Sonntag, 25. Januar 2015

Puccini - La Bohème, 24.01.2015

Ein Gespenst ging gestern um im Badischen Staatstheater. Doch dem Karlsruher Publikum wurde durch Spuk nicht bang und es buhte das Gespenst des Regietheaters (also eine Regie, die sich wichtiger nimmt als Werk, Künstler und Publikum) mit selten erlebter Vehemenz und Lautstärke von der Bühne und erhöhte damit auch den Druck auf die künstlerisch weiterhin problematische Intendanz von Peter Spuhler. Dabei gab es eigentlich eine gute Nachricht vorweg: es gibt es also doch noch, das Karlsruher Opernpublikum. Es kam nur einfach nicht mehr. Nach oft schwach besetzten Premieren war gestern ausverkauft und auch die Stehplätze besetzt. Die B-Premiere am 28.01. ist ebenfalls bereits voll. Die Auslastungskrise der Karlsruher Oper scheint also tatsächlich hausgemacht und in Verantwortung des Intendanten. Ob diese Bohème den erhofften Stimmungsumschwung bewirkt, ist allerdings fraglich.

Was ist zu sehen (1)?
oder
"Soll ich euch meine Brüste zeigen?"
Regisseurin Anna Bergmann "ist bekannt für genaue und einfühlsame Frauenporträts", so das Badische Staatstheater. Auf Mimi ruht die Konzentration der neuen Karlsruher Inszenierung. Und zwar nur auf Mimi, alle anderen Bühnenfiguren sind nur Beiwerk, gewinnen keine Konturen und hampeln teilweise herum, als ob sie unwichtige Hintergrundfiguren sind, für die man sich keine Gedanken machen muß.
Mimi ist die Außenseiterin: sie gehört bekanntlich nicht selber zur Bohème und ist unheilbar an Tuberkulose erkrankt. Die Regisseurin greift zu einem bekannten und inzwischen etwas abgeschmackten Vorgehen, um diesen Fokus zu erreichen: sie lässt Mimi auf der Bühne doppelt erscheinen: die Sängerin wird durch eine Schauspielerin ergänzt: Dazu die Regisseurin: "Mit der Doppelung – die Sängerin auf der einen, die Schauspielerin auf der anderen Seite – können wir zwischen einer realen und einer Traumebene wechseln und unterstreichen die traumhaft-romantischen Momente der Opernhandlung. Die Schauspielerin Jana Schulz zeigt uns eine realistische Mimì, die die Handlung rahmt und gleichzeitig auch motiviert. ... Bei der Sängerin ist es der zarte, liebliche bis leidenschaftliche Gesang gepaart mit einer eher entrückten Spielweise und bei der Schauspielerin ein körperlich-hingebungsvolles und offenherziges Spiel." Leider mißlingt dieser Ansatz und verzerrt die ganze Oper, denn Sängerin und Schauspielerin sind zwar meistens als Zwillinge gleichzeitig auf der Bühne, doch dabei dominiert die 'die Handlung motivierende' Schauspielerin: sie interagiert oft mit den Sängern und zieht die Konzentration auf sich, während die Sängerin abseits steht und singt. Eine Intensivierung des Bühnengeschehens erreicht man dabei nicht, ganz im Gegenteil. Die naturalistisch leidende und verstörte Mimi stört meistens einfach nur.
Zu Beginn des vierten Akts kippte dann gestern die Stimmung beim Publikum durch einen bedauerlichen Fehlgriff der Regie: Die Schauspielerin beginnt zu sprechen, und zwar einen viel zu langen und nichtssagenden Monolog, mit dem man Mimis Verzweiflung deutlich machen wollte und doch nur nervte. Spätestens wenn die Schauspielerin dem Publikum anbietet, ihre Brüste zu zeigen, erreicht man einen Grad von unfreiwilliger Komik, der die Regie peinlich bloßstellt. "Nein!" antworteten mehre Zuschauer laut vernehmlich auf das Angebot und eine Welle der Qual und des Kopfschüttelns über so viel dramaturgische Unbeholfenheit durchströmte spürbar das Haus. Man möchte sich gar nicht vorstellen, was passieren könnte, wenn amüsierte Zuschauer künftiger Vorstellungen Ja! und Ausziehen! rufen. Der Text des Monologs reicht also nicht aus, um zu fesseln oder das Gefühl einer sinnvollen Ergänzung zu erreichen - er wirkte als Störfaktor. Die etwas zu simplen und sterilen Hauptideen und ratlosen Bühnenumsetzungen der Regisseurin können nicht überzeugen und bleiben ohne positive Wirkung.

Was ist zu beachten?
La Bohème ist die Oper des romantisierten und verklärten Elends. Episoden aus dem Gefühlsleben - man lebt, lacht, liebt und leidet, man friert, hungert und stirbt. Ist das Leben in der Bohème selbstgewählt oder aufgezwungen? Ist es mehr individuelle Wahl oder Notlage? Für den Autor Henri Murger (*1822 †1861) waren die Bohèmiens ihre eigenen Gefangenen: zum Künstler berufen leben sie ohne Glück und sterben ohne Ruhm. Sie wollen nichts anderes als dieses Leben und künstlerische Anerkennung und erreichen ihre Ziele doch nicht. Lieber gehen sie zugrunde als einen Brotberuf zu wählen. Kiez oder Ghetto? Jedes Inszenierungsteam steht vor dieser Entscheidung. Manche Regisseure haben die Bohème im Drogen- oder Außenseiter-Umfeld angesiedelt, also einer Bühnenausstattung, die im harten Kontrast zur Musik steht. In Karlsruhe hat man dies glücklicherweise nur halbherzig getan: Drei Damen vom Straßenstrich und ein Obdachloser geben ein unscharfes Bild. Die Sänger der Bohème bleiben hingegen überwiegend undefiniert und blaß. Nur Colline hat als psychisch auffällige Person mit Bindung an seinen Teddybären etwas eigenes, Alcindoro und Benoît bekommen durch Kostüme einen Typ. Rudolfo, Marcello und Mustetta sind hingegen leblose Avatare.

Was ist zu sehen (2)?
oder

Zwischen Fiebertraum und Persönlichkeitsspaltung
Viele ungewöhnliche Entscheidungen trifft sie Regisseurin. So spielt die Oper nicht in Paris, sondern in New York, genauer gesagt alle vier Akte spielen am Angel of the Waters-Brunnen im Central Park. Es gibt also keine Mansarde, kein Café Momus, keine Barrière d'enfer, sondern ein Einheitsbühnenbild, in dem sich Mimi Liebe und Liebesleid erträumt. Die Regisseurin erklärt: "Der berühmte Brunnen im Central Park mit der wunderbaren Engelsstatue, den man aus vielen Hollywood-Filmen kennt, stellt einen Ort der Zuflucht und der Begegnung dar, an dem Mimì neue Menschen kennen lernt, an dem sie sich in Rodolfo verliebt, aus dem Wasser sprudelt, welches wieder versiegt, und wo Mimì letztlich stirbt." Wer vorab die spannenden Fotos sah (aktuell kann man sich hier auf den Seiten des Badischen Staatstheaters einen Eindruck verschaffen), bekam mehr versprochen als die Bühne hält, denn nicht alle Stimmungen der Bohème werden überzeugend vermittelt. Dennoch gehört das Bühnenbild von Ben Baur zur Habenseite dieser Inszenierung.

Mimi ist also verdoppelt: die todkranke und wohnungslose Mimi (sie lebt im Auto) der Schauspielerin sucht Anschluß und phantasiert bzw. erträumt sich die Beziehung zu Rudolfo herbei, nachdem sie ihn um eine Zigarette angeschnorrt hat. Dazu die Regisseurin: "Die Liebesbeziehung zu Rodolfo wird zu einem Sehnsuchtstraum, der durch Mimìs existenzielle Not, ihre Armut und Krankheit, begründet ist. Deswegen zeige ich das gesamte 2. Bild als eine surreal gefärbte und wunderschöne Welt voller Liebespaare, in der Mimì trotz ihrer tödlichen Krankheit unbeschwert und fröhlich ist." Der zweite Akt  ist fast schon plakativ als Klischee inszeniert, der Kinderchor hat einen schönen Auftritt. Der dritte Akt zeigt den nächtlichen Brunnen bei Schneefall und belanglose Videoeinspielungen mit schnellen Schnitten, der reizlose vierte Akt bleibt atmosphärisch hinter der ersten drei zurück und zieht sich wie Kaugummi in die Länge.

Die einzige Pause ist übrigens nicht nach dem zweiten Akt, also nach Ende des ersten Abends, sondern nach dem dritten, da die Regisseurin den Kontrast der beiden zentralen Akte direkt aufeinander prallen lassen wollte. So geht der erste Teil ca. 80 Minuten bis zur Pause, der zweite Teil (4.Akt) gerade noch knapp 30 Minuten (davon über 5 Minuten Monolg). Eine weitere unglückliche Entscheidung ohne Wirkung.

