Dienstag, 18. Juli 2017

8. Symphoniekonzert, 17.07.2017

Mit Frank Beermann hatte man gestern den mit Abstand bekanntesten und renommiertesten Kandidaten für die Nachfolge von GMD Justin Brown am Dirigentenpult zu Gast. Seine Verpflichtung ab 2018/19 wäre ein Paradigmenwechsel, gab man doch bisher gerne Dirigenten mit Entwicklungspotenzial eine Chance, die eher am Beginn ihrer Karriere stehen, Beerman hingegen bringt schon alles mit: CD-Aufnahmen, Auszeichnungen und Reputation - vielleicht wäre das bei der verjüngten Badischen Staatskapelle eine sinnvolle Entscheidung. Beermann präsentierte sich gestern ganz unaufgeregt und zurückhaltend, sich selbst stellte er nicht in den Mittelpunkt, Musik und Musiker waren im Fokus.
    
Luigi Dallapiccola (*1904 1975) komponierte 1953/1954 die Variazioni per orchestra. Variationen für Orchester? - diesen Titel gibt es bereits in der Musikgeschichte und manchem mag Arnold Schönbergs Opus Nr. 31 (sein erstes reines Zwölftonwerk von 1928) oder Anton Weberns Opus Nr. 30 (von 1940) in den Sinn kommen und liegt damit gar nicht so falsch. Dallapiccola schuf Zwölftonmusik, ... aber das war's auch schon. Gänzlich reizlos und überflüssig erklang sein Werk und nach drei Jahrzehnten als Konzertbesucher mag die Frage erlaubt sein: wer glaubt noch daran, daß Zwölftonmusik doch noch eine Zukunft im Konzertsaal hat. Die Zeit macht sie nicht spannender, der Grad an Unsinnlichkeit hat sich über die Jahrzehnte nicht reduziert. Es wird Zeit, einen Irrweg zu verlassen und weiterzugehen.

Joseph Haydns spät wiederentdecktes Cellokonzert Nr. 1 C-Dur Hob. VIIb:1 (erst 1961 tauchte eine Abschrift des verschollen geglaubten Werks im Prager Nationalmuseum auf) erklang voller Anmut in 35-köpfiger Besetzung. Cellist Benedict Klöckner kommt von der Karlsruher Hochschule für Musik und startet gerade seine Karriere - eine sehr sympathische und gute Wahl, ihn einzuladen! Er setzte auf Schönklang, im Moderato zu Beginn  sang das Cello mit weichen Farben. Ins Zentrum rückte Klöckner das mittlere Adagio, das er zelebrierte - sehr langsam, sehr gefühlvoll, das lyrische Ich wurde bei ihm zum Sensibelchen, dem man etwas mehr Pepp wünschen könnte. Die Musik blieb fast stehen, sie verhauchte sich in weichen Celloklängen. Der 3. Satz ist ein Allegro molto und fordert Tempo und Fingerfertigkeit - fast ein Wettkampf zwischen Solist und Orchester mit rasanten Momenten - das nennt man ein Rausschmeißer-Satz, um das Publikum gut gelaunt zu stimmen. Auch hier behielt der junge Cellist stets die Kontrolle, technisch selbstverständlich, aber auch emotional übertrat er nicht die Grenze kulinarischer Sterneküche. Zwei Zugaben -Bachs Prélude aus der 6. Cello-Suite und Pablos Casals Gesang der Vögel-  rundeten einen sehr schönen Auftritt ab. Von Benedict Klöckner wird man hoffentlich noch viel hören, auch im Karlsruher Konzertsaal.

