Dienstag, 25. November 2014

3. Symphoniekonzert, 24.11.2014

Was für eine gelungene und schöne Symphoniekonzertsaison bisher!

Viktor Ullmann
erlitt das gleiche Schicksal wie Hans Krása: er starb in Auschwitz. Auch Ullmanns Werke werden heute wieder neu entdeckt und gespielt, z.B seine Oper Der Kaiser von Atlantis hat es wieder zu gewisser Bekanntheit gebracht. Das gestern gespielte Don Quixote tanzt Fandango ist ein nicht fertig gestelltes Werk. Die Ouvertüre für Orchester wurde wenige Monate vor Ullmanns Tod komponiert und erst nach dessen Tod instrumentiert. Wie oder ob es so klingen sollte bleibt spekulativ. Man hört ein interessantes Musikstück mit leichten Anklängen an Mahler. Ein netter musikalischer Aperitiv.

Eine weitere deutsche Erstaufführung beschloß den ersten Teil des Konzerts. Thomas Larcher ist österreichischer Komponist. Sein ca. 22minütiges Konzert für Violine, Violoncello und Orchesters wurde 2011 in London uraufgeführt. Zu Beginn hört man eine Collage: Musik vor Hintergrundtönen - "ein Knacksen, ein Flimmern" laut Programmheft. Doch diese entwickelt sich zu etwas Besonderem. Larcher konstruiert keine Klangmassen ohne bedeutende Form, sondern erschafft eine spannende Architektur, der die Hörer gestern teilweise gebannt folgten bis das meditativ-sphärische Ende das Werk glücklich abrundet. Ein gelungenes und individuelles Werk mit Charakter und eine Entdeckung zum Wiederhören und Weitererkunden - kurz: für ein zeitgenössisches Werk hervorragende Eigenschaften!
Die Solisten der Uraufführung spielten auch gestern in Karlsruhe: Die durch zahlreiche CD-Einspielungen bekannte Violinistin Viktoria Mullova und ihr Ehemann Matthew Barley am Cello, den das Programmheft etwas zu flapsig als "verrückter Grenzgänger zwischen Klassik und Weltmusik" beschreibt, wobei unklar bleibt, ob verrückt als Warnung, Lob oder im Sinne einer mentalen Unordnung gemeint ist. Beide spielten ausgezeichnet mit warmen Klang in harmonischer Ergänzung und leisteten mit Justin Brown ihren Beitrag zum gestrigen  Erfolg, der durch herzlichen Applaus belohnt wurde.


Richard Strauss als Komponist zweifelhafter Musik???
Dieses Jahr feiert man den 150. Geburtstag von Richard Strauss und gerade in Karlsruhe gehören Strauss' Opernwerke zum relevanten Kanon. Umso überraschter mußte man sein, daß die Operndirektion keine Jubiläumsinszenierung auf die Bühne brachte. Hat man ihn schlicht vergessen? Es drängt sich der Verdacht auf, daß man ihn aus persönlichen Gründen nicht haben wollte. Das Programmheft ordnet das gestern zu hörende Ein Heldenleben als ideologisch belastet ein: Richard Strauss hat diesen "fatalen Zug des deutschen Bürgertums, der nicht nur in den Ersten Weltkrieg, sondern letztlich auch zu Hitler führte, in seinem Heldenleben auf den Punkt gebracht". Was will man damit behaupten? Ein Heldenleben als Programm-Musik für Kriegstreiber? Musik, die 1898 uraufgeführt wurde, als Ausdruck von Größenwahn? Also bitte! Wer in den 1950ern  Rock'n'Roll  Musik machte, war auch nicht im Auftrag Satans unterwegs. Musik Gesinnungsdefizite oder Haltungsschäden nachweisen zu wollen, ist Spekulation ohne Mehrwert. Da macht man es sich sehr einfach, um ein Werk oder den Komponisten zu diskreditieren. Unterlegt wird diese Behauptung im Programmheft durch das Zitat eines Zeitgenossen von Strauss: "Es gibt ferner im Heldenleben eine geißelnde Verachtung, ein böses Lachen, ..... Wenig Güte. Es ist das Werk des heroischen Ekels". Ok, nicht jeder mag die Musik Richard Strauss'. Aber "böses Lachen" und ein "Werk des heroischen Ekels", wie das Programmheft zitiert? Nur dann, wenn heroischer Ekel die Umschreibung für Satire ist oder ein Synonym für die Kombination aus Selbstbewusstsein und Humor. Und anstatt Verachtung ist Spott das bessere Wort. Strauss' Gegner sind satirisch dargestellt - dies als Charakterdefizit einer Epoche zu stigmatisieren, lässt eher vermuten, daß die "geißelnde Verachtung" bei anderen Personen als dem Komponisten oder einer Epoche zu suchen sein könnte.
Auch der besprochene (und nicht neue) Vergleich mit Beethovens Eroica ist nur begrenzt zielführend. Das relevante Gegenstück zu Strauss' Heldenleben scheint mir eher Gustav Mahlers 6. Symphonie zu sein. Strauss beschreibt den positiven Helden, der gegen Anfeindungen kämpft und über seine Gegenspieler triumphiert. Bei Mahler triumphiert das Schicksal über den Helden: Ein "negativer" Held, dessen Heldentum darin besteht, daß er nach jedem Sturz wieder aufsteht. Beide ereilt das Schicksal schließlich fatal: verklärend bei Strauss, scheiternd bei Mahler. Beider Werke sind die Ergebnisse unterschiedlicher Charaktere, die sich zeitgebunden entwickelt haben.  

Nun denn, man hat sich in Karlsruhe doch dazu durchgerungen, Ein Heldenleben zu spielen. Irgendwie muß man ja dieses lästige Jubiläum begehen, um nicht die Stammbesucher weiter zu verärgern. Die scheinbaren Zweifel am Werk scherten Justin Brown zum Glück wenig und er zeigte, daß diese Musik weder böse, noch geißelnd oder arm an Güte ist, sondern spannend, witzig und musikalisch grandios. Strauss konzipierte für opulent besetztes Orchester: Dirigent Justin Brown, Violinist Janos Ecseghy und die Badische Staatskapelle spielten das Heldenleben so überzeugend, daß es fast 10 Minuten Applaus gab! Was für eine gelungene und schöne Symphoniekonzertsaison bisher!

Montag, 24. November 2014

Theo van Gogh - Das Interview / Lot Vekemans - Gift, 23.11.2014

Ein zweifaches Doppel: zwei spannende Stücke holländischer Autoren für jeweils zwei Schauspieler an einem Abend, die zukünftig auch einzeln gezeigt werden. Das Ergebnis ist höchst unterschiedlich: Das Interview ist geglücktes Theater, Gift hingegen enttäuscht auf ganzer Linie!

(Un-)Ähnliches
Das Interview
zeigt zwei Medienexperten: eine Konfrontation zweier Fremder in verbaler Auseinandersetzung. Man täuscht sich, um Vorteile zu erringen, man forscht nach den Schwachpunkten und seelischen Verwundbarkeiten des anderen. Das Stück ist geprägt durch überraschende Wendungen und eine grobe und herzlose Komik, bei der man entsetzt und amüsiert sein kann.
Gift zeigt ein früheres Ehepaar: zwei unaufgeregte Alltagsmenschen, Vertraute, die sich fremd geworden sind und nach bitteren Krisen und jahrelanger Funkstille endlich Unaufgearbeitetes klären. Hier dominieren Rücksichtnahme und Schweigen, das durchbrochen werden will. Es geht um Ursachenforschung und um die Therapie seelischer Verletzungen. Gift ist ernst und gelegentlich melancholisch komisch..
Kurz: Das Interview sucht und erforscht Abgründe, in Gift will man Brücken über Gräben bauen.