Was ist zu hören?
Für die Regie gab es feindselige Buhs, aber das intelligente Karlsruher Publikum weiß zu differenzieren und machte zum wiederholten Male den Tenor Andrea Shin zum Star des Abends. Für seinen schön und souverän gesungenen Rudolfo bekam er unzählige Bravos. Es gab lange nicht mehr so viel Begeisterung für einen Sänger vom Karlsruher Premierenpublikum! Überhaupt war es der Abend der Koreaner, denn auch Seung-Gi Jung als Marcello beeindruckte durch Kraft und Klarheit. Um Shin und Jung kann man ein Repertoire bauen - ihnen sollte in Karlsruhe die Zukunft gehören.

Man entschied sich gestern nicht, die Rollen nur mit jungen Sängern zu besetzen, sondern setzte bei der Premiere auf Sicherheit. Drei Sänger waren schon in der letzten Karlsruhe Bohème dabei. Die wunderbare Barbara Dobrzanska hat als Mimi schon vor wenigen Jahren überzeugt. Ihr Rollenportrait wurde gestern doppelt beeinträchtigt. Die Regie legt den Fokus auf die Schauspielerin und Dobrzanska sang zwar wie gewohnt sicher, aber auch ein wenig zu verhalten, als ob die von der Regie auferlegte Zurückhaltung auch sängerisch galt. Auch Ina Schlingensiepen war schon zuvor als Musetta in Karlsruhe bekannt und litt gestern darunter, daß die Regie sie nur als Nebenfigur am Rande definiert- sie überzeugte mit einer makellosen Arie im zweiten Akt. Konstantin Gorny litt hingegen unter einer Erkältung und mußte im vierten Akt aufgeben, Gorny spielte auf der Bühne, seine Mantelarie sang der kurzfristig ins Staatstheater geeilte Avtandil Kaspeli überzeugend sicher und schön von der Seite.
Johannes Willig dirigierte zu Beginn etwas verhuscht und übereilt, fing sich dann aber und zeigte einen symphonischen Zugriff auf die Partitur, bei der er immer wieder das Orchester klangstark ausmusizieren ließ und dabei gelegentlich die Sänger übertönte oder durch seine Tempowahl forderte.

Fazit: So makaber es klingt - es hätte schlimmer kommen können. Gerade mit La Bohème rächen sich viele Opernhäuser an ihren Zuschauer, indem sie die Poesie der Musik durch Häßlichkeiten entwerten. Der Karlsruher Versuch ist hingegen legitim, aber einfach zu schwach durchdacht und unbeholfen in Szene gesetzt. Das massive Buh-Konzert der Premiere könnte eine mittelmäßigen Temperierung bei den weiteren Aufführungen folgen und durch die musikalischen Qualitäten wird diese Bohème sich vielleicht doch besser etablieren als gedacht.

PS: Manche Neuinszenierung kommt nach 27 Jahren einfach zu früh
Diese Neuinszenierung von Puccinis La Bohème hätte es eigentlich gar nicht geben dürfen. Die letzte Inszenierung von Giancarlo del Monaco (sie lief in Karlsruhe von 1987 bis 2007) war im besten Sinne ein zeitloser und beliebter Klassiker - eine Inszenierung, die sich nie in den Vordergrund drängte und Stimmungen und Hintergründe atmosphärisch ideal ergänzte. Daß sie aus dem Repertoire und Fundus geschmissen wurde, erschließt sich nicht auf Anhieb, wobei man bei den letzten Vorstellungen aber nicht umhin kam zu bemerken, daß das Bühnenbild nach 20 Jahren zwischen Lager und Oper deutlich gelitten hatte - eine restaurierte Wiederaufnahme diese Dauerbrenners wäre nur logisch gewesen. Den Zauber und die Intensität der
87-Bohème erreicht der aktuelle Versuch nicht: weder den Humor und die Ausgelassenheit, noch die Verliebtheit und das Erleben des Augenblicks und auch nicht die Traurigkeit und Verzweiflung von del Monacos unvergesslicher Inszenierung.

Team und Besetzung:
Mimi: Kammersängerin Barbara Dobrzanska
Musetta: Ina Schlingensiepen
Rodolfo: Andrea Shin
Marcello: Seung-Gi Jung
Schaunard: Andrew Finden
Colline: Kammersänger Konstantin Gorny /Avtandil Kaspeli (4.Akt)
Parpignol: Max Friedrich Schäffer
Monsieur Benoît: Edward Gauntt
Alcindoro: Yang Xu 
Ein Zöllner: Marcelo Angulo
Sergeant bei der Zollwache: Andrey Netzner
Mimi-Double: Jana Schulz

Regie: Anna Bergmann
Bühne: Ben Baur
Kostüme: Claudia González Espíndola
Choreografie    Krystyna Obermaier
Video: Sebastian Pircher

Musikalische Leitung: Johannes Willig
Chorleitung: Ulrich Wagner
Einstudierung Kinderchor: Anette Schneider
Kinderchor: Cantus Juvenum Karlsruhe e. V.

Sonntag, 18. Januar 2015

Schiller - Die Räuber, 17.01.2015

ACHTUNG! Programmänderung: 'Die Hampelmänner'  statt  'Die Räuber'
oder  
Wieder eine Mogelpackung
Die Räuber werden in der Karlsruher Neuinszenierung dermaßen verhampelt, verharmlost und entaktualisiert, daß man sie nicht ernst nehmen kann. Es wird viel geblödelt und gealbert und das Publikum darf lachen und erlebt zwei gut konsumierbare Stunden, die oberflächlich und anspruchslos unterhalten. Es gelingt hier das Kunststück, Schiller gedankenlos zu inszenieren. Die Regisseurin gilt als Spezialistin für Kinder- und Jugendtheater und vorrangig an Schüler richtet sich auch diese Comedy-Variante. Als Bewerbung für den imaginären Till-Schweiger-Regienachwuchspreis für seichte Komödien mit pseudo-seriösen Elementen ist diese Produktion ebenfalls legitim. Wer mehr erwartet als Konsum -immerhin werden Die Räuber im normalen Abonnement gezeigt- wird wahrscheinlich weniger Freude haben. Es bleibt schleierhaft, wieso man am Karlsruher Schauspiel immer noch nicht wieder leistungsfähig genug ist, um das Jugendtheater vom normalen Regelbetrieb zu trennen.

Worum geht es in den Hampelmännern?
Zwei Brüder rivalisieren um Amalias Liebe. Der clowneske Franz intrigiert dabei gegen den bevorzugten Flegel und Jammerlappen Karl und sorgt dafür, daß er vom gemeinsamen Vater verstoßen wird. Karl gründet eine Gang und spielt Stadtguerilla. Doch Franz nimmt sich seine Sünden zu Herzen und erstickt voll undramatisch unter einer Gummimaske. Karl und Amalia könnten wieder zusammenkommen, doch Karl will lieber ein Gangster bleiben und Amalia erkennt, daß sie auf den falschen Typ gewartet hat. Es gibt also - und das ist für Comedy-Fans gewöhnungsbedürftig -  kein Till-Schweiger-typisches Happy End, wenn Amalia die Bühne verlässt und das Kleine Haus durch die Zuschauertür verlässt.

Was ist NICHT zu beachten?
Das Programmheft! Da finden sich zwar halbwegs interessante Texte, die aber keine Übertragung auf die Bühne erfahren. Planung und Realisierung haben kaum Berührungspunkte. Es ist rätselhaft, wieso gute Ansätze so komplett folgenlos bleiben (mehr dazu unten).

Was ist zu sehen (1)
Amüsant entstellt oder unverantwortlich verstümmelt? Beides trifft in gewissem Maße zu und hängt vom individuellen Standpunkt ab: Manche essen, was auf den Tisch kommt und stellen keine Fragen. Diese erleben zwei kurzweilige Stunden und Schiller ohne Tiefgang als leicht konsumierbare Kost. Doch gerade wenige Tage nach dem Pariser Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo (mehr dazu unten), wirkt dieses private Befindlichkeitsgetue auf der Bühne leichtfertig und deplatziert.
Ausdrücklich loben muß man die jungen Schauspieler, von denen viele in Karlsruhe ihr erstes Engagement nach der Schauspielschule erhalten haben. Ihre Leistungen werden durch das banale Regiekonzept eingeschränkt. Darunter leidet vor allem Luis Quintana der einen uncharismatischen und schwachen Karl gestalten muß. Besonders hervorzuheben sind Maximilian Grünewald, dessen Monologe als Franz zu den stärksten Momenten gehören sowie Ralf Wegner, der als Spiegelberg zumindest ein wenig Dämonie einfließen lassen kann. Beide hätten ihre Rolle in einer seriösen Inszenierung verdient. So entwickeln sich die Figuren nicht und werden auch kaum ausreichend charakterisiert. Die Szenen besitzen keine innere Folgerichtigkeit und erscheinen fragmentarisch und isoliert als Rezitation oder Vorsprechübung. Das Böse wird als Klamauk verharmlost, ohne die Motivation zu entlarven.

