Freitag, 12. Mai 2017

Oper Nancy: Rossini - Semiramide, 11.05.2017

Stimmenfest mit Inszenierungsschwächen
Die lothringische Oper in Nancy hat bei Rossinis großartiger Semiramide ein Experiment gewagt, man besetzte die Hosenrolle des Arsace nicht mit einer Mezzosopranistin, sondern mit einem Countertenor. Franco Fagioli, der sich dieses Rossini-Repertoire mit seiner letzten Solo-CD bei DG bereits erschlossen hat, stand neben der georgischen Sopranistin Salome Jicia im Mittelpunkt einer Produktion, die sich sängerisch und musikalisch gelungen, szenisch aber ziemlich uninteressant präsentierte.

Worum geht es?
Einst hatte Semiramide, die Königin von Babylon, zusammen mit ihrem Geliebten Assur ihren Gatten, den König Nino, ermordet. In den Wirren der Thronübernahme verschwand Semiramides und Ninos gemeinsamer kleiner Sohn. Babylon hat keinen Thronfolger.

1. Akt
Jahre später. Das Schicksal schlägt zurück. Die Babylonier versammeln sich, endlich soll Semiramide die Nachfolge klären. Semiramide hat einen Plan, der junge Feldherr Arsace soll ihr Gemahl werden. Doch was sie noch nicht weiß: Arsace ist ihr Sohn, und er liebt die Prinzessin Azema, die ihn ebenfalls liebt. Es gibt einen weiteren Bewerber um Azemas Hand: den indischen König Idreno und den Königsmörder Assur. Als Semiramide Arsace als ihren neuen König proklamiert, wählt Azema Idreno. Als der Hohepriester Oroe die Königsheirat durchführen soll, schlägt der Blitz ein, die Königsgruft öffnet sich und der Geist des toten Königs Nino erscheint und verkündet, daß Arsace König werden soll, zuvor aber eine Schuld gesühnt und ein Opfer erbracht wird. Auf die Frage Arsaces, wer getötet werden muß, verschwindet der Geist wortlos.

2. Akt
Semiramide und Assur entzweien sich, Oroe klärt Arsace über seine Herkunft und den Tod seines Vaters auf, Azema offenbart Idreno ihre Liebe zu Arsace. Semiramide wird von Arsace zur Rede gestellt, er vergibt seiner Mutter und eilt in die Nacht, um ihren Komplizen Assur zu töten. Semiramide folgt ihm. An der Grabkammer der Königs stellt Arsace Assur, doch in der Dunkelheit kommt es zur Verwechslung. Statt Assur tötet Arsace seine Mutter Semiramide. Oroe verhindert Arsaces Selbstmord, als dieser seine Tat erkennt. Das Volk feiert den neuen König.

