Sonntag, 20. Juli 2014

Mussorgsky - Boris Godunow, 19.07.2014

Boris Godunow -ein zentrales Meisterwerk der russischen Oper- bekam gestern viel Applaus nach einer erfolgreichen und guten Premiere im Badischen Staatstheater. Leider blieb die Inszenierung zu konturenlos, viele Fragen bleiben nicht nur offen, sie werden gar nicht erst gestellt.

Geschichtlicher Hintergrund
Fast 40 Jahre lang hatte Iwan der Schreckliche (†1584) Rußland geknechtet, ihm folgte Iwans schwachsinniger Sohn Fjodor, für den Boris Godunow bis zu seinem Tod die Geschäfte führte, bevor er selber für sieben Jahre als Zar folgte, aber erst nachdem auch Iwans jüngster Sohn Dimitri im Alter von 8 Jahren tot mit einer Wunde am Hals gefunden wurde. Ob es sich um einen Auftragsmord oder einen Zufall der Geschichte handelte, konnte nie geklärt werden. Boris Godunow hatte später den Ruf des Prinzenmörders und mußte sich aber zu Lebzeiten mit einem falschen Dimitri beschäftigen - einem Hochstapler, der Anspruch auf den Thron erhob und die Legitimität Godunows infrage stellte.
Es war eine "Zeit der Wirren" für Rußland: schwach und zerstritten, wirtschaftlich verarmt und verwüstet. Godunow stabilisierte das Land, förderte den Handel und doch blieb es aufgrund der unklaren Machtverhältnisse anfällig und unsicher. Godunow starb aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands im Jahr 1605 in unruhigen Zeiten. Der falsche Dimitri kam danach kurz auf den Thron und wurde ermordet. Erst 1613 stabilisierte sich Rußland mit dem ersten Zaren aus der Dynastie der Romanows.

Versionsfrage
Mussorgsky hinterließ eine Ur-Fassung, eine später überarbeite Original-Fassung (bei der ein Bild fehlte und drei neue hinzugefügt wurden) und noch einen Klavierauszug letzter Hand. Dazu kommen noch verschiedene Umarbeitungen, Mischfassung und Neuorchestrierungen von Rimsky-Korsakow und Schostakowitsch. Über Vor- und Nachteile zu diskutieren, ist müßig. In Karlsruhe entschloss man sich für die erste Fassung, den Ur-Boris von 1869 in Mussorgskys eigener Instrumentierung, denn laut Regisseur  David Hermann: "Die Urfassung kommt den ursprünglichen Absichten des Komponisten am nächsten. Die späteren Fassungen haben auch ihre Meriten, aber sie kamen doch zu erheblichen Teilen durch Anregungen von Außen zustande".

Worum geht es? Oder in diesem Fall besser: Worum geht es nicht?
Der scheidende Chefdramaturg Dr. Bernd Feuchtner hat erneut ein hochinformatives Programmheft zusammengestellt. (Im Internet findet es sich zur Zeit hier als pdf).
Der Regisseur Hermann gibt die Idee vor: "Wie komme ich an die Macht und was macht sie dann mit mir – damit setzt Boris Godunow sich auseinander. Es gibt starke Parallelen zwischen dieser Oper und Macbeth. Beide Hauptfiguren sind innerlich beschädigt durch einen Mord und gehen an dieser Schuldfrage letztlich kaputt." Diese Vorgabe ist gut, bleibt aber leider zu blaß. Der Inszenierung fehlt der rote Faden: Der Ur-Boris erscheint handlungsarm und mit nur schwachen Zusammenhängen, Episodisches überwiegt. Die Urfassung endet nicht mit der sonst bekannten und üblichen Klage des Narren, sondern mit Godunows Tod.

Die Parallelen des damaligen Zars zum heutigen russischen Präsidenten und seiner Selbstinszenierung durch die Medien meidet der Regisseur und auch eine Wertung Godunows nimmt er nicht aktiv vor. Es bleibt für den Zuschauer eine offene Frage, ob der Mörder Godunow nur zum Wohle des Volkes handeln wollte oder ob er der starke Mann zu sein scheint, der sich zum Herrscher ernennen lässt, die Bojaren entmachtet und als Retter und Wohltäter gesehen werden will, bei dem das Beste für das Land wie so oft auch das Beste für die Herrschenden, ihre Macht und ihre Geldbörsen ist. Eine aktuelle Parabel der prä- und postdemokratischen "starken Männer" bringt Hermann nicht auf die Bühne. Godunows Zerrissenheit zwischen Zweifel und Machtanspruch bleibt diffus; im 5. Bild stellt ein langer Tisch mit Holzfiguren keine überzeugende Metapher dar.

Rimsky-Korsakow nannte die Oper nach seiner Umarbeitung ein „musikalisches Volksdrama“. Der Charakter der Erstfassung ist anders. Dazu der Regisseur: "In der Karlsruher Aufführung versuchen wir vor allem, möglichst nahe an die Psyche des Boris heran zu kommen. Der Chor bildet in der Urfassung nur den – wichtigen – Hintergrund des Geschehens. In unserer Aufführung wird er erst am Ende eine aktive Rolle einnehmen".  Bei der Urfassung des Boris geht es also weniger um russische Geschichtsbilder, um farbige Episoden oder anschauliche Milieustudien. Das wahre Drama ist auch nicht das das Leid der Bevölkerung während der Zeit der Wirren - kein Volksdrama, kein Drama der Ohnmacht, der Verführbarkeit, der Parteinahme, der Irrtümer und der Machtkämpfe, die auf dem Rücken des Volks ausgetragen werden. Auch im Schlußbild gewinnt der Chor in der neuen Karlsruher Inszenierung kein zusätzliches Format.

Was ist zu sehen?
Überwiegend schön bebilderte Szenen, atmosphärisch in passender Düsterheit mit Kostümen aus der Jetztzeit. Im 4. Bild, der Schänke an der litauischen Grenze, wechselt die Inszenierung vorübergehend ihre Form und wir seltsam skurril, ohne originell oder pointiert zu sein; wie ein Fremdkörper wirkt sie unpassend und zusammenhanglos.

Was ist zu hören?
Zwei Bässe bekamen gestern den meisten Applaus: Godunow ist eine Parade- und Wunsch-Rolle für Publikumsliebling Konstantin Gorny, der die Bühne mit seiner Ausstrahlung und Stimme beherrscht und mit seinen Monologen immer wieder für Spannung sorgt. Herausragend ergänzt wird Gorny durch Avtandil Kaspeli, der einen ganz starken Auftritt als Pimen hat und sich sichtbar über die vielen Bravos und den Jubel des Karlsruher Publikums freute. Mit Pimen hat Kaspeli in Karlsruhe seine erste Paraderolle gefunden. Bravo!
Und auch die Tenöre überzeugten: Otrepjew wird stimmschön von Andrea Shin gesungen, der zwielichtige Schujski wird von Matthias Wohlbrecht zur profilierten Figur und Hans-Jörg Weinschenk ist zwar offiziell im Ruhestand, aber das merkte man ihm gestern in der Rolle des Narrs nicht an. Überhaupt verdienten sich alle Sänger und Musiker ein Bravo! für eine tadellose Leistung. Ein großes Lob geht erneut an den Badischen Staatsopernchor und Extrachor, der von Ulrich Wagner und Stefan Neubert perfekt vorbereitet erschien, und den Kinderchor des Cantus Juvenum, der wieder einen schönen kleinen Auftritt hat.
Entgegen der ursprünglichen Ankündigung dirigiert nicht Justin Brown, sondern Johannes Willig die Neuinszenierung mit sicherer Hand.

Fazit: Musikalisch hochwertig und überzeugend, inszenatorisch ist man überwiegend unauffällig. Man kann nicht beeindrucken und schon gar nicht begeistern. Der ganzen Inszenierung fehlt etwas: sie gewinnt szenisch zu wenig hinzu und bleibt seltsam unentschlossen in der Aussage. Dieser Ur-Boris setzt sich gegen spätere Fassungen der Oper nicht durch.