THEO VAN GOGH - DAS INTERVIEW
Der Journalist, Regisseur und Provokateur Theo van Gogh wurde im November 2004 auf einer Straße in Amsterdam ermordet: acht Kugeln trafen ihn, dann wurde ihm die Kehle durchgeschnitten und ein Bekennerschreiben mit zwei Messerstichen auf seine Brust geheftet. Was hatte van Gogh getan, um so bestialisch hingerichtet zu werden? Er hatte die Unterwerfung und Beschneidung von Frauen im Islam kritisiert und mißbrauchte muslimische Opfer zu Wort kommen lassen. Ein in Holland geborener islamischer Fundamentalist afrikanischer Herkunft richtete ihn hin. Seitdem sind weltweit Morddrohungen und Ermordungen nicht rückgängig. Das dunkle Herz des religiösen Fanatismus wütet weiterhin gegen Toleranz, Aufklärung und Freiheit. Sich mit künstlerischen Mittel zur Wehr zu setzen, ist gefährlich. (Nur auf Kosten des Papstes und der katholischen Kirche wagen viele, Kritik zu zeigen. Der Scheiterhaufen hat ja bereits lange ausgedient und schüchtert niemand mehr ein). Zehn Jahre nach seiner Ermordung erinnert man nun zumindest im Karlsruher Schauspiel an den ermordeten van Gogh und seinen Willen zur Unbequemheit.

Worum geht es?

Ein Kriegsreporter und Politjournalist bekommt die überraschende und für ihn lächerlich wirkende Aufgabe, eine Soap Opera Darstellerin zu interviewen. Doch die lässt nicht zu, daß der unvorbereitete Interviewer sich über sie lustig macht und als massenverblödendes Dummchen darstellt. Es wird ein Duell unter Ebenbürtigen, ein Nahkampf mit vergifteten Komplimenten und gespielter Anteilnahme, gezielten Provokationen und instrumentalisierten Gefühlen. Was ist Berechnung und Täuschung? Was ist authentisch, welches Bekenntnis wahr? Wer gewinnt die Oberhand? Das ursprüngliche Drehbuch zum  Stück wurde zwei mal verfilmt, das amerikanische Remake ist mit Steve Buscemi und Sienna Miller prominent besetzt.
              
Was ist zu sehen?
Erneut liefern Regisseur Dominique Schnizer und seine Ausstatterin Christin Treunert (beiden verdankt man in Karlsruhe auch Richtfest und Der einsame Weg) eine ausgezeichnete Arbeit ab: sehr gut balanciert, jederzeit spannend und ohne Durchhänger und mit Schauspielern, die stets überzeugen und die Spannung gekonnt aufrecht erhalten. Schnizer legt seine Figuren dabei anders an als bspw. die amerikanische Verfilmung. Jannek Petri spielt den Kriegsreporter Pierre nicht als abgestumpften und herablassenden Zyniker, sondern als stark traumatisierten Choleriker. Joanna Kitzl kontert als vielleicht sogar zu eloquente und selbstbewusste Katja. Das Gleichgewicht wird dadurch verschoben, der Duellcharakter geht etwas verloren. Dennoch wird man durch die Wendungen immer wieder überrascht und wird vor allem der Doppelanforderung zwischen Komik und Entsetzen hochwertig gerecht.

Fazit: Bravo! Eine sehr gute Leistung aller Beteiligten, die auch dann überzeugt, wenn man die Verfilmung (und damit die Pointe) bereits kennt.
   

LOT VEKEMANNS - GIFT
Die holländische Autorin Lot Vekemanns (*1965) hat für ihre Stücke bereits einige Auszeichnungen erhalten und ist aktuell angesagt auf deutschen Bühnen: Wer Gift im November 2014 sehen wollte, der könnte das auch in Zürich, München, Aachen, Düsseldorf, Hamburg und Berlin. Wieso der Text so attraktiv ist, erschließt sich in der komplett mißglückten Karlsruher Inszenierung nicht. Frau Vekemanns mußte die Einladung zur Karlsruher Premiere aus Termingründen absagen - zum Glück blieb ihr diese uninspirierte Aufführung erspart.

Worum geht es?

Ort: das Büro eines Friedhofs. Aufgrund einer scheinbar notwendig geworden Umbettung ihres verstorbenen Sohns trifft sich zum ersten Mal seit der Trennung ein früheres Ehepaar wieder, deren Ehe durch den Unfalltod des gemeinsamen Kinds auf eine zu harte Probe gestellt wurde. Er zog einen radikalen Schlußstrich, ging am Abend des 31.12.1999 (in Karlsruhe wird daraus der weniger symbolische 31.12.2005) fort, um zu verdrängen, neu anzufangen ohne den Kontakt aufrecht zu erhalten und ist nun in der Zwischenzeit wieder verheiratet und werdender Vater. Seine frühere Frau blieb alleine und verzweifelt zurück, verstand die Trennung nicht und kämpft immer noch gegen Resignation und Schmerz. In Vekemans Dialog bewegen sich die beiden Figuren langsam aufeinander zu und verarbeiten, was ungesagt blieb. Es gibt Vorwürfe und Streit, bittere Erinnerungen, aber auch der Wille zur Versöhnung und Rücksichtnahme.

Was ist zu sehen?
Das Bühnenbild ist dem Thema entsprechend karg: eine Wand, Stühle, ein Getränkeautomat und Wasserspender. Die junge Regisseurin Marlene Anna Schäfer schafft es, fast jede Binnenspannung aus dem Stück zu eliminieren, ihre Inszenierung kommt über Allgemeinplätze und Offenkundiges nicht hinaus. Kaum eine Szene, in der man von einer Idee sprechen kann, von Originalität ganz zu schweigen. Sie folgt dem Text ohne die Situationen auszuloten, gleich zu Beginn wird bei ihr bspw. bereits aus kalter Glut unbeteiligte Lakonik und zu schwache Charakterisierung. Gift zieht sich langweilig dahin und bleibt stets an der Oberfläche. Doch nicht nur die Regie weiß wenig mit dem Stück anzufangen, auch die Schauspieler nutzen diese Chance der fehlenden Regie nicht; sie schaffen keine Spannung und machen fast nichts aus ihrem Text. Antonia Mohr enttäuscht mit einer seltsam unbeteiligt und ohne Nachdruck wirkenden Charakterisierung. Ihre Figur bleibt komplett blaß und konturenlos. Frank Wiegard schien als Experte für einfache Charaktere und niedrig dimensionierte Figuren seine Position im Karlsruher Ensemble gefunden zu haben; mit der (Fehl-)Besetzung dieser Rolle hat man ihm und dem Publikum keinen Gefallen getan. Wiegard zeigt keine Entwicklung und macht fahrlässig wenig aus seinem Text. Seine Rollendarstellung erinnert leider unweigerlich daran, welche Verluste das Ensemble des Karlsruher Schauspiels erlitten hat. Im Programmheft stellt man Gift in eine Reihe mit Wer hat Angst vor Virginia Woolf? und Der Gott des Gemetzels. Zwei Stücke, die im letzten Jahrzehnt in Karlsruhe zu sehen waren und wer sich an die damaligen Aufführungen zurückerinnert, dem wird angesichts dieser lauwarmen schauspielerischen Leistungen das Herz bluten.

Fazit: Leider ein erneuter Beweis: es fehlen Hauptrollenschauspieler. Eine schwache Leistung, die man wahrscheinlich/hoffentlich bald aus dem Spielplan nehmen wird!


