerbach - Sogno di Stabat mater
Lera Auerbach - Präludium Nr. 1 aus 24 Präudien für Violine und Klavier op. 46
Alberto Iglesias - "Duelo final“ aus der Filmmusik La piel qué habito
Lera Auerbach - Präludium Nr. 5 aus 24 Präudien für Violine und Klavier op. 46
Alberto Iglesias - The Dancer Upstairs 3“ aus der Filmmusik Pasos de baile
Max Richter - „She finds the child“ aus der Filmmusik The Congress
Max Richter - „Beginning and ending“ aus der Filmmusik The Congress
ORPHEUS
Philip Glass - Double Concerto for Violin, Cello and Orchestra (2010)
SPIEGELGLEICHNIS
Giovanni Sollima - Tree Raga Song
Giovanni Sollima - Violoncelles, vibrez!
Thema Mythos - Ausbruch oder Ausdruck?
Die diesjährige Frühjahrspremiere im Badischen Staatsballett zeigt drei Choreographen mit Uraufführungen unter der thematischen Überschrift Mythos - wobei mythisch an diesem Ballettabend eine diskutable und damit interessante Zuordnung ist, denn ist die heutige Verwendung eines Mythos nun ein Ausbruch aus der Moderne oder doch viel mehr ihr Ausdruck? Der Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung Peter Sloterdijk kam einst in einem Gespräch zu der überraschenden Einsicht, daß wir heute 'wieder in einem mythologischen Horizont leben': "Der Mythos ist eine Methode, die Welt so zu beschreiben, daß in ihr nichts Neues passieren kann." Und was produzieren unsere Medien, Zeitungen und Nachrichtensender anderes als Wiederholungen! "In diesem Sinne wirkt die Summe aller Nachrichten und Geschichten mythologisch ... die Nachrichten bringen die immergleichen Themen, die immergleichen Unfälle, lauter Urszenen im Gewand von Neuigkeiten. ... Aufs ganze gesehen erzeugen auch unsere Medien eine überraschungsfreie Welt, und dadurch wird sie wieder mythologisch." Die thematische Überschrift dieser Ballette ist also auf der Höhe der Zeit, "weil eine präsentische Kultur wie die unsere sich von zeitlosen Themen ernährt, die sie durch die Medien zirkulieren lässt."
Ob nun wie im Programmheft beschrieben Mythen durch Umkreisung der Welten- und Lebensrätsel entstehen, wobei der Tanz sprachlos Dinge in ein neues Licht zu rücken vermag oder ob der Mythos auf symbolische Weise das Zeitlose umkreist und die Welt in ihrer Unfassbarkeit und Unausweichlichkeit deutet, jeder Choreograph näherte sich seinem Mythos auf sehr unterschiedliche Weise:
DER FALL M., das ist der Medea Mythos, also die Frau, die aus Liebe zu Jason und dann aus Rache für das Liebesende radikal alle Brücken hinter sich abbricht und ihre eigenen Kinder und ihre Rivalin ermordet. Die Konstellation "alle gegen eine" war dabei für Choreograph Reginaldo Oliveira ein Entscheidungskriterium, um sich Medea zuzuwenden; Schuld, Sühne und Vergebung sind Themen des Balletts. Oliveira ist seit 2006 Tänzer der Karlsruher Compagnie und hatte bisher mit einigen originellen Choreographien auf sich aufmerksam gemacht. Der Fall M. ist konkret gedeutet und erzählt, Oliveira gelingt dabei eine gelungene Aktualisierung des Mythos als Psychothriller. Nach einem surreal anmutenden Beginn folgt das Herzstück des Balletts (und vielleicht sogar des ganzen Abends): die intensive Beziehungsbeschreibung einer erkalteten Liebe - großartig getanzt von den beiden ersten Solisten Bruna Andrade und Flavio Salamanka, die ihren Figuren durch Oliveiras intelligente Choreographie ein starkes Profil verleihen und eine packende Auseinandersetzung darstellen. Es ist schon eine besondere Aura, die Andrade ihrer Meda verleiht, besser kann man es nicht machen. Salamanka ergänzt sie als Jason kongenial - Bravo!
Diskutabel ist Oliveiras Schlußbild, und zwar musikalisch und szenisch, wenn er Medea ein versöhnliches und für einige vielleicht utopisch wirkendes Quasi-Happy-End schenkt, daß sich vielleicht ein wenig zu unecht und überraschend anfühlt. Dennoch ein besonderes Ballett: 50 Minuten Hochspannung und ein sehr zufriedenes Publikum zur Pause.
