Mittwoch, 20. August 2014

Rückblick (4): Zuschauerzahlen 2013/14

Die aufmerksamen Stammzuschauer des Badischen Staatstheaters waren von den Besucherzahlen der Spielzeit 2013/14 überrascht und irritiert. Und tatsächlich scheint es diskutabel, wie seriös sich das Badische Staatstheater mit seinen Zahlen präsentiert.

Im Vorwort zum Magazin Nr. 12 schreibt Peter Spuhler: "Zum Ende der vergangenen Spielzeit konnten wir uns erneut über gestiegene Besucherzahlen freuen (335.000)."

Bei den langjährigen Besuchern des Badischen Staatstheaters wurde die Freude wahrscheinlich schnell durch Skepsis überlagert. Und tatsächlich: Besucherzahlen sind keine Zuschauerzahlen. In Karlsruhe hat man in der Spielzeit 2013/14 ca. 305.000 Eintrittskarten für Vorstellungen des Badischen Staatstheaters abgesetzt.

Wie kommt die Fehldifferenz von ca. 30.000 Besuchern zustande?
Einerseits sind das Abonnenten und Zuschauer anderer Theater, die Gastspiele des Badischen Staatstheaters in anderen Städten besucht haben, auch die thailändischen Besucher, die das Gastspiel des Badischen Staatsballetts in Bangkok sahen oder den Tannhäuser in Korea. Dazu kommen all die Besucher, die ohne Eintrittskarte bei kostenlosen Veranstaltungen, Begleitprogrammen und Führungen zugegen waren. In den offiziellen Statistiken und Jahrbüchern zählt das meines Wissens nicht: dort wird man die oben genannte niedrigere Zahl finden.

Zahlen im Überblick
305.000 Eintrittskarten für Vorstellungen des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe und dennoch ist die Auslastung auf ca. 80% gesunken (2012/13: 85%, ca. 300.00 Eintrittskarten / 2011/12: 81%, ca. 275.500 Eintrittskarten / 2010/11: 84%, ca. 277.000 Eintrittskarten)
Der Grund für die gesunkene Auslastung liegt darin, daß die Anzahl der Vorstellungen massiv gestiegen ist. Gab es 2011/12 noch 786, waren es 2012/13 bereits 883 und in der letzten Saison 985 Aufführungen. (Zum Vergleich: 1989/1990: 554 Vorstellungen mit ca. 365.000 Zuschauer und 90% Auslastung.) Es gibt also so viele Vorstellungen wie noch nie, der Besucherzuwachs ist quantitativ erzeugt.

Im Kritik-Kreuzfeuer
Wieso diese seltsame und mit früheren Jahren nicht vergleichbare "Besucherzahl"? Ist das nur Public Relations? Die Zahl wird aber nur von wenigen wahrgenommen und selten hinterfragt. Die Karlsruher Intendanz fühlt sich anscheinend nicht fest im Sattel sitzend. Man könnte den Eindruck haben, als ob es sich um eine geschönte Gesamtzahl handelt, die der Intendanz etwas Luft und Zustimmung verschaffen soll. Peter Spuhler hat noch einen Vertrag für die nächsten sieben Jahre, um die Sanierung und den Neubau zu erledigen. Doch mit einer anderen Baustelle scheint es mehr Mühe zu geben: die Hebung der künstlerische Leistungsfähigkeit in Schauspiel und Oper sollte endlich stärkere Aufmerksamkeit bekommen und Resultate zeigen. Es fehlt an Souveränität in beiden Sparten.

Fazit: Das Badische Staatstheater gibt ein gutes Beispiel, wie aussageschwach Statistiken sein können. Belastbare und aussagefähige Zahlen sind in Karlsruhe nicht transparent. Was quantitativ positiv erscheinen mag, kaschiert aktuell nur die Probleme und qualitativen Defizite am Haus.

Freitag, 25. Juli 2014

Rückblick (3) - Die Spielzeit 2013/14 des Badischen Staatstheaters

Die Kunst ist, das Gesamtpaket zu schnüren
Das Badische Staatstheater ist auch drei Jahre nach dem Intendanzwechsel noch nicht auf dem angemessenen Leistungsniveau angekommen und vor allem künstlerisch hat die Intendanz Spuhler weiterhin ihre Defizite. Doch am Ende einer langen Spielzeit soll etwas anderes zu Beginn stehen:

Viel Lob für Ballett, Orchester, Chor und Einzelkünstler

Wieder einmal glänzte das Karlsruher Ballett und der Höhepunkt war Reginald Oliveiras spannende Choreographie in der Mythos-Trilogie. Viele Opernsänger und einige Schauspieler konnten Ausrufezeichen setzen, die Händel Festspiele waren im besten und schönsten Sinne Festspiele. Viele leisten Abend für Abend Besonderes und folgende möchte ich hervorheben:

And the Oscar goes to......
  • Bruna  Andrade und Flavio Salamanka in Reginaldo Oliveriras Der Fall M. des Mythos Ballettabends!
  • Armin Kolarczyk als Oppenheimer in Dr. Atomic und Beckmesser in den Meistersingern - für mich der Sänger der Spielzeit!
  • großartige Sänger im Maskenball: Ewa Wolak und Barbara Dobrzanska sowie Andrea Shin und Seung-Gi Jung boten hochspannende Aufführungen!
  • Franco Fagioli für sein Solo-Konzert und seinen Auftritt im unvergesslichen Riccardo Primo!
  • Lisa Schlegel als unersetzbare und unvergleichliche Darstellerin in Richtfest und Benefiz!
  • Gunnar Schmidt schuf für mich mit seiner großartigen Interpretation des Soziologieprofessors Ludger in Richtfest die Figur der Saison - komisch mit jeder Faser. Bravo!
  • Chor und Orchester, die konstant ihr Potential abrufen!
  • den Kartenvorverkauf, der mir seit Jahr und Tag kompetent hilft, meine vielen Eintrittskarten zu bekommen!
 
Publikumsliebling Ballett   

Der tänzerischen und körperlichen Leistungsfähigkeit des Karlsruher Staatsballetts kann man nur höchsten Respekt zollen. Und tatsächlich hat man die Besucherzahlen um sensationelle 9% gesteigert. Das Ballett Birgit Keils ist die Vorzeigesparte bei der das Gesamtpaket aus Qualität, Anspruch und Umsetzung stimmt.

Oper im Abseits

Die Besucherzahlen der Oper stagnieren (trotz oder wegen der Programmgestaltung, je nach Standpunkt) in den letzten drei Jahren auf niedrigem Niveau. Zum Glück hat man immer noch ein sehr treues Publikum in Karlsruhe. Wenn es nur nach Zahlen gehen würde, müsste man zwar nicht den (jetzt kommenden) Abgang der Opernleitung fordern, aber ein Überdenken der bisherigen Planungsweise erscheint notwendig. Für Opern-Liebhaber war es in den letzten drei Jahren ein Programm, das viel Neues und Ungehörtes nach Karlsruhe brachte, aber zu selten restlos begeisterte: programmatisch oft zu ernst und zu sperrig, mit teilweise wenig variablen Monatsprogrammen und zu wenig Fokus auf die Sänger. Man kann gespannt sein, welche Änderungen der neue Operndirektor vornehmen wird und welche Sänger er austauscht bzw. holt.

In der Oper gab es in der abgelaufenen Spielzeit die ganze Bandbreite an Erlebnissen. Das Jahr bot einen stabil inszenierten Maskenball, die Fledermaus war hingegen nur ein Hörerlebnis, das visuell keine mehrfachen Besuche lohnte. Dr. Atomic lag zwischen Hochspannung / Begeisterung (1.Akt) und Langeweile (2.Akt). Die Händel Festspiele waren das Highlight der Spielzeit mit einer fast perfekten Zusammenstellung und einem Riccardo Primo, der überregional viel für das Badische Staatstheater erreichte. Wagners Meistersinger erwiesen sich als grandios und sehr speziell: umstritten, spannend und selbstbezüglich. Der Doppelabend Ravel/Strawinsky zeigte Ordentliches. Gerade erst erfolgte mit Boris Godunow die letzte, wieder nur musikalisch überzeugende Premiere.

