Sonntag, 30. Oktober 2022

Tschechow - Iwanow, 29.10.2022

Reizloser Anti-Tschechow
Gestern startete umbaubedingt verspätet die Schauspielsaison. Das ehemalige Foyer mit Kassenbereich sowie Garderobe und früherer Vorraum und Treppe des Kleinen Hauses sowie der Gastronomiebereich sind abgerissen, das Kleine Haus ist nur noch über einen Sonderzugang betretbar, der die Zuschauer über die Bühne zu den Sitzen führt. Das war aber auch schon der interessanteste  Aspekt am gestrigen Premierenabend, denn Schauspieldirektorin Anna Bergmann konnte als Regisseurin nicht nur nicht an vergangenes Niveau anknüpfen, ihre Inszenierung von Tschechows selten gespieltem frühen Theaterstück Iwanow landet schnell in einer engen Sackgasse. Wer sich auf Tschechow freut, sollte seine Erwartungshaltung nach unten korrigieren, die Regisseurin verändert Konstellationen und Text und sucht unbeholfen nach einem neuen Ansatz. Sie  montiert ihre Verfremdungen zu einem wenig gelungenen Pseudo-Drama, das Unglück behauptet ohne dramatisch zu sein. Tschechow ist der große Meister der Vermenschlichung, Bergmann hingegen entmenschlicht viele Figuren und läßt sie die ersten zwei Akte als kalauernde Hampelmänner*innen agieren. Wo Tschechow ein farbiges Beziehungsgeflecht webt, entwertet Bergmann die Geschichte zu einer monotonen Düsterkeit. Insbesondere Tschechows Komik und Tonfall gehen verloren, fehlender Sinn für Humor ist seit Jahren das große Defizit der Regisseurin. Dazu hat man mit Sarah Sandeh noch eine Schauspielerin, die der in dieser Inszenierung weiblichen Titelfigur weder ein Gesicht noch Erinnerungswert verleihen kann. Kurz: enttäuschende Stunden, die man sinnvoller verbringen kann als mit diesem öden Iwanow.

Worum geht es (1)?
1.-3. Akt: In der russischen Provinz am Ende des 19. Jahrhunderts. Iwanow ist in der Krise, sein Leben ist aus dem Gleis geraten und er weiß weder ein noch aus: er gehört als Gutsbesitzer zur Oberschicht, ist aber stark in finanziellen Nöten und mit einer Frau verheiratet, die er nicht mehr liebt, die dazu sterbenskrank ist und zur Kur müsste, die Iwanow aber nicht bezahlen kann. Iwanow fühlt sich als "überflüssiger Mensch". Er hat einen "schwachen Charakter", wie ihn Sascha beschreibt, die junge Frau aus reicher Familie, die sich ihn in verliebt, küßt und dabei von Iwanows Frau Anna Petrowna überrascht wird. Anna beschuldigt ihrem Mann, sie nur geheiratet zu haben, weil er auf eine Mitgift gehofft hatte, die Annas Familie ihr versagte. Und nicht nur das: Da Anna als Jüdin einen Christen heiratete und dafür konvertierte und ihren Geburtsnamen (Sarah Abramson) ablegte, wurde sie von ihrer intoleranten Familie verstoßen. Anna Petrowna ist unheilbar an Tuberkulose erkrankt (eine Krankheit, die sich bei Tschechow 1884 erstmal zeigte und an der er 20 Jahre später in Badenweiler sterben sollte). Sterbenskrank, leidend, allein und verlassen macht sie ihrem Mann bitterste Vorwürfe, gegen die er sich nicht wehren kann.
4. Akt, ca. ein Jahr später. Iwanows Frau ist gestorben, seine Heirat mit Sascha steht unmittelbar bevor. Doch beide zweifeln. Sascha erkennt, daß sie gegen Iwanows Depression nicht ankommt, Iwanow selber gesteht ein, daß er Sascha nur unglücklich machen wird. Er fordert sie auf, gemeinsam auf das Heiratsversprechen zu verzichten. Als ein Hochzeitsgast öffentlich Iwanow angeht, sein Verhalten gegenüber seiner verstorbenen Frau anprangert und seiner Heiratsabsicht finanzielle Gründe unterstellt, gibt Iwanow auf. Er erschießt sich.

