Dienstag, 3. März 2015

Konzert Vesselina Kasarova, 02.03.2015

Die bulgarische Mezzosopranistin Vesselina Kasarova errang 1992 überregionale Aufmerksamkeit, als sie für Marilyn Horne als Tancredi (Rossini) bei den Salzburger Festspielen einsprang. Seitdem hat sie zahlreiche CDs aufgenommen. Ihre ausdrucksstarke Stimme ist sehr gefragt: von Monteverdi über Händel, Gluck und Mozart, dem Bel Canto bis hin zu Gounod, Bizet und Massenet - die großen, technisch anspruchsvollen Mezzosopranrollen sind ihre Domäne.

Gestern sang Kasarova nun Händel-Arien in Karlsruhe und hinterließ einen sehr sympathischen Eindruck. Ihre Stimme ist ausdrucksstark und reich an dunkel glänzenden Farben, mit denen Kasarova einen ganz eigenen, individuellen Interpretationsstil erreicht. Sie unterstützte ihren Gesang gestisch, mimisch und auch körperlich nahm sie Stimmungen auf und setzte sie in Bewegungen um. Man spürte, daß es ihr Spaß machte und dieser Funke sprang schnell aufs Publikum über - ein alles andere als steriles, sondern lebendiges und schönes Konzert einer außergewöhnlichen Sängerin.

Paul Goodwin dirigierte die Badische Staatskapelle mit viel Schwung und Freude. Und wenn es am Anfang auch für den einen oder anderen Zuhörer eine Umstellung vom historischen Klang der Deutschen Händel Solisten auf den gemischt modernen und historischen Barock-Klang des hauseigenen Orchesters gab, so konnte man doch bald feststellen, daß auch diese Variante ansteckend ist und einen mitreißenden Konzertklang ergab.

PROGRAMM:

Serse HWV 40 (1738)
Sinfonia
„Frondi tenere“ – Recitativo accompagnato (Serse)
„Ombra mai fù“ – Arioso (Serse)
„Se bramate d’amar chi vi sdegna“ – Aria (Serse)

Rodrigo HWV 5 (1707)
Ballettsuite aus dem 3. Akt

Rinaldo HWV 7a (1711)
„Cara sposa, amante cara, dove sei? “ – Aria (Rinaldo)Battaglia aus dem 3. Akt
„Or la tromba in suon festante mi richiamo a trionfar“ – Aria (Rinaldo)

- Pause -

Rodelinda HWV 19 (1725)
Sinfonia
„Con rauco mormorio piangono al pianto mio“ – Aria (Bertarido)
„Vivi, tiranno!“ – Aria (Bertarido)

Alcina HWV 34 (1735)
Ballettmusik aus dem 1. Akt
„Mi lusinga il dolce affetto“ – Aria (Ruggiero)
„Sta nell’Ircana, pietrosa tana“ – Aria (Ruggiero)

Samstag, 28. Februar 2015

Händel - Riccardo Primo, 28.02.2015

Kopfschütteln zu Beginn
Viele großartige künstlerische Leistungen gab es bei dieser letzten Aufführung und der erste starke Moment gehörte Generalintendant Peter Spuhler, der vorab vor den Vorhang trat und klare Worte für die Gewerkschaft ver.di fand. Bereits vor zwei Jahren (mehr dazu hier) hatte ver.di in Karlsruhe bewiesen, daß es ihr mehr Vergnügen macht, Porzellan zu zerschlagen und Kollateralschaden anzurichten als intelligent vorzugehen. Heute hat man nun einen weiteren Tiefpunkt erreicht, indem man über die Presse die Falschmeldung verbreiten ließ, daß keine Vorstellungen stattfinden. Das Badische Staatstheater dementierte schnell auf seiner Internetseite und schaffte es mit einer Aushilfsbesetzung, alle Vorstellungen stattfinden zu lassen, vor allem Riccardo Primo, für den überregional und international Gäste angereist waren. Obwohl man bestreikt wurde, retteten die engagierten Mitarbeiter des Badischen Staatstheaters für ihr Publikum die restlos ausverkaufte Abschlußvorstellung der Händel-Oper.

Stehende Ovationen zum Abschluß
Riccardo Primo (mehr dazu auch hier) wurde vier Stunden später vom Publikum mit Jubel, Bravos und Standing Ovations für alle beteiligten Künstler und Mitarbeiter von der Karlsruher Bühne verabschiedet. Über 9000 verkaufte Karten für neun stets ausverkaufte Aufführungen (inkl. öffentlicher Generalprobe) - und es wären noch mehr geworden, wenn es weitere Termine gegeben hätte. Aber: Peter Spuhler deutete an, daß es vielleicht eine Wiederaufnahme geben könnte!
Ein herzliches Danke geht hier auch an Benjamin Lazar (Regie), Adeline Caron (Bühne)  Alain Blanchot (Kostüme), Christophe Naillet (Lichtdesign) sowie den früheren Leiter der Händel Festspiele Dr. Bernd Feuchtner für dieses stimmungsvolle und stimmige Gesamtkonzept.
               
Was bleibt?
Eine Empfehlung:
Es lohnt sich bei Kerzenlicht-Inszenierungen weit vorne zu sitzen - im Halbdunkel erkennt und sieht man dort deutlich besser als in den hinteren Bereichen. Nach fünf besuchten Aufführungen (alle im Parkett, zwei in der ersten Reihe) war es bei dieser Produktion eine deutliche Erfahrung, daß sich weiter vorn ein noch intensiveres Erlebnis ergibt.

Eine Erkenntnis:
Ein Vergleich zur sterilen Teseo-Inszenierung zeigt, daß Barockopern auch fürs Auge geschrieben sind. Man kann nicht immer (aber alle paar Jahre mal schon) nur historisierend und im Kerzenlicht inszenieren. Aber welcher Regie-Stil auch Anwendung findet, die Herausforderung liegt darin, die vielen Szenenwechsel räumlich zu lösen und das Publikum auf eine Reise mitzunehmen.

Eine Empfindung:
Händels Musik ist so stark mit barockem Geist durchtränkt, daß sie auch nach 300 Jahren noch wirkt. In einem Programmheft der Stuttgarter Oper zu Händels Teseo (2011) finden sich die treffenden Worte: "Barocke Kunst hat immer etwas grundsätzlich Wahres, wenn sie auf unbedingte Weise lebensbejahend ist, obwohl sie um Schrecken, Leid und Zerstörung keinen Umweg macht. .... Auch in den entsetzlichsten Momenten der Handlung dominiert dieses positive Weltbild."

Eine Entdeckung:
Ausnahmsweise gibt es hier auch einen Link zu Fotos. Ausnahmsweise - denn wer benötigt schon Fotos?
Die Sentimentalen? Wer ist schon sentimental genug, um anhand eines Fotos schnell verblassende Gefühle in der Erinnerung erneut durchleben zu können?
Die Daheimgebliebenen? Sie bekommen doch nur einen sehr schwachen und meistens nicht zutreffenden oder falschen Eindruck. Und der Werbeeffekt ist nur indirekt, da keine weiteren Termine bekannt sind.
Wieso also Fotos? Für die Wehmütigen angesichts des Vergänglichen. Denn wer Fotos schaut, hat etwas Unerledigtes oder Unbewältigtes vor sich. In dieser Hinsicht werden vielleicht doch einige wenige diesen Riccardo Primo für einige Zeit innerlich als unerledigt und immer noch positiv präsent betrachten.
Photograph Falk von Traubenberg hat aktuell viele Aufnahmen hier veröffentlicht:
https://m.flickr.com/#/photos/fvt-theaterfotografie/sets/72157641357302923/

Mittwoch, 25. Februar 2015

Händel - Riccardo Primo, 24.02.2015

Glücksfall Riccardo Primo
Nach der inszenatorisch so sterilen und einfallsarmen Teseo-Premiere ist die Wiederaufnahme von Benjamin Lazars Bühnenfassung von Riccardo Primo (mehr dazu auch hier) umso beeindruckender und beglückender. Hier gelingt, was in Teseo zu unbedarft und inspirationslos kopiert wurde und dann nur bieder und altmodisch wirkte.