Die kommende Spielzeit liegt noch überwiegend in der Verantwortung von Schaback/Feuchtner. Folgende Programmlinien lassen sich über die vergangen drei Jahre und die kommende Spielzeit identifizieren:
  • Wagner: Lohengrin - Tannhäuser - Meistersinger -> Parsifal
  • Französische Oper: Berlioz - Spontini - Ravel/Strawinsky  -> Gluck
  • Oper des 20. Jahrhunderts: Delius - Britten - Ravel/Strawinsky -> Krása
  • Politische Oper: Wallenberg - Die Passagierin - Dr. Atomic -> Fantasio
  • Operette: Offenbach - Künneke - Strauss -> Offenbach
  • Verdi: Rigoletto -  / - Maskenball -> Falstaff
  • Händel Festspiele: Alessandro - Triumph of ... - Riccardo I. ->Teseo
Der neue Operndirektor Michael Fichtenholz hat bereits angekündigt, daß Wagner-Opern und zeitgenössische Werke weiterhin einen Programmbestandteil ausmachen sollen. Aber wen überrascht das? Die langjährigen Stammzuschauer kennen die Erfolgsformel und Hausgötter: Händel - Mozart - Wagner - R. Strauss, dazu ausgewogen Modernes, Italienisches und Französisches, Bekanntes und Ausgrabungen. Die Kunst ist, das Gesamtpaket zu schnüren.

Konzertprogramm mit Handschrift
Auch bei den Konzerten hat sich in den letzten Jahren einiges getan und vor allem wurde hier bisher der Mut belohnt, weniger Bekanntes und Neues zu spielen. Die Zuschauerzahlen sind auf hohem Niveau fast konstant. Vorbildlich und spannend auch in der kommenden Konzertsaison, auf die man sich freuen kann. Bravo!

Weniger Lob
Zur vermeintlichen Halbzeit der damals noch nicht verlängerten Intendanz hatte ich einige Kritikpunkte (die sich hier befinden). Vielleicht lege ich heutzutage einfach den falschen Maßstab an, wenn ich vom Badischen Staatstheater erwarte, mich zum Nachdenken zu bringen, mich zu inspirieren, zu begeistern oder zu verblüffen, um mich Jahre später noch an besondere Momente, Aufführungen und Inszenierungen lebhaft erinnern zu können. Intendanz (mehr hier im ersten Teil des Rückblicks) und Schauspiel (mehr auch hier in Teil 2) bewegen sich bisher nicht auf der Höhe meiner Erwartungen, dem Gesamtpaket mangelt es (noch) an Substanz.

Besucherzahlen steigen um 3%!
Bei den Gesamtbesucherzahlen (ca 310.000) kann man sich glücklicherweise dennoch weiter stabilisieren. Das Ballett ist weiterhin mit 90% Auslastung Spitzenreiter (ca 52.500 Zuschauer) und hat den größten Zuwachs. Quasi stagnierende Besucherzahlen haben 2013/14 Oper (ca 104.500 Besucher ), Konzert (ca 36.000) und das Kindertheater (ca 33.000). Auch im Schauspiel (ca 85.000) legte man trotz weiterhin bestehender Defizite zu, doch hier hat man am stärksten aus seinen Fehlern gelernt. Das Karlsruher Schauspiel ist allerdings auch das beste Beispiel, daß gute Zahlen kein Beleg für gute Qualität sind.
Es heißt zu Recht, man solle nur der Statistik glauben, die man selber erstellt hat. Leider agiert man am Badischen Staatstheater immer noch nicht transparent: komplette und belastbare Statistiken werden (noch) nicht veröffentlicht. Anscheinend konnte sich das Schauspiel durch die konsequenten Besuche von Schulklassen in den letzten beiden Jahren deutlich nach oben bewegen. Auch die Anzahl der Aufführungen hat man wahrscheinlich gesteigert und die bisherigen Mißerfolge wurden schneller aus dem Spielplan genommen. Interessant wäre in allen Sparten eine Aufgliederung der Besucherzahlen nach Vollpreis/Ermäßigungen/Stehplätzen, Abo/freier Verkauf, Anzahl der Aufführungen und Auslastung.

FAZIT: Das Ballett ist weiterhin die Lieblingssparte der Karlsruher, der Oper fehlen die Zuschauer, die es aufgrund seiner Bedeutung und Leistungsfähigkeit benötigt, während das Schauspiel vordergründig gut dasteht, obwohl es sich immer wieder hilf- und ratlos präsentierte und es an guten Hauptrollenschauspielern mangelt. Die Bemühungen und Anstrengungen um Normalisierung sind vorhanden, aber es mangelt der Intendanz bisher (noch) an künstlerischem Format.
Im Hinblick auf die notwendigen Veränderungen am Badischen Staatstheater kann man nur hoffen, daß Öffentlichkeit und Presse sich nicht mit oberflächlichen Analysen und vordergründigen Wertigkeiten abspeisen lassen. Erfolg ist Nachhaltigkeit ist Qualität. An einigen Stellen hat man in den letzten drei Jahren Strohfeuer entzündet, an deren Nachhaltigkeit man Zweifel haben muß.

In eigener Sache:

HERZLICHEN DANK für Ihr Interesse und Ihre Kommentare. Über 85.000 Seitenaufrufe in der abgelaufenen Spielzeit und überregionale Leser, die das Badische Staatstheater mit seinen Stärken und Schwächen, seinen Künstlern und treuem Publikum verstärkt wahrnehmen, sind weiterhin eine Verpflichtung dieses Tagebuch öffentlich zu halten.


ÜBERSICHT:
Oper:

Adams - Dr. Atomic
Britten - Peter Grimes
Händel - Riccardo Primo
Händel - Rinaldo
Mussorgsky - Boris Godunow
Ravel - Das Kind und die Zauberdinge
Strauß - Die Fledermaus
Strawinsky - Die Nachtigall
Verdi - Ein Maskenball
Wagner - Der fliegende Holländer
Wagner - Die Meistersinger von Nürnberg
Weinberg - Die Passagierin

Ballett:
Ballett-Gala
Mythos
Sissi (Gastspiel des Balletts Hannover)
Tschaikowsky - Dornröschen
Tschaikowsky - Nußknacker

Schauspiel:
Hübner/Nemitz - Richtfest 
Kaiser - Gas I/II
Lausund - Benefiz
Schiller - Kabale und Liebe
Schnitzler - Der einsame Weg
Shakespeare - Ein Sommernachtstraum
Williams - Endstation Sehnsucht

    
Konzerte:
8 Symphoniekonzerte
Franco Fagioli - Arien für Caffarelli

Diverses:
Händel Festspiele 2014
Theaterfest 2013


PS: Nur zum privaten Gebrauch / persönliche Statistik für die Spielzeit 2013/2014:
19 Opernbesuche / 11 Produktionen
9 Konzertbesuche / 9 Konzerte
8 Schauspielbesuche / 7 Produktionen
5 Ballettbesuche / 5 Produktionen
Theaterfest
Fazit: 42 Abende im Badischen Staatstheater. Es gab halt schon schönere Jahre: spannender, inspirierender, künstlerisch erfüllter ....

Donnerstag, 24. Juli 2014

Mussorgsky - Boris Godunow, 23.07.2014

Die Premiere (mehr dazu hier) kam beim Publikum gut an. Allerdings ist diese Zustimmung nur musikalisch berechtigt, denn gegen die Inszenierung kann man Vorbehalte anmelden.

Kein Haifischbecken, keine Unterprivilegierten
Man konnte mehr erwarten, vor allem nachdem Regisseur Hermann im Karlsruher Theatermagazin Nr. 11 ambitionierte Pläne hatte:

"Das Geniale bei Mussorgsky scheint mir, daß er die persönliche Situation von Boris unmittelbar mit einer politischen verbindet. Wir erleben diesen schwachen Zaren inmitten eines politischen Haifischbeckens und wissen nicht, ob wir ihn lieben oder hassen sollen. Genau diese Ambivalenz macht das Werk so faszinierend, die Sympathien des Publikums für einen vermeidlichen Mörder zu erwecken – ist er Opfer oder Täter? Und das unterdrückte russische Volk? Ich glaube schon, daß man versuchen muß, die Verlorenheit der weltweit Unterprivilegierten unserer Zeit darzustellen. Es scheint mir, als gebe es etwas wie eine Art internationale Armut, ein schwieriger Begriff; mal sehen, ob man das deutlich auf die Bühne bringen kann."

