Heiße 36°C im Verlauf des Tages, doch wer befürchtete, ermattete Musiker nach der ersten Hitzewelle des Jahres anzutreffen, lag falsch. Gestern Abend war das Kunststück einer hoch konzentrierten und doch glücklich gelösten Aufführung zu bestaunen. Justin Brown und die Badische Staatskapelle spielten ein famos gelungenes Konzert.
Meeresimpressionen - groß besetzte Orchestergemälde über maritime Themen und ein Liederzyklus, Musik aus England und Frankreich stand auf dem Programm des 7. Symphoniekonzerts, das auch zur Einstimmung und Vorbereitung auf den kommenden Höhepunkt in der Oper nützt: Benjamin Brittens 1945 uraufgeführtes Meisterwerk Peter Grimes hat am 06.07.13 Premiere im Großen Haus - eine Oper, aus der Britten fünf orchestrale Zwischenspiele -Sea Interludes- für den Konzertgebrauch zusammenstellte, die den gestrigen Abend ergänzt hätten, aber aus guten Grund so kurz vor der Premiere fehlten.
Frank Bridge (*1879 †1941) war der Kompositionslehrer von Benjamin Britten. The Sea ist ein zwischen Ruhe und Aufruhr, Idylle und Naturgewalt angesiedelte musikalische Bilddichtung in vier Sätzen, die ihren Ursprung in der Spätromantik hat. Ein klangschönes, teilweise schwelgerisches Konzertstück - zwar keine Entdeckung, aber dennoch eine schöne Ausgrabung.
Benjamin Brittens musikalisch abwechslungs- und stimmungsreicher Liedzyklus für hohe Stimme und Streichorchester Les Illuminations ist -wie auch die Anfang der Spielzeit aufgeführte Sinfonia da Requiem- ein Resultat seines USA Aufenthalts zwischen 1939 und 1942. Mit Eleazar Rodriguez hat man einen Sänger im Karlsruher Ensemble, der innerhalb von zwei Spielzeiten nur positiv auf sich aufmerksam gemacht hat und dem man nach seinem sympathischen, engagierten gestrigen Auftritt und spannend vorgetragenen Liedzyklus sowie bspw. der Hauptrolle in Donizettis Regimentstochter, regelmäßig Hauptrollen und noch viele schöne Jahre am Badischen Staatstheater wünscht. Bravo an alle Beteiligte für eine sehr gelunge Aufführung!
Der britische Komponist Benedict Mason (*1954) hat für seine Komposition Lighthouses of England and Wales die britische Küste bereist und versucht, Leuchtfeuer und Leuchttürme in ihrer Rhythmik und Besonderheit musikalisch zu erfassen. So originell die Entstehungsgeschichte auch erscheint - dem Durchschnittshörer bleibt als Charakteristik wohl nur etwas im Ohr, das sich dreht und kreist. Ob man mit dieser Musik ein Leuchtfeuer assoziiert oder die Musik als Schwindelgefühl, Agonie und Katerstimmung nach einer durchzechten Nacht interpretiert, bleibt eine individuelle Wahrnehmung. Zumindest gab es einige interessante Klangeffekte. Der mäßige Applaus sprach für wenig seemännische Begeisterung im Publikum.
Doch Begeisterung löste Justin Brown an diesem Abend mit einer umwerfend großartigen Aufführung zum Abschluß aus. Der Abend endete wie er begann - mit der im Vergleich zu Bridges The Sea deutlich bekannteren (und beeindruckenderen) französischen Meeresbeschreibung La Mer von Claude Debussy. Es war einer der seltenen Glücksfälle, bei denen man den Eindruck hat, daß ein Dirigent eine ausgesprochen hohe Affinität zu einer Komposition hat und eine mustergültige und vorbildliche Interpretation spielt. Noch mal an alle Beteiligten: Bravo und vielen Dank für das schöne Konzert!
Gestern im Badischen Staatstheater in Karlsruhe
Nach fast 25 Jahren als regelmäßiger Besucher des Badischen Staatstheaters und circa 30-40 Opern-, Theater- und Ballettvorstellungen im Jahr und Besuchen in anderen Städten verliert man schon mal den Überblick. Dieser Tagebuch-Blog dient mir ab der Spielzeit 2011/2012 als elektronische Erinnerung.
Dienstag, 18. Juni 2013
Mittwoch, 12. Juni 2013
Donizetti - Die Regimentstochter, 11.06.2013
Bald endet das zweite Jahr der neuen Intendanz und man sollte im Badischen Staatstheater Betriebstemperatur erreicht haben. Aber hat man das denn?
Immer wieder fiel mir in den letzten Wochen und Monaten auf, daß mich das Opernprogramm nicht glücklich macht. Warum? Was stand bzw. steht denn unter der Woche im Mai und Juni überhaupt auf dem Programm? Man hat zwei Monate lang die Qual der Wahl unter 3 (drei) Stücken: an Werktagen kann man acht Wochen lang nur entweder Der Vetter aus Dingsda oder Die Regimentstochter oder Die Passagierin hören. Kommt nur mir das etwas wenig und abwechslungsarm vor?
Kurze Stichproben in den Jahren 2009 und 2010 zeigen, daß damals jeweils sechs Opern unter der Woche auf dem Programm standen, also doppelt so viel Auswahlmöglichkeiten.
(2010: Herzog Blaubarts Burg, Die griechische Passion, Cosi fan tutte, Der Barbier von Seviglia, Fidelio, Tosca und in Vorstellungen am Wochenende: Euryanthe, Masnadieri, Don Carlos, Rosenkavalier).
Leidet man in Karlsruhe bezüglich des Opernprogramms aktuell unter einer gewissen Eintönigkeit und mangelnden Wahlmöglichkeiten oder ist man einfach noch nicht soweit, einen vielfältigeren Spielplan mit dem neuen Ensemble auf die Beine zu stellen?
Die Oper geht ja einen anderen Weg als das Schauspiel: man orientiert man sich an den Liebhabern und Kennern und präsentiert ihnen Opern, die es in den letzten Jahrzehnten in der Regel nicht oder noch nie zu hören gab. Ob das wirklich den etwas beliebig anmutenden Titel "Bestes Opernprogramm" verdient, gehört zur Kategorie überflüssiger, bedeutungsloser, aber modischer Ranglisten-Erörterungen (neudeutsch: Rankings), die mehr Zeitvertreib als Erkenntnisgewinn versprechen. Und dennoch möchte ich hier mal ausdrücklich Joscha Schaback und Bernd Feuchtner loben. Das Programm ist interessant und bemerkenswert, dennoch fehlt mir etwas, das nur schwer zu umschreiben ist - eine wöchentliche Möglichkeit etwas Bekömmliches anzuhören, das über eine Operette hinaus gehen soll (obwohl mir Der Vetter aus Dingsda sehr gefällt) und wiederum für einen spontanen Besuch nach Feierabend weniger schwer und ernst ist als Wallenberg oder Die Passagierin.
Auf die gestrige Vorstellung von Donizettis Regimentstochter habe ich mich deshalb richtig gefreut. Die Inszenierung ist, wie auch bereits Spontinis La Vestale, solides Handwerk. Beide hätten meines Erachtens -und das ist wertungsfrei gemeint- auch in der Thorwald-Zeit so produziert werden können und nur zur Intendanz Pavel Fiebers (dessen Opernprogramm für mich besser war als sein Ruf) hätten sie wohl nicht gepasst.
Die A-Premiere der Regimentstochter war ein gut unterhaltsames und sängerisch hochwertiges Erlebnis und in der Besetzung fast identisch mit der gestrigen Vorstellung (für die kranke Tiny Peters sprang Multitalent Anna-Magdalena Beetz ein), bei der alle Beteiligten unverändert viel Spielfreude und Virtuosität zeigten. Vor allem das zentrale Quartett Schlingensiepen / Eleazar (an beide: Bravo!) und Gauntt / Hudarew trugen zur guten Stimmung bei dieser harmlosen Inszenierung bei, die einen kurzweiligen ersten Akt und einen sich etwas ziehenden zweiten aufweist. Das Publikum reagierte wie schon in der Premiere sehr angetan von der Aufführung und gab allen Beteiligten viel und langen Applaus.
Immer wieder fiel mir in den letzten Wochen und Monaten auf, daß mich das Opernprogramm nicht glücklich macht. Warum? Was stand bzw. steht denn unter der Woche im Mai und Juni überhaupt auf dem Programm? Man hat zwei Monate lang die Qual der Wahl unter 3 (drei) Stücken: an Werktagen kann man acht Wochen lang nur entweder Der Vetter aus Dingsda oder Die Regimentstochter oder Die Passagierin hören. Kommt nur mir das etwas wenig und abwechslungsarm vor?
Kurze Stichproben in den Jahren 2009 und 2010 zeigen, daß damals jeweils sechs Opern unter der Woche auf dem Programm standen, also doppelt so viel Auswahlmöglichkeiten.
(2010: Herzog Blaubarts Burg, Die griechische Passion, Cosi fan tutte, Der Barbier von Seviglia, Fidelio, Tosca und in Vorstellungen am Wochenende: Euryanthe, Masnadieri, Don Carlos, Rosenkavalier).
Leidet man in Karlsruhe bezüglich des Opernprogramms aktuell unter einer gewissen Eintönigkeit und mangelnden Wahlmöglichkeiten oder ist man einfach noch nicht soweit, einen vielfältigeren Spielplan mit dem neuen Ensemble auf die Beine zu stellen?
Die Oper geht ja einen anderen Weg als das Schauspiel: man orientiert man sich an den Liebhabern und Kennern und präsentiert ihnen Opern, die es in den letzten Jahrzehnten in der Regel nicht oder noch nie zu hören gab. Ob das wirklich den etwas beliebig anmutenden Titel "Bestes Opernprogramm" verdient, gehört zur Kategorie überflüssiger, bedeutungsloser, aber modischer Ranglisten-Erörterungen (neudeutsch: Rankings), die mehr Zeitvertreib als Erkenntnisgewinn versprechen. Und dennoch möchte ich hier mal ausdrücklich Joscha Schaback und Bernd Feuchtner loben. Das Programm ist interessant und bemerkenswert, dennoch fehlt mir etwas, das nur schwer zu umschreiben ist - eine wöchentliche Möglichkeit etwas Bekömmliches anzuhören, das über eine Operette hinaus gehen soll (obwohl mir Der Vetter aus Dingsda sehr gefällt) und wiederum für einen spontanen Besuch nach Feierabend weniger schwer und ernst ist als Wallenberg oder Die Passagierin.
Auf die gestrige Vorstellung von Donizettis Regimentstochter habe ich mich deshalb richtig gefreut. Die Inszenierung ist, wie auch bereits Spontinis La Vestale, solides Handwerk. Beide hätten meines Erachtens -und das ist wertungsfrei gemeint- auch in der Thorwald-Zeit so produziert werden können und nur zur Intendanz Pavel Fiebers (dessen Opernprogramm für mich besser war als sein Ruf) hätten sie wohl nicht gepasst.
Die A-Premiere der Regimentstochter war ein gut unterhaltsames und sängerisch hochwertiges Erlebnis und in der Besetzung fast identisch mit der gestrigen Vorstellung (für die kranke Tiny Peters sprang Multitalent Anna-Magdalena Beetz ein), bei der alle Beteiligten unverändert viel Spielfreude und Virtuosität zeigten. Vor allem das zentrale Quartett Schlingensiepen / Eleazar (an beide: Bravo!) und Gauntt / Hudarew trugen zur guten Stimmung bei dieser harmlosen Inszenierung bei, die einen kurzweiligen ersten Akt und einen sich etwas ziehenden zweiten aufweist. Das Publikum reagierte wie schon in der Premiere sehr angetan von der Aufführung und gab allen Beteiligten viel und langen Applaus.
Samstag, 1. Juni 2013
Siegfried (Ballett), 31.05.2013
Die Wiederaufnahme nach einem Jahr bestätigt die bisherigen Beobachtungen (mehr dazu hier, hier und hier): was für ein eindrucksstarkes und abwechslungsreiches Ballett, wie spannend getanzt vom Badischen Staatsballett und wie packend dirigiert und gespielt von Christoph Gedschold und der Badischen Staatskapelle. Es macht einfach Spaß zuzusehen und zuzuhören, abwechselnd oder zusammen. Entweder auf der Bühne oder im Orchestergraben oder auch gleichzeitig - es passiert immer etwas Bemerkenswertes.
Die erste Solistin Bruna Andrade hat gestern sogar das Kunststück vollbracht, noch weiter ihn ihre Rolle als Kriemhild hineinzuwachsen und ihren Ausdruck zu intensivieren, Admill Kuyler ist der Glücksfall eines charismatischen Siegfried und Andrey Shatalin hat es geschafft, seiner Rolle ein so unverwechselbares Profil zu geben, daß man sich Hagen nicht besser besetzt vorstellen kann. An alle drei: BRAVO!