PS: Kurzer Blick zurück - Intendant Günter Könemann inszenierte eigenhändig den letzten Karlsruher Boris Godunow in der Spielzeit 1988/89 als Koproduktion mit der Straßburger Opera du Rhin. Damals wurde Rimsky-Korsakows Bearbeitung gespielt und in Deutsch gesungen. Hans-Jörg Weinschenk war schon damals mit dabei (und zwar als Missail; Edward Gauntt als Schtschelkalow). Ansonsten waren u.a. folgende Premieren-Besetzungen zu hören: Gabor Andrasy (Boris Godunow), Frode Olsen (Pimen), Ingrid Lehmann-Bartz (Fjodor), Nemi Rouilly-Bertagni (Xenia), Mario Muraro (Otrepjew).
Bei der Neueinstudierung 1994 gab es Änderungen: im Rahmen einer Zusammenarbeit mit der Oper in Nowosibirsk wurde die von Schostakowitsch instrumentierte Version in russischer Sprache gespielt. Es sangen u.a.: Alexander Morosov (Boris Godunow), Simon Yang (Pimen), Clara O'Brien (Fjodor), Zsuzsanna Bazsinska (Xenia) sowie weitere Sänger aus Nowosibirsk.
Als 1992 Chowanschtschina als Gastspiel des Estonia Theater Tallinn in Karlsruhe gegeben wurde, war ebenfalls die von Schostakowitsch instrumentiere Fassung zu hören.

Besetzung & Team
Boris Godunow / Nikititsch: Konstantin Gorny    
Fjodor: Dilara Baştar
Wassili Iwanowitsch Schuiski: Matthias Wohlbrecht
Grigori Otrepjew: Andrea Shin
Missail: Max Friedrich Schäffer
Warlaam: Lucas Harbour
Pimen: Avtandil Kaspeli
Xenia: Larissa Wäspy
Xenias Amme: Rebecca Raffell
Wirtin: Stefanie Schaefer
Andrei Schtschelkalow: Gabriel Urrutia Benet
Narr: Hans-Jörg Weinschenk
Ein Leibbojar & Bojar Chrustschow: Nando Zickgraf
Mitjuch: Andreas Netzner
Polizist: Yang Xu

Musikalische Leitung: Johannes Willig
Regie: David Hermann
Bühne und Kostüme: Christof Hetzer
Chorleitung: Ulrich Wagner
Einstudierung Kinderchor: Anette Schneider

Freitag, 11. Juli 2014

Edith Haller als Elsa von Brabant in Bayreuth

Man muß immer wieder respektvoll anerkennen, was für eine starke Sänger-Auswahl der frühere stellvertretende Karlsruher Operndirektor Thomas Brux für das Ensemble des Badischen Staatstheaters getroffen hat:  bspw. Barbara Dobrzanska, Walter Donati, Armin Kolarczyk und Sabina Willeit. Lance Ryan und Edith Haller sind seitdem auch Stammgäste bei Bayreuther Aufführungen.

Edith Haller singt nun dieses Jahr für die sich im Mutterschutz befindende Annette Dasch die Elsa im Bayreuther Lohengrin von Hans Neuenfels (mehr zur Inszenierung hier). Klaus Florian Vogt singt den Lohengrin. Haller und Vogt traten bereits in Karlsruhe zusammen als Siegmund und Sieglinde in der Walküre auf. Thomas Brux hatte wirklich eine glückliche Hand bei seiner Arbeit für das Badische Staatstheater.

Mehr zu Edith Haller auch hier: https://www.bayreuther-festspiele.de/fsdb/personen/14376/index.htm
Und Lance Ryan: https://www.bayreuther-festspiele.de/fsdb/personen/14693/index.htm

Sonntag, 6. Juli 2014

Rückblick (2): Auf Langzeit-Diät. Das Karlsruher Schauspiel in der Spielzeit 2013/14

Was ist bloß mit dem Karlsruher Schauspiel los?
Gerade mal noch 11 Premieren im Schauspiel (einschließlich Projekt-Theaters, aber abzüglich Doku- und Volkstheaters) wird man in der kommenden Saison auf die Beine stellen, vor zwei Jahren waren es noch 15, Knut Weber brachte 2004/2005 sogar 18 einschließlich vier Downtown-Projekte. Dazu kommen nun nach drei Jahren viele Abgänge und Wechsel im Ensemble - von einem eingespielten Team ist man weit entfernt und es fehlen Hauptrollendarsteller.

Sinnkrise und Orientierungsprobleme
Das Schauspiel ist seit dem Intendanzwechsel die Problemzone des Badischen Staatstheaters. Die erste Spielzeit (mehr hier) hatte das Temperament eines abgestandenen kalten Kaffees, in der folgenden Saison (mehr hier und hier) wurden die Defizite noch deutlicher. Man mußte viel experimentieren und brachte keine überzeugende individuelle Linie auf die Karlsruher Bühne: zwischen Anspruch und Unterhaltungswert stimmte die Balance zu selten. In seinen besten Momenten konnte das Karlsruher Schauspiel in den letzten drei Jahren gerade noch Normalniveau erreichen, aber den Qualitätsverlust kann man nicht verbergen: inhaltlich und darstellerisch bleibt man defizitär und wirkte immer wieder hilf- und ratlos. Das Karlsruher Schauspiel ist in der Sinnkrise - es weiß nicht, warum und für wen es da ist und versucht sich verkrampft zu legitimieren. Das Programm hatte in dieser Spielzeit erneut programmatische Defizite durch seinen beengenden Zielgruppencharakter (mehr dazu hier im ersten Teil des Rückblicks)Einiges war nicht fürs Schauspielpublikum gemacht und sollte nur spezielle Gruppierungen ansprechen. Grundlegende Besserung zu 2012/13 konnte nicht erreicht werden.

Charisma-Leck
Nur noch wenige profilierte Schauspieler sind vorhanden: mit Lisa Schlegel, André Wagner und Gunnar Schmidt sind die wichtigsten Akteure nun bereits über 10 Jahre Säulen des Hauses. Viele der neuen Schauspieler, die in den letzten drei Jahren noch die besten Eindrücke hinterlassen haben, gehen zum Ende der Spielzeit. Man kann den Eindruck haben, es handele sich um eine Massenflucht. Timo Tank, Georg Krause und Robert Besta haben das Haus ebenfalls verlassen. Nach drei Jahren haben sich kaum neue Publikumslieblinge herauskristallisiert, gegen frühere Schauspieler wie die bereits genannten oder Tom Gerber, Stefan Viering, Jörg Seyer und Sebastian Kreutz hätte sich keiner durchsetzen können. Sympathische Ausnahmen gibt es, die auch schon früher das Ensemble sinnvoll und passend ergänzt hätten, aber an Charisma und Spielfreude konnte Jan Linders mit seinem Team nie an die frühere Leistungsfähigkeit anknüpfen.

Zwischen Spannung und viel Langeweile - die Spielzeit 2013/14
Bei den Darbietungen gab es Licht und Schatten: Endstation Sehnsucht war eine große Enttäuschung mit Ansage. Dazu ein akzeptabler Sommernachtstraum, der aber nie die Qualität der beliebten Inszenierung von 2006 erreichte, eine etwas zu spröde Ausgrabung mit Gas I+II, aber immerhin zwei hervorragend ausgesuchte Komödien (Richtfest und Benefiz) und ein originell gelungener Schiller (Kabale und Liebe), der nicht auf schulisches Zielpublikum reduziert war. Ansonsten wenig Bemerkenswertes. Erfolgreich ist man also inzwischen mit den Schüler-Theaterstücken, den Komödien, den Singspielen und auch das KSC-Stück scheint beim breiten Publikum gut angekommen zu sein. Also eine durchaus ordentliche Ausbeute, quantitativ hat man die Kurve anscheinend bekommen, qualitativ aber noch nicht. Gerade die letzten Monate waren öde und langweilig. Und nach drei Jahren hat man in der Summe auch zu wenig Besonders produziert; der graue Alltag des Mittelmaßes dominiert.
Was ich im ersten Teil des Rückblicks schrieb, gilt besonders in dieser Sparte. Zumindest kann man der Schauspieldirektion gutschreiben, daß sie einige der bisherigen Defizite anscheinend erkannt hat und daran arbeitet. Um eine frühere Formulierung zu wiederholen: Das Training-on-the-job scheint Lerneffekte generiert zu haben. Die nächsten Chancen, Karlsruhe als Schauspielstadt wieder aus dem Schattendasein zu heben, kommen in der nächsten Spielzeit. Vielleicht kann man die Entwicklung in Richtung qualitativer Normalität vorantreiben und man verlässt die Problemzone.

