Donnerstag, 5. Juli 2018

Oper München: Strauss - Arabella, 04.07.2018

Ein begeistertes Publikum an einem ausverkauften Mittwochabend an der Münchener Oper - eine hochklassig homogene Leistung, bei der u.a. drei Künstler im Mittelpunkt standen, die auch schon in Karlsruhe auftraten: Anja Harteros, Thomas J. Mayer und Constantin Trinks.

Arabella ist die unvollkommene Schönheit unter Richard Strauss' Opern, ein Operettenstoff, den Librettist Hugo von Hofmannsthal veredelte, aber durch seinen Tod nicht mehr in Kooperation mit Strauss vollendete, eine Geschichte über schicksalhafte Liebe in der Donaumonarchie, die durch ein banales Eifersuchts- und Mißtrauensintermezzo kurz auf der Kippe steht und dann doch triumphiert. Eine Oper für Liebende und für Hoffende, nur die Stiefkinder der Liebe nörgeln gerne über die Liebe auf den ersten Blick und die Hingabe zweier Fremder. Arabella spielt an einem Faschingsdienstag in Wien, morgens sehen sich Arabella und Mandryka zum ersten Mal, abends verloben sie sich, geraten in die Krise und feiern nachts dann doch ihr zukünftiges gemeinsames Leben und Lieben. Man kann psychologisch einigen Unsinn in diese Liebesgeschichte interpretieren und die Figuren in Zwielicht tauchen, die Münchener Inszenierung von Regisseur Andreas Dresen tut das glücklicherweise nicht und begleitet die Entwicklungen geschmackvoll zurückhaltend, nur der Tanzball der letzten Faschingsnacht entwickelt sich zur Orgie mit nackter Haut. Und auch das Beziehungsverhältnis des Liebespaars ist ohne Kitsch und modernisiert, Arabella überreicht im Schlußmoment Mandryka nicht das Glas Wasser, sondern schüttet es ihm emanzipiert selbstbewußt und freundlich frech ins Gesicht, inszenatorisch ist das so geschickt geführt, daß es als endgültige Ent-Spannung des zuvor angespannten Paarverhältnisses wirkt, das Publikum lacht und das Paar findet gelöst zusammen. Die Bühne wird von zwei großen, sich kreuzenden Treppen dominiert, Aufgänge zu hochherrschaftlichen Palästen. Dies ist auch schon das einzige wesentliche Bühnenbildelement, die Kostüme verorten die Handlung eher im Berlin der 1920er als in der k.u.k. Monarchie. Am Ende steht ein vom Publikum stark bejubeltes Happy-End, bei dem die Regie nur dem Zweck diente, Sänger und Musik zur Geltung kommen zu lassen.

Anja Harteros in der Titelrolle ist aktuell eine Idealbesetzung, eine eindrucksvolle Bühnenpräsenz,  stimmlich souverän, ihre Arien stets Höhepunkte vor mucksmäuschenstillem Publikum. Ihr gelingt, Arabella beides zu geben: starke und schwache Momente, Selbstbewußtsein und Zweifel, Dominanz und Sanftheit. Thomas J. Mayer war im letzten Jahrzehnt im Karlsruher Ensemble, vor allem als Wotan und in der Titelrolle von Hindemiths Mathis der Maler (in der großartigen Regie von Alexander Schulin, der zuvor schon Boitos Mefistofele so fulminant auf die Bühne gebracht hatte) blieb er in Erinnerung, seine elegante und charaktervolle Stimme hat an Durchschlagskraft hinzu gewonnen, gestern schien er zwar minimal erkältet, er hustete gelegentlich, doch die Kraft reichte. Der Mandryka ist eine weitere Paraderolle für ihn, die er intelligent und sensibel verkörpert und dem man auch die empörte, sich bemitleidende Diva abnimmt. Auch Zdenka ließ aufhorchen, Hanna-Elisabeth Müller muß man sich merken, ein ausdrucksstarker Sopran, die schüchterne, melancholische und jugendlich überspannte Zdenka wirkte bei ihr überzeugend. Stark war die Besetzung bin die Nebenrollen, vor allem Doris Stoffel als Adelaide, Kurt Rydl  als Graf Waldner und Benjanmin Bruns als unglücklich verliebter Selbstmordkandidat Matteo.

Constantin Trinks ist als Kandidat für die Nachfolge Justin Browns als Generalmusikdirektor bekanntlich bei der Badischen Staatskapelle durchgefallen. Überraschenderweise hat man ihn in der kommenden Saison als Gastdirigent für Hoffmanns Erzählungen in Karlsruhe engagiert. (Kennt jemand den Grund? Will man versuchen, Trinks als GMD ab 2020 beim Orchester durchzudrücken?) Gestern überzeugte Trinks mit einem auftrumpfenden Dirigat, bei dem er die Sänger auf Händen trug (nur manchmal übertönt er sie) und die Partitur zum Leuchten brachte. Eine glücklich machende Aufführung aller Beteiligten und ein Publikum, das sein Glück begriff und lautstark applaudierte. BRAVO!
  
Besetzung und Team:
Graf Waldner: Kurt Rydl
Adelaide: Doris Soffel
Arabella: Anja Harteros
Zdenka: Hanna-Elisabeth Müller
Mandryka: Thomas J. Mayer
Matteo: Benjamin Bruns
Graf Elemer: Dean Power
Graf Dominik: Johannes Kammler
Graf Lamoral: Torben Jürgens
Die Fiakermilli: Gloria Rehm
Eine Kartenaufschlägerin: Heike Grötzinger
Ein Zimmerkellner: Milan Siljanov
Welko: Bastian Beyer
Djura: Vedran Lovric
Jankel: Tjark Bernau

Bayerisches Staatsorchester, Chor der Bayerischen Staatsoper
Musikalische Leitung: Constantin Trinks
Chor: Sören Eckhoff

Inszenierung: Andreas Dresen
Bühne: Mathias Fischer-Dieskau
Kostüme: Sabine Greunig
Licht: Michael Bauer
Dramaturgie: Rainer Karlitschek