Fazit (1): In einem alten Reclam-Heft findet sich im Nachwort der Hinweis, daß Die Räuber "wegen der strengen Zensur meist in fragwürdigen Bearbeitungen und üblen Verballhornungen wiedergegeben wurde". Zensur ist heute nicht mehr notwendig, dafür gibt es gezielt konsumentenfreundliche Pseudo-Regie. Zwischen fragwürdiger Bearbeitung und übler Verballhornungen muß man diese Inszenierung leider einordnen. Und man muß mal wieder die Frage stellen, ob nicht manches Personal des Badischen Staatstheater in einem reinen Kinder- und Jugendtheater besser aufgehoben wäre. 

Jetzt aber: Worum geht es in Schillers Räubern?
Um Radikalisierung und ihre Folgen. Zwei monströse Brüder stehen im Mittelpunkt: Der erstgeborene Karl ist beliebt und schummelt sich auch dank eines nachsichtigen Vaters um Konsequenzen und Verantwortung seines Tuns herum. Als er es dann doch zu bunt treibt, nimmt der zweitgeborene Franz die Chance wahr und bewirkt durch gefälschte Briefe beim inzwischen nun schon senil-alten Vater die Enterbung und Verstoßung Karls aus der Familie. Die Heimzahlung erfolgt umgehend. Karl rächt sich, indem er das  Beleidigtsein auf die Spitze treibt: er wird zum Anführer eine extrem gewalttätigen Räuberbande, die maßlos tötet, plündert und vergewaltigt. Schiller versucht, Karls Charakter einen Rest von Würde zu verleihen, indem er ihn als eine Art Robin Hood Geld an Arme verteilen lässt, doch Karl erleidet den totalen moralischen Absturz. Als er seine Verlobte töten muß, um seiner durch Führereid gegenüber seiner Bande verpflichteten Ehre gerecht zu werden, beschließt er, sich selber der Justiz (und damit der Hinrichtung) auszuliefern.

Franz ist ein geübter Heuchler und Lügner, äußerlich korrekt, aber ein gewissenloser und verleumderischer Intrigant, der Position und Macht als despotischer Alleinherrscher für sich haben möchte. In seiner Schiller-Biographie stellt Rüdiger Safranski die beiden Figuren als philosophisches Experiment gegeneinander: Karl ist der entfesselte Idealist, der sich aus Enttäuschung für sein demontiertes Weltbild in einem Dauerzustand der Empörung abreagiert, Franz ist  der rücksichtslose Materialist, der aufgrund steter Zurückweisung kalt und zynisch alles verrät, was ihn umgibt. Doch Franz konnte nicht leben, was er rücksichtslos plante. Die Angst vor den Konsequenzen seines Tuns wird für ihn zum Abgrund. Seine seelische Zerrüttung endet im Suizid.

Beide Brüder entwerfen sich als freie und unabhängige, nur sich selbst Rechenschaft schuldige Individuen und scheitern. Als Alibi für ihr Tun konstruieren sie sich alternativlose Zwangslagen, die der Realität nur eine gewisse Zeit standhalten. Bei Karl meldet sich das Gewissen, bei Franz die Angst vor dem bedrohlich Unvorsehbaren - beide wählen den Tod. Safranski schreibt: „Es gibt am Ende keine Versöhnung, sondern nur den Triumph der stolzen Freiheit, der seinem Selbst getreu bleibt. Mit dem Pathos dieser Freiheit, nicht mit dem Pathos einer wiederhergestellten Ordnung endet das Stück.“ Extreme Selbstentwürfe, die der irrationalen und nicht erforschten und durchdachten Willensfreiheit ihrer Figuren entspringen.

Neben den Nebenfiguren sind drei weitere Charaktere von Interesse, die Schiller in seinem Erstlingswerk nur unzureichend zeichnet. Der Vater ist eine schwache Figur, die keine Hinweise auf eine Vorgeschichte oder mögliche Motivierung seiner Söhne gibt. Karls Verlobte Amalia hat kaum eigenen Handlungsspielraum und ist nur Verfügungsmaterial, das Unglück erleidet, gequält wird und versucht, aufrecht zu bleiben. Spiegelberg, der andere Bösewicht des Stücks und Karls Konkurrent unter den Räubern, wird von Schiller als Jude gekennzeichnet, also als einen nicht umfänglich integrierten Außenseiters, der seine Statusnachteile und Herkunft durch Verschlagenheit und Grausamkeit kompensiert.
 
Was ist zu beachten (1)?
Die Räuber sind aus heutiger Sicht ein Problemstück, denn keiner Hauptfigur kann man heute noch mildernde Umstände für ihr Tun attestieren. Karl Moor ist kein Robin Hood, eine Daseinserhöhung durch Selbststilisierung in martialischen Männerbunden ist nur noch in Sport und Spiel legitim. Schiller wußte es, seine Definition von Glück lautet: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Franz und Karl wollen nicht spielen, sondern ernst machen mit ihrer uneingeschränkten Freiheit jenseits aller Regeln. Damit sind sie im Gegensatz zur Moderne, die unzählige Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung im Spiel bietet. Das Programmheft analysiert: "Die Jugendkultur ist zunehmend aufgeteilt auf einzelne kleine Szenen, in denen sich wiederum alles nur um die jeweilige Szene dreht. Dadurch sind die heutigen Jugendlichen individualistischer geprägt."
        
Im Programmheft befindet sich ein Interview mit einen Psychologen und Experten für Jugendgewalt, der Fachbücher und Artikel zum Thema der Adoleszenz junger Männer verfasst hat. Bei ihm wird Gewalt einerseits auf einen kleineren Radius eingeschränkt: "Jungen brauchen den Konflikt in Gruppen, weil sie sich als Krieger fühlen wollen, sie wollen sich als jemand anderes erfinden, wenn sie die Kindheit hinter sich lassen. Auf die Gewalt projizieren sie ihren Befreiungsschlag, die Befreiung aus der für sie unerträglichen Normalität." Andererseits setzt er diese Taten in globalen Zusammenhang: "In Syrien können junge Männer zu Halbgöttern werden. Gewalttäter werden bewundert, von ihnen geht immer eine besondere Strahlkraft aus, ob im Positiven oder im Negativen, sie werden zu Herren über Leben und Tod."

Wie übersetzt man das für unsere Zeit? Narzisstische Kränkungen, unbedingte Rechthaberei, unerbittliche Willensdurchsetzung und die Flucht in die vorübergehende befreiende Irrationalität der Gewalttätigkeit - Regisseurin Salehpour erklärte vorab in einem Interview, "zahlreiche Biographien von ISIS-Kämpfern gelesen" zu haben. "Deren Grundmotiv, daß man glaubt, das Recht für sich gepachtet zu haben, findet man beispielhaft in den Räubern". Eine sehr gute Idee, die aber unverzeihlicherweise nicht in der Inszenierung verwertet wird. Und da muß man das Karlsruher Schauspiel auch in die Kritik nehmen: es ist leichtfertig, wie hier eine Großchance vergeben wurde. Man könnte sogar Terrorismus und Klamauk zur Entlarvung kombinieren, doch dafür müßte man sich eine politische Inszenierung zutrauen. Das Programmheft bietet gute Ansätze, das Bühnengeschehen ist nichtssagend - keine Dämonie, kein Böses, keine Abgründe, kein heißer Kern, sondern handwarmer Brei.
                   
Auch wenn Schillers Verleger den Räubern In tyrannos (gegen die Tyrannen) als Motto voranstellte - die Vorzeichen haben sich durch historische Erfahrungen gedreht. Ob man bei Schiller zum Räuber wurde, im 3. Reich in die SS eintrat, in der RAF oder der NSU mordete oder heute als Moslem Ungläubige abschlachtet - es sind abgehängte junge Männer, die entweder von der Gesellschaft nicht anerkannt und marginalisiert werden oder wegen geringe Perspektiven und niedrigem Erwartungshorizont ihrem Leben durch Selbstmobilisierung in einen ständigen Ausnahmezustand Sinn und Halt geben wollen. Hannah Arendt sprach diesbezüglich von der "Bewegungssüchtigkeit totalitärer Bewegungen", die einen Ausbruch aus dem Alltag versprechen. Eine Ideologie oder Religion als Rechtfertigung ist nur die naheliegende, aber unzutreffende Ausrede für Gewaltexzesse. Die Radikalisierung der Räuber im ersten Akt ist bei Salehpour etwas beiläufig Gruppendynamisches ohne Gedankentiefe. Überhaupt: welche gute Idee steckt denn überhaupt in dieser Inszenierung?
   