Was ist zu sehen?
Rossinis letzte italienische Oper ist grandios und spektakulär: es gibt einen phantastisch-mystischen Schauplatz (die hängenden Gärten der Semiramis zählten zu den sieben Weltwundern der Antike), es gab einen Königs-/Gattenmord und eine Kindesentführung, die Mutter will nun unwissentlich den eigenen Sohn heiraten, der Geist des toten Königs erscheint, es gibt eine Wiedererkennungsszene, es folgt ein Muttermord - was will man mehr? Eine Konstellation zwischen Ödipus, Macbeth und Hamlet mit einer monumentalen Spieldauer von ungekürzt fast vier Stunden. Die Vorlage zum Stück stammt von Voltaire (1749), der italienische Musikwissenschaftler und Belcanto-Experte Rodolfo Celletti nannte Semiramide die letzte große Oper barocker Tradition und stellte Rossinis längste Opera Seria in die Tradition des 18. Jahrhunderts, denn Rossini erschaffte durch den prachtvoll verzierten Gesang eine Allegorie und Sublimierung, die wie in aller barocker Kunst keine Abbildung der Wirklichkeit sein will. Die Inszenierung in Nancy nimmt diese Einordnung teilweise auf, man sieht barock anmutende Kostüme, Kostümbildnerin Julia Müer versetzt die Personen in das Jahrhundert vor dem Zeitpunkt der Komposition, Idreno wirkt sogar wie Ludwig XIV, Azema hingegen wie eine von Kohlhiesels Töchtern. Das Bühnenbild von Madeleine Boyd verlegt die Handlung in den unterirdischen Fundus eines Theaters. In der Mitte führt eine enge Wendeltreppe von oben kommt in die Tiefe des Bühnenraums, die eine Hälfte des Raums wird von eine Holzbühne auf der Bühne dominiert, die andere Hälfte ist freier Raum. Von oben werden Bühnenbildelemente herabgelassen, gemalte Kulissen, aber auch Bühnenlagerelemente mit Leitern und Seilen. Die Bühne-auf-der-Bühne Konstellation soll ein Labyrinth darstellen - Szene und Kulisse, Kulisse und realer Raum, Öffentliches und Privates, falsche Identität und wahre Intrige. Das alles wirkt wie eine verschwommene Kopfgeburt und entbehrt für das Publikum jeder Triftigkeit. Der Regisseurin Nicola Raab gelingt es nicht, das Drama der großen Politik, der Liebe und Intrige im Spiel der barocken Ästhetik aufregend zu modellieren, im Gegenteil, ihre Erzählung der Handlung hat keinen Spannungsbogen, kaum etwas verdichtet sich, die Figurenkonstellation verdeutlicht sich nicht über das Offensichtliche hinaus, keine doppelten Böden werden eingezogen, den Geisterscheinungen fehlt der Effekt und die Schlußszene entbehrt jeder Dramatik. Aber die Inszenierung be- und verhindert trotzdem nicht den Erfolg des Gesamteindrucks und wenn man etwas Gutes sagen möchte, dann, daß sie nicht stört. Denn Musiker und Sängern sorgen für einen teilweise aufregenden Rossini-Abend mit spannenden Duetten und Ensembles.
     