Neu besetzt und einen guten Eindruck hinterließen Harriet Mills als Brünhilde anstelle von Barbara Blanche und Arman Aslizadyan als Gunther anstelle von Flavio Salamanka..
Viel Jubel und nicht enden wollender rhythmischer Applaus. Es ist immer wieder schön zu beobachten, mit wie viel Zuneigung und Anerkennung das Karlsruher Publikum seiner Ballettkompagnie begegnet.
PS: In der Saison 2013/2014 steht Siegfried nicht auf dem Spielplan. Wer es noch nicht gesehen hat oder es noch mal besuchen will, der hat nur vier verbleibende Termine zur Auswahl:
Mittwoch, 05.06./ Sonntag, 23.06. / Mittwoch, 10.07. / Samstag, 20.07.2013
Die erste Solistin Bruna Andrade hat gestern sogar das Kunststück vollbracht, noch weiter ihn ihre Rolle als Kriemhild hineinzuwachsen und ihren Ausdruck zu intensivieren, Admill Kuyler ist der Glücksfall eines charismatischen Siegfried und Andrey Shatalin hat es geschafft, seiner Rolle ein so unverwechselbares Profil zu geben, daß man sich Hagen nicht besser besetzt vorstellen kann. An alle drei: BRAVO!
Neu besetzt und einen guten Eindruck hinterließen Harriet Mills als Brünhilde anstelle von Barbara Blanche und Arman Aslizadyan als Gunther anstelle von Flavio Salamanka..
Viel Jubel und nicht enden wollender rhythmischer Applaus. Es ist immer wieder schön zu beobachten, mit wie viel Zuneigung und Anerkennung das Karlsruher Publikum seiner Ballettkompagnie begegnet.
PS: In der Saison 2013/2014 steht Siegfried nicht auf dem Spielplan. Wer es noch nicht gesehen hat oder es noch mal besuchen will, der hat nur vier verbleibende Termine zur Auswahl:
Mittwoch, 05.06./ Sonntag, 23.06. / Mittwoch, 10.07. / Samstag, 20.07.2013
Mittwoch, 29. Mai 2013
Vorverkauf für das Sonderkonzert mit Franco Fagioli sowie Riccardo Primo startet am 01.06.13
Die Spielzeit 2013/14 wird für Barock-Freunde ein besonderes Jahr, das mit viel Vorfreude erwartet wird. Bereits im Februar startete der Vorverkauf für einige Vorstellungen der Händel Festspiele 2014. Am Samstag, 01.06.13 soll nun der Vorverkauf für das Sonderkonzert mit Franco Fagioli sowie für zwei weitere Vorstellungen von Riccardo Primo bei den Händel Festspielen 2014 starten.
Am Sonntag, 24.11.2013 stellt Franco Fagioli in Karlsruhe erstmals seine neue CD Arien für Caffarelli live im Konzert vor. Caffarelli (*1710 †1783) war einer der drei berühmtesten Kastraten des 18. Jahrhunderts (neben Farinelli und Senesino), für dessen virtuose Gesangsstimme viele große Komponisten Opernarien schufen.
Auch sind zwei weitere Termine für die Aufführung der in barockem Stil und mit Kerzenlicht inszenierten Oper Riccardo Primo (Richard Löwenherz) bei den Händel Festspielen 2014 im Verkauf.
Eintrittskarten sind voraussichtlich hier über den Vorverkauf des Badischen Staatstheaters erhältlich:
http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/haendel-festspiele-2014/
Arien für Caffarelli - Voraussichtliches Pogramm
Franco Fagioli: Countertenor
Ensemble Il Pomo d‘Oro
Dirigent: Ricardo Minasi
I. Teil
Instrumental
Nicola Porpora - Passaggier che sulla sponda
Gennaro Manna - Cara ti lascio, Addio
Leonardo Vinci- In braccio a mille furie
Instrumental
Johann Adolph Hasse - Fra l’orror della tempesta
Leonardo Leo - Misero pargoletto
Gennaro Manna - Odo il suono di tromba guerriera
II. Teil
Instrumental
Nicola Pergolesi - Lieto così talvolta
Leonardo Leo - Sperai vicino il lido
Instrumental
Pasquale Cafaro - Gonfio tu vedi il fiume
Domenico Sarro - Un cor che ben ama
Die CD-Veröffentlichung bei NAÏVE ist für den Herbst 2013 geplant.
Besetzung Riccardo Primo (Richard Löwenherz)
Riccardo I.: Franco Fagioli
Costanza: Emily Hindrichs
Isacio: Lisandro Abadie
Pulcheria: Claire Lefilliâtre
Oronte: Nicholas Tamagna
Berardo: Andrew Finden
Dirigent: Michael Hofstetter
Regie: Benjamin Lazar
Am Sonntag, 24.11.2013 stellt Franco Fagioli in Karlsruhe erstmals seine neue CD Arien für Caffarelli live im Konzert vor. Caffarelli (*1710 †1783) war einer der drei berühmtesten Kastraten des 18. Jahrhunderts (neben Farinelli und Senesino), für dessen virtuose Gesangsstimme viele große Komponisten Opernarien schufen.
Auch sind zwei weitere Termine für die Aufführung der in barockem Stil und mit Kerzenlicht inszenierten Oper Riccardo Primo (Richard Löwenherz) bei den Händel Festspielen 2014 im Verkauf.
Eintrittskarten sind voraussichtlich hier über den Vorverkauf des Badischen Staatstheaters erhältlich:
http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/haendel-festspiele-2014/
Arien für Caffarelli - Voraussichtliches Pogramm
Franco Fagioli: Countertenor
Ensemble Il Pomo d‘Oro
Dirigent: Ricardo Minasi
I. Teil
Instrumental
Nicola Porpora - Passaggier che sulla sponda
Gennaro Manna - Cara ti lascio, Addio
Leonardo Vinci- In braccio a mille furie
Instrumental
Johann Adolph Hasse - Fra l’orror della tempesta
Leonardo Leo - Misero pargoletto
Gennaro Manna - Odo il suono di tromba guerriera
II. Teil
Instrumental
Nicola Pergolesi - Lieto così talvolta
Leonardo Leo - Sperai vicino il lido
Instrumental
Pasquale Cafaro - Gonfio tu vedi il fiume
Domenico Sarro - Un cor che ben ama
Die CD-Veröffentlichung bei NAÏVE ist für den Herbst 2013 geplant.
Besetzung Riccardo Primo (Richard Löwenherz)
Riccardo I.: Franco Fagioli
Costanza: Emily Hindrichs
Isacio: Lisandro Abadie
Pulcheria: Claire Lefilliâtre
Oronte: Nicholas Tamagna
Berardo: Andrew Finden
Dirigent: Michael Hofstetter
Regie: Benjamin Lazar
Dienstag, 28. Mai 2013
6. Symphoniekonzert, 27.05.2013
Zu Beginn erklang eine ungewohnt "runde" Sache des 1974 in Innsbruck geborenen Johannes Maria Staud. Sein Preludio für Orchester Tondo ist kreisförmig angelegt - ein musikalisches Perpetuum mobile, bei dem das Ende in den Anfang übergeht und das ca. zehnminütige Stück vom Dirigenten beendet werden muß oder es sich sonst da capo wiederholt. Das Stück wirkte bemüht, vor allem bemüht um Originalität und war als visueller Eindruck für viele wahrscheinlich interessanter denn als akustischer: ein großes Orchester mit viel Schlagzeug und unterschiedlichsten Klangeffekten. Zumindest Filmmusikqualitäten kann man Tondo beim ersten Hören attestieren.
Mozarts Klarinettenkonzert benötigt keine weiteren Worte. Fast genau vor 10 Jahren war es zuletzt in Karlsruhe zu hören und auch diesmal hat es wieder verzaubert. Der Solo-Klarinettist der Badischen Staatskapelle Frank Nebl spielte mit souveräner Gelassenheit einen wunderbar beredten und eloquenten Mozart. Bravo!
Nach der Pause folgte die vierte Symphonie von Bohuslav Martinů. Vor drei Jahren war Martinůs Oper Die Griechische Passion mit schönem Erfolg in Karlsruhe gespielt worden und seine vierte Symphonie, die im Sommer 1945 im amerikanische Exil fertig wurde, gilt als seine beliebteste, schönste und optimistischste unter den sechs Werken dieser Gattung. Eine freudvolle Erwartung und etwas ausgelassen Hoffnungsvolles durchzieht diese originelle Symphonie, die durch rhythmische Melodien auch etwas Unruhiges hat. Nur im langsamen dritten Satz gibt es längere Kantilenen.
Es war vielleicht ein Konzert, das mit ca. 75 Minuten Musik ein wenig zu kurz geplant war. Johannes Willig und die Badische Staatskapelle spielten wie gewohnt sehr gut und bekamen langen Applaus zum Abschluß.
Mozarts Klarinettenkonzert benötigt keine weiteren Worte. Fast genau vor 10 Jahren war es zuletzt in Karlsruhe zu hören und auch diesmal hat es wieder verzaubert. Der Solo-Klarinettist der Badischen Staatskapelle Frank Nebl spielte mit souveräner Gelassenheit einen wunderbar beredten und eloquenten Mozart. Bravo!
Nach der Pause folgte die vierte Symphonie von Bohuslav Martinů. Vor drei Jahren war Martinůs Oper Die Griechische Passion mit schönem Erfolg in Karlsruhe gespielt worden und seine vierte Symphonie, die im Sommer 1945 im amerikanische Exil fertig wurde, gilt als seine beliebteste, schönste und optimistischste unter den sechs Werken dieser Gattung. Eine freudvolle Erwartung und etwas ausgelassen Hoffnungsvolles durchzieht diese originelle Symphonie, die durch rhythmische Melodien auch etwas Unruhiges hat. Nur im langsamen dritten Satz gibt es längere Kantilenen.
Es war vielleicht ein Konzert, das mit ca. 75 Minuten Musik ein wenig zu kurz geplant war. Johannes Willig und die Badische Staatskapelle spielten wie gewohnt sehr gut und bekamen langen Applaus zum Abschluß.
Donnerstag, 23. Mai 2013
Karlsruher Schauspiel vor bitterem Einschnitt
Gestern wurde das Spielzeitheft 2013/14 im Internet veröffentlicht. Hier der Link zu dem ca. 11 MB großen pdf-Dokument. Falls es keine Druckfehler auf den Seiten 187/188 und bei der Legende auf Seite 192 gibt (** bedeutet "für einen Teil der Spielzeit"), trüben sich die Aussichten für das Schauspiel noch weiter ein.
Ein Schock für alle Schauspiel-Fans
Das Badische Staatstheater verliert einen Großteil seiner Hauptdarsteller: Cornelia Gröschel, Timo Tank, Georg Krause und Jonas Riemer verlassen das Schauspiel-Ensemble im Verlauf der nächsten Spielzeit.
Die Karlsruher Problemsparte steht vor einem bitteren Einschnitt
Ob man diesen Qualitätsverlust während der verbleibenden drei Jahre unter der aktuellen Schauspielleitung kompensieren kann, darf in hohem Grad bezweifelt werden. Bei dem in den letzten zwei Spielzeiten zu beobachtenden Umbau des Staatstheaters hin zu einem Schüler-, Volks- und Singspieltheater, bei dem das Sprechtheater nur eine untergeordnete Rolle spielt, konnte man leider eines feststellen: gerade bei den Schauspielern hat man Qualitätseinbußen.
Schauspiel ohne Hauptdarsteller
Blickt man wenige Jahre zurück, dann war es vielleicht die goldene Zeit des Karlsruher Schauspiels:
Unterschiedliche
Typen, aber alle Charismatiker mit ungewöhnlich hoher
Bühnenausstrahlung. Und man muß es ehrlich zugeben: keiner von den seit
2011 gekommenen Schauspielern hätte sich gegen diese Gruppe durchsetzen
können. Jan Andreesen, Simon Bauer, Matthias Halle und Matthias Lamp wären wirklich gute Ergänzungen, sind aber kein Ersatz.
PS: Sebastian Kreutz wird diesen Sommer bei den Schlossfestspielen Ettlingen die Hauptrolle in der Komödie “Der Diener zweier Herrn” von Carlo Goldoni übernehmen. Liebes Badisches Staatstheater, holt ihn doch wieder zurück. Ihr benötigt dringend Hauptrollen-Schauspieler!
NACHTRAG:
Über Facebook hatte ich dem Badischen Staatstheater folgende Frage gestellt:
"Verstehe ich das (**) richtig: Cornelia Gröschel, Timo Tank, Georg Krause und Jonas Riemer verlassen im Verlauf der nächsten Spielzeit das Schauspiel-Ensemble???"