Was ist zu beachten (2)?
Vor ca. 20 Jahren wurde während der Präsidentschaft Bill Clintons in den USA der Begriff youth bulge geprägt - das könnte man mit Jugendüberschuss übersetzten. Damit wird ein Phänomen globaler Bedrohung umschrieben, das man wie folgt zusammenfassen könnte: Kriege kann nur führen, wer einen Überschuß an jungen Männer zur Verfügung hat. Daraus wurde abgeleitet, daß es in Afrika in den kommenden Jahrzehnten immer wieder zu (Bürger-)Kriegen kommen sollte und die weitere Existenz des Staates Israel im 21. Jahrhundert schlechte Perspektiven hat, da das palästinensische Bevölkerungswachstum Israel erdrücken würde. Der Soziologe Gunnar Heinsohn hat in seinem Buch "Söhne und Weltmacht" ein darauf basierendes modernes Erklärungsmuster geliefert, das auch auf Schillers Figuren zu passen scheint und den Autor der Räuber als Erstbeschreiber moderner Erkenntnisse zeigt. Heinsohn schreibt: "Um Brot wird gebettelt. Getötet wird für Status und Macht." Daß nicht das Elend zur Rebellion führt, erkannte Thomas Hobbes bereits 1651 in seinem "Leviathan" - Diejenigen, die unzufrieden mit ihrer gegenwärtigen Lage sind, sind am ehesten geneigt, Kriegsursachen zu schüren sowie Unruhe und Aufruhr zu stiften.
Zeitgemäß ist Schillers Werk als Beispiel für die Entstehung von Gewalt - gezeigt werden Söhne, die für ihre Ambitionen keine akzeptable Positionen finden oder sie sich rücksichtslos nehmen und deshalb Länder und Regionen destabilisieren. Die Räuber sind die gewaltbereiten Außenseiter von heute. Wer sie heute für eine Inszenierung sucht, müßte sich die französischen Schulen anschauen, wo perspektivlose Schüler aus der islamischen Welt betonen, nicht Charlie Hebdo zu sein und das europäische Wertesystem abzulehnen (mehr dazu hier in der Frankfurter Allgemeinen). Frankreich und auch Großbritannien stehen noch schwere Bemühungen bevor, um die Radikalisierung ihrer moslemischen Jugendlichen zu verhindern.
   
Was ist zu sehen (2)?  
Franz und Karl sind also zwei überzeichnete Extremfiguren, deren Motivation im Stück unklar bleibt. Schiller erweist sich auch hier als Vorbild für zahllose Hollywood-Filme, deren spannender Handlung man besser folgt, ohne sie zu hinterfragen. Welche Motive gibt es bei Schiller für das Verhalten von Karl und Franz? Die Regisseurin Mina Salehpour hätte verschiedene Möglichkeiten: einen Gesellschafts- oder Generationenkonflikt (doch die 68 Generation ist weit weg) oder eine Geschichte über politische Empörung. Salehpour spricht von "Radikalisierung durch Ablehnung" und erklärt:  "In meiner Inszenierung bleibt der Vater abwesend. Dadurch wird er überlebensgroß und schlimmer als ein anwesender."  Den Worten folgten leider keine Taten ...

Salehpours Mißverständnis liegt darin, daß die Vaterfigur zweifellos ein bedingendes, aber kein allein bestimmendes Motiv darstellt und dieser Figur eine zu einseitige Bedeutung zugewiesen wird. Pech für die Mütter! Ihr Einfluß ist hier nebensächlich, die fehlende Mutterfigur wird bspw. gar nicht thematisiert. Diese einseitige Gewichtung verzerrt bereits theoretisch. Es ist naheliegend, Schillers Jugendwerk als Grundlage für den Terrorismus- und Gewaltdiskurs zu nehmen. Doch gerade nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo in Paris ist das Thema wieder ganz oben auf der Aktualitätsliste. Salehpours Gegenversuch  wirkt da einfach nur unzureichend.

Die Karlsruher Inszenierung sollte also "stark zugespitzt auf einen abwesenden Vater" sein. Und "Der Vater ist in dieser Inszenierung keine Figur, sondern eine Idee." Viele Eingriffe waren notwendig, um Salehpours Konzept auf die Bühne zu bringen. Die Hälfte der Figuren wurde gestrichen, darunter auch der Vater, der von einem Chor gesprochen wird. Das Treffen zwischen Karl und seinem Vater im 5. Akt findet nicht statt. Amalia wird nicht getötet, sondern emanzipiert sich. Schillers Stück endet nicht mit dem berühmten "Dem Mann kann geholfen werden", sondern mit einer Textstelle Karls, die Amalia in den Mund gelegt wird.

Fazit (2): Schon bei der Premiere sind diese Hampelmann-Räuber von der Tagesaktualität abgehängt worden. Das übergestülpte Konzept der Vaterlosigkeit ist psychologisch zu oberflächlich und eindimensional und bleibt auf der Bühne ohne Wirkung.
Ein scheinbarer "Erfolg" werden diese Räuber wohl trotzdem:
in den kommenden Monaten wird man viele Schulklassen zwangsdurchschleusen und die werden sich dabei wahrscheinlich auch gut unterhalten. Selbst der altbacken und harmlos inszenierte und in der Hauptrolle fehlbesetzte Danton wurde so vermeintlich "erfolgreich". Aber mal ehrlich: für diese Leistungen benötigt man kein hochsubventioniertes Staatstheater. Da findet man stärkere Ideen in geringer dotiertem und weniger professionellem Umfeld!

Team und Besetzung:
Karl Moor: Luis Quintana
Franz Moor: Maximilian Grünewald
Amalia von Edelreich: Florentine Krafft
Spiegelberg: Ralf Wegner
Schweizer: Jonathan Bruckmeier
Roller: Johannes Schumacher
Schufterle / Herrmann: Michel Brandt

Regie: Mina Salehpour
Bühne: Jorge Enrique Caro
Kostüme: Maria Anderski

Freitag, 16. Januar 2015

Und der nächste Falstaff wird ....

.... Pietro Spagnoli
Er gibt im Juli anscheinend sein Rollendebut in Karlsruhe (mehr dazu hier: http://www.irenegall.com/index.php/de/kuenstler/pietro-spagnoli) und wird damit Nachfolger von Ambrogio Maestri, der bei der letzten Karlsruher Inszenierung Begeisterung auslöste.

Weitere Gerüchte:
  • Meyerbeers Le Prophète in der Regie Tobias Kratzers 2015/16 in Karlsruhe (Die Welt berichtete im Oktober anlässlich des Meyerbeer-Jubiläumsjahr)
  • Händel Festspiele 2016 - Arminio mit Max E. Cencic? (Und zwar hier / Nachtrag: Die Internet-Seite mit dem Hinweis ist inzwischen wieder verschwunden)
Vielen Dank an den anonymen Finder der Links!

Krása - Verlobung im Traum, 15.01.2015

Gestern war es wieder ziemlich leer in den Zuschauerrängen. Schade, daß das Vertrauen des Publikums zu Intendanz und Programmzusammenstellung derart gesunken ist, denn sängerisch und darstellerisch ist die Verlobung im Traum eine Freude: mit Agnieszka Tomaszewska, Armin Kolarczyk, Dana Beth Miller, Katharine Tier, Jaco Venter und Christian Voigt ist man sehr gut besetzt und durch den spielfreudigen Chor ideal ergänzt. Und auch musikalisch ist das komponierter Zeitgeist: eine originelle Mischung aus verschiedenen Stilen und Einflüssen tönt aus dem Orchestergraben. Die Inszenierung nimmt die Entstehungszeit mit Charleston, Jazz und Revue anschaulich auf - eigentlich macht man alles richtig.

Trotz einer guten und problemlosen Umsetzung bekommen anscheinend sowohl Hans Krásas Verlobung im Traum (mehr zur Premiere findet sich hier) als auch der Doppelabend Ravel/Strawinsky kaum Publikumsresonanz und es wäre interessant zu wissen, für was durchschnittlich weniger Eintrittskarten verkauft wurden. So ambitioniert die Programmwahl der letzten drei Jahre mit vielen unbekannten Opern war, so wenig scheint sie honoriert worden zu sein. Und tatsächlich kann man nicht umhin, ein Gleichgewichtsproblem zu bemerken, das je nach Standpunkt mehr Leidenschaft und Beliebtes als Ausgleich benötigt.

