Sonntag, 14. Dezember 2014

Offenbach - Fantasio, 13.12.2014

Eine etwas vertane Chance
Über den neu editierten Fantasio konnte man vorab nur Lobeshymnen lesen: Die Oper gilt als wichtiger Zwischenschritt zu Hoffmanns Erzählungen und zu Unrecht als vernachlässigtes und vergessenes Meisterwerk. 142 Jahre nach der Premiere ist nun Offenbachs Oper zum ersten Mal wieder in der Ursprungsfassung für die Bühne inszeniert worden. Die Aufführung am Badischen Staatstheater zeigt szenisch und musikalisch Licht und Schatten. Es bleibt der Eindruck einer sehr guten Durchschnittlichkeit. Doch aus Fantasio hätte man mehr machen können.

Eine kurze Geschichte des Vergessens und Wiederentdeckens Fantasios
Die 1872 in Paris uraufgeführte Oper verschwand schnell in der Versenkung. Offenbach machte sich selber Konkurrenz: Le Roi Carotte (UA 15.01.1872) erlebte fast 200 Aufführungen, drei Tage später Fantasio (UA 18.01.1872) keine 15. Dazu kamen politische Gründe: Im Jahr zuvor hatte Frankreich den Krieg verloren und die deutsche Reichsgründung im Spiegelsaal von Versailles erdulden müssen. Offenbach als Komponist deutscher Herkunft verlor an Ansehen, die in München spielende Oper mit pazifistischer Schlußansprache widerstrebte den französischen Revanchisten.
Eine zweite Fassung, die Offenbach noch 1872 für Wien erstellte, wurde den dortigen Gegebenheiten angepasst und inhaltlich und musikalisch deutlich verändert. Die ursprünglich für Tenor gedachte Rolle des Fantasio wurde von Offenbach in Paris für einen Mezzosopran konzipiert und in Wien für einen Sopran umgestaltet. Aufgeführt wurden die Wiener Version des Fantasio oder bearbeitete bzw. fremdorchestrierte und für Tenor eingerichtete Fassungen nur sehr selten und ohne nachhaltigen Erfolg. Bekannt sind Inszenierungen bzw. konzertante Aufführungen in den Jahren 1927 (Magdeburg), 1957 (Köln), 1994 (Gelsenkirchen/Wuppertal) sowie 2000 in Frankreich.
  
In Karlsruhe inszeniert man zum ersten Mal seit der Premiere 1872 die Pariser Fassung in der ursprünglichen Instrumentierung Jacques Offenbachs. Das ist für Offenbach-Enthusiasten eine kleine Sensation, denn das originale Orchestermaterial und die gesprochenen Zwischentexte wurden  beim Brand der Opéra-Comique 1887 zerstört. Offenbachs Erben verscherbelten später skrupellos die Originalpartitur teilweise seitenweise als Devotionalien in alle Ecken der Welt. Es war fast schon ein Lebenswerk, um in jahrelanger Detektivarbeit die Partiturseiten aufzufinden und das Werk zu rekonstruieren. Die Dialogtexte wurden anhand relevanter Quellen neu erstellt. 2013 gab es in London eine erste konzertante Aufführung und Aufzeichnung, die beim Label Opera Rara seit kurzer Zeit erhältlich ist. Am Badischen Staatstheater stellt man den neu editierten Fantasio nun zur Diskussion, allerdings in deutscher Sprache in einer neuen Übersetzung von Carsten Golbeck, der dies dichterisch als seine bisher größte Herausforderung bezeichnete. Beim ersten Anhören scheint sein deutscher Fantasio nicht durchgängig gelungen und schwankt sprachlich zwischen den Zeiten. Eine französische Fassung mit deutschen Sprechtexten wäre vielleicht auch aus musikalisch-sängerischen Gründen die bessere Wahl gewesen.

Worum geht es?
Offenbachs komische Oper spielt in München, in einem erdachten Phantasie-Königreich. Bayern ist pleite und steht kurz vor der Übernahme durch das Königreich von Mantua. Um eine kriegerische Auseinandersetzung und den Machtverlust zu vermeiden, will der bayrische König seine Tochter an den unbekannten Prinzen von Mantua verheiraten. Die Oper setzt ein am Vorabend der Hochzeit. Das ahnungslose Volk freut sich, einige Studenten spotten, der unerkannt angereiste Prinz von Mantua und sein Adjutant tauschen die Uniformen und erkunden die Lage.
Fantasio -eine Mischung aus armen Studenten und Tagträumer- steht vor dem Königsschloß und verliebt sich in die Stimme der Prinzessin, die aus dem Palast klagt. Die beiden einander unsichtbaren Figuren hören sich nur und singen gemeinsam ein Duett und sind augenblicklich von Sehnsucht erfüllt. Fantasio nutzt eine Chance, um in den Palast zu kommen: der Hofnarr ist gestorben und Fantasio gibt sich verkleidet als sein Nachfolger aus. Im Verlauf der Oper provoziert er verkleidet einen schweren diplomatischen Zwischenfall und erwirbt die Liebe der Prinzessin. Statt einer Friedenshochzeit droht der Kollaps - Fantasio landet im Kerker, aus dem ihn die Prinzessin befreit. Fantasio versöhnt Mantua und München, der italienische Prinz verzichtet auf die Hochzeit, der bayrische König adelt seinen Interims-Hofnarren und der Liebe steht nichts mehr im Wege. Fantasio hat seinen Namen zu recht.

Was ist zu sehen?
Das sehr informative und vielfältige Zusammenhänge aufdeckende Programmheft des Dramaturgen Dr. Boris Kehrmann interpretiert die Handlung im Rahmen der geschichtlichen Ereignisse und Themen zu Offenbachs Zeit, aktualisiert durch gegenwärtige Zeitbezüge. Eine Mischung aus König Ludwig, Studentenunruhen, Globalisierungsproblematik und Pazifismusaufruf, die in Karlsruhe auf Comedy-Niveau reduziert ist. Es gibt viele gute Ideen - doch leider nur mäßig gute Übersetzungen ins Bühnengeschehen. Nach einem kurzweiligen ersten Akt entgleiten der Regie die guten Einfälle und die Spannungszügel. Einiges bleibt nur oberflächlich angedeutet, die szenische Überzeugungskraft lässt im Verlauf des Abends nach, da vor allem die ernsten Szenen keine passende Entsprechung auf der Bühne finden. Der Karlsruher Fantasio ist mehr Operette als Oper geworden.