Für den Chor fand der Regisseur keine zufriedenstellenden Antworten. Das unterdrückte russische Volk hat hier keine Bedeutung und der Chor ist darstellerisch unterfordert. Auch das politische Haifischbecken ist eher ein Kleinfisch-Aquarium. Schuiski gewinnt nur durch die Darstellungskraft Matthias Wohlbrechts Profil, ansonsten verleiht ihm die Regie keine Haifischzähne. Auch Dimitri wird im Ur-Boris nicht zum Gegenspieler.

Der Feind ist die eigene Frage als Gestalt
Was bleibt? Die Karlsruher Inszenierung stellt die Titelfigur in den Mittelpunkt eines zu konturenlosen Umfelds. Anderes ist besser getroffen: verängstigte Kinder, dominante Amme und eine offene Gewaltbereitschaft Godunows zu Beginn. Mussorgsky zeigt Boris bereits mit seiner Auftrittsarie als unsicher und zweifelnd. Deshalb hatte die Regie den guten Einfall, die Rolle des Polizisten auch vom Darsteller des Boris singen zu lassen. Es heißt, der Feind ist die eigene Frage als Gestalt. Boris Godunow ist dieser Frage nicht gewachsen: seine Sorge um Legitimation und Machterhalt, um das Erbe und die Sicherheit seiner Kinder, um die Wohlfahrt der Bevölkerung, die von Hungersnöten geplagt werden - Boris muß sich von unlösbaren Fragen und damit teilweise unangreifbaren Feinden umzingelt fühlen und zerbricht daran. Die psychische Zerrüttung deutet an, daß Boris Godunow nicht hemmungs- und gewissenlos seine Pläne verfolgte. Godunow ist ein Herrscher mit Skrupeln und Gewissen. Sein Versuch ein guter Zar zu sein scheitert an den Umständen und Zeitläufen. Auch das hätte die Regie tragischer darlegen sollen. Der Regisseur wollte die Unentschiedenheit betonen, seine Regie spricht aber mehr über die eigene Unentschlossenheit des Ausdrucks.

Auf der Habenseite: Gorny, Kaspeli, Wohlbrecht, Shin und Weinschenk - die zentralen Figuren sind bestens durch hauseigene Sänger besetzt

Wer ihn nur in anderer Version kennt, muß sich an den unrunden Ur-Boris erst gewöhnen.  Schade, daß die Regie nicht stärker formt. So wirkt der Ur-Boris in seiner Gesamtarchitektur doch ein wenig holprig. Spätere Fassungen scheinen fürs Publikum attraktiver zu sein. Dennoch lohnt der Besuch zum Kennenlernen, denn musiziert und gesungen wird hörenswert.

Sonntag, 20. Juli 2014

Mussorgsky - Boris Godunow, 19.07.2014

Boris Godunow -ein zentrales Meisterwerk der russischen Oper- bekam gestern viel Applaus nach einer erfolgreichen und guten Premiere im Badischen Staatstheater. Leider blieb die Inszenierung zu konturenlos, viele Fragen bleiben nicht nur offen, sie werden gar nicht erst gestellt.

Geschichtlicher Hintergrund
Fast 40 Jahre lang hatte Iwan der Schreckliche (†1584) Rußland geknechtet, ihm folgte Iwans schwachsinniger Sohn Fjodor, für den Boris Godunow bis zu seinem Tod die Geschäfte führte, bevor er selber für sieben Jahre als Zar folgte, aber erst nachdem auch Iwans jüngster Sohn Dimitri im Alter von 8 Jahren tot mit einer Wunde am Hals gefunden wurde. Ob es sich um einen Auftragsmord oder einen Zufall der Geschichte handelte, konnte nie geklärt werden. Boris Godunow hatte später den Ruf des Prinzenmörders und mußte sich aber zu Lebzeiten mit einem falschen Dimitri beschäftigen - einem Hochstapler, der Anspruch auf den Thron erhob und die Legitimität Godunows infrage stellte.
Es war eine "Zeit der Wirren" für Rußland: schwach und zerstritten, wirtschaftlich verarmt und verwüstet. Godunow stabilisierte das Land, förderte den Handel und doch blieb es aufgrund der unklaren Machtverhältnisse anfällig und unsicher. Godunow starb aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands im Jahr 1605 in unruhigen Zeiten. Der falsche Dimitri kam danach kurz auf den Thron und wurde ermordet. Erst 1613 stabilisierte sich Rußland mit dem ersten Zaren aus der Dynastie der Romanows.

Versionsfrage
Mussorgsky hinterließ eine Ur-Fassung, eine später überarbeite Original-Fassung (bei der ein Bild fehlte und drei neue hinzugefügt wurden) und noch einen Klavierauszug letzter Hand. Dazu kommen noch verschiedene Umarbeitungen, Mischfassung und Neuorchestrierungen von Rimsky-Korsakow und Schostakowitsch. Über Vor- und Nachteile zu diskutieren, ist müßig. In Karlsruhe entschloss man sich für die erste Fassung, den Ur-Boris von 1869 in Mussorgskys eigener Instrumentierung, denn laut Regisseur  David Hermann: "Die Urfassung kommt den ursprünglichen Absichten des Komponisten am nächsten. Die späteren Fassungen haben auch ihre Meriten, aber sie kamen doch zu erheblichen Teilen durch Anregungen von Außen zustande".

Worum geht es? Oder in diesem Fall besser: Worum geht es nicht?
Der scheidende Chefdramaturg Dr. Bernd Feuchtner hat erneut ein hochinformatives Programmheft zusammengestellt. (Im Internet findet es sich zur Zeit hier als pdf).
Der Regisseur Hermann gibt die Idee vor: "Wie komme ich an die Macht und was macht sie dann mit mir – damit setzt Boris Godunow sich auseinander. Es gibt starke Parallelen zwischen dieser Oper und Macbeth. Beide Hauptfiguren sind innerlich beschädigt durch einen Mord und gehen an dieser Schuldfrage letztlich kaputt." Diese Vorgabe ist gut, bleibt aber leider zu blaß. Der Inszenierung fehlt der rote Faden: Der Ur-Boris erscheint handlungsarm und mit nur schwachen Zusammenhängen, Episodisches überwiegt. Die Urfassung endet nicht mit der sonst bekannten und üblichen Klage des Narren, sondern mit Godunows Tod.

Die Parallelen des damaligen Zars zum heutigen russischen Präsidenten und seiner Selbstinszenierung durch die Medien meidet der Regisseur und auch eine Wertung Godunows nimmt er nicht aktiv vor. Es bleibt für den Zuschauer eine offene Frage, ob der Mörder Godunow nur zum Wohle des Volkes handeln wollte oder ob er der starke Mann zu sein scheint, der sich zum Herrscher ernennen lässt, die Bojaren entmachtet und als Retter und Wohltäter gesehen werden will, bei dem das Beste für das Land wie so oft auch das Beste für die Herrschenden, ihre Macht und ihre Geldbörsen ist. Eine aktuelle Parabel der prä- und postdemokratischen "starken Männer" bringt Hermann nicht auf die Bühne. Godunows Zerrissenheit zwischen Zweifel und Machtanspruch bleibt diffus; im 5. Bild stellt ein langer Tisch mit Holzfiguren keine überzeugende Metapher dar.

Rimsky-Korsakow nannte die Oper nach seiner Umarbeitung ein „musikalisches Volksdrama“. Der Charakter der Erstfassung ist anders. Dazu der Regisseur: "In der Karlsruher Aufführung versuchen wir vor allem, möglichst nahe an die Psyche des Boris heran zu kommen. Der Chor bildet in der Urfassung nur den – wichtigen – Hintergrund des Geschehens. In unserer Aufführung wird er erst am Ende eine aktive Rolle einnehmen".  Bei der Urfassung des Boris geht es also weniger um russische Geschichtsbilder, um farbige Episoden oder anschauliche Milieustudien. Das wahre Drama ist auch nicht das das Leid der Bevölkerung während der Zeit der Wirren - kein Volksdrama, kein Drama der Ohnmacht, der Verführbarkeit, der Parteinahme, der Irrtümer und der Machtkämpfe, die auf dem Rücken des Volks ausgetragen werden. Auch im Schlußbild gewinnt der Chor in der neuen Karlsruher Inszenierung kein zusätzliches Format.

Was ist zu sehen?
Überwiegend schön bebilderte Szenen, atmosphärisch in passender Düsterheit mit Kostümen aus der Jetztzeit. Im 4. Bild, der Schänke an der litauischen Grenze, wechselt die Inszenierung vorübergehend ihre Form und wir seltsam skurril, ohne originell oder pointiert zu sein; wie ein Fremdkörper wirkt sie unpassend und zusammenhanglos.