Was ist zu hören?
Die georgische Sopranistin Salome Jicia sang schon beim Rossini-Festival in Pesaro, als Semiramide beweist sie ihre große Stimme und technische Finesse mit einem bravourösen Auftritt, "Bel raggio lusinghiero" wirkte anfänglich noch etwas verhalten, aber schnell rückte sie die Leidenschaft der Titelfigur in den Mittelpunkt und zeigte sich in den Duetten und Ensemblen von beeindruckender Souveränität. Den Arsace in Aureliano in Palmira (1813) hatte Rossini noch für einen Kastraten komponiert, Giambattista Velluti (1780-1861) feierte seinen größten Triumph als Armando in Meyerbeers letzter italienischer Oper Il crociato in Egitto (1824). Der Arsace in Semiramide (1823) ist eine Hosenrolle für einen Contralto musico - daß man ihn bisher nicht mit einem Mann besetzte, lag an den fehlenden fähigen Sängern. Franco Fagioli hat bereits drei Hosenrollen Mozarts gesungen (Cherubino, Idamante und Sesto), mit dem Arsace hat er nun viel gewagt und gewonnen. All das, für was er im Barockrepertoire berühmt geworden ist, kann er nun bei Rossini zeigen: die Virtuosität seiner Stimme, einen großen Stimmumfang und in diesem Fall eine im Ausdruck weiter verbesserte Tiefe, ausgefeilte Rezitative und stimmliche Bühnenpräsenz. Die Schwächen der Besetzung durch einen Countertenor wurde in manchen Ensembles deutlich bemerkbar, denn gegen Sänger wie Salome Jicia oder Fabrizio Beggi, die mit ihren Stimmen die größten Häuser füllen können, kann eine Counter-Stimme naturgemäß nicht mithalten und wird übertönt bzw. die Balance beeinträchtigt. Im großen Finale des ersten Akts sang Fagioli, man hörte ihn aber teilweise nicht, seine Stimme fehlte im dramatischen Kontext. Abgesehen von diesem Manko, erlebte das Publikum eine geradezu sportliche Leistung, wenn Fagioli sich in die Herausforderungen an Koloraturen und Verzierungen stürzt und ein ums andere Mal ansetzt, um sich der nächsten Herausforderung zu stellen. Eine Leistung, die aktuell so von keinem anderen Countertenor gezeigt werden kann. Fabrizio Beggi in der Doppelrolle als Oroe und Geist des Nino ist eine Idealbesetzung, ein machtvoller, männlicher und durchdringender Baß, den man gerne wieder hören möchte. Nahuel di Pierro überzeugt als Assur mit seiner großen Szene vor dem zweiten Finale, bei der man zu erkennen glaubt, wo der frühe Verdi die Inspiration für seine großen Baßarien her hatte. Musikalisch hat man in Nancy gekürzt: neben "üblichen" Strichen (Chöre, Rezitative , Wiederholungen) entfällt bspw. die achte Szene (Azema, Idreno) sowie die Arie Idrenos "Ah dov'è, dov'è il cimento?" im ersten Akt, Azema wird zur Statistin, Inna Jeskova hat kaum Chancen, auf sich aufmerksam zu machen, der zum Ensemble der Bayrischen Staatsoper gehörende Matthew Grills als Idreno konnte mir seiner beweglichen, offenen Stimme das Publikum überzeugen und bekam viel Applaus.Die Ouvertüre ist allerbester Rossini, leider klang sie so nicht! Der aus Venezuela stammende Dirigent Domingo Hindoyan (und Ehemann von Sonya Yoncheva) hielt die Zügel des Orchestre symphonique et lyrique de Nancy am Anfang zu fest, man kann die Introduktion flüssiger und fetziger spielen. Hindoyan achtete aber im Verlauf der Vorstellungen stets auf die Sänger, unterstützte sie und phrasierte manchmal originell, aber eher subtil als wirkungsvoll, doch er behielt recht - seine Semiramide funktionierte, die Oper erschien kurzweilig und stimmungsvoll und hatte keine Durchhänger. Der Chor der Opéra national de Lorraine wurde verstärkt durch den des Opéra-Théâtre de Metz Métropole, beide sorgten für ein tadelloses Erlebnis.

Fazit: Das Publikum, das um Mitternacht die lothringische Oper verließ, war hochzufrieden und gab zuvor langen Applaus und viele Bravos für eine beeindruckende Rossini-Aufführung.

Besetzung und Team:
Semiramide: Salome Jicia
Arsace: Franco Fagioli
Idreno: Matthew Grills
Assur: Nahuel Di Pierro
Oroe: Fabrizio Beggi
Azema: Inna Jeskova
Mitrane: Ju In Yoon

Dirigent: Domingo Hindoyan
Orchestre symphonique et lyrique de Nancy
Chœur de l'Opéra national de Lorraine
Chœur de l'Opéra-Théâtre de Metz-Métropole

Regie: Nicola Raab
Bühne: Madeleine Boyd
Kostüme: Julia Müer

Kommentare:

  1. Zum Nachhören (bzw. -sehen) für alle, denen die Anreise nach Nancy zu kompliziert war:
    http://culturebox.francetvinfo.fr/opera-classique/opera/semiramide-de-rossini-par-franco-fagioli-255667

    (F.Kaspar)

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    1. Herzlichen Dank Herr Kaspar für den Hinweis!

      Im Gegensatz zu ihrem Bericht
      http://opernschnipsel.de/2017/05/08/semiramide-nancy-7-5-2017/
      fand ich die Semiramide gar nicht zäh, sondern sogar kurzweilig. Das Zuhören hat mir übers Zusehen hinweg geholfen.

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