Hochsommer und Urlaubsstimmung - auch akustisch, das war das Motto nach der Pause mit zwei von drei der römischen Tongemälde von Ottorino Respighi (*1879 †1936) über konkrete Motive: römische Brunnen -Fontane di Roma- und römische Pinien -Pini di Roma-. Stimmungen und Eindrücke als Tongemälde, farbige Töne statt Bilder, Vorhandenes in Empfindung und Klangpoesie verwandelt, die Ewige Stadt in bildhaften Melodien, die ein Denkmal im akustischen Raum setzen. Respighis Tondichtungen beschreiben Tagesanbruch und Hirten am Fontana di Valle Giulia, Sonne am Fontana del Tritone, Hitze und Geschäftigkeit am Trevi-Brunnen und abends lösende Kühle im Garten der Villa Medici; spielende Kinder bei den Pinien der Villa Borghese, nachdenkliches Sinnen, Posaunen und Pauke bei den schattig-kühlen Katakomben, eine nächtliche Nachtigall, Reminiszensen an die römische Antike. Ein deutscher Komponist hätte Pinien und Brunnen romantischer im Sinne von sehnsüchtiger interpretiert, die Vorliebe für Brunnen und Wald in der Romantik wie bspw. ein Eichendorffsches „Wann der Lauten Klang erwacht / Und die Brunnen verschlafen rauschen / In der prächtigen Sommernacht“ hätten der Immanenz Respighis lyrische Subjektivität und mediterranen Zauber hinzugefügt. Respighi entspricht eher der gegenständlichen Poesie eines Conrad Ferdinand Meyer in den 3 Versionen seines Der römische Brunnen – es kommt auf das Charakteristische in Raum und Zeit an, nicht auf lyrische Subjektivität und Innerlichkeit, der Komponist redet vom Gegenstand und nicht primär vom Wahrnehmenden. Das ist orchestral groß besetzt und hoch beeindruckend, aber nicht unbedingt berührend, äußerlich pathetisch, aber nicht innerlich überzeugend. Aber das ist eine subjektive Wahrnehmung eines möglichen Paradigmas.

Kommentare:

  1. Ein bisschen müßig, hier über Respighis Werke an sich zu philosophieren, oder nicht? An denen wird sich seit gut 80 Jahren definitiv nichts mehr ändern. Und ob man sie für gelungen hält oder nicht - das vorgestrige Konzert war es jedenfalls. Und Beermann hat die Staatskapelle perfekt im Griff gehabt. Es wäre vielleicht sinnvoller gewesen, auf diesen Punkt mehr abzuheben als auf den Charakter der Werke, oder nicht? - Nix für ungut, lese den Blog immer gerne.

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    1. Vielen Dank für Ihren Hinweis. Die Respighi-Stücke hatte ich zuvor noch nie live gehört und irgendwie machten sie auf mich keinen Eindruck – wahrscheinlich bin ich deswegen abgeschweift. Wenn ich sie irgendwann wiederhöre, kann ich meine Erinnerungen aus diesem Tagebuch mit meinen zukünftigen Eindrücken vergleichen. Es ist für mich also nicht müßig, meinen Eindrücken und Gedanken zu folgen, auch wenn sie manchmal eine Abzweigung einschlagen
      Ich halte sehr viel von Beermann, deswegen habe ich mit ihm oben begonnen – über seine Eignung als GMD besteht für mich kein Zweifel, im Konzert war er ganz unaufgeregt und ökonomisch und souverän. Beermann Gesamteinspielung der Klavierkonzerte von Mozart mit dem Pianisten Matthias Kirschnereit gehört zu meinen Favoriten. Beermanns Auftritt als Operndirigent bei Mozarts Figaro habe ich leider verpaßt. Aufgrund seines Könnens und seiner Erfahrung ist er von außen betrachtet der Favorit.
      Bei der Wahl des neuen GMD gibt es ja inzwischen einige Kandidaten mit ganz unterschiedlichen Werdegängen. Es ist vor allem eine Entscheidung des Orchesters, von wem sie sich am besten gefordert und gefördert sehen. Ich habe diesbezüglich keine Erwartungshaltung und lasse mich überraschen, für wen das Orchester votiert.

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