Freundlicherweise hat Jan Linders folgende Antwort geschickt
"... Die von Ihnen genannten Schauspieler werden 2013/14 mit Teilspielzeitverträgen am Staatstheater zu sehen sein.
Cornelia Gröschel spielt die Agnes,
Timo Tank spielt in Dantons Tod, Der Einsame Weg und Prinz von Homburg.
Georg Krause spielt in Der Einsame Weg, Alice und neu in Gas.
Jonas Riemer spielt seine Hauptrolle in Der Vorname.
Neu engagiert haben wir Florentine Krafft von der Zürcher Hochschule.
Neu auf den Bühnen des Staatstheaters werden u. a. Tim Grobe aus dem Ensemble des Schauspielhauses Hamburg sowie Andrej Kaminsky aus dem Ensemble des Centraltheaters Leipzig zu sehen sein.
Mit freundlichen Grüßen
Jan Linders
Schauspieldirektor"
Ein Schock für alle Schauspiel-Fans
Das Badische Staatstheater verliert einen Großteil seiner Hauptdarsteller: Cornelia Gröschel, Timo Tank, Georg Krause und Jonas Riemer verlassen das Schauspiel-Ensemble im Verlauf der nächsten Spielzeit.
Die Karlsruher Problemsparte steht vor einem bitteren Einschnitt
Ob man diesen Qualitätsverlust während der verbleibenden drei Jahre unter der aktuellen Schauspielleitung kompensieren kann, darf in hohem Grad bezweifelt werden. Bei dem in den letzten zwei Spielzeiten zu beobachtenden Umbau des Staatstheaters hin zu einem Schüler-, Volks- und Singspieltheater, bei dem das Sprechtheater nur eine untergeordnete Rolle spielt, konnte man leider eines feststellen: gerade bei den Schauspielern hat man Qualitätseinbußen.
Schauspiel ohne Hauptdarsteller
Blickt man wenige Jahre zurück, dann war es vielleicht die goldene Zeit des Karlsruher Schauspiels:
- Sebastian Kreutz
- Timo Tank
- Tom Gerber
- Jörg Seyer
- Georg Krause
- Stefan Viering
- André Wagner
PS: Sebastian Kreutz wird diesen Sommer bei den Schlossfestspielen Ettlingen die Hauptrolle in der Komödie “Der Diener zweier Herrn” von Carlo Goldoni übernehmen. Liebes Badisches Staatstheater, holt ihn doch wieder zurück. Ihr benötigt dringend Hauptrollen-Schauspieler!
NACHTRAG:
Über Facebook hatte ich dem Badischen Staatstheater folgende Frage gestellt:
"Verstehe ich das (**) richtig: Cornelia Gröschel, Timo Tank, Georg Krause und Jonas Riemer verlassen im Verlauf der nächsten Spielzeit das Schauspiel-Ensemble???"
Freundlicherweise hat Jan Linders folgende Antwort geschickt
"... Die von Ihnen genannten Schauspieler werden 2013/14 mit Teilspielzeitverträgen am Staatstheater zu sehen sein.
Cornelia Gröschel spielt die Agnes,
Timo Tank spielt in Dantons Tod, Der Einsame Weg und Prinz von Homburg.
Georg Krause spielt in Der Einsame Weg, Alice und neu in Gas.
Jonas Riemer spielt seine Hauptrolle in Der Vorname.
Neu engagiert haben wir Florentine Krafft von der Zürcher Hochschule.
Neu auf den Bühnen des Staatstheaters werden u. a. Tim Grobe aus dem Ensemble des Schauspielhauses Hamburg sowie Andrej Kaminsky aus dem Ensemble des Centraltheaters Leipzig zu sehen sein.
Mit freundlichen Grüßen
Jan Linders
Schauspieldirektor"
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Schauspiel
Mittwoch, 22. Mai 2013
Vorschau: Symphoniekonzerte 2013/14 der Badischen Staatskapelle
Gastsolisten in der kommenden Spielzeit: u.a. Boris Berezovsky, Leon Fleisher (nicht nur ein berühmter Solist, sondern u.a. auch Justin Browns Lehrer), Chloë Hanslip
1. Symphoniekonzert
7. Symphoniekonzert
Johann Sebastian Bach / Anton Webern - Ricercar
Arnold Schönberg - Ein Überlebender aus Warschau
Alban Berg - Drei Stücke für Orchester op. 6
Henryk Górecki - Symphonie der Klagelieder
Ks. Barbara Dobrzanska, Renatus Meszar, Justin Brown - Dirigent
18.5.14, 19.5.14
8. Symphoniekonzert
Georg Friedrich Haas - Opus 68 (Skrjabin)
Sergej Rachmaninow - Klavierkonzert Nr. 4
Dimitri Schostakowitsch - Symphonie Nr. 15
Boris Berezovsky - Klavier, Justin Brown - Dirigent
29.6.14, 30.6.14
Die Planung für 2013/14 in den anderen Sparten findet sich hier
http://badisches-staatstheater-karlsruhe.blogspot.de/2013/04/vorschau-auf-die-spielzeit-201314-in.html
1. Symphoniekonzert
Andrew Norman - Unstuck
Richard Strauss - Don Quixote
Ludwig van Beethoven - Symphonie Nr. 7 A-Dur
Franziska Dürr - Viola, Thomas Gieron - Violoncello, Justin Brown - Dirigent
22.9.13, 23.9.13
2. Symphoniekonzert
Arvo Pärt - Cantus in Memoriam Benjamin Britten / Arbos
Sergej Prokofjew - Klavierkonzert Nr. 4 B-Dur
Jean Sibelius - Symphonie Nr. 6
Jean Sibelius - Symphonie Nr. 7
Leon Fleisher - Klavier, Justin Brown - Dirigent
20.10.13, 21.10.13
3. Symphoniekonzert
Wolfgang Amadeus Mozart - Symphonie Nr. 40 g-Moll KV 550
Musik aus Lateinamerika
Alondra de la Parra - Dirigentin
24.11.13, 25.11.13
4. Symphoniekonzert
Maurice Ravel - Menuet Antique
Francis Poulenc - Litanies à la Vierge noire
Claude Debussy - Nocturnes
Igor Strawinsky - Oedipus Rex
Matthias Wohlbrecht: Oedipus, Ks. Ewa Wolak: Jokaste, Renatus Meszar: Kreon, Luiz Molz: Tiresias, Renatus Meszar: Bote, Steven Ebel: Hirte, Gunnar Schmidt: Sprecher, Justin Brown - Dirigent
2.2.14, 3.2.14 20.00
5. Symphoniekonzert
Felix Mendelssohn Bartholdy - Violinkonzert e-Moll
Josef Suk - Symphonie c-Moll „Asrael“
Chloë Hanslip - Violine, Tomáš Hanus - Dirigent
9.3.14, 10.3.14 20.00
Richard Strauss - Don Quixote
Ludwig van Beethoven - Symphonie Nr. 7 A-Dur
Franziska Dürr - Viola, Thomas Gieron - Violoncello, Justin Brown - Dirigent
22.9.13, 23.9.13
2. Symphoniekonzert
Arvo Pärt - Cantus in Memoriam Benjamin Britten / Arbos
Sergej Prokofjew - Klavierkonzert Nr. 4 B-Dur
Jean Sibelius - Symphonie Nr. 6
Jean Sibelius - Symphonie Nr. 7
Leon Fleisher - Klavier, Justin Brown - Dirigent
20.10.13, 21.10.13
3. Symphoniekonzert
Wolfgang Amadeus Mozart - Symphonie Nr. 40 g-Moll KV 550
Musik aus Lateinamerika
Alondra de la Parra - Dirigentin
24.11.13, 25.11.13
4. Symphoniekonzert
Maurice Ravel - Menuet Antique
Francis Poulenc - Litanies à la Vierge noire
Claude Debussy - Nocturnes
Igor Strawinsky - Oedipus Rex
Matthias Wohlbrecht: Oedipus, Ks. Ewa Wolak: Jokaste, Renatus Meszar: Kreon, Luiz Molz: Tiresias, Renatus Meszar: Bote, Steven Ebel: Hirte, Gunnar Schmidt: Sprecher, Justin Brown - Dirigent
2.2.14, 3.2.14 20.00
5. Symphoniekonzert
Felix Mendelssohn Bartholdy - Violinkonzert e-Moll
Josef Suk - Symphonie c-Moll „Asrael“
Chloë Hanslip - Violine, Tomáš Hanus - Dirigent
9.3.14, 10.3.14 20.00
6. Symphoniekonzert
Toru Takemitsu - Spirit Garden
Germaine Tailleferre - Concertino für Harfe und Orchester
Vivian Fung - Harfenkonzert
Robert Schumann - Symphonie Nr. 1 „Frühlingssymphonie“
Bridget Kibbey - Harfe, Johannes Willig - Dirigent
30.3.14, 31.3.14 20.00
Toru Takemitsu - Spirit Garden
Germaine Tailleferre - Concertino für Harfe und Orchester
Vivian Fung - Harfenkonzert
Robert Schumann - Symphonie Nr. 1 „Frühlingssymphonie“
Bridget Kibbey - Harfe, Johannes Willig - Dirigent
30.3.14, 31.3.14 20.00
7. Symphoniekonzert
Johann Sebastian Bach / Anton Webern - Ricercar
Arnold Schönberg - Ein Überlebender aus Warschau
Alban Berg - Drei Stücke für Orchester op. 6
Henryk Górecki - Symphonie der Klagelieder
Ks. Barbara Dobrzanska, Renatus Meszar, Justin Brown - Dirigent
18.5.14, 19.5.14
8. Symphoniekonzert
Georg Friedrich Haas - Opus 68 (Skrjabin)
Sergej Rachmaninow - Klavierkonzert Nr. 4
Dimitri Schostakowitsch - Symphonie Nr. 15
Boris Berezovsky - Klavier, Justin Brown - Dirigent
29.6.14, 30.6.14
Die Planung für 2013/14 in den anderen Sparten findet sich hier
http://badisches-staatstheater-karlsruhe.blogspot.de/2013/04/vorschau-auf-die-spielzeit-201314-in.html
Dienstag, 21. Mai 2013
Festspielhaus Baden-Baden: Mozart - Don Giovanni, 20.05.2013
Die kurze Fahrt von Karlsruhe nach Baden-Baden hat sich an Pfingsten mehr als gelohnt: Don Giovanni ist musikalisch und sängerisch ein besonderes Erlebnis, das begleitet wird von einer eher nichtssagenden Inszenierung, die aber nie stört und sich in Don Giovannis Höllenfahrt dann noch zu großer Bühnenwirksamkeit steigert.
Ursprünglich wurde vor über einem Jahr Die Hochzeit des Figaro angekündigt und viele hatten sich für Pfingsten 2013 Karten gekauft, die noch auf diese Oper lauteten. Doch Anna Netrebko entschied, daß die Rolle der Gräfin doch nicht für ihre Stimme geeignet sei (ihr Mann Erwin Schrott war als Graf vorgesehen) und so wurde im Herbst 2012 bekannt gegeben, daß es wieder einen Don Giovanni gibt. Wieder - denn erst 2011 gab es in Baden-Baden eine wunderbare konzertante Aufführung, die inzwischen auch als CD erschienen ist und die als Live-Erlebnis einen großen Erinnerungswert hatte (mehr dazu hier). So hatte man nun also innerhalb von zwei Jahren die Möglichkeit, die beiden aktuell für die Rolle des Don Giovanni charismatischsten und bühnenmächtigsten Sänger zu hören: Ildebrando d'Arcangelo und Erwin Schrott. Wem die Krone gebührt, ist eine persönliche Entscheidung, denn gestern zeigte auch Erwin Schrott, daß es für ihn eine Paraderolle ist.
Was ist zu hören?
Hervorheben muß man zuerst den Dirigenten und sein Orchester. Da hört man Don Giovanni vielleicht zum xy-ten mal, hat eventuell seine Vorstellung, die zu Beginn der Baden-Badener Aufführung durchaus auch anders sein kann, als die, die aus dem Orchestergraben ertönt (bspw. wird kein Cembalo verwendet, sondern ein Hammerklavier) und dann das: man wird nicht nur überzeugt, sondern begeistert davon, wie Thomas Hengelbrock leidenschaftlich dirigierend und lautlos mitsingend mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble einen spannenden, packenden und letzendlich begeisternden Don Giovanni zu Gehör bringt. Der xy-te Don Giovanni - und er war etwas wirklich Besonderes. Vielen Dank Herr Hengelbrock!
