Sonntag, 14. Oktober 2018

von Weber - Der Freischütz, 13.10.2018

Ein Bühnendesaster - gehirnverstaubt, inspirationslos und dilettantisch mißlungen  
Hallooooo? Ist da jemand in der Führungsetage des Badischen Staatstheater? ... Nein, es scheint, als ob das Oberstüble lange nicht mehr genutzt wurde, denn es wirkt mal wieder äußerst hilflos und überfordert, was man seinem Publikum mit dem Freischütz zumutet. Wenn man gestern den Zuschauern Tüten mit überreifen Tomaten zur Verfügung gestellt hätte, wäre die Nachwuchsregisseurin nicht nur mit rekordverdächtig lauten Buh-Rufen für die vergeudete Lebenszeit und ihr Desinteresse gegenüber Musikern und Sängern (die sich monatelang vorbereiten und dann diesen Schrott darstellen müssen) bestraft worden. Schade, daß dieses Brauchtum in Vergessenheit geraten ist. Es ist eine Folge der prekär-defizitären Intendanz, daß es in den vergangenen Jahren vermehrt Inszenierungen gab und gibt, die aus dem letzten Loch pfeifen. Immer wenn man glauben wollte, daß das Training-on-the-job der Karlsruher Intendanz langsam erfolgreicher verlaufen könnte, kommen wieder solche peinlichen Abstürze in Unverständnisgrater. Der Freischütz ist ein Rückschlag, vergleichbar mit Verdis Macbeth, Strauß' Fledermaus und anderen dilettantisch verhunzten Inszenierungen. Der Karlsruher Oper läuft das Publikum weg (mehr dazu hier), dieser Freischütz wird die Situation wohl verschlimmern, denn man kann nur jedem raten, diese Produktion zu meiden und die Zeit sinnvoller zu verbringen.
 
Worum geht es?

Zwischen Herausforderung und Versuchung. Max darf Agathe nur heiraten, wenn er seine Fähigkeiten unter Beweis stellt und sich als zukünftiger Versorger qualifiziert. Doch Max will schummeln, aus Versagensängsten will er sich quasi kriminell einen Vorteil verschaffen, um den Test zu bestehen. Der Betrug fliegt auf, Max hat Glück im Unglück, die Strafe trifft Kaspar, der aus Neid und Eigennutz Max zum Betrug anstiftete. Max soll verbannt werden, bekommt dann aber großzügig Bewährung von alleroberster Instanz und kann sich resozialisieren, ein glückliches Leben mit Agathe erscheint wieder möglich. Schon vor 200 Jahren nahm man Rücksicht auf Verhältnismäßigkeit und übte Fairneß bei der Strafzuteilung.
  
Was ist bei der Karlsruher Inszenierung schief gegangen?
oder

Die unfreiwillige Komik falscher Wertigkeiten
An zwei Sätzen läßt sich darstellen, an welch banalen Zusammenhängen die Regie scheitert. Originaltext Badisches Staatstheater: 
  • "Sollen wir unser Glück Regelwerken unterwerfen, die durch Glaube und Aberglaube entstanden sind? .... Regisseurin Verena Stoiber siedelt die ländliche Tragödie in einer Kirche an, in der sich junge Leute an tradierten Normen stoßen.
Uiuiuiuiuiuiui. Was für eine altbackene Dramaturgie! Auf so was Altertümliches muß man erst mal kommen. Junge Leute stoßen sich an tradierten Normen. Was für ein Drama ... nur wo? Bereits im vorletzten Jahrhundert hat der französische Soziologe Gabriel Tarde die Ablösung von Gebräuchen und Traditionen durch unterschiedliche Moden im Sinne einer Globalisierung vorausgesagt und eine Soziologie entworfen, die menschliche Handlungen u.a. aus dem Geist der Nachahmung erklärt. Die Regie des Karlsruher Freischütz scheint dabei den quasi abgeschlossenen Strukturwandel der Nachahmung übersehen zu haben. Die Nachahmung des Überlieferten (Sitte, Norm) wurde längst durch die Nachahmung des Gleichzeitigen (Mode und Kopien) ersetzt, Konformes aus den (sozialen) Medien bestimmt heute oft Denken und Handeln. Wo in der modernen Welt spielen noch Sippen- oder Dorfälteste eine prägende Rolle? Sitte und Tradition sind spätestens seit dem letzten Jahrhundert überkommen. Wenn die Inszenierung Brauchtum kritisch beäugt, übersieht sie, daß bspw. die neue bundesweite Oktoberfestfeierwut mit Tracht ebenfalls eine Mode ist und Brauchtum nirgendwo in der Bundesrepublik ein Hindernis darstellt. Junge Leute stoßen sich an tradierten Normen? Und selbst wenn es irgendwo tradierte Normen gäbe, nur Psychologie und Charakter verhindern heute noch Selbstverwirklichung.
 