ORPHEUS
Tim Plegge, der in Karlsruhe gefeierte Choreograph von Momo, wählte Orpheus als Mythenfigur und machte aus ihr "die Geschichte eines Mannes...., der sich in erster Linie über seine Erinnerungen definiert, der sich im innerlichen Durchleben des Vergangen selbst am besten spürt, und der schließlich einen Moment erlebt, in welchem die Grenzen zwischen seiner eigenen Gegenwart und der Vergangenheit auf magische Weise aufgehoben werden." Dazu holt Plegge neben den sehr guten Haupttänzern Blythe Newman und Pablo dos Santos einen Schauspieler auf die Bühne, der als alter Mann Verlusterfahrung und Erinnerungswillen verkörpert. Es geht Plegge um die "Überwindung der Grenzen von Leben und Tod". Sein Interpretationsansatz ist suggestiv und poetisch mit starken und einprägsamen Bildern und Videoeinspielungen.
SPIEGELGLEICHNIS
Choreograph Jörg Mannes verwendet für sein Ballett keinen bestimmten Mythos, sondern "sucht in seiner Kreation nach dem Mythos als Gleichnis" und choreographiert ein Ballett in einem Spiegelkabinett. Eingeschlossen in einem Spiegelkabinett zu sein, ist eine Metapher für Erkenntnisfähigkeit: ob Metaphysik, ob Astrophysik - alles was sich nicht mit Innenarchitektur befasst, ist reine Spekulation und ohne Verifikationsmöglichkeit. Letztendlich wird man durch den Spiegel nur reflektiert - Mannes Choreographie ist entsprechend selbstbezogen, verspielt und endet mit einem lauten Lachen. Der Mythos ist nur noch eine lose Klammer in ironischer Haltung. Alle Tänzer dürfen dabei auf die Bühne und zeigen beeindruckende Gruppenszenen.
Sebastian Hannak, in Karlsruhe bekannt als Bühnenbildner von Momo und Jakob der Lügner, hat einen variablen Einheitsraum in ovaler Form geschaffen, der sich für die drei unterschiedlichen Mythos-Deutung perfekt eignet und durch die Kostümbildner sehr schön unterstützt wird.
Fazit: Ausdrucksstark, bildstark, abwechslungsreich, viele Eindrücke und spannende Momente in drei ganz unterschiedlichen und sich ergänzenden Choreographien - der lange Jubel des Publikums für das Ballett-Tryptichon war hoch verdient. Die ca 30 Tänzer des Badischen Staatsballetts zeigten eine beeindruckende Leistungsschau. Die guten Karten sollten dafür bald vergriffen sein!
Team
BÜHNE: Sebastian Hannak
KOSTÜME: Judith Adam, Heidi de Raad (bei Jörg Mannes)
LICHT: Stefan Woinke
Musikzusammenstellung laut Programmheft:
DER FALL M.
Alberto Iglesias - "Una patada en los huevos“ aus der Filmmusik La piel qué habito
Alberto Iglesias - "Some craziness is good“ aus der Filmmusik Ché
Lera Auerbach - Sogno di Stabat mater
Lera Auerbach - Präludium Nr. 1 aus 24 Präudien für Violine und Klavier op. 46
Alberto Iglesias - "Duelo final“ aus der Filmmusik La piel qué habito
Lera Auerbach - Präludium Nr. 5 aus 24 Präudien für Violine und Klavier op. 46
Alberto Iglesias - The Dancer Upstairs 3“ aus der Filmmusik Pasos de baile
Max Richter - „She finds the child“ aus der Filmmusik The Congress
Max Richter - „Beginning and ending“ aus der Filmmusik The Congress
ORPHEUS
Philip Glass - Double Concerto for Violin, Cello and Orchestra (2010)
SPIEGELGLEICHNIS
Giovanni Sollima - Tree Raga Song
Giovanni Sollima - Violoncelles, vibrez!
Samstag, 22. März 2014
Stuttgarter Ballett - Giselle, 21.03.2014
Die Karlsruher Giselle in der Choreographie von Peter Wright erlebte ihre Premiere 1965 in Stuttgart und es heißt, daß einige dort dieser schönen Produktion bis heute nachtrauern. Die aktuelle Stuttgarter Giselle von Reid Anderson und Valentina Savina debütierte 1999 und hatte gestern ihre Wiederaufnahmenpremiere in Stuttgart. Da man in beiden Fällen auf die Choreographie des Balletts nach dem historisch überlieferten Vorbild von Marius Petipa, Jean Coralli und Jules Perrota zurückgreift, ähneln sich die Karlsruher und Stuttgarter Giselle stark und auf einen ersten Blick sind kaum Unterschiede festzustellen. Im zweiten Akt hat Karlsruhe meines Erachtens die stimmungsvollere, nachtblauere und romantischere Fassung. Opulenter ist Karlsruhe auch bei der Anzahl des Corps de Ballett: in Stuttgart sind 18 Wilis auf der Bühne, auf der größeren Karlsruher Bühne 24. In Karlsruhe scheint der weite Bühnenraum auch besser genutzt und ergibt bei den großen Szenen immer wieder eindrucksvollere Gruppenszenen, während die Stuttgarter Nachtgeister weniger bedrohlich als die Karlsruher wirken.
