Freitag, 18. April 2014

Kein Premierenbesuch: Gericke - Maienschlager

Herzlichen Dank für Ihr Interesse! Am Tag (und bereits in der Nacht) nach einer Premiere schnellen die Besucherzahlen dieser Seiten stets nach oben und der Prestige-Wert eines Stückes und seiner Inszenierung scheinen dazu in einem Proportionalitätsverhältnis zu stehen. In dieser Hinsicht erwarte ich also für Maienschlager nur wenige Leser, denn es ist thematisch vorrangig für die Zielgruppe Schüler und Jugendliche.

Dennoch der Hinweis: ich werde Maienschlager nicht besuchen und hier auch nicht darüber schreiben. Warum? In den drei Spielzeiten der Intendanz Spuhler ist bei mir zum ersten Mal nach über 20 Jahren viel Theaterbegeisterung und Freude verloren gegangen, zumindest was das Badische Staatstheater angeht. Ich hätte zu Beginn der aktuellen Intendanz nicht gedacht, daß ein Personalwechsel für mich als regelmäßigen Besucher so viele Qualitätsabstürze und tiefe Enttäuschungen bei Aufführungen mit sich bringen kann. Aber man muß dem Badischen Staatstheater zugute halten, daß es sich um qualitative Normalisierung zu bemühen scheint: man hat z.B. aus der komödienlosen ersten Spielzeit schnell gelernt und reagiert. Oder bei den Schauspielern - dort hat man Charisma- und Persönlichkeitseinbußen. Gleich 8 neue Schauspieler kommen nun zur neuen Spielzeit ins Ensemble (einige Schwachpunkte wird man leider immer noch haben). Auch die Spielplanzusammenstellung verschiebt sich in der kommenden Spielzeit und ebenfalls auf Regie-Seite sorgt man für etwas Abwechslung. So trocken und langweilig die letzten Monate dieser Spielzeit im Schauspiel auch sind, für 2014/15 hoffe ich auf mehr interessante Produktionen. Bis dahin versuche ich mich möglichst nicht im Karlsruher Schauspiel zu quälen ... deshalb verzichte ich lieber freiwillig auf Maienschlager.

Donnerstag, 10. April 2014

Neuer Operndirektor in Karlsruhe wird Michael Fichtenholz

Neuer Operndirektor in Karlsruhe und Leiter der Händel Festspiele ab der Spielzeit 2014/15 wird Michael Fichtenholz. Seine Handschrift wird sich aber erst in den später folgenden Spielzeiten zeigen können.
Mehr dazu findet sich inzwischen hier: http://www.staatstheater.karlsruhe.de/aktuell/news_id/433/

Neuer Chefdramaturg wird Carsten Jenss. Mehr dazu hier: http://www.staatstheater.karlsruhe.de/aktuell/news_id/434/

Und es gibt auch einige neue feste Ensemble-Mitglieder, vor allem im Schauspiel und darunter auch ein prominenter Rückkehrer: Jannek Petri.
Oper: Dilara Baştar, Agnieszka Tomaszewska
Schauspiel: Veronika Bachfischer, Annette Büschelberger, Jonathan Bruckmeier, Maximilian Grünewald, Jannek Petri, Luis Antonio Quintana, Johannes Schumacher, Ralf Wegner

Vorschau 2014/2015 des Badischen Staatstheaters

Die ersten Infos zur kommenden Spielzeit sind da. (Vielen Dank für den anonymen Hinweis hierzu :-) Highlight: fast schon sensationell - man bringt John Crankos Ballett Der Widerspenstigen Zähmung! Ich hätte nicht gedacht, daß Stuttgart das in Karlsruhe freigibt.
ABER: KEINE RICHARD STRAUSS Premiere im Strauss-Gedenkjahr in der Oper????? Was ist denn da schief gelaufen???? Nur der Rosenkavalier wird noch mal vorgeholt. Ach je.......