Was ist zu hören?
Zwei Bässe bekamen gestern den meisten Applaus: Godunow ist eine Parade- und Wunsch-Rolle für Publikumsliebling Konstantin Gorny, der die Bühne mit seiner Ausstrahlung und Stimme beherrscht und mit seinen Monologen immer wieder für Spannung sorgt. Herausragend ergänzt wird Gorny durch Avtandil Kaspeli, der einen ganz starken Auftritt als Pimen hat und sich sichtbar über die vielen Bravos und den Jubel des Karlsruher Publikums freute. Mit Pimen hat Kaspeli in Karlsruhe seine erste Paraderolle gefunden. Bravo!
Und auch die Tenöre überzeugten: Otrepjew wird stimmschön von Andrea Shin gesungen, der zwielichtige Schujski wird von Matthias Wohlbrecht zur profilierten Figur und Hans-Jörg Weinschenk ist zwar offiziell im Ruhestand, aber das merkte man ihm gestern in der Rolle des Narrs nicht an. Überhaupt verdienten sich alle Sänger und Musiker ein Bravo! für eine tadellose Leistung. Ein großes Lob geht erneut an den Badischen Staatsopernchor und Extrachor, der von Ulrich Wagner und Stefan Neubert perfekt vorbereitet erschien, und den Kinderchor des Cantus Juvenum, der wieder einen schönen kleinen Auftritt hat.
Entgegen der ursprünglichen Ankündigung dirigiert nicht Justin Brown, sondern Johannes Willig die Neuinszenierung mit sicherer Hand.

Fazit: Musikalisch hochwertig und überzeugend, inszenatorisch ist man überwiegend unauffällig. Man kann nicht beeindrucken und schon gar nicht begeistern. Der ganzen Inszenierung fehlt etwas: sie gewinnt szenisch zu wenig hinzu und bleibt seltsam unentschlossen in der Aussage. Dieser Ur-Boris setzt sich gegen spätere Fassungen der Oper nicht durch.

PS: Kurzer Blick zurück - Intendant Günter Könemann inszenierte eigenhändig den letzten Karlsruher Boris Godunow in der Spielzeit 1988/89 als Koproduktion mit der Straßburger Opera du Rhin. Damals wurde Rimsky-Korsakows Bearbeitung gespielt und in Deutsch gesungen. Hans-Jörg Weinschenk war schon damals mit dabei (und zwar als Missail; Edward Gauntt als Schtschelkalow). Ansonsten waren u.a. folgende Premieren-Besetzungen zu hören: Gabor Andrasy (Boris Godunow), Frode Olsen (Pimen), Ingrid Lehmann-Bartz (Fjodor), Nemi Rouilly-Bertagni (Xenia), Mario Muraro (Otrepjew).
Bei der Neueinstudierung 1994 gab es Änderungen: im Rahmen einer Zusammenarbeit mit der Oper in Nowosibirsk wurde die von Schostakowitsch instrumentierte Version in russischer Sprache gespielt. Es sangen u.a.: Alexander Morosov (Boris Godunow), Simon Yang (Pimen), Clara O'Brien (Fjodor), Zsuzsanna Bazsinska (Xenia) sowie weitere Sänger aus Nowosibirsk.
Als 1992 Chowanschtschina als Gastspiel des Estonia Theater Tallinn in Karlsruhe gegeben wurde, war ebenfalls die von Schostakowitsch instrumentiere Fassung zu hören.

Besetzung & Team
Boris Godunow / Nikititsch: Konstantin Gorny    
Fjodor: Dilara Baştar
Wassili Iwanowitsch Schuiski: Matthias Wohlbrecht
Grigori Otrepjew: Andrea Shin
Missail: Max Friedrich Schäffer
Warlaam: Lucas Harbour
Pimen: Avtandil Kaspeli
Xenia: Larissa Wäspy
Xenias Amme: Rebecca Raffell
Wirtin: Stefanie Schaefer
Andrei Schtschelkalow: Gabriel Urrutia Benet
Narr: Hans-Jörg Weinschenk
Ein Leibbojar & Bojar Chrustschow: Nando Zickgraf
Mitjuch: Andreas Netzner
Polizist: Yang Xu

Musikalische Leitung: Johannes Willig
Regie: David Hermann
Bühne und Kostüme: Christof Hetzer
Chorleitung: Ulrich Wagner
Einstudierung Kinderchor: Anette Schneider

Freitag, 11. Juli 2014

Edith Haller als Elsa von Brabant in Bayreuth

Man muß immer wieder respektvoll anerkennen, was für eine starke Sänger-Auswahl der frühere stellvertretende Karlsruher Operndirektor Thomas Brux für das Ensemble des Badischen Staatstheaters getroffen hat:  bspw. Barbara Dobrzanska, Walter Donati, Armin Kolarczyk und Sabina Willeit. Lance Ryan und Edith Haller sind seitdem auch Stammgäste bei Bayreuther Aufführungen.

Edith Haller singt nun dieses Jahr für die sich im Mutterschutz befindende Annette Dasch die Elsa im Bayreuther Lohengrin von Hans Neuenfels (mehr zur Inszenierung hier). Klaus Florian Vogt singt den Lohengrin. Haller und Vogt traten bereits in Karlsruhe zusammen als Siegmund und Sieglinde in der Walküre auf. Thomas Brux hatte wirklich eine glückliche Hand bei seiner Arbeit für das Badische Staatstheater.

Mehr zu Edith Haller auch hier: https://www.bayreuther-festspiele.de/fsdb/personen/14376/index.htm
Und Lance Ryan: https://www.bayreuther-festspiele.de/fsdb/personen/14693/index.htm

Sonntag, 6. Juli 2014

Rückblick (2): Auf Langzeit-Diät. Das Karlsruher Schauspiel in der Spielzeit 2013/14

Was ist bloß mit dem Karlsruher Schauspiel los?
Gerade mal noch 11 Premieren im Schauspiel (einschließlich Projekt-Theaters, aber abzüglich Doku- und Volkstheaters) wird man in der kommenden Saison auf die Beine stellen, vor zwei Jahren waren es noch 15, Knut Weber brachte 2004/2005 sogar 18 einschließlich vier Downtown-Projekte. Dazu kommen nun nach drei Jahren viele Abgänge und Wechsel im Ensemble - von einem eingespielten Team ist man weit entfernt und es fehlen Hauptrollendarsteller.

Sinnkrise und Orientierungsprobleme
Das Schauspiel ist seit dem Intendanzwechsel die Problemzone des Badischen Staatstheaters. Die erste Spielzeit (mehr hier) hatte das Temperament eines abgestandenen kalten Kaffees, in der folgenden Saison (mehr hier und hier) wurden die Defizite noch deutlicher. Man mußte viel experimentieren und brachte keine überzeugende individuelle Linie auf die Karlsruher Bühne: zwischen Anspruch und Unterhaltungswert stimmte die Balance zu selten. In seinen besten Momenten konnte das Karlsruher Schauspiel in den letzten drei Jahren gerade noch Normalniveau erreichen, aber den Qualitätsverlust kann man nicht verbergen: inhaltlich und darstellerisch bleibt man defizitär und wirkte immer wieder hilf- und ratlos. Das Karlsruher Schauspiel ist in der Sinnkrise - es weiß nicht, warum und für wen es da ist und versucht sich verkrampft zu legitimieren. Das Programm hatte in dieser Spielzeit erneut programmatische Defizite durch seinen beengenden Zielgruppencharakter (mehr dazu hier im ersten Teil des Rückblicks)Einiges war nicht fürs Schauspielpublikum gemacht und sollte nur spezielle Gruppierungen ansprechen. Grundlegende Besserung zu 2012/13 konnte nicht erreicht werden.