Tänzerisch ist Stuttgart wie üblich eine Klasse für sich. Alicia Amatriain als Giselle und Friedemann Vogel als Albrecht gehören zu den Stars des Stuttgarter Balletts und tanzten auch beide 2012 in der Jubiläumsaufführung von Crankos Romeo und Julia mit (mehr dazu hier), also an dem Abend, an dem Birgit Keil und Vladimir Klos, Marcia Haydée, Egon Madsen und Ray Barra noch mal auf der Bühne standen.
Vogel war bei der Wiederaufnahme der Star des Abends und durch seine elegante Leichtigkeit Publikumsliebling, gefolgt von Amatriain, die aber gestern etwas angeschlagen wirkte und nicht ihren besten Tag erwischt zu haben schien. Als Myrtha tanzte Rachele Buriassi zu unauffällig und konnte ihrer Figur wenig Souveränes oder Charakteristisches verleihen. Überhaupt war es zwar eine schöne Wiederaufnahme, doch mit einigen Patzern. Im ersten Akt beeindruckte dafür gestern der sogenannte Bauern-Pas-de-deux mit einem starken Constantine Allen und einer sich steigernden Elisa Badenes.
Im Orchestergraben gibt es kaum Unterschiede - hier wie dort trägt das Orchester wesentlich zur Dramatik bei.
Fazit: Der Südwesten ist dieses Frühjahr Giselle-Land. Wer dieses Musterbeispiel für romantisches Ballett liebt, der kann sowohl in Karlsruhe als auch in Stuttgart eine hochklassige Aufführung mit unterschiedlichen, aber sich ausgleichenden Stärken und Schwächen sehen.
Tänzerisch ist Stuttgart wie üblich eine Klasse für sich. Alicia Amatriain als Giselle und Friedemann Vogel als Albrecht gehören zu den Stars des Stuttgarter Balletts und tanzten auch beide 2012 in der Jubiläumsaufführung von Crankos Romeo und Julia mit (mehr dazu hier), also an dem Abend, an dem Birgit Keil und Vladimir Klos, Marcia Haydée, Egon Madsen und Ray Barra noch mal auf der Bühne standen.
Vogel war bei der Wiederaufnahme der Star des Abends und durch seine elegante Leichtigkeit Publikumsliebling, gefolgt von Amatriain, die aber gestern etwas angeschlagen wirkte und nicht ihren besten Tag erwischt zu haben schien. Als Myrtha tanzte Rachele Buriassi zu unauffällig und konnte ihrer Figur wenig Souveränes oder Charakteristisches verleihen. Überhaupt war es zwar eine schöne Wiederaufnahme, doch mit einigen Patzern. Im ersten Akt beeindruckte dafür gestern der sogenannte Bauern-Pas-de-deux mit einem starken Constantine Allen und einer sich steigernden Elisa Badenes.
Im Orchestergraben gibt es kaum Unterschiede - hier wie dort trägt das Orchester wesentlich zur Dramatik bei.
Fazit: Der Südwesten ist dieses Frühjahr Giselle-Land. Wer dieses Musterbeispiel für romantisches Ballett liebt, der kann sowohl in Karlsruhe als auch in Stuttgart eine hochklassige Aufführung mit unterschiedlichen, aber sich ausgleichenden Stärken und Schwächen sehen.
Dienstag, 11. März 2014
5. Symphoniekonzert, 10.03.2014
Seit Anne-Sophie Mutter (*1963) und Isabelle Faust (*1972) ist der Musikmarkt von jungen Geigerinnen erobert worden. Wer heute eine Einspielung eines Violinkonzerts erwerben möchte, kommt an ihnen nicht vorbei: Julia Fischer und Arabella Steinbacher, Janine Jansen und Hilary Hahn oder Baiba Skride und Lisa Batiashvili sowie Tianwa Yang, Patricia Kopatchinskaja, Vilde Frang und auch die gestern in Karlsruhe zu hörende Chloë Hanslip (u.v.a.m.) - die Werbeabteilungen des Klassikmarktes hätten es nicht besser erfinden können.
Die junge britische Geigerin Chloë Hanslip (*1987) hatte als Wunderkind (u.a. früh gefördert von Yehudi Menuhin) bereits 1999 eine kleine Rolle in einem britischen Kinofilm: in der Verfilmung Onegin nach Puschkins Versepos (Hauptdarsteller Ralph Fiennes und Liv Tyler). Sie spielt darin in einem Konzert Tartinis Teufelstrillersonate, während Tatjana unruhig auf die Folgen ihres an Onegin gerichteten Liebesbriefs wartet.