Die Bühne von Friedrich Eggert zeigt im ersten Akt München als Dorf aus kleinen Fachwerkhäuser und Mini-Schloß. Der zweite Akt spielt im Inneren des Schloßes, das sich langsam mit Umzugskartons füllt, um die königlichen Besitztümer zur Schuldentilgung nach Mantua zu verschicken. Der dritte Akt wird dann von Kartons dominiert und ist nur noch mäßig attraktiv. Parallel dazu entwickeln sich die Kostüme von Alfred Mayerhofer: Die Bevölkerung trägt zu Beginn bayrische Kostüme, Dirndl und Lederhosen, vermischt mit aktueller Freizeitmode. Im letzten Akt hat sich das zu unaufregenden Ganzkörpergymnastikanzügen in schlumpfblau und weiß gewandelt. Visuell beginnt man gut und verliert deutlich an Kraft.

Regisseur Bernd Mottl sieht Offenbachs Phantasie-Bayern auch als Zeitkritik: "Für mich waren die politische Klammer der Annexion und Bayerns Entwicklung zu einer Paket-Gesellschaft die springenden Punkte, um das Stück in einen Kontext zu stellen, der etwas mit uns zu tun hat." Schade, daß er es nur halbherzig tat. Schuldenmachen bis zur Überschuldung: Das bayrische Blau-Weiß könnte auch das griechische sein. Für die Entfremdung durch Ausverkauf finden alle Beteiligten nur schwache Metaphern.

Auch für die Hauptfigur Fantasio findet man keine einprägsame Charakterisierung. Im dritten Akt entkleidet sich der angebliche Hofnarr, um der Prinzessin den wahren Fantasio zu zeigen. Und der vermeintliche Student entpuppt sich dann als verkleidete Frau. Doch zum Glück benötigt die Prinzessin nicht lange, um sich zu ihrer neuen Partnerin zu bekennen. Allerdings bleibt diese Szene isoliert und wird weder vorbereitet noch weitergeführt - eine banale Plakativität als schwache Geste.

Gelungen ist vor allem die Arbeit von Choreograph Otto Pichler, der "die Partitur sichtbar machen" will. Das gelingt in hohem Maße und verhilft der Inszenierung zu kurzweiligen und amüsanten, teilweise auch wunderbar albernen Szenen. Pichler erreicht, was das Programmheft verspricht: "Die geformte Bewegung gibt der Bühnenaktion eine visuelle Struktur, die der Musik Kraft verleiht."  Die Sänger und Statisten einer Trachtengruppe beleben die Aufführung tänzerisch.

Was ist zu hören?
Gast-Dirigent Andreas Schüller von der Dresdner Staatsoperette macht aus Fantasio eine Operette und folgt damit der Linie des Inszenierungsteams. Schüller betont nicht die Nähe zu Hoffmanns Erzählungen, die opernhaften Szenen, die innigen Momente der Duette und Arien, also das was Fantasio eigentlich auszeichnet, bleiben bei ihm etwas zu schwach entwickelt. 
Fantasio
kombiniert typisch Offenbachisches: Operettenhaftes mit romantischer Oper, Parodie und Witz mit Melancholie und Ernst. Man hört mehr als die typische Lustigkeit einer Offenbachiade: lyrische, melancholische, sogar anrührende Szenen, die den typischen Operettenraum deutlich vertiefen und eine Nähe zu Hoffmanns Erzählungen unmittelbar spüren lassen. Verschiedene wiederkehrende musikalische Motive -die Ouvertüre versammelt bereits einige- durchziehen das Werk, es gibt in jedem Akt ein Liebesduett und jeweils ein großes Finale. Die grandiose Auftrittsarie der Prinzessin im 1.Akt klingt, als wäre sie dem Antonia-Akt aus Hoffmanns Erzählungen entnommen. Das Quintett zu Beginn des 2. Akts erinnert an gut gelaunten Rossini, das Akt-Ende an den Olympia-Akt, das Duett im 3. Akt hat Anklänge an den Giulietta-Akt. Fantasio hat viele Momente, die dem berühmtem Nachfolger ebenbürtig sind. Der Unterschied liegt in der Handlungstiefe: Les contes d' Hoffmann faszinieren durch eine geheimnisvolle Spannung. Fantasio ist weniger dicht, das Gegengewicht eines Lindorf/Coppélius/Dapertutto/Dr. Miracle fehlt. Der Prinz von Mantua hat nichts Dämonisches, sondern erweist sich im 2. Akt als ein leicht cholerischer und leidender Liebender.

Der Star des Abends war gestern der Badische Staatsopernchor, der singen, tanzen und spielen mußte und mit viel Spaß und Engagement einen hervorragenden Eindruck hinterließ. Choreograph Otto Pichler fordert viel und wird von den Sängern nicht im Stich gelassen. BRAVO!
Ina Schlingensiepen sang und spielte als Prinzessin mit gewohnter Sicherheit und Spielfreude und animierte das Publikum nach ihrer Koloraturarie im 2. Akt zum stärksten Einzelapplaus des Abends. Ihr gelang es, ihre Figur deutliche Konturen gewinnen zu lassen. Dilara Bastar als Fantasio blieb hingegen stimmlich und darstellerisch etwas zu blaß. Die junge Mezzosopranistin wechselte zur Spielzeit 2014/15 vom Karlsruher Opernstudio ins Ensemble und hat sich mit ihrer schönen Stimme bereits Publikumspopularität ersungen. Gestern konnte man ihr die Aufregung über die große Premiere anmerken. Ihr Fantasio blieb hinter ihren Möglichkeiten (noch) zurück, aber es ist zu erwarten, daß sie in den folgenden Aufführungen deutlich an Sicherheit und Ausdruck gewinnt.
Überzeugend waren die kleineren Rollen besetzt, vor allem Dennis Sörös als Spark, der an der Karlsruher Musikhochschule studiert hat und gestern auf der Bühne des Staatstheaters debütierte, sowie die Routiniers Klaus Schneider als Adjutant Marinoni, Gabriel Urrutia Benet als Prinz, Renatus Meszar als bayrischer König und Katharine Tier als Hofdame.

Fazit: Das Badische Staatstheater hat richtig gewählt und sich falsch entschieden. Fantasio hat wunderbare Szenen, deren Stimmungen man aber inszenatorisch nicht vollumfänglich gerecht wird und wunderschöne Musik, die man nicht optimal auskostet.  Aus Fantasio hätte man mehr machen können.

Team und Besetzung
Fantasio: Dilara Baştar    
Der König von Bayern: Renatus Meszar
Prinzessin Theres, seine Tochter: Kammersängerin Ina Schlingensiepen
Flamel, Hofdame: Katharine Tier
Rütten, Haushofmeister (Sprechrolle): Peter Pichler
Prinz von Mantua: Gabriel Urrutia Benet
Marinoni, sein Adjutant: Kammersänger Klaus Schneider
Spark, Student: Dennis Sörös
Facio, Student: Max Friedrich Schäffer
Max, Student: Nando Zickgraf
Hartmann, Student: Daniel Pastewski

Musikalische Leitung: Andreas Schüller
Regie: Bernd Mottl
Bühne: Friedrich Eggert
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Choreografie: Otto Pichler
Chorleitung: Ulrich Wagner

Freitag, 12. Dezember 2014

Generalprobe zu Händels Teseo ab heute im Vorverkauf

Teseo bei den Händel Festspielen 2015 ist bereits fast ausverkauft. Das Badische Staatstheater hat heute deshalb den Vorverkauf für die Generalprobe am Mittwoch 18.02.2015 geöffnet.