Charisma-Leck
Nur noch wenige profilierte Schauspieler sind vorhanden: mit Lisa Schlegel, André Wagner und Gunnar Schmidt sind die wichtigsten Akteure nun bereits über 10 Jahre Säulen des Hauses. Viele der neuen Schauspieler, die in den letzten drei Jahren noch die besten Eindrücke hinterlassen haben, gehen zum Ende der Spielzeit. Man kann den Eindruck haben, es handele sich um eine Massenflucht. Timo Tank, Georg Krause und Robert Besta haben das Haus ebenfalls verlassen. Nach drei Jahren haben sich kaum neue Publikumslieblinge herauskristallisiert, gegen frühere Schauspieler wie die bereits genannten oder Tom Gerber, Stefan Viering, Jörg Seyer und Sebastian Kreutz hätte sich keiner durchsetzen können. Sympathische Ausnahmen gibt es, die auch schon früher das Ensemble sinnvoll und passend ergänzt hätten, aber an Charisma und Spielfreude konnte Jan Linders mit seinem Team nie an die frühere Leistungsfähigkeit anknüpfen.

Zwischen Spannung und viel Langeweile - die Spielzeit 2013/14
Bei den Darbietungen gab es Licht und Schatten: Endstation Sehnsucht war eine große Enttäuschung mit Ansage. Dazu ein akzeptabler Sommernachtstraum, der aber nie die Qualität der beliebten Inszenierung von 2006 erreichte, eine etwas zu spröde Ausgrabung mit Gas I+II, aber immerhin zwei hervorragend ausgesuchte Komödien (Richtfest und Benefiz) und ein originell gelungener Schiller (Kabale und Liebe), der nicht auf schulisches Zielpublikum reduziert war. Ansonsten wenig Bemerkenswertes. Erfolgreich ist man also inzwischen mit den Schüler-Theaterstücken, den Komödien, den Singspielen und auch das KSC-Stück scheint beim breiten Publikum gut angekommen zu sein. Also eine durchaus ordentliche Ausbeute, quantitativ hat man die Kurve anscheinend bekommen, qualitativ aber noch nicht. Gerade die letzten Monate waren öde und langweilig. Und nach drei Jahren hat man in der Summe auch zu wenig Besonders produziert; der graue Alltag des Mittelmaßes dominiert.
Was ich im ersten Teil des Rückblicks schrieb, gilt besonders in dieser Sparte. Zumindest kann man der Schauspieldirektion gutschreiben, daß sie einige der bisherigen Defizite anscheinend erkannt hat und daran arbeitet. Um eine frühere Formulierung zu wiederholen: Das Training-on-the-job scheint Lerneffekte generiert zu haben. Die nächsten Chancen, Karlsruhe als Schauspielstadt wieder aus dem Schattendasein zu heben, kommen in der nächsten Spielzeit. Vielleicht kann man die Entwicklung in Richtung qualitativer Normalität vorantreiben und man verlässt die Problemzone.

Am Ende der Abwärtsspirale? Neustart und "radikales" Schauspiel
Man schwärmt am Badischen Staatstheater von seinem "radikalen" Schauspielprogramm der kommenden Spielzeit 2014/15 - doch der Spielplan bietet nichts Radikales! (Was ist denn auch radikal? Radikal ist, wer das Gefühl für das richtige Maß verloren hat. Radikal ist, wer auf Biegen und Brechen unbedingt etwas ändern will, ohne Rücksicht auf Verluste). Dem Karlsruher Schauspiel mangelt es an Einfällen, an Zauber, an Ausdruck, an Spannung. Errungenschaften hat man nach drei Jahren fast nicht aufzuweisen. Hoffentlich gelingt es nächste Spielzeit, die Schauspieler wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen und den neuen Ensemble-Mitglieder die Chance zu geben, ihr Potential auf der Bühne auszureizen. Man benötigt in Karlsruhe endlich wieder stärkere Schauspieler und mehr besser ausgesuchte und umgesetzte Stücke.
   
Fazit: Es fehlt etwas! Genügsam ist man in den drei letzten Spielzeiten im Schauspiel des Badischen Staatstheater geworden. Man bleibt dort unter seinen Möglichkeiten. Virtuoses Schauspiel und Freude am Spiel, Phantasie und Enthusiasmus findet man als Schauspielbesucher zu selten, um das, was vom Sprechtheater übrig geblieben ist, pauschal zu loben. Besserungen waren zu Beginn dieser Spielzeit vorhanden.               
Doch nach der Spielzeit ist vor der Spielzeit. Ein durchaus interessanter, wenn auch stark reduzierter Spielplan für 2014/15, acht neue Schauspieler kommen ins Ensemble und innerhalb von drei Jahren hat mal alle Dramaturgen ausgetauscht. Vielleicht wird man die Chance auf den Neustart nutzen und beweisen, daß man es doch kann, auch wenn man nur magere elf Premieren auf die Beine/Bühne stellen wird.

Dienstag, 1. Juli 2014

8.Symphoniekonzert, 30.06.2014

Eine schöne Symphoniekonzertsaison geht zu Ende. Das letzte Konzert der Spielzeit stand im Zeichen der unterlaufenen Erwartungen. Große Namen mit eher weniger bekannten Werken standen im Mittelpunkt.
Zu Beginn allerdings Zeitgenössisches. Georg Friedrich Haas' (*1953) Bearbeitung aus dem Jahr 2003 der 9. Klaviersonate von Alexander Skrjabin. Haas nannte seine Instrumentierung Opus 68 und das Programmheft versprach nicht zu viel: "Was im Klavierklang versteckt lag, entfesselt er zu einem Kosmos an Farbigkeit." Tatsächlich ein Stück voller orchestraler Feinheiten, das beim Publikum gut ankam.

Boris Berezovsky ist ein Star der Klavierszene und von Statur, Technik und Spiel der richtige Pianist für die großen, ausdauerfordernden und schweren Klavierkonzerte. Brahms (den er letzte Spielzeit in Karlsruhe spielte) und Rachmaninow scheinen für ihn prädestiniert, besonders das 2. und 3. Klavierkonzert des Russen sind diesbezüglich beliebte Bravourstücke. Aber Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 4? Was hat es denn mit dem auf sich? Ein wenig Filmmusik, ein wenig Bravour, ein wenig Show, auch ein wenig Leere, aber das auf spielfreudig hohen Niveau - das konnte man erwarten. Doch es kam besser: Berezovsky und Brown legten oft ein hohes Tempo vor und musizierten ein rasantes und virtuoses Plädoyer für dieses Konzert, das zwar nicht die Dichte seiner Vorgänger hat, aber doch nur relativ schwächer ist und jenseits dieser Relation gestern das Publikum begeisterte. Als Zugabe gab es etwas Ungewöhnliches: Winterabend - ein Lied von Nikolai Medtner. Zusammen mit einer Sängerin wurde der Winterabend von Berezovsky eher untypisch präsentiert, denn Winterlandschaft und Dunkelheit waren nicht zu hören, sondern Wärme und Leidenschaft.

Dimitri Schostakowitsch hat große Symphonien geschrieben, einige davon waren lange nicht mehr in Karlsruhe zu hören (bspw. Nr. 4, 6, 7, 8 und die 5. kann man gerne öfters live erleben).  Nun wählte Justin Brown nach der spröden 14. im Jahr 2011 (mehr hier) die Symphonie Nr. 15. Späte und letzte Werke haben oft etwas Rätselhaftes, das man je nach Standpunkt als Vermächtnis, Botschaft oder einfach auch im Sinne nachlassender Kreativität eines gealterten Komponisten begreifen kann. Schostakowitschs 15. Symphonie zitiert Rossini und Wagner und benötigt eigentlich nur zwei Satzbezeichnungen (Adagio und Allegretto). Besonders die orchestral verdichteten Höhepunkte in den Adagios und die vielen solistischen Passagen für verschiedene Instrumente blieben gestern in Erinnerung und bildeten einen sehr guten Abschluß einer immer wieder positiv überraschenden Konzertsaison. So gab es am Ende viele Bravos für Justin Brown und die Badische Staatskapelle.
Und auch von der kommenden Saison kann man einiges erwarten. Brown hat diesbezüglich nachvollziehbar und richtig darauf hingewiesen: „Diese Konzertsaison ist die für mich schönste und inhaltlich überzeugendste meiner Zeit in Karlsruhe". 2014/15 wird spannend!

Montag, 16. Juni 2014

Rückblick (1): Standortbestimmung. Eine Kritik der Intendanz Spuhler

2011 mit Beginn dieses Besucher-Tagebuchs hätte ich nicht gedacht, daß ich mal eine Intendanz erlebe, die mir gerade zu Beginn so wenig Freude, Spaß, Spannung und Inspiration gibt. Wie fasst man Unbehagen in Worte? In der Übertreibung liegt die Anschauung! Das Folgende ist oft subjektiv zugespitzt und verarbeitet und beschreibt persönliche Eindrücke und Erfahrungen.
 