Inzwischen gibt die sehr gut deutsch sprechende Hanslip Konzerte auf der ganzen Welt. Gestern spielte sie in Karlsruhe das berühmte und beliebte Violinkonzert in e-Moll von Felix Mendelssohn und zwar mit souveräner Leichtigkeit und betörend schönem Geigenton. Nach einem virtuosen und ausdrucksstarken Eingangssatz ließ Hanslip ihre Geige im anschließenden Andante beseelt singen, bevor sie das Konzert mit einem heiteren, lebhaften und leicht dahinfließendem Allegro beendete. Ein abwechslungsreiches Konzert, das wie im Fluge verging und bei dem sich wahrscheinlich einige im Publikum gewünscht haben, es einfach nochmal komplett zu wiederholen. Ein sehr guter Auftritt, nach dem man schon an ein Folgekonzert denken könnte: Edward Elgars großes Violinkonzert war bspw. schon über 10 Jahre nicht mehr in Karlsruhe zu hören.
Nach der Pause die Asrael Symphonie aus dem Jahr 1906 von Josef Suk konnte ich an diesem Montagabend aufgrund anderweitiger abendlicher Verpflichtung nicht mehr anhören und musste schweren Herzens auf sie verzichten. Vor knapp zwei Jahren war Dirigent Tomáš Hanus schon mal zu Gast in Karlsruhe (mehr dazu hier) und bekam damals herzlichen Applaus. Sein gestrige engagierte Einführung zu Suks Symphonie ließ erahnen, daß es ein hörenswertes Konzert werden würde. Schade, aber zumindest hatte ich so den Rest des Abends Hanslips Mendelssohn im Ohr.
Die junge britische Geigerin Chloë Hanslip (*1987) hatte als Wunderkind (u.a. früh gefördert von Yehudi Menuhin) bereits 1999 eine kleine Rolle in einem britischen Kinofilm: in der Verfilmung Onegin nach Puschkins Versepos (Hauptdarsteller Ralph Fiennes und Liv Tyler). Sie spielt darin in einem Konzert Tartinis Teufelstrillersonate, während Tatjana unruhig auf die Folgen ihres an Onegin gerichteten Liebesbriefs wartet.
Inzwischen gibt die sehr gut deutsch sprechende Hanslip Konzerte auf der ganzen Welt. Gestern spielte sie in Karlsruhe das berühmte und beliebte Violinkonzert in e-Moll von Felix Mendelssohn und zwar mit souveräner Leichtigkeit und betörend schönem Geigenton. Nach einem virtuosen und ausdrucksstarken Eingangssatz ließ Hanslip ihre Geige im anschließenden Andante beseelt singen, bevor sie das Konzert mit einem heiteren, lebhaften und leicht dahinfließendem Allegro beendete. Ein abwechslungsreiches Konzert, das wie im Fluge verging und bei dem sich wahrscheinlich einige im Publikum gewünscht haben, es einfach nochmal komplett zu wiederholen. Ein sehr guter Auftritt, nach dem man schon an ein Folgekonzert denken könnte: Edward Elgars großes Violinkonzert war bspw. schon über 10 Jahre nicht mehr in Karlsruhe zu hören.
Nach der Pause die Asrael Symphonie aus dem Jahr 1906 von Josef Suk konnte ich an diesem Montagabend aufgrund anderweitiger abendlicher Verpflichtung nicht mehr anhören und musste schweren Herzens auf sie verzichten. Vor knapp zwei Jahren war Dirigent Tomáš Hanus schon mal zu Gast in Karlsruhe (mehr dazu hier) und bekam damals herzlichen Applaus. Sein gestrige engagierte Einführung zu Suks Symphonie ließ erahnen, daß es ein hörenswertes Konzert werden würde. Schade, aber zumindest hatte ich so den Rest des Abends Hanslips Mendelssohn im Ohr.
Dienstag, 4. März 2014
Händel - Rinaldo, 03.03.2014
Die Sitten verfallen schon immer und immer wieder, eigentlich ständig, und auch in London vor 300 Jahren war das puritanische Bürgertum nicht begeistert vom Big Business des kommerziellen Kunstbetriebs der italienischen Oper, die findige Geschäftsleute mit adliger Unterstützung für die feine und zahlungskräftige Londoner Gesellschaft einführen wollten. Vor Händel gab es keine erfolgreichen Ansätze dazu. Rinaldo (Premiere 1711) war auch noch nicht der Durchbruch, aber die erfolgreiche Initialzündung. Die für die damalige Zeit spektakulär-effektvolle Inszenierung in Kombination mit Händels Musik war ein Überraschungserfolg mit Folgen. Es folgte u.a. 1713 Teseo (2015 in Karlsruhe zu hören) und 1720 begann dann mit dem Sensationserfolg Radamisto der regelmäßige Londoner Opernbetrieb für Händel.