"Zeit, die vertrauten Traditionen zu hinterfragen!" schreibt das Badische Staatstheater. Uiuiuiuiuiuiui. Ein Appell, den man lieber mal selber durchdacht hätte. Hätte das Inszenierungsteam über den eigenen veralteten Suppentellerrand hinaus geblickt, hätte es bemerken können, daß "junge Leute" bei weitem nicht mit "tradierten Normen" zu kämpfen haben, sondern mit modischen Konformitätszwangen! Und zwar politisch und sozial. Der kategorische Imperativ unserer Zeit lautet: Wer sich als korrekter Bürger fühlen will, muß sich stets so konform verhalten, daß man ihm von oben auf die Schulter klopfen kann.

Eine "ländliche Tragödie" über die Probleme "junger Leute", die sich gegen die christlichen Kirchen zu behaupten versuchen. Uiuiuiuiuiuiui. Was für ein überübergroßes Drama, und so total am Puls der Zeit. Gerade heute, wo die christlichen Kirchen wie keine andere Institution versuchen, Jugendliche zu unterjochen, gerade die Dorfjugend ist ein beliebtes Opfer der bösen Christen. Klingt das nur ziemlich gehirnverstaubt oder gibt es dieses Problem wirklich? Ist die christliche Kirche als Metapher für Unterdrückung nicht fahrlässig unwahr? Es ist nicht das heutige Christentum, das Apartheid fordert und Frauen nur Zutritt zu einem Nebenraum gewährt oder Frauen individuelle Lebenswege ohne Mann und Kinder verweigert. Es ist auch nicht das Christentum, das den Austritt aus der Kirche als Todsünde verfolgt, die Einheit von Staat und Kirche verkündet und seine Moralvorschriften unter Drohungen propagiert. Es ist auch nicht das Christentum, das das Ehrgefühl aller Christen für verletzt erklärt, wenn sich jemand kritisch oder satirisch darüber äußert. Es ist wohl das Christentum, das leider schweigt, wenn Mädchen in einer anderen Religionsgemeinschaft beschnitten, entmündigt, zwangsverheiratet, unter das Kopftuch gezwungen und Gewalt erleben, die nicht nach außen dringt, weil sie niemand hören will. Und es ist anscheinend speziell die katholische Kirche, die in der Vergangenheit falsche Toleranz gegenüber überwiegend homosexuellen Päderasten zeigte und deren Untaten unter den Teppich kehrte. Aber ansonsten? Das Bühnenbild zeigt eine christliche Kirche - eine komplett veraltete Metapher. Den christlichen Kirchen ist die Selbstdarstellung der politisch korrekten Stellungnahme längst um ein vielfaches wichtiger als Seelenheil und religiöse Inhalte.

"Sollen wir unser Glück Regelwerken unterwerfen, die durch Glaube und Aberglaube entstanden sind?"
Uiuiuiuiuiuiui. Wo ist das aktuell wirklich ein Thema? Die Unterwerfung unter Allah ist das Regelwerk, das durch Glaube und Aberglaube wirkt, nicht das Christentum. Das Karlsruher Bühnenbild hätte in diesem Konzept eine Moschee zeigen müssen. Schade! Ehrlichkeit und Mut sind ein knappes Gut. Die wahren Kämpfe um individuelle Freiheit führt man anderswo.
Abschweifung / Buchempfehlung für's Regieteam: Mina Ahadi ist  Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime in Deutschland und veröffentlichte vor einigen Jahren ihr Buch "Ich habe abgeschworen. Warum ich für die Freiheit und gegen den Islam kämpfe" bei Heyne. Da kann man bspw. erfahren, was es bedeutet, wenn man sein Glück Regelwerken unterwerfen muß, die durch Glaube und Aberglaube entstanden sind und tradierten Normen als göttlicher Wille unangreifbar gelten sollen.