PREMIEREN


BALLETT


DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG
von John Cranko
nach der Komödie von William Shakespeare
MUSIK Kurt-Heinz Stolze (nach Domenico Scarlatti)
MUSIKALISCHE LEITUNG Steven Moore
INSZENIERUNG & CHOREOGRAFIE John Cranko
EINSTUDIERUNG Jane Bourne
BÜHNE & KOSTÜME Elisabeth Dalton
15.11.14

DER PROZESS
von Davide Bombana nach dem Roman von Franz Kafka
BALLETT URAUFFÜHRUNG
MUSIK Walter Fähndrich, Leoš Janáček, Hans Krása, Pavel Haas u. a.
CHOREOGRAFIE Davide Bombana
BÜHNE & KOSTÜME rosalie
25.4.15


OPER


DIE VERLOBUNG IM TRAUM
von Hans Krása
Deutsche Erstaufführung
MUSIKALISCHE LEITUNG Justin Brown
REGIE Ingo Kerkhof BÜHNE Dirk Becker KOSTÜME Inge Medert
18.10.14
 
FANTASIO
Komische Oper von Jacques Offenbach
Szenische Uraufführung der kritischen Neuausgabe
MUSIKALISCHE LEITUNG Andreas Schüller
REGIE Bernd Mottl BÜHNE Friedrich Eggert KOSTÜME Alfred Mayerhofer
CHOREOGRAFIE Otto Pichler
13.12.14
   
LA BOHÈME
von Giacomo Puccini
MUSIKALISCHE LEITUNG Johannes Willig
REGIE Anna Bergmann BÜHNE Ben Baur KOSTÜME Claudia González Espíndola
24.1.15

TESEO
von Georg Friedrich Händel
Internationale HÄNDEL-FESTSPIELE 2015
MUSIKALISCHE LEITUNG Michael Form
REGIE & AUSSTATTUNG Nico and the Navigators
20.2.15

PARSIFAL
Ein Bühnenweihfestspiel von Richard Wagner
MUSIKALISCHE LEITUNG Justin Brown
REGIE Keith Warner BÜHNE Tilo Steffens KOSTÜME Julia Müer
29.3.15

IPHIGENIE AUF TAURIS
von Christoph Willibald Gluck
MUSIKALISCHE LEITUNG Christoph Gedschold
REGIE Arila Siegert BÜHNE Thilo Reuther KOSTÜME Marie-Luise Strandt
13.6.15

FALSTAFF
Lyrische Komödie von Giuseppe Verdi
MUSIKALISCHE LEITUNG Justin Brown
REGIE Jacopo Spirei BÜHNE Nikolaus Webern KOSTÜME Sarah Rolke
12.7.15
 
 
SCHAUPSPIEL

  
DAS GLASPERLENSPIEL

nach dem Roman von Hermann Hesse
REGIE Martin Nimz BÜHNE Sebastian Hannak KOSTÜME Ricarda Knödler
21.9.14 KLEINES HAUS
  
DAS INTERVIEW
von Theo van Gogh
REGIE Dominique Schnizer BÜHNE & KOSTÜME Christin Treunert
GIFT
von Lot Vekemans
REGIE  Marlene Anna Schäfer BÜHNE & KOSTÜME Christin Treunert
23.11.14 STUDIO

SCHATTEN (EURYDIKE SAGT)
von Elfriede Jelinek
DEUTSCHE ERSTAUFFÜHRUNG
REGIE Jan-Philipp Gloger
BÜHNE & KOSTÜME Marie Roth
27.11.14 KLEINES HAUS
  
DIE RÄUBER
von Friedrich Schiller
REGIE Mina Salehpour BÜHNE Jorge Enrique Caro KOSTÜME Maria Anderski
17.1.15 KLEINE S HAUS
 