Am Ende der Abwärtsspirale? Neustart und "radikales" Schauspiel
Man schwärmt am Badischen Staatstheater von seinem "radikalen" Schauspielprogramm der kommenden Spielzeit 2014/15 - doch der Spielplan bietet nichts Radikales! (Was ist denn auch radikal? Radikal ist, wer das Gefühl für das richtige Maß verloren hat. Radikal ist, wer auf Biegen und Brechen unbedingt etwas ändern will, ohne Rücksicht auf Verluste). Dem Karlsruher Schauspiel mangelt es an Einfällen, an Zauber, an Ausdruck, an Spannung. Errungenschaften hat man nach drei Jahren fast nicht aufzuweisen. Hoffentlich gelingt es nächste Spielzeit, die Schauspieler wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen und den neuen Ensemble-Mitglieder die Chance zu geben, ihr Potential auf der Bühne auszureizen. Man benötigt in Karlsruhe endlich wieder stärkere Schauspieler und mehr besser ausgesuchte und umgesetzte Stücke.
   
Fazit: Es fehlt etwas! Genügsam ist man in den drei letzten Spielzeiten im Schauspiel des Badischen Staatstheater geworden. Man bleibt dort unter seinen Möglichkeiten. Virtuoses Schauspiel und Freude am Spiel, Phantasie und Enthusiasmus findet man als Schauspielbesucher zu selten, um das, was vom Sprechtheater übrig geblieben ist, pauschal zu loben. Besserungen waren zu Beginn dieser Spielzeit vorhanden.               
Doch nach der Spielzeit ist vor der Spielzeit. Ein durchaus interessanter, wenn auch stark reduzierter Spielplan für 2014/15, acht neue Schauspieler kommen ins Ensemble und innerhalb von drei Jahren hat mal alle Dramaturgen ausgetauscht. Vielleicht wird man die Chance auf den Neustart nutzen und beweisen, daß man es doch kann, auch wenn man nur magere elf Premieren auf die Beine/Bühne stellen wird.

Dienstag, 1. Juli 2014

8.Symphoniekonzert, 30.06.2014

Eine schöne Symphoniekonzertsaison geht zu Ende. Das letzte Konzert der Spielzeit stand im Zeichen der unterlaufenen Erwartungen. Große Namen mit eher weniger bekannten Werken standen im Mittelpunkt.
Zu Beginn allerdings Zeitgenössisches. Georg Friedrich Haas' (*1953) Bearbeitung aus dem Jahr 2003 der 9. Klaviersonate von Alexander Skrjabin. Haas nannte seine Instrumentierung Opus 68 und das Programmheft versprach nicht zu viel: "Was im Klavierklang versteckt lag, entfesselt er zu einem Kosmos an Farbigkeit." Tatsächlich ein Stück voller orchestraler Feinheiten, das beim Publikum gut ankam.

Boris Berezovsky ist ein Star der Klavierszene und von Statur, Technik und Spiel der richtige Pianist für die großen, ausdauerfordernden und schweren Klavierkonzerte. Brahms (den er letzte Spielzeit in Karlsruhe spielte) und Rachmaninow scheinen für ihn prädestiniert, besonders das 2. und 3. Klavierkonzert des Russen sind diesbezüglich beliebte Bravourstücke. Aber Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 4? Was hat es denn mit dem auf sich? Ein wenig Filmmusik, ein wenig Bravour, ein wenig Show, auch ein wenig Leere, aber das auf spielfreudig hohen Niveau - das konnte man erwarten. Doch es kam besser: Berezovsky und Brown legten oft ein hohes Tempo vor und musizierten ein rasantes und virtuoses Plädoyer für dieses Konzert, das zwar nicht die Dichte seiner Vorgänger hat, aber doch nur relativ schwächer ist und jenseits dieser Relation gestern das Publikum begeisterte. Als Zugabe gab es etwas Ungewöhnliches: Winterabend - ein Lied von Nikolai Medtner. Zusammen mit einer Sängerin wurde der Winterabend von Berezovsky eher untypisch präsentiert, denn Winterlandschaft und Dunkelheit waren nicht zu hören, sondern Wärme und Leidenschaft.

Dimitri Schostakowitsch hat große Symphonien geschrieben, einige davon waren lange nicht mehr in Karlsruhe zu hören (bspw. Nr. 4, 6, 7, 8 und die 5. kann man gerne öfters live erleben).  Nun wählte Justin Brown nach der spröden 14. im Jahr 2011 (mehr hier) die Symphonie Nr. 15. Späte und letzte Werke haben oft etwas Rätselhaftes, das man je nach Standpunkt als Vermächtnis, Botschaft oder einfach auch im Sinne nachlassender Kreativität eines gealterten Komponisten begreifen kann. Schostakowitschs 15. Symphonie zitiert Rossini und Wagner und benötigt eigentlich nur zwei Satzbezeichnungen (Adagio und Allegretto). Besonders die orchestral verdichteten Höhepunkte in den Adagios und die vielen solistischen Passagen für verschiedene Instrumente blieben gestern in Erinnerung und bildeten einen sehr guten Abschluß einer immer wieder positiv überraschenden Konzertsaison. So gab es am Ende viele Bravos für Justin Brown und die Badische Staatskapelle.
Und auch von der kommenden Saison kann man einiges erwarten. Brown hat diesbezüglich nachvollziehbar und richtig darauf hingewiesen: „Diese Konzertsaison ist die für mich schönste und inhaltlich überzeugendste meiner Zeit in Karlsruhe". 2014/15 wird spannend!

Montag, 16. Juni 2014

Rückblick (1): Standortbestimmung. Eine Kritik der Intendanz Spuhler

2011 mit Beginn dieses Besucher-Tagebuchs hätte ich nicht gedacht, daß ich mal eine Intendanz erlebe, die mir gerade zu Beginn so wenig Freude, Spaß, Spannung und Inspiration gibt. Wie fasst man Unbehagen in Worte? In der Übertreibung liegt die Anschauung! Das Folgende ist oft subjektiv zugespitzt und verarbeitet und beschreibt persönliche Eindrücke und Erfahrungen.
 
Richtige Strategie, diskutable Taktik  
Die Strategie der Intendanz Spuhler ist nachvollziehbar und bewegt sich in erwartbaren Bahnen mit den üblichen Zielen: Bürgerakzeptanz und genug Zuschauer. Niemand zweifelt daran, daß man heute den Mehrwert von Hochkultur (also einer kulturellen Tätigkeit, für die man als Künstler jahrelange Ausbildung und Übung benötigt, um ihren Ansprüchen gerecht zu werden) neu vermitteln und ihre Werke erklären muß. Daß man das bereits seit vielen Jahren im Staatstheater macht, also Kinder und Jugendliche an das Haus binden will und nun auch 2011 eine eigene Sparte gegründet hat, ist selbstverständlich.
Daß man aber auch im Kernprogramm stärker als zuvor differenziert und gewisse Zielgruppen bevorzugt, ist ein unschöner Aspekt. Bei der Umsetzung hat man aber innerhalb von drei Jahren seine Vorgehensweise bereits geändert. Man experimentiert und sucht nach den adäquaten taktischen Maßnahmen, um sich irgendwie für und durch ein neues Publikum zu legitimieren. Allerdings ergibt sich bei einigen der Eindruck, daß an gewissen Stellen die Qualität gelitten hat.
           

Zwischen Gold und Blech
Nach drei Jahren der Intendanz Spuhler gibt es sehr gute Qualitäten am Badischen Staatstheater: das Ballett ist die unumstrittene Lieblingssparte des Karlsruher Publikums, die Badische Staatskapelle und der Staatsopernchor sind weiterhin auf sehr hohem Niveau und bestätigen an unzähligen Abenden der Spielzeit ihre Leistungsstärke. Der scheidende Operndirektor Schaback und Chefdramaturg Feuchtner setzten selten gespielte Werke auf den Spielplan und entdeckten bspw. Berlioz' Trojaner neu für Karlsruhe. Man hat auch einige sehr gute Opernsänger, viele von ihnen bekannt und beliebt bei den Zuschauern. Man hat so gute Voraussetzungen - umso überraschender, daß die ersten Jahre des neuen Leitungsteams Spuhler / Linders / Schaback so holprig und unrund verliefen. Der frühzeitige Abgang der Operndirektion, wenig variable Monatsprogramme, künstlerische Enttäuschungen und ein immer wieder ratloses Schauspiel ohne Ausstrahlung und ohne neue Hauptrollenschauspieler. Wo andere zu Beginn der Intendanz ein Feuerwerk abbrennen, um das Publikum zu begeistern und überzeugen, tastete die neue Intendanz nach Orientierungshilfen und hatte kein eigenes künstlerisch starkes und überzeugendes Konzept. Ein Training-on-the-job, bei dem man zum Glück bewies, daß man lernfähig ist und immer wieder Korrekturen vornehmen mußte und dennoch in diskutablen Wertigkeiten verharrte.