Aber nicht vergessen: in einer Generalprobe singen viele Sänger nicht aus. Sängerisch muß also mit Einbußen gerechnet werden - es bleibt eine Probe!

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Erpulat/Hilje - Verrücktes Blut, 10.12.2014

Brisantes Thema als leichte Unterhaltung
Seit der Premiere (mehr dazu findet sich hier) im Mai 2012 gehört Verrücktes Blut zu den Erfolgsproduktionen des Karlsruher Schauspiels. Die gestrige Wiederaufnahme zeigt weiterhin nur positive Qualitäten und hinterlässt weiterhin Fragezeichen. Es gab langen Applaus für eine fast runde Vorstellung. Zwei neue Schauspieler übernehmen Rollen: Johannes Schumacher ersetzt Simon Bauer als Hakim schon fast nahtlos,  Jonathan Bruckmeier (anstelle von Matthias Lamp) als Ferit beeindruckt durch genaue Körpersprache.

Lachen über "Kanaken"?
Ist das Publikum der Infamie des Stückes auf die Schliche gekommen? Es wird dazu verführt, über Boshaftigkeit, Gemütsrohheit und Brutalität zu lachen und dieses Verhalten wie selbstverständlich mit ausländischen Jugendlichen aus Problemgebieten zu verbinden. Man bedient Klischees - doch einige werden darin auch Wahrheiten erkennen. Dabei geht es nicht nur um Problemmigranten türkisch-arabischer Abstammung. Die Zugehörigkeit zur Verliererschicht hängt nicht nur von der Herkunft ab, sondern auch vom sozialen Umfeld und genetischer Prädisposition. Doch daß eine Figur einen deutschen Vornamen trägt, fällt kaum auf.
Die Karlsruher Inszenierung unterscheidet sich in einem Punkt wesentlich von der Uraufführung. Während dort in der Schlußszene der Außenseiter Hasan die Waffe rächend gegen das Publikum richtet, wird er hier zum Verzweifelten, der die Waffe gegen sich selbst richtet. In Berlin erfolgte am Ende die Abrechnung: 90 Minuten hat man sich auf Kosten der stereotypen Bühnenfiguren amüsiert, lacht über pubertäre Proleten und muß sich dann dafür bedrohen lassen. Der Karlsruher Ansatz appelliert an die Empathie des Publikums.

Wenn einem das Lachen im Halse stecken bleibt
Leute einschüchtern und bedrohen können die Figuren im Verrückten Blut gut (gestern war Ralf Wegner besonders bedrohlich). Doch der Ernst überholt das Spiel. Jedes Jahr gibt es in den Medien eine Diskussion über migrantische Jugendliche, die durch Körperverletzung mit Todesfolge bundesweite Aufmerksamkeit bekommen. Im November 2014 wurde in Offenbach die 23jährige Tugçe Albayrak von einem aus Serbien stammenden jungen Mann vor einem McDonalds erschlagen, weil sie zwei Mädchen zu Hilfe kam. In den Jahren zuvor waren es  Daniel S., der 2013 in Niedersachsen oder Jonny K., der 2012 in Berlin von türkischstämmigen Jugendlichen zu Tode geprügelt wurde. Angesichts solcher Vorkommnisse wird dem einen oder anderen das Lachen beim Zuschauen vergehen.

In gewisser Hinsicht ein Mißerfolg?
In einem Radiogespräch mit dem SWR machte Intendant Spuhler darauf aufmerksam, daß Verrücktes Blut ein "bürgerliches Publikum" hat, also deutsche Staatsbürger und nicht die gewünschten Ausländer ins Theater lockte, die ja selber viel zu inhomogen ist, als daß man sie in Karlsruhe pauschal auf Türken und Araber reduzieren kann. Migrantisches Theater wird in Karlsruhe immer nur ausgesuchte Randgruppen bedienen können, eine migrantische Gemeinsamkeit ist genau so schwer zu adressieren, als ein muttersprachlich deutsches Publikum anzusprechen. Auch Quoten-Migranten im Ensemble, dem Inszenierungsteam oder an den Stabsstellen werden daran nichts ändern. Ist die verbindende Klammer personell, inhaltlich oder künstlerisch? Die Mischung macht's, das Verhältnis bleicht hochgradig diskutabel.

Fazit: Weiterhin eine klare Empfehlung und sehr gute Schauspieler. Auf jeden Fall ein ambivalentes Stück, bei dem Wahrnehmung und Wirklichkeit nicht für alle in Übereinstimmung gebracht werden. Im Endeffekt wird man sich bei Verrücktes Blut vielleicht einfach nur an eine rasante Komödie über ausländische Problemjugendliche und ein Plädoyer für eine bundesdeutsche Leitkultur erinnern.

PS: Im Januar hat die Karlsruher Neuinszenierung von Schillers Räuber Premiere. Man darf gespannt sein, wie die Gebrüder Moor in dieser Gewaltgeschichte abschneiden.

Sonntag, 30. November 2014

Mythos, 30.11.2014

Geteiltes Glück ist doppeltes Glück - Hommage an Bruna Andrade
Da konnte man als regelmäßiger Ballettzuschauer kaum nein sagen: eine besondere Vorstellung, um die ausgezeichnete Bruna Andrade und das Badische Staatsballett für ihre Preis-Würdigkeit zu ehren. Seit Jahren beglückt das Ballett das Karlsruher Publikum und da ist es doch schön, wenn man als Publikum etwas zurückgeben kann  und so gab es dann nach Der Fall M. stehende Ovationen für Andrade, die die Tänzerin tief bewegten: von Schluchzern geschüttelt konnte sie kaum die Tränen zurückhalten, dazu Blumen aus dem Publikum, langer Applaus und Bravos - es war eine bemerkenswerte und herzliche Stimmung zur Pause. Und Der Fall M. mit seinem zentralen Pas de deux ist auch das spannende Herzstück des Abends und ein intensiv getanztes Drama, für das Andrade und das Karlsruher Staatsballett völlig verdient überregionale Aufmerksamkeit bekommen haben.