Wer sich an Ostern über die gepflegte Langeweile bei der Zauberflöte mit den Berliner Philharmonikern gewundert hat, der könnte nach diesem Don Giovanni meinen, daß es am Dirigenten gelegen haben muß. An Ostern sprang das Feuer nie ansatzweise so über, wie an Pfingsten.
Anna Netrebko kommt ja schon seit Jahren regelmäßig nach Baden-Baden und wurde auch gestern von ihrem Publikum bejubelt. Ihre wunderschöne Stimmfarbe konnte sie als Donna Anna buchstäblich zum Leuchten bringen. Die positive Überraschung war Katija Dragojevic als Zerlina. Schade, daß sie nicht schon bereits vor 2 Jahren für die CD-Einspielung engagiert wurde. Luca Pisaroni war als einziger auch vor zwei Jahren bei der CD-Aufnahme dabei und bewies erneut, daß er der ideale Leporello ist. Charles Castronovo ist ein sehr guter Tenor, doch gestern konkurrierte er mit der Erinnerung an einen anderen Sänger, dessen Auftritt als Don Ottavio er nicht vergessen machen konnte: Rolando Villazons charismatische Stimme brachte damals sogar die Rezitative zum Klingen und bleibt nur schwer zu übertreffen. Alle Sänger interließen einen sehr guten Eindruck und zusammen mit dem Balthasar-Neumann-Chor ergab sich ein hochklassiges homogenes Ganzes. Musikalisch und sängerisch eine Aufführung, die an jedem Opernhaus der Welt Erfolg hätte.
Was ist zu sehen?
Regisseur Philipp Himmelmann wird alle drei Da Ponte Opern Mozarts in Baden-Baden als Zyklus inszenieren und dabei immer einen Apfelbaum auf die Bühne stellen: einen erblühenden in Cosi fan tutte, einen früchtetragenden in Le Nozze die Figaro und einen blattlosen, winterlichen in Don Giovanni. Der Baum ist eine Metapher für beginnende, blühende und sterbende Liebe.
Es ist also Winter in diesem Don Giovanni und nur die erotisch aktiven Rollen benötigen aufgrund ihrer inneren Hitze keinen Mantel. Don Ottavio trägt Rollkragenpullover, Jacke und Schal und Leporello ist ein zeitgemäßer Nerd mit kariertem Duffle Coat, gelben Strümpfen und Nerd-Brille. Masetto, Zerlina und die Hochzeitsgesellschaft sind (passend zu Baden-Baden) wie russischer Geldadel gekleidet, der zur 70er-Jahre Party will. Modisch ist man also in der Jetztzeit.
Es heißt, Enrico Caruso hätte für gewisse Rollen seine eigenen Kostüme besessen und egal, wo er auftrat, trug er immer sein persönliches Lieblingskostüm zur Oper. Gestern konnte man hinsichtlich der Personenregie einen ähnlichen Eindruck gewinnen. Es schien, als ob Erwin Schrott genau den Don Giovanni spielte, den er schon immer spielen wollte (nämlich als geschmeidig-animalischen Macho-Stinkstiefel und fiesen Latin Lover mit Fellhose) und auch die anderen Sänger könnten sich ähnlich eingebracht haben. Heraus kam eine Inszenierung, die -wenn sie irgendwo an einer kleinen Oper gespielt würde- kein überregionales Publikum oder Kritiker angezogen hätte. Aber in Baden-Baden passiert etwas Überraschendes: es passt alles zusammen und wird zur runden Sache. Die Inszenierung stört nicht die spannende musikalische Umsetzung. Und in der für viele wichtigsten Szene -Don Giovannis Höllenfahrt- ist dann ein beeindruckender Einfall zu sehen, und zwar ... aber das verrate ich erst nächste Woche nach der letzten Vorstellung (zwei weitere gibt es: am Donnerstag, 23.05. und am Sonntag, 26.05)
Fazit: Glücklich ist, wer als Opernfreund am Oberrhein im Einzugsgebiet wohnt: am Samstag gab es eine ungewöhnlich ergreifende und überregional Aufmerksamkeit auf sich ziehende Premiere der Passagierin am Badischen Staatstheater und am Montag im Baden-Badener Festspielhaus ein außergewöhnlich spannender Don Giovanni. Beide hat das Publikum zu Recht mit viel Jubel gefeiert.
Nachtrag: da in dieser Inszenierung Statuen fester Bestandteil des Bühnenbilds sind, fällt es am Schluß, bei dem Grabsteine und Statuen auf der Bühne sind, den meisten erst dann auf, daß es sich um Statisten handelt, als der Komtur zu singen beginnt. Erst ganz langsam und unmerklich bewegen sich die Statuen auf Don Giovanni zu, umkreisen ihn und ziehen ihn schließlich die Treppe hinunter in die Gruft. Kein ganz neuer Einfall (in Karlsruhe bekommen regelmäßig Zuschauer eine kleinen Schreck, wenn sich in John Dews Tosca Inszenierung eine Kirchenstatue bewegt), aber atmosphärisch packend und verblüffend umgesetzt.
PS: Nächstes Jahr wird es für die Netrebko/Schrott -Fans ein weiteres Pfingsten-Highlight geben, wenn das Programm nicht doch noch geändert wird: Gounods Faust!
Team und Besetzung
Donna Anna: Anna Netrebko
Don Giovanni: Erwin Schrott
Leporello: Luca Pisaroni
Donna Elvira: Malena Ernman
Don Ottavio: Charles Castronovo
Zerlina: Katija Dragojevic
Masetto: Jonathan Lemalu
Komtur: Mario Luperi
Musikalische Leitung: Thomas Hengelbrock
Balthasar-Neumann-Chor
Balthasar-Neumann-Ensemble
Hammerklavier: Jory Vinikour
Inszenierung: Philipp Himmelmann
Kostüme: Florence von Gerkan
Bühnenbild: Johannes Leiacker
Ursprünglich wurde vor über einem Jahr Die Hochzeit des Figaro angekündigt und viele hatten sich für Pfingsten 2013 Karten gekauft, die noch auf diese Oper lauteten. Doch Anna Netrebko entschied, daß die Rolle der Gräfin doch nicht für ihre Stimme geeignet sei (ihr Mann Erwin Schrott war als Graf vorgesehen) und so wurde im Herbst 2012 bekannt gegeben, daß es wieder einen Don Giovanni gibt. Wieder - denn erst 2011 gab es in Baden-Baden eine wunderbare konzertante Aufführung, die inzwischen auch als CD erschienen ist und die als Live-Erlebnis einen großen Erinnerungswert hatte (mehr dazu hier). So hatte man nun also innerhalb von zwei Jahren die Möglichkeit, die beiden aktuell für die Rolle des Don Giovanni charismatischsten und bühnenmächtigsten Sänger zu hören: Ildebrando d'Arcangelo und Erwin Schrott. Wem die Krone gebührt, ist eine persönliche Entscheidung, denn gestern zeigte auch Erwin Schrott, daß es für ihn eine Paraderolle ist.
Was ist zu hören?
Hervorheben muß man zuerst den Dirigenten und sein Orchester. Da hört man Don Giovanni vielleicht zum xy-ten mal, hat eventuell seine Vorstellung, die zu Beginn der Baden-Badener Aufführung durchaus auch anders sein kann, als die, die aus dem Orchestergraben ertönt (bspw. wird kein Cembalo verwendet, sondern ein Hammerklavier) und dann das: man wird nicht nur überzeugt, sondern begeistert davon, wie Thomas Hengelbrock leidenschaftlich dirigierend und lautlos mitsingend mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble einen spannenden, packenden und letzendlich begeisternden Don Giovanni zu Gehör bringt. Der xy-te Don Giovanni - und er war etwas wirklich Besonderes. Vielen Dank Herr Hengelbrock!
Wer sich an Ostern über die gepflegte Langeweile bei der Zauberflöte mit den Berliner Philharmonikern gewundert hat, der könnte nach diesem Don Giovanni meinen, daß es am Dirigenten gelegen haben muß. An Ostern sprang das Feuer nie ansatzweise so über, wie an Pfingsten.
Anna Netrebko kommt ja schon seit Jahren regelmäßig nach Baden-Baden und wurde auch gestern von ihrem Publikum bejubelt. Ihre wunderschöne Stimmfarbe konnte sie als Donna Anna buchstäblich zum Leuchten bringen. Die positive Überraschung war Katija Dragojevic als Zerlina. Schade, daß sie nicht schon bereits vor 2 Jahren für die CD-Einspielung engagiert wurde. Luca Pisaroni war als einziger auch vor zwei Jahren bei der CD-Aufnahme dabei und bewies erneut, daß er der ideale Leporello ist. Charles Castronovo ist ein sehr guter Tenor, doch gestern konkurrierte er mit der Erinnerung an einen anderen Sänger, dessen Auftritt als Don Ottavio er nicht vergessen machen konnte: Rolando Villazons charismatische Stimme brachte damals sogar die Rezitative zum Klingen und bleibt nur schwer zu übertreffen. Alle Sänger interließen einen sehr guten Eindruck und zusammen mit dem Balthasar-Neumann-Chor ergab sich ein hochklassiges homogenes Ganzes. Musikalisch und sängerisch eine Aufführung, die an jedem Opernhaus der Welt Erfolg hätte.
Was ist zu sehen?
Regisseur Philipp Himmelmann wird alle drei Da Ponte Opern Mozarts in Baden-Baden als Zyklus inszenieren und dabei immer einen Apfelbaum auf die Bühne stellen: einen erblühenden in Cosi fan tutte, einen früchtetragenden in Le Nozze die Figaro und einen blattlosen, winterlichen in Don Giovanni. Der Baum ist eine Metapher für beginnende, blühende und sterbende Liebe.
Es ist also Winter in diesem Don Giovanni und nur die erotisch aktiven Rollen benötigen aufgrund ihrer inneren Hitze keinen Mantel. Don Ottavio trägt Rollkragenpullover, Jacke und Schal und Leporello ist ein zeitgemäßer Nerd mit kariertem Duffle Coat, gelben Strümpfen und Nerd-Brille. Masetto, Zerlina und die Hochzeitsgesellschaft sind (passend zu Baden-Baden) wie russischer Geldadel gekleidet, der zur 70er-Jahre Party will. Modisch ist man also in der Jetztzeit.
Es heißt, Enrico Caruso hätte für gewisse Rollen seine eigenen Kostüme besessen und egal, wo er auftrat, trug er immer sein persönliches Lieblingskostüm zur Oper. Gestern konnte man hinsichtlich der Personenregie einen ähnlichen Eindruck gewinnen. Es schien, als ob Erwin Schrott genau den Don Giovanni spielte, den er schon immer spielen wollte (nämlich als geschmeidig-animalischen Macho-Stinkstiefel und fiesen Latin Lover mit Fellhose) und auch die anderen Sänger könnten sich ähnlich eingebracht haben. Heraus kam eine Inszenierung, die -wenn sie irgendwo an einer kleinen Oper gespielt würde- kein überregionales Publikum oder Kritiker angezogen hätte. Aber in Baden-Baden passiert etwas Überraschendes: es passt alles zusammen und wird zur runden Sache. Die Inszenierung stört nicht die spannende musikalische Umsetzung. Und in der für viele wichtigsten Szene -Don Giovannis Höllenfahrt- ist dann ein beeindruckender Einfall zu sehen, und zwar ... aber das verrate ich erst nächste Woche nach der letzten Vorstellung (zwei weitere gibt es: am Donnerstag, 23.05. und am Sonntag, 26.05)
Fazit: Glücklich ist, wer als Opernfreund am Oberrhein im Einzugsgebiet wohnt: am Samstag gab es eine ungewöhnlich ergreifende und überregional Aufmerksamkeit auf sich ziehende Premiere der Passagierin am Badischen Staatstheater und am Montag im Baden-Badener Festspielhaus ein außergewöhnlich spannender Don Giovanni. Beide hat das Publikum zu Recht mit viel Jubel gefeiert.
Nachtrag: da in dieser Inszenierung Statuen fester Bestandteil des Bühnenbilds sind, fällt es am Schluß, bei dem Grabsteine und Statuen auf der Bühne sind, den meisten erst dann auf, daß es sich um Statisten handelt, als der Komtur zu singen beginnt. Erst ganz langsam und unmerklich bewegen sich die Statuen auf Don Giovanni zu, umkreisen ihn und ziehen ihn schließlich die Treppe hinunter in die Gruft. Kein ganz neuer Einfall (in Karlsruhe bekommen regelmäßig Zuschauer eine kleinen Schreck, wenn sich in John Dews Tosca Inszenierung eine Kirchenstatue bewegt), aber atmosphärisch packend und verblüffend umgesetzt.