DU SOLLST DEN WALD NICHT VOR DEM HASEN LOBEN
von Jörn Klare
URAUFFÜHRUNG
REGIE Katrin Plötner BÜHNE & KOSTÜME Martin Miotk
28.1.15 STUDIO
 
DREI SCHWESTERN
Komödie von Anton Tschechow
REGIE Anna Bergmann BÜHNE Janina Audick KOSTÜME Lane Schäfer
20.3.15 KLEINES HAUS
 
HEIDEGGERS HEFTE
nach den Überlegungen II – XV von Martin Heidegger
URAUFFÜHRUNG 
März 15 STUDIO

TOD UND AUFERSTEHUNG DER WELT MEINER ELTERN IN MIR
von Nis-Momme Stockmann
REGIE Simone Blattner BÜHNE Alain Rappaport KOSTÜME Sabin Fleck
21.5.15 KLEINES HAUS

ZUHAUSE
Tragikomische Monologe von Ingrid Lausund
REGIE Florian Hert
Mai 2015

WIEDERAUFNAHMEN

OPER
BORIS GODUNOW Musikalisches Volksdrama von Modest Mussorgsky
COSÌ FAN TUTTE Opera buffa von Wolfgang Amadeus Mozart
DAS KIND UND DIE ZAUBERDINGE / DIE NACHTIGALL Kurzopern von Maurice Ravel und Igor Strawinsky
DER ROSENKAVALIER Komödie für Musik von Richard Strauss
DIE FLEDERMAUS Operette von Johann Strauß
DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG von Richard Wagner
DIE ZAUBERFLÖTE Deutsche Oper von Wolfgang Amadeus Mozart
EIN MASKENBALL von Giuseppe Verdi
HÄNSEL UND GRETEL Märchenspiel von Engelbert Humperdinck
LA TRAVIATA von Giuseppe Verdi
RICCARDO PRIMO von Georg Friedrich Händel
TOSCA Musikdrama von Giacomo Puccini

BALLETT
DER NUSSKNACKER
DORNRÖSCHEN – DIE LETZTE ZARENTOCHTER
GISELLE
MYTHOS

Mittwoch, 9. April 2014

Spuhler bleibt bis 2021 Intendant in Karlsruhe

Nicht jeder wird sich nach den durchwachsenen Anfangsjahren darüber freuen, aber Stadt und Land entschieden sich für frühzeitige Planungssicherheit und haben den Vertrag mit Peter Spuhler sogar gleich um fünf Jahre bis 2021 verlängert.

Tja, es war damit zu rechnen, daß der sanierungserfahrene Spuhler das Bauvorhaben bis zum Ende begleitet. Dennoch ein etwas trauriger Tag für all jene Zuschauer, die in den letzten 2,5 Jahren künstlerisch wenig glücklich in Karlsruhe waren und Asyl in den Theatern von Baden-Baden, Stuttgart und Frankfurt (etc.) suchen mußten. Man kann gespannt sein, wer neuer Operndirektor wird und ob es dem Team Spuhler/Linders gelingt, nun ohne Druck mehr Qualität auf die Bühne zu bringen. Vielleicht ist das ja für die jetzige Intendanz die Chance, sich in den kommenden Jahren weniger um die eigene Selbstdarstellung und mehr um die künstlerische Profilierung des Badischen Staatstheaters zu kümmern.
     
PS: Kommentare sind vorerst nicht möglich. Ich glaube, daß sich zu viele von der langen Verlängerung und bisherigen Intendanzzeit Spuhlers enttäuschte Zuschauer zu heftig über diese Entscheidung von Stadt und Land äußern werden.

Montag, 7. April 2014

Karlsruher Riccardo Primo im Radio

Der Radiosender SWR2 überträgt diesen Sonntag, 13.04.2014 ab 20 Uhr eine Aufzeichnung von Riccardo Primo von den diesjährigen Karlsruher Händel Festspielen.