Denn Riccardo Primo hat, was Teseo nur behauptet: Lazars Inszenierung ist als "szenisches und optisches Stimulans" zu verstehen. Hier wurde eine Ästhetik gefunden, "die eine andere Form von Wahrnehmung zulässt und die es ermöglicht, daß Barockmusik atmen kann", so daß das Bühnenbild "die Zuschauer einlädt, Räume in der eigenen Phantasie entstehen zu lassen". Regisseur Lazar will ebenfalls das Bühnengeschehen "nicht durch Überinterpretation verbauen" und erfindet keine neuen oder ergänzenden Geschichten, sondern zeigt Händels Oper als stimmungsvoll inszenierte Langsamkeit und arrangierte Schönheit und schafft dabei einen Sog, der im Verlauf der Oper stetig zunimmt und spätestens beim Duett des 2. Aktes weiß man, daß man etwas Besonderes und Außergewöhnliches erlebt.

Während man sich in Teseo mit vordergründigen Andeutungen und phantasieschwachen Minimalismen ohne Binnenspannung zufrieden geben muß, die kein Ganzes ergeben wollen, ist Riccardo Primo ein gelungenes Gesamtkonzept, bei dem Bewegungen und Gesten kunstvoll Musik und Handlung aufnehmen und weiterführen. Während man in Teseo kaum eine Idee hat, was die Figuren auf der Bühne ausdrücken sollen und sie ungeschickt und ohne bemerkenswerte Inspiration Versatzstücke kopieren und zusammenfügen lässt, gelingt es hier, eine Stimmung zu erwecken, die zahllose Besucher in ihren Bann zieht. Die Begeisterung war auch gestern im Zuschauerraum wieder groß.

Rückkehr der Entschleunigungsverzauberung im Kerzenlicht
Im Vergleich zu Radamisto (2009) zeigt Riccardo I. andere Ansätze. Benjamin Lazar zeigt keinen Versuch einer historisch-informierten und sich im Möglichkeitssinn befindlichen rekonstruierten und nachempfundenen Fassung, sondern eine neu erfundene, historisch-inspirierte Aufführungspraxis, in der barocke Muster und Gesten Pate standen für eine neue, individuelle Regiesprache, die auch moderne Bühnentechnik zulässt. Prachtvolle Kostüme, die im Kerzenlicht wunderbar strahlen und goldener Glanz in honigfarbenem Kerzenlicht - Radamisto bleibt das "Original", aber Riccardo I. ist keine Kopie.

Und es ist auch weiterhin ein Sängerfest! Der größte Verdienst der Karlsruher Händel Festspiele der letzten Jahre besteht darin, daß man auch weiterhin größten Wert auf die Bühnenkünstler legt. Mit Franco Fagioli, Valer Sabadus und Max E. Cencic sind wirkliche Größen engagiert, mit Countertenor Nicholas Tamagna hat man bspw. einen Sänger neu nach Karlsruhe geholt, den man auch zukünftig wieder engagieren kann.

Franco Fagioli bleibt der Star dieser Produktion: es ist immer wieder erstaunlich, wie stimmakrobatisch er seine Rollen gestalten und Farbgebungen setzen kann. Ein Ausnahmesänger in seinem Stimmfach und hoffentlich bald wieder zu Gast bei den Karlsruher Händel Festspielen. Seine Arien und das Duett T'amo si am Ende des 2. Aktes gehören zu den vielen Höhepunkten. Costanza ist mit Sine Bundgaard neu besetzt und sie fügt sich mit sehr schöner Stimme nahtlos ein: ein erfolgreicher Kaltstart in eine anspruchsvolle Rolle - Bundgaard kann man wieder einladen (wie alle Sänger dieser Produktion). Zum erfolgreichen Team gehören weiterhin Lisandro Abadie als finsterer Isacio, Claire Lefilliâtre als Pulcheria, Nicholas Tamagna als Oronte (mit seinem geschmeidigen Counter ist er eine Entdeckung für zukünftige Festspiele) und der variable Andrew Finden, der schon in Alessandro ein zuverlässiger Bariton war.

Neu ist auch der Dirigent. Im Vorjahr war es noch Michael Hofstetter, der über viele Jahre in  Karlsruhe immer wieder begeisterte und kein leichtes Erbe hinterließ. Doch mit Paul Goodwin hat man einen erstklassigen Nachfolger engagiert, der diese Oper auch bereits auf Tonträger einspielte und gestern aufhören ließ. Der gedehnte und gelegentlich etwas eintönig dirigierte Teseo war schnell vergessen, Goodwin machte fast jede Arie hörenswert.

Fazit: Eine geglückte und beglückende Wiederaufnahme einer Oper, an die man sich lange erinnern wird und über die man noch in vielen Jahren schwärmen wird, denn Sänger, Musiker und Inszenierungsteam - alles passt hier so wunderbar zusammen. Riccardo Primo ist nach Radamisto ein weiterer Glücksfall im Kerzenlicht.

PS: Wenn man in einigen Jahren alle Händel Opern in Karlsruhe gespielt hat und neu beginnt - das könnte so ca. 2023 der Fall sein - dann sollte man wie 1978 mit Alcina beginnen ... und diese Zauberoper in einer Kerzenlichtinszenierung wäre doch vielleicht der richtige Neustart des zweiten Zyklus!

Samstag, 21. Februar 2015

Händel - Teseo, 20.02.2015 (Premiere)

Eine der schwächsten Händel Premieren der letzten Jahre
Nach der bereits sängerisch vielversprechenden öffentlichen Generalprobe (mehr hier) gab es gestern starken Applaus und gute Laune zur Eröffnung der 38. Händel Festspiele - das Publikum wollte sich bei der Premiere von Teseo die Feierstimmung nicht nehmen lassen. Vor allem Sänger und Musiker hatten gestern viel zu bieten, die beiden Hauptakteure Yetzabel Arias Fernandez  und Valer Sabadus sind die Stars des Abends, es gibt schöne Kostüme und eine mit viel Applaus bedachte Solo-Oboistin ..... oberflächlich besehen ist scheinbar alles gut. Und die Inszenierung - wahrlich nicht erinnerungswürdig, aber nun ja, niemand wird sich ernsthaft darüber ärgern, kaum jemand wird sich darüber aufregen, denn aufregend ist das Bühnengeschehen nun wirklich nicht - es ist eine Inszenierung, die man gleich wieder vergessen und abhaken kann.
Nicht jede neue Händel-Inszenierung kann eine Offenbarung sein und auch früher schon gab es immer wieder schwache Regie-Leistungen. Dennoch ist diesmal etwas anders als sonst. Gerade wenn man genau beobachtet, wie schwer sich die aktuelle Intendanz um künstlerische Qualität und Substanz bemühen muß, kann man in Sorge geraten, ob hier nur ein statistischer Ausrutscher nach unten erfolgt ist oder sich nicht sogar ein unguter Trend abzeichnet. Denn bei tieferer Ansicht erlebt man bei Teseo erneut ein szenisches Debakel für das man klare Worte finden muß, um falschen Richtungen entgegen zu steuern. Selten sieht man eine solche langweilige Anhäufung von Phantasie- und Einfallslosigkeit.