Wiederkäuer des Alltags
Im Frühjahr 2014 räumte Intendant Spuhler in einem Radiogespräch des SWR2 ein, daß er es vor der ersten Schauspiel-Spielzeit 2011/12 in Karlsruhe an Sorgfalt und Vorbereitung mangeln ließ. Man setzte auf unbekannte Klassiker und laut Spuhler: "Wäre ein toller Spielplan gewesen für Heidelberg, war der falsche Spielplan für Karlsruhe." In dieser Aussage findet man ein grundlegendes Mißverständnis des Teams Spuhler/Linders, denn es war nicht primär der falsche Spielplan. Der Hauptgrund für den Mißerfolg war, daß man sich auf der Bühne viel zu langweilig und uninspiriert präsentierte. Die erste Spielzeit (mehr dazu auch hier) hatte kein Feuer und ein bemerkenswertes Defizit an Originalität und Phantasie. Entscheidend gebessert hat sich diese Situation auch in den letzten beiden Jahren noch nicht: Erfolge und Zuschauergewinne durch Schüler sowie mit Musicals und Komödien kaschieren nur oberflächlich die Schwächen im Schauspiel. Die obige Schlußfolgerung hatte allerdings Folgen für die beiden folgenden Jahre: man versuchte teilweise die mangelnde Kreativität und Bühnenwirkkraft durch verkrampfte Versuche zu überspielen, sich "gesellschaftlich relevant" zu  präsentieren. Das Schauspiel fühlte sich unter Legitimationsdruck und antwortete nicht künstlerisch, sondern versuchte sich gegenüber den Theaterablehnern als Wiederkäuer zu legitimieren. 

Verwertung statt Wert
Man hat in Karlsruhe in den letzten drei Jahren eine ganz neue Richtung eingeschlagen, indem man den auch immer diskutablen künstlerischen Wert des Theaters stärker als zuvor dem Gebrauchswert untergeordnet hat. Man sucht nach Anschluß und läuft einer vermeintlichen Relevanz hinterher. Thematisch ist man mit grobmaschigen Schleppnetzen im medialen Zeitgeistmeer zwischen Mode und Trend unterwegs: NSU und NSA, Fußball und Demenz, Unruhen in der Ukraine oder Türkei - Themen werden wiederkäuerisch verwertet, aber den überzeugenden künstlerischen Ausdruck findet man dazu zu selten, die inhaltliche und ästhetische Auseinandersetzung überzeugt oft nicht und bietet keinen Mehrwert zur TV-Berichterstattung. Verwertungstheater ist damit oberflächlich gesehen nie belanglos, aber oft langweilig, berechenbar und im Kern wenig künstlerisch. Es geht dabei weniger um Ausdruck als um Mitteilung, nicht um Differenzierung, sondern um Teilnahme, man sieht auf der Bühne Gesinnung, nicht Inspiration. Theater, das vortäuscht, etwas beitragen zu können und doch nur Ratlosigkeit verbreitet. Man erregt zwar Medienaufmerksamkeit mit ungewöhnlichen Themen, doch das ist mehr äußerer Effekt, keine innere Wirkung. Immer wieder fällt mir als Zuschauer im Badischen Staatstheater Gottfried Benns Bemerkung ein, daß das Gegenteil von Kunst mit "gut gemeint" zutreffend beschrieben ist.

Programmatisches Eunuchentum
Wieso die Betonung des Programmatischen anstelle des Künstlerischen? Früher waren die Verhältnisse klarer. Der Intendant war als Operndirektor direkt in künstlerischer Verantwortung. Man hatte Persönlichkeiten als Spartenleiter, die ihr Programm verantworteten und überwiegend auch selber künstlerisch tätig waren, sich mit eigenen Inszenierungen bereits profiliert hatten und sich selber mit ihrer Inszenierungshandschrift dem Publikum zur Diskussion stellten.
Heute sind die Verantwortungen in Oper und Schauspiel weniger deutlich. Man hat mehr Dramaturgen (die man im Schauspiel nach vielen Mißerfolgen nun bereits komplett ausgetauscht hat), Spartendirektoren und dazu einen Intendanten ohne künstlerische Spartenverantwortung, der aber betont, daß keine Entscheidung ohne ihn gefällt wird. Alle zusammen haben etwas gemeinsam: keiner ist direkt künstlerisch tätig und inszeniert, sondern es wird überwiegend theoretisiert, administriert und delegiert. Um dieses eklatante Manko zu kaschieren, hat man die Wertigkeiten neu gepolt: Künstler scheinen eher Manövriermasse zu sein, man richtet das Programm nicht mehr überwiegend nach Ihren Stärken und Vorzügen aus, sondern lässt die Praxis lieber der Theorie folgen. Auf die Bühne kommt bevorzugt, womit sich die Intendanz profilieren möchte, nicht das, wodurch sich der Künstler profilieren kann.
Was ist Zweck, was ist Mittel? Für Spuhler/Linders liegt der Zweck in der gesellschaftlichen Relevanz, der Gesinnung und damit in der Wahl des entsprechenden Stücks, das Mittel dazu ist die Bühnendarstellung. Das geht auch anders: der Zweck des Theaters ist in anderer Sicht Schauspieler und Szenerie, Bühnengeschehen und Inspiration, Stimmung und Spannungsbögen, Anschauung und Augenblick, Kolorit und Atmosphäre, Form und Fülle. Das Mittel hierzu ist die Stückauswahl.

Die Balance des Badischen Staatstheaters hat sich verschoben. Das Manko dieses künstlerischen Eunuchentums der Intendanz (sie wissen, wie es geht, aber sie können es nicht) machte sich immer wieder bemerkbar: Man wirkt zu oft gespiegelt und abgeleitet, nicht ursprünglich und unmittelbar. Im Spielzeitheft 2014/15 findet man die Bemerkung, man sei "stolz" auf den Spielplan. Na gut, man sollte der Intendanz ihre eunuchische Freude und den Wunsch nach Anerkennung gönnen. Aber die Wahrheit liegt auf der Bühne, mittel- und langfristig gewinnt und bindet man Zuschauer durch die künstlerische Qualität. Kurzfristig kann man auch die Heißluftballons der gesellschaftlichen Relevanz steigen lassen, die aber immer nur kurze Flüge ermöglichen.

Die Spuhler-Doktrinen: Positionierungen im Überblick
Parolen sind eingänglich und einfach und ein traditionelles Vorgehen, um schnell oberflächliche Zustimmung zu generieren, aber die Gültigkeit dieser Doktrinen sollte man immer wieder hinterfragen und auf Ihre Auswirkungen auf den künstlerischen Betrieb untersuchen. Die ersten drei Jahre geben keinen Anlaß, um an die Nachhaltigkeit dieser Aussagen zu glauben.
  • "Theater für alle" - sozialpolitisch:
    Das bedeutet nicht mehr für alle gleichzeitig, sondern für als fehlend und relevant erkannte Zielgruppen. Spezielle Minderheiten bekommen ein Extra-Programm. Wer als Zuschauer nicht aufpasst, landet in einer Vorstellung, in der man sich schnell fehl am Platz vorkommt. Aus soziologischer Sicht bevorzugen Besucher Milieus der Selbstähnlichkeit; man muß aus dieser Perspektive also Spezialthemen und gelegentlich die Banalität des Alltags auf die Bühne bringen, um Publikum zu gewinnen. Andere werden ausgegrenzt, da man den Glauben an die integrierende Kraft des Theaters verloren hat. Die Zugkraft des traditionellen Abonnements kann dadurch verloren gehen.
     
  • "Theater für alle" - architektonisch
    Spuhler will ein Haus, das idealerweise 24 Stunden/Tag geöffnet ist. Ein Bücherladen und ein Café soll es bspw. zukünftig geben. Peter Spuhler betonte im oben erwähnten SWR2 Gespräch, daß sich die Theater seines Erachtens nicht mehr als gesellschaftlich relevanter Ort behaupten können und sie deshalb zum "Kulturzentrum" umgebaut werden sollten. Da hört man leider ein starkes Mißtrauen gegenüber der eigenen Kunstform heraus: Theater sollte zukünftig weniger Theater sein und sich als überdimensionierter Treffpunkt den Partikularinteressen widmen und diesen eine Bühne geben. Eine ironische Betrachtung dazu findet sich hier.
       