Richtige Strategie, diskutable Taktik  
Die Strategie der Intendanz Spuhler ist nachvollziehbar und bewegt sich in erwartbaren Bahnen mit den üblichen Zielen: Bürgerakzeptanz und genug Zuschauer. Niemand zweifelt daran, daß man heute den Mehrwert von Hochkultur (also einer kulturellen Tätigkeit, für die man als Künstler jahrelange Ausbildung und Übung benötigt, um ihren Ansprüchen gerecht zu werden) neu vermitteln und ihre Werke erklären muß. Daß man das bereits seit vielen Jahren im Staatstheater macht, also Kinder und Jugendliche an das Haus binden will und nun auch 2011 eine eigene Sparte gegründet hat, ist selbstverständlich.
Daß man aber auch im Kernprogramm stärker als zuvor differenziert und gewisse Zielgruppen bevorzugt, ist ein unschöner Aspekt. Bei der Umsetzung hat man aber innerhalb von drei Jahren seine Vorgehensweise bereits geändert. Man experimentiert und sucht nach den adäquaten taktischen Maßnahmen, um sich irgendwie für und durch ein neues Publikum zu legitimieren. Allerdings ergibt sich bei einigen der Eindruck, daß an gewissen Stellen die Qualität gelitten hat.
           

Zwischen Gold und Blech
Nach drei Jahren der Intendanz Spuhler gibt es sehr gute Qualitäten am Badischen Staatstheater: das Ballett ist die unumstrittene Lieblingssparte des Karlsruher Publikums, die Badische Staatskapelle und der Staatsopernchor sind weiterhin auf sehr hohem Niveau und bestätigen an unzähligen Abenden der Spielzeit ihre Leistungsstärke. Der scheidende Operndirektor Schaback und Chefdramaturg Feuchtner setzten selten gespielte Werke auf den Spielplan und entdeckten bspw. Berlioz' Trojaner neu für Karlsruhe. Man hat auch einige sehr gute Opernsänger, viele von ihnen bekannt und beliebt bei den Zuschauern. Man hat so gute Voraussetzungen - umso überraschender, daß die ersten Jahre des neuen Leitungsteams Spuhler / Linders / Schaback so holprig und unrund verliefen. Der frühzeitige Abgang der Operndirektion, wenig variable Monatsprogramme, künstlerische Enttäuschungen und ein immer wieder ratloses Schauspiel ohne Ausstrahlung und ohne neue Hauptrollenschauspieler. Wo andere zu Beginn der Intendanz ein Feuerwerk abbrennen, um das Publikum zu begeistern und überzeugen, tastete die neue Intendanz nach Orientierungshilfen und hatte kein eigenes künstlerisch starkes und überzeugendes Konzept. Ein Training-on-the-job, bei dem man zum Glück bewies, daß man lernfähig ist und immer wieder Korrekturen vornehmen mußte und dennoch in diskutablen Wertigkeiten verharrte.

Wiederkäuer des Alltags
Im Frühjahr 2014 räumte Intendant Spuhler in einem Radiogespräch des SWR2 ein, daß er es vor der ersten Schauspiel-Spielzeit 2011/12 in Karlsruhe an Sorgfalt und Vorbereitung mangeln ließ. Man setzte auf unbekannte Klassiker und laut Spuhler: "Wäre ein toller Spielplan gewesen für Heidelberg, war der falsche Spielplan für Karlsruhe." In dieser Aussage findet man ein grundlegendes Mißverständnis des Teams Spuhler/Linders, denn es war nicht primär der falsche Spielplan. Der Hauptgrund für den Mißerfolg war, daß man sich auf der Bühne viel zu langweilig und uninspiriert präsentierte. Die erste Spielzeit (mehr dazu auch hier) hatte kein Feuer und ein bemerkenswertes Defizit an Originalität und Phantasie. Entscheidend gebessert hat sich diese Situation auch in den letzten beiden Jahren noch nicht: Erfolge und Zuschauergewinne durch Schüler sowie mit Musicals und Komödien kaschieren nur oberflächlich die Schwächen im Schauspiel. Die obige Schlußfolgerung hatte allerdings Folgen für die beiden folgenden Jahre: man versuchte teilweise die mangelnde Kreativität und Bühnenwirkkraft durch verkrampfte Versuche zu überspielen, sich "gesellschaftlich relevant" zu  präsentieren. Das Schauspiel fühlte sich unter Legitimationsdruck und antwortete nicht künstlerisch, sondern versuchte sich gegenüber den Theaterablehnern als Wiederkäuer zu legitimieren. 

Verwertung statt Wert
Man hat in Karlsruhe in den letzten drei Jahren eine ganz neue Richtung eingeschlagen, indem man den auch immer diskutablen künstlerischen Wert des Theaters stärker als zuvor dem Gebrauchswert untergeordnet hat. Man sucht nach Anschluß und läuft einer vermeintlichen Relevanz hinterher. Thematisch ist man mit grobmaschigen Schleppnetzen im medialen Zeitgeistmeer zwischen Mode und Trend unterwegs: NSU und NSA, Fußball und Demenz, Unruhen in der Ukraine oder Türkei - Themen werden wiederkäuerisch verwertet, aber den überzeugenden künstlerischen Ausdruck findet man dazu zu selten, die inhaltliche und ästhetische Auseinandersetzung überzeugt oft nicht und bietet keinen Mehrwert zur TV-Berichterstattung. Verwertungstheater ist damit oberflächlich gesehen nie belanglos, aber oft langweilig, berechenbar und im Kern wenig künstlerisch. Es geht dabei weniger um Ausdruck als um Mitteilung, nicht um Differenzierung, sondern um Teilnahme, man sieht auf der Bühne Gesinnung, nicht Inspiration. Theater, das vortäuscht, etwas beitragen zu können und doch nur Ratlosigkeit verbreitet. Man erregt zwar Medienaufmerksamkeit mit ungewöhnlichen Themen, doch das ist mehr äußerer Effekt, keine innere Wirkung. Immer wieder fällt mir als Zuschauer im Badischen Staatstheater Gottfried Benns Bemerkung ein, daß das Gegenteil von Kunst mit "gut gemeint" zutreffend beschrieben ist.

Programmatisches Eunuchentum
Wieso die Betonung des Programmatischen anstelle des Künstlerischen? Früher waren die Verhältnisse klarer. Der Intendant war als Operndirektor direkt in künstlerischer Verantwortung. Man hatte Persönlichkeiten als Spartenleiter, die ihr Programm verantworteten und überwiegend auch selber künstlerisch tätig waren, sich mit eigenen Inszenierungen bereits profiliert hatten und sich selber mit ihrer Inszenierungshandschrift dem Publikum zur Diskussion stellten.
Heute sind die Verantwortungen in Oper und Schauspiel weniger deutlich. Man hat mehr Dramaturgen (die man im Schauspiel nach vielen Mißerfolgen nun bereits komplett ausgetauscht hat), Spartendirektoren und dazu einen Intendanten ohne künstlerische Spartenverantwortung, der aber betont, daß keine Entscheidung ohne ihn gefällt wird. Alle zusammen haben etwas gemeinsam: keiner ist direkt künstlerisch tätig und inszeniert, sondern es wird überwiegend theoretisiert, administriert und delegiert. Um dieses eklatante Manko zu kaschieren, hat man die Wertigkeiten neu gepolt: Künstler scheinen eher Manövriermasse zu sein, man richtet das Programm nicht mehr überwiegend nach Ihren Stärken und Vorzügen aus, sondern lässt die Praxis lieber der Theorie folgen. Auf die Bühne kommt bevorzugt, womit sich die Intendanz profilieren möchte, nicht das, wodurch sich der Künstler profilieren kann.
Was ist Zweck, was ist Mittel? Für Spuhler/Linders liegt der Zweck in der gesellschaftlichen Relevanz, der Gesinnung und damit in der Wahl des entsprechenden Stücks, das Mittel dazu ist die Bühnendarstellung. Das geht auch anders: der Zweck des Theaters ist in anderer Sicht Schauspieler und Szenerie, Bühnengeschehen und Inspiration, Stimmung und Spannungsbögen, Anschauung und Augenblick, Kolorit und Atmosphäre, Form und Fülle. Das Mittel hierzu ist die Stückauswahl.