In Biederkeit erstarrt
Und tatsächlich darf man sich im vierten Jahr der künstlerisch uninspirierten und so wenig ergiebigen Intendanz Spuhler Gedanken und Sorgen machen, wie die kommenden Jahre der Händel Festspiele in Karlsruhe ablaufen werden. Hätte man nicht letztes Jahr für Riccardo Primo den französischen Regisseur Benjamin Lazar und Publikumsliebling Franco Fagioli verpflichtet, wäre ein Niveauverlust unübersehbar. Alessandro (2012) mangelte es bereits an Erzählfreude und Ironie, das Oratoriendoppel (2013) war ein Fehlschlag (und zum Glück ohne Wiederaufnahme im Folgejahr). Teseo ist ein szenisches Nichts. Nächstes Jahr soll Max E. Cencic als Regisseur und Hauptdarsteller mit Arminio wieder mehr Glanz nach Karlsruhe bringen. Nach diesem Teseo sollte ihm eine Steigerung nicht schwer fallen. Gerade in Bezug auf die Händel Festspiele muß man also bezüglich der jetzigen Intendanz nochmal klar feststellen: man erntet bei den Händel Festspielen aktuell den Erfolg, den andere mit ihrer Arbeit über 30 Jahre lang vorbereitet haben. Die Saat der aktuellen Intendanz ist hingegen qualitativ (noch) zu schwach. Die folgenden Jahre benötigen endlich mehr inszenatorische Klasse!

Was ist zu sehen?
oder
Szenisches Debakel Nr. 2

2015 beginnt nicht gut für die Karlsruher Opern-Fans. Während man in La Bohème (mehr zum ersten szenische Debakel des Jahres findet sich hier) noch eine Idee hatte (auch wenn sie nicht zur Oper passte und ihr aufgezwungen werden mußte) und sich zumindest szenisch bemühte und auch durchaus gute Einfälle hatte, strotzt dieser Teseo nur so vor Angestaubtheit und Ideenlosigkeit. Das Inszenierungsteam gab an, seine Arbeit als "szenisches und optisches Stimulans" zu verstehen. Es will "Ästhetiken finden, die eine andere Form von Wahrnehmung zulassen, die es z. B. ermöglichen, dass Barockmusik atmen kann", so daß das Bühnenbild "die Zuschauer einlädt, Räume in der eigenen Phantasie entstehen zu lassen". Regisseur Daniel Pfluger will dabei Teseo "nicht durch Überinterpretation verbauen".
Das Badische Staatstheater fand also einige Euphemismen und Ausreden, um eine ungewöhnliche öde und phantasielose Umsetzung zu beschönigen. Stimulierend wirkt das Bühnengeschehen nur in der Hinsicht, daß man ungläubig den Kopf schüttelt über so viel Biederkeit und altmodisches Arrangiertheater. Eine Zauberoper ohne Zauber. Ok, einverstanden - diese phantasielose Inszenierung stört zumindest nicht wesentlich, man kann ungestört zuhören und die Bühne ignorieren. Aber reicht das aus? Eine reduzierte Inszenierung als Matrix für das eigene Kopfkino - Ist das der Maßstab, den man inzwischen anlegen soll?

Von Überinterpretation kann tatsächlich nicht die Rede sein. Interpretiert wird auf so geringer Sparflamme, daß man vor allem im 1. Akt vermuten könnte, es handele sich um eine konzertante Aufführung mit Spielelementen. Es passiert 50 Minuten lang nichts. Die Personencharakterisierung hat das dramaturgische Niveau einer ambitionierten Amateurvorstellung.
Zum 2. Akt darf sich dann die Bühne drehen. Eine nichtssagende Videoeinspielung und eine beliebige 3D-Animation wirken wie eine Verlegenheitslösung, um irgendwie auf eine visuelle Besonderheit verweisen zu können. Man findet im Programmheft den Hinweis: "Die größtenteils abstrakten 3D-Projektionen der Oper Teseo sind aus künstlerischen Arbeiten von Philipp Engelhardt hervorgegangen, die er für die Bühne adaptiert und umgesetzt hat." Zweifellos eine sehr schöne Arbeit, die allerdings ohne Triftigkeit eingesetzt wird und nur auf einfachstem Niveau sinnvoll ist. Man setzt also ein, was man gerade bekommen konnte und hoffte, daß die Beliebigkeit nicht auffällt.
Im 3. Akt darf dann die Rückwand nach oben verschwinden, die Drehbühne wird verstärkt eingesetzt, aber im 4. Akt gelingt kein phantasievoller oder beeindruckender Zauber-Akt. Wo man als Regisseur nur so vor Ideen strotzen sollte, zeigt man hier einen Abklatsch von angesammelten Versatzstücken, die man schon viel besser bei den Händel Festspielen sah.
Ein plakatives Alibi-Ende im 5. Akt mit dunklem Vorhang, kurz einschwebender Medea, göttlicher Hand und Glitzerregen kann nur oberflächlichst das Riesendefizit dieser Inszenierung kaschieren und würde vielleicht in einer Kinderaufführung Applaus finden. Selten sah man in Karlsruhe ein so liebloses Happy End.  Ein szenisches Debakel der Uninspiriertheit.

Was ist zu hören?
Zumindest sängerisch und musikalisch lohnt der Besuch. Schon die Generalprobe zeigte ein wunderbar inspiriertes Orchester. Dirigent Michael Form erreicht dabei aber nicht immer den Schwung und die Spannung, die Teseo haben könnte, es fehlt die federnde Leichtigkeit, die man den Deutschen Händel Solisten entlocken kann. Form hat seinen Teseo  sehr gut vorbereitet: er ließ von verschiedenen Musikern Verzierungen zu einigen Dacapo-Arien schreiben, die auch die Instrumentalisten einbezieht und verhilft den Sängern zu effektvollen Auftritten. Der Dirigent zwingt sie aber auch öfters zu bedeutungsschwerer Langsamkeit und kann mit seinem Ansatz nicht jeden überzeugen.

Sängerisch ist man wie gewohnt sehr gut besetzt und erlebt einige Höhepunkte. Als Agilea hat man erneut Yetzabel Arias Fernandez engagiert, die bereits in Alessandro überzeugte. Sie hat die volumenreichste Stimme des Abends und im 4. Akt eine der schönsten Arien der Oper, die sie seelenvoll singt. Wie bereits in Alessandro gibt ihre Stimme ihrer Figur eine sehr weibliche, fast mädchenhafte Grundierung. Ein weiterer Höhepunkt ist Fernandez' Duett mit Teseo am Ende des 4 Akt, in dem sich beide Stimmen wunderbar ergänzen. Valer Sabadus in der Hauptrolle singt mit weichem und sinnlichem Timbre und klarer und leichter Höhe. Schon seiner erste Arie, nur begleitet vom Cembalo, entlockt er etwas Traumhaftes und Inniges. Bei ihm wird Teseo nicht zum Überhelden, sondern zum Träumer und Sehnsüchtigen. Sabadus ist aktuell einer der  erfolgreichsten jungen Countertenöre und sang bereits 2011 in Partenope eine kleinere Rolle in Karlsruhe. Für ihn ist der Teseo mit seinen stark kontrastierenden Arien nun ein erfolgreiches Rollendebüt, mit dem er sich einen sehr guten Ruf beim Karlsruher Publikum ersingen sollte.
Besonders einprägsam hat Händel Medea charakterisiert. Sie hat starke Affekte - Neid und Eifersucht, Wut und Gewalt - und wilde Rezitative, die ihre Unbeherrschtheit zeigen. Mit Roberta Invernizzi hat man eine koloratursichere Charakterstimme, die die innere Zerrissenheit dieser Figur ausdrucksstark darstellt. Als Egeo hat man mit Flavio Ferri-Benedetti einen Countertenor engagiert, der sich zum ersten Mal in Karlsruhe vorstellt und besonders schauspielerisch überzeugt. Auch die beiden kleineren Rollen machen sehr positiv auf sich aufmerksam: Larissa Wäspy (Clizia) und Terry Wey (Arcane) nutzen ihre Auftritte zu schönen Arien und Duetten und können trotz der schwachen Regie zumindest ein wenig aus ihrem komischen kleinen Eifersuchtskonflikt machen.
 