Wie überhaupt diese Ballett-Trilogie unter dem Namen Mythos (mehr dazu hier) noch mehr Zuschauer verdient hätte und etwas darunter zu leiden scheint, daß das Karlsruher Ballett-Publikum verwöhnt ist und die großen Handlungsballette mit Live-Musik bevorzugt. Doch schon Birgit Keil stand als Tänzerin auch immer für das Neue, das Experiment und Modernität. Das Karlsruher Ballett-Publikum scheint jedoch in dieser Hinsicht zweigeteilt: es gibt Ballett-Fans und es gibt strikter klassische Ballett-Fans, sonst wäre Mythos genauso oft ausverkauft wie Dornröschen oder Der Widerspenstigen Zähmung

Fazit: Viel verdienter Jubel für Bruna Andrade, Flavio Salamanka, den Choreographen Reginaldo Oliveira im Fall M. sowie für Blythe Newman und Pablo dos Santos in Orpheus und das komplette Badische Staatsballett für einen beeindrucken Mythos-Abend.

Mussorgsky - Boris Godunow, 29.11.2014

Der Karlsruher Boris Godunow des Regisseurs David Hermann bleibt -wenn man seine Trojaner als Referenz heranzieht- eine leichte Enttäuschung. Ein wenig zu reduziert beim Bühnengeschehen und unklar in der Aussage: weder Intrigen noch die wankelmütige öffentliche Meinung, weder Unruhe oder Aufruhr noch klare Personenbeziehungen. Vor allem der Chor hat zu wenig zu tun und ist zu statisch.
Zumindest die Stimmungen sind fast immer vorhanden. Eine der stärksten Szenen spielt im Kloster: Avtandil Kaspeli als Pimen hat hier seinen großen Auftritt, für den er auch gestern wieder viele Bravos bekam. Die schwächste Szene ist im Wirtshaus: sie wirkt wie ein Fremdkörper, der Humor funktioniert nicht - über Napoleon lacht keiner, geschweige denn über die skurril überzeichneten anderen Figuren. Das gestrige Publikum vergaß sogar deshalb überwiegend, zur Pause zu applaudieren. Eine sehr kühle Atmosphäre und auch sonst eine eher müde Stimmung. An der musikalischen Darbietung lag das allerdings nicht.

Für die gestrige Aufführung hatte man zwei Gäste engagiert: ursprünglich sollte Alexei Tanovitski als Boris Godunow singen. Doch er erkrankte und auch der Ersatz kämpfte mit einer Erkältung und ließ vor Beginn eine kurze Ansage geben. Man sah dem Bassisten Orlin Anastassov nach der Vorstellung seine Unzufriedenheit mit seiner Disposition an, aber selbst leicht angeschlagen lieferte er eine beeindruckende Vorstellung: mächtig von Stimme und Statur und intensiv in der Darstellung. Er gab Boris Godunow eine Haltung und steigerte sich immer wieder zu beeindruckenden Momenten. Eine gute Wahl der Karlsruher Oper. Und auch der russische Tenor Viktor Antipenko als Grigori ließ aufhorchen: eine schöne Stimme mit Kraft und Eleganz! Schade, daß die gezeigte Urfassung der Oper für ihn nur eine kleine Rolle beinhaltet.
Dirigent Christoph Gedschold, Orchester, Solisten und Chor trugen ihren Anteil zu der sehr guten Aufführung bei. Musikalisch hat man seine Meriten, dennoch scheint die Karlsruher Oper im vierten Jahr der Intendanz Spuhler im Stimmungstief zu sein. Der neue Operndirektor muß nun vertriebenes Stammpublikum zurückgewinnen, indem er konsequent auf Qualität setzt. Es gilt wieder ein größeres Repertoire aufzubauen, mehr bei der Programmauswahl auf das Publikum zu achten und die richtigen Stimmen zu engagieren bzw. einzusetzen.

Freitag, 28. November 2014

Festspielhaus Baden-Baden: Bellini - I Capuleti e i Montecchi, 27.11.2014

Bellini statt Jelinek
Im Schauspiel des Karlsruher Staatstheaters gab es gestern eine spannende deutsche Erstaufführung als Premiere: Schatten von Elfriede Jelinek. Aber das Abo zu tauschen und dafür gestern lieber die kurze Strecke nach Baden-Baden zu fahren war eindeutig die richtige Wahl! Ungetrübtes Belcanto-Glück, dahinschmelzende Bellini-Melodien und ein alles überragender Star - das waren die qualitativ unschlagbaren Trümpfe, die übrigens nicht wenige Karlsruher an diesem Abend nach Baden-Baden lockten.

Der sanfte Sizilianer
Es war ein sehr kurzfristiges Engagement: gerade mal 50 Tage hatte Bellini, um für das Teatro La Fenice in Venedig eine Oper zur Karnevalssaison fertig zu stellen. Man studierte den 1. Akt schon ein, bevor der 2. komponiert wurde. Um so schnell fertig zu werden, griff Bellini auf eine damals übliche Praxis zurück: er bediente sich der existierenden Musik einer seiner Opern. Zaira wurde im Jahr zuvor in Parma ein Mißerfolg beim Publikum und kaum gespielt. Bellini glaubte an seine Musik und verwendete sie größtenteils wieder. Die Premiere von I Capuleti e i Montecchi am 11. März 1830 und die Folgevorstellungen wurden zu einem überwältigendem Erfolg. "Die Begeisterung kannte kein Maß mehr" berichtete die Presse danach. Ein Triumph für Bellini, auch in anderen Opernhäusern - exakt getroffener Zeitgeschmack der frühen Romantik, der berührte und begeisterte. Richard Wagner schrieb bewundernd 1834: "... werde ich nie den Eindruck vergessen, den in neuester Zeit eine Bellinische Oper auf mich machte, nachdem ich des ewig allegorisierenden Orchestergewühls herzlich satt war und sich endlich wieder ein einfach edler Gesang zeigt." Wagner war ein Fan des von ihm so bezeichneten "sanften Sizilianers".

Romeo und Julia ohne Shakespeare
I Capuleti e i Montecchi - dahinter verbergen sich Romeo und Julia, allerdings nicht auf Basis des Shakespeare Dramas. Gerade noch 5 Sängersolisten werden benötigt: Romeo (ein Mezzosopran) und Julia (Sopran)  haben den mit Abstand größten Gesangsanteil. Nur eine kleine Rolle hat Romeos Konkurrent Tebaldo (der hier eine schwache Kombination von Tybalt und Mercutio ist), Julias Vater Capellio und der Arzt Lorenzo sind kleine Nebenrollen. Das Libretto nimmt nicht Shakespeare als Vorlage, also bspw. keine Amme, kein Mönch, szenisch auch kein Fest, bei dem sich die Liebenden kennenlernen. Die Balance zwischen äußerer Handlung und innerem Geschehen ist verschoben, es dominieren Lyrismen und Stimmungen, die von überwiegend langgezogenen, eher langsamen Melodien geprägt sind. Romeo und Julia - eine Liebeselegie mit wenig Konfrontationen und nicht durch äußere Spannung geprägt. Richard Wagners Kennzeichnung "sanft" ist nachvollziehbar, aber der gestrige Dirigent zeigte auch, daß man die Dramatik aus dem Orchestergraben forcieren kann, indem man die Tempi nicht schleifen lässt.