Mit Puccinis La Bohème, Wagners Parsifal, Glucks Iphigenie auf Tauris und Verdis Falstaff folgen nun noch im restlichen Saison-Verlauf vielgespieltes Kernrepertoire und auch 2015/16 wird man keine Experimente eingehen. Unter den Stammzuschauern kursieren bereits die Pläne für die kommende Spielzeit, in der es fünf Opern des 19. Jahrhunderts (+ Händel, + Operette/Musical) geben soll. Die bereits zu Beginn der Intendanz in Aussicht gestellte Oper von Meyerbeer scheint nun dabei zu sein (und zwar Le Prophète (Regie: Tobias Kratzer), wie die Tageszeitung Die Welt hier bereits vermutet?) und auch sonst kursieren im Großen Haus nur bekannte Namen und auch eine Überraschung nach kurzer Frist ....

Freitag, 9. Januar 2015

Schiller - Kabale und Liebe, 08.01.2015

Weiterhin ein schöner Erfolg!
Diese Inszenierung lebt vor allem durch die Hauptdarsteller: Sophia Löffler und Thomas Halle als Luise und Ferdinand sind eine hervorragende Besetzung. Und im vierten Jahr der Ensemble-Zugehörigkeit muß man den beiden auch attestieren, daß sie den Weg zu wichtigen und relevanten Ensemble-Mitgliedern konsequent und erfolgreich gegangen sind. BRAVO! Ich freu mich auf die nächsten Hauptrollen der beiden.
André Wagner -aktuell in Karlsruhe der Hauptrollen-Schauspieler par excellence- zeigt als Präsident eine weitere intelligente Darstellung, die zwar fast etwas übertrieben satirisch wirkt, aber auch zeigt, wie aufmerksam und sorgfältig Wagner an seinen Rollen modelliert und feilt; seine Wandlungsfähigkeit erscheint überlegt und zeigt sich in stark geformten Rollen.
Und bei Lisa Schlegel kann man wie so oft fasziniert feststellen, daß jede Nuance perfekt sitzt.
Neu besetzt ist Maximilian Grünewald, der sich in der zurückhaltend angelegten Rolle des Wurm nahtlos einfügt, aber nicht ganz der ursprünglichen Auslegung seines Vorgängers Simon Bauer entspricht. Bauers Wurm war noch etwas verhaltener, schleichender und farbloser und dadurch noch fieser und unheimlicher.
Leichte Abstriche in der B-Note: Im Vergleich zur  Premiere (mehr dazu auch hier) kann man leichte Abnutzungserscheinungen bei der 36. Aufführung konstatieren. Lady Milford gewinnt bspw. bei  Ute Baggeröhr nicht so viel Kontur als bei Agnes Mann, die als Gast damals die Premierenbesetzung war.

Schade daß Schillers Verleger den Räubern und nicht Kabale und Liebe den Wahlspruch In tyrannos! (Gegen die Tyrannen!)  voranstellte. Vielleicht hätte die Regie dann die politische Dimension mehr betont und nicht diese sehr gute, sehenswerte, aber halt auch um eine Dimension vernachlässigte Familien-Inszenierung auf die Karlsruher Bühne gebracht. In Zeiten der wieder erstarkenden autoritären Staatsoberhäupter, einer über Gebühr Geltung fordernden altertümlichen Religion, kulturellem Relativismus, der Umwandlung von öffentlichen in privaten Raum und einer induzierten Gleichgültigkeit, die sich bei Politik und Presse als vermeintliche Toleranz, Deregulierung oder Wirtschaftsliberalismus ausgibt, wäre eine starke In tyrannos! Aussage ein Gebot der Zeit. Denn wenn das humanistische Europa auch einforderte, daß Menschen Rechte haben, dann muß man heute leider in globaler Sicht relativieren: nur so viele, wie sie behaupten oder erstreiten können. In dieser Hinsicht bleibt die Inszenierung bei allen Meriten zu schwach geprägt.

Fazit: Eine ausverkaufte Vorstellung mit einem aufmerksamen und gespannt folgendem Publikum - ein aussagekräftiges Indiz für die Qualität von Kabale und Liebe. Bis April folgen nur noch vier Aufführungen, die 40. scheint auch die letzte zu sein. Schade! 2015/16 hätte ich mir sonst einen weiteren Besuch gegönnt.

PS: Am 17.01.15 haben Schillers Räuber in Karlsruhe Premiere. Das ursprüngliche In tyrannos-Stück hat diese Bedeutung schon längst verloren und ist sogar im Lichte unserer Zeit  ganz anders zu interpretieren. Mal schauen, ob man dem in wenigen Tagen in der Neuinszenierung des Badischen Staatstheaters gerecht wird und die Balance zwischen familiären und politischen Aspekt besser hält.

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Puccini - Tosca, 30.12.2014

Was für eine spannende und gelungene Tosca!
Ausgezeichnet gesungen und gespielt vor fast vollem Haus, zufriedenem Publikum und schöner Stimmung - wer dabei war, erlebte eine sehr gute Aufführung.

Beispielhafte Formvernunft
Wer hätte das bei der Premiere dieser Inszenierung am 27.05.2000 gedacht (Regie: John Dew. Damals übrigens eine Koproduktion mit der Opéra Comique in Paris zum Jubiläumsjahr: Tosca erlebte ihre Uraufführung am 14.01.1900), daß sie nach über 14 Jahren noch gespielt wird und gestern die 61. Aufführung erlebte. Es gab 2000 viele Buhs, die heute kaum noch verständlich sind, denn daß Scarpia ein Kardinal ist, Tosca nicht von der Engelsburg in den Tod springt, sondern erschossen wird und ihr göttliche Gnade zukommt, sind die einzigen relevanten Freiheiten, die sich die Regie nimmt. Ansonsten ist es eine im positiven Sinne konventionelle Umsetzung und ein gutes Beispiel dafür, daß es nicht immer das erzwungen Ungewöhnliche sein muß, womit sich Regie und Intendanz profilieren wollen, sondern eine geglückte Inszenierung Formvernunft benötigt: künstlerische Berechnung, überlegte Effektsetzung und kalkulierte Verdichtungen erzeugen Erfolg beim Publikum.
Am 24.01.2015 hat eine neue La Bohème Premiere. Die über 20 Jahre gespielte und hochgradig beliebte Bohème-Vorgängerinszenierung von Giancarlo del Monaco war ein entsprechendes Beispiel. Die bevorstehende Neuinszenierung wird also zum Gradmesser für die Karlsruher Oper: Profilierungssucht oder Formvernunft?

2015/16: Strategiewechsel in der Oper?
So etwas kann man wohl ein Retro-Erlebnis nennen. Eine Aufführung, die man glücklich verlässt und  dabei erkennt, daß man ein relevantes Erlebnis hatte, von dem man spätestens im Nachhinein weiß, daß man es nicht hätte verpassen wollen. Retro ist das nicht, weil diese Tosca im 15. Jahr gespielt wird, sondern weil diese Form der künstlerisch geglückten Erfahrung nach dem Amtsantritt des aktuellen Intendanten seltener geworden ist. Der Standpunkt der Karlsruher Oper ist auch im vierten Jahr diskutabel und steht aktuell im Brennpunkt der Diskussion. Eine neue Maßnahme für die kommende Spielzeit wird vom Badischen Staatstheater behutsam verbreitet. Aus Reihen der regelmäßigen und gut vernetzten Stammbesucher ist zu hören, daß in der Saison 2015/16 anscheinend nur Opern des 19. Jahrhunderts (ausgenommen natürlich Händel) zu hören sein werden, darunter sollen überwiegend Werke des Kernrepertoires sein, also keine Raritäten, nichts wie auch immer geartetes "Modernes", auch kein Richard Strauss. Doch das sind bisher nur Gerüchte. Mehr dazu im Januar oder später.

Bravos für eine gelungene Aufführung
Im vergangenen Jahrzehnt hat Barbara Dobrzanska mit ihrem dramatischen Sopran die Rolle der Tosca in Karlsruhe derart geprägt, daß man sich kaum jemand anderen vorstellen kann. Von den knapp 60 Toscas hat sie wahrscheinlich deutlich mehr als die Hälfte gesungen und auch gestern begeisterte sie das Publikum. Brava!
Große Zustimmung und viele Bravos erhielt auch Andrea Shin als Cavaradossi. Er meistert seine Rolle und die berühmte Arie im dritten Akt klangschön und unangestrengt mit offener und höhensicherer Stimme. Shin zählt inzwischen zu den Sängern, die gelten und hoffentlich auch Rollen bekommen, die für ihn prädestiniert sind: Verdi, Donizetti und Bellini sollten es schon sein.
Scarpia hat in dieser Inszenierung schon ganz unterschiedliche Interpretationen erlebt. Jaco Venter verortet seinen Scarpia weniger als lauernden Lüstling oder dominanzsuchenden Zyniker, sondern als Sadisten: Er quält mit Freude, und das sowohl stimmlich als auch spielerisch überzeugend.
Johannes Willig dirigierte umsichtig und engagiert: den Sängern gab er ausreichend Entfaltungsspielraum, das Orchester steigerte er immer wieder zu großen Momenten.