PS: Nächstes Jahr wird es für die Netrebko/Schrott -Fans ein weiteres Pfingsten-Highlight geben, wenn das Programm nicht doch noch geändert wird: Gounods Faust!
Team und Besetzung
Donna Anna: Anna Netrebko
Don Giovanni: Erwin Schrott
Leporello: Luca Pisaroni
Donna Elvira: Malena Ernman
Don Ottavio: Charles Castronovo
Zerlina: Katija Dragojevic
Masetto: Jonathan Lemalu
Komtur: Mario Luperi
Musikalische Leitung: Thomas Hengelbrock
Balthasar-Neumann-Chor
Balthasar-Neumann-Ensemble
Hammerklavier: Jory Vinikour
Inszenierung: Philipp Himmelmann
Kostüme: Florence von Gerkan
Bühnenbild: Johannes Leiacker
Sonntag, 19. Mai 2013
Weinberg - Die Passagierin, 18.05.2013
Der Kontrast war deutlich: draußen endlich mal wieder ein sonniger und warmer Frühlingstag und dann geht man an einem schönen Samstagabend in Mieczysław Weinbergs Die Passagierin - wahrlich keine leichte Kost, sondern eine Oper mit ernstem und bedrückendem Thema. Doch der Abend wurde in mehrfacher Hinsicht zu einem Triumph. Die Passagierin ist eine hochwertige, wertvolle und spannende Opernerfahrung und eine wirklich lohnenswerte Repertoire-Erweiterung, die man nicht verpassen sollte!
Zweifache Vorgeschichte
Die Bregenzer Festspiele gingen 2010 ein Risiko ein und gewannen. Auf der Seebühne wurde Verdis Aida gespielt, drinnen im Festspielhaus gab es das Opernereignis des damaligen Sommers. Die Passagierin handelt von Auschwitz und basiert auf dem Roman einer KZ-Überlebenden: die polnische Autorin Zofia Posmysz (*1923) ist keine Jüdin, sondern überzeugte Katholikin, die beim Verteilen von oppositionellen Flugblättern verhaftet und 3 Jahre in Gefangenschaft kam - erst in Auschwitz-Birkenau, dann in Ravensbrück, wo sie von der US-Armee befreit wurde. Posmyz wurde Redakteurin und Autorin, ihr Roman Pasażerka wurde vom Librettisten Alexander Medwedjew in eine Oper in 2 Akten (8 Bilder und ein Epilog) umgearbeitet. Obwohl die Oper 1968/69 fertig gestellt wurde, erlebte sie erst 2006 in Moskau ihre konzertante Premiere und wurde 2010 in Bregenz zum ersten Mal inszeniert. In Karlsruhe erfolgte gestern die umjubelte deutsche Erstaufführung.
Zofia Posmysz zu Besuch in Karlsruhe
Die fast 90jährige Zeitzeugin besuchte gestern die Karlsruher Premiere und stellte sich bereits im Vorfeld für Fragen von Karlsruher Schülern zur Verfügung. Als sie beim Schlußapplaus auf die Bühne kam, gab es stehende Ovationen und bewegende Momente.
Weinberg - der große Unbekannte
Mieczysław Weinberg (*1919 †1996) war ein polnischer Jude, der 1939 in die UdSSR flüchtete, als einziger seiner Familie den zweiten Weltkrieg überlebte, aber von Stalin in Bedrängnis gebracht und sogar inhaftiert wurde - seine Musik wurde lange nicht toleriert. Schostakowitsch war Weinbergs Freund und Förderer, dennoch wurde auch nach Stalins Tod Weinbergs Musik kaum bekannt. Es gibt einiges zu entdecken: über 20 Symphonien, 17 Streichquartette, 7 Opern u.v.a.m. - schade und ein wenig unverständlich, daß man nichts von ihm dieses Jahr in den Symphoniekonzerten brachte, um auf die Oper einzustimmen. Es gilt zu entscheiden, ob Weinberg das fehlende Kettenglied der Sowjetmusik zwischen Alfred Schnittke und Dimitri Schostakowitsch bzw. Sergej Prokofiew ist oder als Schostakowitsch Epigone weiterhin ein Schattendasein führen wird. Weinbergs Musik für Die Passagierin ist tonale Sowjet-Moderne, die für das große Publikum bestens geeignet ist und das Thema der Oper nicht plakativ ausnutzt, sondern zurückhaltend und diskret andeutend und kommentierend ist. Der Jubel nach der Bregenzer Uraufführung und gestern bei der deutschen Erstaufführung ist gerechtfertigt.
Worum geht es?
Die Handlung beginnt in den frühen 1960er Jahren auf einem Ozeandampfer. Der deutsche Diplomat Walter soll in Südamerika einen Posten antreten und wird begleitet von seiner Frau Lisa, einer früheren KZ-Aufseherin in Auschwitz, die ihr Geheimnis bisher bewahrte. Lisa entdeckt auf dem Schiff eine Passagierin, die sie so stark an eine vermutet verstorbene Insassin des KZs namens Marta erinnert, daß sie sich ihrem Mann offenbart und ihre Vergangenheit gesteht. Die Erinnerung bricht angstvoll über sie herein. In Rückblenden erzählt sie ihre und Martas Geschichte. Die Szenerie der Oper springt zwischen Schiff und KZ. Bis zum Ende bleibt es unklar, ob die Passagierin Marta ist - es entsteht ein effektiver Spannungsbogen.
Auschwitz auf der Bühne?
Bereits letztes Jahr wurde die Oper Walllenberg nach sehr wenigen Vorstellungen und geringer Besucherresonanz abgesetzt, obwohl es eine sehr spannende Produktion war. Es bleibt abzuwarten, ob Die Passagierin erfolgreicher sein wird. Wollen die Opernbesucher überwiegend keine moderne Opern hören oder hängt ihnen das Thema Nationalsozialismus zum Halse raus? Schon vor 15 Jahren hat Martin Walser anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels eine sehr kontrovers aufgenommene Rede über die deutsche Gedächtniskultur gehalten, bei der er sich beschwerte, daß die Verbrechen des Dritten Reichs als „Moralkeule“ nachwirken. Der Inhalt dieser Rede spaltet auch heute noch die Republik und man könnte meinen, daß es sich auch in der Besucherzahl wiederspiegelt. Sogar der amerikanische Autor, Schauspieler und Filmemacher Woody Allen mokierte sich bereits vor 30 Jahren in seinem Film Hannah und ihre Schwestern über Betroffenheitsdiskussionen zum Holocaust und schrieb folgende Zeilen in sein Drehbuch: "Der Grund, warum sie die Frage "Wie konnte das nur passieren?" nie beantworten konnten, liegt darin, daß es die falsche Frage ist. Angesichts der menschlichen Natur, ist die Frage "Warum passiert es nicht öfters?". Natürlich tut es das auch, nur in subtileren Formen".
Doch auch wer sich dem obigen Beispiel anschliesst und mit dem Thema dieser Oper innerlich bereits abgeschlossen hat, dem kann man nur aufrichtig und ehrlich empfehlen, sich diese Inszenierung auf jeden Fall dennoch anzuschauen, denn Die Passagierin ist vor allem eine wahrhaft berührende Oper über Menschlichkeit und Herzensbildung,
Was ist zu sehen?
Regisseur Holger Müller-Brandes und Bühnen- und Kostümbildner Philip Fürhofer machen alles richtig: sie finden eine Bühnenlösung, die den schnellen Wechsel zwischen Schiff und KZ ermöglicht und die auf Hakenkreuze und echte Uniformen verzichtet. Nur im zweiten Bild wird vom Regisseur kurz der brutale Sadismus der Wärter thematisiert, überwiegend sind aber die Opfer im Mittelpunkt. Es geht also hier nicht primär darum, Brutalität zu zeigen, sondern die seelische Not, Verlassenheit und innere Verzweiflung zu thematisieren. Die Passagierin könnte man auch als spezielle Form des Requiems sehen, die an das zahllose, namenlose Leid erinnern soll, von dem niemand mehr spricht und das niemand wirklich erahnen kann. Regisseur Holger Müller-Brandes lässt den Chor immer wieder wie in einer Totenmesse mit Textbüchern auftreten. Doch die Oper ist nicht nur ein Requiem, sondern auch ein Protest gegen die Barbarei. Martas Verlobter Tadeusz, ein Geiger, der mit ihr ins KZ kam, soll für den Lagerkommandaten dessen Lieblingswalzer spielen. Doch stattdessen spielt er die Chaconne (aus der Partita Nr.2 d-Moll, BWV 1004) von Johann Sebastian Bach. Die vor der Unkultur aufgeführte Hochkultur entlarvt die Barbaren - Tadeusz zahlt dafür mit seinem Leben. In diesem achten Bild nimmt sich die Regie vielleicht sogar etwas zu stark zurück und lässt das Bild statisch verklingen. Eine hochgradig aufwühlende, fesselnde und geglückte Inszenierung.
Was ist zu hören?
Eine Höchstleistung, auf die man beim Badischen Staatstheater zu recht stolz sein darf. Ob nun der Chor, das unter Christoph Gedscholds Dirigat großartig aufspielende Orchester oder die erschütternd intensiven und herausragenden Sänger: eine homogene Leistung aller Beteiligten. BRAVO!
Sängerisch besonders beeindruckend: das sechste Bild mit einer großen Arie für Barbara Dobrzanska und einem tief ergreifend vorgetragenen Volkslied von Agnieszka Tomaszewska, die als Gast einen sehr starken Eindruck hinterließ. Die starke Wirkung verdankt die gestrige Premiere vor allem auch der hervorragenden Besetzug in allen Rollen, auch den kleineren. Man müsste eigentlich alle Sänger nennen und hervorheben. Neben Dobrzanska und Tomaszewska gibt es im dritten Bild Katharine Tier und Rebecca Raffell in einem erinnerungswürdigen Duett, Christina Niessen singt und spielt als Lisa mit eindringlicher Bühnenpräsenz, Matthias Wohlbrecht scheint die Idealbesetzung für Walter zu sein und der australische Bariton Andrew Finden beweist, daß gute Opernsänger scheinbar mühelos zwischen deutsch und polnisch wechseln können. An alle Sänger: BRAVO!
Die Figuren singen in verschiedenen Sprachen: Polnisch, Russisch, Jiddisch, Französisch und Deutsch. Im Gegensatz zur Bregenzer Uraufführung singt der Chor in Deutsch.
Fazit: Ein großer Wurf und eine Sternstunde für das Badische Staatstheater. Glückwunsch an alle Beteiligten und an Joscha Schaback und Bernd Feuchtner dafür, diese deutsche Erstaufführung in Karlsruhe zu zeigen.
Wie schon letztes Jahr bei Walllenberg präsentiert man am Badischen Staatstheater die spannendsten Inszenierungen bei den unbekannten modernen Opern. Hoffentlich wird Die Passagierin erfolgreicher als der schnell abgesetzte Wallenberg.
PS(1): In Mannheim ist aktuell Weinbergs Oper Der Idiot zu hören. Hier findet sich eine Besprechung der FAZ von Eleonore Büning zur Uraufführung dieser Literaturoper nach Dostojewskij.
PS(2): Unter den Zuschauern waren u.a. Birgit Keil, Vladimir Klos, Natalia Melnik, Ina Schliengensiepen, Hans-Jörg Weinschenk, Stefan Viering und der frühere Intendant Könemann.
Premieren-Besetzung und Team
Marta: Kammersängerin Barbara Dobrzanska
Lisa: Christina Niessen
Walter: Matthias Wohlbrecht
Tadeusz: Andrew Finden
Katja: Agnieszka Tomaszewska
Krystina: Katharine Tier
Vlasta: Christina Bock
Hannah: Sarah Alexandra Hudarew
Yvette: Larissa Wäspy
Alte: Tiny Peters
Bronka: Rebecca Raffell
Erster SS-Mann: Florian Kontschak
Zweiter SS-Mann: Luiz Molz
Dritter SS-Mann: Steven Ebel
Älterer Passagier: Yang Zu
Oberaufseherin: Birgit Bücker
Kapo: Cornelia Gutsche
Steward: Alessandro Gocht
Musikalische Leitung: Christoph Gedschold
Regie: Holger Müller-Brandes
Bühne und Kostüme: Philip Fürhofer
Zweifache Vorgeschichte
Die Bregenzer Festspiele gingen 2010 ein Risiko ein und gewannen. Auf der Seebühne wurde Verdis Aida gespielt, drinnen im Festspielhaus gab es das Opernereignis des damaligen Sommers. Die Passagierin handelt von Auschwitz und basiert auf dem Roman einer KZ-Überlebenden: die polnische Autorin Zofia Posmysz (*1923) ist keine Jüdin, sondern überzeugte Katholikin, die beim Verteilen von oppositionellen Flugblättern verhaftet und 3 Jahre in Gefangenschaft kam - erst in Auschwitz-Birkenau, dann in Ravensbrück, wo sie von der US-Armee befreit wurde. Posmyz wurde Redakteurin und Autorin, ihr Roman Pasażerka wurde vom Librettisten Alexander Medwedjew in eine Oper in 2 Akten (8 Bilder und ein Epilog) umgearbeitet. Obwohl die Oper 1968/69 fertig gestellt wurde, erlebte sie erst 2006 in Moskau ihre konzertante Premiere und wurde 2010 in Bregenz zum ersten Mal inszeniert. In Karlsruhe erfolgte gestern die umjubelte deutsche Erstaufführung.