Die Balance des Badischen Staatstheaters hat sich verschoben. Das Manko dieses künstlerischen Eunuchentums der Intendanz (sie wissen, wie es geht, aber sie können es nicht) machte sich immer wieder bemerkbar: Man wirkt zu oft gespiegelt und abgeleitet, nicht ursprünglich und unmittelbar. Im Spielzeitheft 2014/15 findet man die Bemerkung, man sei "stolz" auf den Spielplan. Na gut, man sollte der Intendanz ihre eunuchische Freude und den Wunsch nach Anerkennung gönnen. Aber die Wahrheit liegt auf der Bühne, mittel- und langfristig gewinnt und bindet man Zuschauer durch die künstlerische Qualität. Kurzfristig kann man auch die Heißluftballons der gesellschaftlichen Relevanz steigen lassen, die aber immer nur kurze Flüge ermöglichen.

Die Spuhler-Doktrinen: Positionierungen im Überblick
Parolen sind eingänglich und einfach und ein traditionelles Vorgehen, um schnell oberflächliche Zustimmung zu generieren, aber die Gültigkeit dieser Doktrinen sollte man immer wieder hinterfragen und auf Ihre Auswirkungen auf den künstlerischen Betrieb untersuchen. Die ersten drei Jahre geben keinen Anlaß, um an die Nachhaltigkeit dieser Aussagen zu glauben.
  • "Theater für alle" - sozialpolitisch:
    Das bedeutet nicht mehr für alle gleichzeitig, sondern für als fehlend und relevant erkannte Zielgruppen. Spezielle Minderheiten bekommen ein Extra-Programm. Wer als Zuschauer nicht aufpasst, landet in einer Vorstellung, in der man sich schnell fehl am Platz vorkommt. Aus soziologischer Sicht bevorzugen Besucher Milieus der Selbstähnlichkeit; man muß aus dieser Perspektive also Spezialthemen und gelegentlich die Banalität des Alltags auf die Bühne bringen, um Publikum zu gewinnen. Andere werden ausgegrenzt, da man den Glauben an die integrierende Kraft des Theaters verloren hat. Die Zugkraft des traditionellen Abonnements kann dadurch verloren gehen.
     
  • "Theater für alle" - architektonisch
    Spuhler will ein Haus, das idealerweise 24 Stunden/Tag geöffnet ist. Ein Bücherladen und ein Café soll es bspw. zukünftig geben. Peter Spuhler betonte im oben erwähnten SWR2 Gespräch, daß sich die Theater seines Erachtens nicht mehr als gesellschaftlich relevanter Ort behaupten können und sie deshalb zum "Kulturzentrum" umgebaut werden sollten. Da hört man leider ein starkes Mißtrauen gegenüber der eigenen Kunstform heraus: Theater sollte zukünftig weniger Theater sein und sich als überdimensionierter Treffpunkt den Partikularinteressen widmen und diesen eine Bühne geben. Eine ironische Betrachtung dazu findet sich hier.
       
  • Erst, wenn sich das Theater für die Gesellschaft interessiert, wird sich die Gesellschaft für das Theater interessieren
    Kunst an sich reicht nicht, sie muß gesellschaftlich relevant sein? Die oft ausverkauften Vorstellungen des Balletts leben also von ihrer gesellschaftlichen Brisanz? Riccardo Primo und die Händel-Festspiele waren aufgrund ihre gesellschaftlichen Aktualität erfolgreich? Und wieso verschwinden die vielen "gesellschaftlich relevanten" Theaterstücke im Studio nach wenigen Aufführungen mit minimalster Publikumsresonanz schnell vom Spielplan?
    Es gibt Etikette, die sich die Theater gerne anheften: politisch, radikal, mutig, engagiert, .... Eine indirekte Rechtfertigung und ein schlechtes Gewissen scheinen daraus zu sprechen. Man täuscht gesellschaftliche Relevanz vor, da man der Kunstform an sich nicht vertraut. Zweckkunst also anstelle von Kunstzweck. Selbstbewußte und kreative Theater würden andere Begriffe wählen, die die Autonomie der Kunst betonen.
      
  • "Radikales Schauspiel"
    Schaut man sich das Programm für 2014/15 an, frägt man sich unweigerlich, was daran radikal sein soll. "Nur zwei Klassiker" lautet ein Teil der Antwort und als Publikum muß man anhand der bisherigen immer wieder hilf- und ratlos wirkenden Versuche in der Vergangenheit zum aktuellen Zeitpunkt dankbar sein, daß man sich seltener an Klassiker wagt. Aber "radikal"? Das Schauspiel war was Ausstrahlung und Qualität angeht zu Beginn auf radikaler Talfahrt. Gelegentliche Höhen haben sich leider noch nicht als dauerhafter Anstieg erwiesen.
    Das Schauspielprogramm für 2014/15 korrigiert übrigens frühere Einseitigkeiten und ist ausgeglichener als zuvor. Spuhlers "radikal" kann man als Theaterfan in der kommenden Spielzeit als "normal" bezeichnen.
      
  • Die "übliche Erwartungshaltung" in der Oper
    In der Hinsicht kann man ein Interview mit Intendaten Spuhler zur zukünftigen Entwicklung auch als Warnung verstehen: "Im Schauspiel gibt es vor allem zeitgenössisches Theater, und in der Oper gibt es nur noch eine Produktion, die so den üblichen Erwartungshaltungen entspricht." Die übliche Erwartungshaltung des Karlsruher Publikums in der Oper entsprach man bisher durch Qualität: mit hochklassigen Sänger und starkem Chor und Orchester. Ob die Intendanz überhaupt weiß, wessen und welche Erwartungshaltung sie nicht mehr entsprechen will?
  
In der Übertreibung liegt die Anschauung
  

Die Karlsruher Intendanz  ist für meinen Geschmack zu einseitig und dogmatisch und durch obige Zuspitzungen wird es vielleicht dem einen oder anderen anschaulich. Fast keine Diskussion über diese Standpunkte würde aufkommen, wenn man qualitativ mithalten könnte. Sanierung, Neubau. "migrantisches" Theater, Kinder- und Jugendtheater .... schön und gut, aber als Zuschauer interessiert mich das nur marginal, denn die Wahrheit liegt auf der Bühne.  Noch nie zuvor habe ich so ungern Vorstellungen in Karlsruhe und lieber in anderen Städten besucht, wie in den letzten drei Jahren im Schauspiel. Die Paradoxie des Theaters liegt darin, daß es sowohl Asyl gegen als auch Verständnis für alltägliche Zumutungen bieten soll. Diese Balance stimmt für mich in Karlsruhe aktuell nicht mehr.
    
Anzeichen der Besserung(?)  
Es gibt immer wieder Anzeichen der Besserung, ihre Lernfähigkeit hat die aktuelle Intendanz bereits bewiesen und sich bemüht, Defizite in den Griff zu bekommen: man versucht auch den breiten Publikumsgeschmack zu treffen und Programmschemen anzupassen, im Schauspiel hat man nach drei Jahren bereits alle Dramaturgen ausgetauscht, acht neue Schauspieler kommen (leider gehen eher die guten statt die durchschnittlichen Kandidaten), in der Oper wird die neue Operndirektion ab 2016 ihre Handschrift zeigen können. 2016 wird sich allerdings auch Birgit Keil aus der Ballettdirektion zurückziehen und man kann nur hoffen, daß Intendant Spuhler dann nicht nur gesellschaftliche relevante Ballette auf der Bühne zulässt und die bisherige Erfolgslinie ideologisch beengt umbaut. 

Fazit:
Dem Badischen Staatstheater fehlt bisher ein zugkräftiger Ideenmotor, es mangelt an Kreativität, Phantasie und Ausstrahlung, man ist zu einseitig: Zweckkunst statt Kunstzweck, Verwertung statt Wert, Formeln statt Formen, Nutzen statt Ausdruck, Gesinnung statt Inspiration - Publikumszufriedenheit will diese Intendanz durch die Zusammenstellung der Speisekarte erreichen, die Qualität und Präsentation des Produkts sind hier nicht immer die Hauptsache. Fast Food im Kulturzentrum mag eine Zukunftsperspektive sein, aber es gibt auch ein Publikum, das nicht den Alltag in Inszenierung, Programm und Gebäude gespiegelt haben muß, sondern das sucht, für das man als Badisches Staatstheater bisher stand: das Besondere und das Außergewöhnliche.