Was ist zu sehen?
Die Handlung bleibt beim Zuschauen rätselhaft. Wirres zusammenzufassen ohne wirr zu klingen, würde dem vulgärrelativistischen Ungeist dieser Inszenierung widersprechen. Der Freischütz spielt im Hier und Heute, es gibt als Einheitsbühnenbild ein Kircheninneres, in dem alles passiert. Damit man sich besser in der neuen Handlung zurecht findet, gibt es Videoeinspielungen (erinnert an nachmittägliches Trash-TV), bei der die Sänger ihre Situation erklären.
Max und Agathe sollen bedauernswerte Opfer sein, von Traditionen und Normen in Gesellschschaft und Kirche unterdrückt. Sie lieben sich nicht wirklich und wissen nicht, wie sie sich aus der Affäre ziehen können. Max wird zunehmend nervös wegen des Probeschußes, von dem seine gesellschaftliche Achtung abhängt, und vernachlässigt Agahte. Agathe ist streng katholisch und hat Sex mit Kaspar im Beichtstuhl. Max schreibt "Hure" an die Kirchenwand und randaliert in der Kirche, Kaspar besorgt ihm Alkohol und eine Prostituierte, mit der sich Max auf einer Kirchenbank vergnügt. Die Szene in der Wolfschlucht scheint ein Albtraum von Max sein, er befindet sich in einem katholischen Gottesdienst und erlebt satanische Phantasien. Bei der Hochzeit will Max Agathe erschießen, trifft aber nichts und niemanden. Kaspar will ihn entwaffnen, beide scheinen angeschossen, ein Happy-End gibt es aber nur für Kaspar, der gut gelaunt tanzt als der Vorhang fällt.
         
Preisgekrönter Dilettantismus

Das Konzept zum zweiten Akt des Freischütz von Regisseurin Verena Stoiber und Bühnengestalterin Sophia Schneider gewann den in Graz stattfindenden internationalen Wettbewerb für Regie und Bühnengestaltung - den Ring Award 2014. Die Jury begründete: „Das Team hat beim Finale eine packende Geschichte in atmosphärischen Bildern gezeigt. Eine großartige Umsetzung des neuzeitlichen Musiktheaters, gepaart mit einer sehr detaillierten, menschlichen Personenführung.“ Die peinliche Jury scheint aus älteren Damen- und Herrschaften bestanden zu haben, sonst hätte dieser gehirnverstaubte Unfug wohl kaum irgendetwas gewonnen.
Carl Maria von Weber komponierte seine romantische Oper nach einer Spukgeschichte, die er in einem Gespensterbuch gelesen hatte. Jede Inszenierung steht vor der Frage, was den Spuk dieser Geschichte ausmacht, welche Gespenster ihr Unwesen treiben, was der Pakt mit dem Teufel bedeutet und wie die zentrale Gruselszene in der Wolfsschlucht ihre Wirkung entfalten kann. In Karlsruhe hat man keine Lösungsansätze - aufregend, spannend oder unheilvoll ist an dieser Inszenierung absolut gar nichts. Wer auch immer dieses Konzept vorab prämierte, sollte sich nun eigentlich beim Karlsruher Publikum entschuldigen.

Die Karlsruher Erstaufführung am 26.12.1821 erfolgte
knapp sechs Monate nach der triumphalen Premiere in Berlin