Rinaldo ist Händels siebte von 42 Opern. 30 Jahre später im Jahr 1741 ertönte Händels letzte Oper Deidamia in London. Danach war er als Oratorienkomponist tätig und mit biblischen Themen in englischer Sprache und in nicht-szenischer Darstellung aktualisierte Händel sein Kunstkönnen marktgerecht als religiöse Erbauung.
Zauberoper im Marionettengewand
Das Sujet um den Kreuzritter Rinaldo und die Zauberin Armida ist prädestiniert für eine phantastisch-illusionsreiche, also anti-naturalistische Interpretation und die Idee zur Umsetzung mit Marionetten erwies sich beim Karlsruher Publikum als großer Erfolg. "Alte Musik und altes Handwerk" - das Mailänder Marionettentheater Carlo Colla & Figli zeigt liebevoll und oft auch humorvoll gemachten barocken Bühnenzauber, also all das, was eine konventionelle Darstellung von Händels Rinaldo sonst nicht zeigt: Ritter reiten auf Pferden über die Bühne, Drachen fliegen durch die Lüfte, Tempel versinken im Erdboden, Armeen prallen aufeinander, Armida verwandelt sich durch Drehung eines Bühnenelements in Almirena und wieder zurück. Die Bühne ist ca. acht Meter breit, die Figuren ca. 100-120 Zentimeter hoch. Zum Schlußapplaus hoben sich dann alle Vorhänge und zeigten die Bühnentechnik und die zehn Marionettenspieler, die einen starken Extrajubel bekamen.
Was ist zu hören?
Die engagiert und schön musizierende Lautten Compagney Berlin spielte Rinaldo mit 25 Musikern - Anhänger historischer Klein- und Kleinstensembles werden das eventuell mögen, aber tatsächlich verlangt Rinaldo nach einem größeren Orchester. Und gerade nach dem Vergleich mit Riccardo Primo wird mal wieder deutlich, was die Karlsruher Händel Festspiele im Kern ausmacht - das extra aus Experten gebildete Festspielorchester der Deutschen Händel-Solisten mit seinen 40 Musikern erzeugt einen differenzierteren Klang als gestern die Lautten Compagney, die immer wieder etwas zu dünn klang. Nur die Trompeten wurden extra für Karlsruhe nachgerüstet und auf vier erhöht, um den militärischen Szenen Schwung und Glanz zu verleihen.
Die Sänger im Orchestergraben zeigten eine sehr gute und sehr ausgeglichene Leistung, bei der es schwer fällt, jemand hervorzuheben - Hagen Matzeit, der Sänger der Titelpartie, hat es trotzdem verdient. Sein Rinaldo war sicher und klangschön gesungen, wie überhaupt alle Stimmen sehr gut zusammengestellt waren und eine individuelle Charakterisierung ermöglichten. Bravo!
Händels Oper ist in dieser Version deutlich gekürzt, wahrscheinlich auch mit Rücksicht auf die körperliche Anstrengung für die Marionettenspieler und die Ausdrucksmöglichkeiten der Figuren, die sich bei den langen ABA' Arien doch erschöpfen würden. So geht die Vorstellung weniger als drei Stunden, statt mehr als vier. Das nicht überanstrengte Publikum dankte für diese kurzweilige Umsetzung mit viel Applaus und Bravos
Fazit: Der Erfolg dieses Gastspiels, das eine Produktion u.a. der Händel Festspiele Halle und des Theaters Winterthur ist, war vorauszusehen und begeisterte auch in Karlsruhe das Publikum. Nicht nur für Barock-Experten, sondern auch für Händel-Einsteiger und Freunde der Augsburger Puppenkiste zweifellos eine zauberhafte Produktion, die man auch zukünftig erneut ins Programm nehmen könnte.
PS: Unter den über 40 Opern von Händel finden sich beliebtere und weniger bekannte Werke, doch Rinaldo gehört neben Julius Cäsar, Ariodante und Alcina, Rodelinda und Radamisto zweifellos zu den bekanntesten und beliebtesten barocken Bühnenkompositionen und auch bei den Karlsruher Händel Festspiele ist Rinaldo bereits selber inszeniert worden (1981, R: J.L. Martinoty) und war als Gastspiel der Frankfurter Musikhochschule Frankfurt zu hören (2010).
Besetzung und Team
Rinaldo: Hagen Matzeit
Almirena: Olivia Vermeulen
Armida: Gesche Geier
Goffredo: Yosemeh Adjei
Argante: Tobias Berndt
Mago: Florian Götz
Eustazio: Artem Krutko
Musikalische Leitung: Wolfgang Katschner
Lautten Compagney Berlin
COMPAGNIA MARIONETTISTICA CARLO COLLA E FIGLI
Mailänder Marionettentheater Carlo Colla & Figli
Regie: EUGENIO MONTI COLLA
Technische Leitung: TIZIANO MARCOLEGIO
Licht: FRANCO CITTERIO
Übertitel: BABETTE HESSE
Produktionsleitung; ARTIE HEINRICH
Gemeinsame Produktion der Händel Festspiele Halle, des Theaters Winterthur, der
Associazione Grupporiani Milano, der Comune di Milano und der Lautten Compagney
Berlin.
