Dienstag, 17. Juli 2018

8. Symphoniekonzert, 16.07.2018

Ein grandios tiefenentspannter Mozart und ein überwältigend spannungsgeladener Bruckner - wäre es wie geplant Justin Browns Abschiedskonzert gewesen, hätte man dem Karlsruher GMD nachweinen müssen, nun darf man sich auf weitere zwei Jahre mit ihm vorfreuen. 

Im Januar 1791 -seinem Todesjahr- vollendete Mozart das Klavierkonzert B-Dur KV595, im März spielte er es in einem Konzert. Es sollte Mozarts letztes Klavierkonzert und sein letzter Konzertauftritt gewesen sein. Letzte Ereignisse und Kompositionen gelten der Nachwelt gerne als Schwanengesang. Was sagt also Mozarts letztes Klavierkonzert aus? Der Musikwissenschaftler Peter Gülke beschrieb es als "entpflichtete Musik", die "es nicht nötig" hat, "neu zu sein". Tatsächlich ist dieses fast unauffällig wunderschöne Konzert durchzogen von tiefer Gelassenheit und Heiterkeit, Konzentration und Einfachkeit.  Und genau so interpretierte es Brown - wissend, seelenbewegt, doch ohne Trotz, den kleinen Dingen zugewandt, verspielt und poetisch, ein Mäandern zwischen Wehmut im seelisch wolkenverhangenen Mittelsatz und unaufgeregter Heiterkeit als Reihenfolge ständiger Schönheiten - ein Mozart für Handke-Leser. Brown dirigierte nicht nur, sondern spielte es auch selber am Klavier. Er nahm die Stimmung des Konzerts auf und bewies, daß Mozarts Klavierkonzerte stets etwas Besonderes sind. Bravo!

Die 7. Symphonie von Anton Bruckner fand namhafte Unterstützer und begründete als erster großer Erfolg die Anerkennung des Komponisten. Arthur Nikisch führte sie erstmals in Leipzig auf, Hermann Levi  dirigierte sie danach in München, Hans Richter in Wien. Für viele ein Lieblingswerk - leidenschaftlich, spannend, dramatisch und jubilierend. Die Siebte ist Bruckners Symphonie der steten Steigerungen, in der der Komponist immer wieder zu neuen Höhepunkten strebt und das Finale nicht wie eine lineare Beendung, sondern als geschlossene Vollendung wirkt, die alles überstrahlt und übergroß, aber dennoch nicht überladen oder überlastet steht. Das Allegro molto beginnt mit der vielleicht schönsten Introduktion, die Bruckner gelang, einer langen Melodie im 1. Thema, die Steigerung zum Ende des 1. Satzes ist so gigantisch, daß man damit eine Symphonie beenden könnte. Die Symphonie entstand 1883, dem Todesjahr Richard Wagners. Das Adagio ist eine Totenklage für Wagner, zum ersten Mal kommen Wagner-Tuben in einem Symphonieorchester zum Einsatz.
Justin Brown gelang mit seiner Interpretation etwas Besonderes. Er nahm Bruckner langsamer als für ihn üblich und konstruierte sorgfältig tragfähige Spannungsbögen, die er mit langem musikdramatischen Atem spannte und zelebrierte und dabei das Brucknerideal transparenter Tiefe erreichte, bei der man tief bis auf den Grund zu sehen meint. Die hochkonzentriert spielende Badische Staatskapelle benötigte knapp 67 hochspannende Minuten und erzielte strahlende Steigerungen (im zweiten Satz spielte man die Version mit Pauke, Becken und Triangel) und einen schönen Erfolg im letzten Konzert. Bravo! für diese großartig interpretierte Bruckner-Symphonie.

Im Windschatten Browns trat im Schlußapplaus noch Intendant Spuhler auf, um sich im Erfolg des Dirigenten mitzusonnen. Offizieller Anlaß war die vollendete 10. Saison Browns, zu der der Intendant nicht den Orchestervorstand vorließ, sondern sich in seiner typischen Manier vordrängte, aber nichts Substantielles sagen wollte und lieber persönliche Floskeln abließ. Für einen Moment schaffte es der Intendant, das britische Taktgefühl entgleisen zu lassen, als er Brown überrumpelte und ihm anbot, ab jetzt Freunde zu sein. Ein Angebot vor ca. 1000 Zuschauern -quasi ein Social Media Freundschaftsantrag- das man kaum ablehnen kann. Brown akzeptierte nach wenigen Sekunden Bedenkzeit mit einer kumpelhaften Geste. Ein Vorfall, der zeigt, wie geschickt der Intendant alles und jeden instrumentalisiert, womit er sich selber in den Mittelpunkt rücken kann. Der Kontrast auf der Bühne war schwer zu übersehen: der Dirigent, der sich mit seiner Leistung und Verlängerung überall Achtung und Respekt verdient hat und der Intendant, dessen Verlängerungswunsch den Spott auf sich zieht.

P.S. (1): Die Saison endete übrigens wie die nächste beginnt: Bruckners wilde 3. Symphonie steht im Zentrum des 1. Symphoniekonzerts 2018/2019.

P.S. (2): Hörempfehlung für Bruckners 7. Symphonie - Carlo Maria Giulini dirigiert die Wiener Philharmoniker (Deutsche Grammophon). Deren Aufnahme von Bruckners 9. ist ebenfalls ein Volltreffer.

Kommentare:

  1. Wolfgang Kiefer18. Juli 2018 um 10:23

    Mir war der Brückner zu lärmend, aber ich kenne Brückner zu wenig. Mozart hingegen Kennzeichen sehr gut und da würde ich behaupten, Brown liegt als Pianist völlig daneben, als Dirigent hat er sich mit Mozart auch nicht gerade hervorgetan. Meine Kritik richtet sich gegen seine Technik, gegen seinen Anschlg, gegen das fehlende Legato. Vor allem der Schlusssatz erfordert ein gesangliches, federleichtes Spiel. Versuchen Sie mal „Komm lieber Mai...“ so zu singen,wie Brown es gespielt hat - es geht nicht. Ich empfehle Ihnen die Einspielung dieses Konzerts von Glenn Gould, dann wissen Sie, was ich meine

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    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar und den Hinweis auf Glenn Gould Herr Kiefer! Ich wußte nicht, daß Gould dieses Konzert eingespielt hat. Daß Brown für sein Abschiedskonzert Mozart und Bruckner wählte, überraschte mich - beide sind m.E. nicht seine primäre Domäne. Brown ist aber ein intelligenter Musiker, seine Mozart-Interpretation war für mich durchdacht. Mir fiel bspw. auch auf, daß er Töne solitär spielte. Der Verzicht auf Legato erschien mir wie ein Stilmittel - etwas vereinsamte Töne, eine leichte Resignation ohne Bitterkeit -so nahm ich das wahr.
      Bruckner ist immer "lärmend" mit sehr großem Orchester. Bisher war Brown nicht mein favorisierter Bruckner-Dirigent, ob war er mir zu schnell, zu kleinteilig und spielte darüber hinweg. Diesmal baute er tatsächlich beeindruckende Spannungsbögen.

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