Oper mit Star
Für diese Koproduktion mit der Oper in Genf hat man einen Star engagiert: Elīna Garanča - eine wunderbar ausdrucksstarke  und voluminöse Stimme voller Schönheit und Eleganz und frei jeder Anstrengung, entspannt und weich. Allein für ihre Stimme lohnte sich schon der gestrige Abend in Baden-Baden. Doch auch die Giulietta von Ekaterina Siurina ließ beglückt aufhorchen. Die Russin singt international an den großen Opernhäusern wie bspw. der MET, der Scala, in Wien, London, Paris und München und sang zusammen mit Garanča  Capuleti e i Montecchi bereits in Berlin. Beide harmonierten perfekt und ließen keine Wünsche offen.
Für die kleinere Rolle des Tebaldo hat man den Tenor Yosep Kang von der deutschen Oper Berlin engagiert, der das Duo klangschön mit offener und nur in den obersten Höhen leicht angestrengter Stimme ergänzte. Anstelle des ursprünglich vorgesehenen Genfer Orchesters spielte die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern mit hoher Klangkultur. Die Herren des Genfer Opernchores sowie die weiteren Sänger vervollständigten diesen geglückten Abend.
Eine weitere Entdeckung war gestern der britische Dirigent Karel Mark Chichon der sehr prägnant und mit klarer Linie dirigierte und dabei das Orchester nie breiig oder sentimental werden ließ.

Fazit: Eine hochwertige Aufführung der selten gespielten Bellini-Schönheit

PS: Der Saarländischen Rundfunk hat die Aufführung aufgezeichnet und überträgt sie in seinem zweiten Programm am Samstagabend, 29.11.2014. Am 03.01.2015 folgt eine Ausstrahlung beim DLF.

Besetzung:
Romeo: Elīna Garanča
Giulietta: Ekaterina Siurina
Tebaldo: Yosep Kang
Capellio: Mathias Hausmann
Lorenzo: Nahuel Di Pierro

Dirigent: Karel Mark Chichon
Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern
Chor des Grand Théâtre de Genève
Eine Koproduktion mit dem Grand Théâtre de Genève.

Dienstag, 25. November 2014

3. Symphoniekonzert, 24.11.2014

Was für eine gelungene und schöne Symphoniekonzertsaison bisher!

Viktor Ullmann
erlitt das gleiche Schicksal wie Hans Krása: er starb in Auschwitz. Auch Ullmanns Werke werden heute wieder neu entdeckt und gespielt, z.B seine Oper Der Kaiser von Atlantis hat es wieder zu gewisser Bekanntheit gebracht. Das gestern gespielte Don Quixote tanzt Fandango ist ein nicht fertig gestelltes Werk. Die Ouvertüre für Orchester wurde wenige Monate vor Ullmanns Tod komponiert und erst nach dessen Tod instrumentiert. Wie oder ob es so klingen sollte bleibt spekulativ. Man hört ein interessantes Musikstück mit leichten Anklängen an Mahler. Ein netter musikalischer Aperitiv.

Eine weitere deutsche Erstaufführung beschloß den ersten Teil des Konzerts. Thomas Larcher ist österreichischer Komponist. Sein ca. 22minütiges Konzert für Violine, Violoncello und Orchesters wurde 2011 in London uraufgeführt. Zu Beginn hört man eine Collage: Musik vor Hintergrundtönen - "ein Knacksen, ein Flimmern" laut Programmheft. Doch diese entwickelt sich zu etwas Besonderem. Larcher konstruiert keine Klangmassen ohne bedeutende Form, sondern erschafft eine spannende Architektur, der die Hörer gestern teilweise gebannt folgten bis das meditativ-sphärische Ende das Werk glücklich abrundet. Ein gelungenes und individuelles Werk mit Charakter und eine Entdeckung zum Wiederhören und Weitererkunden - kurz: für ein zeitgenössisches Werk hervorragende Eigenschaften!
Die Solisten der Uraufführung spielten auch gestern in Karlsruhe: Die durch zahlreiche CD-Einspielungen bekannte Violinistin Viktoria Mullova und ihr Ehemann Matthew Barley am Cello, den das Programmheft etwas zu flapsig als "verrückter Grenzgänger zwischen Klassik und Weltmusik" beschreibt, wobei unklar bleibt, ob verrückt als Warnung, Lob oder im Sinne einer mentalen Unordnung gemeint ist. Beide spielten ausgezeichnet mit warmen Klang in harmonischer Ergänzung und leisteten mit Justin Brown ihren Beitrag zum gestrigen  Erfolg, der durch herzlichen Applaus belohnt wurde.


Richard Strauss als Komponist zweifelhafter Musik???
Dieses Jahr feiert man den 150. Geburtstag von Richard Strauss und gerade in Karlsruhe gehören Strauss' Opernwerke zum relevanten Kanon. Umso überraschter mußte man sein, daß die Operndirektion keine Jubiläumsinszenierung auf die Bühne brachte. Hat man ihn schlicht vergessen? Es drängt sich der Verdacht auf, daß man ihn aus persönlichen Gründen nicht haben wollte. Das Programmheft ordnet das gestern zu hörende Ein Heldenleben als ideologisch belastet ein: Richard Strauss hat diesen "fatalen Zug des deutschen Bürgertums, der nicht nur in den Ersten Weltkrieg, sondern letztlich auch zu Hitler führte, in seinem Heldenleben auf den Punkt gebracht". Was will man damit behaupten? Ein Heldenleben als Programm-Musik für Kriegstreiber? Musik, die 1898 uraufgeführt wurde, als Ausdruck von Größenwahn? Also bitte! Wer in den 1950ern  Rock'n'Roll  Musik machte, war auch nicht im Auftrag Satans unterwegs. Musik Gesinnungsdefizite oder Haltungsschäden nachweisen zu wollen, ist Spekulation ohne Mehrwert. Da macht man es sich sehr einfach, um ein Werk oder den Komponisten zu diskreditieren. Unterlegt wird diese Behauptung im Programmheft durch das Zitat eines Zeitgenossen von Strauss: "Es gibt ferner im Heldenleben eine geißelnde Verachtung, ein böses Lachen, ..... Wenig Güte. Es ist das Werk des heroischen Ekels". Ok, nicht jeder mag die Musik Richard Strauss'. Aber "böses Lachen" und ein "Werk des heroischen Ekels", wie das Programmheft zitiert? Nur dann, wenn heroischer Ekel die Umschreibung für Satire ist oder ein Synonym für die Kombination aus Selbstbewusstsein und Humor. Und anstatt Verachtung ist Spott das bessere Wort. Strauss' Gegner sind satirisch dargestellt - dies als Charakterdefizit einer Epoche zu stigmatisieren, lässt eher vermuten, daß die "geißelnde Verachtung" bei anderen Personen als dem Komponisten oder einer Epoche zu suchen sein könnte.
Auch der besprochene (und nicht neue) Vergleich mit Beethovens Eroica ist nur begrenzt zielführend. Das relevante Gegenstück zu Strauss' Heldenleben scheint mir eher Gustav Mahlers 6. Symphonie zu sein. Strauss beschreibt den positiven Helden, der gegen Anfeindungen kämpft und über seine Gegenspieler triumphiert. Bei Mahler triumphiert das Schicksal über den Helden: Ein "negativer" Held, dessen Heldentum darin besteht, daß er nach jedem Sturz wieder aufsteht. Beide ereilt das Schicksal schließlich fatal: verklärend bei Strauss, scheiternd bei Mahler. Beider Werke sind die Ergebnisse unterschiedlicher Charaktere, die sich zeitgebunden entwickelt haben.  