Was ist zu hören?
Die Qual dieser sinnbefreiten Inszenierung war den Sängern anzumerken, die Aufführung begann verkrampft, steigerte sich, wurde aber nie besonders. Daß Matthias Wohlbrecht den Jägerburschen Max singt -also eine Rolle, für die man eher einen jugendlich-kernigen Heldentenor erwartet- ist eine ungewöhnliche Entscheidung. Wohlbrecht ist ein Charakterdarsteller, er taucht seine Figuren stimmlich ins Zwielicht, als Loge und Mime ist das perfekt, als Max wirkt es unpassend. Seine Stimme ist weder lyrisch noch jung, sondern reif und skeptisch, aus dem naiv-wackeren Max wird bei ihm ein verklemmtes und verzagtes Mäxchen, dessen Stimme es an Verve fehlt, "Durch die Wälder, durch die Auen" hat keine poetische bzw. sehnsüchtige Qualität, sie ist noch nicht mal sentimentale Erinnerung, Schlichtheit und Aufrichtigkeit der Empfindung in dieser Szene gehen verloren. Die existentiellen Zweifel in "Nein, länger trag ich nicht die Qualen" liegen Wohlbrecht besser, doch hat man dabei latent das Gefühl, daß dieses Mäxchen ein Versager ist. Agathe könnte eine ideale  Rolle für Ina Schlingensiepen sein, wenn sie denn Agathe darstellen dürfte. Die Karlsruher Agathe ist verklemmt und verstockt, darstellerisch ist Schlingensiepen wie gewohnt besonders stark und schlüpft in ihre Rolle als wäre sie für sie gemacht, den Zusammenhang zur Musik läßt sich nicht herstellen, die Regie nimmt ihr die Chance auf einen großen Auftritt. Als Ännchen ist Agnieszka Tomaszewska  am stärksten in der Videoeinspielung.
Konstantin Gorny hat man schon stärker erlebt, sein Kaspar ist derb in T-Shirt und Lederjacke. Aufhören läßt nur der Eremit des neuen Ensemble-Mitglieds Vazgen Gazaryan - ein Versprechen für kommende größere Rollen. Die kleineren Partien sind rollendeckend besetzt.

Der Badische Staatsopernchor hat einiges zu tun, das berühmte "Wir winden dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide" kam kaum zur Geltung, der Jägerchor "Was gleicht wohl auf Erden" mit seinen Tralleralalalalalala animiert hingegen zum Mitschunkeln.
Auch die Badische Staatskapelle wird vom Vakuum der Inszenierung beeinträchtigt, es gibt unauffällige Passagen und starke Momente, Dirigent Johannes Willig schafft es nicht, sich atmosphärisch vom Bühnendesaster abzusetzen.

Fazit: Die wievielte Totalpleite verantwortet der Intendant eigentlich inzwischen? Gute Intendanten erkennen, wenn etwas dilettantisch schief geht und haben auch mal den Mut, eine Premiere abzusagen. Bei diesem Freischütz hätte man aus Respekt vor allen beteiligten Künstlern und dem Publikum die Notbremse ziehen müssen. Der Intendant scheint hingegen zu oft ein inverser Alchemist zu sein: statt Gold zum Glänzen zu bringen, fabriziert er Schrott aus Hochkultur. 

Besetzung und Team
Ottokar, bömischer Fürst: Armin Kolarczyk
Cuno, fürstlicher Erbförster: Renatus Meszar
Agathe, seine Tochter:  Ina Schlingensiepen           
Ännchen, eine junge Verwandte: Agnieszka Tomaszewska    
Caspar, 1. Jägerbursche: Konstantin Gorny 
Max, 2. Jägerbursche: Matthias Wohlbrecht 
Ein Eremit: Vazgen Gazaryan 
Kilian, ein reicher Bauer: Konstantin Ingenpaß

Musikalische Leitung: Johannes Willig
Chor: Ulrich Wagner
Regie: Verena Stoiber
Bühne & Kostüme: Sophia Schneider
Video: Timo Hehl

Cantus Juvenum Karlsruhe e. V.
Statisterie des Badischen Staatstheater

Kommentare:

  1. Ich kann Ihnen ( leider) nur voll und ganz zustimmen : gequirlter Regietheaterschrott !
    Bin bereits nach dem 1. Akt aus dem Theater geflohen, die Sänger können einem wirklich leid tun; ich war so entsetzt, dass ich Ina Schlingensiepen's wunderbar gesungene Arie auch nicht mehr genießen konnte. Habe auf eine ausliegende Feedbackkarte geschrieben : " herzlichen Glückwunsch Herr Spuhler- bald haben sie die Karlsruher Oper an die Wand gefahren"

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    1. Vielen Dank. Meines Erachtens hat der Intendant die Karlsruher Oper bereits dezimiert und an die Wand gefahren. Das Kind aus dem Brunnen soll nun Frau Braunger holen. Aber es gibt Hoffnung, daß der Freischütz auf absehbare Zeit die letzte Totalpleite war, man setzt auf Kooperationen und holt, was anderswo schon getestet wurde.
      Janáčeks Schlaues Füchslein war ein Erfolg in Cleveland, die ordentliche Elektra lief bereits in Prag und San Francisco, Debussy kommt aus Malmö, Cencic läßt sich bei Serse definitiv nicht von Spuhler reinreden, bei Offenbach und Donizetti sehe ich mehr Chancen als Risiken ... der Rest der Saison ist positiv. Hoffen wir, daß der Intendant nicht zu viele irreversibel vertrieben hat

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  2. Lieber Honigsammler,

    danke für die Schilderungen – da weiß ich jetzt, dass es kein Fehler war, diesen Spuk bereits nach der Pause beendet zu haben.