  • Erst, wenn sich das Theater für die Gesellschaft interessiert, wird sich die Gesellschaft für das Theater interessieren
    Kunst an sich reicht nicht, sie muß gesellschaftlich relevant sein? Die oft ausverkauften Vorstellungen des Balletts leben also von ihrer gesellschaftlichen Brisanz? Riccardo Primo und die Händel-Festspiele waren aufgrund ihre gesellschaftlichen Aktualität erfolgreich? Und wieso verschwinden die vielen "gesellschaftlich relevanten" Theaterstücke im Studio nach wenigen Aufführungen mit minimalster Publikumsresonanz schnell vom Spielplan?
    Es gibt Etikette, die sich die Theater gerne anheften: politisch, radikal, mutig, engagiert, .... Eine indirekte Rechtfertigung und ein schlechtes Gewissen scheinen daraus zu sprechen. Man täuscht gesellschaftliche Relevanz vor, da man der Kunstform an sich nicht vertraut. Zweckkunst also anstelle von Kunstzweck. Selbstbewußte und kreative Theater würden andere Begriffe wählen, die die Autonomie der Kunst betonen.
      
  • "Radikales Schauspiel"
    Schaut man sich das Programm für 2014/15 an, frägt man sich unweigerlich, was daran radikal sein soll. "Nur zwei Klassiker" lautet ein Teil der Antwort und als Publikum muß man anhand der bisherigen immer wieder hilf- und ratlos wirkenden Versuche in der Vergangenheit zum aktuellen Zeitpunkt dankbar sein, daß man sich seltener an Klassiker wagt. Aber "radikal"? Das Schauspiel war was Ausstrahlung und Qualität angeht zu Beginn auf radikaler Talfahrt. Gelegentliche Höhen haben sich leider noch nicht als dauerhafter Anstieg erwiesen.
    Das Schauspielprogramm für 2014/15 korrigiert übrigens frühere Einseitigkeiten und ist ausgeglichener als zuvor. Spuhlers "radikal" kann man als Theaterfan in der kommenden Spielzeit als "normal" bezeichnen.
      
  • Die "übliche Erwartungshaltung" in der Oper
    In der Hinsicht kann man ein Interview mit Intendaten Spuhler zur zukünftigen Entwicklung auch als Warnung verstehen: "Im Schauspiel gibt es vor allem zeitgenössisches Theater, und in der Oper gibt es nur noch eine Produktion, die so den üblichen Erwartungshaltungen entspricht." Die übliche Erwartungshaltung des Karlsruher Publikums in der Oper entsprach man bisher durch Qualität: mit hochklassigen Sänger und starkem Chor und Orchester. Ob die Intendanz überhaupt weiß, wessen und welche Erwartungshaltung sie nicht mehr entsprechen will?
  
In der Übertreibung liegt die Anschauung
  

Die Karlsruher Intendanz  ist für meinen Geschmack zu einseitig und dogmatisch und durch obige Zuspitzungen wird es vielleicht dem einen oder anderen anschaulich. Fast keine Diskussion über diese Standpunkte würde aufkommen, wenn man qualitativ mithalten könnte. Sanierung, Neubau. "migrantisches" Theater, Kinder- und Jugendtheater .... schön und gut, aber als Zuschauer interessiert mich das nur marginal, denn die Wahrheit liegt auf der Bühne.  Noch nie zuvor habe ich so ungern Vorstellungen in Karlsruhe und lieber in anderen Städten besucht, wie in den letzten drei Jahren im Schauspiel. Die Paradoxie des Theaters liegt darin, daß es sowohl Asyl gegen als auch Verständnis für alltägliche Zumutungen bieten soll. Diese Balance stimmt für mich in Karlsruhe aktuell nicht mehr.
    
Anzeichen der Besserung(?)  
Es gibt immer wieder Anzeichen der Besserung, ihre Lernfähigkeit hat die aktuelle Intendanz bereits bewiesen und sich bemüht, Defizite in den Griff zu bekommen: man versucht auch den breiten Publikumsgeschmack zu treffen und Programmschemen anzupassen, im Schauspiel hat man nach drei Jahren bereits alle Dramaturgen ausgetauscht, acht neue Schauspieler kommen (leider gehen eher die guten statt die durchschnittlichen Kandidaten), in der Oper wird die neue Operndirektion ab 2016 ihre Handschrift zeigen können. 2016 wird sich allerdings auch Birgit Keil aus der Ballettdirektion zurückziehen und man kann nur hoffen, daß Intendant Spuhler dann nicht nur gesellschaftliche relevante Ballette auf der Bühne zulässt und die bisherige Erfolgslinie ideologisch beengt umbaut. 

Fazit:
Dem Badischen Staatstheater fehlt bisher ein zugkräftiger Ideenmotor, es mangelt an Kreativität, Phantasie und Ausstrahlung, man ist zu einseitig: Zweckkunst statt Kunstzweck, Verwertung statt Wert, Formeln statt Formen, Nutzen statt Ausdruck, Gesinnung statt Inspiration - Publikumszufriedenheit will diese Intendanz durch die Zusammenstellung der Speisekarte erreichen, die Qualität und Präsentation des Produkts sind hier nicht immer die Hauptsache. Fast Food im Kulturzentrum mag eine Zukunftsperspektive sein, aber es gibt auch ein Publikum, das nicht den Alltag in Inszenierung, Programm und Gebäude gespiegelt haben muß, sondern das sucht, für das man als Badisches Staatstheater bisher stand: das Besondere und das Außergewöhnliche.

Sonntag, 15. Juni 2014

Ravel - Das Kind und die Zauberdinge / Strawinsky - Die Nachtigall, 14.06.2014

Großes Desinteresse beim Publikum gegenüber Ravel und Strawinsky: selten sieht man in einer Karlsruher Premiere so viele leere Plätze im Rang und Balkon. Attraktiv wirkt die Kombination der beiden Kurzopern anscheinend nicht: zu leicht, zu unbedeutend, zu belanglos? Dabei sollten es doch gerade zwei sommerlich-leichte Mini-Opern (beide jeweils ca 45 Minuten) sein, die den richtigen Kontrast zu den vermeintlich schweren und langen Opern bieten können, mit denen man sich in letzter Zeit in Karlsruhe vorwiegend beschäftigt hat. Die beiden Kurzopern haben deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient, auch wenn es einen guten Grund gibt, wieso beide selten zu hören sind: es sind eher Meisterwerke auf dem Papier als auf der Bühne.

Worum geht es?
Ravels Kurzoper Das Kind und die Zauberdinge (L'enfant et les sortilèges, UA 1925) handelt von einem aggressiven Kind, das seine Umwelt solange quält und terrorisiert, bis sich Gegenstände und Tiere zu wehren beginnen und ihm die Grausamkeit seines Handels vor Augen führen. Der Gesinnungswandel ist abgeschlossen, wenn das Kind einem verletzten Eichhörnchen die Pfote verbindet und Mitgefühl gegenüber seiner Mitwelt zeigt und die Gewalt beendet.
   
Strawinskys Die Nachtigall (Le Rossignol, UA 1914) basiert auf Hans-Christian Andersens gleichnamigen Märchen. Eine Nachtigall rührt den Kaiser von China mit ihrem Gesang zu Tränen und entflieht, als er eine mechanisch betriebene Imitation einer Nachtigall geschenkt bekommt und sich für diese interessiert. Der Kaiser wird krank und der Tod will ihn mitnehmen. Da erscheint die echte Nachtigall und singt den Tod hinweg. Der Kaiser gesundet und lebt weiter.

Was ist zu sehen?
Der schwächste Einfall vorab: er ist dramaturgischer Natur. Um eine Verbindung für beide Opern zu finden, hat man die Handlung durch eine etwas erzwungen wirkende Klammer erweitert. Die Entstehungszeit der beiden Werke dient als Anlaß, Ravels Kinderoper in ein Feldlazarett des 1. Weltkriegs zu verlegen, wo der ehemals boshafte Junge sich zurückerinnert und seine Lektion von damals nun als traumatisiertes Kriegsopfer im Albtraum erneut durchlebt. Das verletzte Eichhörnchen wird zum invaliden Soldaten im Rollstuhl.
Ein verletzter Soldat läuft auch durch die Szenerie von Strawinskys Nachtigall und wird von dem Sänger gespielt, der im Libretto eigentlich als Fischer auftritt. Doch diese Klammer ist halbherzig und ohne Mehrwert, sie behauptet eine vordergründige Relevanz bei niedrigem künstlerischem Anspruch. Ihre Umsetzung stellt beide Regisseure vor Probleme: Ravels Oper wandelt sich vom zauberhaften Märchen zum traurigen Drama. Bei Strawinsky wirkt der Soldat wie ein Fremdkörper ohne Bindung zum Geschehen.

