Freitag, 26. Oktober 2018

Bergman - Szenen einer Ehe, 25.10.2018

Volltreffer: Bergmann inszeniert Bergman hautnah und spannend
Männer können interessanter werden, Frauen hingegen werden einfach nur älter. In Ingmar Bergmans Szenen einer Ehe verläßt Johan plötzlich seine Frau Marianne und ihre beiden Kinder, um mit einer 20 Jahre jüngeren Frau eine Affäre auszuleben und sich ein neues Leben aufzubauen. Marianne ist stark und verbittert nicht, Johan wird in der neuen Beziehung nicht glücklicher, beide können nicht voneinander lassen.
Szenen einer Ehe - der Titel wurde fast sprichwörtlich. Ein Blick unter die Oberfläche und hinter die offizielle Kulisse - diese Perspektive gelingt mit den beiden Schauspielern Sina Kießling und Timo Tank in der Inszenierung Anna Bergmanns herausragend gut und es fällt leicht zu prognostizieren, daß es schwer sein wird, als Zuschauer an Karten zu kommen - pro Vorstellung dürfen nur etwa 40 Besucher hautnah dabei sein, bereits jetzt sind die ersten Vorstellungen ausverkauft.
  
Historisches
Der große schwedische Regisseur Ingmar Bergman (*1918 †2007) zeigte Szenen einer Ehe 1973 zuerst im schwedischen Fernsehen als TV-Miniserie (Gesamtspieldauer: fast fünf Stunden) und schnitt dann noch eine Filmfassung (fast drei Stunden lang). Er löste damit einen Besucheranstieg bei Eheberatungsinstituten aus. Bergmann selbst inszenierte 1981 eine Bühnenfassung seiner Serie am Münchener Theater.

Worum geht es?
Glanz und Elend der Liebe und der Ehe, Macht und Ohnmacht der Sprache und des (versuchten) Aussprechens, lange Beziehungen und ihre Folgen im Lichte von Rücksichtnahme und Selbstverwirklichung. Die Ehe als Langzeit-Experiment wird über mehrere Jahre auf sehr privater, sogar auf intimer Ebene erforscht. Die scheinbare Musterehe zwischen einer Rechtsanwältin und einem Wissenschaftsdozenten geht unerwartet und plötzlich zu Ende. Johan wird das Leben in Routinen zum Leben in Warteschleifen und das gemeinsame Zusammenleben mit Marianne zur Fassade eines verhinderten Lebens, er verläßt seine Frau für eine 20 Jahre jüngere Studentin. Marianne trifft die Trennung hart und unvermutet. Das frühere Paar versucht miteinander auszukommen, sie suchen vergeblich das vergessene Zauberwort, das zersplittertes Leben wieder zusammenfügt, die Entfremdung vertieft sich. Obwohl beide ausgeglichene Temperamente ohne Ebbe und Flut sind, eskaliert die gemeinsame Durchsicht der Scheidungsunterlagen gewaltvoll. Jahre später, beide haben inzwischen neue Partner geheiratet, treffen sich Marianne und Johan wieder zu einer heimlichen gemeinsamen Liebesnacht und erkennen, daß sie sich noch immer lieben, wenn auch auf eine unvollkommene und unzufriedenstellende Art. Liebe ist bei Bergman ein Verständnis, das erhaben ist, nur sie kann gegen die Einsamkeit bestehen, sie steht über der Wirrsal, dem Entsetzen und der Übermacht der Fühllosigkeit. "Wenn wir es wieder zerreden, wird die Liebe verschwinden, wird der Film-Johan am Ende sagen. Ihrer Ehe sind sie am Ende entronnen, ihrer Liebe konnten sie nicht entkommen.

Was ist zu sehen (1)? - Stationen einer Ehe
Die Vorkommnisse erstrecken sich über einen längeren Zeitraum, die einzelnen Szenen zeigen jeweils einen bestimmten Zeitpunkt, was dazwischen passierte, erfährt man nebenbei. Inszeniert sind die Eheszenen als unmittelbar publikumsnahes Stationendrama, bei dem max. ca. 40 Zuschauer mit den zwei Schauspielern durch das Badische Staatstheater von Spielort zu Spielort gehen. Die Schauspieler begrüßen die Zuschauer im Foyer mit der ersten Szene, danach begleitet man als Besucher die Eheleute auf ihrem Weg in die Krise, der sinnbildliche Blick hinter die Kulissen wird hier auch szenisch umgesetzt - man wandert durch das Badische Staatstheater, vom Lager im Keller bis zum Studio ganz oben, der Ausflug ins gegenüber liegende Ergotti-Gebäude führt zum physischen Höhepunkt der Inszenierung. Nicht nur Ort und Szene verändern sich, auch Kleidung, Frisuren und Auftreten.