Hier der Link zum kompletten Sonntagsprogramm von SWR2:
www.swr.de/swr2/programm/-/id=661104/date=20140413/1o9160z/index.html

Dienstag, 1. April 2014

6. Symphoniekonzert, 31.03.2014

Harfenklänge, Frühling und Natur - das sechste Symphoniekonzert hatte jahreszeitlichen Bezug und passte gut zum frühen Frühling 2014.

Der jung verstorbene japanische Komponist Toru Takemitsu (*1930 †1996) hat viel Filmmusik komponiert und europäische und asiatische Einflüsse in seinen Werken kombiniert. Spirit Garden soll durch japanische Gartenkunst inspiriert sein: eine Meditation über stilisierte Natur - die an diesem Abend aber wenig reizvoll erklang und schnell aus der Erinnerung verschwand. Zu hören war etwas namenlos Mysteriöses, das sich nicht richtig entfaltete und evtl. nur im Kontext seiner Filmmusikkarriere interessant ist. Ungewöhnlich wenig Applaus für diese schwunglose Musik und die anschließende große Umbauphase schien einigen interessanter als der Spirit Garden.

Die französische Komponistin Germaine Tailleferre (*1892 †1983) ist heute praktisch unbekannt. Ihr Concertino für Harfe und Orchester aus dem Jahr 1928 allerdings eine schöne Entdeckung und auf sympathische Weise gefällig: ein nachdenklicher Mittelsatz wird kontrastiert durch fluffig-lockere Ecksätze - Viel Applaus für Harfenistin Bridget Kibbey und die Musiker.

Das zweite Harfenkonzert des Abends war eine europäische Erstaufführung und ein deutsch-amerikanisches Auftragswerk der Badischen Staatskapelle, des Alabama Symphony Orchestra, des San Jose Chamber Orchestra, des Metropolis Ensemble New York und der Phillips Collection of Arts an die junge Komponistin Vivian Fung, die eine große Leistungsschau der Harfenmusik komponiert hat: ungewöhnlich abwechslungs- und farbenreich, technisch schwierig und virtuos mit verschiedensten Artikulationstechniken. Sehr originell und zum Zuschauen und zum Zuhören ein schönes Konzerterlebnis. Man verstand, warum der Karlsruher GMD Justin Brown die kanadische Komponistin unterstützt. Man kann gespannt sein, ob man zukünftig in Karlsruhe auch noch weitere Kompositionen von Fung hören wird.
Die amerikanische Harfenistin Bridget Kibbey, mit deren Hilfe Fung das Konzert auch konzipierte, erspielte sich mit beiden Konzerten die Ovationen des Publikums. Schade, daß es für Harfe so wenig Konzerte gibt; Fung hat einen neuen Standard mit ihrem Werk hinzugefügt, Kibbey meisterte dessen Herausforderung mit klangsinnlicher Souveränität.

Nach der Pause dann Robert Schumanns erste Symphonie, die sogenannte Frühlingssymphonie. Die Uraufführung im Jahr 1841 benötigte 49 Musiker, Johannes Willig, der im Programmheft interessante Informationen zu Schumann gibt, dirigierte "historisch": erste und zweite Geigen saßen sich gegenüber und es wurden ventil- und klappenlose Naturhörner eingesetzt und mit 56 Musikern gelang ihm eine mitreißende Interpretation: zupackend, frisch und vorbildlich gespielt und dirigiert. Bravo!

Freitag, 28. März 2014

Schönes Lob für Weinbergs 'Die Passagierin' in Karlsruhe

Weinbergs Oper Die Passagierin (mehr auch hier) gehört zu den geglückten Ausgrabungen und Sternstunden der letzten Jahre.