Team und Besetzung:

Das Interview
Katja: Joanna Kitzl
Pierre: Jannek Petri
Regie: Dominique Schnizer
Bühne & Kostüme: Christin Treunert

Gift
Sie: Antonia Mohr
Er: Frank Wiegard
Regie: Marlene Anna Schäfer
Bühne & Kostüme: Christin Treunert

Sonntag, 16. November 2014

John Cranko - Der Widerspenstigen Zähmung, 15.11.2014

Jubel und Applaus
Birgit Keil und das Badische Staatsballett bringen mit Der Widerspenstigen Zähmung einen Klassiker des Balletts von Keils Mentor und Ballettlegende John Cranko auf die Karlsruher Bühne - und es ist gekommen, wie es kommen mußte: alle jubeln und  strahlen und sind begeistert. Ein durch und durch humorvolles Ballett, das viel zu schnell vorüber ist. Und wer schon immer wissen wollte, wieso Premierenkarten ein besonderes (und etwas kostspieligeres) Vergnügen sind, der konnte gestern anhand der Vorfreude, Spannung, der wunderbaren Stimmung und dem Enthusiasmus beim Publikum unmittelbar mitverfolgen, wie viel Glück und Harmonie gelungene Premierenstimmung in sich trägt. (Zumindest etwas von diesem Erfolg wünscht man in Karlsruhe auch Oper und Schauspiel, aber da liegt noch ein langer Weg mit viel Änderungsbedarf vor diesen Sparten, bevor man wieder annähernd diese Akzeptanz und Zuneigung des Publikums erringen kann. Doch auch die Schwäche der Oper hat anscheinend ihre Auswirkung aufs Ballett: wenn sich die Anzahl der spartenübergreifenden Abonnements verringert, bleiben auch öfters Karten im Ballett übrig.)

Ruhm und Ehre
Birgit Keil bekam vom Nachlassverwalter John Crankos die Aufführungsrechte des Werkes zum Geschenk. Die Uraufführung des Stuttgarter Balletts fand am 16. März 1969 statt und nach 45 Jahren feiert man nun in Karlsruhe das frühere Stuttgarter Ballettwunder und Keils Lebenswerk und Karriere als Ballerina, Lehrerin, Förderin und Ballettdirektorin sowie den aktuellen Erfolg des Karlsruher Staatsballetts und insbesondere der Gewinn des FAUST-Preises durch die erste Solistin Bruna Andrade.
Nach einem Autounfall im Jahr 1968 erfolgte Birgit Keils erster Auftritt in Der Widerspenstigen Zähmung als Bianca beim legendären Stuttgarter Gastspiel im Mai 1969 in New York. Nach weiteren Verletzungspausen erfolgte ihr Rollendebut als Katharina im Dezember 1970.

Worum geht es?
Das auf Shakespeares gleichnamiger Komödie basierende Ballett dreht sich um zwei Schwestern: Die liebreizende Bianca hat drei Verehrer, darf aber erst heiraten, wenn ihre ältere Schwester -die widerborstige Katharina- unter die Haube gekommen ist. Diese zeigt aber keine Ambitionen und so bezahlt man den mittellosen Petrucchio, um Katharina zu ehelichen. Doch es ist keine Liebe auf den ersten Blick, erst nach einigen Auseinandersetzungen finden die beiden zueinander. John Cranko erklärte dazu: „Die ganze Handlung dreht sich um einen Mann und um eine Frau und um deren Beziehung zueinander. Drei Pas de deux. Zuerst ist sie die Stärkere, er ist der Freier; im zweiten ist er der Stärkere, sie seine Frau; zum Schluss kommen sie zu einer Balance und sind wirklich ineinander verliebt“. Doch bis dahin gibt es Szenen häuslicher Gewalt und Konfrontationen klassischer Rollenvorstellungen - und das alles in deutlichen Szenen und ständigem Hin und Her zwischen den Figuren: es geht um Macht und Unterwürfigkeit, es gibt Ringkämpfe und gerissene Finten, doch ohne ernsten Subtext. Alles ist in geradlinigem Humor gehalten: Ballett als Show.

Was ist zu sehen?
John Crankos Ballettkomödie hat seine Ausnahmestellung durch Eigenschaften, die man auch dem Choreographen nachsagt: "überquellender Humor und ansteckende Lebensfreude". Ein stets heiteres und kurzweiliges Vergnügen, bei dem die Tänzer gleich mehrfach gefordert sind: tänzerisch, schauspielerisch, pantomimisch und komödiantisch. Das Leichte ist das Schwere - unter dieser Prämisse gelang dem Karlsruher Ballett gestern ein großartiger Erfolg, denn es wirkte alles leicht und heiter, was in der Premiere zu sehen und hören war.
Als Katharina war in der Premiere Blythe Newman auf der Bühne (in den folgenden Monaten werden auch Bruna Andrade, Harriet Mills und Rafaelle Queiroz zu sehen sein). Newman gab ihrer Rolle die perfekte Mischung aus Resolutheit und Unsicherheit, Kratzbürstigkeit und Liebesglück. Ihr Partner Petrucchio ist mit einem erfahrenem Routinier besetzt.  Filip Barankiewicz (mehr zu ihm findet sich hier) gehört zum Ensemble des Stuttgarter Balletts und tanzt seit Jahren als Petrucchio. Sein Auftritt war aber alles andere als einfach nur routiniert, sondern voller Elan und Freude und Leidenschaft: er bekam immer wieder Szenenapplaus und war der Star des Abends. (Später folgen Kammertänzer Flavio Salamanka, Admill Kuyler und Bledi Bejleri in dieser Rolle.)
Rafaelle Queiroz  als Bianca (später auch mit Sabrina Velloso und Moeka Katsuki besetzt), ihre drei Verehrer Zhi Le Xu, Reginaldo Oliveira (als Gremio ein weiterer komischer Höhepunkt des Abends) und  Louis Bray sowie Bruna Andrade, Hélène Dion und Andrey Shatalin als Priester und die Gruppentänzer- alle zusammen zeigen eine runde Leistung. BRAVO!

Die Ausstattung kopiert die Originalinszenierung von 1969: farbenreiche Kostüme im Retro-Look, die sich an die  Renaissance-Mode des italienischen Spielorts Padua anlehnen. In Kombination mit der Bühne drängt sich die Stilverwandschaft zu Romeo und Julia unmittelbar auf (und zwar in beiden wesentlichen Choreographien: Crankos Stuttgarter Fassung oder die in Karlsruhe gezeigte von Kenneth MacMillan bieten eine ähnliche Ausstattung.)

Was ist zu hören?
Die Musik basiert auf Werken des Barock-Komponisten Domenico Scarlatti, die Kurt-Heinz Stolze arrangiert und orchestriert hat. (Stolze war auch für die Musikauswahl des Cranko-Balletts Onegin verantwortlich). Dirigent Steven Moore  bringt mit der Badischen Staatskapelle diese neoklassizistisch modernisierte und orchestral aufgestockte Musik vergnügt-lebendig zum Klingen - eine gute-Laune-Partitur, der vielleicht etwas die Raffinesse fehlt, dafür aber nie die Konzentration von den Augen zu den Ohren ablenkt.
        
Fazit: Gelöste Feierstimmung bei allen. Man muß es ab und zu wiederholen: wir erleben gerade eine goldene Zeit des Karlsruher Balletts, an die man sich irgendwann in der Zukunft wehmütig erinnert. Und gerade deshalb sollte man das als zufriedener Zuschauer auch honorieren und es weiterempfehlen bzw. Eintrittskarten verschenken! Man muß schon in sehr verstockter Stimmung sein, um hier keine heiteren 2,5 Stunden zu erleben.

PS1: Birgit Keil bleibt bis 2019 Ballettdirektorin in Karlsruhe!