Fazit: Ein Bravo an Sänger und Musiker. Aber dennoch ist dieser Teseo eine der schwächsten Aufführungen der vergangenen Jahre. Man kann diese Händel-Zauberoper aufregender dirigieren, und man kann sie kaum langweiliger, biederer, belangloser und nichtssagender inszenieren. Die Karlsruher Händel Festspiele sind nicht der geeignete Spielplatz für Nachwuchsregisseure ohne triftige Ideen für barocke Szenerien.

Team und Besetzung:
Teseo: Valer Sabadus
Agilea: Yetzabel Arias Fernandez
Egeo: Flavio Ferri-Benedetti
Medea: Roberta Invernizzi
Clizia: Larissa Wäspy
Arcane: Terry Wey
Priester der Minerva: Mehmet Altiparmak
Chor der Minerva: Constanze Kirsch, Larissa Wäspy, Mehmet Altiparmak, Studierende der Hochschule für Musik Karlsruhe

Deutsche Händel Solisten
Musikalische Leitung: Michael Form

Regie: Daniel Pfluger
Bühne: Flurin Borg Madsen
Kostüme: Janine Werthmann
Video: Benedikt Dichgans, Philipp Engelhardt

Donnerstag, 19. Februar 2015

Händel - Teseo (Generalprobe), 18.02.2015

Teseo Fazit (1):  
Musikalisch & sängerisch: hochwertig
Regie & Inszenierung: bieder und langweilig

Die gestrige öffentliche Generalprobe hinterließ sehr gemischte Gefühle. Obwohl es nur eine Probe war, überzeugten bereits die Sänger und lassen eine erfolgreiche Premiere erwarten.

Die Seele der Karlsruher Händel Festspiele sind die Musiker der Deutschen Händel Solisten, also des aus Experten für Barockmusik zusammengesetzten Festspielorchesters, das Jahr um Jahr Händels Musik so wunderbar zum Leben erweckt. Viele Orchester wagen sich an diese Musik, viel Klein- und Kleinst-Ensemble stehen bereit, doch das Klang- und Ausdrucksspektrum der Händel Solisten ist exquisit und außergewöhnlich. Dirigent Michael Form und seine Musiker machten die gestrige Generalprobe bereits fast durchgängig zum Genuß, nur einige langsame Tempi verschleppten den Spielfluß.

Was hat man sich nur bei der Inszenierung gedacht?
Positiv könnte man sagen: sie stört kaum und lässt sich ignorieren. Wer nur zuhören will, wird nicht abgelenkt.
Die Intendanz Spuhler ist nun nicht gerade für künstlerische Substanz bekannt. Dennoch ist es auch für sie mutig, dem Publikum ein solches szenisches Nichts anzubieten. Man könnte von einer schwach und überwiegend lieblos bebilderten konzertanten Aufführung mit Spielelementen sprechen. Ein Aneinanderreihen von Versatzstücken, die so bereits vor 30 Jahren unaufregend gewesen wäre. Die Personenführung wirkt derart altmodisch, unbeholfen und einfallslos, daß man geneigt sein könnte, von einer Verlegenheitslösung zu sprechen. Und tatsächlich: angekündigt wurde vor einem Jahr das Inszenierungsteam Nico & The Navigators. Zu Beginn der Spielzeit wurde dann bekannt, daß ein junger Nachwuchsregisseur übernimmt. Leider hatte der nun gar keine Ideen. Es ist alles andere als ein Feuerwerk, was in Karlsruhe zu sehen ist - das Bühnengeschehen ist einfach zu schwach und ungenügend.
Mehr zu Musik, Sängern, Regie und Inszenierung dann nach der Premiere.
           
Besonderheiten
  • Das Libretto basiert auf einer französischen Textvorlage, die der Komponist Jean-Baptiste Lully in der Oper Thésée für den Sonnenkönig Louis XIV. vertonte und 1675 aufführte. Teseo hat dementsprechend die für die französische Theaterbühne üblichen fünf Akte statt drei und kürzere Arien. Händels Teseo ist mit ca. 155 Minuten Spieldauer eigentlich deutlich kürzer als viele andere seiner Opern. Gestern brachte es Dirigent Michael Form auf ca 180 Minuten Spieldauer. Mit Pause benötigte man 3,5 Stunden.
  • Teseo trägt als einzige Händel Oper die Gattungsbezeichnung Dramma tragico. Gestern war nur die langweilige Regie ein dramma, tragico wirkte das Unvermögen und die Phantasielosigkeit der Inszenierung.
  • Teseo (uraufgeführt 1713) gehört neben den benachbarten Opern Rinaldo (1711), Amadigi (1715) sowie der späten Alcina (1735) zum Typus der Zauberopern. Die Zauberin in Teseo ist dabei speziell, und zwar von der eifersüchtig-rachsüchtigen Sorte. Von Zauber war gestern nichts zu merken. Die Inszenierung hat nichts Packendes oder Zauberhaftes zu bieten.
          
Worum geht es?

König Egeo von Athen und seine Braut Medea (und zwar ist das die berüchtigte Medea der Argonautensage, die ihre Kinder tötete. In der Karlsruher Inszenierung ist die Erinnerung an sie gegenwärtig) wollen heiraten, doch begehren beide andere. Egeo will lieber Agilea heiraten, die verwaiste Tochter eines früheren Königs. Medea verlangt es nach Teseo (das ist Theseus der u.a. den Minotaurus tötete und Ariadne auf Naxos sitzen ließ, wo sie sich dann mit Dionysos verband), einem Helden ungekannter Herkunft, der das von einer namenlosen Macht bekriegte Athen verteidigt und rettet. Doch die beiden Begehrten Teseo und Agilea lieben einander und so beginnt die Eifersucht: Egeo beneidet Teseo und offenbart sich Agilea, Medea will Agilea zum Verzicht auf Teseo zwingen. Als Agilea aber nicht nachgibt, wird sie von der über Zauberkräfte verfügenden Medea entführt und gequält. Dabei erkennt diese die Tiefe, Integrität und Aufrichtigkeit der Gefühle zwischen Teseo und Agilea. Aus Rache schmiedet sie ein Mordkomplott: alle drei sollen sterben und Egeo soll Teseo töten. Doch es gibt eine unerwartete Wendung: Egeo erkennt, daß Teseo sein Sohn aus einer früheren Affäre ist. Mit göttlicher Unterstützung halten sie der wütenden Medea bis zum Happy-End stand.
Kontrastiert wird diese Viererbeziehung durch ein weiteres, komisch-eifersüchtiges Nebenpaar: Arcane und Clizia.