Zofia Posmysz zu Besuch in Karlsruhe
Die fast 90jährige Zeitzeugin besuchte gestern die Karlsruher Premiere und stellte sich bereits im Vorfeld für Fragen von Karlsruher Schülern zur Verfügung. Als sie beim Schlußapplaus auf die Bühne kam, gab es stehende Ovationen und bewegende Momente.
Weinberg - der große Unbekannte
Mieczysław Weinberg (*1919 †1996) war ein polnischer Jude, der 1939 in die UdSSR flüchtete, als einziger seiner Familie den zweiten Weltkrieg überlebte, aber von Stalin in Bedrängnis gebracht und sogar inhaftiert wurde - seine Musik wurde lange nicht toleriert. Schostakowitsch war Weinbergs Freund und Förderer, dennoch wurde auch nach Stalins Tod Weinbergs Musik kaum bekannt. Es gibt einiges zu entdecken: über 20 Symphonien, 17 Streichquartette, 7 Opern u.v.a.m. - schade und ein wenig unverständlich, daß man nichts von ihm dieses Jahr in den Symphoniekonzerten brachte, um auf die Oper einzustimmen. Es gilt zu entscheiden, ob Weinberg das fehlende Kettenglied der Sowjetmusik zwischen Alfred Schnittke und Dimitri Schostakowitsch bzw. Sergej Prokofiew ist oder als Schostakowitsch Epigone weiterhin ein Schattendasein führen wird. Weinbergs Musik für Die Passagierin ist tonale Sowjet-Moderne, die für das große Publikum bestens geeignet ist und das Thema der Oper nicht plakativ ausnutzt, sondern zurückhaltend und diskret andeutend und kommentierend ist. Der Jubel nach der Bregenzer Uraufführung und gestern bei der deutschen Erstaufführung ist gerechtfertigt.
Worum geht es?
Die Handlung beginnt in den frühen 1960er Jahren auf einem Ozeandampfer. Der deutsche Diplomat Walter soll in Südamerika einen Posten antreten und wird begleitet von seiner Frau Lisa, einer früheren KZ-Aufseherin in Auschwitz, die ihr Geheimnis bisher bewahrte. Lisa entdeckt auf dem Schiff eine Passagierin, die sie so stark an eine vermutet verstorbene Insassin des KZs namens Marta erinnert, daß sie sich ihrem Mann offenbart und ihre Vergangenheit gesteht. Die Erinnerung bricht angstvoll über sie herein. In Rückblenden erzählt sie ihre und Martas Geschichte. Die Szenerie der Oper springt zwischen Schiff und KZ. Bis zum Ende bleibt es unklar, ob die Passagierin Marta ist - es entsteht ein effektiver Spannungsbogen.
Auschwitz auf der Bühne?
Bereits letztes Jahr wurde die Oper Walllenberg nach sehr wenigen Vorstellungen und geringer Besucherresonanz abgesetzt, obwohl es eine sehr spannende Produktion war. Es bleibt abzuwarten, ob Die Passagierin erfolgreicher sein wird. Wollen die Opernbesucher überwiegend keine moderne Opern hören oder hängt ihnen das Thema Nationalsozialismus zum Halse raus? Schon vor 15 Jahren hat Martin Walser anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels eine sehr kontrovers aufgenommene Rede über die deutsche Gedächtniskultur gehalten, bei der er sich beschwerte, daß die Verbrechen des Dritten Reichs als „Moralkeule“ nachwirken. Der Inhalt dieser Rede spaltet auch heute noch die Republik und man könnte meinen, daß es sich auch in der Besucherzahl wiederspiegelt. Sogar der amerikanische Autor, Schauspieler und Filmemacher Woody Allen mokierte sich bereits vor 30 Jahren in seinem Film Hannah und ihre Schwestern über Betroffenheitsdiskussionen zum Holocaust und schrieb folgende Zeilen in sein Drehbuch: "Der Grund, warum sie die Frage "Wie konnte das nur passieren?" nie beantworten konnten, liegt darin, daß es die falsche Frage ist. Angesichts der menschlichen Natur, ist die Frage "Warum passiert es nicht öfters?". Natürlich tut es das auch, nur in subtileren Formen".
Doch auch wer sich dem obigen Beispiel anschliesst und mit dem Thema dieser Oper innerlich bereits abgeschlossen hat, dem kann man nur aufrichtig und ehrlich empfehlen, sich diese Inszenierung auf jeden Fall dennoch anzuschauen, denn Die Passagierin ist vor allem eine wahrhaft berührende Oper über Menschlichkeit und Herzensbildung,
Was ist zu sehen?
Regisseur Holger Müller-Brandes und Bühnen- und Kostümbildner Philip Fürhofer machen alles richtig: sie finden eine Bühnenlösung, die den schnellen Wechsel zwischen Schiff und KZ ermöglicht und die auf Hakenkreuze und echte Uniformen verzichtet. Nur im zweiten Bild wird vom Regisseur kurz der brutale Sadismus der Wärter thematisiert, überwiegend sind aber die Opfer im Mittelpunkt. Es geht also hier nicht primär darum, Brutalität zu zeigen, sondern die seelische Not, Verlassenheit und innere Verzweiflung zu thematisieren. Die Passagierin könnte man auch als spezielle Form des Requiems sehen, die an das zahllose, namenlose Leid erinnern soll, von dem niemand mehr spricht und das niemand wirklich erahnen kann. Regisseur Holger Müller-Brandes lässt den Chor immer wieder wie in einer Totenmesse mit Textbüchern auftreten. Doch die Oper ist nicht nur ein Requiem, sondern auch ein Protest gegen die Barbarei. Martas Verlobter Tadeusz, ein Geiger, der mit ihr ins KZ kam, soll für den Lagerkommandaten dessen Lieblingswalzer spielen. Doch stattdessen spielt er die Chaconne (aus der Partita Nr.2 d-Moll, BWV 1004) von Johann Sebastian Bach. Die vor der Unkultur aufgeführte Hochkultur entlarvt die Barbaren - Tadeusz zahlt dafür mit seinem Leben. In diesem achten Bild nimmt sich die Regie vielleicht sogar etwas zu stark zurück und lässt das Bild statisch verklingen. Eine hochgradig aufwühlende, fesselnde und geglückte Inszenierung.
Was ist zu hören?
Eine Höchstleistung, auf die man beim Badischen Staatstheater zu recht stolz sein darf. Ob nun der Chor, das unter Christoph Gedscholds Dirigat großartig aufspielende Orchester oder die erschütternd intensiven und herausragenden Sänger: eine homogene Leistung aller Beteiligten. BRAVO!
Sängerisch besonders beeindruckend: das sechste Bild mit einer großen Arie für Barbara Dobrzanska und einem tief ergreifend vorgetragenen Volkslied von Agnieszka Tomaszewska, die als Gast einen sehr starken Eindruck hinterließ. Die starke Wirkung verdankt die gestrige Premiere vor allem auch der hervorragenden Besetzug in allen Rollen, auch den kleineren. Man müsste eigentlich alle Sänger nennen und hervorheben. Neben Dobrzanska und Tomaszewska gibt es im dritten Bild Katharine Tier und Rebecca Raffell in einem erinnerungswürdigen Duett, Christina Niessen singt und spielt als Lisa mit eindringlicher Bühnenpräsenz, Matthias Wohlbrecht scheint die Idealbesetzung für Walter zu sein und der australische Bariton Andrew Finden beweist, daß gute Opernsänger scheinbar mühelos zwischen deutsch und polnisch wechseln können. An alle Sänger: BRAVO!
Die Figuren singen in verschiedenen Sprachen: Polnisch, Russisch, Jiddisch, Französisch und Deutsch. Im Gegensatz zur Bregenzer Uraufführung singt der Chor in Deutsch.
Fazit: Ein großer Wurf und eine Sternstunde für das Badische Staatstheater. Glückwunsch an alle Beteiligten und an Joscha Schaback und Bernd Feuchtner dafür, diese deutsche Erstaufführung in Karlsruhe zu zeigen.
Wie schon letztes Jahr bei Walllenberg präsentiert man am Badischen Staatstheater die spannendsten Inszenierungen bei den unbekannten modernen Opern. Hoffentlich wird Die Passagierin erfolgreicher als der schnell abgesetzte Wallenberg.
PS(1): In Mannheim ist aktuell Weinbergs Oper Der Idiot zu hören. Hier findet sich eine Besprechung der FAZ von Eleonore Büning zur Uraufführung dieser Literaturoper nach Dostojewskij.
PS(2): Unter den Zuschauern waren u.a. Birgit Keil, Vladimir Klos, Natalia Melnik, Ina Schliengensiepen, Hans-Jörg Weinschenk, Stefan Viering und der frühere Intendant Könemann.
Premieren-Besetzung und Team
Marta: Kammersängerin Barbara Dobrzanska
Lisa: Christina Niessen
Walter: Matthias Wohlbrecht
Tadeusz: Andrew Finden
Katja: Agnieszka Tomaszewska
Krystina: Katharine Tier
Vlasta: Christina Bock
Hannah: Sarah Alexandra Hudarew
Yvette: Larissa Wäspy
Alte: Tiny Peters
Bronka: Rebecca Raffell
Erster SS-Mann: Florian Kontschak
Zweiter SS-Mann: Luiz Molz
Dritter SS-Mann: Steven Ebel
Älterer Passagier: Yang Zu
Oberaufseherin: Birgit Bücker
Kapo: Cornelia Gutsche
Steward: Alessandro Gocht
Musikalische Leitung: Christoph Gedschold
Regie: Holger Müller-Brandes
Bühne und Kostüme: Philip Fürhofer
Freitag, 17. Mai 2013
Kleist - Prinz Friedrich von Homburg, 16.05.2013
Es gab einen guten Aspekt am gestrigen Abend: Timo Tank (mehr zu ihm hier), der vielseitigste und wandelbarste Schauspieler des Badischen Staatstheaters, der in dieser Saison wie kein anderer herausragte und Höhepunkte in My secret Garden und Der einsame Weg setzte, wurde gestern nach der Premiere zum Staatsschauspieler ernannt. Herzlichen Glückwunsch!
Zuvor gab es bei der Premiere von Prinz Friedrich von Homburg wenig Licht, aber viel Schatten. Wer bisher das Schauspiel unter Jan Linders als große Enttäuschung wahrgenommen hat, der wird auch gestern konsterniert nach Hause gegangen sein. Wer danach das Programmheft las, um nach Regiehinweisen zu suchen, der mußte mit weiteren Frustrationen rechnen. Konzipiert ist das Stück für Schüler. Der etwas lang gewordene folgende Text versucht, den verschiedenen Defiziten auf den Grund zu gehen.
Worum geht es?
Was Kleist in persönlicher sowie in historisch-politischer Sicht der Befreiungskriege gegen Napoleon beabsichtigte, ist für heutige Theaterzwecke praktisch wenig interessant. Gerade bei Kleists Prinz Friedrich von Homburg ist es deshalb sinnvoll, die Geschichte vorab außerhalb der speziellen historischen Konstellation zu betrachten:
Ein junger Mann, aus bester Familie, reich, eitel, frisch verlobt und voller Elan, aber an Somnambulismus leidend, mißachtet aus Leichtfertigkeit, Übermut, Unachtsamkeit und Profilierungsdrang die Gesetzeslage und bringt Menschenleben in Gefahr. Er wird verurteilt, sieht seine Schuld jedoch nicht ein, fleht um Gnade und ist schnell bereit, seine Zukunfts- und Ehepläne aufzugeben, nur um der Strafe zu entgehen. Freunde, Kollegen und sogar die enttäuschte Verlobte setzen sich für ihn vehement ein und stellen ein Gnadengesuch. Ihm wird Gnade gewährt unter der Voraussetzung, daß er erkläre, wieso er unschuldig sei. Dabei erkennt der junge Mann, daß er wirklich schuldig geworden ist, daß er zu Recht verurteilt wurde und eine Strafe gerechtfertigt ist. Als er dies erkannt hat und seine Strafe antreten will, wird er begnadigt.