PS2:  gestern gab es Besuch aus Stuttgart - Reid Anderson (seit 1996 Ballettintendant des Stuttgarter Balletts) und Tamas Detrich (seit 2004 der stellvertretende künstlerische Leiter des Stuttgarter Ballett) waren im Publikum.


Team und Premieren-Besetzung
Katharina: Blythe Newman    
Bianca: Rafaelle Queiroz 
Petrucchio: Filip Barankiewicz   
Lucentio: Zhi Le Xu    
Gremio: Reginaldo Oliveira    
Hortensio: Louis Bray   
Baptista: Eric Blanc   
Wirt: Andrey Shatalin    
Priester: Andrey Shatalin    
Dirnen: Bruna Andrade, Hélène Dion    

Musikalische Leitung: Steven Moore
Inszenierung & Choreografie: John Cranko
Einstudierung: Jane Bourne
Bühne & Kostüme: Elisabeth Dalton
Licht: Steen Bjarke

Dienstag, 11. November 2014

Bruna Andrade als FAUST-Preisträgerin

Alle freuen sich mit Bruna Andrade, die letztes Wochenende den FAUST-Preis als beste Tänzerin im Fall M. des Mythos-Ballettabends hochverdient gewonnen hat. Sogar die Frankfurter Allgemeine hat das im Internet kommentiert:

"FAUST-Preis für die brasilianische Ballerina Bruna Andrade
...die zum Glück in Karlsruhe tanzt, und nicht in Rio de Janeiro. Warum sie den Preis als "Beste Darstellerin Tanz" so verdient.
"

Mehr hier: http://blogs.faz.net/tanz/2014/11/10/faust-preis-fuer-die-brasilianische-ballerina-bruno-andrade-645/

Und ebenso preiswürdig und nicht zu vergessen: Die Choreographie, die es Bruna Andrade ermöglichte, den Preis zu gewinnen, ist vom Karlsruher Tänzer und Hauschoreographen Reginaldo Oliveira.

Dienstag, 4. November 2014

2. Symphoniekonzert, 03.11.2014

Ein Werk der Komponistin Vivian Fung war bereits letzte Spielzeit in einem Symphoniekonzert zu hören: ihr Harfenkonzert begeisterte und so war es nur folgerichtig, eine weitere Komposition dem Karlsruher Publikum vorzustellen: Dust Devils aus dem Jahr 2011 ist ein knapp zehnminütiges Werk, das all das beeindruckend zeigt, was viele sehr gute Komponisten heute können: eine meisterhafte Orchestrierung, verschiedene Stimmungen und Effekte, spannend arrangiert mit viel Schlagzeug-Einsatz und zum Abschluß ein durch Blechbläser verstärktes lautes Ende. Ein wenig könnte man meinen, daß das -zweifellos sehr gut gemachte- Gebrauchs- oder Filmmusik ist,  Fungs Harfenkonzert hatte etwas mehr Individualität und vielleicht sollte man eher ein weiteres Solokonzert für eines der nächsten Konzerte aussuchen.

Mieczysław Weinberg (*1919 †1996) ist durch seine Oper Die Passagierin einem größerem Publikum bekannt geworden und viele seiner Werke (mehr als 150 Kompositionen, darunter 22 Symphonien) warten auf ihre Entdeckung. Wie der frühere Karlsruher Dramaturg Bernd Feuchtner im sehr interessanten Programmheft beschreibt, wurde Weinbergs Musik in der UdSSR aufgeführt, aber der Westen ignorierte diese so gar nicht avantgardistische Musik, "die sich an der Symphonik des 19. Jahrhunderts orientierte". Nur Schostakowitsch hat sich durchgesetzt, Komponisten wie Weinberg oder Khatchaturian fristen auf den Konzertbühnen bis heute ein Schattendasein. Weinbergs Violinkonzert g-Moll op. 67 (UA 1961) war gestern in deutscher Erstaufführung zu hören. Es ist ein Konzert mit Substanz und Individualität, auch wenn man gelegentlich doch einen Doppelgänger Schostakowitschs zu hören vermeint: den Beginn des 2. Satzes kann man bspw. durchaus verwechseln, doch muß man beachten, daß Schostakowitsch auch von Weinberg beeinflusst wurde und beide sich sehr gut kannten. Die Abhängigkeiten sind durchaus beidseitig möglich: Schostakowitsch klingt vielleicht auch nach Weinberg.
Violinist Linus Roth hat Weinberg 2010 für sich entdeckt und es sich zur Aufgabe gemacht, Weinberg bekannter zu machen. Er spielte bereits zwei CDs mit seiner Musik ein: das Violinkonzert und sechs Violinsonaten. Roth hinterließ mit dem virtuos fordernden Konzert gestern einen sehr guten Eindruck (und einen sehr schönen Violinklang! Seit 1997 spielt Linus Roth die Stradivari „Dancla“ aus dem Jahr 1703, eine Leihgabe der L-Bank Baden-Württenberg). Nach unruhigen und eilendem Beginn wandelt sich das erst entschlossen wirkende Konzert schnell in einen getrieben und flüchtend wirkenden Modus. Die beiden ohne Pause gespielten mittleren Sätze sind langsam, innerlich und wehmütig; vor allem der dritte Satz steigert sich zu einem wunderbar innigen Geigenspiel. Der entspannte und  positive Schlußsatz lässt die Violine singen und dann langsam verklingen. Ein lohnenswertes Konzert und eine schöne Entdeckung, die sich vielleicht nicht beim ersten Hören umfänglich erschließt, aber der Mühe des Einhörens wert ist.
Nach einer Danksagung an das Badische Staatstheater für die Chance, Weinbergs Konzert vor Publikum zu spielen, gab Roth als Zugabe die Sarabande aus Bachs 2. Partita BWV1004.
 
Nach der Pause dann ein beliebter Favorit im Konzertrepertoire: Modest Mussorgskys Bilder einer Ausstellung ist das Ergebnis doppelter Individualität: Mussorgskys großartiger kompositorischer Eingebung und Maurice Ravels imposanter Orchestrierungsphantasie, die sich gegen andere Versionen immer noch souverän durchsetzt. Und auch gestern gab es viel Applaus, Bravos und Jubel für eine mitreißende, orchestral sehr gute, aber nicht ganz fehlerfreie Aufführung der Staatskapelle.

Wir schreiben das Jahr 2014. Zum ersten Mal in der über 300jährigen Geschichte des Karlsruher Orchesters stand eine Dirigentin am Pult der Badischen Staatskapelle: Mei-Ann Chen ist 1973 in Taiwan geboren und kam 1989 in die USA, wo sie als Dirigentin etabliert ist. Ihr Dirigierstil erinnert ein wenig an Leonard Bernstein: sehr körperbetont modelliert sie ihre Vorstellungen nicht nur mit voluminösen Einsatz von Armen und Händen, sondern auch durch starke Bewegungen des Körpers und anscheinend auch durch Mimik. Publikum und Orchester spendeten ihr herzlichen Applaus.

Ein sehr interessantes Konzert, das viele positive Eindrücke hinterließ und hoffentlich Folgen hat: sowohl Fung als auch Weinberg (bspw. mit seinem Cellokonzert oder eine seiner 22 Symphonien) könnten auch zukünftig wieder auf dem Programm stehen, sowohl Mei-Ann Chen und Linus Roth sollten wieder eingeladen werden.