Fazit: Auch zum wiederholten Male ein Genuß! Ein herzliches BRAVO an alle Sänger und Musiker.

PS: Die Premierenbesetzung im Jahr 2000: Tosca: Olga Romanko, Cavaradossi: Kostadin Andreev, Scarpia: Hartmut Welker, Dirigent: Kazushi Ono.

Sonntag, 28. Dezember 2014

Rokokotheater Schwetzingen: Jommelli - Fetonte, 27.12.2014

Jommellis Fetonte - das ist in Schwetzingen ein in jeder Hinsicht konventioneller und wenig auffälliger 1. Akt, gefolgt von zwei weiteren bemerkenswerten, eher kurzen und aufregenden Akten.

Ausgrabung zum 300. Geburtstag
Der Neapolitaner Niccolò Jommelli (*1714 †1774) war ein früher Gastarbeiter: 16 Jahre (1753-1769) war er Hofkapellmeister des württenbergischen Herzogs Karl Eugen (Schiller flüchtete 1782 vor dem Despoten, der seine Soldaten wie Sklaven verkaufte), der in Ludwigsburg das größte Opernhaus Europas errichtet hatte. Jommelli komponierte jährlich zwei Opern (zu dessen Namens- und Geburtstag), in der Summe 28 soll er für den Herzog geschrieben haben. Fetonte war seine letzte im Jahr 1768 und ein Monumentalprojekt zum 40.Geburtstag des Landesherrn: eine Prunkoper mit großem Aufwand, aber anscheinend so teuer, daß die finanziellen Mittel des Herzogs danach erschöpft waren und es keine weiteren Opern gab. 400 Statisten und 86 Reiter zu Pferde wurden angeblich benötigt, ganz abgesehen von fünfzig Musikern im Orchester und zahllosen Spitzensängern, darunter drei Kastraten. In Schwetzingen agiert man deutlicher reduzierter: nur mit den Solisten und mit einem halb so großen Orchester.

Worum geht es?
Fetonte, das ist Phaeton in der griechischen Antike, der Sohn einer Affäre des Sonnengottes Helios mit Klimene, der später verwitweten Königin von Nubien, die ihren Sohn mit ihrer Stieftochter Libia verheiraten will. Doch auch der König von Ägypten (Epafo) begehrt Libia, der König von Äthiopien (Orcane) hat ein Auge auf Klimene geworfen. Fetonte will seinen Anspruch auf Libia und den Thron durch den Beweis seiner göttlichen Abstammung festigen: er nimmt sich auf Anraten seiner Mutter den Sonnenwagen seines Vaters, überschätzt sich aber maßlos, stürzt ab, löst fast eine globale Katastrophe aus und verbrennt selber dabei. Libia stirbt ebenfalls, Klimene begeht verzweifelt Selbstmord.

Was ist zu sehen?
Die Bühne von Katharina Schlipf besteht auf variablen Elementen, die gedreht, auf- und zugeschoben werden können und das Königreich Nubien  in eine Großindustriellenfamilie der 1950/60er Jahre verlegt. Man sieht in geschlossenem Zustand der Elemente eine holzvertäfelte Wand, Bar und Bibliothek. Fetonte wirkt verschüchtert, entscheidungsschwach und lebensfern - ein Hobby-Bastler und Tüftler, der die Gefahr seiner Aufgabe unterschätzt. Klimene ist Manager im Hosenanzug und militärisch wirkendem Mantel, Orcane und Epafo sind im edlen Zwirn, Libia ist eher unauffällig und brav. Sonnen-, Meeres- und Schicksalsgott treten phantasievoll auf. Die Inszenierung von Demis Volpi ist oft einfallsreich und überzeugt doch nicht immer. Volpi buchstabiert Emotionen und Situationen  zwar richtig, aber etwas zu glanzlos, ohne den stimmigen Ausdruck, ohne die entsprechende Metapher zu finden. Gerade im handlungsarmen 1. Akt, in dem Personen und Haltungen in vielen Arien vorgestellt werden, wirkt seine Personenführung wie eine etwas sterile, aber bestandene akademische Übung. Volpi hat für jede Szene eine akzeptable, meistens aber nur halbwegs passende Antwort. Im 2. und 3. Akt spitzt sich die Handlung vor allem musikalisch zu und die Regie findet bessere Lösungen als zu Beginn.

Was ist zu hören?
Der 1. Akt dient dazu, die Personen und ihre Motivationen vorzustellen. Dies geschieht in Jommelis Komposition ohne besonderen Erinnerungswert und gestern mit anfangs unsicheren Solisten, die sich im Verlauf des Abends deutlich steigerten. Besonders auffallend ist die schöne und natürlich klingende Stimme des Countertenors  Antonio Giovannini in der Titelrolle, der auch auf einer größeren Bühne wie Karlsruhe eine gute Figur machen sollte. Besonders hervorheben muß man  auch Jeanine de Bique (Climene), Elisabeth Auerbach (Libia) und Artem Krutko (Epafo) mit sehr guten Leistungen und engagierten und guten Kollegen in den anderen Rollen..
Das Orchester Heidelberg ist unüberhörbar nicht für die Aufführungspraxis des Barock und Rokoko spezialisiert: der Klang ist immer wieder suboptimal. Dirigent Felice Venanzoni bringt mit seinem oft rauhen, energischen und flotten Dirigat dennoch viele Feinheiten unmittelbar zu Gehör uns trägt besonders in den musikalisch spannenden und mit wirkungsvollen Ensembles und Szenen ausgestatteten 2. und 3. Akt zum Erfolg maßgeblich bei,

Fazit: Eine weitere interessante Aufführung der Heidelberger Oper! Fetonte ist nicht durchgehend auf hohem Niveau und dennoch lohnt sich diese Oper aufgrund der sehr guten Akte 2 und 3 für Raritätenfreunde.

PS: Der Schriftsteller Wilhelm Heinse (*1746 †1803) erwähnt in seinem 1795 erschienen Roman Hildegard von Hohenthal Jommelis Fetonte und gibt in einem Dialog (zwischen Hildegard von Hohenthal und ihrem Musiklehrer Lockmann) einen Eindruck, wie ein Zeitgenosse Jommellis das Werk aufnahm. Auch vor 220 Jahren traf man schon treffende Urteile.
".......
Als er in das Zimmer trat, sah er sie über Jomelli's Fetonte sich lustig machen. »Welch ein Einfall,« sagte Hohenthal, »den Sturz Phaetons, Himmel und Erde und die Elemente in Brand, auf dem Theater vorstellen zu wollen!«

Lockmann versetzte gleich darauf: »Es ist gewiß das albernste Bretterspiel, durchaus ohne Verstand und Empfindung. Vielleicht hat der Herzog selbst dem unsinnigen Dichter aus ältern Operntiteln das Thema angegeben, und der große Tonkünstler mußte sein Genie dabei mißbrauchen. Es ist aber auch in der Musik meistens nur sein Stil sichtbar. Wo der Text einigermaßen gut wird, ist er jedoch vortrefflich; welches nur bei wenigen Fällen statt findet. Fast alles ist bloß für Phantasie und Ohr gearbeitet.«

»Die zwei Könige Epafo von Ägypten, und Orcano von Äthiopien,« fuhr Hohenthal fort, »sind die albernsten Fratzen, die ich auf dem Theater kenne; und diese machen die ganze Verwickelung aus. Sie zwingen den Phaeton zu beweisen, daß er ein Sohn des Phöbus sei.«

»Der Ausgang ist wirklich das possierlichste Zeug. Himmel und Erde brennt; Jupiter zerschmettert den Wagen Phaetons mit einem Donnerkeil; Libia, dessen Geliebte, stirbt in Ohnmacht; und Climene, die Mutter, schwatzt noch lange mit den hundstollen Königen und stürzt sich darauf ins Meer. Kein Schauspieler erstickt oder verbrennt, welches ordentlich zum Lachen sein muß, bei dem ungeheuern Aufruhr aller Elemente; und das Stück endigt sich mit Dunst und Rauch und dem Davonlaufen aller.«

»Sehr wahr,« sagte Lockmann lachend; »aber der Schluß in der Musik ist doch pittoresk und prächtig.«

»Der Herzog hat mit seinen großen Künstlern das Unmögliche möglich machen, und ein glänzendes Feenspiel zum Erstaunen der guten Schwaben für Augen und Ohren geben wollen.«

»Der Anfang gleich ist eine Zauberei nach der andern; die Symphonie schön und neu. Das Andante macht die Anrufung der Climene an die Thetis mit einem Chor tanzender Priester. Im Presto stürzt alles zusammen, und Thetis erscheint in aller Pracht auf einem Thron. Die Arien sind für äußerst geübte hohe Sopranstimmen. Der Chor der Tritonen ist ein Meisterstück für ihren Charakter. Das Duett der Thetis und Climene hat schöne Stellen; dann kommt freilich auch in der Musik Leeres und Langweiliges. Der Abzug des Phaeton zur Sonnenburg ist das Beste; und sein Duett mit der Fortuna, deren vom Vater erbetenen Beistand er aus Stolz nicht annehmen will, das Wesentliche vom Ganzen.«
......."