Um die Tragik dieser Geschichte zu verschärfen, erhöht Kleist die Fallhöhe: er nimmt eine historische Situation (ca. 135 Jahre vor dem Entstehungszeitpunkt um 1810), die er unhistorisch-fiktiv behandelt.
Moralische Dilemma - Passt Kleists Stück in unsere Zeit?
Kleists Geschichte ist auf spannende Art vielschichtig und ungewöhnlich deutungsreich, aber für unsere Zeit in verschiedener Hinsicht problematisch:
Was wird gezeigt?
Das größte Problem der Inszenierung liegt darin, daß Regisseur Martin Nimz seine Figuren nicht nur nicht ernst nimmt, sondern sie auch noch denunziert. Immer wieder werden Szenen zu einer läppisch-albernen Persiflage, die die Personen bloß stellen sollen. Es ergibt sich kein rundes Ganzes. Vieles bleibt angedeutet und gewinnt keine klare Konturen: bspw. der Charakter Homburgs, die Liebe Natalies und Homburgs oder die im Programmheft dargestellte Dramaturgie. Es ist teilweise erschreckend, wie wenig man aus dem Text zu holen vermag. Man schreit und albert herum, Unsinn steht neben Todernstem, wichtige Szenen werden gekürzt, andere über Maß gedehnt - aber das alles anscheinend willkürlich und ohne tieferen Sinn. Kleists Text ist stark gekürzt, immer wieder wird neuer Text dazu erfunden oder Textfragmente umgestellt bzw. neu positioniert, um den Szenen mit ergänzenden Sätzen die im Sinne des Regisseurs richtige Richtung zu verleihen. Regisseur Martin Nimz ändert den Kleistschen Text dabei auch auf manipulative Weise und erfindet Zusammenhänge, die ursprünglich nicht existieren (Bspw. spricht Homburg bei der Annahme seiner Todesstrafe Sätze mit den Worten Gemeinschaft und Freiheit, die dort im Original gar nicht vorkommen und dem Text eine ganz andere Richtung geben).
Eigentlich lebt Kleists Stück heute von der Ambivalenz der Hauptfigur. Wer ist der Prinz von Homburg: ein Träumer? Ein Dichter? Ein Schwärmer? Oder ein Karierrist? Ein leichtsinniger Draufgänger, gar ein Kriegstraumatisierter oder sogar ein Kriegsverbrecher, der für Ruhm und Ehre über Leichen geht? In der neuen Karlsruher Inszenierung wird Homburg zu einem, "der auszog Kriegszucht und Gehorsam" zu lernen und dabei am Ende des Stücks eine "Marionette", ein "gesetzestreues Werkzeug" und eine "befehlshörige Kampfmaschine" geworden ist. Er wird einseitig zum Opfer der Gesellschaft, die ihn in das Soldatenkorsett presst. Das Staatstheater nennt das zu Recht eine "überraschende Wendung", reduziert sie doch die Persönlichkeit des Prinzen auf einen stereotypen Mitläufer-Charakter. Der Prinz von Homburg - in Karlsruhe eine Figur, die als Klischee konzipiert ist. Nimz lässt Matthias Lamp, den Darsteller des Prinzen, entsprechend agieren. Lamp spielt ihn teilweise so, als ob er sich den französischen Komiker Louis de Funès als Vorbild gewählt hätte; abwechselnd hysterisch, leichtfertig, cholerisch, schreiend, weinend, irr lachend und impulsiv gewalttätig - Der Prinz von Homburg ist hier keine Figur, sondern eine Ansammlung von Klischees und Versatzstücken.
Man erzählt die Geschichte andererseits aus der Perspektive der Prinzessin Natalie als unglücklich endende Liebesgeschichte und Verrat des Prinzen an ihrem Eheversprechen. Natalie -hier die wahrhaft liebende Figur- ist das Opfer der Anpassung des Prinzen an die Erwartungen anderer. In dieser Inszenierung begeht sie Selbstmord. Was Natalie an Homburg findet - es bleibt rätselhaft. Sophia Löffler hat starke Momente, die aber mangels kohärenter Szenen ins Leere laufen.
Nur André Wagner als Kurfürst findet in dieser Inszenierung noch ein eigenes Profil als Mischung aus infantilem Onkel, aufgeklärtem Herrscher und die Staatsräson in den Mittelpunkt stellender Monarch. Ute Baggeröhr steht auf der Bühne, hat aber (wie einige andere auch) keine Rolle, Michael Brandt spielt die überflüssige Rolle des Hofkavaliers als Dummschwätzer und Frank Wiegard spielt seit zwei Spielzeiten im immer gleichen Tonfall, selbst wenn er schreit.
Darstellerisch ist der Abend leider mal wieder eine Enttäuschung. Der Regisseur hat keine Idee, wie er Kleist spannend und packend auf die Bühne bringen soll und rettet sich in Stückwerk.
Was ist zu sehen?
Die Bühne ist eine schiefe Ebene, über den immer wieder Sand herunter rieselt. Das Programmheft findet fast schon aufdringlich platte Metaphern, die dem jugendlichen Publikum einen einfachen Anhaltspunkt geben sollen: "Die Welt hängt schief im Lande Brandenburg" und der Sand Brandenburgs "verbindet sich mit dem Schlafsand der Träumer und Nachtwandler auf der Bühne zu einem flüchtigen Untergrund".
Als zentraler Punkt hat man Homburgs Satz „Ist es ein Traum?“ identifiziert, den man als Rechtfertigung dafür nimmt, sich eines zu konkreten Rollenkonzepts durch eine Verortung im Ungefähren und durch vage Andeutungen zu entziehen. Gute Ideen stehen neben banalen und überflüssigen Einfällen.
Fazit: Eine hilflose und unbeholfene Inszenierung, bei der der Regisseur die meisten seiner Figuren bloß stellt und denunziert. Um es dem pädagogischen Zeigefingermoralismus der Karlsruher Inszenierung sprachlich anzupassen: Krieg ist böse. Er macht aus Jungs entindividualiserte Mitläufer und die Mädels leiden unter der Liebesunfähigkeit ihrer Prinzen. Tja, schade drum ....
Nachtrag: Haltungsschäden
Verantwortungslosigkeit ist aktuell in Mode. Der Prinz von Homburg ähnelt in der Hinsicht vielen Zeitgenossen und nicht nur gewissen Politikern (Anmerkung: beispielhaft seien die 21 Toten bei der Love Parade 2010 in Duisburg genannt, für die der Duisburger Oberbürgermeister erst ein Jahr nach dem Unfall sich dazu durchringen konnte, sich zu entschuldigen und die moralische Verantwortung zu übernehmen). Es ist schick, Verantwortung und Schuld abzustreiten, zu lavieren und Ausreden zu suchen - schuld sind immer die anderen. Im Programmheft des Badischen Staatstheaters findet sich diese Einstellung wieder: Das Prinzip Verantwortung wird hier relativiert als Aufgabe von 'persönlichen Ansprüchen', von 'jeder Form von individuellem Streben', von 'Eitelkeit' und 'Exzentrik'. Homburgs Einsicht in die Schuldhaftigkeit seines Handels wird hier zur 'Unterwerfung' und 'Gleichschaltung'. Verantwortungsbewußtsein bedeutet in dieser einseitigen Sicht die Aufgabe von Individualität. Im Programmheft kommen die Anhänger vordergründiger Verhältnisse auf ihre Kosten. Doch diese Umdeutung hat ihre Ursache im Zuschnitt der Inszenierung auf die Zielgruppe Schüler.
PS(1): Wieder einmal gibt es im Schauspiel des Badischen Staatstheaters eine Mogelpackung zu erleiden. Vorab konnte man es bereits ahnen: wenn ein Theaterpädagoge genannt wird, will man Schüler ansprechen - das nicht mehr jugendliche Abo-Schauspielpublikum darf dafür bezahlen, wird aber nicht explizit darauf aufmerksam gemacht oder gewarnt, daß es Jugendtheater gezeigt bekommt. Dafür muß man allerdings nicht ins Staatstheater gehen. Liebes Badisches Staatstheater, Inszenierungen des Jugend-und Schülertheaters oder des Volkstheaters gehören nicht ins normale Abonnement, sondern nur in den freien Verkauf oder in ein spezielles Abo. Wer ins Schauspiel geht, tut das in der Regel nicht, um Amateure oder Jugendproduktionen zu sehen. Zumindest die Abo-Karten Umtauschgebühr könnte man fairerweise in diesem Fall streichen.
PS(2): Der Kleist-Zyklus neigt sich nach einem Jahrzehnt dem Ende zu. Nach Der zerbrochene Krug (Spielzeit 2003/04), Das Käthchen von Heilbronn (2005/06), einer Bühnenfassung von Michael Kohlhaas (2007/08), Penthesilea (2008/09), Herrmannsschlacht und Amphitryon (beide 2011/12) fehlt nur noch Kleists sehr selten gespieltes Erstlingswerk Die Familie Schroffenstein, die höchstwahrscheinlich nicht in absehbarer Weise wiederbelebt wird.
Besetzung und Team:
Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg: André Wagner
Die Kurfürstin: Ute Baggeröhr
Prinzessin Natalie von Oranien: Sophia Löffler
Prinz Friedrich Arthur von Homburg: Matthias Lamp
Obrist Kottwitz: Frank Wiegard
Graf Hohenzollern: Thomas Halle
Bork, Hofkavalier: Michael Brandt
Feldmarschall Dörfling: Timo Tank
Rittmeister von der Golz: Simon Bauer
Graf Truchß, Oberst der Infanterie: Till Bauer
Regie: Martin Nimz
Bühne: Julia Scholz
Kostüme: Ricarda Knödler
Musik: Benedikt Brachtel
Zuvor gab es bei der Premiere von Prinz Friedrich von Homburg wenig Licht, aber viel Schatten. Wer bisher das Schauspiel unter Jan Linders als große Enttäuschung wahrgenommen hat, der wird auch gestern konsterniert nach Hause gegangen sein. Wer danach das Programmheft las, um nach Regiehinweisen zu suchen, der mußte mit weiteren Frustrationen rechnen. Konzipiert ist das Stück für Schüler. Der etwas lang gewordene folgende Text versucht, den verschiedenen Defiziten auf den Grund zu gehen.
Worum geht es?
Was Kleist in persönlicher sowie in historisch-politischer Sicht der Befreiungskriege gegen Napoleon beabsichtigte, ist für heutige Theaterzwecke praktisch wenig interessant. Gerade bei Kleists Prinz Friedrich von Homburg ist es deshalb sinnvoll, die Geschichte vorab außerhalb der speziellen historischen Konstellation zu betrachten:
Ein junger Mann, aus bester Familie, reich, eitel, frisch verlobt und voller Elan, aber an Somnambulismus leidend, mißachtet aus Leichtfertigkeit, Übermut, Unachtsamkeit und Profilierungsdrang die Gesetzeslage und bringt Menschenleben in Gefahr. Er wird verurteilt, sieht seine Schuld jedoch nicht ein, fleht um Gnade und ist schnell bereit, seine Zukunfts- und Ehepläne aufzugeben, nur um der Strafe zu entgehen. Freunde, Kollegen und sogar die enttäuschte Verlobte setzen sich für ihn vehement ein und stellen ein Gnadengesuch. Ihm wird Gnade gewährt unter der Voraussetzung, daß er erkläre, wieso er unschuldig sei. Dabei erkennt der junge Mann, daß er wirklich schuldig geworden ist, daß er zu Recht verurteilt wurde und eine Strafe gerechtfertigt ist. Als er dies erkannt hat und seine Strafe antreten will, wird er begnadigt.
Um die Tragik dieser Geschichte zu verschärfen, erhöht Kleist die Fallhöhe: er nimmt eine historische Situation (ca. 135 Jahre vor dem Entstehungszeitpunkt um 1810), die er unhistorisch-fiktiv behandelt.
- Schauplatz: die Schlacht von Fehrbellin im Jahre 1675
- Situation: ein Krieg zwischen Preußen und Schweden
- Handlung: Der Prinz von Homburg greift entgegen ausdrücklichem Befehl zu früh in die Schlacht von Fehrbellin ein. Er erringt einen Sieg. Die Schlacht ist zwar gewonnen, aber der Gegner nicht entscheidend geschwächt, der Krieg nicht beendet, der durch seine Gehorsamsverweigerung wahrscheinlich verlängert wird. Die Insubordination wird durch die Todesstrafe geahndet. Den kriegserfahrenen Offizier erfasst Todesangst, er fleht um Gnade, er winselt und bittet um das nackte Leben: lieber will er zurückgezogen und isoliert auf seinem Gut leben, lebendig tot sein - dafür verzichtet der Prinz bereitwillig auf seine Liebe und seine Ehepläne. Was kümmert ihn die Braut angesichts des Todes, soll sie doch einen anderen nehmen. (Lange Zeit war diese "Feigheits-Szene" Grund für die Ablehnung des Stückes. Sogar Theodor Fontane bezeichnete Homburg als "eitlen, krankhaften, wahrhaft prätentiösen Waschlappen"). Parallel dazu gerät die Staatsräson in Gefahr: Homburgs Kameraden und seine Verlobte Natalie drängen den Kürfürsten zur Gnade und insistieren auf eine Sonderbehandlung zugunsten des Verurteilten. Doch der Prinz akzeptiert seine Schuld. Als er die Strafe auf sich nehmen will und auf die Hinrichtung wartet, erfährt er von seiner Begnadigung.