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Delaporte/de la Patèlliere - Der Vorname, 29.10.2014

Im Gegensatz zur Karlsruher Oper achtete man im  Karlsruher Schauspiel schon früher auf ein variables Programmangebot. Diese Schauspiel-Spielzeit erscheint bisher besonders geglückt: Mißerfolge hatte man bereits letzte Spielzeit schnell eliminiert und durch die vielen Wiederaufnahmen der bisherigen Erfolgsstücke der vorangegangen drei Spielzeiten mit neuen Darstellern hat man ein interessantes und attraktives Programm. Es sind Komödien, die besonders gut laufen, also Verrücktes Blut (zuerst 2011/12) - Vorname (2012/13) - Richtfest (2013/14)  sowie die Schülerstoffe Agnes (2012/13) - Dantons Tod (2012/13) - Kabale und Liebe (2013/14) und Singspiele wie z.B. der Sommernachtstraum (2013/14). Vergleichbares hat die Karlsruher Oper nicht zu bieten: Die Spielzeiten 2011/12/13 haben keine aktuellen Folgen.

Seit der Premiere (mehr hier) vor knapp zwei Jahren ist Der Vorname fast stets ausverkauft gewesen. Und das aus gutem Grund: die Inszenierung hat sich seit der Premiere vorteilhaft weiterentwickelt und wirkt noch besser abgestimmt und temporeicher; dazu kommt, daß bei den Darstellern keine Ermüdungserscheinungen zu spüren sind - weiterhin hat man im Publikum den positiven Eindruck, als wäre das Stück frisch auf der Karlsruher Bühne. Es bleibt sehr gutes Boulevard-Theater: ein nettes Geplänkel ohne Nachwirkungen. Aber auch das muß erst mal so interessant und treffend inszeniert und gespielt werden wie in Karlsruhe und die Entscheidung, den Figuren durch Chansons eine zusätzliche Tiefe zu verleihen, nimmt zwar das Tempo immer wieder heraus, ist aber für die Charakterisierung ein Gewinn. Der Regisseur wertet den Abend damit auf; wer die Verfilmung gesehen hat, bekommt eine zusätzliche Komponente geboten.

Robert Besta und Jonas Riemer sind als Gastschauspieler weiterhin dabei, nur Matthias Lamp wird durch Jannek Petri fast nahtlos ersetzt (Lamps großartiges Gesangstalent bleibt allerdings unerreicht). Ute Baggeröhr hat weiterhin kurz vor Schluß die stärkste Szene und Sophia Löffler ist in diesem Herbst/Winter besonders fleißig und eine Erfolgsgarantin: außer in Der Vorname spielt sie in vielen anderen beliebten Stücken wie Richtfest, Sommernachttraum, Kabale und Liebe und Verrücktes Blut, dazu in den kleineren Produktionen Rechtsmaterial und Die Uhr tickt. An alle: Bravo!

Fazit: Eine sehr schöne Aufführung und weiterhin eine klare Empfehlung. Auch nach zwei Jahren sind keine Abnutzungserscheinungen zu bemerken. 

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Hübner/Nemitz - Richtfest, 21.10.2014

Seit der Premiere (mehr hier) ist Richtfest ein Publikumsrenner für das Karlsruher Schauspiel: eine intelligente Komödie mit abgründigen Figuren, einer sehr guten Regie und lauter sehr guten Schauspielern. Vor allem die Routiniers Gunnar Schmidt als Soziologieprofessor Ludger, André Wagner als Finanzbeamter Holger und Lisa Schlegel als dessen Frau Birgit zeigen, wie man eine Rolle virtuos aufwertet - ihr Auftritt ist besonders stark und einprägsam. Und auch Sophia Löffler spielt weiterhin mit hoher Präzision und Überzeugungskraft als überforderte Schwangere und Mutter.

Drei Veränderungen sind bei der Wiederaufnahme im Fokus: ein örtlicher Bühnenwechsel und zwei neu besetzte Rollen: statt Ursula Grossenbacher (jetzt im Festengagement am Theater in Bonn) nun Antonia Mohr, statt Matthias Lamp (jetzt im Festengagement am Staatstheater Mainz) nun Ralf Wegner - während letzterer Tausch kaum spürbar ist, vermisst man bei Antonia Mohr ein wenig die Resolutheit und Aggressivität der vorherigen Rollenauslegung Grossenbachers.

"Wegen des großen Erfolges jetzt im Kleinen Haus" - diese Aussage hat wahrscheinlich nur eingeschränkte Gültigkeit. Richtfest an neuer Spielstätte kaschiert, daß man eine Schauspiel-Premiere weniger als üblich auf die Beine stellen kann. Die eingeschränkte Leistungsfähigkeit liegt am Weggang mehrerer Leistungsträger zum Ende der letzten Saison, durch die bei den Wiederaufnahmen Rollen erst durch neue Schauspieler ersetzt werden müssen und die Zeit für eine Premiereneinstudierung wahrscheinlich fehlte.
Richtfest war auf der kleinen Studio-Bühne eng dimensioniert, doch dadurch fühlt man sich fast als Teil der Baugemeinschaft. Diese Nähe geht im Kleinen Haus verloren. Wer Richtfest im Studio sah, wird diese Unmittelbarkeit wahrscheinlich vermissen.

Fazit: Der Umzug ins Kleine Haus bringt keinen Gewinn fürs Publikum. Weiterhin gilt die klare Empfehlung: eine Komödie, die man nicht verpassen sollte, wenn man gerne lacht.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Krása - Verlobung im Traum, 18.10.2014

Ein sehr gelungener Einstieg in die neue Opernsaison und ein Erfolg in jeder Hinsicht: musikalisch und inszenatorisch, sängerisch und darstellerisch - die Verlobung im Traum lohnt das Kennenlernen!

Zu Person und Werk
Der deutsch-tschechische Komponist Hans Krása (*1899 †1944) starb im Konzentrationslager und teilte das traurige Schicksal anderer Komponisten wie bspw. Viktor Ullmann, Erwin Schulhoff, Pavel Haas und Rudolf Karel. Krásas 1933 in Prag (Dirigent: George Szell) uraufgeführte Oper Verlobung im Traum nach Dostojewskis Novelle Onkelchens Traum verschwand viele Jahrzehnte aus dem Blickfeld. 1994 gab es die deutsche Erstaufführung als Gastspiel aus Prag in Mannheim, 1996 folgte eine CD-Gesamtaufnahme beim Label DECCA und eine konzertante Aufführung in Berlin. Aber kein deutsches Opernhaus fühlte sich dadurch inspiriert, das Stück zu inszenieren. Der Riß in der Rezeptionsgeschichte war also nicht nur durch 12 Jahre NS-Dikatatur bedingt. Es interessierte sich einfach niemand in der vielstädtigen deutschen Opernlandschaft dafür. Warum? Die Gründe dafür kann man sich nach der gestrigen Karlsruher Premiere kaum erklären. Dem Badischen Staatstheater gelingt nun damit eine Entdeckung, die hoffentlich von einem breiten Opernpublikum gewürdigt wird.

Worum geht es?
Eine russische Kleinstadt. Die verschlagene Marja Alexandrowna will ihre hübsche Tochter Sina an einen auf einer Durchreise befindlichen alten und senilen Fürsten verheiraten, um an dessen Vermögen zu kommen und ihrer Tochter Auskommen und Stellung zu sichern. Die Mutter manipuliert den Fürsten dazu, Sina einen Heiratsantrag zu machen, Sina willigt ein. Doch sie hat die Rechnung ohne des Fürsten Neffen Paul gemacht, der seinerseits selber Sina begehrt. Paul verhindert die Ehe: er redet seinem debilen Onkel ein, alles nur geträumt zu haben. Marja Alexandrownas intrigante Schwägerin Nastassja unterstützt Paul bei der Demaskierung und plant eine gesellschaftliche Bloßstellung von Mutter und Tochter.
Die Hauptfigur Sina ist im Gewissenskonflikt: sie liebt den todkranken Fedja (der nicht in der Oper auftritt) und benötigt das Geld, um ihm zu helfen. Sina wird am Ende der Oper mit der Verkündung von Fedjas Tod zur tragischen Figur.
Im Prolog und Epilog tritt der Archivar auf. Zu Beginn erzählt er, daß er diese Geschichte dem Schriftsteller Dostojewski erzählt hat und stimmt auf die Charaktere ein ("schön wie Sina ... unglücklich wie Fedja ... tückisch wie Paul ... seltsam wie der Fürst .... Gott bewahre mich vor einer solchen Mutter"). Am Ende verkündet er, daß Sina letztendlich ohne Liebe eine andere gute Partie heiratet und eine unglückliche Zukunft hat: "Keine Freundschaft, keine Liebe. Sie empfindet nichts, ist kalt wie ein Stein".
   