    Auch wenn ich Ihre Einlassungen zu Tradtition/Brauchtum nur bedingt teile – auch weil sie mir zu überpolitisiert sind und nicht mit meinen Erfahrungen mit den „jungen Leuten“ übereinstimmen – so erscheint mir die Inszenierung aus einem anderen Grund als veritabler GAU („Super-GAU“ klänge fast schon zu euphemistisch): Handwerkliches Unvermögen in Potenz.

    Die idee, die Handlung in einer Kirche anzusiedlen, empfand ich noch vor der Ouvertüre als sinnvoll. Max selbst stellt die Gottesfrage, ein Eremit bringt als deus ex machina Erlösung. Das hat durchaus klerikale bezüge – allerdings nicht im Hier und Heute. Die eindeutig in der Gegenwart (beziehungsweise dem 20. Jahrhundert) verortete Kostümierung passt nicht. Aber das wäre immer noch kein Beinbruch.

    Nein, viel schlimmer empfand ich den Griff in den verstaubten Setzkasten des sog. „Regietheaters“. (Ein sinnentleerter Begriff, aber belassen wir es erst mal damit.) Gewehrgefuchtel, angedeuteter Sex im Beichtstuhl, pubertäres Flaschendrehen (sic !), Selbstgeißelung mit weißen Rosen (sic!) und eine aus dem Ruder laufende satanische Orgie (sick – mit „k“), die aber - und das ist der zweite Vorwurf – die bloße Andeutung bleibt. Frau Stoiber ist wohl bei Herrn Bieto in die Lehre (Leere ?) gegangen und hat nur die Hälfe gelernt: ein Bieto hätte die Agathe am Schluss nicht nur den Schlüpfer in der Hand wirbeln lassen, sondern den Prister (wohl Cuno ?) sie auf dem Altar richtig durchf***en lassen. Das wäre wenigstens konsequent. Fast schon verschämt-peinlich die Videoeinspielung mit ihr, in der sie unentwegt – im close-up – Jesus mit dem Wischlappen den Schritt poliert. Ja mei, das kratzt heute selbst nicht mehr die bibeltreueste Gemeinderatschefin im oberbayerischen Wald, wo Frau Stoiber wohl sozialisiert wurde. Hinzukommt, dass durch die Striche bei den gesprochenen Texten die Zusammenhänge gänzlich flöten gehen: Kein Gespräch zwischen Max und Kaspar (weshalb das „Schweig, damit dich niemand warnt“ sinnentleert bleibt), kein Gespräch zwischen Agathe und Max; stattdessen ein fließender Übergang Arie/Terzett („Wie, was, Entsetzen.“). Zum Heulen. Oder in meinem Falle: Buhrufen. Mehrach, laut und deutlich.

    Auch sängerisch war bis auf Frau schlingensiepen wenig Positives zu vermelden. Fast schon Mitleid musste man mit Herrn Wohlbrecht haben: war das gesamte Betriebsbüro auf Kollegenausflug, als ein Praktikant den verdienten Charaktertenor für eine Partie des Zwischenfachs einteilte, wo man eine kraftvolle Mittellage besitzen sollte ? Es hat mich auch gefreut, dass sich der Kilian immerhin in der dritten Strophe dann auf ein gemeinsames Tempo mit dem Dirigenten einigen konnte. Der – und das hat mir gefallen – hat gerade in den Tänzen das volkstümliche Element betont: toll. Ob die Ouvertüre auch toll war, das vermag ich nicht zu sagen: wie so oft lässt man Zuspätkommer auch nach Beginn noch in den Saal und erklärt ihnen lautstark, w sie jetzt hingehen müssen. Auf dem Holzboden hört man Damenschuhe dann besonders gut. Wie kann, wie darf das sein ?