Worum geht es (2)?
Anton Tschechow schrieb: "Iwanow ist erschöpft, er begreift sich selbst nicht, aber das Leben geht das nichts an. Es stellt ihm seine gesetzmäßigen Forderungen, und ob er will oder nicht, er muss die Fragen lösen. Die kranke Frau ist eine Frage, der Haufen Schulden ist eine Frage, Sascha hängt sich ihm an den Hals, auch das ist eine Frage. Wie er all diese Fragen löst, ist aus dem Monolog des dritten Aktes zu ersehen, ebenso aus dem Inhalt der letzten beiden Akte. Menschen wie Iwanow lösen keine Fragen, sie brechen unter der Last zusammen. Sie verlieren die Geistesgegenwart, schlagen vor Verwunderung die Hände zusammen, werden nervös, klagen, machen Dummheiten, und zum Schluss, wenn sie ihren schlappen, undisziplinierten Nerven freien Lauf gelassen haben, verlieren sie den Boden unter den Füßen und treten ein in die Reihen der „Zusammengebrochenen“ und „Unverstandenen.

Was ist zu beachten (1)?
Anton Tschechow  (*1860 †1904) ist nach Shakespeare der weltweit meistgespielte Dramatiker auf den Theaterbühnen. Sein frühes Werk Iwanow wurde 1887 uraufgeführt, Tschechows vier Meisterwerke folgten ein Jahrzehnt später: Die Möwe (1896), Onkel Wanja (1899), Drei Schwestern (1901) und Der Kirschgarten (1904),  Iwanow gilt als ein Frühwerk mit Schwächen. Das Theaterstück handelt von einem Mann, der unter einen schweren Depression leidet und letztendlich Selbstmord begeht, und dabei ist die Titelfigur auch noch kaum sympathisch, ein Überforderter, der seine sterbenskranke Frau hintergeht und sein Leben nicht auf die Reihe bekommt. Doch Tschechow ist der Meister der Vermenschlichung, er durchschaut ernste Situation und erkennt die Komik darin, er bevölkert sein Stück mit tragikomischen Figuren. Und genau das ist das Erfolgsrezept Tschechows: Leiden und Verzweiflung werden nicht zur heroischen Tragik und Statur, sondern bleiben alltagsmenschengroß. Der Autor schafft Figuren, die nicht standhalten, sondern ausweichen, die nicht aus der Peripherie ins Zentrum ihrer Wünsche kommen, bedrückt, kümmerlich, und doch läßt Tschechow sein Publikum lächeln. Nachsicht und Rücksicht sind die Botschaft angesichts scheiternder Menschen. Maxim Gorki berichtete, daß Tschechow überzeugt war, lustige Stücke zu schreiben. Bei Iwanow funktioniert das Rezept noch nicht reibungslos, die Titelfigur bleibt zu farblos und eindimensional. Tschechow benötigt Monologe, damit sich die Figuren erklären; ein Stilmittel, auf das er später verzichten und durch Interaktion ersetzen wird. Doch was immer auch Tschechows Reiz ausmacht, es geht in dieser Inszenierung verloren. 