Beziehungsgeflecht 

Samstag, 7. Februar 2015

Vorschau: Händel Festspiele 2016

Mit Händels früher Oper Teseo (aus dem Jahr 1713) beginnen in diesem Jahr die Händel Festspiele 2015. Nächstes Jahr wird dann ein späteres Werk zu hören sein: Arminio (1737). Als Regisseur und in der Titrelrolle wird sich Max E. Cencic vorstellen, der Anfang der Spielzeit auch schon ein Arien-Konzert in Karlsruhe gegeben hat. Als Dirigent ist George Petrou vorgesehen. Außerdem: Vince Yu, Ruxandra Donose, Pavel Kudinov u. a. Premiere 13.02.16, Weitere Vorstellungen 17., 19., 21. und 23.02.16.

Im Eröffnungskonzert am 12.02.16 wird die Krimiautorin und bekennende Händel-Enthusiastin Donna Leon anwesend sein, Il Pomo  D'Oro unter Ricardo Minasi spielen.

Teseo gibt es als Wiederaufnahme mit Valer Sabadus, Roberta Invernizzi, Yetzabel Arias-Fernandez am  20., 24. und 27.02.16.

Der Vorverkauf läuft ab dem 15.02.15 für Abonnenten, am 20.02.15 startet der Vorverkauf für alle Besucher.

Das  Programm der kommenden Jahre (2017 ++) zeichnet sich bereits ab: sechs Opern wurden seit der Gründung des Karlsruher Händel-Programms noch nicht gespielt. Um die Reihe komplett zu machen, fehlen dann noch Floridante (1721), Siroe, Tolomeo (beide 1728), Sosarme (1732), Atalanta (1736) und Faramondo (1738). Dazu kommt Muzio Scevola (1721), bei der nur der dritte Akt von Händel komponiert wurde.

Dienstag, 3. Februar 2015

4. Symphoniekonzert, 02.02.2015

"Bruckners Achte ist die Krone der Symphonik"
Große Worte fand der rumänische Dirigent Sergiu Celibidache (der als Bruckner-Jünger in der Spätphase seiner Karriere berühmt-berüchtigt wurde für zelebrierte Bruckner-Symphonien mit außergewöhnlich langsamen Tempi und einer buddhistisch inspirierten Klarheit) für das Werk, das den alleinigen Programmpunkt des 4. Symphoniekonzerts bildete.

Bruckners Achte - das sind weitgespannte und formvollendete Spannungsbögen, die erkundet werden wollen und eschatologisch auf das Ende hin komponiert wurden. Es ist das Gefühl einer inneren Notwendigkeit (heute würde man sprachlich unbeholfen sagen, daß die Musik "Sinn macht"), eines unausweichlichen Sinnzusammenhangs. Der Fokus liegt auf diesem Gesamtzusammenhang, der im Finale eine Krönung findet - eine Kraftanstrengung gigantischen Ausmaßes und Bündelung von Energie zum großen Gesamtwerkeindruck, für die man immer wieder die Metapher einer Kuppel über einer Kathedrale findet.

Die Uraufführung am 18.12.1892 durch die Wiener Philharmoniker unter Hans Richter war ein triumphaler Erfolg beim Publikum: Der Komponist Hugo Wolf überschlug sich vor Begeisterung: "Diese Symphonie ist die Schöpfung eines Giganten und überragt an geistiger Dimension, an Fruchtbarkeit und Größe alle anderen Symphonien des Meisters". Justin Brown und die Badische Staatskapelle hatten also Großes vor und wählten die zweite Fassung von 1890 in der Edition von Leopold Nowak.

Justin Brown ist ein Dirigent in den besten Jahren und noch Jahrzehnte davon entfernt, Bruckner in lichtvoller, transzendierender Altersweisheit zu sehen. Der Karlsruher GMD zeigte einen kraftvollen und dynamischen Zugang zu dieser Symphonie: er setzte Bruckner in einen PS-starken Sportwagen, mit dem er nur für den 3. Satz die Autobahn verließ und eine ganz andere Route einschlug. 16-14-26-22 - das waren gestern Bruckners Maße in Minuten; unter 80 Minuten Spieldauer blieb man - eine schneller Ansatz. (Zum Vergleich drei Einspielungen der Nowak-Edition: der sehr schnelle Otto Klemperer: 14-14-23-20; der maßvolle Carlo-Maria Giulini: 17-16-29-24, der sehr langsame Celibidache: 21-16-35-32).

Brown und die Badische Staatskapelle setzten auf Kraftentfaltung und -übertragung zur Erzeugung des Zusammenhalts: zu hören war überwiegend eine unruhige, teilweise nervöse Symphonie, die auf hochdramatische Spannung setzte und dafür im Gegenzug wenig Architekturerkundung leistete: die Länge der Spannungsbögen war weniger in Browns Fokus als ihre Unbändigkeit, die Sinnzusammenhänge wurden weniger deutlich als die Massivität des Konstrukts.

Das Allegro moderato des ersten Satz war angespannt. Im zweiten Satz war man sehr flott, aber nie übereilt unterwegs. Der 3. Satz ist ein Adagio, für das Brown deutlich nach unten schaltete und eine melodisches Singen zuließ, das der Satzbezeichnung Feierlich langsam, doch nicht schleppend sehr gut entsprach: es hatte etwas kraftvoll Beharrendes und steigerte sich intensiv zum Triumph - einem Fortissimo mit Posaunen, Trompeten und Holzbläsern, Becken und Triangel. Im 4. Satz - Finale. Feierlich, nicht schnell  - war der Kontrast der drei Themen und der stete Perspektivwechsel spannungsgeladen. Die C-Dur Krönung mit Wiederkehr der vier Hauptthemen aller vier Sätze gelang sehr überzeugend, wenn auch vielleicht zu übereilt, zu wenig feierlich.
Browns direkte und zupackende Interpretation zeigte Ähnlichkeiten mit Dirigenten wie Schuricht, Harnoncourt und Klemperer. Wer mehr den transzendenten Ansatz eines Günther Wand, Carlo-Maria Giulini oder Sergiu Celibidache schätzt, kam vielleicht weniger aus seine Kosten.

Fazit: Eine Kraftleistung - der lange und starke Applaus für die Musiker und den Dirigenten war hochverdient.

Donnerstag, 29. Januar 2015

Puccini - La Bohème, 28.01.2015

Viel Kritik mußte das Badische Staatstheater bei der Premiere vor wenigen Tagen von Publikum und Presse einstecken. Überraschend war vor allem die offensichtliche Ungeschicktheit der Inszenierung angesichts der verdoppelten Mimi (eine Zeitung sprach von einem "szenischen Debakel"), bei der man sich unweigerlich die Frage stellt, wieso Intendanz und Operndirektion nicht rechtzeitig eingeschritten sind - immerhin ist La Bohème DIE Prestige-Inszenierung der Spielzeit, mit der man sehr große Publikumsmengen erreicht und einen wichtigen und auch entscheidenden Eindruck hinterlässt. Ob man hier beabsichtigte, dem Publikum die Freude am Opernbesuch zu beeinträchtigen oder man einfach die Auswirkungen nicht verstanden hat oder persönlicher Profilierungsdrang im Vordergrund standen, soll gar nicht erst erörtert werden. Das Badische Staatstheater nutzt erneut eine wichtige Chance nicht. Hier scheint sich wieder zu zeigen, daß es kein Vorteil ist, wenn man nur Administratoren und Theoretiker in Intendanz und Spartenleitung sitzen hat, die selber nicht direkt künstlerisch tätig sind und nicht selber als Regisseure Erfahrung gesammelt haben. Ein wenig mehr Formvernunft hätte gut getan, denn es fehlte nicht viel, vielleicht sogar nur ein wenig mehr Zurückhaltung, um eine gute Bohème zu präsentieren.