Rinaldo ist Händels siebte von 42 Opern. 30 Jahre später im Jahr 1741 ertönte Händels letzte Oper Deidamia in London. Danach war er als Oratorienkomponist tätig und mit biblischen Themen in englischer Sprache und in nicht-szenischer Darstellung aktualisierte Händel sein Kunstkönnen marktgerecht als religiöse Erbauung.
Zauberoper im Marionettengewand
Das Sujet um den Kreuzritter Rinaldo und die Zauberin Armida ist prädestiniert für eine phantastisch-illusionsreiche, also anti-naturalistische Interpretation und die Idee zur Umsetzung mit Marionetten erwies sich beim Karlsruher Publikum als großer Erfolg. "Alte Musik und altes Handwerk" - das Mailänder Marionettentheater Carlo Colla & Figli zeigt liebevoll und oft auch humorvoll gemachten barocken Bühnenzauber, also all das, was eine konventionelle Darstellung von Händels Rinaldo sonst nicht zeigt: Ritter reiten auf Pferden über die Bühne, Drachen fliegen durch die Lüfte, Tempel versinken im Erdboden, Armeen prallen aufeinander, Armida verwandelt sich durch Drehung eines Bühnenelements in Almirena und wieder zurück. Die Bühne ist ca. acht Meter breit, die Figuren ca. 100-120 Zentimeter hoch. Zum Schlußapplaus hoben sich dann alle Vorhänge und zeigten die Bühnentechnik und die zehn Marionettenspieler, die einen starken Extrajubel bekamen.
Was ist zu hören?
Die engagiert und schön musizierende Lautten Compagney Berlin spielte Rinaldo mit 25 Musikern - Anhänger historischer Klein- und Kleinstensembles werden das eventuell mögen, aber tatsächlich verlangt Rinaldo nach einem größeren Orchester. Und gerade nach dem Vergleich mit Riccardo Primo wird mal wieder deutlich, was die Karlsruher Händel Festspiele im Kern ausmacht - das extra aus Experten gebildete Festspielorchester der Deutschen Händel-Solisten mit seinen 40 Musikern erzeugt einen differenzierteren Klang als gestern die Lautten Compagney, die immer wieder etwas zu dünn klang. Nur die Trompeten wurden extra für Karlsruhe nachgerüstet und auf vier erhöht, um den militärischen Szenen Schwung und Glanz zu verleihen.
Die Sänger im Orchestergraben zeigten eine sehr gute und sehr ausgeglichene Leistung, bei der es schwer fällt, jemand hervorzuheben - Hagen Matzeit, der Sänger der Titelpartie, hat es trotzdem verdient. Sein Rinaldo war sicher und klangschön gesungen, wie überhaupt alle Stimmen sehr gut zusammengestellt waren und eine individuelle Charakterisierung ermöglichten. Bravo!
Händels Oper ist in dieser Version deutlich gekürzt, wahrscheinlich auch mit Rücksicht auf die körperliche Anstrengung für die Marionettenspieler und die Ausdrucksmöglichkeiten der Figuren, die sich bei den langen ABA' Arien doch erschöpfen würden. So geht die Vorstellung weniger als drei Stunden, statt mehr als vier. Das nicht überanstrengte Publikum dankte für diese kurzweilige Umsetzung mit viel Applaus und Bravos
Fazit: Der Erfolg dieses Gastspiels, das eine Produktion u.a. der Händel Festspiele Halle und des Theaters Winterthur ist, war vorauszusehen und begeisterte auch in Karlsruhe das Publikum. Nicht nur für Barock-Experten, sondern auch für Händel-Einsteiger und Freunde der Augsburger Puppenkiste zweifellos eine zauberhafte Produktion, die man auch zukünftig erneut ins Programm nehmen könnte.
PS: Unter den über 40 Opern von Händel finden sich beliebtere und weniger bekannte Werke, doch Rinaldo gehört neben Julius Cäsar, Ariodante und Alcina, Rodelinda und Radamisto zweifellos zu den bekanntesten und beliebtesten barocken Bühnenkompositionen und auch bei den Karlsruher Händel Festspiele ist Rinaldo bereits selber inszeniert worden (1981, R: J.L. Martinoty) und war als Gastspiel der Frankfurter Musikhochschule Frankfurt zu hören (2010).