Team und Besetzung
Fetonte: Antonio Giovannini
Climene: Jeanine de Bique
Libia: Elisabeth Auerbach
Teti / La Fortuna: Rinnat Moriah
Orcane: Namwon Huh
Epafo: Artem Krutko
Proteo / Il Sole: Philipp Mathmann

Philharmonisches Orchester Heidelberg
Musikalische Leitung: Felice Venanzoni

Regie: Demis Volpi
Bühne: Katharina Schlipf

Freitag, 19. Dezember 2014

Offenbach - Fantasio, 18.12.2014

Das Badische Staatstheater hat in den letzten Jahren immer wieder interessante Raritäten für Opernliebhaber auf den Spielplan gestellt, wobei man überwiegend das 20. Jahrhundert im Blick hatte und Spontinis La Vestale eine Ausnahme war. Mit Werken von Benjamin Britten (Tod in Venedig), Bohuslav Martinu (Die Griechische Passion), Gottfried von Einem (Dantons Tod), Frederick Delius (Romeo und Julia auf dem Dorfe), Mieczyslaw Weinberg (Die Passagierin) oder zuletzt Hans Krása (Verlobung im Traum) hat man zwar keine Zuschauermassen angelockt, aber wertvolle Ergänzungen in meistens spannenden Inszenierungen präsentiert. Mit Fantasio hat man nun eine Kostbarkeit unter Wert präsentiert, indem man sie auf ein eher belangloses Operettenvergnügen reduziert hat. Dem Inszenierungsteam gelang leider kein mustergültiger Fantasio und verglichen mit Der Vetter aus Dingsda, ebenfalls von diesem Team inszeniert, kopiert man das Prinzip ohne Bemerkenswertes hinzuzufügen. Nicht jede Erfolgsformel hält mehrfach.

Die A-Premiere bewies bereits, daß Fantasio musikalisch viel zu bieten hat und die B-Premiere konnte diesen Eindruck vertiefen: was aus dem Orchestergraben tönt, ist inspirierter Offenbach! Alle Beteiligten sind engagiert dabei. Stefanie Schaefer als Fantasio spielt im positiven Sinn routinierter und flüssiger, dafür vielleicht weniger sinnlich und fragil als Dilara Bastar. Die Regie verpasste es leider, die Hauptfigur prägnanter zu charakterisieren. Fantasio bleibt unbestimmt und fern. Näher ist die Prinzessin: dafür hat man mit Jennifer Riedel, die ihr Gesangsstudium an der Hochschule für Musik in Karlsruhe absolvierte und in der Zwischenzeit eine erfolgreiche Karriere gestartet hat, die richtige Wahl getroffen.
Wiederum überzeugte Denis Sörös; er ist in der kleinen Rolle des Spark eine echte Entdeckung. Es ist ein Vergnügen seinem kraftvollen und klaren Bariton zuzuhören.
Nachträgliche Bravos zur A-Premiere: Klaus Schneider überzeugte als Marinoni ganz wunderbar, Renatus Meszar als König ist eine Luxus-Besetzung in dieser Rolle

Fazit: Auch nach der B-Premiere bleibt das Hindernis bestehen: Fantasio ist zu einseitig als Operette inszeniert - routiniert, teilweise mit etwas aufgesetzter Komik, mit schönen Choreographie-Elementen und ein bißchen vorgetäuschtem aktuellem Zeitbezug - doch man übersieht, daß viel mehr in der Oper steckt. So ergibt sich ein netter Abend, der aufregender und mehrdimensionaler hätte ausfallen müssen.

Sonntag, 14. Dezember 2014

Offenbach - Fantasio, 13.12.2014

Eine etwas vertane Chance
Über den neu editierten Fantasio konnte man vorab nur Lobeshymnen lesen: Die Oper gilt als wichtiger Zwischenschritt zu Hoffmanns Erzählungen und zu Unrecht als vernachlässigtes und vergessenes Meisterwerk. 142 Jahre nach der Premiere ist nun Offenbachs Oper zum ersten Mal wieder in der Ursprungsfassung für die Bühne inszeniert worden. Die Aufführung am Badischen Staatstheater zeigt szenisch und musikalisch Licht und Schatten. Es bleibt der Eindruck einer sehr guten Durchschnittlichkeit. Doch aus Fantasio hätte man mehr machen können.

Eine kurze Geschichte des Vergessens und Wiederentdeckens Fantasios
Die 1872 in Paris uraufgeführte Oper verschwand schnell in der Versenkung. Offenbach machte sich selber Konkurrenz: Le Roi Carotte (UA 15.01.1872) erlebte fast 200 Aufführungen, drei Tage später Fantasio (UA 18.01.1872) keine 15. Dazu kamen politische Gründe: Im Jahr zuvor hatte Frankreich den Krieg verloren und die deutsche Reichsgründung im Spiegelsaal von Versailles erdulden müssen. Offenbach als Komponist deutscher Herkunft verlor an Ansehen, die in München spielende Oper mit pazifistischer Schlußansprache widerstrebte den französischen Revanchisten.
Eine zweite Fassung, die Offenbach noch 1872 für Wien erstellte, wurde den dortigen Gegebenheiten angepasst und inhaltlich und musikalisch deutlich verändert. Die ursprünglich für Tenor gedachte Rolle des Fantasio wurde von Offenbach in Paris für einen Mezzosopran konzipiert und in Wien für einen Sopran umgestaltet. Aufgeführt wurden die Wiener Version des Fantasio oder bearbeitete bzw. fremdorchestrierte und für Tenor eingerichtete Fassungen nur sehr selten und ohne nachhaltigen Erfolg. Bekannt sind Inszenierungen bzw. konzertante Aufführungen in den Jahren 1927 (Magdeburg), 1957 (Köln), 1994 (Gelsenkirchen/Wuppertal) sowie 2000 in Frankreich.
  
In Karlsruhe inszeniert man zum ersten Mal seit der Premiere 1872 die Pariser Fassung in der ursprünglichen Instrumentierung Jacques Offenbachs. Das ist für Offenbach-Enthusiasten eine kleine Sensation, denn das originale Orchestermaterial und die gesprochenen Zwischentexte wurden  beim Brand der Opéra-Comique 1887 zerstört. Offenbachs Erben verscherbelten später skrupellos die Originalpartitur teilweise seitenweise als Devotionalien in alle Ecken der Welt. Es war fast schon ein Lebenswerk, um in jahrelanger Detektivarbeit die Partiturseiten aufzufinden und das Werk zu rekonstruieren. Die Dialogtexte wurden anhand relevanter Quellen neu erstellt. 2013 gab es in London eine erste konzertante Aufführung und Aufzeichnung, die beim Label Opera Rara seit kurzer Zeit erhältlich ist. Am Badischen Staatstheater stellt man den neu editierten Fantasio nun zur Diskussion, allerdings in deutscher Sprache in einer neuen Übersetzung von Carsten Golbeck, der dies dichterisch als seine bisher größte Herausforderung bezeichnete. Beim ersten Anhören scheint sein deutscher Fantasio nicht durchgängig gelungen und schwankt sprachlich zwischen den Zeiten. Eine französische Fassung mit deutschen Sprechtexten wäre vielleicht auch aus musikalisch-sängerischen Gründen die bessere Wahl gewesen.

Worum geht es?
Offenbachs komische Oper spielt in München, in einem erdachten Phantasie-Königreich. Bayern ist pleite und steht kurz vor der Übernahme durch das Königreich von Mantua. Um eine kriegerische Auseinandersetzung und den Machtverlust zu vermeiden, will der bayrische König seine Tochter an den unbekannten Prinzen von Mantua verheiraten. Die Oper setzt ein am Vorabend der Hochzeit. Das ahnungslose Volk freut sich, einige Studenten spotten, der unerkannt angereiste Prinz von Mantua und sein Adjutant tauschen die Uniformen und erkunden die Lage.
Fantasio -eine Mischung aus armen Studenten und Tagträumer- steht vor dem Königsschloß und verliebt sich in die Stimme der Prinzessin, die aus dem Palast klagt. Die beiden einander unsichtbaren Figuren hören sich nur und singen gemeinsam ein Duett und sind augenblicklich von Sehnsucht erfüllt. Fantasio nutzt eine Chance, um in den Palast zu kommen: der Hofnarr ist gestorben und Fantasio gibt sich verkleidet als sein Nachfolger aus. Im Verlauf der Oper provoziert er verkleidet einen schweren diplomatischen Zwischenfall und erwirbt die Liebe der Prinzessin. Statt einer Friedenshochzeit droht der Kollaps - Fantasio landet im Kerker, aus dem ihn die Prinzessin befreit. Fantasio versöhnt Mantua und München, der italienische Prinz verzichtet auf die Hochzeit, der bayrische König adelt seinen Interims-Hofnarren und der Liebe steht nichts mehr im Wege. Fantasio hat seinen Namen zu recht.