Der junge Regisseur Tobias Heyder hat für Ravels Kurzoper Das Kind und die Zauberdinge viele gute Einfälle, um die schnellen Szenenwechsel unterhaltsam und sinnfällig darzustellen und setzt starke psychologische Akzente. Eine Kinderoper ist es bei ihm nur in wenigen Szenen, die Zauberdinge werden zur Bedrohung. Im dritten Akt ist es ein bedrückendes Kriegsdrama. Die Moral des Mitgefühls betrifft nicht mehr nur Gegenstände, Natur und Tiere, sondern vor allem den geschundenen Mitmenschen.

Regisseur und Choreograf Tim Plegge, der für das Badische Staatsballett Momo und den mittleren Teil von Mythos schuf, hat mit Strawinskys Die Nachtigall seine erste Opernregie erarbeitet und setzt dabei stark auf visuelle Effekte und seine Erfahrung als Choreograph, vor allem im Umgang mit dem Chor. Die Moral der Geschichte, die Abkehr von der Natur als Schaden und die Hinwendung zu ihr als Rettung, ist bei ihm ohne Psychologie und weniger penetrant moralisierend als bei Tobias Heyder. Natur wird hier zum Äquivalent für künstlerisches Schaffen und freie Entfaltungsmöglichkeiten. Natur wird auf der Bühne in der Nachtigall durch drei bildende Künstler repräsentiert, die im 1.Akt malerisch tätig sind. Der geheilte Kaiser greift mit seinem Hofstaat im Schlußbild selber zum Pinsel, um seine wieder hergestellte Verbindung zur Natürlichkeit darzustellen.

Hervorheben muß man die variable Bühne von Frank Philipp Schlößmann und die für beide Opern unterschiedlichen Kostüme von Janine Werthmann, die ihr Sujet ideal kennzeichnen.

Was ist zu hören?
Der Star des Abends war beim Publikum Emily Hindrichs, die in beiden Opern wichtige Rollen singt und als Nachtigall auftritt. Bei Ravel sind es vor allem Christina Bock und Dilara Baştar, die aufhorchen lassen, bei Strawinsky Seung-Gi Jung und Eleazar Rodriguez. Und einen besonderen Auftritt hat Rebecca Raffell, die im zweiten Teil des Abends mit Aufsehen-erregendem Kostüm und Schuhen dem Tod ein ganz besonderes Auftreten verleiht. Blythe Newmann tanzt die mechanische japanische Nachtigall mit gewohnter Souveränität.
Dirigent Christoph Gedschold hat im gut gemachten Programmheft (es findet sich aktuell hier als pdf) einen schönen Beitrag über den "faszinierenden Farbenreichtum" der beiden Partituren geschrieben. Als er gestern zum Schlußapplaus auf die Bühne kam, geschah das in fast symptomatischer Weise für sein gestriges Dirigat: überraschend gemächlich. Obwohl es sich um Kurzopern handelt, hatten beide Längen, als ob die hinzuinszenierte moralisierende Komponente der Kriegsgeschichte einen zusätzlichen musikalischen Ernst erforderte.
Einen schönen Auftritt hatten die 30 Kinder des Cantus Juvenum, die zusammen mit dem Staatsopernchor die kleine Ravel-Oper zum groß besetzen Werk machten .

Fazit:  Gut gemacht mit deutlich mehr Stärken und wenigen Schwächen und trotzdem keine große Opern-Entdeckung fürs Repertoire, sondern solide Raritäten.

Besetzung und Team:

DAS KIND UND DIE ZAUBERDINGE 
Das Kind: Christina Bock
Die Katze / Das Eichhörnchen / Die Mutter: Dilara Baştar
Die Standuhr / Der Kater / Der Vater: Andrew Finden
Das Feuer / Die Prinzessin / Die Nachtigall: Emily Hindrichs
Die chinesische Tasse / Die Libelle: Katharine Tier
Der Polstersessel / Die Schleiereule: Lydia Leitner
Ein Schäfer: Maike Etzold
Eine Schäferin: Larissa Wäspy
Ein Baum: Doğuş Güney
Der Lehnstuhl: Yang Xu
Die Teekanne: Eleazar Rodriguez
Der kleine alte Mann / Der Laubfrosch: Max Friedrich Schäffer
Die Fledermaus: Tiny Peters

DIE NACHTIGALL
Die Nachtigall: Emily Hindrichs
Die Köchin: Christina Niessen
Der Fischer: Eleazar Rodriguez
Der Kaiser von China: Seung-Gi Jung
Der Kammerherr: Yang Xu
Der Bonze: Doğuş Güney
Der Tod: Rebecca Raffell
Die japanische Nachtigall: Blythe Newman
Erster japanischer Gesandter: Nando Zickgraf
Zweiter japanischer Gesandter: Andrew Finden
Dritter japanischer Gesandter: Kammersänger Johannes Eidloth

Musikalische Leitung: Christoph Gedschold
Regie (Das Kind und die Zauberdinge): Tobias Heyder
Regie / Choreografie (Die Nachtigall): Tim Plegge
Bühne: Frank Philipp Schlößmann
Kostüme: Janine Werthmann
Chorleitung: Ulrich Wagner
Kinderchorleitung: Hans-Jörg Kalmbach

Donnerstag, 12. Juni 2014

Birgit Keil im Interview

Die Stuttgarter Zeitung hat ein Interview mit Birgit Keil und Alicia Amatriain, aktuell erste Solistin am Stuttgarter Ballett und Keils erste Stipendiatin, ins Internet gestellt.

Das Gespräch findet sich hier: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.generationentreff-4-birgit-keil-und-alicia-amatriain-wie-lebt-eine-balletttaenzerin.a2d2879b-ff99-4f40-a5ff-e85aa45e484e.html

Montag, 9. Juni 2014

Wagner - Die Meistersinger von Nürnberg, 08.06.2014

Pfingstsonntag, Meistersinger-Gala bei hochsommerlichen 35°C - da kamen in der Beinahe-Wagner-Festspielhaus-Stadt Karlsruhe schon etwas Bayreuth-Gefühle auf (obwohl der Innenraum zum  Glück sehr gut klimatisiert war), und das um so mehr als es eigentlich -stärker noch als der von Presse als Bayreuth-würdig bezeichnete Tannhäuser- diese Inszenierung der Meistersinger (hier mehr zur Premiere) von Tobias Kratzer ist, die nach Bayreuth passen würde.

Das muß man dem scheidenden Operndirektor Joscha Schaback und dem Dramaturgieleiter Bernd Feuchtner unbedingt attestieren: die beiden Wagner Opern,  Die Passagierin, Dr. Atomic oder z.B. Wallenberg waren spannende Regie-Erfahrungen. Die Meistersinger sind umstritten, in gewissem Sinne aber auch grandios ambivalent und konstruktiv diskutierbar. Viele sind von der Regie begeistert, viele haben auch teilweise massive Einwände, aber einfallsreich ist die Inszenierung sehr oft und was man dem Badischen Staatstheater dabei vorwerfen könnte ist, daß es für eine stark polarisierende und umstrittene Inszenierung vielleicht der falsche Zeitpunkt ist. Ob das die geeignete Positionierung für das Umland ist? Die Türen rannte man dem Karlsruher Staatstheater anscheinend bisher noch nicht ein. Mal schauen, ob die Mund-zu-Mund Werbung erst noch anläuft oder diese "Meistersinger für Insider" nur ein Hit bei Opernspezialisten wird. Dennoch ein Glückwunsch an das Badische Staatstheater: Aufmerksamkeit hat man damit gewonnen.

Viele gute Ideen und doch ist nicht alles inszenatorisch optimal gelöst: die Selbstbezüglichkeit gewisser Szenen ist eine Hürde für ein breites Publikum, der Merker-Szene im ersten Akt fehlt der Humor, Beckmesser quietscht hinter einer verschlossenen Tür, Stolzing wirkt cholerisch und der Szene fehlt der Spaß. Die eigentlich so spannende und witzige Auseinandersetzung Sachs/Beckmesser im zweiten Akt hat man schon pointierter und bühnenwirksamer gesehen. Im dritten Akt will der Beginn nicht so richtig funktionieren, doch es ergibt sich szenisch ein starker Eindruck im Quintett und in der langen Festspielwiesenszene.