Nun hat der Schriftsteller Ilija Trojanow, der für die österreichische Zeitung Der Standard einen Opern-Blog schreibt, in Karlsruhe Die Passagierin besucht und sehr schöne Worte in der Zeitung für die Produktion des Badischen Staatstheater gefunden:

"Karlsruhe war einst Residenzstadt, dann die Landeshauptstadt Badens. Das ist jener Teil Deutschlands, in dem sich das Wetter am häufigsten sonnig gebärdet. Vielleicht gehen deshalb die Straßen in dieser zu Barockzeiten ordentlich geplanten Stadt wie Strahlen vom zentralen Schloss ab. Während der Revolution von 1848/49 wurde der Großherzog kurzzeitig vertrieben. 1863 wurde das landesweit erste Verwaltungsgericht gegründet. Heute tagt hier mit dem Bundesverfassungsgericht eine Institution, die in letzter Zeit das Grundgesetz öfters gegen blinde Übergriffe der Legislative verteidigen musste. All das ist im Badischen Staatstheater zu spüren: der durch und durch demokratische Bau (hervorragende Akustik und gute Sicht auch von den günstigeren Platzen aus), das anspruchsvolle Programm mit vielen Premieren und der Reihe "Politische Oper", ein Publikum, das zwar zuerst skeptisch reagiere, wie der bemerkenswerte Chefdramaturg Bernd Feuchtner erzählt, dann aber Geschmack an Qualität finde (das Haus war fast voll, das Publikum begeistert) – alles in allem ein kleines Wunder. Was die Oper betrifft, gibt es in Deutschland keine Provinz.
(Ilija Trojanow, derStandard.at, 28.3.2014)
"

Der ganze Artikel findet sich hier: http://derstandard.at/1395363499611/Opernpentathlon-Musik-gegen-das-Verschweigen

Sonntag, 23. März 2014

Mythos (Ballett), 22.03.2014

Sehr spannend, beeindruckend und abwechslungsreich - die gestrigen drei Ballett-Uraufführungen bekamen für alle Teile viel Applaus und Bravos und sollten ein weiterer Hit beim Karlsruher Publikum werden!

Thema Mythos - Ausbruch oder Ausdruck?
Die diesjährige Frühjahrspremiere im Badischen Staatsballett zeigt drei Choreographen mit Uraufführungen unter der thematischen Überschrift Mythos - wobei mythisch an diesem Ballettabend eine diskutable und damit interessante Zuordnung ist, denn ist die heutige Verwendung eines Mythos nun ein Ausbruch aus der Moderne oder doch viel mehr ihr Ausdruck? Der Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung Peter Sloterdijk kam einst in einem Gespräch zu der überraschenden Einsicht, daß wir heute 'wieder in einem mythologischen Horizont leben'"Der Mythos ist eine Methode, die Welt so zu beschreiben, daß in ihr nichts Neues passieren kann." Und was produzieren unsere Medien, Zeitungen und Nachrichtensender anderes als Wiederholungen! "In diesem Sinne wirkt die Summe aller Nachrichten und Geschichten mythologisch ... die Nachrichten bringen die immergleichen Themen, die immergleichen Unfälle, lauter Urszenen im Gewand von Neuigkeiten. ... Aufs ganze gesehen erzeugen auch unsere Medien eine überraschungsfreie Welt, und dadurch wird sie wieder mythologisch." Die thematische Überschrift dieser Ballette ist also auf der Höhe der Zeit, "weil eine präsentische Kultur wie die unsere sich von zeitlosen Themen ernährt, die sie durch die Medien zirkulieren lässt."
 