Besetzung und Team
Rinaldo: Hagen Matzeit
Almirena: Olivia Vermeulen
Armida: Gesche Geier
Goffredo: Yosemeh Adjei
Argante: Tobias Berndt
Mago: Florian Götz
Eustazio: Artem Krutko
Musikalische Leitung: Wolfgang Katschner
Lautten Compagney Berlin
COMPAGNIA MARIONETTISTICA CARLO COLLA E FIGLI
Mailänder Marionettentheater Carlo Colla & Figli
Regie: EUGENIO MONTI COLLA
Technische Leitung: TIZIANO MARCOLEGIO
Licht: FRANCO CITTERIO
Übertitel: BABETTE HESSE
Produktionsleitung; ARTIE HEINRICH
Gemeinsame Produktion der Händel Festspiele Halle, des Theaters Winterthur, der
Associazione Grupporiani Milano, der Comune di Milano und der Lautten Compagney
Berlin.
Freitag, 28. Februar 2014
Händel - Riccardo Primo, 27.02.2014
Nach Generalprobe und Premiere erfolgte gestern nun schon wieder die letzte Vorstellung der Spielzeit und man muß dem Badischen Staatstheater und seinem Festspielleiter Dr. Bernd Feuchtner gratulieren: die Kritiken zu Riccardo Primo waren rundweg sehr gut und auch begeistert. Interessanterweise
hatten sehr viele Zuschauer im Vorfeld zu diesem Riccardo Primo keine Zweifel am Erfolg und besorgten sich sehr frühzeitig Karten. Alle Vorstellungen waren schon lange im Voraus ausverkauft. Und welchen stärkeren
Vertrauensbeweis als im Vorverkauf könnte man den Karlsruher Händel Festspielen entgegenbringen? Man hat sich in Karlsruhe seine Reputation und sein Barock-Publikum über Jahrzehnte aufgebaut und während der letzten Intendanz wurden z.B. mit Sängern wie Kirsten Blaise und Franco Fagioli sowie der ersten Kerzenlicht-Oper Radamisto die Grundlagen für den heutigen Erfolg gelegt. Es wird wichtig sein, daß man in Reihen des Badischen Staatstheaters nun dennoch das Augenmaß nicht verliert. Kosteten die Eintrittskarten für Alessandro vor 2 Jahren noch zwischen 9.- und 34.- Euro, liegt man nächstes Jahr bereits zwischen 16.- und 60.- Euro - ein Preisanstieg von ca. 76% in drei Jahren. Gleichzeitig wurde die Anzahl der Karten in der 5. Preiskategorie verringert. Die vorangetriebene Kommerzialisierung und ökonomische Optimierung des Hauses zeigt hier deutliche Spuren. Bei den Händel Festspielen sind diese höheren Preise auch teilweise angebracht - die Entwicklung muß man dennoch im Auge behalten.
Über 200 Jahre ruhte Riccardo Primo im Dornröschenschlaf bis die Oper in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder aufgeführt wurde. Und in den europäischen Archiven ruhen seit inzwischen fast 300 Jahren unerhörte Opern anderer damals tätiger Opernkomponisten. Die Schatzsucher sind schon längst unterwegs, um Kostbarkeiten zu sammeln, zu veröffentlichen und neu einzuspielen (mehr dazu hier). Wieso ist Barockmusik zur Zeit so gefragt? Sie passt in unsere Zeit und ist doch ihr Gegenteil: Pop vergesellschaftete Musik, Barockopern waren für die reiche Bevölkerung. Kommerziell sind sie beide: Kastraten war die ersten Pop-Stars - das wohlhabende Publikum kam, um sie zu hören. Die Bezahlung der Sänger lag oft höher als die des Komponisten. Die Opern und Arien von damals sind die Pop-Songs von heute - man benötigte ständig Nachschub und neue Abwechslung. Man muß heutzutage Zeit mitbringen und sich dieser Musik öffnen, um eine stimmungsgemäße Inbesitznahme und Übernahme durch eine Barockoper zu erlauben. Wenn man sich darauf einlässt -und sogar vielen Opernfans fällt dieses Loslassen schwer; sie erleben drei Stunden Spielzeit einer Händel Oper als zu lange und langwierig und sehnen sich nach Verdi etc.-, wenn man sich also darauf einlässt, dann erlebt man ein anderes Zeitmaß, überreiche Harmonie und ein entspanntes Aufgehen im Klang, eine Gestimmtheit der Ausgeglichenheit und Unaufgeregtheit. Das dies bei dieser Inszenierung unterstützt wird, ist der schönste Aspekt der Produktion. Musikalisch und szenisch ist diese Oper ein Genuß und man merkt, wie viel Erfahrung das Inszenierungsteam um Benjamin Lazar einbringt: von der Lichtregie, den im Kerzenlicht wunderschön scheinenden Kostümen und der pittoresk-stimmigen Gesamtanlage, bei der die Personenregie vor allem dekorativ ist.