Nun denn, man hat sich in Karlsruhe doch dazu durchgerungen, Ein Heldenleben zu spielen. Irgendwie muß man ja dieses lästige Jubiläum begehen, um nicht die Stammbesucher weiter zu verärgern. Die scheinbaren Zweifel am Werk scherten Justin Brown zum Glück wenig und er zeigte, daß diese Musik weder böse, noch geißelnd oder arm an Güte ist, sondern spannend, witzig und musikalisch grandios. Strauss konzipierte für opulent besetztes Orchester: Dirigent Justin Brown, Violinist Janos Ecseghy und die Badische Staatskapelle spielten das Heldenleben so überzeugend, daß es fast 10 Minuten Applaus gab! Was für eine gelungene und schöne Symphoniekonzertsaison bisher!

Montag, 24. November 2014

Theo van Gogh - Das Interview / Lot Vekemans - Gift, 23.11.2014

Ein zweifaches Doppel: zwei spannende Stücke holländischer Autoren für jeweils zwei Schauspieler an einem Abend, die zukünftig auch einzeln gezeigt werden. Das Ergebnis ist höchst unterschiedlich: Das Interview ist geglücktes Theater, Gift hingegen enttäuscht auf ganzer Linie!

(Un-)Ähnliches
Das Interview
zeigt zwei Medienexperten: eine Konfrontation zweier Fremder in verbaler Auseinandersetzung. Man täuscht sich, um Vorteile zu erringen, man forscht nach den Schwachpunkten und seelischen Verwundbarkeiten des anderen. Das Stück ist geprägt durch überraschende Wendungen und eine grobe und herzlose Komik, bei der man entsetzt und amüsiert sein kann.
Gift zeigt ein früheres Ehepaar: zwei unaufgeregte Alltagsmenschen, Vertraute, die sich fremd geworden sind und nach bitteren Krisen und jahrelanger Funkstille endlich Unaufgearbeitetes klären. Hier dominieren Rücksichtnahme und Schweigen, das durchbrochen werden will. Es geht um Ursachenforschung und um die Therapie seelischer Verletzungen. Gift ist ernst und gelegentlich melancholisch komisch..
Kurz: Das Interview sucht und erforscht Abgründe, in Gift will man Brücken über Gräben bauen.

THEO VAN GOGH - DAS INTERVIEW
Der Journalist, Regisseur und Provokateur Theo van Gogh wurde im November 2004 auf einer Straße in Amsterdam ermordet: acht Kugeln trafen ihn, dann wurde ihm die Kehle durchgeschnitten und ein Bekennerschreiben mit zwei Messerstichen auf seine Brust geheftet. Was hatte van Gogh getan, um so bestialisch hingerichtet zu werden? Er hatte die Unterwerfung und Beschneidung von Frauen im Islam kritisiert und mißbrauchte muslimische Opfer zu Wort kommen lassen. Ein in Holland geborener islamischer Fundamentalist afrikanischer Herkunft richtete ihn hin. Seitdem sind weltweit Morddrohungen und Ermordungen nicht rückgängig. Das dunkle Herz des religiösen Fanatismus wütet weiterhin gegen Toleranz, Aufklärung und Freiheit. Sich mit künstlerischen Mittel zur Wehr zu setzen, ist gefährlich. (Nur auf Kosten des Papstes und der katholischen Kirche wagen viele, Kritik zu zeigen. Der Scheiterhaufen hat ja bereits lange ausgedient und schüchtert niemand mehr ein). Zehn Jahre nach seiner Ermordung erinnert man nun zumindest im Karlsruher Schauspiel an den ermordeten van Gogh und seinen Willen zur Unbequemheit.

Worum geht es?

Ein Kriegsreporter und Politjournalist bekommt die überraschende und für ihn lächerlich wirkende Aufgabe, eine Soap Opera Darstellerin zu interviewen. Doch die lässt nicht zu, daß der unvorbereitete Interviewer sich über sie lustig macht und als massenverblödendes Dummchen darstellt. Es wird ein Duell unter Ebenbürtigen, ein Nahkampf mit vergifteten Komplimenten und gespielter Anteilnahme, gezielten Provokationen und instrumentalisierten Gefühlen. Was ist Berechnung und Täuschung? Was ist authentisch, welches Bekenntnis wahr? Wer gewinnt die Oberhand? Das ursprüngliche Drehbuch zum  Stück wurde zwei mal verfilmt, das amerikanische Remake ist mit Steve Buscemi und Sienna Miller prominent besetzt.
              
Was ist zu sehen?
Erneut liefern Regisseur Dominique Schnizer und seine Ausstatterin Christin Treunert (beiden verdankt man in Karlsruhe auch Richtfest und Der einsame Weg) eine ausgezeichnete Arbeit ab: sehr gut balanciert, jederzeit spannend und ohne Durchhänger und mit Schauspielern, die stets überzeugen und die Spannung gekonnt aufrecht erhalten. Schnizer legt seine Figuren dabei anders an als bspw. die amerikanische Verfilmung. Jannek Petri spielt den Kriegsreporter Pierre nicht als abgestumpften und herablassenden Zyniker, sondern als stark traumatisierten Choleriker. Joanna Kitzl kontert als vielleicht sogar zu eloquente und selbstbewusste Katja. Das Gleichgewicht wird dadurch verschoben, der Duellcharakter geht etwas verloren. Dennoch wird man durch die Wendungen immer wieder überrascht und wird vor allem der Doppelanforderung zwischen Komik und Entsetzen hochwertig gerecht.

Fazit: Bravo! Eine sehr gute Leistung aller Beteiligten, die auch dann überzeugt, wenn man die Verfilmung (und damit die Pointe) bereits kennt.
   