Was ist zu hören? (1)
Beim ersten Zuhören hat man den Eindruck, Einflüsse verschiedener Komponisten und Stile zu finden, man meint bspw. Richard Strauss oder Kurt Weill (im Programmheft werden auch Strawinsky, Janáček und Gershwin genannt) herauszuhören und Anklänge der damaligen Zeit (Tanz- und Filmmusik). Immer wieder gibt es besondere und interessante musikalische Stellen in dieser Oper, die abwechslungs- und einfallsreich durch kontrastierende Elemente ist, voller Schwung und Esprit und vielen Ensembles. Die kurze Oper (zwei Akte, jeder ca. 50 Minuten) ist kurzweilig und spannend, auf den Punkt und nie sentimental. Ein Höhepunkt ist am Ende des ersten Akts: während Sina singt (Bellinis Casta Diva), um den Fürsten zu beeindrucken, beginnen die anderen Figuren zu tuscheln und übertönen sie schließlich. Das Programmheft bezeichnet das als "montageartigen Überzeichnung" einer "als Parodie zu verstehenden Multistilistik" und "Hans Krása lässt diese ganz unterschiedlichen Elemente so prägnant hervortreten, dass deren Eigensinn immer wieder den reinen Ausdrucksgehalt der dramatischen Situation überlagert. Gefühle treten musikalisch nicht nur als Gefühle der Figuren in Erscheinung, sondern auch als artifizielle Phänomene, die auf historische musikalische Chiffren von Gefühlen verweisen. In dieser Montagetechnik, ein in den 20er Jahren bevorzugtes Stilmittel, äußert sich ein Tonkünstler, der gleichzeitig dramatische Situationen beglaubigt und ihren theatralen Reiz in Szene setzt."
In der Summe eine brillante Leistungsschau des Komponisten, bei der vielleicht die eine unvergessliche Melodie, der eine besondere Moment fehlt - man bewegt sich auf einem Hochplateau ohne ausgeprägte Gipfel.  Vor allem der erste Akt überzeugt durch seine Steigerungen und sein Tempo. Im zweiten Akt gibt es geringfügige Längen und eine Stiländerung: die Figur der Sina verwandelt sich in eine Charakterrolle von Richard Strauss'schem Ausmaß: eine unglückliche Arabella, aber szenisch und musikalisch komischer und doch im Endeffekt traurig. Hier liegt vielleicht der Schwachpunkt -wenn man das überhaupt so nennen kann- dieser Oper: Was für ein Genre ist das denn eigentlich? Keine Buffa, keine Komödie im Sinne Tschechows (melancholische Heiterkeit vor ernstem Hintergrund) und Gogols (Gesellschaftssatire), aber auch keine richtige Charakterkomödie (Sina bleibt etwas zu blaß; ihre Liebe zum unsichtbaren Fedja unklar) und auch kein typisches Lustspiel (kein Liebesglück am Ende). Man sieht Operettenfiguren in einer tragikomischen Oper ohne Happy-End. Vielleicht war es dieser seltsame Stil-Mix einer verfremdeten Operette, die die bundesdeutsche Opernwelt bisher daran gehindert, das Werk zu inszenieren.

Was ist zu sehen?
Regisseur Ingo Kerkhof konzentriert sich auf das Operettenhafte. Er integriert Sinas Charakterschübe in einen amüsanten Hintergrund und vermeidet damit falsche musikdramatischen Komplikationen.  In Karlsruhe interpretiert und inszeniert man Verlobung im Traum mit Blick auf die Entstehungszeit der Oper - sie spielt in den Goldenen Zwanzigern, den 1920er Jahren. Man sieht ein Bühnenbild, das wie eine Szene aus Cabaret wirkt, der Archivar als Erzähler der Geschichte wird zum Conférencier im Frack. Man befindet sich in einer gut gelaunten Revue, die der Oper keine zusätzlichen Bedeutungsebenen aufzwingt. Man konzentriert sich durch viele gute Einfälle und reizvolle Details auf Schwung und Handlungsfluß. Humoristisch ist diese Inszenierung mehrgleisig: man setzt auf prägnante Typisierung der Figuren, die besonders dadurch amüsant wird, daß Sänger und Chor hier auch als Schauspieler gefordert sind und diese Anforderungen bei der Premierenbesetzung sehenswert erfüllt wurden. Dazu kommt eine Mischung aus Situationskomik, Slapstick und liebevoll gestalteten kleineren Einfälle. Immer wieder passiert mehr auf der Bühne als beim ersten Zuschauen wahrnehmbar ist.

Was ist zu hören? (2)
Nicht nur sängerisch, auch schauspielerisch zeigen Sänger und Chor eine homogene und starke Leistung. Agnieszka Tomaszewska ist neu im Karlsruher Ensemble, ihr Einstieg in der Hauptrolle der Sina setzt gleich zu Beginn ein sängerisches Ausrufezeichen: klangschön und höhensicher! Ein Auftritt, der einiges für die Zukunft verspricht. Jaco Venter in der Rolle des alten Fürsten und Katharine Tier als arme Schwägerin haben viel Spaß mit ihren Rollen und übertragen dies auf das Publikum. Armin Kolarczyk ist für die kleine Rolle des Archivars eine Luxusbesetzung.
Für viele Rollen hat man Gäste engagiert: besonders Dana Beth Miller in der Rolle der Mutter bekam für ihre großartige Darstellung viel Applaus, Tenor Christian Voigt hatte zwar mit einer Erkältung zu kämpfen, hinterließ aber einen sehr guten Eindruck.
Entscheidend zum musikalischen Erfolg dieser Oper trugen Justin Brown und das sehr variabel und spielfreudig auftrumpfende Orchester bei, die Krásas Multistilistik auf spannende Weise hörbar machen.

Fazit: BRAVO! In jeder Hinsicht einen lohnende Entdeckung für die das Badische Staatstheater viel Anerkennung und vor allem mehr Publikum verdient denn ...