Auffällig ist der kühl-analytische und wenig schmeichelhafte Blick, den die Regie auf den heutigen Kunstbetrieb und das Künstler-Innenleben wirft und ernüchternd kommentiert: Meckerer und Übergangene, Besserwisser und Pedanten sind das Personal, die vier Protagonisten erleben kein Happy-End: gedemütigt, verbittert, beleidigt und Eva flüchtet von Liebhaber zu Liebhaber.

War das nun eine Gala gestern? Na ja, halbwegs...  Albert Dohmen ist ein routinierter Sänger der Rolle des Hans Sachs, der Charisma und Persönlichkeit auf die Bühne bringt. Gestern war ihm etwas die plötzliche Hitzewelle anzumerken: einige Konzentrationsschwächen trübten leicht den Eindruck. Dimitry Ivashchenko hinterließ in der kleinen Rolle als Pogner stimmlich einen sehr guten Eindruck. Der Star dieser Meistersinger bleibt Armin Kolarczyk als Beckmesser. Einfach großartig in jeder Hinsicht. BRAVO. Justin Brown und die Badische Staatskapelle und der Staatsopernchor in gewohnter Form. Trotz Hitze, ein spannender Meistersinger-Marathon über sechs Stunden.

Samstag, 7. Juni 2014

Festspielhaus Baden-Baden: Gounod - Faust, 06.06.2014

Gestern hatte ein lang erwartetes Highlight im Baden-Badener Festspielhaus Premiere: sängerisch und musikalisch hielt der Abend, was er versprach. Inszenatorisch ist dieser Faust aber bestenfalls als sehr konventionell und adäquat bebildert zu beschreiben. Gute Einfälle sind leider Mangelware.
   
Yoncheva statt Gheorghiu statt Netrebko
Drei Monate vor einer Premiere mit der Begründung abzusagen, daß die Rolle nicht passe und der Stimme nicht liege, ist eine sehr späte Entscheidung. Ob Netrebko es wirklich erst dann bemerkt hatte, wie schwer die Marguerite zu singen ist, oder es doch mit der Trennung von ihrem Lebensgefährten Erwin Schrott zusammenhängt, der den Mephisto singt, bleibt vorerst unklar. Beliebt macht man sich mit solchen Entscheidungen nicht. Netrebko hatte in Baden-Baden allerdings bereits so viele gute Auftritte, daß das dortige Stammpublikum ihr verzeihen sollte. Und das Festspielhaus hatte scheinbar mit Angela Gheorghiu den in jeder Hinsicht idealen Ersatz. Doch Gheorghiu ist für ihre Absagen ebenso berüchtigt, wie sie für ihre Auftritte gefeiert wird und so war es keine große Überraschung, daß auch sie nicht wollte, da ihr die Inszenierung nicht behagte und ihre Änderungswünsche nicht berücksichtigt wurden. Wenige Wochen vor der gestrigen Aufführung erklärte sich die junge bulgarische Sängerin Sonya Yoncheva bereit, die Aufführung zu retten. Und Ihre Chance hat sie grandios genutzt! Niemand sollte gestern die unwilligen Diven vermisst haben.

Goethe aus der Konditorei
Gounods Oper ist sinnlich und schwelgend, eine Liebesgeschichte mit Bösewicht und voller spannender Momente, großen Arien und unverkennbarer und oft Wunschkonzert-tauglicher Musik. Goethe und Gounod - das Verhältnis wurde einst so beschrieben: "Marguerite, Gretchen aus Paris, die sich die erdenklichste Mühe gibt, ihre traurig schöne Liebesgeschichte nach dem deutschen Original zu erleben." Gounods Faust ist zweischneidig: Begradigung und Verformung in einem. Seine lyrische Oper zaubert mit Milieus und Kolorismus. Problematisch ist die Figur des Mephisto, der hier nicht um Fausts Seele wettet und eher als Zauberer oder Strippenzieher beschrieben wurde. Aber Dirigent Thomas Hengelbrock machte korrekterweise auf eine Beziehung zur barocken Opernpraxis aufmerksam: "die Werke haben dort mit dem mythologischen Ursprung oft nur den Titel gemein". 

Was ist zu sehen?
Regisseur Bartlett Sher -ein vielfach gewürdigter Star der US-amerikanischen Regie-Szene- lieferte eine ungewöhnlich einfallslose Regie ab, die den Abend konstant auf Mittelmaß temperiert hält und sich szenisch nie so verdichtet, daß es jemand heiß werden wird. Eher im Gegenteil: immer wieder kühlt sich die Inszenierung auf statisches Bebilderungsniveau ab. Ein Geschichte über das Böse und das Altern, meinte der Regisseur entdeckt zu haben. Der alte Faust darf sich im ersten Akt um seine (von einer Schauspielerin dargestellten) pflegebedürftige Frau kümmern, die ihn nach seiner Verjüngung verfolgt und seine Herzlosigkeit lamentiert. Das war's auch schon .... . Keine szenischen Aufschwünge, kein Spannungsbogen. Die Walpurgisnacht (eigentlich für das obligate Ballett in Paris komponiert) ist nicht gestrichen, macht aber bei dieser Inszenierung keinen Sinn und ist fast schon unangenehm hilflos umgesetzt. Zu Faust fiel dem Regisseur wenig ein, zu Mephisto gar nichts: er ist nicht diabolisch, sondern eher blasiert und unbeteiligt. Wenn Erwin Schrott nicht ab und zu teuflisch lachen würde, wäre dieser Mephisto szenisch blutleer. Das Bühnengeschehen ist ideenarm und läuft ins Leere.

Was ist zu hören?
Wer braucht Netrebko oder Gheorghiu? Sonya Yoncheva war als Marguerite ebenbürtig: schüchtern und unschuldig zu Beginn, dann mit dramatischen Steigerungen und das ohne erkennbare Anstrengung, technisch sicher und mit wunderschöner Stimme: BRAVO!
Erwin Schrott hat sich letztes Jahr bereits im Festspielhaus als Don Giovanni (mehr hier) bestens präsentiert und es bestanden wohl kaum Zweifel, daß auch Mephisto für ihn eine Paraderolle sein sollte - und genau so war es: Don Giovanni und Mephisto sind wie für ihn gemacht. Schrott dominiert die Bühne, nur schade, daß der Regisseur für die Figur keine Ideen hatte. So wirkt Mephisto wie ein Don Giovanni mit schlechter Laune.
Als Faust hatte man Charles Castronovo engagiert, der ebenfalls letztes Jahr in Don Giovanni auftrat und der schweren Rolle sehr gut entsprach. Jacques Imbrailo sang einen hörenswerten und eleganten Valentin und sogar für die kleineren Rollen hat man sehr gute Besetzungen: Angela Brower (Siébel) und Jane Henschel (Marthe) ergänzten ideal.
   
Gounods Oper glänzt mit einprägsamen und berühmten Milieus: Faust Monolog, Kirmes-Chöre und Walzer, Begegnungsszene, Rondo vom goldenen Kalb, Gartenszene, Thuleballade und Juwelenarie, Kirche mit Orgel, Militärszene mit Marsch oder die Gefängnisszene am Schluß mit prunkvoller Orgel und überwältigender Apotheose - es gibt viel zu hören und Thomas Hengelbrock dirigiert das NDR Sinfonieorchester spannend und abwechslungsreich. Bereits letztes Jahr überzeugte Hengelbrock in Baden-Baden mit einem ungewöhnlichen Don Giovanni und auch bei Gounod zeigt er eine hochinteressante individuelle Lesart, bei der er die Partitur in alle Richtungen auslotet: wer zu Beginn fürchtete, Faust im getragenen Stil von Parsifal zu hören, den verblüffte der Dirigent beispielsweise  in der Folge sowohl mit gelegentlich sehr raschen Tempi (z.Bsp. bei Mephistos Rondo) als auch mit süßlichen Stellen, die fast schon klebrig sein durften.

Fazit: Musikalisch lohnend und hörenswert, szenisch nichtssagend, einfallslos und ohne Erinnerungswert

PS(1): Für einige in der Region noch immer unvergessen und prägend ist Konstantin Gorny als Mephisto, der 2000 in Thomas Schulte-Michels Inszenierung (einer Karlsruher-Salzburger Koproduktion) so außergewöhnlich starke Akzente setzte. Manuela Uhl war damals eine wunderbare Marguerite. Schulte-Michels war in jeder Szene einfallsreich und originell (kann sich noch jemand an den Schlußchor erinnern, bei dem sich Skelette auf das Publikum zubewegten oder die in unheimliche Kunstnebel getauchte Kirchenszene?) und damit das komplette Gegenteil zur schwachen gestrigen Inszenierung.