Ob nun wie im Programmheft beschrieben Mythen durch Umkreisung der Welten- und Lebensrätsel entstehen, wobei der Tanz sprachlos Dinge in ein neues Licht zu rücken vermag oder ob der Mythos auf symbolische Weise das Zeitlose umkreist und die Welt in ihrer Unfassbarkeit und Unausweichlichkeit deutet, jeder Choreograph näherte sich seinem Mythos auf sehr unterschiedliche Weise:
 
DER FALL M., das ist der Medea Mythos, also die Frau, die aus Liebe zu Jason und dann aus Rache für das Liebesende radikal alle Brücken hinter sich abbricht und ihre eigenen Kinder und ihre Rivalin ermordet. Die Konstellation "alle gegen eine" war dabei für Choreograph Reginaldo Oliveira ein Entscheidungskriterium, um sich Medea zuzuwenden; Schuld, Sühne und Vergebung sind Themen des Balletts. Oliveira ist seit 2006 Tänzer der Karlsruher Compagnie und hatte bisher mit einigen originellen Choreographien auf sich aufmerksam gemacht. Der Fall M. ist konkret gedeutet und erzählt, Oliveira gelingt dabei eine gelungene Aktualisierung des Mythos als Psychothriller. Nach einem surreal anmutenden Beginn folgt das Herzstück des Balletts (und vielleicht sogar des ganzen Abends): die intensive Beziehungsbeschreibung einer erkalteten Liebe - großartig getanzt von den beiden ersten Solisten Bruna Andrade und Flavio Salamanka, die ihren Figuren durch Oliveiras intelligente Choreographie ein starkes Profil verleihen und eine packende Auseinandersetzung darstellen. Es ist schon eine besondere Aura, die Andrade ihrer Meda verleiht, besser kann man es nicht machen. Salamanka ergänzt sie als Jason kongenial - Bravo!
Diskutabel ist Oliveiras Schlußbild, und zwar musikalisch und szenisch, wenn er Medea ein versöhnliches und für einige vielleicht utopisch wirkendes Quasi-Happy-End schenkt, daß sich vielleicht ein wenig zu unecht und überraschend anfühlt. Dennoch ein besonderes Ballett: 50 Minuten Hochspannung und ein sehr zufriedenes Publikum zur Pause.

ORPHEUS
Tim Plegge, der in Karlsruhe gefeierte Choreograph von Momo, wählte Orpheus als Mythenfigur und machte aus ihr "die Geschichte eines Mannes...., der sich in erster Linie über seine Erinnerungen definiert, der sich im innerlichen Durchleben des Vergangen selbst am besten spürt, und der schließlich einen Moment erlebt, in welchem die Grenzen zwischen seiner eigenen Gegenwart und der Vergangenheit auf magische Weise aufgehoben werden." Dazu holt Plegge neben den sehr guten Haupttänzern Blythe Newman und Pablo dos Santos einen Schauspieler auf die Bühne, der als alter Mann Verlusterfahrung und Erinnerungswillen verkörpert. Es geht Plegge um die "Überwindung der Grenzen von Leben und Tod". Sein Interpretationsansatz ist suggestiv und poetisch mit starken und einprägsamen Bildern und Videoeinspielungen.

SPIEGELGLEICHNIS
Choreograph Jörg Mannes verwendet für sein Ballett keinen bestimmten Mythos, sondern "sucht in seiner Kreation nach dem Mythos als Gleichnis" und choreographiert ein Ballett in einem Spiegelkabinett. Eingeschlossen in einem Spiegelkabinett zu sein, ist eine Metapher für Erkenntnisfähigkeit: ob Metaphysik, ob Astrophysik - alles was sich nicht mit Innenarchitektur befasst, ist reine Spekulation und ohne Verifikationsmöglichkeit. Letztendlich wird man durch den Spiegel nur reflektiert - Mannes Choreographie ist entsprechend selbstbezogen, verspielt und endet mit einem lauten Lachen. Der Mythos ist nur noch eine lose Klammer in ironischer Haltung. Alle Tänzer dürfen dabei auf die Bühne und zeigen beeindruckende Gruppenszenen.

Sebastian Hannak, in Karlsruhe bekannt als Bühnenbildner von Momo und Jakob der Lügner, hat einen variablen Einheitsraum  in ovaler Form geschaffen, der sich für die drei unterschiedlichen Mythos-Deutung perfekt eignet und durch die Kostümbildner sehr schön unterstützt wird.