Viel Applaus, viel Bravos - eine Produktion, an die man sich noch lange gerne erinnern wird und bei der man neben den Hauptsängern auch unbedingt die Gäste in den Nebenrollen hervorheben muß: Mit Nicholas Tamagna und Lisandro Abadie hat man zwei Sänger in den kleineren Rollen, die man gerne zukünftig auch in einer größeren Partie hören möchte. Und auch die hauseigenen Sänger Emily Hindrichs und Andrew Finden werden nach ihren Auftritten neue Fans haben. Wie schon traditionell war der gute Ton der 40 Musiker der Händel-Solisten ein Genuß und besonderes Merkmal der Karlsruher Händelwoche. Michael Hofstetter dirigierte so, wie man ihn aus früheren Auftritten in Karlsruhe kennt: mit einem wunderbar federnden und den Klang auslebenden Schwung. Franco Fagioli zeigt sein Kunststück zwischen tiefer Emotionalität und Virtuosität - für Karlsruhe ein wiederholter Glücksfall - wie die gesamte Produktion und die über 35jährige Vorbereitung und Verankerung im Karlsruher Publikum durch die Händel Festspiele.
Als um 23.40 Uhr der letzte Applaus verklang (sogar Regisseur Benjamin Lazar kam noch auf die Bühne, um sich den Jubel des Publikums abzuholen), gab es nur einen Wermutstropfen: es dauert nun ein Jahr bis zur nächsten Aufführung im Februar 2015. Karten dafür kann man schon erwerben.
Über 200 Jahre ruhte Riccardo Primo im Dornröschenschlaf bis die Oper in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder aufgeführt wurde. Und in den europäischen Archiven ruhen seit inzwischen fast 300 Jahren unerhörte Opern anderer damals tätiger Opernkomponisten. Die Schatzsucher sind schon längst unterwegs, um Kostbarkeiten zu sammeln, zu veröffentlichen und neu einzuspielen (mehr dazu hier). Wieso ist Barockmusik zur Zeit so gefragt? Sie passt in unsere Zeit und ist doch ihr Gegenteil: Pop vergesellschaftete Musik, Barockopern waren für die reiche Bevölkerung. Kommerziell sind sie beide: Kastraten war die ersten Pop-Stars - das wohlhabende Publikum kam, um sie zu hören. Die Bezahlung der Sänger lag oft höher als die des Komponisten. Die Opern und Arien von damals sind die Pop-Songs von heute - man benötigte ständig Nachschub und neue Abwechslung. Man muß heutzutage Zeit mitbringen und sich dieser Musik öffnen, um eine stimmungsgemäße Inbesitznahme und Übernahme durch eine Barockoper zu erlauben. Wenn man sich darauf einlässt -und sogar vielen Opernfans fällt dieses Loslassen schwer; sie erleben drei Stunden Spielzeit einer Händel Oper als zu lange und langwierig und sehnen sich nach Verdi etc.-, wenn man sich also darauf einlässt, dann erlebt man ein anderes Zeitmaß, überreiche Harmonie und ein entspanntes Aufgehen im Klang, eine Gestimmtheit der Ausgeglichenheit und Unaufgeregtheit. Das dies bei dieser Inszenierung unterstützt wird, ist der schönste Aspekt der Produktion. Musikalisch und szenisch ist diese Oper ein Genuß und man merkt, wie viel Erfahrung das Inszenierungsteam um Benjamin Lazar einbringt: von der Lichtregie, den im Kerzenlicht wunderschön scheinenden Kostümen und der pittoresk-stimmigen Gesamtanlage, bei der die Personenregie vor allem dekorativ ist.
Viel Applaus, viel Bravos - eine Produktion, an die man sich noch lange gerne erinnern wird und bei der man neben den Hauptsängern auch unbedingt die Gäste in den Nebenrollen hervorheben muß: Mit Nicholas Tamagna und Lisandro Abadie hat man zwei Sänger in den kleineren Rollen, die man gerne zukünftig auch in einer größeren Partie hören möchte. Und auch die hauseigenen Sänger Emily Hindrichs und Andrew Finden werden nach ihren Auftritten neue Fans haben. Wie schon traditionell war der gute Ton der 40 Musiker der Händel-Solisten ein Genuß und besonderes Merkmal der Karlsruher Händelwoche. Michael Hofstetter dirigierte so, wie man ihn aus früheren Auftritten in Karlsruhe kennt: mit einem wunderbar federnden und den Klang auslebenden Schwung. Franco Fagioli zeigt sein Kunststück zwischen tiefer Emotionalität und Virtuosität - für Karlsruhe ein wiederholter Glücksfall - wie die gesamte Produktion und die über 35jährige Vorbereitung und Verankerung im Karlsruher Publikum durch die Händel Festspiele.
Als um 23.40 Uhr der letzte Applaus verklang (sogar Regisseur Benjamin Lazar kam noch auf die Bühne, um sich den Jubel des Publikums abzuholen), gab es nur einen Wermutstropfen: es dauert nun ein Jahr bis zur nächsten Aufführung im Februar 2015. Karten dafür kann man schon erwerben.
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