Was ist zu beachten (2)?
Was für ein Charakter ist Iwanow? Goethe schrieb einst: "Wie kann man sich selbst kennenlernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weißt gleich, was an dir ist. Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages." Iwanow verliert in verschiedenster Sicht. Er wirkt gelähmt, Antriebslosigkeit und mangelnde Lebensfreude sind  die Kennzeichen seiner Trübsal. Tschechows in mehreren Fassungen veröffentlichtes Theaterstück Iwanow hat als Titelfigur einen Mann: Nikolaj Aleksejevitsch Iwanow, dessen Frau Anna jüdischer Abstammung ist. Schauspieldirektorin Anna Bergmann hat als Regisseurin das Stück umbenannt zu Anna Iwanowna. Die Rollen sind vertauscht, die Hauptfigur Iwanow ist weiblich besetzt, aus der kranken Ehefrau wird ein kranker Ehemann, aus der jungen Frau Sascha wird der junge Mann Sascha, aus dem Arzt eine Ärztin. Das bedeutet für das Stück, daß aus der männlichen Depression eine weibliche wird. Das ist ein interessanter Ansatz, denn die beiden Geschlechter unterscheiden sich bekanntlich, Männer erkranken öfter an Schizophrenie, sie neigen stärker zu Legasthenie und Autismus und es finden sich sowohl mehr Hochbegabte als auch mehr Niederbegabte unter ihnen; Frauen hingegen leiden häufiger an Arthrose, Alzheimer, Depressionen und Angststörungen. Depressionen sind die häufigste Ursache (ca 60%) für einen Selbstmord. Männlicher Stress wird oft durch sozialen Status bedingt, weiblicher Stress zentriert Emotionen auf sich selbst durch Grübeln und Selbstbeschuldigung. Die Entscheidung, Iwanow als Frau zu zeigen ist mit dem Stück also durchaus vereinbar und ergibt einen sinnvollen Perspektivwechsel, auch wenn viele Textpassagen umgearbeitet werden müssen. Doch Anna Bergmann fällt auch tatsächlich nicht mehr ein als weibliche Depression einseitig in den Mittelpunkt zu stellen und den Rest zu marginalisieren.

Was ist zu sehen?
Die Regisseurin zeigt (nach einer über zehnminütigen Einleitung mit Pantomime und in Russisch ohne Untertitel) die ersten beiden Akte grell überzeichnet, teilweise als Phantasie oder Albtraum einer depressiven Anna Iwanowa.  Dazu heiß es im Programmheft: "Der Raum ist quasi ein psychologisch aufgeladener Raum. Ein schwarzer Guckkasten dessen Boden mit Kohle bedeckt ist. Man könnte assoziieren, dass man sich in einer Welt nach einem Kriegszustand, nach einer Umweltkatastrophe, nach etwas Verheerendem befindet. .... Es ist wie ein Seelenraum der Iwanowa." Was Tschechow an Personencharakterisierung zu Beginn aufbaut, geht größtenteils verloren. Man befindet sich in einer Groteske, die den Figuren den Charakter verwehrt und sie als Figuren überkandidelt einseitig wirken läßt. Immer wieder lässt Anna Bergmann Szenen erscheinen, die den radikal subjektiven Blick Anna Iwanowas auf die sie umgebende Gesellschaft zeigen – zum Teil wahn- oder albtraumhaft fast ins Groteske überzeichnete Bilder. Im nächsten Augenblick kann die Perspektive wechseln und wir sehen auf das gesamte Gesellschaftsbild". 
Im dritten Akt wird aus der Groteske dann ein Drama, doch aufgrund der fehlenden Vorbereitung nimmt man den Figuren ihre Situation nicht ab. Dazu das Programmheft: Anna Bergmann will einen „dritten Ort“ kreieren: „Ein eigentümlicher mit einer gewissen Entfremdung beziehungsweise Verfremdung verknüpfter Ort, der eine möglichst große Distanz zum Hier und Jetzt schafft.“ Und zugleich ist die Verfremdung der Versuch, über die Figuren eine möglichst große Identifikation zu erreichen. „Ich glaube“, so Bergmann, „je fremder einem etwas ist, desto genauer betrachtet man die Sache, um dann doch wieder an einen Punkt zu finden, an dem man sagt, man erkennt sich vielleicht auf eine ganz andere Art und Weise.“ Bergmann Hypothese läuft ins Leere: Die Verfremdung entfremdet in diesem Fall und schafft definitiv keine Klarheit; Identifikation (diskutable Forderung) wird schon  gar nicht erreicht, die Distanz zum Stück ist vielmehr ungewöhnlich groß. Jeglicher Tschechowsche Reiz ist diesem Iwanow ausgetrieben. Schade vor allem für die Schauspieler, Sarah Sandeh kann ihrer Rolle so gar nichts abgewinnen, der weibliche Iwanow bleibt glatt und zweidimensional. Jannek Petri hingegen als ihr Mann hat starke Momente. Was hätten Timo Tank und André Wagner für großartig komische Momente haben können, wenn die Regisseurin sie hätte spielen lassen. Eine spannende, aber auch nicht in Tschechows Vorgabe passende Interpretation des Arztes gibt Anne Müller, und den einzigen erinnerungswürdigen Moment der Produktion hat Sascha Goepel als Sänger mit toller Stimme.