Fazit: Ausdrucksstark, bildstark, abwechslungsreich, viele Eindrücke und spannende Momente in drei ganz unterschiedlichen und sich ergänzenden Choreographien - der lange Jubel des Publikums für das Ballett-Tryptichon war hoch verdient. Die ca 30 Tänzer des Badischen Staatsballetts zeigten eine beeindruckende Leistungsschau. Die guten Karten sollten dafür bald vergriffen sein!

Team
BÜHNE: Sebastian Hannak 
KOSTÜME: Judith Adam, Heidi de Raad (bei Jörg Mannes)
LICHT:  Stefan Woinke

Musikzusammenstellung laut Programmheft:
DER FALL M.
Alberto Iglesias - "Una patada en los huevos“ aus der Filmmusik La piel qué habito
Alberto Iglesias  - "Some craziness is good“ aus der Filmmusik Ché
Lera Auerbach - Sogno di Stabat mater
Lera Auerbach - Präludium Nr. 1 aus 24 Präudien für Violine und Klavier op. 46
Alberto Iglesias - "Duelo final“ aus der Filmmusik La piel qué habito
Lera Auerbach - Präludium Nr. 5 aus 24 Präudien für Violine und Klavier op. 46
Alberto Iglesias - The Dancer Upstairs 3“ aus der Filmmusik Pasos de baile
Max Richter - „She finds the child“ aus der Filmmusik The Congress
Max Richter -  „Beginning and ending“ aus der Filmmusik The Congress

ORPHEUS
Philip Glass - Double Concerto for Violin, Cello and Orchestra (2010)

SPIEGELGLEICHNIS
Giovanni Sollima - Tree Raga Song
Giovanni Sollima - Violoncelles, vibrez!

Samstag, 22. März 2014

Stuttgarter Ballett - Giselle, 21.03.2014

Die Karlsruher Giselle in der Choreographie von Peter Wright erlebte ihre Premiere 1965 in Stuttgart und es heißt, daß einige dort dieser schönen Produktion bis heute nachtrauern. Die aktuelle Stuttgarter Giselle von Reid Anderson und Valentina Savina debütierte 1999 und hatte gestern ihre Wiederaufnahmenpremiere in Stuttgart. Da man in beiden Fällen auf die Choreographie des Balletts nach dem historisch überlieferten Vorbild von Marius Petipa, Jean Coralli und Jules Perrota zurückgreift, ähneln sich die Karlsruher und Stuttgarter Giselle stark und auf einen ersten Blick sind kaum Unterschiede festzustellen. Im zweiten Akt hat Karlsruhe meines Erachtens die stimmungsvollere, nachtblauere und romantischere Fassung. Opulenter ist Karlsruhe auch bei der Anzahl des Corps de Ballett: in Stuttgart sind 18 Wilis auf der Bühne, auf der größeren Karlsruher Bühne 24. In Karlsruhe scheint der weite Bühnenraum auch besser genutzt und ergibt bei den großen Szenen immer wieder eindrucksvollere Gruppenszenen, während die Stuttgarter Nachtgeister weniger bedrohlich als die Karlsruher wirken.

Tänzerisch ist Stuttgart wie üblich eine Klasse für sich. Alicia Amatriain als Giselle und Friedemann Vogel als Albrecht gehören zu den Stars des Stuttgarter Balletts und tanzten auch beide 2012 in der Jubiläumsaufführung von Crankos Romeo und Julia mit (mehr dazu hier), also an dem Abend, an dem Birgit Keil und Vladimir Klos, Marcia Haydée, Egon Madsen und Ray Barra noch mal auf der Bühne standen.
Vogel war bei der Wiederaufnahme der Star des Abends und durch seine elegante Leichtigkeit  Publikumsliebling, gefolgt von Amatriain, die aber gestern etwas angeschlagen wirkte und nicht ihren besten Tag erwischt zu haben schien. Als Myrtha tanzte Rachele Buriassi zu unauffällig und konnte ihrer Figur wenig Souveränes oder Charakteristisches verleihen. Überhaupt war es zwar eine schöne Wiederaufnahme, doch mit einigen Patzern.  Im ersten Akt beeindruckte dafür gestern der sogenannte Bauern-Pas-de-deux mit einem starken Constantine Allen und einer sich steigernden Elisa Badenes.
Im Orchestergraben gibt es kaum Unterschiede - hier wie dort trägt das Orchester wesentlich zur Dramatik bei.