Moralische Dilemma - Passt Kleists Stück in unsere Zeit?
Kleists Geschichte ist auf spannende Art vielschichtig und ungewöhnlich deutungsreich, aber für unsere Zeit in verschiedener Hinsicht problematisch:
- Gehorsam um jeden Preis und blinde Gesetzestreue in undemokratischer Zeit können wir heute kaum als Tugend ertragen. Nur oberflächlich betrachtet kann es aktuell noch um Zucht und Ordnung gehen. Wenn der Prinz seine Strafe akzeptiert und beschließt, das Gesetz „durch einen freien Tod“ zu „verherrlichen“, so kann man eventuell die Größe und Tugendhaftigkeit seiner Entscheidung noch erahnen. Doch in diesem Fall taugt sie nicht als Beispiel demokratischen Verantwortlichkeitsverhalten. Die Akzeptanz des Urteils ist allgemein gesprochen ein extremes Beispiel dafür, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.
- Die Relativierung von Schuld führt ebenfalls zu einem moralischen Dilemma. Wie konsequent müssen Gesetze befolgt werden, um nicht zur juristischen Willkür und Bevorteilung besser gestellter Bevölkerungsschichten wie des Adels zu werden? Homburg wird die Strafe nur erlassen, weil er prominente Fürsprecher hat und selber zur Upper Class gehört.
- Für unsere Zeit ungewöhnlich: es geht nicht primär um das Maß der Strafe. Die Todesstrafe mag uns grundsätzlich unmenschlich und zu hart erscheinen - das ist aber nicht Kleists Thema, sondern eine notwendige Maßnahme aus dramaturgischen Gründen: bei Kleist wird ein grundsätzliches Thema in extremer Beispiellage verhandelt. Der Tod ist hier für den Adel das vornehmste Risiko in Kriegszeiten für das größte Gut: "Und der im Leben tausendmal gesiegt, Er wird auch noch im Tod zu siegen wissen".
- Kriegsführung ist in einem demokratischen Rechtsstaat das allerletzte Mittel. Doch die militärische Hülle ist bei Kleist nur oberflächlich betrachtet geeignet für ein anti-militaristisches Tendenzstück, das Befehl und Gehorsam untersucht. Kleists Krieg hat nichts mit moderner Kriegsführung zu tun. Ein wenig muß man immer besorgt sein, daß eine banal moralisierende, also eine sogenannte politisch korrekte Inszenierung davon ausgeht, daß ein Publikum die Handlung historisch nicht einordnen kann und militaristisch so beeindruckt von der Schlußzeile "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs" das Theater verlässt, daß es am liebsten einen Nachbarstaat überfallen würde. Solche Inszenierungen werden dann plakativ Kriegsopfer zeigen müssen. Auch im Karlsruher Programmheft ist man dagegen nicht gefeit: es bläht die historische Auseinandersetzung zum neuzeitlichen "Vernichtungskrieg" auf.
Was wird gezeigt?
Das größte Problem der Inszenierung liegt darin, daß Regisseur Martin Nimz seine Figuren nicht nur nicht ernst nimmt, sondern sie auch noch denunziert. Immer wieder werden Szenen zu einer läppisch-albernen Persiflage, die die Personen bloß stellen sollen. Es ergibt sich kein rundes Ganzes. Vieles bleibt angedeutet und gewinnt keine klare Konturen: bspw. der Charakter Homburgs, die Liebe Natalies und Homburgs oder die im Programmheft dargestellte Dramaturgie. Es ist teilweise erschreckend, wie wenig man aus dem Text zu holen vermag. Man schreit und albert herum, Unsinn steht neben Todernstem, wichtige Szenen werden gekürzt, andere über Maß gedehnt - aber das alles anscheinend willkürlich und ohne tieferen Sinn. Kleists Text ist stark gekürzt, immer wieder wird neuer Text dazu erfunden oder Textfragmente umgestellt bzw. neu positioniert, um den Szenen mit ergänzenden Sätzen die im Sinne des Regisseurs richtige Richtung zu verleihen. Regisseur Martin Nimz ändert den Kleistschen Text dabei auch auf manipulative Weise und erfindet Zusammenhänge, die ursprünglich nicht existieren (Bspw. spricht Homburg bei der Annahme seiner Todesstrafe Sätze mit den Worten Gemeinschaft und Freiheit, die dort im Original gar nicht vorkommen und dem Text eine ganz andere Richtung geben).
Eigentlich lebt Kleists Stück heute von der Ambivalenz der Hauptfigur. Wer ist der Prinz von Homburg: ein Träumer? Ein Dichter? Ein Schwärmer? Oder ein Karierrist? Ein leichtsinniger Draufgänger, gar ein Kriegstraumatisierter oder sogar ein Kriegsverbrecher, der für Ruhm und Ehre über Leichen geht? In der neuen Karlsruher Inszenierung wird Homburg zu einem, "der auszog Kriegszucht und Gehorsam" zu lernen und dabei am Ende des Stücks eine "Marionette", ein "gesetzestreues Werkzeug" und eine "befehlshörige Kampfmaschine" geworden ist. Er wird einseitig zum Opfer der Gesellschaft, die ihn in das Soldatenkorsett presst. Das Staatstheater nennt das zu Recht eine "überraschende Wendung", reduziert sie doch die Persönlichkeit des Prinzen auf einen stereotypen Mitläufer-Charakter. Der Prinz von Homburg - in Karlsruhe eine Figur, die als Klischee konzipiert ist. Nimz lässt Matthias Lamp, den Darsteller des Prinzen, entsprechend agieren. Lamp spielt ihn teilweise so, als ob er sich den französischen Komiker Louis de Funès als Vorbild gewählt hätte; abwechselnd hysterisch, leichtfertig, cholerisch, schreiend, weinend, irr lachend und impulsiv gewalttätig - Der Prinz von Homburg ist hier keine Figur, sondern eine Ansammlung von Klischees und Versatzstücken.
Man erzählt die Geschichte andererseits aus der Perspektive der Prinzessin Natalie als unglücklich endende Liebesgeschichte und Verrat des Prinzen an ihrem Eheversprechen. Natalie -hier die wahrhaft liebende Figur- ist das Opfer der Anpassung des Prinzen an die Erwartungen anderer. In dieser Inszenierung begeht sie Selbstmord. Was Natalie an Homburg findet - es bleibt rätselhaft. Sophia Löffler hat starke Momente, die aber mangels kohärenter Szenen ins Leere laufen.
Nur André Wagner als Kurfürst findet in dieser Inszenierung noch ein eigenes Profil als Mischung aus infantilem Onkel, aufgeklärtem Herrscher und die Staatsräson in den Mittelpunkt stellender Monarch. Ute Baggeröhr steht auf der Bühne, hat aber (wie einige andere auch) keine Rolle, Michael Brandt spielt die überflüssige Rolle des Hofkavaliers als Dummschwätzer und Frank Wiegard spielt seit zwei Spielzeiten im immer gleichen Tonfall, selbst wenn er schreit.
Darstellerisch ist der Abend leider mal wieder eine Enttäuschung. Der Regisseur hat keine Idee, wie er Kleist spannend und packend auf die Bühne bringen soll und rettet sich in Stückwerk.
Was ist zu sehen?
Die Bühne ist eine schiefe Ebene, über den immer wieder Sand herunter rieselt. Das Programmheft findet fast schon aufdringlich platte Metaphern, die dem jugendlichen Publikum einen einfachen Anhaltspunkt geben sollen: "Die Welt hängt schief im Lande Brandenburg" und der Sand Brandenburgs "verbindet sich mit dem Schlafsand der Träumer und Nachtwandler auf der Bühne zu einem flüchtigen Untergrund".
Als zentraler Punkt hat man Homburgs Satz „Ist es ein Traum?“ identifiziert, den man als Rechtfertigung dafür nimmt, sich eines zu konkreten Rollenkonzepts durch eine Verortung im Ungefähren und durch vage Andeutungen zu entziehen. Gute Ideen stehen neben banalen und überflüssigen Einfällen.
Fazit: Eine hilflose und unbeholfene Inszenierung, bei der der Regisseur die meisten seiner Figuren bloß stellt und denunziert. Um es dem pädagogischen Zeigefingermoralismus der Karlsruher Inszenierung sprachlich anzupassen: Krieg ist böse. Er macht aus Jungs entindividualiserte Mitläufer und die Mädels leiden unter der Liebesunfähigkeit ihrer Prinzen. Tja, schade drum ....
Nachtrag: Haltungsschäden
Verantwortungslosigkeit ist aktuell in Mode. Der Prinz von Homburg ähnelt in der Hinsicht vielen Zeitgenossen und nicht nur gewissen Politikern (Anmerkung: beispielhaft seien die 21 Toten bei der Love Parade 2010 in Duisburg genannt, für die der Duisburger Oberbürgermeister erst ein Jahr nach dem Unfall sich dazu durchringen konnte, sich zu entschuldigen und die moralische Verantwortung zu übernehmen). Es ist schick, Verantwortung und Schuld abzustreiten, zu lavieren und Ausreden zu suchen - schuld sind immer die anderen. Im Programmheft des Badischen Staatstheaters findet sich diese Einstellung wieder: Das Prinzip Verantwortung wird hier relativiert als Aufgabe von 'persönlichen Ansprüchen', von 'jeder Form von individuellem Streben', von 'Eitelkeit' und 'Exzentrik'. Homburgs Einsicht in die Schuldhaftigkeit seines Handels wird hier zur 'Unterwerfung' und 'Gleichschaltung'. Verantwortungsbewußtsein bedeutet in dieser einseitigen Sicht die Aufgabe von Individualität. Im Programmheft kommen die Anhänger vordergründiger Verhältnisse auf ihre Kosten. Doch diese Umdeutung hat ihre Ursache im Zuschnitt der Inszenierung auf die Zielgruppe Schüler.
PS(1): Wieder einmal gibt es im Schauspiel des Badischen Staatstheaters eine Mogelpackung zu erleiden. Vorab konnte man es bereits ahnen: wenn ein Theaterpädagoge genannt wird, will man Schüler ansprechen - das nicht mehr jugendliche Abo-Schauspielpublikum darf dafür bezahlen, wird aber nicht explizit darauf aufmerksam gemacht oder gewarnt, daß es Jugendtheater gezeigt bekommt. Dafür muß man allerdings nicht ins Staatstheater gehen. Liebes Badisches Staatstheater, Inszenierungen des Jugend-und Schülertheaters oder des Volkstheaters gehören nicht ins normale Abonnement, sondern nur in den freien Verkauf oder in ein spezielles Abo. Wer ins Schauspiel geht, tut das in der Regel nicht, um Amateure oder Jugendproduktionen zu sehen. Zumindest die Abo-Karten Umtauschgebühr könnte man fairerweise in diesem Fall streichen.
PS(2): Der Kleist-Zyklus neigt sich nach einem Jahrzehnt dem Ende zu. Nach Der zerbrochene Krug (Spielzeit 2003/04), Das Käthchen von Heilbronn (2005/06), einer Bühnenfassung von Michael Kohlhaas (2007/08), Penthesilea (2008/09), Herrmannsschlacht und Amphitryon (beide 2011/12) fehlt nur noch Kleists sehr selten gespieltes Erstlingswerk Die Familie Schroffenstein, die höchstwahrscheinlich nicht in absehbarer Weise wiederbelebt wird.
Besetzung und Team:
Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg: André Wagner
Die Kurfürstin: Ute Baggeröhr
Prinzessin Natalie von Oranien: Sophia Löffler
Prinz Friedrich Arthur von Homburg: Matthias Lamp
Obrist Kottwitz: Frank Wiegard
Graf Hohenzollern: Thomas Halle
Bork, Hofkavalier: Michael Brandt
Feldmarschall Dörfling: Timo Tank
Rittmeister von der Golz: Simon Bauer
Graf Truchß, Oberst der Infanterie: Till Bauer
Regie: Martin Nimz
Bühne: Julia Scholz
Kostüme: Ricarda Knödler
Musik: Benedikt Brachtel
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