Hätte die Regisseurin doch der Oper vertraut und aufs Schauspiel verzichtet, dann wäre es wahrscheinlich ein akzeptabler Erfolg gewesen. Die Doppelbesetzung der Mimi bringt nichts! Hätte man sich für diese Kombination mehr Gedanken gemacht oder sogar auf die Schauspielerin (also auch den hinzu erfundenen Monolog) verzichtet und diese Rollenauslegung ganz der Sängerin anvertraut, wäre schon einiges gewonnen gewesen. So ergänzen sich Sängerin und Schauspielerin kaum einmal sinnvoll. Die existentielle Notlage Mimis ist hier auf die Spitze getrieben - nicht nur sterbenskrank, sondern auch mittel- und obdachlos -, daß der Kontrast zur Musik zu stark wird und in Kombination nicht funktioniert. Puccinis Absichten für Mimi waren anders: eine einfache Näherin, die noch ein wenig Glück und Nähe sucht, eine empfindsame Figur, die sich im Gegensatz zur Karlsruher Sicht nicht prostituiert, um über die Runden zu kommen.
Eine Mimi hat viel zu tun, die andere steht nur herum, die übrigen Rollen bleiben zu blaß. Wer Rudolfo, Marcello und Musetta sind, wird nicht erwähnt. Hätte man doch noch etwas präziser über Charakterisierungen und Bewegungen nachgedacht. Wer nicht nur auf die Mimis achtet, wird gelegentlich feststellen, wie wenig Einfälle man für die anderen Sänger hatte und wie Leerlauf den Hintergrund prägt.
Überhaupt wollte Puccini von seinen Librettisten "leuchtende, wohlgefällige" Figuren (auch das ignoriert die Regie und präsentiert ostentativ kein Wohlgefallen) und verursacht das erwähnte "szenische Debakel".  Es waren die Extras der Regisseurin, die keine positiven Wirkungen zeigten - in der Hinsicht war das Buhgewitter gegen die Regie gerechtfertigt.

Atmosphärisch ist die Verlagerung nach New York zugegeben ungewöhnlich, aber machbar und das Bühnenbild von Ben Baur zeigt starke Momente. Das hält Puccinis Oper aus, wenn da ein Brunnen statt einer Mansarde steht, wenn der 2. Akt eine Liebestraum mit Eichhörnchen ist. Die Video-Einspielungen im dritten Akt sind eine gute Idee, haben hingegen nicht die gewünschte Wirkung -  die Erinnerungsfetzen eines unwiderruflich zu Ende gehenden Lebens sind durch die schnellen Schnitte zu unruhig - es fehlt die Wehmut und die Sehnsucht, das Glück und die Idylle. Mimis ins Mark gehende Betroffenheit beim Erkennen ihrer Situation überträgt sich nicht.
Über den verunglückten Beginn des vierten Akts mit dem Monolog der Schauspielerin gab es viel Kopfschütteln. Daß Intendanz und Operndirektion so unverständig sind und nicht ahnten, daß diese Entscheidung schlecht ankommt, ist wahrscheinlich, denn die B-Premiere wurde verändert. Diesmal beendete die Schauspielerin nicht die Frage an das Publikum "Wollt Ihr vielleicht meine .....?" ("Brüste sehen" entfiel) und sprach gleich weiter, damit nicht wieder das Publikum antwortet.
Die Schauspielerin-Mimi stirbt auf einer Parkbank, die Sängerin steht am Ende dahinter in religiöser Pseudo-Haltung - ein Bild, das keine Aussagekraft hat und nur Bedeutung behauptet.

Gestern folgte nun die "B-Premiere" von La Bohème, doch es gab nur zwei bemerkenswerte Änderung: als Mimi sang Agnieszka Tomaszewska und zeigte eine sehr schöne Leistung ohne dabei ganz die Intensität Barbara Dobrzanskas zu erreichen. Avtandil Kaspeli hinterließ als Colline einen weiteren sehr guten Eindruck: am Samstag hatte er dem erkälteten Konstantin Gorny kurzfristig im 4. Akt seine Stimme geliehen und sang und spielte nun überzeugend mit viel Körpereinsatz die komplette Basspartie. Anstelle von Jung sang Lucas den Marcello, ohne allerdings Akzente setzen zu können - seine Stimme klang belegt. Und nach der B-Premiere ist es unbedingt erforderlich auch noch mal Ina Schlingensiepen hervorzuheben, die als Musetta im 2. Akt so viel Verführungskraft und Verzauberung in ihre Stimme legt, daß man es sich kaum besser vorstellen kann. Johannes Willig hatte diesmal einen konstant guten Zugriff auf die Partitur.

Andrea Shin verlässt das Badische Staatstheater?
Viel Lob von Publikum und Presse gab es für Andrea Shin. "Glücklich das Ensemble, das einen solchen Tenor zur Verfügung hat", schrieb die Frankfurter Rundschau in ihrer Kritik. Und tatsächlich: ob nun in Rigoletto, Maskenball, Tosca oder nun in La Bohème: Andrea Shin hat in Karlsruhe große Leistungen erbracht. Anscheinend verlässt er Karlsruhe am Ende der Saison Richtung Hannover (Danke für den anonymen Hinweis). Und wieder ein bedauerlicher Verlust, der erst mal kompensiert werden muß.

Fazit: Ein Bravo an Sänger und Musiker. Leider kam die Regisseurin Anna Bergmann nur bei der Premiere auf die Bühne. Es wäre interessant zu sehen gewesen, wie sie gestern in einer weniger aufgeheizten Stimmung beurteilt worden wäre. Meine Sitzplatznachbarn im Balkon formulierten im Hinblick auf die verdoppelte Mimi: "So ein Quark" und "Wieso machen die so was? Bohème ist doch eine so schöne Oper." Nun ja, es hätte zwar schlimmer kommen können, aber es wäre auch deutlich mehr drin gewesen.

Montag, 26. Januar 2015

John Cranko - Der Widerspenstigen Zähmung, 25.01.2015

Die Premiere war umjubelt (mehr hier) und als Gute-Laune Stück ist dieses Ballett auch in der Wiederholung ein Juwel. Man muß schon sehr unleidig sein, um hier nicht amüsiert zu werden, vor allem wenn so hochklassig getanzt und musiziert wird wie in Karlsruhe. Die Reihe der grauen Wintertage scheint draußen kein Ende zu finden und hier drinnen klart der imaginäre Himmel auf. So gab es auch gestern minutenlangen Beifall und rhythmisches Klatschen im ausverkauften Großen Haus.
Die Presse bescheinigte dem Badischen Staatstheater, daß dieses Ballett -bei aller durchaus auch vorhandenen szenischen Angestaubtheit und überholtem Rollenverständnis- etwas wunderbar Frisches und Lebendiges bekommt, teilweise sogar etwas Überbordendes. Und das ist ein Verdienst der Tänzer des Badischen Staatsballetts, die nie in routinierte Halbherzigkeit abtauchen, sondern stets voller Einsatzfreude die Freude und den Spaß dieser Choreographie vermitteln können. Es ist immer wieder erstaunlich, wie gerade das körperlich so zehrende und fordernde Ballett es seit Jahren immer wieder schafft, selten routiniertes Mittelmaß und meistens gekonnte Hochklassigkeit zu präsentieren. Man tanzt auf hohem Niveau und agiert mit hoher Professionalität - und das ist ein großer Verdienst von Birgit Keil und Vladimir Klos, den Anspruch an ihre Kompagnie hoch zu halten, die Latte auch regelmäßig höher zu legen und für die richtige Motivation zu sorgen. Auch gestern saßen sie wieder auf ihren Stammplätzen im Zuschauerraum und schauten ihrer Kompagnie zu.
Ballett in Baden-Württenberg - das ist selbstverständlich das hochdotierte Stuttgart, aber inzwischen auch Karlsruhe. Der Südwesten als Ballett-Hochburg hat mit Birgit Keils und Vladimir Klos' Tätigkeit in Karlsruhe ein zweites Standbein erhalten. Man kann ihrem Engagement nur höchsten Respekt zollen.