Fazit: Der Südwesten ist dieses Frühjahr Giselle-Land. Wer dieses Musterbeispiel für romantisches Ballett liebt, der kann sowohl in Karlsruhe als auch in Stuttgart eine hochklassige Aufführung mit unterschiedlichen, aber sich ausgleichenden Stärken und Schwächen sehen.

Dienstag, 11. März 2014

5. Symphoniekonzert, 10.03.2014

Seit Anne-Sophie Mutter (*1963) und Isabelle Faust (*1972) ist der Musikmarkt von jungen Geigerinnen erobert worden. Wer heute eine Einspielung eines Violinkonzerts erwerben möchte, kommt an ihnen nicht vorbei: Julia Fischer und Arabella Steinbacher, Janine Jansen und Hilary Hahn oder Baiba Skride und Lisa Batiashvili sowie Tianwa Yang, Patricia Kopatchinskaja, Vilde Frang und auch die gestern in Karlsruhe zu hörende Chloë Hanslip (u.v.a.m.) - die Werbeabteilungen des Klassikmarktes hätten es nicht besser erfinden können.

Die junge britische Geigerin Chloë Hanslip (*1987) hatte als Wunderkind (u.a. früh gefördert von Yehudi Menuhin) bereits 1999 eine kleine Rolle in einem britischen Kinofilm: in der Verfilmung Onegin nach Puschkins Versepos (Hauptdarsteller Ralph Fiennes und Liv Tyler). Sie spielt darin in einem Konzert Tartinis Teufelstrillersonate, während Tatjana unruhig auf die Folgen ihres an Onegin gerichteten Liebesbriefs wartet.
Inzwischen gibt die sehr gut deutsch sprechende Hanslip Konzerte auf der ganzen Welt. Gestern spielte sie in Karlsruhe das berühmte und beliebte Violinkonzert in e-Moll von Felix Mendelssohn und zwar mit souveräner Leichtigkeit und betörend schönem Geigenton. Nach einem virtuosen und ausdrucksstarken Eingangssatz ließ Hanslip ihre Geige im anschließenden Andante beseelt singen, bevor sie das Konzert mit einem heiteren, lebhaften und leicht dahinfließendem Allegro beendete. Ein abwechslungsreiches Konzert, das wie im Fluge verging und bei dem sich wahrscheinlich einige im Publikum gewünscht haben, es einfach nochmal komplett zu wiederholen. Ein sehr guter Auftritt, nach dem man schon an ein Folgekonzert denken könnte: Edward Elgars großes Violinkonzert war bspw. schon über 10 Jahre nicht mehr in Karlsruhe zu hören.

Nach der Pause die Asrael Symphonie aus dem Jahr 1906 von Josef Suk konnte ich an diesem Montagabend aufgrund anderweitiger abendlicher Verpflichtung nicht mehr anhören und musste schweren Herzens auf sie verzichten. Vor knapp zwei Jahren war Dirigent Tomáš Hanus schon mal zu Gast in Karlsruhe (mehr dazu hier) und bekam damals herzlichen Applaus. Sein gestrige engagierte Einführung zu Suks Symphonie ließ erahnen, daß es ein hörenswertes Konzert werden würde. Schade, aber zumindest hatte ich so den Rest des Abends Hanslips Mendelssohn im Ohr.