    Florian Kaspar

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    1. Vielen herzlichen Dank für Ihre wichtigen Anmerkungen und Ergänzungen, ich stimme Ihnen da durchgängig zu.
      Ich habe Sie schon vermisst Herr Kaspar, vor allem weil ich gerne in Darmstadt St. Francois d'Assise gehört hätte und auf Ihre Besprechung gespannt war.
      Ich habe im Rang die gleichen Erfahrungen mehrfach gemacht, Spätkommer, die im Dunkel umherirren, klappernde Schuhe und Unruhe. Man sollte diese Leute erst hereinlassen, wenn es Klatschpausen gibt, aber da man so viel Platz hat, kann ich es auch wieder verstehen, daß man die Leute auf die Stehplätze läßt. Nach wenigen Minuten beruhigt es sich in der Regel, die Ouvertüre hab ich im Parkett zu Anfang etwas schleppend gefunden, als ob man erst den Hörnern die Möglichkeit geben wollte, sich zu akklimatisieren.

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  3. Nach Simon Boccanegra und Anna Bolena hatte ich die Hoffnung, dass es mit der Oper am Staatstheater endlich wieder aufwärts geht und nun diese schwachsinnige Inszenierung. Eine Schande! Hatte vor geraumer Zeit einen Leserbrief an die BNN bezüglich Intendanz Spuler geschrieben, wurde erwartungsgemäß nicht veröffentlicht.

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    1. Vielen Dank, aber es gibt Hoffnung, wie Sie oben bei der Antwort zum ersten Kommentar lesen können.

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  4. Vielen Dank für Ihre Kritik, die meine Meinung zur gestrigen Aufführung sehr gut widerspiegelt.
    Das Regieteam scheint mit sich selbst sehr beschäftigt gewesen zu sein und hat sicherlich viel Spaß gehabt, dabei hat es vergessen, sich für das Publikum zu interessieren. Nur Mut, Frau Stoiber, als große Künstlerin sollten Sie lieber Ihr eigenes Stück schreiben, anstatt das von anderen so unverständlich und schwachsinnig darzustellen!
    Da wir den Freischütz noch nie gesehen hatten, hatten wir äußerste Mühe, die Handlung zu verfolgen. Die Arien waren ungenießbar, weil so lächerlich und unpassend inszeniert.
    Weil es leider nicht das erste Mal ist, dass ich so enttäuscht aus dem Theater gehe, werde ich ab jetzt bei jeder Neuinszenierung immer die Premiere abwarten, bevor ich entscheide, Karten zu kaufen. In diesem Jahr habe ich öfter die Live-Übertragung aus der Metropolitan Opera in der Schauburg besucht, als eine Oper im badischen Staatstheater: da kann man zumindest erwarten, noch als Publikum wahrgenommen zu werden, weil in der MET keine öffentlichen Gelder verschwendet werden, um die „intellektuelle Masturbation“ von ein paar selbstverliebten Künstlern auf die Bühne zu bringen.

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    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Bei Premieren weiß man nie, was passiert - darin liegt aber auch die Spannung. Für den Rest der Saison sind aber keine groben Entstellungen mehr zu erwarten, Das schlaue Füchslein, Elektra und Pelléas et Mélisande sind Koproduktionen mit anderen Theater, in denen die Opern schon halbwegs erfolgreich zu sehen waren. Die Regisseure von Serse und Hoffmanns Erzählungen sind bewährte Kräfte. Der Rest der Saison sollte erträglich werden

      Wenn Sie mal eine Vorstellung der MET in New York besuchen sollten, werden sie schnell erfahren, wieso man dort so viel investieren kann - die Eintrittspreise sind horrend, mehrere hundert Dollars für einen durchschnittlichen Platz fallen da schnell an - nicht immer ist der Aufwand effektiv. Die Schnäppchenpreise bei uns verursachen Sparsamkeit bei Bühne und Aufwand und geben auch Nachwuchsregisseuren eine Chance. Da ich Live der Konserve vorziehe, ertrage ich auch mal szenisches Mittelmaß bzw. Sparsamkeit bereitwilliger, wenn mich dafür Sänger und Musik begeistern.