Sonntag, 25. Januar 2015

Puccini - La Bohème, 24.01.2015

Ein Gespenst ging gestern um im Badischen Staatstheater. Doch dem Karlsruher Publikum wurde durch Spuk nicht bang und es buhte das Gespenst des Regietheaters (also eine Regie, die sich wichtiger nimmt als Werk, Künstler und Publikum) mit selten erlebter Vehemenz und Lautstärke von der Bühne und erhöhte damit auch den Druck auf die künstlerisch weiterhin problematische Intendanz von Peter Spuhler. Dabei gab es eigentlich eine gute Nachricht vorweg: es gibt es also doch noch, das Karlsruher Opernpublikum. Es kam nur einfach nicht mehr. Nach oft schwach besetzten Premieren war gestern ausverkauft und auch die Stehplätze besetzt. Die B-Premiere am 28.01. ist ebenfalls bereits voll. Die Auslastungskrise der Karlsruher Oper scheint also tatsächlich hausgemacht und in Verantwortung des Intendanten. Ob diese Bohème den erhofften Stimmungsumschwung bewirkt, ist allerdings fraglich.

Was ist zu sehen (1)?
oder
"Soll ich euch meine Brüste zeigen?"
Regisseurin Anna Bergmann "ist bekannt für genaue und einfühlsame Frauenporträts", so das Badische Staatstheater. Auf Mimi ruht die Konzentration der neuen Karlsruher Inszenierung. Und zwar nur auf Mimi, alle anderen Bühnenfiguren sind nur Beiwerk, gewinnen keine Konturen und hampeln teilweise herum, als ob sie unwichtige Hintergrundfiguren sind, für die man sich keine Gedanken machen muß.
Mimi ist die Außenseiterin: sie gehört bekanntlich nicht selber zur Bohème und ist unheilbar an Tuberkulose erkrankt. Die Regisseurin greift zu einem bekannten und inzwischen etwas abgeschmackten Vorgehen, um diesen Fokus zu erreichen: sie lässt Mimi auf der Bühne doppelt erscheinen: die Sängerin wird durch eine Schauspielerin ergänzt: Dazu die Regisseurin: "Mit der Doppelung – die Sängerin auf der einen, die Schauspielerin auf der anderen Seite – können wir zwischen einer realen und einer Traumebene wechseln und unterstreichen die traumhaft-romantischen Momente der Opernhandlung. Die Schauspielerin Jana Schulz zeigt uns eine realistische Mimì, die die Handlung rahmt und gleichzeitig auch motiviert. ... Bei der Sängerin ist es der zarte, liebliche bis leidenschaftliche Gesang gepaart mit einer eher entrückten Spielweise und bei der Schauspielerin ein körperlich-hingebungsvolles und offenherziges Spiel." Leider mißlingt dieser Ansatz und verzerrt die ganze Oper, denn Sängerin und Schauspielerin sind zwar meistens als Zwillinge gleichzeitig auf der Bühne, doch dabei dominiert die 'die Handlung motivierende' Schauspielerin: sie interagiert oft mit den Sängern und zieht die Konzentration auf sich, während die Sängerin abseits steht und singt. Eine Intensivierung des Bühnengeschehens erreicht man dabei nicht, ganz im Gegenteil. Die naturalistisch leidende und verstörte Mimi stört meistens einfach nur.
Zu Beginn des vierten Akts kippte dann gestern die Stimmung beim Publikum durch einen bedauerlichen Fehlgriff der Regie: Die Schauspielerin beginnt zu sprechen, und zwar einen viel zu langen und nichtssagenden Monolog, mit dem man Mimis Verzweiflung deutlich machen wollte und doch nur nervte. Spätestens wenn die Schauspielerin dem Publikum anbietet, ihre Brüste zu zeigen, erreicht man einen Grad von unfreiwilliger Komik, der die Regie peinlich bloßstellt. "Nein!" antworteten mehrere Zuschauer laut vernehmlich auf das Angebot und eine Welle der Qual und des Kopfschüttelns über so viel dramaturgische Unbeholfenheit durchströmte spürbar das Haus. Man möchte sich gar nicht vorstellen, was passieren könnte, wenn amüsierte Zuschauer künftiger Vorstellungen Ja! und Ausziehen! rufen. Der Text des Monologs reicht also nicht aus, um zu fesseln oder das Gefühl einer sinnvollen Ergänzung zu erreichen - er wirkte als Störfaktor. Die etwas zu simplen und sterilen Hauptideen und ratlosen Bühnenumsetzungen der Regisseurin können nicht überzeugen und bleiben ohne positive Wirkung.

Was ist zu beachten?
La Bohème ist die Oper des romantisierten und verklärten Elends. Episoden aus dem Gefühlsleben - man lebt, lacht, liebt und leidet, man friert, hungert und stirbt. Ist das Leben in der Bohème selbstgewählt oder aufgezwungen? Ist es mehr individuelle Wahl oder Notlage? Für den Autor Henri Murger (*1822 †1861) waren die Bohèmiens ihre eigenen Gefangenen: zum Künstler berufen leben sie ohne Glück und sterben ohne Ruhm. Sie wollen nichts anderes als dieses Leben und künstlerische Anerkennung und erreichen ihre Ziele doch nicht. Lieber gehen sie zugrunde als einen Brotberuf zu wählen. Kiez oder Ghetto? Jedes Inszenierungsteam steht vor dieser Entscheidung. Manche Regisseure haben die Bohème im Drogen- oder Außenseiter-Umfeld angesiedelt, also einer Bühnenausstattung, die im harten Kontrast zur Musik steht. In Karlsruhe hat man dies glücklicherweise nur halbherzig getan: Drei Damen vom Straßenstrich und ein Obdachloser geben ein unscharfes Bild. Die Sänger der Bohème bleiben hingegen überwiegend undefiniert und blaß. Nur Colline hat als psychisch auffällige Person mit Bindung an seinen Teddybären etwas eigenes, Alcindoro und Benoît bekommen durch Kostüme einen Typ. Rudolfo, Marcello und Mustetta sind hingegen leblose Avatare.