Was ist zu sehen (2)? - Szenen einer Ehe
Die Karlsruher Inszenierung nimmt Veränderungen vor, die Nebenrollen sind gestrichen, das Ehepaar ist nun kinderlos, Marianne wird schwanger und wird nach einer Abtreibung von Schuldgefühlen geplagt. Ein bierernstes Beziehungskampfdrama erschien der Regisseurin nicht mehr zeitgemäß - sie inszeniert teilweise mit Sarkasmus und ironisch gebrochenem Schmerz, seltener ein Psychodrama und öfter ein komödiantischer Rosenkrieg, dessen Gewaltszene dann aber so exzessiv und realistisch zelebriert wird (quasi tarantinoesk in der Kombination von Drastik und Humor und großartig gespielt von Kießling und Tank), daß bei der gestrigen Erstaufführung selbst die Mimik der Regisseurin leichtes Entsetzen zeigte und die Dramaturgin es vorzog, gar nicht erst hinzublicken.

Sina Kießling als Marianne und Timo Tank als Johan erleiden ihre Ehekrise mit so viel abwechslungsreicher Schauspielkunst und zeigen so viele Nuancen in ihrem intensiven Spiel, daß man als Zuschauer keine langweilige Minute erlebt. Die Balance zwischen beiden schwankt hin und her: Selbstbewußtsein und Zweifel, Sturheit und Einsicht, Panik und Hysterie, Liebe und Haß. Annäherung und das Beisammensein, ob zärtlich oder offen sexuell, dazu Auseinandersetzungen und Kämpfe mit gegenseitigen Beschuldigungen, Beschimpfungen und Demütigungen - ein teils subtil, teils grob  inszenierter und gespielter Reigen. Man sieht viele stark gelungene Szenen, die Regisseurin weiß, wie sie ihre Schauspieler optimal in Szene setzt. Bergmann stellt die Figuren dabei nie bloß, sondern behält stets die Sympathie für sie und gönnt ihnen ein versöhnliches Ende, wenn sie gemeinsam auf ihre Liebe blicken. In und um eine lange Beziehung muß man gelegentlich kämpfen und es sind nur Kämpfernaturen, die keine Niederlage akzeptieren wollen, die am Ende den gemeinsamen Sieg auch über sich selber und andere Widrigkeiten und gegen die Einsamkeit erringen können. In dieser Sicht hat das Ende etwas Anrührendes.

Fazit (1): Großes Theater! Regisseurin und Schauspieler spannen einen gelungenen Bogen auf und schaffen mit humorvollen, spannenden und ergreifenden Szenen das Kunststück, mit ihren Ehekrisen das Publikum buchstäblich in ihren Bann zu ziehen, die 165 Minuten (inklusive Ortswechsel und einer Pause) gehen wie im Flug vorbei. BRAVO!

Fazit (2): Ein guter Start im Schauspiel für Anna Bergmann. Nach drei Inszenierungen darf die neue Schauspieldirektorin zufrieden sein. Mag Nora, Hedda und ihre Schwestern auch ein wenig zu bedeutungsschwanger daher kommen und Europa flieht nach Europa zu nichtssagend sein - Motivation, Inspiration und Ideen sind vorhanden. Und es stehen schon die drei nächsten Höhepunkte ins Haus. Jelineksche Sprachassoziationskünste (Am Königsweg, ab 24.11.18) und zwei Komödien: eine Uraufführung (Der stärkste Mann der Welt, ab 01.12.18) und eine deutsche Erstaufführung (How to date a feminist, ab 15.12.18) - was will man mehr? 
    
Besetzung und Team
Marianne: Sina Kießling
Johan: Timo Tank

Regie: Anna Bergmann
Bühne: Katharina Faltner
Kostüme: Sibylle Wallum
Sounddesign: Heiko Schnurpel
Kampfchoreografie: Stefan Richter

Kommentare:

  1. Mir hat noch gefehlt, dass man vom Mann die Geschichte seiner Erziehung (zum Mann wird man gemacht), seine Motivation, seine Traumata ... nicht erfuhr, während die Frau am Schluss einmal kurz mit ihrer Erziehung zum dienenden Frauchen ihre typische Frauengeschichte sagen durfte. Ansonsten stimme ich Ihnen wie fast immer zu.

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    1. Vielen Dank für den Kommentar! Im Vorfeld habe ich mir die dreistündige Fassung von Ingmar Bergmans Film angeschaut, die ernster und stiller ist. Da die sechs Folgen immer zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt spielen, fehlt die Entwicklung. Man macht Sprünge, nimmt wahr, was sich in der Zwischenzeit geändert hat, wie(so) es sich geändert hat, bleibt der Phantasie überlassen, man erhält nur Andeutungen. Die Figuren behalten ihre Rätselhaftigkeit. Deswegen hat man hier Spielraum, die Karlsruher Regie nutzt ihn bspw. durch deutlichen Stilwandel in der Kleidung. Für mich ist Regisseurin Anna Bergmann also eng genug an der Vorlage und doch individuell. Und wenn man als Zuschauer schon mal so nahe dran ist am Geschehen und zwei starke Persönlichkeiten als Schauspieler hat, dann hat man den Erfolg auch verdient. Ich werde es mir bestimmt noch mal anschauen.

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