PS: ... wo ist eigentlich das Karlsruher Opernpublikum abgeblieben?
Ein trauriges Bild bei einer Premiere (aber auch sonst immer öfters) - viele leere Plätze. Wie es so weit kommen konnte, lohnt der Analyse. Sind tatsächlich in den letzten drei Jahren so viele Opernfreunde altersbedingt in die Besucher-Rente gegangen und kommen nicht mehr? Oder gehen sie aktuell einfach nur lieber nach Baden-Baden, Stuttgart, Mannheim und Straßburg? Liegt es an Programm und Spielplan? Fehlt das Publikumsvertrauen in die Operndirektion bei der Wahl von Raritäten wie Verlobung im Traum? Hat es die aktuelle Intendanz innerhalb von drei Jahren geschafft, Stammpublikum zu vertreiben und die falsche Herangehensweise gewählt (teilweise wenig variable Spielpläne, Spezialitäten für Liebhaber statt Sattmacher für neue Zuschauer, tendenziell zu ernst und schwer, Fokus auf das Stadtgebiet unter Vernachlässigung des Umlands)? Vielleicht hat man drei Jahre verschenkt, in denen man sich breiter hätte positionieren können? Wieso ist die Oper anscheinend (oder doch nur scheinbar?) im Abseits gelandet? Die Antwort liegt irgendwo in der Grauzone dazwischen. Die Gewichtung ist diskutabel. Der Abgang von Operndirektor Schaback nach drei Jahren liefert einen weiteren Baustein zum Gesamtbild: die Vorbereitung des Intendanzstarts 2011 war suboptimal: im Schauspiel hatte Intendant Spuhler Planungsfehler bereits eingeräumt, in der Oper sollte er ebenfalls die Fehler benennen und ein erstes Besserungssignal senden. Im Schauspiel scheint das Training-on-the-job inzwischen klare Erfolge zu zeigen: man scheint auf einem guten Weg. Nun ist es an der neuen Opernleitung, das Interesse an der Karlsruher Oper wieder zu wecken und Zuschauer zurückzugewinnen. Am Ende der Spielzeit sollten vor allem die Anzahl der Opernbesucher und die Abonnentenzahlen im Fokus der Diskussion stehen.

Team und Besetzung:
Sina: Agnieszka Tomaszewska
Marja Alexandrowna: Dana Beth Miller (a.G.)
Barbara: Sofia Mara (a.G.)
Nastassja: Katharine Tier
Sofia Petrowna: Hatice Zeliha Kökcek (a.G.)
Paul: Christian Voigt (a.G.)
Archivar der Stadt Mordassow: Armin Kolarczyk
Fürst: Jaco Venter

Musikalische Leitung: GMD Justin Brown
Regie: Ingo Kerkhof
Bühne: Dirk Becker
Kostüme: Inge Medert
Choreografie: Darie Cardyn
Chorleitung: Ulrich Wagner

Sonntag, 12. Oktober 2014

NSA-Projekt: Ich bereue nichts (Edward Snowden), 11.10.2014

So macht Theater Freude und wer nach Ich bereue nichts nicht begeistert oder zumindest zufrieden und gut unterhalten Lust auf  auf mehr Schauspielbesuche bekommt, dem ist im Theater nicht zu helfen. Dem Karlsruher Schauspiel gelingt ein großartiger Spagat: informativ und doch unterhaltend, nachdenklich und doch humorvoll - und das bei einem ernsten und wichtigen Thema. Bravo!

Snowden auf der Bühne?
Diesen Sommer sprach Edward Snowden in Moskau mit dem US Magazin Wired. Seinen Widerwillen über sich zu sprechen und Persönliches zu offenbaren begründete er damit, nicht als arrogant oder narzisstisch wahrgenommen werden zu wollen. Er will selber nicht in den Mittelpunkt, nicht auf die Bühne: “I don’t want the stage. I’m terrified of giving these talking heads some distraction, some excuse to jeopardize, smear, and delegitimize a very important movement.” Übersetzt lautet das in etwa: "Ich möchte nicht auf die Bühne. Es versetzt mich in Schrecken, den Fernsehsprechern als Ablenkung zu dienen, als Entschuldigung, um eine sehr wichtige Bewegung zu gefährden, zu beschmutzen und zu delegitimieren." Es geht um die Sache, nicht um die Person! Und genau dem wird man in Karlsruhe gerecht. Obwohl Snowden eine theatralische Figur ist, verhandelt man in Karlsruhe einen thematischen Konflikt und spekuliert nicht über Edward Snowdens innere Konflikte. Es sind ein warnender Appell und eine humorvolle Ernsthaftigkeit, die den inhaltlichen Wert dieser Inszenierung bilden. Man kann ihr vielleicht vorwerfen, etwas zu humorvoll und zu wenig drastisch zu sein. Doch man will damit berechtigterweise einen spielerischen Zugang zum Thema des Abends schaffen.

"I don't want the stage"
Es ist also noch einige Jahre oder sogar Jahrzehnte  zu früh, um Snowden als Charakter auf die Theaterbühne zu holen. Zu vieles um ihn ist unentschieden und offen. Wenn man seine Geschichte heute dennoch schon dramatisieren möchte, sind es weniger biographische Daten oder die tragischen Verwicklungen (ist Snowden ein tragisch Erfolgloser oder ein tragisch Erfolgreicher? Oder gibt es für ihn doch ein Happy-End? Der Ausgang ist offen.), sondern appellativ moralische Fragen, die zu diskutieren scheinen, insbesondere Mut und Gewissenskonflikte, den Schutz der Privatsphäre und Aspekte, um das Internet neu zu denken. Das Programmheft enthält dazu einen Aufruf:
  • "Wir als Individuen müssen uns dieser neuen Aufklärung stellen, uns erneut aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien und unser Menschenrecht auf Freiheit zurückerlangen. Aktivisten wie Snowden zeigen uns die Notwendigkeit dazu.  Den Weg müssen wir selber gehen. Informiert Euch."
In Karlsruhe wählte man für den knapp 90-minütigen Monolog mit Toneinblendungen hauptsächlich die inhaltliche Komponente von Snowdens Anliegen und nicht innere Momente der Verzweiflung und Anspannung. Man zeigt engagiertes Thementheater, kein individuelles Charaktertheater.

Edward Snowden - Zwischen Idealismus, Widerstand und Verrat
Das Wesen des Widerstands besteht darin, daß man alles zu verlieren hat. In demokratischen Rechtsstaaten sollte es also keinen legitimen Widerstand geben können, nur Protest und Versuche der Mehrheitsbildung. Edward Snowden wurde zum Verräter und doch auch gleichzeitig zu einer Leitfigur indem er etwas offenbarte, was doch einige schon ahnten und befürchteten: es wird rücksichtslos, verdachtlos und maßlos überwacht und protokolliert. Der Zugriff auf die Daten dient nicht nur der Terrorabwehr bzw. -verfolgung, sondern auch gezielt der politischen und wirtschaftlichen Einflussnahme und zur Wirtschaftsspionage. Die Five-Eyes-Allianz (die Kooperation der Geheimdienste der USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland) hat den Cyber-Krieg gegen den Rest der Welt in gewisser Weise begonnen.

Snowden hat damit etwas heute fast schon unmöglich Erscheinendes geleistet: er riskierte alles, um zu warnen und ist in bestem Sinn ein Held des Widerstands, denn die bestehenden amerikanischen Gesetze würden als politische Waffe gegen ihn eingesetzt, nicht für die Datenfreiheit der Amerikaner. US Vizepräsident John Kerry bezeichnete Snowden als Verräter und Feigling. Snowden weiteres Leben kann nun noch verschiedene Wendungen nehmen. Erst verfolgt und untergetaucht, könnte er eines Tages wie Nelson Mandela geehrt und rehabilitiert werden. Doch auch ein dramatisches Ende ist möglich: vergessen, ignoriert, immer auf der Flucht oder im Gefängnis - ein tragisches Heldentum im 21. Jahrhundert scheint möglich. Am Badischen Staatstheater vergleicht man  Snowden mit Don Quijote in aussichtslosem Kampf gegen Windmühlen, also gegen eine alles zermahlende Bedrohung. Doch zumindest in Karlsruhes Theater unternimmt man alles, um Snowden zu rehabilitieren.