LOT VEKEMANNS - GIFT
Die holländische Autorin Lot Vekemanns (*1965) hat für ihre Stücke bereits einige Auszeichnungen erhalten und ist aktuell angesagt auf deutschen Bühnen: Wer Gift im November 2014 sehen wollte, der könnte das auch in Zürich, München, Aachen, Düsseldorf, Hamburg und Berlin. Wieso der Text so attraktiv ist, erschließt sich in der komplett mißglückten Karlsruher Inszenierung nicht. Frau Vekemanns mußte die Einladung zur Karlsruher Premiere aus Termingründen absagen - zum Glück blieb ihr diese uninspirierte Aufführung erspart.

Worum geht es?

Ort: das Büro eines Friedhofs. Aufgrund einer scheinbar notwendig geworden Umbettung ihres verstorbenen Sohns trifft sich zum ersten Mal seit der Trennung ein früheres Ehepaar wieder, deren Ehe durch den Unfalltod des gemeinsamen Kinds auf eine zu harte Probe gestellt wurde. Er zog einen radikalen Schlußstrich, ging am Abend des 31.12.1999 (in Karlsruhe wird daraus der weniger symbolische 31.12.2005) fort, um zu verdrängen, neu anzufangen ohne den Kontakt aufrecht zu erhalten und ist nun in der Zwischenzeit wieder verheiratet und werdender Vater. Seine frühere Frau blieb alleine und verzweifelt zurück, verstand die Trennung nicht und kämpft immer noch gegen Resignation und Schmerz. In Vekemans Dialog bewegen sich die beiden Figuren langsam aufeinander zu und verarbeiten, was ungesagt blieb. Es gibt Vorwürfe und Streit, bittere Erinnerungen, aber auch der Wille zur Versöhnung und Rücksichtnahme.

Was ist zu sehen?
Das Bühnenbild ist dem Thema entsprechend karg: eine Wand, Stühle, ein Getränkeautomat und Wasserspender. Die junge Regisseurin Marlene Anna Schäfer schafft es, fast jede Binnenspannung aus dem Stück zu eliminieren, ihre Inszenierung kommt über Allgemeinplätze und Offenkundiges nicht hinaus. Kaum eine Szene, in der man von einer Idee sprechen kann, von Originalität ganz zu schweigen. Sie folgt dem Text ohne die Situationen auszuloten, gleich zu Beginn wird bei ihr bspw. bereits aus kalter Glut unbeteiligte Lakonik und zu schwache Charakterisierung. Gift zieht sich langweilig dahin und bleibt stets an der Oberfläche. Doch nicht nur die Regie weiß wenig mit dem Stück anzufangen, auch die Schauspieler nutzen diese Chance der fehlenden Regie nicht; sie schaffen keine Spannung und machen fast nichts aus ihrem Text. Antonia Mohr enttäuscht mit einer seltsam unbeteiligt und ohne Nachdruck wirkenden Charakterisierung. Ihre Figur bleibt komplett blaß und konturenlos. Frank Wiegard schien als Experte für einfache Charaktere und niedrig dimensionierte Figuren seine Position im Karlsruher Ensemble gefunden zu haben; mit der (Fehl-)Besetzung dieser Rolle hat man ihm und dem Publikum keinen Gefallen getan. Wiegard zeigt keine Entwicklung und macht fahrlässig wenig aus seinem Text. Seine Rollendarstellung erinnert leider unweigerlich daran, welche Verluste das Ensemble des Karlsruher Schauspiels erlitten hat. Im Programmheft stellt man Gift in eine Reihe mit Wer hat Angst vor Virginia Woolf? und Der Gott des Gemetzels. Zwei Stücke, die im letzten Jahrzehnt in Karlsruhe zu sehen waren und wer sich an die damaligen Aufführungen zurückerinnert, dem wird angesichts dieser lauwarmen schauspielerischen Leistungen das Herz bluten.

Fazit: Leider ein erneuter Beweis: es fehlen Hauptrollenschauspieler. Eine schwache Leistung, die man wahrscheinlich/hoffentlich bald aus dem Spielplan nehmen wird!


Team und Besetzung:

Das Interview
Katja: Joanna Kitzl
Pierre: Jannek Petri
Regie: Dominique Schnizer
Bühne & Kostüme: Christin Treunert

Gift
Sie: Antonia Mohr
Er: Frank Wiegard
Regie: Marlene Anna Schäfer
Bühne & Kostüme: Christin Treunert

Sonntag, 16. November 2014

John Cranko - Der Widerspenstigen Zähmung, 15.11.2014

Jubel und Applaus
Birgit Keil und das Badische Staatsballett bringen mit Der Widerspenstigen Zähmung einen Klassiker des Balletts von Keils Mentor und Ballettlegende John Cranko auf die Karlsruher Bühne - und es ist gekommen, wie es kommen mußte: alle jubeln und  strahlen und sind begeistert. Ein durch und durch humorvolles Ballett, das viel zu schnell vorüber ist. Und wer schon immer wissen wollte, wieso Premierenkarten ein besonderes (und etwas kostspieligeres) Vergnügen sind, der konnte gestern anhand der Vorfreude, Spannung, der wunderbaren Stimmung und dem Enthusiasmus beim Publikum unmittelbar mitverfolgen, wie viel Glück und Harmonie gelungene Premierenstimmung in sich trägt. (Zumindest etwas von diesem Erfolg wünscht man in Karlsruhe auch Oper und Schauspiel, aber da liegt noch ein langer Weg mit viel Änderungsbedarf vor diesen Sparten, bevor man wieder annähernd diese Akzeptanz und Zuneigung des Publikums erringen kann. Doch auch die Schwäche der Oper hat anscheinend ihre Auswirkung aufs Ballett: wenn sich die Anzahl der spartenübergreifenden Abonnements verringert, bleiben auch öfters Karten im Ballett übrig.)

Ruhm und Ehre
Birgit Keil bekam vom Nachlassverwalter John Crankos die Aufführungsrechte des Werkes zum Geschenk. Die Uraufführung des Stuttgarter Balletts fand am 16. März 1969 statt und nach 45 Jahren feiert man nun in Karlsruhe das frühere Stuttgarter Ballettwunder und Keils Lebenswerk und Karriere als Ballerina, Lehrerin, Förderin und Ballettdirektorin sowie den aktuellen Erfolg des Karlsruher Staatsballetts und insbesondere der Gewinn des FAUST-Preises durch die erste Solistin Bruna Andrade.
Nach einem Autounfall im Jahr 1968 erfolgte Birgit Keils erster Auftritt in Der Widerspenstigen Zähmung als Bianca beim legendären Stuttgarter Gastspiel im Mai 1969 in New York. Nach weiteren Verletzungspausen erfolgte ihr Rollendebut als Katharina im Dezember 1970.