Was ist zu sehen (2)?
oder

Zwischen Fiebertraum und Persönlichkeitsspaltung
Viele ungewöhnliche Entscheidungen trifft sie Regisseurin. So spielt die Oper nicht in Paris, sondern in New York, genauer gesagt alle vier Akte spielen am Angel of the Waters-Brunnen im Central Park. Es gibt also keine Mansarde, kein Café Momus, keine Barrière d'enfer, sondern ein Einheitsbühnenbild, in dem sich Mimi Liebe und Liebesleid erträumt. Die Regisseurin erklärt: "Der berühmte Brunnen im Central Park mit der wunderbaren Engelsstatue, den man aus vielen Hollywood-Filmen kennt, stellt einen Ort der Zuflucht und der Begegnung dar, an dem Mimì neue Menschen kennen lernt, an dem sie sich in Rodolfo verliebt, aus dem Wasser sprudelt, welches wieder versiegt, und wo Mimì letztlich stirbt." Wer vorab die spannenden Fotos sah (aktuell kann man sich hier auf den Seiten des Badischen Staatstheaters einen Eindruck verschaffen), bekam mehr versprochen als die Bühne hält, denn nicht alle Stimmungen der Bohème werden überzeugend vermittelt. Dennoch gehört das Bühnenbild von Ben Baur zur Habenseite dieser Inszenierung.

Mimi ist also verdoppelt: die todkranke und wohnungslose Mimi (sie lebt im Auto) der Schauspielerin sucht Anschluß und phantasiert bzw. erträumt sich die Beziehung zu Rudolfo herbei, nachdem sie ihn um eine Zigarette angeschnorrt hat. Dazu die Regisseurin: "Die Liebesbeziehung zu Rodolfo wird zu einem Sehnsuchtstraum, der durch Mimìs existenzielle Not, ihre Armut und Krankheit, begründet ist. Deswegen zeige ich das gesamte 2. Bild als eine surreal gefärbte und wunderschöne Welt voller Liebespaare, in der Mimì trotz ihrer tödlichen Krankheit unbeschwert und fröhlich ist." Der zweite Akt  ist fast schon plakativ als Klischee inszeniert, der Kinderchor hat einen schönen Auftritt. Der dritte Akt zeigt den nächtlichen Brunnen bei Schneefall und belanglose Videoeinspielungen mit schnellen Schnitten, der reizlose vierte Akt bleibt atmosphärisch hinter der ersten drei zurück und zieht sich wie Kaugummi in die Länge.

Die einzige Pause ist übrigens nicht nach dem zweiten Akt, also nach Ende des ersten Abends, sondern nach dem dritten, da die Regisseurin den Kontrast der beiden zentralen Akte direkt aufeinander prallen lassen wollte. So geht der erste Teil ca. 80 Minuten bis zur Pause, der zweite Teil (4.Akt) gerade noch knapp 30 Minuten (davon über 5 Minuten Monolg). Eine weitere unglückliche Entscheidung ohne Wirkung.

Was ist zu hören?
Für die Regie gab es feindselige Buhs, aber das intelligente Karlsruher Publikum weiß zu differenzieren und machte zum wiederholten Male den Tenor Andrea Shin zum Star des Abends. Für seinen schön und souverän gesungenen Rudolfo bekam er unzählige Bravos. Es gab lange nicht mehr so viel Begeisterung für einen Sänger vom Karlsruher Premierenpublikum! Überhaupt war es der Abend der Koreaner, denn auch Seung-Gi Jung als Marcello beeindruckte durch Kraft und Klarheit. Um Shin und Jung kann man ein Repertoire bauen - ihnen sollte in Karlsruhe die Zukunft gehören.

Man entschied sich gestern nicht, die Rollen nur mit jungen Sängern zu besetzen, sondern setzte bei der Premiere auf Sicherheit. Drei Sänger waren schon in der letzten Karlsruhe Bohème dabei. Die wunderbare Barbara Dobrzanska hat als Mimi schon vor wenigen Jahren überzeugt. Ihr Rollenportrait wurde gestern doppelt beeinträchtigt. Die Regie legt den Fokus auf die Schauspielerin und Dobrzanska sang zwar wie gewohnt sicher, aber auch ein wenig zu verhalten, als ob die von der Regie auferlegte Zurückhaltung auch sängerisch galt. Auch Ina Schlingensiepen war schon zuvor als Musetta in Karlsruhe bekannt und litt gestern darunter, daß die Regie sie nur als Nebenfigur am Rande definiert- sie überzeugte mit einer makellosen Arie im zweiten Akt. Konstantin Gorny litt hingegen unter einer Erkältung und mußte im vierten Akt aufgeben, Gorny spielte auf der Bühne, seine Mantelarie sang der kurzfristig ins Staatstheater geeilte Avtandil Kaspeli überzeugend sicher und schön von der Seite.
Johannes Willig dirigierte zu Beginn etwas verhuscht und übereilt, fing sich dann aber und zeigte einen symphonischen Zugriff auf die Partitur, bei der er immer wieder das Orchester klangstark ausmusizieren ließ und dabei gelegentlich die Sänger übertönte oder durch seine Tempowahl forderte.

Fazit: So makaber es klingt - es hätte schlimmer kommen können. Gerade mit La Bohème rächen sich viele Opernhäuser an ihren Zuschauer, indem sie die Poesie der Musik durch Häßlichkeiten entwerten. Der Karlsruher Versuch ist hingegen legitim, aber einfach zu schwach durchdacht und unbeholfen in Szene gesetzt. Das massive Buh-Konzert der Premiere könnte einer mittelmäßigen Temperierung bei den weiteren Aufführungen folgen und durch die musikalischen Qualitäten wird diese Bohème sich vielleicht doch besser etablieren als gedacht.

PS: Manche Neuinszenierung kommt nach 27 Jahren einfach zu früh
Diese Neuinszenierung von Puccinis La Bohème hätte es eigentlich gar nicht geben dürfen. Die letzte Inszenierung von Giancarlo del Monaco (sie lief in Karlsruhe von 1987 bis 2007) war im besten Sinne ein zeitloser und beliebter Klassiker - eine Inszenierung, die sich nie in den Vordergrund drängte und Stimmungen und Hintergründe atmosphärisch ideal ergänzte. Daß sie aus dem Repertoire und Fundus geschmissen wurde, erschließt sich nicht auf Anhieb, wobei man bei den letzten Vorstellungen aber nicht umhin kam zu bemerken, daß das Bühnenbild nach 20 Jahren zwischen Lager und Oper deutlich gelitten hatte - eine restaurierte Wiederaufnahme dieses Dauerbrenners wäre nur logisch gewesen. Den Zauber und die Intensität der 87-Bohème erreicht der aktuelle Versuch nicht: weder den Humor und die Ausgelassenheit, noch die Verliebtheit und das Erleben des Augenblicks und auch nicht die Traurigkeit und Verzweiflung von del Monacos unvergesslicher Inszenierung.

Team und Besetzung:
Mimi: Kammersängerin Barbara Dobrzanska
Musetta: Ina Schlingensiepen
Rodolfo: Andrea Shin
Marcello: Seung-Gi Jung
Schaunard: Andrew Finden
Colline: Kammersänger Konstantin Gorny /Avtandil Kaspeli (4.Akt)
Parpignol: Max Friedrich Schäffer
Monsieur Benoît: Edward Gauntt
Alcindoro: Yang Xu 
Ein Zöllner: Marcelo Angulo
Sergeant bei der Zollwache: Andrey Netzner
Mimi-Double: Jana Schulz

Regie: Anna Bergmann
Bühne: Ben Baur
Kostüme: Claudia González Espíndola
Choreografie: Krystyna Obermaier
Video: Sebastian Pircher

Musikalische Leitung: Johannes Willig
Chorleitung: Ulrich Wagner
Einstudierung Kinderchor: Anette Schneider
Kinderchor: Cantus Juvenum Karlsruhe e. V.