Fazit: Eine von Bergmanns schwächsten Inszenierungen bisher.  Ihr ganz auf Unglück setzender Regie-Ansatz hätte besser zu einem Werther (oder einer Wertherine) statt zu Iwanow gepasst. 

PS: Wer kann sich noch an Platonow erinnern?
Tschechows anderes Frühwerk hatte zuletzt am 23.04.2006 in Karlsruhe in der Regie von Albert Lang Premiere (das Jahr der Fußball-WM in Deutschland, das Jahr, in dem ein grandioser Sommernachtstraum im Zelttheater im Schloßpark gezeigt wurde). Im Gegensatz zu Iwanow war Platonow erfolgreich inszenierter Tschechow mit unvergesslichen Szenen (bspw. einem Wannensprung). Mit dabei damals: Timo Tank und André Wagner! Thomas Gerber spielte die Hauptrolle, außerdem Sebastian Kreutz, Stefan Viering. Friedhelm Becker, Angela Meyer, Mona Petri, Gunnar Schmidt, Thomas Unger und einige mehr. Damals erhielten Schauspieler noch die Gelegenheit, sich in den Vordergrund zu spielen und Typen zu sein. Wie öde dagegen, was heute oft auf der Karlsruher Bühne zu sehen ist. 

Besetzung und Team
Anna lwanowa: Sarah Sandeh
Nikolai Alexejewitsch lwanow: Jannek Petri
Matwej Semjonowitsch Schabjelski: André Wagner
Pawel Kiriljitsch Lebedjew: Timo Tank
Sinaida Sawischna: Antonia Mohr
Sascha: Andrej Agranovski
Jewgenia Konstantinowitsch Lwowa: Anne Müller a.G.
Marfa Jegorowna Babakina: Bayan Layla
Michail Michailowitsch Borkin: Sascha Goepel a. G.
Awdotja Nasarowna: Claudia Hübschmann 
Gawrila/ Pjotr: Marielle Layher a. G.

Regie: Anna Bergmann
Bühne: Volker Hintermeier
Kostüme: Lane Schäfer
Sounddesign: Heiko Schnurpel

2 Kommentare:

  1. Auch eine sehr gute Analyse findet sich diesmal bei der nachtkritik: "mehr dekonstruiert als inszeniert"
    https://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=21613:anna-iwanowa-badisches-staatstheater-karlsruhe-anna-bergmann-laesst-tschechows-figuren-geschlechter-tauschen&catid=85:badisches-staatstheater&Itemid=40

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    1. Vielen Dank für den Hinweis! Ein interessanter Perspektivwechsel, insbesondere der letzte Satz "Die Ideologie hat über den Theaterverstand gesiegt" gibt wieder, was mich seit Jahren langweilt: ein narzistisches Selbstbefriedigungstheater, das das freiwillige Scheuklappentragen zur autoerotischen Pose benötigt und alles dem eigenen engen Suppentellerrand unterordnet.

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