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    2. Lieber Honigsammler,
      Vielen Dank für Ihre Antwort. Ich gebe Ihnen recht, dass es zwei völlig unterschiedliche Erfahrungen sind, eine Live-Aufführung und eine Übertragung zu sehen. Da ich aus Frankreich an ganz andere Preise gewöhnt bin, weiß ich die Karlsruher Preispolitik sehr zu schätzen. Und die meisten Sänger aus Karlsruhe höre ich auch sehr gerne.
      Trotzdem sieht man sehr deutlich, dass ganz andere Inszenierungen rauskommen, wenn man auf die Zustimmung des Publikums bzw. von Sponsoren angewiesen ist. Es muss ja nicht einmal atemberaubend aussehen, kann gerne unerwartet und innovativ sein, aber Verständlichkeit darf man wohl schon erwarten. Es gibt durchaus Zuschauer, die ein Stück nicht kennen, wenn sie ins Theater gehen. Ich möchte mich überraschen lassen, und nicht schon im Vorfeld das Stück einstudieren müssen, um es zu genießen. Ganz schlimm gewesen war für mich 2015 die Inszenierung von Tschechows Drei Schwestern oder 2016 die von Macbeth.
      Danke für die Informationen zu den kommenden Opern, auf Debussy und Janáček freue ich mich schon!
      Herzliche Grüße,
      Léa

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  5. Selten habe ich eine so lächerliche Inszenierung gesehen. Mir erschien es als Inszenierung über verklemmte Sexualität. Weil Max und Agahte schon sehr reif waren, bekam es pathologische Züge. Der Freischütz als Oper über in die Jahre gekommene Spaßbremsen, die nicht wissen, was sie wollen und dachten, gemeinsam besser unglücklich zu sein.
    Spuhler soll 2014 Jury Mitglied in Graz gewesen sein. Irgendwie scheint das ins Bild zu passen ;-)

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  6. Spuhler war in der Jury? Ja, das würde auf tragikomische Weise passen.
    Ich habe inzwischen einige Ansätze gehört, was die Regisseurin vielleicht beabsichtigte. Was es auch war, sie scheiterte daran, daß sie es nicht auf die Bühne bringen konnte und etwas ablieferte, was dilettantisch mißlungen wirkte und sich offenbar noch nicht mal bei den Proben retten ließ. Es gilt die Regel: gut gemeint ist das Gegenteil von Kunst. Wobei „gut“ gemeint war diese Inszenierung nicht, sie war vulgär und relativistisch gemeint. Man hat hier mal wieder ein Beispiel für selbstgerechtes Zeigefinger- und (Pseudo-) Entlarvungstheater, das vor allem sich selbst entlarvte, denn die Regie konstruierte sich erst etwas Banales zurecht (irgendwo in der Provinz eine „ländliche Tragödie“ über „tradierte Normen“ und eine Erbförsterei, die halt heutzutage gerade so nicht mehr existiert, weil Tradition längst durch Qualifikation ersetzt wurde), um es aus dem Blickwinkel des Ressentiments und der Arroganz ins Zwielicht zu rücken. Es ist eine Mischung aus Unaufrichtigkeit und Scheinheiligkeit, die aus diesem Inszenierungskonzept spricht. Diese Haltung der Spießigkeit konnte man während der aktuellen Intendanz leider schon öfters beobachten.

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  7. Ein Tip zum Freischütz:
    In Stuttgart wird derzeit in der x-ten Wiederaufnahme ein Freischütz der Extraklasse gezeigt. Es ist die alte Inszenierung von Achim Freyer, fast ein Jugendwerk. Es gibt keine tiefschürfende Deutung und keine Belehrung, dafür viel Schmunzeln - ein Regie-Meisterwerk, das 30 und mehr Jahre Bestand hat.

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  8. @V: Im Vorfeld der Premiere hörte man im Umfeld der Baumeisterstraße schon deutliche Skepsis an der Inszenierung. Ich denke man weiß am Staatstheater, daß diese Produktion suboptimal ist. Es finden sich immer Journalisten, die gnädig sind und bewerten, was gemeint war, auch wenn es in der Umsetzung nicht deutlich wurde. Evtl. korrigiert man für die kommenden Aufführungen noch Details, vielleicht gönne ich mir irgendwann das masochistische Vergnügen, die B-Besetzung zu hören und zu schauen, ob sich die Inszenierung entwickelt hat.

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