Was ist zu sehen?
Das sehr informative und vielfältige Zusammenhänge aufdeckende Programmheft des Dramaturgen Dr. Boris Kehrmann interpretiert die Handlung im Rahmen der geschichtlichen Ereignisse und Themen zu Offenbachs Zeit, aktualisiert durch gegenwärtige Zeitbezüge. Eine Mischung aus König Ludwig, Studentenunruhen, Globalisierungsproblematik und Pazifismusaufruf, die in Karlsruhe auf Comedy-Niveau reduziert ist. Es gibt viele gute Ideen - doch leider nur mäßig gute Übersetzungen ins Bühnengeschehen. Nach einem kurzweiligen ersten Akt entgleiten der Regie die guten Einfälle und die Spannungszügel. Einiges bleibt nur oberflächlich angedeutet, die szenische Überzeugungskraft lässt im Verlauf des Abends nach, da vor allem die ernsten Szenen keine passende Entsprechung auf der Bühne finden. Der Karlsruher Fantasio ist mehr Operette als Oper geworden.

Die Bühne von Friedrich Eggert zeigt im ersten Akt München als Dorf aus kleinen Fachwerkhäuser und Mini-Schloß. Der zweite Akt spielt im Inneren des Schloßes, das sich langsam mit Umzugskartons füllt, um die königlichen Besitztümer zur Schuldentilgung nach Mantua zu verschicken. Der dritte Akt wird dann von Kartons dominiert und ist nur noch mäßig attraktiv. Parallel dazu entwickeln sich die Kostüme von Alfred Mayerhofer: Die Bevölkerung trägt zu Beginn bayrische Kostüme, Dirndl und Lederhosen, vermischt mit aktueller Freizeitmode. Im letzten Akt hat sich das zu unaufregenden Ganzkörpergymnastikanzügen in schlumpfblau und weiß gewandelt. Visuell beginnt man gut und verliert deutlich an Kraft.

Regisseur Bernd Mottl sieht Offenbachs Phantasie-Bayern auch als Zeitkritik: "Für mich waren die politische Klammer der Annexion und Bayerns Entwicklung zu einer Paket-Gesellschaft die springenden Punkte, um das Stück in einen Kontext zu stellen, der etwas mit uns zu tun hat." Schade, daß er es nur halbherzig tat. Schuldenmachen bis zur Überschuldung: Das bayrische Blau-Weiß könnte auch das griechische sein. Für die Entfremdung durch Ausverkauf finden alle Beteiligten nur schwache Metaphern.

Auch für die Hauptfigur Fantasio findet man keine einprägsame Charakterisierung. Im dritten Akt entkleidet sich der angebliche Hofnarr, um der Prinzessin den wahren Fantasio zu zeigen. Und der vermeintliche Student entpuppt sich dann als verkleidete Frau. Doch zum Glück benötigt die Prinzessin nicht lange, um sich zu ihrer neuen Partnerin zu bekennen. Allerdings bleibt diese Szene isoliert und wird weder vorbereitet noch weitergeführt - eine banale Plakativität als schwache Geste.

Gelungen ist vor allem die Arbeit von Choreograph Otto Pichler, der "die Partitur sichtbar machen" will. Das gelingt in hohem Maße und verhilft der Inszenierung zu kurzweiligen und amüsanten, teilweise auch wunderbar albernen Szenen. Pichler erreicht, was das Programmheft verspricht: "Die geformte Bewegung gibt der Bühnenaktion eine visuelle Struktur, die der Musik Kraft verleiht."  Die Sänger und Statisten einer Trachtengruppe beleben die Aufführung tänzerisch.

Was ist zu hören?
Gast-Dirigent Andreas Schüller von der Dresdner Staatsoperette macht aus Fantasio eine Operette und folgt damit der Linie des Inszenierungsteams. Schüller betont nicht die Nähe zu Hoffmanns Erzählungen, die opernhaften Szenen, die innigen Momente der Duette und Arien, also das was Fantasio eigentlich auszeichnet, bleiben bei ihm etwas zu schwach entwickelt. 
Fantasio
kombiniert typisch Offenbachisches: Operettenhaftes mit romantischer Oper, Parodie und Witz mit Melancholie und Ernst. Man hört mehr als die typische Lustigkeit einer Offenbachiade: lyrische, melancholische, sogar anrührende Szenen, die den typischen Operettenraum deutlich vertiefen und eine Nähe zu Hoffmanns Erzählungen unmittelbar spüren lassen. Verschiedene wiederkehrende musikalische Motive -die Ouvertüre versammelt bereits einige- durchziehen das Werk, es gibt in jedem Akt ein Liebesduett und jeweils ein großes Finale. Die grandiose Auftrittsarie der Prinzessin im 1.Akt klingt, als wäre sie dem Antonia-Akt aus Hoffmanns Erzählungen entnommen. Das Quintett zu Beginn des 2. Akts erinnert an gut gelaunten Rossini, das Akt-Ende an den Olympia-Akt, das Duett im 3. Akt hat Anklänge an den Giulietta-Akt. Fantasio hat viele Momente, die dem berühmtem Nachfolger ebenbürtig sind. Der Unterschied liegt in der Handlungstiefe: Les contes d' Hoffmann faszinieren durch eine geheimnisvolle Spannung. Fantasio ist weniger dicht, das Gegengewicht eines Lindorf/Coppélius/Dapertutto/Dr. Miracle fehlt. Der Prinz von Mantua hat nichts Dämonisches, sondern erweist sich im 2. Akt als ein leicht cholerischer und leidender Liebender.

Der Star des Abends war gestern der Badische Staatsopernchor, der singen, tanzen und spielen mußte und mit viel Spaß und Engagement einen hervorragenden Eindruck hinterließ. Choreograph Otto Pichler fordert viel und wird von den Sängern nicht im Stich gelassen. BRAVO!
Ina Schlingensiepen sang und spielte als Prinzessin mit gewohnter Sicherheit und Spielfreude und animierte das Publikum nach ihrer Koloraturarie im 2. Akt zum stärksten Einzelapplaus des Abends. Ihr gelang es, ihre Figur deutliche Konturen gewinnen zu lassen. Dilara Bastar als Fantasio blieb hingegen stimmlich und darstellerisch etwas zu blaß. Die junge Mezzosopranistin wechselte zur Spielzeit 2014/15 vom Karlsruher Opernstudio ins Ensemble und hat sich mit ihrer schönen Stimme bereits Publikumspopularität ersungen. Gestern konnte man ihr die Aufregung über die große Premiere anmerken. Ihr Fantasio blieb hinter ihren Möglichkeiten (noch) zurück, aber es ist zu erwarten, daß sie in den folgenden Aufführungen deutlich an Sicherheit und Ausdruck gewinnt.
Überzeugend waren die kleineren Rollen besetzt, vor allem Dennis Sörös als Spark, der an der Karlsruher Musikhochschule studiert hat und gestern auf der Bühne des Staatstheaters debütierte, sowie die Routiniers Klaus Schneider als Adjutant Marinoni, Gabriel Urrutia Benet als Prinz, Renatus Meszar als bayrischer König und Katharine Tier als Hofdame.

Fazit: Das Badische Staatstheater hat richtig gewählt und sich falsch entschieden. Fantasio hat wunderbare Szenen, deren Stimmungen man aber inszenatorisch nicht vollumfänglich gerecht wird und wunderschöne Musik, die man nicht optimal auskostet.  Aus Fantasio hätte man mehr machen können.

Team und Besetzung
Fantasio: Dilara Baştar    
Der König von Bayern: Renatus Meszar
Prinzessin Theres, seine Tochter: Kammersängerin Ina Schlingensiepen
Flamel, Hofdame: Katharine Tier
Rütten, Haushofmeister (Sprechrolle): Peter Pichler
Prinz von Mantua: Gabriel Urrutia Benet
Marinoni, sein Adjutant: Kammersänger Klaus Schneider
Spark, Student: Dennis Sörös
Facio, Student: Max Friedrich Schäffer
Max, Student: Nando Zickgraf
Hartmann, Student: Daniel Pastewski

Musikalische Leitung: Andreas Schüller
Regie: Bernd Mottl
Bühne: Friedrich Eggert
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Choreografie: Otto Pichler
Chorleitung: Ulrich Wagner