Für die freie digitale Welt
Was ist das Anliegen Edward Snowdens? Im oben erwähnten Gespräch mit dem US Magazin Wired zeigte sich Snowden als US-Patriot. Er mache sich mehr Sorgen um die USA als um sich selbst, seine Taten waren nicht ein Akt der Spionage, sondern der warnenden Enthüllung. Er veröffentlichte Informationen zur Überwachungspraxis, keine inhaltlichen Geheimnisse aus der Überwachung. Deshalb nehmen große Teile der Öffentlichkeit diese Bedrohung auch nur als abstrakt war. Die Belanglosigkeit der in sozialen Netzwerken geschriebenen Texte, die Alltäglichkeit des E-Mail Schriftverkehrs - wer sollte sich dafür interessieren? Die Vorteile des Internet sind so groß, daß man die Nachteile in Kauf nimmt. Zusätzlich herrscht ein Gefühl der Ohnmacht und Machtlosigkeit vor. Der unfassbare und abstrakte Aspekt der Überwachung prägt auch die zweite Szene der Karlsruher Inszenierung.

Snowden hatte das Gemeinwohl im Blick, den Schutz der Privatsphäre als Grundprinzip moderner Demokratie im Unterschied zur Bürger-Überwachung in totalitären Staaten. Um das Internet neu zu denken ist aber nicht nur das Thema Datenschutz zu beachten. Die zunehmende Machtkonzentration in großen Medien-Imperien ist als Gefahr gleichwertig. Der zweite  Teil der Doppelbedrohung baute sich so langsam auf, daß er erst spät zu erkennen ist. Die Anbieter relevanter Portale verfolgen ähnliche Ziele wie die Geheimdienste: die Kontrolle des Produktionsmittels Internet. Verdienstvollerweise ist auch dies kurz Thema der Karlsruher Inszenierung: der Vergleich mit der früher die Meere kontrollierenden Seemacht Englands gibt ein anschauliches Beispiel dafür, wie die Konzerne die Freiheit des Internets bedrohen.

Was ist zu sehen?
Thomas Halle ist (fast) alleine auf der Bühne (die Souffleuse hat kurze Textpassagen, stumme Mitarbeiter unterstützen das Bühnengeschehen), und daß ein 90 minütiger Monolog funktioniert und ein großer Erfolg ist, sagt viel über die Klasse von Thomas Halle aus. Eine grandiose künstlerische Ausdauerleistung - Bravo-Rufe sind angebracht! Halle wechselt mehrmals sein Kostüm, um leicht eingängliche Metaphern zu zeigen. Nach der Eingangsszene, die nach einem ersten emotionalen Bild forscht, kommt Halle nackt und nur teilweise geschützt mit einem Bildschirm auf die Bühne - ein schutzlos Beobachteter, der die unfassbaren und abstrakten Zahlen der Überwachungspraxis erläutert. Ein kurzer Rückblick zeigt Snowden als jugendlichen Cowboy. Für die zivilisatorischen Folgen der totalen Überwachung dient eine Anspielung auf Kubricks Film 2001: A Space Odyssey: Halle im Gorillakostüm. Als Auflockerung folgt ein Verschlüsselungs-Tutorial mit Ritterrüstung, die in die Don Quijote Szene mündet. Auch als Snowdens Freundin tritt Halle auf bevor er in der Schlußszene Snowden abtauchen lässt. Eine ideenreiche, phantasie- und sinnvolle Inszenierung auf bestem Niveau.

Fazit: Großes Theater! Bravo und Glückwunsch an das verantwortliche Trio Thomas Halle, Konstantin Küspert und Jan-Christoph Gockel! 
Nach drei defizitären Jahren im Schauspiel und einem von der Presse mit wenig schmeichelhaften Kritiken belegtem Glasperlenspiel zu Beginn dieser Spielzeit schafft man zum richtigen Zeitpunkt diesen Befreiungsschlag. Darstellerisch, inhaltlich und ästhetisch erreicht man bei dieser Inszenierung beeindruckendes aktuelles Theater in Form von gut gelaunter Aufklärung. Der Appell steht: "Den Weg müssen wir selber gehen. Informiert Euch." 

PS: Mißglückte Verwirrung
Mit geradezu entwaffnender Ehrlichkeit gestand Schauspieldirektor Jan Linders im Vorfeld zu "Ich bereue nichts" in einem Interview seine Zielrichtung:
  • "Es wäre nicht schlecht, wenn man am Ende unseres Abends verwirrter herausgeht, als man gekommen ist.
Wieso Linders das Karlsruher Publikum für desorientiert hält und diese Desorientierung steigern will, erschloß sich weder aus dem Interview noch aus der gestrigen Erstaufführung. Tatsächlich verlässt man Ich bereue nichts nicht "verwirrter". Diesmal sind die Absichten des Schauspieldirektors zum Vorteil des Publikums mißglückt. Ob man allerdings mit solchen Bemerkungen Publikum vielleicht sogar abschreckt, ist bedenkenswert.

Lese-Empfehlung bei Spiegel OnlineWas wird überwacht? Wie wird überwacht? Und wer überwacht?
http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/snowden-enthuellungen-und-nsa-skandal-im-raster-der-geheimdienste-a-972830.html

Team und Besetzung
Edward Snowden: Thomas Halle

Regie: Jan-Christoph Gockel
Ausstattung: Jan-Christoph Gockel, Julia Kurzweg
Musik: Matthias Grübel
Ein NSA-Projekt von Jan-Christoph Gockel, Thomas Halle & Konstantin Küspert

Dienstag, 30. September 2014

1. Symhoniekonzert, 29.09.2014

Mit der kurzen Ouvertüre zur Oper Maskerade des dänischen Komponisten Carl Nielsen begann gut gelaunt die neue Konzertsaison und bereits dieser Einstieg war so gelungen, daß man Nielsen am liebsten noch länger zuhören wollte.

Es folgte eine deutsche Erstaufführung. Dreamscapes (eine Wortschöpfung aus Dream und Landscape, also in etwa Traumschaften) nannte der dänische Komponist Jesper Koch (*1967) sein der Cellistin Michaela Fukačová gewidmetes Cellokonzert. Beide waren bei der deutschen Erstaufführung in Karlsruhe dabei. Während bei vielen neuen Kompositionen die Vielschichtigkeit des Klangbilds beeindruckt und Effekte dominieren, ist Jesper Koch vorrangig ein Erzähler. Sein Cellokonzert ist  überwiegend unaufgeregt mit auftretenden Unruhen. Sein Traum schlägt nie in einen Albtraum um und klingt harmonisch aus. Doch leider fehlt der Musik trotz aller erzählerischen Durchhörbarkeit das Traumhafte und die landschaftliche Ausstrahlungskraft. Der Name Dreamscapes verspricht ein wenig mehr, als das Stück zu halten vermag. Komponist und Cellistin bekamen herzlichen Applaus für ein schönes, aber für einige vielleicht nicht restlos überzeugendes Konzert.

Nach der Pause folgte die 1. Symphonie von Gustav Mahler - der Erstling, der aber kein Anfang ist. Nun ist Justin Brown ja schon einige Jahre als GMD in Karlsruhe und mein persönlich stärkstes, schönstes und nachhaltigstes Erlebnis seiner Konzerthistorie war sein Dirigat der rekonstruierten 10. Symphonie von Mahler. Eine über Tage anhaltende Begeisterung, an die ich mich gerne erinnere. Meine Vorfreude war also groß und wurde gestern nicht enttäuscht. Mit über 100 Musikern spielte die Badische Staatskapelle und ihr Dirigent eine wunderbar gelungene und mitreißende 1. Symphonie, bei der alle Instrumentengruppen einen ausgezeichneten Eindruck hinterließen und Justin Brown stets die richtige Wahl traf und Mahlers Symphonie mit perfektem Ausdruck präsentierte. Der Jubel des Publikums für Orchester und Dirigent war hochverdient. An alle ein dankbares und begeistertes BRAVO für diese beeindruckende Aufführung!