PS(2): nach einer solchen Regie weiß man zu schätzen, was man aktuell in Karlsruhe an den Meistersingern hat: viele Ideen, Gestaltungswille und hohe Ambivalenz!

Besetzung und Team
Faust: Charles Castronovo
Marguerite: Sonya Yoncheva
Méphistophélès: Erwin Schrott
Valentin: Jacques Imbrailo
Siébel: Angela Brower
Marthe Schwertlein: Jane Henschel
Wagner: Derek Welton

Musikalische Leitung: Thomas Hengelbrock
NDR Sinfonieorchester
Philharmonia Chor Wien (Choreinstudierung: Walter Zeh)

Inszenierung: Bartlett Sher
Kostüme: Catherine Zuber
Bühnenbild: Michael Yeargen

Sonntag, 1. Juni 2014

Ballett Gala, 31.05.2014

Das war nun mal wirklich ein Höhepunkt und festlicher Abschluss der 8.Karlsruher Ballettwoche! Wer nicht dabei war, hat was verpasst! Hochkarätige Gäste und so viele besondere Momente, daß man kaum weiß, wie man alle Eindrücke überhaupt angemessen zusammenfassen soll! An einem starken Abend den beeindruckendsten Auftritt hatten Lucia Lacarra und Marlon Dino vom Bayerischen Staatsballett. Es kam Perfektion schon sehr nahe, wie die beiden die Gesetze der Schwerkraft und Physis ignorierten und zu Rachmaninows Préludes die Zeit stehen ließen. Erst staunend, dann begeistert: das Publikum feierte die beiden lang und ausgiebig. (Einen extra Applaus verdiente sich die Pianistin des Abends: Angela Yoffe).

Zwei sehr gut aufeinander abgestimmte Tanzpaare waren zu sehen: Catherine Franco und Denis Piza vom Ballett der Staatsoper Hannover harmonierten wie bereits in Sissi beeindruckend miteinander (auch hier wieder u.a. zu Gustav Mahler, und zwar dem Urlicht aus der 2.Symphonie, schön gesungen von Stefanie Schaefer); Krasina Pavlova und Arshak Ghalumyan vom Staatsballett Berlin zeigten zwei interessante Paarstudien: zuerst ein getanzter Dipolmoment, dann Leidenschaft in sich umkreisender Halbdistanz.

Interessant war der Vergleich der beiden Choreographen Kenneth MacMillan und John Cranko, die mit emotional vergleichbaren Szenen hintereinander gezeigt wurden. Beide haben ja einen sehr ähnlichen Zugang zu Prokofievs Ballett Romeo und Julia (mehr hier) und MacMillan gilt eher als britisch distanziert, aber sein Pas des deux aus Winter Dreams, den Marianela Núñez und Thiago Soares vom Royal Ballet in London tanzten, wirkte auf eine altmodische Weise überdramatisiert und teilweise auf eine unfreiwillig komische Weise pathetisch. Crankos Choreographie aus Onegin (mehr hier), aus dem die Schlußszene von den beiden langjährigen Stars Maria Eichwald und Filip Barankiewicz vom Stuttgarter Ballett präsentiert wurde, wirkte dagegen deutlich geschmackvoller und aktuell zeitloser.

Eric Gauthier ließ sich zur Musik von Kate Bush zu einer kleinteilig-bewegungsreichen und gehetzten Choreographie inspirieren, während Thiago Bordin vom Hamburg Ballett Lebensfreude zu Cello-Musik versprühte. Ein Extra-Bravo geht an den Cellisten der Badischen Staatskapelle Johann Ludwig, der auf der Bühne sitzend mit seinem souveränen Spiel dem Hamburger Tänzer fast ein wenig die Schau stahl.

Das Badische Staatsballett präsentierte zu Beginn den Walzer aus Dornröschen und dann drei weitere Choreographien, darunter zwei Uraufführungen. Eine erschuf Ensemblemitglied Reginaldo Oliveira, der unlängst mit Der Fall M. (mehr hier) im Rahmen des Ballettabends Mythos einen großen Publikumserfolg feierte und dabei ist, sich als "Hauschoreograph" zu etablieren. Sein neues Ballett Attacke ist ein klaustrophobisches Stück, bei dem vier Tänzer vor ungewissen Bedrohungen flüchten: angstvoll und unheilvoll und mit einem visuellen und akustischen Showdown. Oliveira bekam zweifach viel Applaus und Jubel, denn  auch ein bereits bekanntes Publikumslieblingsstück wurde getanzt: Arman Aslizadyan und Reginaldo Oliveira zeigten ihr inzwischen beliebtes und bekanntes Two 4 One mit Tänzer-vervielfachendem Live- Kameramitschnitt.
Zum Abschluß des Abends standen dann 32 Tänzer des Staatsballetts auf der Bühne. Thiago Bordin, der also nicht nur ein Solo tanzte, kreierte auf Musik aus Jean Sibelius' 2. Symphonie ein neues Stück mit viel Humor und großen Ensemble-Szenen.

Die Badische Staatskapelle unter der Leitung von Steven Moore und Justus Thorau trug mit packend gespieltem Max Richter, Tschaikowsky, Glasunow, Mahler, Sibelius und Schostakowitsch viel zum großartigen Eindruck des Abends bei und manch einer wird sich nun das eine oder andere Stück im Symphoniekonzert wünschen.

Fazit: Viel Jubel im Publikum. Birgit Keil schafft es ein ums andere mal, ihr Publikum zu begeistern und mit der sensationellen Freigabe von John Crankos Choreographie zu Der Widerspenstigen Zähmung in der kommenden Saison ist man endgültig im Balletthimmel angekommen. Glückwunsch an Birgit Keil für Ihre großartige Aufbauarbeit und alle Tänzer und Beteiligten des Badischen Staatsballett!

Zusammenfassung der Programmpunkte

Lucia Lacarra und Marlon Dino vom Bayerischen Staatsballett
THREE PRELUDES
Musik Sergej Rachmaninow
Choreografie Ben Stevenson
Klavier Angela Yoffe

Maria Eichwald und Filip Barankiewicz vom Stuttgarter Ballett
HOMMAGE À BOLSCHOI
Musik Alexander Glasunow
Choreografie John Cranko

PAS DE DEUX
aus Onegin (III. Akt)
Musik Peter I. Tschaikowski (eingerichtet von Kurt-Heinz Stolze)
Choreografie John Cranko

Krasina Pavlova und Arshak Ghalumyan vom Staatsballett Berlin
HEUTE IST DAS GESTERN VON MORGEN
Musik Max Richter
Choreografie Raimondo Rebeck

TRANSPARENTE
Musik Arshak Ghalumyan feat. Mariza
Choreografie Roland Savkovic

Catherine Franco und Denis Piza vom Ballett der Staatsoper Hannover
INFERNO
Musik Lisa Gerrard & Andrew Claxton
Choreografie Jörg Mannes

URLICHT
Musik Gustav Mahler
Choreografie Jörg Mannes
Mezzosopran Stefanie Schaefer

Marianela Núñez und Thiago Soares vom Royal Ballet in London
WINTER DREAMS PAS DE DEUX
Musik Peter I. Tschaikowski
Choreografie Kenneth MacMillan
Klavier Angela Yoffe

Thiago Bordin vom Hamburg Ballett
,
PRAMIM
Musik Alexander Tscherepnin, Johann Sebastian Bach
Choreografie Jörg Mannes
Thiago Bordin, Hamburg Ballett
Violoncello Johann Ludwig

Eric Gauthier, Leiter der am Theaterhaus Stuttgart beheimateten Compagnie GauthierDance
I FOUND A FOX
Musik Kate Bush
Choreografie Marco Goecke

Badisches Staatsballett
ATTACKE
URAUFFÜHRUNG
Musik Dmitri Schostakowitsch
Choreografie Reginaldo Oliveira
Bruna Andrade, Larissa Mota, Kt. Flavio Salamanka, Ed Louzardo, STAATSBALLETT KARLSRUHE

TWO 4 ONE
Musik Starkey
Choreografie Arman Aslizadyan & Reginaldo Oliveira
Arman Aslizadyan & Reginaldo Oliveira, STAATSBALLETT KARLSRUHE

SIBELIUS FÜR B.
URAUFFÜHRUNG
Musik Jean Sibelius
Choreografie: Thiago Bordin

Sowie dem WALZER aus dem 1.Akt von Dornröschen