Sonntag, 15. Juni 2014

Ravel - Das Kind und die Zauberdinge / Strawinsky - Die Nachtigall, 14.06.2014

Großes Desinteresse beim Publikum gegenüber Ravel und Strawinsky: selten sieht man in einer Karlsruher Premiere so viele leere Plätze im Rang und Balkon. Attraktiv wirkt die Kombination der beiden Kurzopern anscheinend nicht: zu leicht, zu unbedeutend, zu belanglos? Dabei sollten es doch gerade zwei sommerlich-leichte Mini-Opern (beide jeweils ca 45 Minuten) sein, die den richtigen Kontrast zu den vermeintlich schweren und langen Opern bieten können, mit denen man sich in letzter Zeit in Karlsruhe vorwiegend beschäftigt hat. Die beiden Kurzopern haben deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient, auch wenn es einen guten Grund gibt, wieso beide selten zu hören sind: es sind eher Meisterwerke auf dem Papier als auf der Bühne.

Worum geht es?
Ravels Kurzoper Das Kind und die Zauberdinge (L'enfant et les sortilèges, UA 1925) handelt von einem aggressiven Kind, das seine Umwelt solange quält und terrorisiert, bis sich Gegenstände und Tiere zu wehren beginnen und ihm die Grausamkeit seines Handels vor Augen führen. Der Gesinnungswandel ist abgeschlossen, wenn das Kind einem verletzten Eichhörnchen die Pfote verbindet und Mitgefühl gegenüber seiner Mitwelt zeigt und die Gewalt beendet.
   
Strawinskys Die Nachtigall (Le Rossignol, UA 1914) basiert auf Hans-Christian Andersens gleichnamigen Märchen. Eine Nachtigall rührt den Kaiser von China mit ihrem Gesang zu Tränen und entflieht, als er eine mechanisch betriebene Imitation einer Nachtigall geschenkt bekommt und sich für diese interessiert. Der Kaiser wird krank und der Tod will ihn mitnehmen. Da erscheint die echte Nachtigall und singt den Tod hinweg. Der Kaiser gesundet und lebt weiter.

Was ist zu sehen?
Der schwächste Einfall vorab: er ist dramaturgischer Natur. Um eine Verbindung für beide Opern zu finden, hat man die Handlung durch eine etwas erzwungen wirkende Klammer erweitert. Die Entstehungszeit der beiden Werke dient als Anlaß, Ravels Kinderoper in ein Feldlazarett des 1. Weltkriegs zu verlegen, wo der ehemals boshafte Junge sich zurückerinnert und seine Lektion von damals nun als traumatisiertes Kriegsopfer im Albtraum erneut durchlebt. Das verletzte Eichhörnchen wird zum invaliden Soldaten im Rollstuhl.
Ein verletzter Soldat läuft auch durch die Szenerie von Strawinskys Nachtigall und wird von dem Sänger gespielt, der im Libretto eigentlich als Fischer auftritt. Doch diese Klammer ist halbherzig und ohne Mehrwert, sie behauptet eine vordergründige Relevanz bei niedrigem künstlerischem Anspruch. Ihre Umsetzung stellt beide Regisseure vor Probleme: Ravels Oper wandelt sich vom zauberhaften Märchen zum traurigen Drama. Bei Strawinsky wirkt der Soldat wie ein Fremdkörper ohne Bindung zum Geschehen.

Der junge Regisseur Tobias Heyder hat für Ravels Kurzoper Das Kind und die Zauberdinge viele gute Einfälle, um die schnellen Szenenwechsel unterhaltsam und sinnfällig darzustellen und setzt starke psychologische Akzente. Eine Kinderoper ist es bei ihm nur in wenigen Szenen, die Zauberdinge werden zur Bedrohung. Im dritten Akt ist es ein bedrückendes Kriegsdrama. Die Moral des Mitgefühls betrifft nicht mehr nur Gegenstände, Natur und Tiere, sondern vor allem den geschundenen Mitmenschen.

Regisseur und Choreograf Tim Plegge, der für das Badische Staatsballett Momo und den mittleren Teil von Mythos schuf, hat mit Strawinskys Die Nachtigall seine erste Opernregie erarbeitet und setzt dabei stark auf visuelle Effekte und seine Erfahrung als Choreograph, vor allem im Umgang mit dem Chor. Die Moral der Geschichte, die Abkehr von der Natur als Schaden und die Hinwendung zu ihr als Rettung, ist bei ihm ohne Psychologie und weniger penetrant moralisierend als bei Tobias Heyder. Natur wird hier zum Äquivalent für künstlerisches Schaffen und freie Entfaltungsmöglichkeiten. Natur wird auf der Bühne in der Nachtigall durch drei bildende Künstler repräsentiert, die im 1.Akt malerisch tätig sind. Der geheilte Kaiser greift mit seinem Hofstaat im Schlußbild selber zum Pinsel, um seine wieder hergestellte Verbindung zur Natürlichkeit darzustellen.

Hervorheben muß man die variable Bühne von Frank Philipp Schlößmann und die für beide Opern unterschiedlichen Kostüme von Janine Werthmann, die ihr Sujet ideal kennzeichnen.

Was ist zu hören?
Der Star des Abends war beim Publikum Emily Hindrichs, die in beiden Opern wichtige Rollen singt und als Nachtigall auftritt. Bei Ravel sind es vor allem Christina Bock und Dilara Baştar, die aufhorchen lassen, bei Strawinsky Seung-Gi Jung und Eleazar Rodriguez. Und einen besonderen Auftritt hat Rebecca Raffell, die im zweiten Teil des Abends mit Aufsehen-erregendem Kostüm und Schuhen dem Tod ein ganz besonderes Auftreten verleiht. Blythe Newmann tanzt die mechanische japanische Nachtigall mit gewohnter Souveränität.
Dirigent Christoph Gedschold hat im gut gemachten Programmheft (es findet sich aktuell hier als pdf) einen schönen Beitrag über den "faszinierenden Farbenreichtum" der beiden Partituren geschrieben. Als er gestern zum Schlußapplaus auf die Bühne kam, geschah das in fast symptomatischer Weise für sein gestriges Dirigat: überraschend gemächlich. Obwohl es sich um Kurzopern handelt, hatten beide Längen, als ob die hinzuinszenierte moralisierende Komponente der Kriegsgeschichte einen zusätzlichen musikalischen Ernst erforderte.
Einen schönen Auftritt hatten die 30 Kinder des Cantus Juvenum, die zusammen mit dem Staatsopernchor die kleine Ravel-Oper zum groß besetzen Werk machten .

Fazit:  Gut gemacht mit deutlich mehr Stärken und wenigen Schwächen und trotzdem keine große Opern-Entdeckung fürs Repertoire, sondern solide Raritäten.

Besetzung und Team:

DAS KIND UND DIE ZAUBERDINGE 
Das Kind: Christina Bock
Die Katze / Das Eichhörnchen / Die Mutter: Dilara Baştar
Die Standuhr / Der Kater / Der Vater: Andrew Finden
Das Feuer / Die Prinzessin / Die Nachtigall: Emily Hindrichs
Die chinesische Tasse / Die Libelle: Katharine Tier
Der Polstersessel / Die Schleiereule: Lydia Leitner
Ein Schäfer: Maike Etzold
Eine Schäferin: Larissa Wäspy
Ein Baum: Doğuş Güney
Der Lehnstuhl: Yang Xu
Die Teekanne: Eleazar Rodriguez
Der kleine alte Mann / Der Laubfrosch: Max Friedrich Schäffer
Die Fledermaus: Tiny Peters

DIE NACHTIGALL
Die Nachtigall: Emily Hindrichs
Die Köchin: Christina Niessen
Der Fischer: Eleazar Rodriguez
Der Kaiser von China: Seung-Gi Jung
Der Kammerherr: Yang Xu
Der Bonze: Doğuş Güney
Der Tod: Rebecca Raffell
Die japanische Nachtigall: Blythe Newman
Erster japanischer Gesandter: Nando Zickgraf
Zweiter japanischer Gesandter: Andrew Finden
Dritter japanischer Gesandter: Kammersänger Johannes Eidloth

Musikalische Leitung: Christoph Gedschold
Regie (Das Kind und die Zauberdinge): Tobias Heyder
Regie / Choreografie (Die Nachtigall): Tim Plegge
Bühne: Frank Philipp Schlößmann
Kostüme: Janine Werthmann
Chorleitung: Ulrich Wagner
Kinderchorleitung: Hans-Jörg Kalmbach