Worum geht es?
Das auf Shakespeares gleichnamiger Komödie basierende Ballett dreht sich um zwei Schwestern: Die liebreizende Bianca hat drei Verehrer, darf aber erst heiraten, wenn ihre ältere Schwester -die widerborstige Katharina- unter die Haube gekommen ist. Diese zeigt aber keine Ambitionen und so bezahlt man den mittellosen Petrucchio, um Katharina zu ehelichen. Doch es ist keine Liebe auf den ersten Blick, erst nach einigen Auseinandersetzungen finden die beiden zueinander. John Cranko erklärte dazu: „Die ganze Handlung dreht sich um einen Mann und um eine Frau und um deren Beziehung zueinander. Drei Pas de deux. Zuerst ist sie die Stärkere, er ist der Freier; im zweiten ist er der Stärkere, sie seine Frau; zum Schluss kommen sie zu einer Balance und sind wirklich ineinander verliebt“. Doch bis dahin gibt es Szenen häuslicher Gewalt und Konfrontationen klassischer Rollenvorstellungen - und das alles in deutlichen Szenen und ständigem Hin und Her zwischen den Figuren: es geht um Macht und Unterwürfigkeit, es gibt Ringkämpfe und gerissene Finten, doch ohne ernsten Subtext. Alles ist in geradlinigem Humor gehalten: Ballett als Show.

Was ist zu sehen?
John Crankos Ballettkomödie hat seine Ausnahmestellung durch Eigenschaften, die man auch dem Choreographen nachsagt: "überquellender Humor und ansteckende Lebensfreude". Ein stets heiteres und kurzweiliges Vergnügen, bei dem die Tänzer gleich mehrfach gefordert sind: tänzerisch, schauspielerisch, pantomimisch und komödiantisch. Das Leichte ist das Schwere - unter dieser Prämisse gelang dem Karlsruher Ballett gestern ein großartiger Erfolg, denn es wirkte alles leicht und heiter, was in der Premiere zu sehen und hören war.
Als Katharina war in der Premiere Blythe Newman auf der Bühne (in den folgenden Monaten werden auch Bruna Andrade, Harriet Mills und Rafaelle Queiroz zu sehen sein). Newman gab ihrer Rolle die perfekte Mischung aus Resolutheit und Unsicherheit, Kratzbürstigkeit und Liebesglück. Ihr Partner Petrucchio ist mit einem erfahrenem Routinier besetzt.  Filip Barankiewicz (mehr zu ihm findet sich hier) gehört zum Ensemble des Stuttgarter Balletts und tanzt seit Jahren als Petrucchio. Sein Auftritt war aber alles andere als einfach nur routiniert, sondern voller Elan und Freude und Leidenschaft: er bekam immer wieder Szenenapplaus und war der Star des Abends. (Später folgen Kammertänzer Flavio Salamanka, Admill Kuyler und Bledi Bejleri in dieser Rolle.)
Rafaelle Queiroz  als Bianca (später auch mit Sabrina Velloso und Moeka Katsuki besetzt), ihre drei Verehrer Zhi Le Xu, Reginaldo Oliveira (als Gremio ein weiterer komischer Höhepunkt des Abends) und  Louis Bray sowie Bruna Andrade, Hélène Dion und Andrey Shatalin als Priester und die Gruppentänzer- alle zusammen zeigen eine runde Leistung. BRAVO!

Die Ausstattung kopiert die Originalinszenierung von 1969: farbenreiche Kostüme im Retro-Look, die sich an die  Renaissance-Mode des italienischen Spielorts Padua anlehnen. In Kombination mit der Bühne drängt sich die Stilverwandschaft zu Romeo und Julia unmittelbar auf (und zwar in beiden wesentlichen Choreographien: Crankos Stuttgarter Fassung oder die in Karlsruhe gezeigte von Kenneth MacMillan bieten eine ähnliche Ausstattung.)

Was ist zu hören?
Die Musik basiert auf Werken des Barock-Komponisten Domenico Scarlatti, die Kurt-Heinz Stolze arrangiert und orchestriert hat. (Stolze war auch für die Musikauswahl des Cranko-Balletts Onegin verantwortlich). Dirigent Steven Moore  bringt mit der Badischen Staatskapelle diese neoklassizistisch modernisierte und orchestral aufgestockte Musik vergnügt-lebendig zum Klingen - eine gute-Laune-Partitur, der vielleicht etwas die Raffinesse fehlt, dafür aber nie die Konzentration von den Augen zu den Ohren ablenkt.
        
Fazit: Gelöste Feierstimmung bei allen. Man muß es ab und zu wiederholen: wir erleben gerade eine goldene Zeit des Karlsruher Balletts, an die man sich irgendwann in der Zukunft wehmütig erinnert. Und gerade deshalb sollte man das als zufriedener Zuschauer auch honorieren und es weiterempfehlen bzw. Eintrittskarten verschenken! Man muß schon in sehr verstockter Stimmung sein, um hier keine heiteren 2,5 Stunden zu erleben.

PS1: Birgit Keil bleibt bis 2019 Ballettdirektorin in Karlsruhe!

PS2:  gestern gab es Besuch aus Stuttgart - Reid Anderson (seit 1996 Ballettintendant des Stuttgarter Balletts) und Tamas Detrich (seit 2004 der stellvertretende künstlerische Leiter des Stuttgarter Ballett) waren im Publikum.


Team und Premieren-Besetzung
Katharina: Blythe Newman    
Bianca: Rafaelle Queiroz 
Petrucchio: Filip Barankiewicz   
Lucentio: Zhi Le Xu    
Gremio: Reginaldo Oliveira    
Hortensio: Louis Bray   
Baptista: Eric Blanc   
Wirt: Andrey Shatalin    
Priester: Andrey Shatalin    
Dirnen: Bruna Andrade, Hélène Dion    

Musikalische Leitung: Steven Moore
Inszenierung & Choreografie: John Cranko
Einstudierung: Jane Bourne
Bühne & Kostüme: Elisabeth Dalton
Licht: Steen Bjarke

Dienstag, 11. November 2014

Bruna Andrade als FAUST-Preisträgerin

Alle freuen sich mit Bruna Andrade, die letztes Wochenende den FAUST-Preis als beste Tänzerin im Fall M. des Mythos-Ballettabends hochverdient gewonnen hat. Sogar die Frankfurter Allgemeine hat das im Internet kommentiert:

"FAUST-Preis für die brasilianische Ballerina Bruna Andrade
...die zum Glück in Karlsruhe tanzt, und nicht in Rio de Janeiro. Warum sie den Preis als "Beste Darstellerin Tanz" so verdient.
"

Mehr hier: http://blogs.faz.net/tanz/2014/11/10/faust-preis-fuer-die-brasilianische-ballerina-bruno-andrade-645/

Und ebenso preiswürdig und nicht zu vergessen: Die Choreographie, die es Bruna Andrade ermöglichte, den Preis zu gewinnen, ist vom Karlsruher Tänzer und Hauschoreographen Reginaldo Oliveira.